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Leonie Kramer

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Beschreibung

Training für Hirn und Lachmuskeln – ein vertrackter Fall lässt Kommissar Wallenstein rätseln ...

Ein Cold Case in Madlfing! Bei Renovierungsarbeiten im Gasthof »Zum Lindenwirt« wird ein Skelett gefunden. Die Hoffnung von Kommissar Wallenstein, es handle sich um einen archäologischen Fund, zerschlägt sich schnell: Der Tote trägt Turnschuhe an den Füßen. Ist das etwa Mathias Neuner, der vor fast 40 Jahren spurlos verschwand und dessen neumodische Ideen damals gewaltig Wirbel verursachten? Die Indizien sind alles andere als eindeutig, außerdem scheint irgendjemand die Ermittlungen mit aller Macht zu sabotieren. Denn noch während der Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub sich freudig auf das Rätsel um die Leiche im Gasthof stürzt, gibt es plötzlich einen neuen, ebenfalls mehr als verdächtigen Todesfall …

Nicht verpassen – Kommissar Wallenstein und der Handarbeitsclub ermitteln wieder im Blauen Land!

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Ein Cold Case in Madlfing! Bei Renovierungsarbeiten im Gasthof »Zum Lindenwirt« wird ein Skelett gefunden. Die Hoffnung von Kommissar Wallenstein, es handle sich um einen archäologischen Fund, zerschlägt sich schnell: Der Tote trägt Turnschuhe an den Füßen. Ist das etwa Mathias Neuner, der vor fast 40 Jahren spurlos verschwand und dessen neumodische Ideen damals gewaltig Wirbel verursachten? Die Indizien sind alles andere als eindeutig, außerdem scheint irgendjemand die Ermittlungen mit aller Macht zu sabotieren. Denn noch während der Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub sich freudig auf das Rätsel um die Leiche im Gasthof stürzt, gibt es plötzlich einen neuen, ebenfalls mehr als verdächtigen Todesfall …

Autorin

Leonie Kramer wuchs am Fuß des Wettersteingebirges auf. Alles Wichtige – wie Stricken oder Geschichtenerzählen – brachte ihr ihre Großmutter bei. Sie studierte Volkskunde, arbeitete als Hutmacherin und ist heute Restauratorin und Expertin für ausgefallene Handarbeitstechniken. Mit ihrer Familie wohnt sie in der Nähe von München, träumt jedoch von einem Schreibtisch mit Bergblick im Blauen Land. Leonie Kramer ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin.

Weitere Informationen unter: www.madlfing.deVon Leonie Kramer bereits erschienenMaschenmord · Wollwut

LEONIE KRAMER

ZWIRNTOD

Der Handarbeitsclub ermittelt

Alle Rechte für die Anleitungen der Fanloferl bei Marion von Gratkowski, www.landsach.de * Wiesenstr. 14 * D-86869 Oberostendorf * E-Mail: [email protected].

Die Anleitungen sind im Buch Das große Wadlstrumpf- & Loferlbuch enthalten. Das Buch kann unter ISBN 978 – 3 – 7543 – 1957 – 4 im Buchhandel und auch direkt bei der Autorin auf www.landsach.de erworben werden. Wir danken Marion von Gratkowski sehr für die freundliche Abdruckgenehmigung.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2024 by Leonie Kramer

Copyright deutsche Erstausgabe © 2024 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Redaktion: René Stein

Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de

BSt · Herstellung: DiMo

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-31978-6V003

www.blanvalet.de

Übersicht

Inhaltsverzeichnis

EIN VIELFÄDIGER SONNTAG IM OKTOBER

1. Faden

2. Faden

EIN ÜBERDREHTER MONTAG

3. Faden

4. Faden

5. Faden

6. Faden

7. Faden

8. Faden

9. Faden

10. Faden

EIN VERWORRENER DIENSTAG IM OKTOBER

11. Faden

12. Faden

13. Faden

14. Faden

15. Faden

16. Faden

17. Faden

EIN ZERFASERTER MITTWOCH IM OKTOBER

18. Faden

19. Faden

20. Faden

21. Faden

22. Faden

23. Faden

24. Faden

25. Faden

26. Faden

27. Faden

28. Faden

29. Faden

EIN LOSER DONNERSTAG IM OKTOBER

30. Faden

31. Faden

32. Faden

33. Faden

34. Faden

35. Faden

36. Faden

37. Faden

EIN VERZWIRNTER FREITAG IM OKTOBER

38. Faden

39. Faden

40. Faden

EIN VERHASPELTER SAMSTAG IM OKTOBER

41. Faden

42. Faden

43. Faden

EINE HANDARBEITSREICHE WOCHE SPÄTER

44. Faden

45. Faden

46. Faden

Danke

Wadlstrümpfe für bayerische Fussballfans

Material:

Anleitung:

Zusätzliche Anleitungen:

Das Bubblemuster

Lettische Borte

Strickschrift Gitterwanzen

Weiß-blaue Wadlstrümpfe

Strickschrift Tausendfüßler

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Für meine Mama, die gerne strickt, patchworkt und mir munterbunte Dirndl näht.

EIN VIELFÄDIGER SONNTAG IM OKTOBER

1. Faden

Nicht nur in Märchen, sondern auch in Krimis wird gesponnen.

Tim Wallenstein stand am Parkplatz und blickte auf den spiegelglatten Staffelsee. Obwohl es noch angenehm warm war und das Abendlicht golden glänzte, roch die Luft auffallend nach Moos und feuchter Erde. Irgendwie schon nach Zersetzung und Vergänglichkeit. Die Madlfinger trugen jedoch beharrlich T-Shirts, kurze Hosen, luftige Kleider und Sandalen. Selbst die Bäume hatten bisher kaum Blätter verloren und doch war längst Herbst. Jeden Morgen lag Nebel wie ein feuchtes Leichentuch über den Wiesen und feine Spinnfäden flogen durch die Luft oder glitzerten silbrig zwischen Grashalmen und Zweigen. Auch die Nächte waren bereits kühl. Wallenstein wollte sich gar nicht vorstellen, was die fortgeschrittene Jahreszeit für die Wassertemperatur des Sees bedeutete.

An der Seite seiner ehemaligen SEK-Kollegen Arne, Kevin, Leon und Marcel lief er zum Ufer und sehnte sich jetzt schon nach den langen und lauen Sommerabenden zurück. In der Natur jedoch folgten Leben und Sterben einem festen Rhythmus. Ohne Angst oder Bedauern.

Klagten Libellen etwa über ihr Schicksal? Schließlich würden nur ihre Larven und Eier die Winterkälte überstehen. Sorgte sich ein Igel, ob die angefressenen Fettreserven bis zum nächsten Frühjahr reichen und er wieder aufwachen würde? Oder hatten Tiere und Pflanzen wirklich keinerlei Vorstellung von ihrer Endlichkeit?

Wallenstein bückte sich nach einem leeren Schneckenhaus und wunderte sich über seine schwermütigen Gedanken. An seinem Job konnte es nicht liegen. Obwohl er bei der Kripo war, hatte er zurzeit nichts mit dem Tod zu tun. Stattdessen saß er die meiste Zeit am Schreibtisch und wälzte Akten zu Autodiebstählen. Luxuskarossen verschwanden spurlos aus Tiefgaragen, Einfahrten oder von öffentlichen Parkplätzen. Für die gut versicherten Eigentümer war der Verlust zu verschmerzen. Sie interessierten sich nicht für die Aufklärung, sondern sorgten für schnellen Ersatz. Der Strafverfolgung tat das keinen Abbruch, da kannte Ulrike Weide, die zuständige Staatsanwältin, keine Nachsicht. Wallenstein jedoch wusste, wie schwer es war, gegen die hoch spezialisierten Banden einen Ermittlungserfolg zu erzielen. Bis der Verlust des Wagens bemerkt wurde, war er entweder schon in seine Einzelteile zerlegt, umlackiert oder auf dem Weg nach Osteuropa.

