Zwischen den Fronten - Sabine Büntig - E-Book

Zwischen den Fronten E-Book

Sabine Büntig

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Beschreibung

Die Kommissare Antonia Falkner und Magnus Naumann ermitteln in einem Mordfall, der zunächst gar nicht so problematisch erscheint. Als Magnus ohne Ankündigung verschwindet, ist Antonia allerdings auf sich allein gestellt. Magnus muss erneut als verdeckter Ermittler in die Hooligan-Szene eintauchen, dabei hatte er doch längst einen Strich unter diesen Teil seiner Vergangenheit gemacht. Die Ereignisse spitzen sich zu, als sich für ihn das Blatt wendet. Antonia muss dafür sorgen, dass alles ein gutes Ende nimmt. Wird ihr das gelingen?

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Die Kommissare Antonia Falkner und Magnus Naumann ermitteln in einem Mordfall, der zunächst gar nicht so problematisch erscheint. Als Magnus ohne Ankündigung verschwindet, ist Antonia allerdings auf sich allein gestellt. Magnus muss erneut als verdeckter Ermittler in die Hooligan-Szene eintauchen, dabei hatte er doch längst einen Strich unter diesen Teil seiner Vergangenheit gemacht.

Die Ereignisse spitzen sich zu, als sich für ihn das Blatt wendet. Antonia muss dafür sorgen, dass alles ein gutes Ende nimmt. Wird ihr das gelingen?

Die Falkner/Naumann Reihe

1. Schatten der Vergangenheit

2. Zwischen den Fronten

Autorin

Sabine Büntig, geb. 1966, lebt mit ihrer Familie in Nordhessen. Das Schreiben gehört schon immer zu ihrem Leben, mehr als 1.000 Artikel sind in der Lokalredaktion der regionalen Tageszeitung sowie weiteren Zeitschriften erschienen.

Als Romane veröffentlicht wurden drei Bände der Sunny-Saga, eine generationsübergreifende Familiengeschichte vor der Kulisse Südafrikas sowie der erste Teil der Krimireihe „Schatten der Vergangenheit“.

Kontakt: [email protected]

Für Anika

Mein Töchterchen, auf das ich sehr stolz bin.

Es ist schön, dich an meiner Seite zu haben.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Epilog

Nachwort

1.

„Moing beinand, wie gäd´s eich?“, hallte die tiefe Stimme des Gerichtsmediziners Hermann Stadl aus dem Freisprechmikrofon des Wagens, in dem die Kommissare Antonia Falkner und Magnus Naumann unterwegs waren. Magnus runzelte die Stirn im vergeblichen Versuch, nicht nur ein tiefes Brummen, sondern den Wortlaut dahinter zu verstehen. Mit dem Gerichtsmediziner hatten die beiden Kommissare in einem zurückliegenden Fall zu tun gehabt und dabei seine gründliche Arbeit kennen und schätzen gelernt. Ein Betriebsausflug vor einigen Wochen hatte dazu geführt, dass sie inzwischen zum vertraulichen Du übergegangen waren. Bedauerlicherweise boten sich viel zu selten Gelegenheiten miteinander zu sprechen. Das Bedauern erstreckte sich allerdings nicht auf Magnus. Ein weiteres Ergebnis des feuchtfröhlichen Ausflugs war für Antonia und Hermann die Erkenntnis gewesen, dass sie beide Urbayern waren. Damit wurde die Kommunikation zu Magnus Leidwesen für ihn als Nichtbayer in aller Regel vollkommen unverständlich – er konnte nur darauf hoffen, dass einer der beiden Mitleid mit ihm bekam und wieder auf Hochdeutsch umschaltete. Soweit schien es jedoch derzeit noch nicht zu sein, stellte er frustriert fest, als seine Kollegin fröhlich antwortete.

„Schee di zum hea`n, wos vaschafft ma die Ehre?“ Obwohl es noch relativ früh am Morgen war, schien Antonia bereits ausgeschlafen genug zu sein, um sofort auf ihre sprachlichen Wurzeln zurückzugreifen.

Magnus wusste nur zu gut, dass ihre gute Laune absolut nicht selbstverständlich war. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich gestern doch noch nach Hause gefahren bin und sie dadurch ausreichend Schlaf bekommen hatte, schoss es ihm durch den Kopf. Da ihm der Gedanke ganz und gar nicht gefiel, verdrängte er ihn schnell wieder. Antonia und er waren – ja was eigentlich? Es verband sie auf alle Fälle deutlich mehr als Kollegialität oder reine Freundschaft, aber doch weniger, als eine klassische Beziehung normalerweise beinhaltete. Vielleicht Freundschaft plus überlegte der Kriminalkommissar weiter. Inzwischen hatte er jeden Versuch aufgegeben, dem Gespräch zu folgen.

