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Zwischen dir und mir das Meer E-Book

Katharina Herzog

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Beschreibung

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limoncello daraus! Lena führt ein zurückgezogenes Leben auf Amrum. Sie sammelt Meerglas am Strand, das sie zu Schmuck verarbeitet. Damit möchte sie sich etwas von dem zurückholen, was ihr die See einst genommen hat: Vor fast 20 Jahren ist Lenas Mutter, eine gebürtige Italienerin, morgens zum Schwimmen gegangen und nie zurückgekehrt. Als Lena eines Tages auf dem Heimweg den Italiener Matteo trifft, knistert es überraschend heftig zwischen den beiden. Aber am nächsten Morgen ist Matteo ohne ein Wort des Abschieds fort. Er hat eine Mappe zurückgelassen, in der Lena Fotos ihrer Mutter Mariella als junge Frau findet: so strahlend, wie Lena sie nie erlebt hat. Zusammen mit ihrer Schwester Zoe reist Lena an die Amalfiküste, um etwas über die geheimnisvolle Vergangenheit ihrer Mutter zu erfahren – und um Matteo, den Mann mit den meergrünen Augen, wiederzusehen ...

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Katharina Herzog

Zwischen dir und mir das Meer

Roman

 

 

 

Für Marco

Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Erich Fried

Prolog

Mariella – Ravello, August 1972

Das fremde Mädchen trug ein rosafarbenes Kleid mit einer breiten Spitzenborte am Saum und weiße Schnallenschuhe. Mariella starrte aus dem Baumschatten wie gebannt auf das hellbraune Haar, das dem Mädchen bis über die Schultern fiel. Die Korkenzieherlocken wippten bei jedem Schritt. Noch nie war Mariella jemandem begegnet, dessen Haar so weich aussah.

«Topolino!», rief das Mädchen mit heller Stimme, während es den Pfad hinaufeilte, der Scala – das Dorf, in dem Mariella wohnte – mit Ravello verband. «Topolino, wo bist du?»

Auf der Höhe von Mariellas Versteck blieb sie schwer atmend stehen und sah sich suchend um, sodass Mariella Zeit hatte, sie aus der Nähe zu betrachten. Mit den riesigen Augen, der Himmelfahrtsnase und dem kleinen Mund sah sie aus wie eine dieser vornehmen Porzellanpuppen, die im Wohnzimmer von Tante Edna überall herumsaßen. Einmal hatte Mariella eine davon angefasst und von ihrer Tante prompt eine Ohrfeige dafür bekommen. Das Mädchen hier hatte eine genauso weiße Porzellanhaut, viel heller als die von Mariella. Bestimmt durfte sie nur mit Sonnenschutz rausgehen und musste immer darauf achten, dass sie sich nicht schmutzig machte. Mariella grinste, als das Mädchen sich hinunterbeugte, auf seine Fingerspitzen spuckte und einen Fleck von seinen Schuhen rieb. Dabei schimpfte es leise vor sich hin. Als das Mädchen aufschaute, zog Mariella den Kopf ein. Aber es war zu spät, man hatte sie entdeckt.

«Was gaffst du mich an?», fuhr sie Mariella an. Ihre Augen hatten eine ungewöhnlich helle Farbe. Sie waren silbrig grün, wie die Blätter des Olivenbaumes, hinter dessen Stamm Mariella sich versteckt hatte – und hinter dem sie nur zögernd hervortrat.

«Wen suchst du?» Nervös schob Mariella mit dem nackten Fuß einen Stein fort. Obwohl sie am liebsten weggeschaut hätte, hielt sie dem bohrenden Blick des Mädchens stand. Ihre Hände verbarg sie hinter dem Rücken, denn heute Morgen hatte sie Babbo im Garten geholfen und immer noch dunkle Ränder unter den Nägeln.

«Meinen Kater.»

«Dein Kater heißt Topolino? Mäuschen?»

Das Mädchen reckte das Kinn. «Er ist noch ein Baby. Hast du ihn gesehen?»

«Wie sieht er aus?»

«Er ist schwarz. Ganz schwarz. Bis auf einen kleinen weißen Fleck an der Nase. Ich muss ihn unbedingt finden. Er kennt sich hier nicht aus.»

«Ich kann dir helfen, ihn zu suchen!», rief Mariella. Die Schatten der Olivenbäume reichten noch nicht über den Pfad. Bis Babbo Antonio sie zum Abendessen rufen würde, hatte sie noch genug Zeit. Und ihr war langweilig. Im August fuhren alle, die ein paar Lire übrig hatten, ans Meer. Außer Babbo und ihr blieben nur alte Leute in Scala.