»Wo bleibst du, Chef?«, rief Wallensteins bester Freund Arne und winkte mit seinem gestreiften Badetuch. »Wir haben nicht ewig Zeit. Ausziehen, rein ins Wasser, Staub abwaschen und sofort wieder raus. Ich will Helga nicht warten lassen. Wenn sie kocht, mag sie das gar nicht.«

So viel zur Frage, wer hier der Chef war. Für Helga, die Liebe seines Lebens, würde Arne alles tun. Er las ihr sprichwörtlich jeden Wunsch von den Augen ab. Sie zum Lachen zu bringen, war seine neue Lebensaufgabe.

Wallenstein legte das Schneckenhaus zurück. Vielleicht würde es einem anderen Tier als Heimat dienen, wenn er schon selbst keine hatte. Seit Arne nach nur einer Urlaubswoche in Madlfing den Polizeidienst quittiert und die örtliche Gaststätte gepachtet hatte, den renovierungsbedürftigen Lindenwirt, schlief Wallenstein dort in einem spartanisch möblierten Gästezimmer. Wohnen konnte man es nicht nennen. Zwei Stockbetten mit durchgelegenen Matratzen, ein Stuhl, vier Wandhaken und ein Waschbecken mit kaputtem Spiegel. Wenigstens waren die alten Vorhänge und die Wolldecken frisch gewaschen. Die Ferienwohnung in Murnau hatte er gekündigt und seine Habseligkeiten in einem weiteren Gästezimmer untergebracht.

In jeder freien Minute, nach Dienstschluss und an den Wochenenden half er bei der Renovierung des historischen Gasthofs. Um Geld zu sparen, wollte Arne möglichst viel in Eigenleistung erbringen. Zum Glück war die Schussverletzung, die Wallenstein sich vor zwei Monaten im Dienst zugezogen hatte, komplikationslos verheilt, seine Schulter wieder voll belastbar. Bei Arnes ambitioniertem Zeitplan war das auch dringend nötig. Er hatte die Wiedereröffnung des Lindenwirts für Weihnachten angekündigt und nahm bereits Reservierungen für die Silvesterparty an. Außerdem wollte er dabei sein eigenes Bier ausschenken. Sein Optimismus war wie immer grenzenlos, und Wallenstein verkniff sich Bedenken wie Lieferengpässe, die ungeklärte Finanzierung, fehlendes Fachwissen oder Handwerkerknappheit. Nur zu zweit waren sie jedoch schon mit den Aufräumarbeiten komplett überfordert, vor allem, weil Wallenstein Vollzeit arbeitete. Deshalb hatten Kevin, Marcel und Leon ihre Unterstützung angeboten und opferten dafür sogar zwei Urlaubswochen. Erst danach würden die Handwerker anrücken. Obwohl die drei jungen Männer erst am Vormittag aus Köln angereist waren, hatten sie heute einiges geschafft. Zusammen hatten sie alte PVC-Böden rausgerissen und die darunter liegenden alten Eichendielen abgeschliffen. Nach der Plackerei wäre Wallenstein eine warme Dusche bedeutend lieber gewesen als ein Bad im See. Aber da die Heizung kaputt war, gab es im Gasthof kein heißes Wasser, und Arne hatte kurzerhand entschieden, die notwendige Körperhygiene ins Freie zu verlegen.

Wallenstein schlenderte über die leere Liegewiese und ließ seinen Blick schweifen. Auch hier waren die Heiterkeit und Hitze des Sommers verflogen. Dafür hatte sich eine Schar Raben im Gras niedergelassen und marschierte geschäftig umher. Die Sonne stand tief über dem Wasser und blendete ihn. Das Strahlen war überirdisch. Ungläubig blinzelte er, aber die Szene, die er im ersten Moment für eine optische Täuschung gehalten hatte, blieb unverändert. Ihm war, als würde sich eine kalte Hand in seinen Nacken legen und dann langsam Wirbel für Wirbel nach unten gleiten. Fröstelnd blieb er zurück und starrte drei in Tücher gehüllte Frauen an, die etwa 50 Meter entfernt standen und ihnen den Rücken zuwandten. Durch das Gegenlicht hoben sich ihre Silhouetten dunkel wie Scherenschnitte von der Landschaft ab und erinnerten Wallenstein an die Illustration eines Märchenbuches.

Reglos beobachtete er ihr Tun. In den Händen hielten die Frauen eine Schere, eine Spindel und auf einen Stab gewickelte Fasern. Daraus zog die mittlere einen hauchdünnen Faden, fast so fein wie die Spinnenfäden, die zurzeit durch die Luft flogen. Die Bewegungen waren ruhig und fließend. Eigentlich friedlich. Und doch unheilvoll.

Als Arne nackt zum Wasser rannte, gefolgt von Kevin, Marcel und Leon, ebenfalls unbekleidet, riss der dünne Faden. Wallenstein sah, wie er noch kurz in der Luft schwebte und dann absank. Er erinnerte sich an zwei Sätze, die Ariadne Schäfer kurz nach dem Mord in ihrem Wollladen gesagt hatte: »Wie schnell ein Lebensfaden reißt. Unsere Schicksale sind zarte, ineinander verwobene Gespinste.«

Ihm war, als hätte er gerade einen besonders schicksalsschweren Moment beobachtet. Die grundlose Traurigkeit, die ihn seit Wochen begleitete, nahm noch mehr Raum ein und er atmete mit einem tiefen Seufzer aus. Seine Freunde hingegen stürzten sich mit lautem Kampfgeschrei in die Fluten, prusteten und bespritzten sich gegenseitig. Wallenstein riss sich von dem Anblick los und ging zum Steg. Anders als seine Freunde trug er unter der Jeans eine Badehose. Er zog sich aus, nahm Anlauf und hechtete ins Wasser, sonst würde er sich nicht überwinden können.

»Immer elegant und korrekt gekleidet, der Herr Kommissar«, brüllte Kevin und kraulte auf ihn zu, um ihn kurz nach dem Auftauchen wieder unter Wasser zu drücken. Das ließ sich Wallenstein nicht gefallen, tauchte und packte den jungen Kollegen an den Füßen. Begeistert beteiligten sich Arne, Marcel und Leon an der Wasserschlacht.

»Übrigens sollen wir dir einen schönen Gruß von deiner Lieblingspsychologin Mia Alt ausrichten«, rief Leon dem Kommissar zu. »Du sollst dich mal bei ihr melden.«

Wallenstein tat so, als hätte er Wasser in den Ohren und könnte nichts hören.

»Ich würde sagen, die Alte steht ziemlich auf dich«, legte Kevin nach. »Vielleicht sollte Arne sie auch nach Madlfing einladen. Sie wäre bestimmt zu jeglicher psychischen wie physischen Analyse bereit.«

Marcel lachte. »Ich sag nur, Weihnachtsfeier …«

Wallenstein reichte es, er kraulte auf den See hinaus. Er erinnerte sich nicht gerne daran, wie er die Polizeipsychologin nach einer Nacht in seinem Bett ausgenutzt hatte, ihn diensttauglich zu schreiben. Die Frau konnte sich nach der feuchtfröhlichen Feier an nichts erinnern, und er hatte ihr nie erzählt, dass er ihr zwar die Schuhe und die vollgekotzten Sachen ausgezogen, tatsächlich aber auf der Couch geschlafen hatte.

Die anderen setzten ihm sofort nach, konnten ihn aber nicht mehr einholen. Als sie endlich ans Ufer zurückkamen, war dort niemand mehr.

Schnell trockneten sich die Männer ab, zogen sich um beziehungsweise an und drängten sich, wie früher im Einsatzfahrzeug, auf die Rückbank von Arnes VW-Bus. Aus Leons schwarzen Locken tropfte Wasser.

»Kannst du dir nicht mal die Haare schneiden? Du machst hier alles nass«, beschwerte sich Kevin. Sein militärischer Fünf-Millimeter-Kurzhaarschnitt war längst trocken.