„Nix gwiss woass ma ned, aber wir sollten allmählich Mitleid mit dem armen Magnus haben“, lachte Hermann und beendete damit endlich ihren kurzen Klamauk. „Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich hier fertig bin und nicht mehr länger auf euch warten kann. Do muaßt scho frira aufsteh“, konnte er sich dann doch nicht verkneifen, hinzuzufügen. „Aber Spaß beiseite, ich bring euch noch kurz auf den aktuellen Stand, bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache.“

Er bezog sich auf einen Tatort, von dem Antonia und Magnus noch gut zwanzig Minuten entfernt waren. Da es zunächst nicht danach ausgesehen hatte, dass die Kripo benötigt wurde, waren sie wieder einmal erst später hinzugerufen worden.

Stadl kam nun schnell auf den Punkt. Die Kommissare schätzten ihn beide gleichermaßen dafür, dass er langes Drumherumgerede nach Möglichkeit vermied. Schließlich hatten sie alle mehr Arbeit als sie bewältigen konnten und waren dankbar dafür, wenn nicht unnötig Zeit verschwendet wurde.

„Das Opfer ist eine Frau, Anfang bis Mitte 60, schätze ich mal. Angeblich Selbstmord durch Erhängen.“ Er verstummte einen Moment und Antonia nutzte die Chance um nachzuhaken.

„Hm, grundsätzlich vielleicht erst mal ungewöhnlich bei einer Frau, aber nicht gänzlich ausgeschlossen. Warum sagst du angeblich?“, fragte sie.

„Sie ist zweifellos tot, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie das nicht bereits war, bevor sie an dem Strick aufgehängt wurde. Manches deutet darauf hin, aber Genaueres weiß ich erst, wenn ich sie auf dem Tisch habe.“ Er ersparte sich, weiter ins Detail zu gehen. Das würde in seinem schriftlichen Bericht stehen und er wusste, dass Antonia und Magnus für seine erste Einschätzung keine weiteren Erklärungen benötigten. In ihrer Branche war das Bauchgefühl häufig das Erste, worauf sich ein erfahrener Ermittler bei seiner Einschätzung verlassen konnte. „Vielleicht findet ihr ja noch etwas, um meinen Verdacht zusätzlich zu untermauern. Haltet einfach die Augen auf. Ansonsten halten wir uns gegenseitig auf dem Laufenden, wie immer. Pfüati.“ Im nächsten Moment zeigte das gleichmäßige Tuten, dass er das Gespräch beendet hatte.

Als sie an ihrem Ziel angekommen waren, parkten sie den BMW Rover am Straßenrand. Die Spurensicherung hatte den Tatort ebenso wie Stadl bereits verlassen, sodass es kein Problem war, einen Parkplatz in direkter Nähe der angegebenen Adresse zu finden. Kurz zuvor war die kleine Straße, in der sich schmucke Einfamilienhäuser auf gepflegten Grundstücken aneinanderreihten, sicherlich komplett zugeparkt gewesen.

Eine Ausnahme zu den anderen Häusern stellte das Gebäude, auf das sie nun blickten, allein schon aufgrund der Größe des dazugehörigen Grundstücks dar. Die blickdichte Hecke erstreckte sich zu beiden Seiten und es war naheliegend, dass die unbebaute Fläche sich auch in den anderen Richtungen ausdehnte. Zu dieser Annahme waren die beiden Ermittler bereits gekommen, als sie die wichtigsten Daten des Opfers gecheckt hatten. Gerda Stoiber, zum Zeitpunkt ihres Todes 62 Jahre alt, lebte mit ihrem Neffen Gregor in einem kleinen Ort, ungefähr 40 Kilometer von München entfernt. Sie hatte dort eine Gärtnerei betrieben und sich auf die Züchtung und den Vertrieb von Schnittblumen spezialisiert. Augenscheinlich lief das Geschäft gut, zumindest ließen sich im Internet ohne großen Aufwand diverse Angebote für Hochzeits- und Trauerschmuck sowie Sträuße jeder Art unter der Adresse der Stoibers finden. Solch einen massiven Werbeauftritt konnten sich kleinere Unternehmen in aller Regel nicht leisten. Magnus hatte während der Fahrt noch etwas tiefer gegraben und war bei seinen Recherchen auf überwiegend positive Rezensionen gestoßen. Immer wieder wurde die Zuverlässigkeit bei Auftragserfüllung, die außerordentlich hohe Qualität der Blumen und ebenso die überdurchschnittliche Freundlichkeit der Besitzerin gelobt.

„Sie sieht nett aus“, bemerkte Magnus und wies auf ein Bild, dass sich auf dem Bildschirm seines Handys aufgebaut hatte. Dort zu sehen war Gerda Stoiber mit einem jüngeren Mann, der schüchtern im Hintergrund stand und den Blick auf etwas hinter der Kamera gerichtet hatte.