Das Mädchen nickte gnädig. Trotz der feinen Schuhe mit den kleinen Absätzen flitzte es überraschend schnell über den staubigen Pfad.

«Topolino! Topolino!!! Jetzt komm endlich her, du nutzloser Kater!», rief sie herrisch, aber Mariella hörte genau, dass sie Angst hatte. Sicherlich machte sie sich Sorgen um ihren Kater. Als eins ihrer Kaninchen vor ein paar Wochen aus seinem Gehege ausgebrochen war und Mariella gefürchtet hatte, der böse Hund der Nachbarin könnte es erwischen, hatte ihre Stimme ganz genauso hell geklungen.

«Wie heißt du?», fragte sie, um das Mädchen abzulenken.

«Francesca», antwortete die andere, während sie weiter angestrengt nach dem Kater Ausschau hielt. «Und du?» Es klang nicht so, als ob sie das wirklich interessierte.

«Mariella. Wohnst du in Ravello?»

«Ja. Meine Eltern, mein Bruder und ich sind vor zwei Wochen von Neapel hierhergezogen. Mein Vater verkauft jetzt Zitronen.» Sie verdrehte die Augen. «Ich wäre lieber in der Stadt geblieben. Wir hatten ein Haus an der Promenade, und von da aus konnte man auf den Vesuv schauen. Und meine beste Freundin Angela hat nur eine Straße weiter gewohnt.»

Mariella spürte, wie Francesca sie aus den Augenwinkeln begutachtete, und sie bereute es, dass sie nicht wenigstens ihre guten Sandalen angezogen hatte. Ihr rotes Trägerkleid hatte über dem Saum einen langen Riss.

«Und jetzt habt ihr kein schönes Haus?»

«Doch, natürlich. Aber hier gibt es nichts. Nur Zitronenbäume.»

Mariella ahnte jetzt, wer das Mädchen war. Bestimmt war ihr Vater Babbos neuer Chef. Nachdem der alte Giovanni Anfang August in den Ruhestand gegangen war, erntete ihr Vater von nun an für einen Mann namens Salvatore Forlani Zitronen. Die Forlanis waren in die Villa oberhalb von Ravello gezogen. Sie hatte Fenster, die bis zum Fußboden reichten, erzählte man sich im Dorf, und in jedem Zimmer einen Fernseher.

«Und du? Wohnst du auch in Ravello?», fragte Francesca und hob die Augenbrauen. Anders als die von Mariella wuchsen sie bei ihr nicht wild und störrisch, sondern lagen wie zarte Halbmonde über ihren Augen.

«Ich wohne in Scala.» Mit ausgestrecktem Arm deutete Mariella den Pfad hinauf. Dann versteckte sie die schmutzige Hand schnell wieder hinter ihrem Rücken. Unsicher stand sie da und bohrte ihren großen Zeh in den trockenen Boden, als ein klägliches Miauen sie aufschauen ließ. Es klang wie das Weinen eines Babys.

Francesca fuhr herum. «Topolino!» Ungeachtet ihres hübschen Kleides, stürzte sie sich in die stacheligen Büsche der Macchia, die sich rechts und links von ihnen ausbreitete. Mariella folgte ihr. Der durchdringende Geruch von Rosmarin, Thymian und Lorbeer schlug ihr entgegen. Doch statt des Katers stakste eine weiß-schwarze Ziege mit einer großen bimmelnden Kupferglocke um den Hals auf sie zu. Francesca schob das Tier ungehalten fort und kämpfte sich weiter durch das Dickicht.

Sie entdeckten ihn in der Krone eines ausladenden Olivenbaums, und obwohl er sich gut zwei Meter über ihren Köpfen befand, konnte Mariella sehen, dass das Tier am ganzen Körper zitterte. Auch Francescas Unterlippe bebte. «Topolino! Was machst du denn da oben?», rief sie. Mutlos schaute sie den dicken Stamm hinauf. Selbst die untersten Äste waren noch zu hoch, als dass sie danach hätte greifen können.

Mariella war fast einen Kopf größer. Und sie war eine gute Kletterin. Ohne lange nachzudenken, fasste sie nach einem Ast und stieß sich vom Boden ab. Ihre bloßen Füße fanden an der rauen Rinde Halt, und nur wenige Sekunden später stand sie aufrecht auf einem Ast und angelte mit einer Hand nach dem Kater. Mariella wunderte sich, dass ein Tier, das so winzig war, so laute Töne ausstoßen konnte. Topolino krallte sich mit aller Kraft an dem Ast fest, auf dem er saß, und Mariella musste tüchtig ziehen, bis er ihn endlich losließ. Sie presste das Tier an sich und hangelte sich den Baum hinunter.