Demonstrativ schüttelte Leon den Kopf. Jetzt war wirklich alles nass.

»Du bist echt schlimmer als ein Hund.«

»Ich rieche besser.«

Kevin warf Leon ein Handtuch über den Kopf, nahm ihn in den Schwitzkasten und frottierte ihn kräftig ab. Was der andere sich natürlich nicht ohne Gegenwehr gefallen ließ.

Wallenstein hielt sich raus, freute sich jedoch über die unbedarfte Heiterkeit seiner Freunde. Während Arne fuhr, starrte er aus dem Fenster und überlegte, ob er die mysteriösen Gestalten am See wirklich gesehen oder sich nur eingebildet hatte. Fragen wollte er die anderen nicht. Das hatte er sich abgewöhnt, weil er wusste, dass seine Wahrnehmung von der Norm abwich. Als Kind war er deswegen oft ausgelacht worden. Sein Vater war sogar von einer Behinderung ausgegangen und hatte die konsultierten Ärzte zu einer medikamentösen Behandlung gedrängt. Die Diagnose Synästhesie hatte er nie akzeptiert, sondern war überzeugt, sein einziger Sohn sei nicht ganz richtig im Kopf. Aber auch, wenn Wallenstein Farben schmecken oder hören konnte, war er von Visionen bisher verschont geblieben.

Arne drückte zweimal kurz auf die Hupe und hielt auf dem Dorfplatz, mitten im Parkverbot. Genau zwischen der uralten, zentral stehenden Linde und dem Gasthof. Marcel deutete auf das Verkehrsschild.

Grinsend zog Arne den Schlüssel ab. »Für die Umbauphase hab ich eine inoffizielle Sondergenehmigung unserer Dorfgendarmin. Solange die Baucontainer hinter dem Haus stehen und den Hof blockieren, drückt die Lissi ein Auge zu.« Er sprang aus dem Bus. »Schatzi. Wir sind da!«

Wallensteins Magen knurrte in freudiger Erwartung, die Gaststube war jedoch leer. Es stand weder das Essen bereit, noch war überhaupt der Tisch gedeckt. Sichtlich besorgt griff Arne zum Telefon.

Wallenstein und seine Freunde warteten und hängten in der Zwischenzeit die Handtücher zum Trocknen über die Stuhllehnen.

»Helga hat sich hingelegt. Sie fühlt sich etwas blümerant und meint, es läge an meinen Buletten von gestern. Aber Hackfleisch hält sich im Kühlschrank locker zwei Tage.«

Diese optimistische Schätzung wagte Wallenstein zu bezweifeln, hielt sich jedoch mit einem Kommentar zurück. Als zukünftiger Wirt musste Arne noch einiges über Lebensmittelsicherheit lernen, aber dafür würden die Metzgereifachverkäuferin Helga und das Gesundheitsamt bestimmt sorgen.

»Ich denke eher, sie brütet was aus. Ich gehe jetzt schnell zu ihr rüber, koche ihr eine Tasse Kamillentee und übernehme die Kombüse. Der Kartoffelsalat ist fertig, ich muss nur noch die Schnitzel in die Pfanne hauen. In spätestens 20 Minuten bin ich zurück. Ihr könnt in der Zwischenzeit schon mal für die Getränke sorgen. Tim weiß, wo das Bier lagert.«

Wallenstein übernahm die Rolle des Gastgebers. Gekonnt schenkte er drei Weißbiere ein und öffnete sich selbst eine Flasche Helles. Kevin, Marcel und Leon machten es sich in der Gaststube gemütlich. Wallenstein ging noch mal raus, setzte sich auf die Bank unter der Linde und blickte zu Ariadnes Haus, in dem sich auch der legendäre Wollladen des Ortes befand. Alle Fenster waren dunkel. Seit über zwei Monaten weilte sie schon bei ihrer isländischen Großmutter Hildur. Zum Glück hatte die alte Dame, wie anfangs befürchtet, keinen Schlaganfall erlitten, sondern sich bei einem Treppensturz beide Handgelenke gebrochen und war auf Unterstützung im Haushalt angewiesen. Inzwischen ging es ihr allerdings wieder gut, und Ariadne half die meiste Zeit Rodrigo, einem spanischen Biologen, der auf Grimsey über Papageientaucher forschte. Inzwischen hatten jedoch auch die putzigen Vögel ihre Brutplätze verlassen und waren wieder aufs Meer hinausgeflogen. Wallenstein fragte sich, warum Ariadne es nicht genauso machte und zurückkam. Er drückte die Kurzwahltaste mit ihrer Handynummer und nahm sich vor, sie heute danach zu fragen.

Erst jedoch würde er ihr von den Gestalten am Ufer des Staffelsees erzählen. Sie war die Einzige, die ihn nicht sofort für verrückt halten würde.

2. Faden

Die Menschheit spinnt schon sehr lange.

Ariadne warf einen schnellen Blick auf ihr vibrierendes Handy. Tim. Sie schaltete den Bildschirm ihres Rechners aus, verließ das warme Wohnzimmer und ging vor die Tür. Obwohl weder Rodrigo noch Hildur Deutsch verstanden, wollte sie lieber ungestört telefonieren. Ihrer Großmutter würden ihre Gesichtszüge und nonverbalen Reaktionen reichen, sie zu durchschauen. Und ihre Gefühle gab Ariadne nicht gerne preis. Wie auch anderes nicht.

Wenn Hildur nach dem Grund der täglichen Anrufe fragte, behauptete sie immer, es ginge um ihren Laden.

»Heute so früh am Abend, Herr Kommissar. Was gibt’s Neues in Madlfing?«

»Die griechischen Schicksalsgöttinnen haben den Olymp verlassen und sich an das Ufer des Staffelsees begeben«, antwortete er sachlich.

Ariadne lehnte sich gegen die ochsenblutrot gestrichene Holzwand des Hauses. Es war bereits finster. Die Tage waren inzwischen kurz und würden noch wesentlich kürzer werden. Um Weihnachten war es am dunkelsten, nur dreieinhalb Stunden Tageslicht, nicht hell, sondern nur dämmerig. »Sprichst du von den Moiren: Klotho, Lachesis und Atropos? Hast du sie gesehen?«

»Ja, vor einer halben Stunde. Sie waren in lange Gewänder gehüllt und blickten zum Horizont. Dorthin, wo Himmel und Wasser ineinanderflossen. Soweit ich es bei der untergehenden Sonne erkennen konnte, hielt die erste einen Stock mit Wollfasern und die zweite eine Spindel. Die dritte hatte eine Schere oder ein Messer in der Hand.«

»Hast du sie angesprochen?«

»Ihre Konzentration stören? Auf die Idee bin ich nicht gekommen. Sie waren völlig selbstvergessen und aus der Zeit gefallen. Nur den dünnen Faden hätte ich gerne berührt.«

Ariadne lächelte. Sie mochte Wallensteins Zurückhaltung, seine genaue Beobachtungsgabe und vor allem seinen Sinn für Humor. Die Telefonate mit ihm waren immer unterhaltsam. »Wahrscheinlich besser so. Wer will schon wissen, was die Frauen vom See zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sagen hätten? Wobei sie für dich als Kommissar bei Ermittlungen eine interessante Quelle sein könnten. Schließlich lenken sie die Schicksale von Menschen und Göttern.«

»Aber warum machen sie das ausgerechnet in Madlfing?« Den Ortsnamen sprach er betont langsam.

Ariadne blickte in die Dunkelheit. Das Meer toste. Der kalte Wind zerrte an ihren offenen Haaren, und sie würde vor dem Zubettgehen wieder ewig brauchen, sie zu entwirren. Irgendwo dort in der Ferne kuschelte sich der kleine gemütliche Ort zwischen sanften Hügeln ein. Der Winter war dort nicht so lange und nicht so dunkel wie hier am Polarkreis.