„Sah sollte man wohl besser sagen“, brummte Antonia und zog den Autoschlüssel ab. „Komm, wir sehen uns das mal vor Ort an.“

Unter den kleinen Häusern ringsherum stach dieses Anwesen deutlich heraus. Es könnte sich um einen ehemaligen Bauernhof gehandelt haben, den man später umgebaut hatte. Während sich links das Wohnhaus befand, lag rechts ein Gebäude mit Flachdach. Die bodentiefen Schaufenster waren ansprechend mit zahlreichen Töpfen dekoriert, in denen Blumen in allen erdenklichen Farben blühten. Die Kommissare wandten sich zu dem Wohnhaus, vor dem einige Sträucher standen, an denen bunte Blüten saßen.

Der Mann, der ihnen öffnete, war definitiv die Person auf dem Foto. Wenn es sich dabei um den Neffen handelte, musste er ungefähr in Magnus Alter sein, wirkte jedoch deutlich jünger. Er hatte in etwa Antonias Größe und einen ausgesprochen zierlichen Körperbau. Der erste Eindruck von ihm war so nichtssagend, dass man ihn sofort wieder vergaß, sobald er aus dem Blick verschwand. Die spärlichen, hellblonden Haare, die sich bereits deutlich aus der Stirn zurückzogen, machten ihn noch farbloser und boten keinerlei Kontrast zu seiner blassen Haut. Sein Gesicht war so babyweich, dass sich Antonia kaum vorstellen konnte, dass er überhaupt einen erwähnenswerten Bartwuchs hatte. Obwohl der Mann extrem schlank war, wirkte er dadurch keineswegs drahtig. Sollte er über Muskeln verfügen, waren sie perfekt verborgen, stellte sie unwillkürlich fest. Der Blick aus seinen geröteten Augen schoss zwischen den Kommissaren unruhig hin und her. Ob die Rötung auf vergossene Tränen oder eine vorliegende Allergie zurückzuführen war, ließ sich auf die Schnelle nicht feststellen. Vielleicht quälte ihn tatsächlich irgendeine Krankheit. Die teigige Haut war möglicherweise eine unerwünschte Nebenwirkung irgendwelcher Medikamente, die vielleicht in der Lage waren, die Symptome zu lindern, jedoch keinen positiven Einfluss auf das allgemeine Erscheinungsbild des Patienten hatten.

Obwohl der Mann ihren Blick nicht erwiderte, wandte Antonia ihren schnell ab. Magnus wies sie immer wieder darauf hin, wie deutlich ihre Gedanken in ihrem Gesicht abzulesen waren und sie wollte es nicht sofort mit ihrem Gesprächspartner verderben, indem sie ihre kritischen Überlegungen offenlegte. Das leise Lächeln, das ihr Kollege ihr zuwarf, zeigte ihr deutlich, dass er sehr genau wusste, in welche Richtung ihre Gedanken gingen. Nun ja, damit, dass Magnus sie problemlos durchschaute, konnte sie zur Not leben.

Auch nachdem sie auf der gemütlichen Couch Platz genommen hatten, hielt Gregors Sprachlosigkeit an. Antonia nutzte die Stille, um sich in dem Wohnzimmer umzusehen. Die bodentiefen Fenster waren ebenso blitzblank geputzt wie der Rest des Zimmers. Der Laminatboden glänzte, als sei er erst kurz zuvor gründlich gewischt worden. Sowohl Magnus als auch Antonia akzeptierten jegliche Hausarbeiten wie Saubermachen oder Aufräumen lediglich als notwendiges Übel und versuchten, den damit verbundenen Aufwand so gering wie möglich zu halten. Sie rechtfertigten sich gegenseitig damit, dass übertriebene Sauberkeit auf Kosten der Gemütlichkeit ging und häufig die Quelle von Allergien sei. Hier schien es jedoch, als habe die Bewohnerin tatsächlich Freude am Putzen gehabt. Der dadurch entstandene Gesamteindruck war so ansprechend, dass sich jeder Besucher sofort wohl und willkommen fühlen musste. Die Einrichtung in warmen Brauntönen stand in harmonischem Kontrast zu den bunten Farben der unzähligen Blumensträuße in geschmackvollen Vasen. Sie zierten nahezu jede Abstellfläche und allein das Arrangieren war sicherlich eine Heidenarbeit gewesen, von der täglichen Pflege einmal ganz abgesehen. Antonia konnte sich nicht vorstellen, dass die Verstorbene das ganz alleine hinbekommen hatte, zumal sie sich ja auch noch um ein florierendes Geschäft gekümmert haben musste. Momentan zeigte sich kein welkes Blatt, aber das würde sich sicherlich bald ändern, wenn nicht sorgfältig daran gearbeitet wurde. Ob ihr Neffe auch etwas dazu beigetragen hatte, es so gemütlich einzurichten, würde er spätestens in ein paar Tagen unter Beweis stellen müssen. Vielleicht gab es ja auch eine Haushälterin, die dafür sorgte, dass alles so perfekt war, unterbrach Antonia ihre Überlegungen und beschloss, das Schweigen zu beenden.