»Das wundert mich gar nicht«, entgegnete die halbe Madlfingerin trotzig. Seit sie den Kurzwarenladen ihrer Tante Afra geerbt und modernisiert hatte, war sie sowohl in Oberbayern als auch auf Island zu Hause. Oder je nach Sichtweise, zerrissen zwischen beiden Welten. »Soweit ich mich erinnern kann, können die Moiren überall auftauchen. Auf dem Olymp, im Hades oder eben im Alpenvorland. Hat mein Vater wenigstens behauptet, und als Literaturwissenschaftler kennt er sich mit alten Geschichten aus. In der Mythologie gibt es ja einige spinnende Frauen. Schick mir ein Foto. Dann können wir vielleicht erkennen, mit wem wir es zu tun haben. Römische Parzen, griechische Moiren oder vielleicht sogar nordische Nornen.«

»Ich habe leider keines gemacht.«

»Keine Beweise? Sehr schade. Aber egal, entscheidend ist, dass der Lebensfaden nicht reißt oder die Frauen ihn durchschneiden.«

Er zögerte. »Ist leider schon passiert.«

»Dann hoffen wir, dass es keine Konsequenzen haben wird. Sonst hast du bald wieder Arbeit.« Was als Witz gemeint war, kam nicht als solcher an. Wallenstein lachte nicht, er schwieg. Ariadne verdrehte die Augen. Ihr reichte schon, dass ihre Großmutter Vorahnungen hatte und in jedem abstürzenden Papageientaucher oder strandenden Wal ein Omen sah. Jetzt fing Tim Wallenstein auch noch damit an. Sie konnte seine Unruhe über 3000 Kilometer weit spüren. Sein Gesprächsaufhänger war kein Scherz.

»MITKOMMEN! ESSEN!«, brüllte jemand in die Gesprächspause. Ganz klar Arne. Dem Lärmpegel nach folgte Wallenstein seinem Freund in die Gaststube des Lindenwirtes. Ariadne hörte Männerstimmen, Satzfetzen, Lachen.

»Quatschst du schon wieder mit unserer Wikingerprinzessin?« Plötzlich Geraschel, dann war Arne dran. Offensichtlich hatte er Wallenstein einfach das Handy aus der Hand genommen. »Du würdest staunen, wie viel wir heute geschafft haben. Mit Kevin, Leon und Marcel geht es schnell und rustikal zur Sache. SEK eben. Stuckdecken kannst mit den Jungs nicht machen, aber grobe Arbeiten haben sie voll drauf. Morgen graben sie die Grube für den Braukessel. Prost, die Herren.« Gläser klirrten. »Wird Zeit, dass du deine Segel auf Heimatkurs setzt. Sonst versäumst du mein erstes selbst gebrautes Bier und Tim wird trübsinnig. Immer, wenn er mit dir telefoniert, hat er so einen traurigen Hundeblick. Wer will mich, wer streichelt mich, wer gibt mir ein Leckerli? Du weißt schon. Er sammelt sogar schon leere Schneckenhäuser. Beeil dich lieber, sonst dreht er noch vollends durch.«

Erst wurde es lauter, dann ruhiger. Anscheinend hatte sich Wallenstein sein Handy zurückgeholt und war auf den Flur gegangen.

»Arne übertreibt, wie immer. Aber über deine Rückkehr würde ich mich tatsächlich freuen.«

Ariadne atmete die eisige Luft ein. Das war genau das, vor dem sie sich fürchtete. Sie wollte Tims Erwartungen nicht enttäuschen, bekam das mit Beziehungen aber nicht hin. Sie war keine Frau für feste Bindungen.

Sie blieb ihm eine Antwort oder Erwiderung schuldig. Und genau das wollte sie nicht mehr. Sich schuldig fühlen.

»Wenn du nicht kommst, werden die Schnitzel kalt, Chef«, beschwerte sich Arne aus dem Hintergrund.

Beim Wort Schnitzel kniff Ariadne die Augen zusammen und erinnerte sich an Arnes freche Behauptung, dass Wallenstein mit seinen selbst gemachten Schnitzeln noch jede Frau ins Bett bekommen habe. Er mutmaßte, dass Wallenstein irgendeine Geheimzutat in die Panade mischte. Beinahe wäre sie in den Genuss des sagenhaften Gerichts gekommen, Tim hatte sogar schon alles eingekauft. Aber dann war sie überstürzt nach Reykjavik geflogen und die Einladung war geplatzt. Wäre schon interessant gewesen. Ihr Gefühl jedoch sagte ihr, dass Tim kein Mann für eine Nacht war. Anders als sie suchte er keine Freiheit, sondern Stabilität und eine feste Beziehung. Wahrscheinlich war es gut, dass sie damals abreisen musste.

»Guten Appetit. Grüß mir deine Truppe und Madlfing. Und streichle Jola.«

»Dein Stubentiger beißt mir höchstens in die Hand.«

Sie konnte seine Enttäuschung spüren und legte auf, bevor sie etwas sagte, was sie später bereuen würde. Warum war es immer kompliziert? Sie konnte sich nicht ewig bei ihrer Großmutter verstecken. Es wurde Zeit, dass sie eine Entscheidung traf.

EIN ÜBERDREHTER MONTAG

3. Faden

Es gibt Spinner und Spinnerinnen.

Obwohl Wallenstein lange vor seinen Freunden schlafen gegangen war, wachte er am Morgen völlig gerädert auf und schlich aus dem Zimmer. Seine Mitbewohner waren in der Nacht wesentlich weniger leise in ihre Betten gefallen. Zuvor war Marcel nämlich über Leons Reisetasche gestolpert und mit voller Wucht auf Wallenstein gelandet. An Tiefschlaf war danach nicht mehr zu denken. Vor allem, weil Kevin dank eines weit zurückliegenden Nasenbeinbruchs wie ein Ochse schnarchte.

Er warf einen Blick auf sein Handy. SMS von Ariadne. Empfangen um 1.33 Uhr. Da war er schon längst im Bett gewesen. Die Frauen am See waren keine griechischen Schicksalsbotinnen, sondern Irmingard, Pauline und Sarah und die antiken Gewänder waren gewöhnliche Wolldecken. Die drei oberbayerischen Moiren haben an einem Online-Kurs für alte Spinntechniken teilgenommen und üben. Daher reißt ihnen noch relativ oft der Faden. Mach dir keine Sorgen und schlaf gut.

Halluzinationen hatte er also nicht gehabt. Erleichtert ging er zum Etagenbad am Ende des Flurs, duschte eiskalt, rasierte sich und putzte sich die Zähne.

Spinnende Frauen, schnarchende Männer. »Womit habe ich das verdient?«, fragte er sein Spiegelbild und knöpfte sein Hemd zu. Natürlich war ihm klar, dass er selbst an der Wohnmisere schuld war, schließlich war er aus freien Stücken in den Lindenwirt gezogen. Zum einen wollte er damit Arne helfen, zum anderen suchte er Ariadnes Nähe. So viel zu Wunsch und Wirklichkeit.

»Läuft wie am Schnürchen«, murmelte er, polierte seine braunen Anzugschuhe und verließ das Haus. Arne saß vermutlich gerade ganz gemütlich bei Helga am Frühstückstisch und Ariadne war Tausende Kilometer entfernt.

Wallenstein blickte in den azurblauen Himmel. Wenigstens das Wetter war schön und er konnte mit offenem Verdeck fahren. Vorher musste er jedoch in die Bäckerei.

»Guten Morgen, Herr Kommissar«, grüßte die Verkäuferin Maria Süß. Ihre gelbe Haarschleife strahlte mit der Sonne um die Wette.

»Zehn Nusshörnchen, bitte.«

Sorgfältig verpackte sie das legendäre Backwerk, das weit über die Grenzen Madlfings bekannt war. »Versüßen Sie den Kollegen mal wieder den Montag?«

Wallenstein nickte knapp. »Und für mich eine Butterbreze.«

»Einen Kaffee dazu?«

Abwehrend hob er beide Hände. Auch wenn er sich nach einer Morgendosis Koffein sehnte, würde er dieses Risiko kein zweites Mal eingehen. Das schwarze Gebräu dickte wahrscheinlich schon seit Freitag auf der Warmhalteplatte ein und konnte inzwischen problemlos im Straßenbau eingesetzt werden. Seit Ariadne weg war, war seine Madlfinger Kaffeeversorgung vollends eingebrochen. Ohne sie hatte er keinen Grund, den Wollladen zu besuchen und sich dort einen Espresso brühen zu lassen. Seine eigene Kaffeemaschine hingegen lagerte immer noch originalverpackt neben seinen Umzugskartons.

»Ich hab schon gehört, dass Sie jetzt Verstärkung vom SEK haben.« Sichtlich unzufrieden mit seiner Einsilbigkeit, beugte Maria Süß sich über die Theke und flüsterte: »Sie müssen da ja an einer ganz großen Sache dran sein. Planen Sie einen spektakulären Zugriff?«

Auch wenn die Bäckereiverkäuferin das Krimivokabular des Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclubs nutzte, kurz MKHC, war sie wie immer nur halb informiert und verdrehte die Dinge. Dass Kevin, Marcel und Leon aktive SEK-Mitglieder waren, stimmte zwar, aber dass sie nur beim Umbau halfen und Urlaub hatten, hatte Maria Süß noch nicht mitbekommen.

Wallenstein wollte zahlen und hielt seinen Geldbeutel hoch. Die Bäckereiverkäuferin ignorierte seinen Wunsch. Das war der Kommissar inzwischen gewohnt. In Madlfing ließ man sich nicht hetzen.

»Und sagen’S der Lissi, dass sie aufhören soll, jedem im Dorf einen Strafzettel zu verpassen. Am Freitag, da hat sie mich beim Ausliefern gestoppt …«, sie kramte in einer Schublade, »… Ladung nicht verkehrssicher verstaut. Soll ich denn die Brezen einzeln anschnallen? 35 Euro Strafe will sie. Die spinnt doch komplett.«

Wallenstein legte 30 Euro auf die Theke und schloss hinter sich kommentarlos die Ladentüre. Zum einen war er nicht Lissis Vorgesetzter, zum anderen wollte er Frau Süß’ Beamtenbeleidigung nicht gehört haben.

Auf dem Weg zu seinem alten BMW-Cabrio begegnete er Toni, dem Sohn seiner Kollegin Lissi Wagner, zum ersten Mal als Schulkind. Auf seinem Ranzen, der für seinen schmalen Rücken viel zu groß war, flogen Raumschiffe zu Abenteuern in fernen Galaxien. Gerade aber kickte der Junge lustlos eine Kastanie vor sich her. Wallenstein wunderte sich. Schließlich hatte Toni es kaum erwarten können, endlich eingeschult zu werden. Er wollte zu den Großen gehören und endlich lesen und schreiben lernen.

»Morgen, Toni. Wie läuft’s in der Schule?«

Der Junge blickte kurz auf. »Hab ich mir besser vorgestellt.«

Wallenstein verkniff sich einen aufmunternden Satz wie: wird schon, gewöhnst dich bestimmt dran oder Ähnliches. Er konnte derartige Floskeln selbst nicht leiden. »Schreit dein kleiner Bruder immer noch so viel?«, wechselte er das Thema.

»Ja. Nicht mal die Mama hält es noch aus. Sie arbeitet jetzt mehr. Und die Oma und der Papa kümmern sich um uns.«

Uns klang nicht so ganz überzeugend. Toni hatte neben dem Schreikind Felix noch zwei Schwestern. Theresa war zwei Jahre älter und Eva zwei Jahre jünger.

»Vor allem um den Felix«, ergänzte er und schoss die Kastanie gegen das Lottoschild des Schreibwarenladens, das wie immer einen Millionenjackpot ankündigte. »Das ganze Leben ist eine Enttäuschung.«

Diese abgeklärte, nüchterne Feststellung traf Wallenstein, auch wenn sie ehrlicherweise sein eigenes Empfinden wiedergab. Auf die Gefahr hin, dem Buben zuzustimmen, hielt er ihm wortlos die Bäckereitüte hin. Toni griff zu. Zwei Nusshörnchen, in jeder Hand eines. So stapfte er weiter. Wallenstein freute sich über sein spitzbübisches Grinsen und sein leises »Danke«.

Kurz hinter dem Madlfinger Ortsschild überholte er Tonis Mutter, verbissen trat sie in die Pedale. Lissi Wagner radelte in Polizeiuniform und das mobile Radargerät im Fahrradanhänger war nicht gerade leicht.

»Gutes Blitzen«, rief er ihr zu.

Sie winkte.

Auch wenn Lissis Arbeitseifer ordentlich Bußgelder in die Staatskasse spülte, wünschte der Kommissar ihr und den Madlfinger Verkehrsteilnehmern, dass Felix bald ruhiger und pflegeleichter würde.

Wie immer genoss Wallenstein die Autofahrt zum Revier. Das Wettersteingebirge zeichnete sich klar vom Himmel ab. Er erkannte den Schneefernerkopf, die Schüsselkar-, Dreitor- und Alpspitze, die Waxensteine und zuletzt die Zugspitze. Jeder Gipfel klang nach einer verlockenden Bergtour. Vielleicht sollten sie sich am nächsten Wochenende einen baustellenfreien Tag gönnen? Schließlich war gerade beste Wanderzeit mit stabilen Wetterlagen, Fernsicht und angenehmen Temperaturen.

Mitten im Garmischer Tunnellabyrinth klingelte Wallensteins Telefon und er warf einen Blick auf das Display. Arne. Bestimmt eine Umbaufrage. Er würde ihn vom Büro aus zurückrufen.

Beim Ortseingang Partenkirchen traf eine Nachricht ein. Kurz danach zwei weitere. Ziemlich viel für einen Montagmorgen. Aber wahrscheinlich wollte Floss wissen, wo die Nusshörnchen blieben und ob er den Kaffee aufgießen könnte. Auf Höhe des Friedhofes klingelte sein Handy erneut. Lissi.

Wallenstein fuhr sofort rechts ran und nahm das Gespräch an. Wenn Arne und Lissi versuchten, ihn zu erreichen, ging es bestimmt nicht um die Auswahl einer Wandfarbe oder eine Geschwindigkeitsüberschreitung, sondern um etwas Wichtiges.

»Du musst kommen.« Lissis Stimme war aufgeregt.

Er wechselte auf die Freisprechfunktion, wendete seinen Wagen und behinderte damit kurz die entgegenkommenden Autos. »Was ist passiert?«

Ein grauer Audi-SUV mit Berliner Kennzeichen quittierte das mit einem lang gezogenen Hupen.

»Es gibt einen Toten.«

»Wo?«

»Im Lindenwirt.«

Wallenstein hielt die Luft an und dachte sofort an den zerrissenen Faden und die drei mysteriösen Gestalten am See. Unwillkürlich ging er vom Gas und wurde sofort wieder angehupt, was Wallenstein jedoch komplett ausblendete.

Hatte es unter seinen Freunden Streit gegeben? Aber beim Aufstehen hatten alle drei unverletzt in ihren Betten gelegen. Außerdem würden sie sich gegenseitig ihr Leben anvertrauen und sich nicht umbringen. Es konnte eigentlich nur ein Unfall geschehen sein, die Männer waren eben Polizisten und keine Bauarbeiter.

»Lass mich ran. Gib mir die Schaufel.« Wallenstein erkannte Arnes Stimme.

Offensichtlich war jemand verschüttet worden. Wie konnte das im Haus passieren? War eine Wand eingestürzt?

»Ihr müsst vorsichtig sein«, mahnte Lissi.