„Zunächst möchten wir Ihnen unser Beileid aussprechen“, begann sie das Gespräch. „Ich nehme an, wir sprechen mit Gregor Stoiber? Es tut uns leid, dass wir sie in Ihrer Trauer stören müssen, aber wir haben ein paar dringende Fragen, die keinen Aufschub erlauben.“

Irritiert zog Gregor eine Augenbraue hoch. Seine geröteten Augen schwammen in Tränen, aber aus seinem versteinerten Gesichtsausdruck ließen sich keinerlei Gefühle ablesen. Aber wie sollte es anders sein, als dass er vollkommen verstört war? Schließlich hatte er gerade den wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren. Die Kommissare waren bereits bei ihren ersten Recherchen zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Mann seines Alters eine besondere Beziehung zu seiner Tante haben musste, wenn er mit ihr zusammenlebte.

Erst nachdem Magnus sie beide als Kommissare der Mordkommission vorgestellt hatte, kam Leben in ihren Gesprächspartner.

„Kripo? Warum das denn? Meine Tante hat doch Selbstmord begangen. Hat sie sich damit etwa strafbar gemacht? Das können Sie doch jetzt sowieso nicht mehr ändern. Wen wollen Sie denn nun dafür bestrafen? Entschuldigen Sie bitte.“ Gregor zog ein Taschentuch aus der Tasche seiner Jeans und nachdem er sich zunächst übers Gesicht gewischt hatte, schnäuzte er sich geräuschvoll. Ob er sich zuvor Tränen oder Schweiß abgewischt hatte, ließ sich nicht eindeutig feststellen. Er schwitzte so stark, dass sich kleine Schweißtröpfchen auf seiner Stirn sammelten und langsam die Schläfen hinabkullerten, obwohl die Temperatur im Raum sicherlich nicht über 20 Grad lag. Antonias Blick fiel auf seine zitternden Hände. Warum war er so nervös? Noch eine mögliche Nebenwirkung irgendwelcher Medikamente oder war er vielleicht einfach mit seinen Nerven am Ende? Vielleicht hatte er aber auch etwas zu verbergen?

Es war noch zu früh, um ihn mit der Vermutung des Gerichtsmediziners zu konfrontieren, entschied sie und beruhigte ihn stattdessen mit den Worten: „Keine Sorge, das gehört bei uns zum ganz normalen Standard, wir arbeiten immer so, bis wir die Todesursache genau rekonstruiert haben.“

„Entschuldigen Sie die Frage, aber haben Sie alleine hier mit Ihrer Tante gelebt?“, schaltete sich Magnus ein. Er hoffte, dass seine Frage das vor ihm sitzende Nervenbündel nicht darauf stoßen würde, dass er von nun an alleine klarkommen musste. „Das alles in Schuss zu halten, macht doch sicherlich wahnsinnig viel Arbeit, wie haben sie beide das bloß hinbekommen?“

Gregor schien erleichtert zu sein, eine Frage gestellt zu bekommen, auf die er problemlos eine Antwort geben konnte und begann mit leiser Stimme zu erzählen. Seine Eltern starben bei einem Verkehrsunfall, als er gerade mal acht Jahre alt gewesen war. Es sei sein Glück gewesen, dass die Patentante Gerda - die ältere Schwester seines Vaters - sich vom ersten Tag an um ihn gekümmert und ihn wie ihr eigenes Kind behandelt habe.

„Godi hatte weder einen Mann noch eigene Kinder und ich keine Eltern – da passte es hervorragend, dass wir uns zusammengetan haben.“ Seine Worte waren so nüchtern, als schildere er einen erfolgreichen Geschäftsabschluss und passten überhaupt nicht zu seiner Stimme, die mittlerweile so sehr zitterte, dass er kaum noch zu verstehen war.

Und auch wenn er nicht speziell darauf hinwies, schien das Arrangement zu beinhalten, dass beide im Laufe ihres Lebens keinerlei Beziehungen mit gleichaltrigen Partnern eingingen. Eine Wand des Wohnzimmers schmückten zahlreiche Fotografien, auf denen außer Gerda und Gregor Stoiber lediglich unzählige blühende Pflanzen abgelichtet waren. Inzwischen hatte Gregor den Versuch aufgegeben, seine Tränen zurückzuhalten und immer wieder unterbrach er seine Erklärungen durch lautstarkes Schnäuzen. Er schien erst jetzt wirklich zu realisieren, dass sein behütetes Leben nun ein abruptes Ende gefunden hatte.

Mit tonloser Stimme berichtete er von einer Haushälterin und mehreren Angestellten der Gärtnerei, wobei die Geschäftsführung jedoch gemeinsam und sehr harmonisch von ihm und seiner Tante erledigt worden sei. Es schien ihm ein Anliegen zu sein, den Kommissaren zu vermitteln, wie einträchtig ihr Zusammenleben gewesen war.

Gefunden hatte Gregor seine Tante am frühen Morgen, nachdem sie nicht zum Frühstück erschienen war.

„Am Sonntag stehen wir etwas später auf, aber trotzdem frühstücken wir immer so gegen acht. Ich hatte schon alles vorbereitet und habe dann gesehen, dass die Terrassentür offenstand. Ich dachte, Godi sei im Garten und wollte sie holen. Da habe ich die offene Gartenhütte bemerkt und als ich reingegangen bin, …“ Der Rest seines Satzes ging in herzzerreißendem Schluchzen unter, und Antonia blickte sich suchend nach weiteren Taschentüchern um.

„Haben Sie eine Idee, was ihre Tante zu solch einem drastischen Schritt veranlasst haben könnte?“ Magnus richtete seinen Blick auf sein Gegenüber und versuchte, zu ihm durchzudringen. Die Fragen waren zu wichtig, um aus Rücksicht auf die Gefühle des Neffen aufgeschoben zu werden. Gerade die ersten Informationen hatten häufig den höchsten Wahrheitsgehalt, später wuchs die Gefahr, dass die Erinnerungen unbewusst oder absichtlich verfälscht wurden.

„Finanziell scheint das Geschäft ja ganz gut zu laufen?“, versuchte er den Neffen abzulenken und zum Weiterreden zu bewegen.

Gregor nickte zustimmend. „Wir haben überhaupt keine Geldsorgen, daran kann es wirklich nicht gelegen haben. Keine Ahnung, was sie sich dabei gedacht hat, das frage ich mich auch schon die ganze Zeit. Sie hat nicht mal einen Abschiedsbrief hinterlassen, zumindest das hätte ich doch wirklich verdient.“ Die leise Stimme des Neffen drohte erneut zu kippen und um ihn nicht noch länger zu quälen, baten die Kommissare darum, den Fundort der Leiche sehen zu dürfen. Wie erwartet, lehnte er selbst kategorisch ab, sie dabei zu begleiten.

Sie verließen das Haus durch die Verandatür und überquerten die kleine, von zahlreichen Gewächshäusern umgebene, Grünfläche. Auch hier draußen war alles sorgfältig gepflegt, die Angestellten schienen ihren Job wirklich ernst zu nehmen. Dass am heutigen Sonntag nicht gearbeitet wurde, war sicherlich normal, trotzdem würden sie alle Personen, die Zutritt zu dem Grundstück hatten, sorgfältig überprüfen müssen.

Während Magnus durch die kleine Gartenhütte schlenderte, glitt sein Blick über die Wände, die komplett mit Regalen bedeckt waren. Sie enthielten unzählige, sauber und ordentlich sortierte, Werkzeuge und Gartengeräte. Die durchsichtigen Plastikkisten trugen bunte Etiketten, die über den jeweiligen Inhalt informierten. Magnus runzelte nachdenklich die Stirn. Wer sein Zuhause und Geschäft so perfekt im Griff hatte, nahm sich nicht einfach das Leben, das wäre viel zu spontan für einen solch durchorganisierten Menschen wie Gerda Stoiber gewesen. Wir sollten davon ausgehen, dass der Gerichtsmediziner den richtigen Riecher hatte, beschloss er. Aufmerksam suchte er nach möglichen weiteren Hinweisen, um den Verdacht zu bestätigen.

Selbst wenn bei einem Todesfall zunächst von einem Selbstmord ausgegangen wurde, arbeitete die Spurensicherung genauso sorgfältig wie bei einem Gewaltverbrechen. Dennoch war es möglich, dass bei aller Umsicht etwas übersehen wurde und entsprechend gewissenhaft hielten sich die Kommissare ans Protokoll bei diesem potentiellen Tatort. Sie berührten so wenig wie möglich und achteten darauf, wohin sie traten.

Die Schlinge, an der sich Gerda Stoiber erhängt hatte, war inzwischen komplett entfernt und als Beweismittel sichergestellt worden. Aufmerksam musterte Antonia den Dachbalken, der sich quer durch die Hütte zog und versuchte, die genaue Stelle zu erkennen, an der die Schlinge gehangen hatte. Da der Balken nicht auf seiner gesamten Länge weit genug von der Decke entfernt war, um ein Seil herumzulegen, waren die Möglichkeiten dafür begrenzt. Antonia blieb ungefähr in der Mitte der Hütte stehen und sah sich suchend um.

„Hast du irgendwo eine Leiter oder etwas ähnliches gesehen, ich müsste da mal hoch“, fragte sie ihren Kollegen und zeigte nach oben.

Magnus deutete prompt auf eine zusammengeklappte Leiter, die an der Wand lehnte. „Was willst du denn damit?“ Er versuchte vergeblich, sich einen Reim darauf zu machen, was Antonia im Schilde führte.