Stimmengewirr. Grabgeräusche. Der Audi, ein Q8 e-tron, überholte, und bevor die Fahrerin die Beschleunigung des SUV demonstrierte, zeigte sie ihm den ausgestreckten Mittelfinger. Automatisch merkte der Kommissar sich das Kennzeichen. Anders als Lissi hatte er jedoch keine Ahnung, wie viel Bußgeld dafür fällig wäre.

»Ist der Rettungswagen alarmiert?«, fragte er.

»Dafür ist es wirklich zu spät.«

Wallenstein starrte auf die Straße. Wie schnell ein Leben vorbei sein konnte. Von einer Minute auf die andere. Beim Aufstehen wusste man nicht, ob man es am Abend wieder ins Bett schaffen würde. Niemand wusste, wie lange der eigene Lebensfaden reichte. Er nahm sich zusammen und stellte die entscheidende Frage: »Wer?«

Lissi antwortete nicht, sondern redete mit jemand anderem. Eine Frauenstimme. Wallenstein verstand kein Wort, konnte sich aber gut vorstellen, dass das halbe Dorf erste oder letzte Hilfe leisten wollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit fragte Lissi: »Entschuldige. Tim, bist du noch dran?«

»Ja, wer ist es?«

»Keine Ahnung.«

Wie das funktionieren sollte, konnte er sich nicht vorstellen. In Madlfing kannte jeder jeden und Gäste gab es im Lindenwirt noch nicht. Für den Augenblick war er jedoch erleichtert. Seinen Freunden war nichts passiert.

»Ich bin in 15 Minuten da.«

4. Faden

Eine Spinnkrise wird schnell zur Sinnkrise.

Wallenstein parkte direkt hinter Arnes VW-Bus. Kurz blickte er zur alten Dorflinde, wo er vor wenigen Wochen angeschossen worden war. Dass er noch lebte, hatte er nur den Schießkünsten seiner Kollegin Lissi und einer riesengroßen Portion Glück zu verdanken. Offensichtlich hatte jemand anderes gerade Pech gehabt. Es konnte so verdammt schnell vorbei sein! Wieder schob er den Gedanken zur Seite und wandte sich zum Gasthof. Schaulustige standen vor den Fenstern und im Flur.

Wallenstein drängte sich an den Leuten vorbei. »Bitte gehen Sie. Das ist Sache der Polizei.«

»Die Lissi ist schon drin«, informierte ihn eine Frau, und aus ihrem Mund hörte sich das an, als wäre das mehr als genug.

Helga kam aus der Gaststube und stemmte ihre Hände in die Hüften. »Raus. Und macht’s die Tür zu«, befahl sie.

Anders als dem Kommissar gehorchten die Dorfbewohner Arnes Freundin ohne Widerrede. Helga war jedoch auffallend blass und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. Sie atmete flach.

»Bierlager«, brachte sie mühsam heraus, dann rannte sie zur Toilette. Wallenstein hörte, wie sie sich übergab, und wunderte sich: Als Metzgereiverkäuferin und bekennender Navy-CIS-Fan war Helga nicht gerade zimperlich. Bei der letzten Leichenbergung hatte sie nicht einmal mit der Wimper gezuckt, sondern tatkräftig mitgeholfen.

Der Kommissar hoffte insgeheim, dass Helgas Reaktion immer noch auf Arnes Kochkünste zurückzuführen war und nichts über den Zustand der Leiche aussagte, rechnete aber trotzdem mit dem Schlimmsten. Erst mal sah er jedoch nur die schweißnassen Rücken seiner Freunde. Jeder hatte eine Schaufel oder Spitzhacke in der Hand. Wie gestern besprochen, hatten Leon, Kevin und Marcel die kaputte Kühleinheit entsorgt und bereits begonnen, den Betonboden aufzuklopfen. Arne hatte mit dem Raum nämlich viel vor. Da das Bierlager nicht unterkellert war, wollte er eine Grube ausheben, um Platz für den Kessel seiner Microbrewery zu schaffen. Dabei musste irgendetwas schiefgegangen sein. Wallenstein trat ein.

»Schau bitte nach Helga. Sie ist auf der Toilette. Ihr geht es nicht gut«, informierte er seinen Freund.

»Bestimmt ein Virus«, murmelte Arne, der seine Buletten immer noch für unschuldig hielt.

Als Nächstes erkannte Wallenstein die Mesnerin Irmingard Sonnleitner, deren obligatorischer Regenschirm an der Wand lehnte. Mit einer Taschenlampe leuchtete sie auf den Boden. Vor ihr kniete eine schlanke Frau. Auch wenn er wieder nur ihren Rücken sah, erkannte der Kommissar sie ohne Zweifel an ihrem rot-blau geringelten Pulli und den raspelkurzen schwarzen Haaren. Es war die Kinderbuchautorin Pauline Galka. Sie füllte mit der Hand Erde in einen kleinen Eimer mit Sieb, wie Kinder ihn zum Spielen im Sandkasten oder am Strand benutzen. An der Seite standen Toni und seine Mutter.

Alle wichen zurück und gaben den Blick frei. Auf ein halb ausgegrabenes Skelett. Vom Schädel bis zu den Rippen.

»Was macht der Junge hier?«, fragte Wallenstein.

Lissi zuckte mit den Schultern. »Ich musste ihn wegen Bauchschmerzen aus der Schule abholen. Ist aber halb so wild. Zum Glück hatte ich meine Radarfalle noch nicht aufgebaut. Wir waren gerade auf dem Heimweg, als Arne angerufen hat.«

»Das ist nichts für ein Kind«, wurde der Kommissar deutlich.

»Sind doch nur ein paar Knochen«, erwiderte Lissi ungerührt. »Das ist ein ganzes Skelett«, verbesserte Toni seine Mutter. »Wie bei Halloween oder auf dem Friedhof.«

»Das auf dem Friedhof ist nicht nur ein Skelett, das ist der Sensenmann«, schaltete sich die Mesnerin ein. »Oder wie wir in Bayern sagen, der Boandlkramer.«

»Und warum steht der da?«, fragte Toni interessiert.

Die Mesnerin strich dem Jungen über den Kopf. »Die Figur soll uns daran erinnern, dass keiner dem Tod entgeht. Im Hinblick auf die Ewigkeit ist unser Leben bloß ein Augenzwinkern. Eh du dich versiehst, ist’s vorbei.«

In Madlfing wurde man nicht in Watte gepackt, sondern schon in frühester Kindheit abgehärtet und mit der Realität vertraut gemacht. Wallenstein ging es trotzdem zu weit. »Du bringst ihn jetzt nach Hause, Lissi. Schließlich hat er Bauchschmerzen.«

»Der findet schon allein heim. Ich muss arbeiten. Dienst ist Dienst.«

Wallenstein nahm die intergalaktische Schultasche und schob den Jungen aus dem Raum. »Die Oma wartet draußen.« Vor dem Gasthof hatte er Lissis Mutter, Roswitha Scheidl, gesehen. »Hast du etwa beide Nusshörnchen auf einmal gegessen?«, fragte er ihn.

Toni schüttelte den Kopf. »Nur eines. Das andere habe ich der Greta geschenkt. Die sitzt neben mir. Sie hat mir dafür eine Tüte Gummibärchen gegeben. Die haben wir uns geteilt. Sie musste dann auch heim.«

Der Junge lief zu seiner Oma und Wallenstein kehrte zum Bierlager zurück. Pauline kniete immer noch am Boden und legte mit einer Kinderschaufel einen Oberarmknochen frei. Irmingard leuchtete. Kevin bearbeitete mit einer Spitzhacke den noch verbliebenen Beton, ungefähr auf Höhe der Beine.

Der Kommissar rang um Fassung. »Seid ihr eigentlich vollends verrückt? Als Polizisten solltet ihr wissen, dass man einen Fundort absperrt und keine Schaulustigen zum Graben ermuntert.«

Beim Wort Schaulustige trafen ihn vernichtende Blicke der MKHC-Mitglieder. Der Madlfinger Krimi- und Handarbeitsclub hielt sich ermittlungstechnisch für hoch qualifiziert. Das hatte er schon mehrfach bewiesen, was jedes Mal beinahe in einer Katastrophe geendet hätte.