Anstelle einer Antwort klappte sie die Leiter auseinander, zückte ihr Handy und kletterte die wenigen Sprossen hinauf. Als sie den Balken aus allen Perspektiven fotografiert hatte, stieg sie wieder hinunter und wandte sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck an ihren Kollegen.

„Ich habe dir doch von den Büchern erzählt, die ich momentan lese“, sagte sie, während sie durch die Fotos scrollte und jedes einzelne aufmerksam betrachtete.

Obwohl Magnus keine Ahnung hatte, was das mit ihrem Fall zu tun haben könnte, wusste er sofort, was sie meinte. „Die von dem Rechtsmediziner, der in der ganzen Welt unterwegs ist, um fragwürdige Todesfälle aufzuklären und daneben noch die Zeit gefunden hat, einen Psychothriller nach dem anderen zu schreiben?“ Er hatte in den letzten Wochen bereits viele Geschichten darüber gehört. Sie erschienen ihm zwar bisweilen recht unglaubwürdig und fantastisch, waren aber dennoch ausgesprochen spannend. Auch wenn er Antonias Begeisterung für die medizinischen Hintergründe nicht in vollem Umfang teilte, faszinierten ihn die Rückschlüsse, die der Autor immer wieder aus scheinbar nebensächlichen Umständen zog. „Und was hat das hiermit zu tun?“

„Tja, Lesen bildet, wie du sicherlich weißt“, frotzelte Antonia und berichtete von einem Fall, den der Rechtsmediziner beschrieben hatte und der ihrem jetzigen erstaunlich ähnelte. „Er hat den Balken untersucht, an dem das Opfer hing und dabei festgestellt, dass es unterschiedliche Spuren hinterlässt, ob mit dem Seil etwas heraufgezogen wird oder man daran etwas – oder jemanden -ruckartig abstürzen lässt.“ Sie wies auf ein Foto, das sie inzwischen stark vergrößert hatte. „Siehst du hier? Diese leichten Einkerbungen im Holz stammen von dem Seil. Sie sind entstanden, als etwas Schweres damit hochgezogen wurde, zum Beispiel ein erwachsener Mensch. Wenn die Frau noch gelebt hätte und mit dem Strick um den Hals gesprungen wäre, hätten sich die Einkerbungen auf die obere Seite des Balkens beschränkt und an den Seiten wären keinerlei Spuren erkennbar gewesen.“

Fasziniert folgte Magnus den Erklärungen seiner Kollegin und nahm sich ernsthaft vor, auch mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen.

Sicherlich würde diese Erkenntnis nicht vor Gericht standhalten, bestätigte jedoch die Einschätzung des Gerichtsmediziners und machte den Tod von Gerda Stoiber für die beiden Kommissare damit endgültig zu einem Ermittlungsfall.

Nachdem sie sich die Namen und Adressen der Angestellten besorgt hatten, besprachen sie auf dem Rückweg das weitere Vorgehen. Auch wenn Antonia darauf brannte, sowohl ihrem Chef, Kriminaloberrat Manfred Henkel, als auch Gerichtsmediziner Hermann Stadl ihre Erkenntnisse über die Spuren am Balken mitzuteilen und Magnus ebenso begierig darauf war, sich an den Computer zu setzen, beschlossen sie nach einem Blick auf die Uhr, all das auf den nächsten Tag zu verschieben.

„Folge dem Geld, das ist immer schon ein guter Ratschlag gewesen“, brummte Magnus und ergänzte: „Aber auch das muss bis morgen warten. Heute erreichen wir sowieso niemanden mehr. Ich kann lediglich versuchen, bis morgen die Herausgabe der Bankdaten anzuschieben. Solange dem Täter nicht bekannt ist, dass wir den Suizid anzweifeln, kommt es auf ein paar Stunden sicherlich nicht an.“

„Das sehe ich genauso, gehen wir noch was essen und fahren dann zu mir – oder willst du nach Hause?“ Antonia blickte Magnus fragend an und er konnte sich dem Reiz ihrer grünen Katzenaugen nur mit Mühe entziehen.

Bedauernd schüttelte er den Kopf. „Sei nicht böse, ich bin total kaputt. Trotzdem muss ich noch ein bisschen trainieren, aber mehr Bewegung verkrafte ich heute nicht. Lass mich einfach unterwegs raus, bevor du den Wagen zurückbringst. Wir sehen uns dann morgen.“

Antonia blickte ihm nach, bis er um die nächste Hausecke verschwunden war, ohne sich noch einmal umzudrehen. Unsere Beziehung ist schon etwas seltsam, dachte sie, aber irgendwie genau das, was wir beide momentan wollen. Da sie beschlossen hatten, an der Arbeit nichts darüber verlauten zu lassen, bildeten gemeinsame Nächte eher eine Ausnahme. Auf der einen Seite war das natürlich schade, andererseits hatten beide jedoch überhaupt keine Lust auf einen unzufriedenen und schlecht gelaunten Gefährten. „Ich bin dein Gute-Laune-Mann“, hatte Magnus einmal scherzhaft gesagt und Antonia hatte ihm nicht widersprochen. Momentan funktionierte es für beide zufriedenstellend und nach dem Motto: „Never change a winning team“, sahen sie derzeit keinen Anlass dazu, etwas daran zu ändern.