Leon zuckte entschuldigend die Schultern. »Mit Knochen haben wir normalerweise nichts zu tun. Am Anfang dachten wir, wir wären auf eine Abfallgrube gestoßen, abgenagte Haxen oder Rippchen. Was in einem Gasthof eben so anfällt. Erst als wir den Schädel gesehen haben, war uns klar, dass wir ein Grab freischaufeln. Und ermuntert haben wir niemanden. Die Frauen sind von alleine gekommen. Und zwar noch vor der Polizistin.«

Das konnte Wallenstein sich vorstellen. Die dörflichen Kommunikationsstrukturen waren schneller als der Informationsfluss im neu verlegten Glasfaserkabel.

»Das hier ist mein Fachgebiet«, erklärte die Mesnerin. »Im Umgang mit Verstorbenen und ihren Seelen kenne ich mich bestens aus. Und ich kann Ihnen versichern, dass ich dabei keinerlei Schaulust empfinde. Die Würde eines Menschen hört schließlich mit dem Tod nicht auf.«

Pauline hielt ihr Telefon hoch. »Und ich habe jeden Schritt fotografisch festgehalten. Wir kennen uns mit der Dokumentation von Fundorten aus. Das wissen Sie doch.«

Auf Wallensteins eisiges Schweigen traten alle einen Schritt zurück. Er ging in die Hocke und betrachtete die blanken Knochen, die hellbraune, steinige Erde. Es gab keine Bekleidungsreste oder anderen Gegenstände.

»Vielleicht ein alter Kelte oder Bajuware?«, überlegte Pauline. »Was, wenn der Lindenwirt auf einen Friedhof gebaut ist? Muss er dann abgerissen werden? Eine archäologische Grabung lässt sich bestimmt nicht vermeiden.«

Arne war zurückgekommen, seinen Arm fürsorglich um Helga gelegt, die immer noch ziemlich blass um die Nase war. Bei den Worten archäologische Grabung schnappte er entsetzt nach Luft.

»Für den Tourismus wäre das natürlich toll«, fuhr Pauline fort. »Ich könnte dazu ein Erlebnisheft für Kinder schreiben. Auf der Spur unserer Vorfahren, so was in der Art. Wobei die früher vermutlich eher gegangen als gefahren sind. Auf der Spur unserer Vorgänger klingt aber blöd.« Mit den erdigen Zeigefingern massierte sie ihre Schläfen und hinterließ dabei kreisrunde, dunkle Stellen. »Die Knochen könnten natürlich auch wesentlich älter sein. Vielleicht ist es ein Frühmensch, so wie der Udo im Allgäu. Ein echter Homo Madlfingensis. Das wäre eine Sensation. Die Leute kämen in Scharen.«

Paulines Fantasie ging mit ihr durch. Wallenstein bewunderte diese Fähigkeit an der Schriftstellerin. Eigentlich. Wenn der Grund ihrer Einfälle mit seiner Arbeit zusammenhing, stresste ihr Einfallsreichtum ihn jedoch schnell.

»Als ob wir mehr Tourismus bräuchten«, erwiderte Irmingard. »Im Sommer ist der See völlig überfüllt mit allem, was schwimmen, rudern, angeln oder Segel setzen kann. Am schlimmsten sind diese SUP-Fahrer, die wachsen ja wie Schwammerl aus dem Boden. Inzwischen sind die fast das ganze Jahr unterwegs und stehen auf dem Wasser rum. Erst wenn der See zufriert, hat man von denen Ruhe.«

Das Erste, was sich Arne an Sportgerät nach seinem Umzug von Köln nach Madlfing gekauft hatte, war ein SUP-Board. Vom Fund und der Aussicht auf eine lange Grabung war er offensichtlich so geschockt, dass er die Zunft der aufrechten Paddler nicht verteidigte, sondern nur stumm auf den Boden starrte.

Auch Wallenstein betrachtete die menschlichen Überreste. Er konnte nur hoffen, dass er für diesen Fund nicht zuständig war und es sich tatsächlich um eine frühe Bestattung handelte. Auch wenn das für Arne höchst unerfreulich wäre.

»Und jetzt?«, fragte Lissi.

»Fordere ich die Spurensicherung an«, entschied Wallenstein. »Dann sehen wir weiter.«

»Wir können nicht einfach wieder Erde draufkippen?«, fragte Arne leise. »Muss doch keiner mitkriegen.«

Pauline schüttelte entschieden den Kopf. »Auf keinen Fall. Stell dir vor, wir haben es hier mit einem hinterhältigen Mord zu tun. Dann schulden wir diesem Menschen Gerechtigkeit. Egal, wie lange sein Tod schon zurückliegt.«

Typisch MKHC. Die Madlfingerinnen witterten überall Mord und Totschlag. Aber an einem Skelett ließe sich ein gewaltsamer Tod vermutlich nur schwer nachweisen, solange sie nicht eindeutige Hinweise fanden, wie ein Projektil, gebrochene Knochen oder einen eingeschlagenen Schädel. Wallenstein beugte sich vor und betrachtete den Hinterkopf, der intakt wirkte. Der Leichnam musste bäuchlings ins Grab gelegt worden sein, was natürlich ungewöhnlich war und gegen eine herkömmliche Bestattung sprach.

Die Mesnerin nickte zustimmend und öffnete ihre rote Handtasche. Eine legendäre Birkin Bag von Hermès, die sie vom ersten Madlfinger Mordopfer geerbt hatte. »Nichts, was verborgen ist, bleibt verborgen. Alles wird ans Licht kommen.«

Bestimmt stand der Satz in der Bibel. Wallenstein rechnete damit, dass die Mesnerin nach Weihwasser oder Grablichtern suchte, aber sie packte nur ihre Taschenlampe weg und faltete dann ihre Hände. Wie im Gebet. Alle schwiegen.

5. Faden

Fasern sind beim Spinnen und in der Kriminaltechnik wichtig.

Das laute Zuschlagen der Gasthoftüre riss die Gruppe aus ihrer stillen Andacht. Schnelle Schritte näherten sich.

»Ich habe gehört, das SEK ist schon da«, frohlockte die Gerichtsmedizinerin Dr. Olowitsch. Resolut schob sie sich und ihre abgewetzte Kunstledertasche in die erste Reihe. Sie trug schwarze Leggings und einen Kunstfellpulli, der fast bis zu den Knien reichte.

Leopard, tippte Wallenstein und fragte sich, wie sie so schnell sein konnte. Er hatte gerade erst seine Dienststelle informiert. War sie in der Zwischenzeit MKHC-Mitglied geworden?

»Wo ist die Leiche?«, fragte sie munter.

Nachdem sie einen flüchtigen Blick auf die mehr oder weniger geordneten Knochen geworfen hatte, drehte sie sich um und strahlte die oberkörperfreien Männer des SEK an. »Ich muss schon sagen, Madlfing wird immer attraktiver und dafür ist nicht die Bürgermeisterin mit ihrem Neubaugebiet verantwortlich.« Sie reichte einem nach dem anderen die Hand und lächelte, wobei ihre goldenen Backenzähne aufblitzten. »Elvira, freut mich außerordentlich.«

Die Männer stellten sich vor. Wallenstein konnte seinen Freunden ansehen, dass sie nicht mit einem derart kräftigen Händedruck gerechnet hatten. Leon massierte sich danach sogar die Hand.

Sollte Arne jemals seinen Traum von Fingerhakel- und Armdrückwettbewerben im Lindenwirt verwirklichen, wäre Elvira Olowitsch Wallensteins absolute Favoritin.