2.

„Machen Sie bitte die Tür zu und setzen Sie sich.“ Kriminaloberrat Manfred Henkel hob kurz den Kopf und senkte seinen Blick erneut auf die vor ihm liegenden Unterlagen. Magnus Naumann runzelte irritiert die Stirn, wirkte jedoch im nächsten Moment bereits wieder völlig unbeteiligt. Diesen Anschein zu erwecken, hatte er über die Jahre hart trainiert und es gelang ihm deutlich besser als Antonia, deren Gefühle bereits auf den ersten Blick für jeden Betrachter deutlich erkennbar waren. Dennoch hätte er sie gerade jetzt sehr gerne an seiner Seite gehabt. Zum Chef zitiert zu werden, war eine absolute Ausnahme und er konnte sich an keinen einzigen positiven Anlass erinnern, der dazu geführt hatte. Während er sich das Hirn zermarterte und nach irgendwelchen Verfehlungen suchte, die seinem Vorgesetzten Grund zu diesem Gespräch gegeben haben könnten, ließ er seinen Blick schweifen. Das große Eckbüro war bis in den letzten Winkel ordentlich und selbst der Schreibtisch war aufgeräumt. Die zahlreichen Akten stapelten sich auf der äußersten Kante des Tisches und warteten darauf, an die Kommissare verteilt zu werden. Das war nicht außergewöhnlich, allerdings geschah das in aller Regel nicht so früh am Morgen und schon gar nicht in Einzelgesprächen bei geschlossener Tür.

Hier im Revier trat Magnus grundsätzlich mit seiner Kollegin Antonia Falkner gemeinsam auf und obwohl es noch ziemlich früh war, hatte sie mit Sicherheit ihren Arbeitsplatz inzwischen ebenfalls erreicht. Da ihn Laura am Empfang sofort zum Chef zitiert hatte, hatte er sich allerdings nicht persönlich davon überzeugen können.

Manfred Henkel passte perfekt in sein aufgeräumtes Umfeld. Für Anfang 60 hatte er sich recht gut gehalten, auch wenn sich sein kleiner Wohlstandsbauch nicht verleugnen ließ. Bei Henkel kamen einige Dinge zusammen, die als Entschuldigung dafür gelten mochten: Sein zeitraubender Schreibtischjob und die fehlende Außentätigkeit boten wenig Gelegenheit für sportliche Aktivitäten. Erschwerend hinzu kam die ausgeprägte Vorliebe für gutes Essen mit dazu passenden Weinen und vor allem die allgemeine Gemütlichkeit, die der Kriminaloberrat sowohl psychisch als auch physisch deutlich zur Schau stellte. Alles in allem war er ein guter Chef, der die wichtigsten Eigenschaften dafür in sich trug: Gerechtigkeit, Geduld und Toleranz. Sofern seine Mitarbeiter die von ihm weit gesteckten Grenzen nicht mutwillig überschritten, gab es in aller Regel keine Probleme in der Zusammenarbeit. Momentan wirkte er allerdings etwas nervös und dieser Zustand war bei ihm so ungewöhnlich, dass Magnus spürte, wie der Kloß in seinem Hals immer weiter anschwoll. Um nicht sehr bald in Atemnot zu geraten, musste das schnellstens ein Ende haben, und wenn sein Chef nicht von sich aus auf den Punkt kam, war es wohl an ihm, ihn dabei zu unterstützen.

Der Kriminalkommissar räusperte sich und atmete noch einmal tief durch, bevor er zu sprechen begann. „Chef, was gibt es denn? Muss ich mir Sorgen machen, dass ich irgendetwas verbockt habe?“ Das Grinsen, mit dem er die Worte abzumildern versuchte, gelang zwar nur halbherzig, aber endlich zeigte Henkel Erbarmen und hob den Kopf.

Mit hochgezogener Augenbraue fragte er: „Gibt es etwas, was ich wissen sollte?“ Er schien allerdings keine Antwort zu erwarten und fuhr fort: „Ich will nicht lange um den heißen Brei rumreden, aber zuvor noch Eines: Dieses Gespräch ist absolut vertraulich, das heißt, niemand erfährt davon. Haben wir uns verstanden?“

Magnus nickte, konnte sich allerdings nicht verkneifen, die im Raum stehende Frage laut auszusprechen. „Und mit niemand meinen Sie natürlich auch …?“

Sein Chef nickte energisch. „Ganz genau, niemand beinhaltet ebenso Ihre Kollegin Falkner wie jeden anderen, und es ist mir vollkommen egal, wie schwer Ihnen das fallen mag. Fühlen Sie sich dazu in der Lage? Ansonsten können wir unser Gespräch hier gleich abbrechen, obwohl ich nicht weiß…“ Die letzten Worte wurden so leise gemurmelt, dass Magnus sie kaum verstehen konnte, und er beeilte sich, seine Verschwiegenheit zu garantieren. Mittlerweile war seine Neugierde geweckt, und er hatte nicht vor, unverrichteter Dinge abzuziehen. Er war zwar bei Weitem nicht so neugierig wie seine Teamkollegin – die regelmäßig betonte, es sei keine Neugierde, sondern lediglich ein gesundes Interesse an allen möglichen Dingen – aber diese ungewohnte Geheimniskrämerei galt es dennoch so schnell wie möglich zu beenden.