Dem Kommissar nickte die Gerichtsmedizinerin nur zu. »Wenn der Rest ausgegraben und die Spurensicherung fertig ist, stecken Sie alles, was Sie finden, in einen Sack und lassen es mir ins Institut bringen.«

»Auf was müssen wir achten?«, fragte Irmingard selbstbewusst.

»Eigentlich auf nichts. Mein Assistent wird die Knochen schon sortieren. Der puzzelt gerne.« Olowitsch zündete sich eine Zigarette an und wandte sich an Arne wie an einen alten Bekannten. »Finde ich übrigens super, dass du den Lindenwirt wieder aufmachst und was gegen das Wirtshaussterben auf dem Land tust. Dass ihr beim Renovieren dann auch noch einen Toten findet, nenne ich Einsatz.« Sie inhalierte tief. »Für mich klingt das nach einem genialen Marketingtrick. Mehr Aufsehen kann man sich doch für den Anfang gar nicht wünschen. Über dieses Wirtshaussterben werden alle berichten.« Ihr tiefes Lachen ging in Husten über.

»Und leider ist es auch nicht der einzige Tote im Lindenwirt«, ergänzte Irmingard. »Der frühere Wirt, Tassilo Karg, hat sich hier umgebracht. Das ist aber schon lange her.« Die Mesnerin rechnete kurz. »36 Jahre. Mei, wie die Zeit vergeht.«

»Dann solltest du als neuer Lindenwirt gut auf dich aufpassen, mein Lieber. Der Job ist offensichtlich nicht ungefährlich. Nur gut, dass du nicht abergläubisch bist und an Flüche, Geister oder derartigen Unsinn glaubst.« Gierig zog Olowitsch an ihrer Zigarette. »Wie schaut’s aus? Bekomme ich noch was zu trinken? Ein kleines Bier wäre jetzt genau richtig.«

Helga war inzwischen leicht grün im Gesicht, und Wallenstein fragte sich, ob die Metzgereiverkäuferin mehr Sinn für das Übersinnliche hatte als Dr. Olowitsch.

»Natürlich«, erwiderte Arne. »Gehen wir in den Gastraum.«

Die Gerichtsmedizinerin legte Wallenstein eine Hand auf die Schulter. »Wenn ich meinen Patienten heute noch geliefert bekomme, sehen wir uns morgen Vormittag gegen zehn Uhr bei mir im Institut. Bis dahin sind zwar noch nicht alle Tests gelaufen, aber ein paar wichtige Fakten kann ich Ihnen bestimmt schon bieten.«

»Mir würde es reichen, wenn Sie mir die telefonisch geben.« Wallenstein hoffte immer noch, dass es sich um einen historischen Fund handelte und sich nicht die Polizei, sondern Historiker und Anthropologen darum kümmern würden.

»Netter Versuch, Herr Kommissar, aber so leicht kommen Sie nicht davon. Diesmal müssen Sie sich doch keine Sorgen machen. Es wird völlig unblutig, kein strenger Geruch oder andere Unannehmlichkeiten. Quasi eine Obduktion light. Das schaffen Sie auch alleine. Wobei ich mich nicht wehre, wenn Sie einen Ihrer hübschen Freunde zur Unterstützung mitbringen.« Sie lachte.

Wallenstein ignorierte die Sticheleien. Er würde sich nicht rechtfertigen, warum ihn Arne bei der letzten Obduktion begleitet hatte. Letztendlich hatte Olowitsch sogar recht, er mochte Sektionen nicht und musste sich jedes Mal dazu überwinden. Aber er war noch nie umgekippt oder hatte sich übergeben.

»Ich würde gerne mitkommen«, schaltete sich Lissi ein.

Alle Anwesenden schauten sie verblüfft an. Normalerweise wollte die Polizistin so wenig wie möglich außerhalb von Madlfing eingesetzt werden. Wallenstein wunderte sich, wie eine erfahrene Mutter beim vierten Kind derart verzweifelt sein konnte, dass sie jede Chance auf Überstunden nutzte. Egal wie oder wo.

»Gerne«, antwortete Olowitsch. »Eine kaltblütige Meisterschützin ist mir immer willkommen. Vielleicht kann ich ja mal ins Schießtraining kommen. Ich suche nämlich ein Hobby für die Rente. Leider bin ich trotz guter Anleitung und Beratung für die Wollverarbeitung ungeeignet. Den Häkelbikini vom letzten Fall musste ich nach der ersten Anprobe zum Putzlappen umfunktionieren. Feinmotorik ist eben nicht so meins.«

»Das kenne ich. Alles, was mit Fäden zu tun hat, macht mich verrückt«, erwiderte Lissi. »Schießen hingegen kann ich total empfehlen. Das ist Entspannung pur. Aber leider ist der Schießstand zurzeit geschlossen, da wird eine neue Lüftungsanlage eingebaut.«

Das erklärte einiges, dachte Wallenstein. Lissi Wagner fehlte der notwendige Ausgleich zum Familienalltag.

Dr. Olowitsch zog mit der Polizistin, Arne, Helga und ihren SEK-Freunden Richtung Gastraum ab. Wallenstein blieb mit den beiden MKHC-Mitgliedern zurück.

»Sie können jetzt auch gehen. Ich warte hier.«

Erstaunlicherweise kamen Pauline und Irmingard seiner Aufforderung widerspruchslos nach. Untätiges Herumstehen passte wohl nicht zu den tatkräftigen Frauen. Wahrscheinlich würden sie sofort eine Sondersitzung des MKHC einberufen.

Wallenstein telefonierte mit seinem Kollegen Harald Floss und besprach mit ihm das weitere Vorgehen.

6. Faden

Nicht nur Spinnen spinnen.

In der Wolllust erklärte Albert einer Urlauberin gerade, wie man bei einem bayerischen Trachtenkniestrumpf den Wadenzwickel strickt, und zeigte ihr einige Beispiele: von einfach bis höchst kunstfertig.

Die Frau war begeistert und fotografierte die unterschiedlichen Strümpfe. Aber auch Albert selbst. Mit seinem gepflegten weißen Vollbart, einem karierten Werktagshemd, kurzer, gut eingetragener Lederhose und Haferlschuhen hätte er in jedem Heimatfilm eine ausgezeichnete Figur gemacht.

»Sie haben hier ja ein richtiges Museum, nur dass man die Sachen sogar anfassen darf. Bei Textilien ist das total wichtig. Ich werde die Wolllust meinem Stricktreff in Moers empfehlen. Vielleicht kommen wir auch mal alle zusammen.«

Albert freute sich über die Anerkennung. Als ehrenamtlicher Heimatpfleger sammelte er seit Jahrzehnten alte Strickstücke, fotografierte sie und zeichnete die Muster ab. Im direkten Kontakt mit Strickerinnen und Strickern konnte er sie weitergeben und so seinen Beitrag zum Erhalt der bayerischen Kultur leisten. Das gefiel ihm. Dafür ertrug er sogar den penetranten Patchouli-Geruch, der im Laden die Motten fernhalten sollte und ihn permanent in der Nase kitzelte. Anders als seine Tochter Lissi konnte der pensionierte Polizist nämlich besonders gut mit Fäden umgehen, und seine Trachtenstrickkünste waren im ganzen Oberland bekannt, weshalb Ariadne ihm während ihrer Abwesenheit auch den Wollladen anvertraut hatte. Um den ganzen Rest – nötige Aufgaben wie Warenbestellung, Rechnungen oder Anfragen – kümmerte sie sich online. Albert musste dann nur noch die Lieferscheine der Shop-Bestellungen ausdrucken, die Wolle verpacken und zur Post bringen.

Durch das Schaufenster sah er in diesem Moment, wie Pauline, Irmingard und noch andere Frauen schnurstracks auf den Laden zuhielten. Mehrfach hintereinander bimmelten die Türglöckchen.

»Ist euch die Wolle ausgegangen?«, fragte er. »Oder ist das ein Überfall?«

Die Madlfingerinnen ignorierten seine Frage und ließen sich auf der Sitzecke am Schaufenster nieder.