„Okay, nachdem das geklärt ist, sollten wir zur Sache kommen“, fuhr Henkel fort und warf einen prüfenden Blick über den Rand seiner silbereingefassten Brille. „Ich weiß nicht recht, womit ich anfangen soll, vielleicht zunächst mit den positiven Dingen?“ Das verschmitzte Lächeln, das über seine Züge glitt, beruhigte Magnus ein wenig. Dennoch wuchs seine Anspannung von Minute zu Minute. „Da ich ja weiß, wie gerne Sie Ihr Zuständigkeitsgebiet ausweiten…“ Damit spielte Henkel auf einen zurückliegenden Fall an, in dem Antonia und Magnus ihre Recherchen auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet hatten – ohne sich zuvor seine Genehmigung dafür einzuholen.

Der Kerl hat wirklich ein Gedächtnis wie ein Elefant, stellte Magnus beklommen fest.

„Außerdem werden Sie in Zukunft Ihre eindrucksvollen Tattoos nicht verbergen müssen, Sie dürfen sie sogar offen zur Schau stellen.“ Auch mit diesem Hinweis hielt der Kriminaloberrat den Finger auf einen wunden Punkt. Magnus bemühte sich zwar, durch geeignete Kleidung – die in aller Regel aus seiner heißgeliebten Bikerjacke bestand – die umfängliche Körperbemalung zu verdecken. Da sich diese allerdings über den Großteil seines Körpers und bis über die Handgelenke hinaus ausdehnte, gelang ihm das nur unzureichend. „Aber jetzt Spaß beiseite: Uns liegt eine Anfrage aus Norddeutschland vor. Die Kollegen aus Rostock bitten um Unterstützung bei einem Fall, an dem sie sich scheinbar die Zähne ausbeißen. Zahlreiche Verdachtsmomente, aber keinerlei konkrete Spuren. Und da kommen Sie ins Spiel, sicherlich haben Sie bereits vermutet, dass gegen alte Bekannte von Ihnen ermittelt wird.“

Magnus stöhnte frustriert, er hatte bei den ersten Worten bereits befürchtet, dass es um seine Vergangenheit als verdeckter Ermittler ging. Damals hatte er im Kreis Rostock im Polizeidienst gearbeitet und wurde dort in die Hooliganszene eingeschleust, um im innersten Kreis Informationen zu beschaffen. Das war ihm zwar letztendlich auch gelungen, jedoch nicht, ohne Federn zu lassen. Nach Abschluss der Ermittlungen hatte er seinen Wohnort und die dortige Stelle aufgegeben, um sang- und klanglos – und, wie er angenommen hatte, auf Nimmerwiedersehen nach Süddeutschland zu wechseln. All das lag bereits einige Jahre zurück und er erinnerte sich nur ungern daran. Nach Möglichkeit redete er nicht mal mehr darüber. Selbst Antonia war mit ihren Fragen bisher nicht weitergekommen und hatte sich damit zufriedengeben müssen, dass er irgendwann mal mit ihr darüber sprechen würde.

Dabei war es zunächst gar nicht schlecht gelaufen. Er hatte sich sogar auf den Auftrag gefreut, allerdings war diese Freude sehr schnell ins Gegenteil umgeschlagen. Angelegt auf höchstens zwei, drei Wochen verbrachte er letztendlich fast neun Monate in der Szene. Es gelang ihm dabei, bis in die Old School Hools, wie die Kerngruppe der erfahrenen Mitglieder genannt wurde, vorzudringen und deren Vertrauen zu gewinnen. Es war ein ständiger Drahtseilakt gewesen, glaubwürdig aufzutreten, ohne sich in die kriminellen Machenschaften hineinziehen zu lassen. Sein Interesse und Talent am Kampfsport und speziell Mixed Martial Arts hatten ihm schnell Respekt und den Ruf eines harten Kämpfers eingebracht und auch wenn er manche Verletzung davongetragen hatte, war er doch in den meisten Fällen als Sieger hervorgegangen. Letztendlich hatte er maßgeblich dazu beigetragen, einen Pädophilenring aufzudecken und dafür gesorgt, dieses Netzwerk bereits im Aufbau zu zerschlagen, sowie die Drahtzieher dauerhaft aus dem Verkehr zu ziehen.