«Danke!», sagte Francesca, als Mariella ihr den immer noch fauchenden Kater reichte. Von ihrer bestimmenden Art war nicht mehr viel übrig. «Topolino hat dich verletzt.» Sie zeigte auf Mariellas zerkratzte Hände.

«Nicht schlimm», wiegelte Mariella ab, obwohl die blutigen Schrammen wie Feuer brannten.

«Ich bringe ihn jetzt besser nach Hause», sagte Francesca mit Blick auf den kleinen Kater. Er hatte sich fest in den Stoff ihres Kleides gekrallt, aber sie verzog keine Miene. Dabei konnte sie seine Krallen bestimmt schmerzhaft auf ihrer Haut spüren. «Kommst du morgen wieder hierher? Wir könnten zusammen spielen.» Plötzlich wirkte sie verlegen.

Mariella biss sich auf die Unterlippe. Sie hätte so gerne ja gesagt. Aber was würde Babbo davon halten, wenn sie mit Salvatore Forlanis Tochter spielte? Er konnte seinen neuen Chef nicht leiden. «Diesem porco geht es nur ums Geld», hatte er schon mehr als ein Mal gezischt, und die Falten in seinem wettergegerbten Gesicht hatten sich vertieft. «Giovanni hat immer darauf geachtet, wohin er seine Zitronen verkauft. Aber dem feinen Herrn aus der Stadt ist es egal, wenn gelber Dreck daraus gemacht wird.»

Mariella überlegte, wie sie höflich ablehnen konnte, als sie eine laute Stimme hörte, die mindestens ebenso gebieterisch klang wie zuvor die von Francesca.

«Hier bist du!» Das erhitzte Gesicht eines Jungen erschien zwischen zwei Ginsterbüschen. Er war einen ganzen Kopf größer als Mariella und bestimmt zwei Jahre älter. Mit seinen weißen, knielangen Hosen und dem gebügelten dunkelblauen Hemd mit dem steifen Kragen war er genauso fein gekleidet wie Francesca, und er hatte die gleichen hellen Augen. Seine störrischen dunklen Locken trug er zur Seite gekämmt. Nur ganz oben an seinem Kopf standen sie ein wenig ab.

Er war schön, dachte Mariella, und sofort schämte sie sich wegen dieses albernen Gedankens. Jungen waren nicht schön. Sie waren laut, wild, angeberisch und machten nur Ärger, so wie die Jungs in ihrer Klasse.

«Mamma will mit uns nach Amalfi zum Baden fahren. Jetzt komm schon, sonst wird es zu spät dafür.» Er packte seine Schwester unsanft am Arm und zerrte sie hinter sich her. Mariella hatte er nicht einmal ins Gesicht gesehen.

Doch Francesca drehte sich nach ihr um. «Ciao!», rief sie ihr zu.

«Ciao!», antwortete Mariella, und ihre Lippen fügten lautlos hinzu: «A domani.» Bis morgen.

Der Wind hatte sich gedreht und kam nun vom Meer her. Er wehte den Geruch von Salz zu ihr herauf und den schweren Duft der Zitronenblüten. Die Hand schüchtern erhoben, blickte Mariella den Geschwistern nach, wie sie den Pfad hinunter nach Ravello zurückliefen.

1

Lena

«Frau Sievert! Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass Sie sich zum Rauchen auf die Terrasse hinausschieben lassen sollen?» Lena, die gerade ins Zimmer getreten war, riss das Fenster auf und sah die winzige Frau mit den rot gefärbten Locken und dem dramatischen dunklen Lippenstift auf den faltigen Lippen streng an. Sie griff unter das Kopfkissen und zog einen Aschenbecher hervor. Eine zerdrückte Zigarette lag darin, und mit Sicherheit hatte er nur wenige Sekunden zuvor noch auf dem Nachttisch gestanden. Frau Sievert musste das Geräusch ihrer Birkenstocksandalen auf dem Linoleum gehört haben. Obwohl ihre Sehkraft sie immer mehr verließ: Ohren hatte sie wie ein Luchs.

«Und nun? Wollen Sie mich rauswerfen?» Trotz ihrer 89 Jahre saß sie majestätisch und kerzengerade in ihrem Bett.

«Nein.» Lena zog einen Papierkorb heran und kippte Zigarette und Asche hinein. «Aber ich möchte, dass Sie endlich begreifen, dass Rauchen auf den Zimmern kein Kavaliersdelikt ist. Es geht um die Sicherheit der Hospizbewohner. So leicht kann etwas in Brand geraten.»

«Ja und?» Frau Sievert zuckte die Achseln. «Wir müssen sowieso alle sterben.»

Lena erwiderte den trotzigen Blick der alten Dame ungerührt. «Wenn Sie so uneinsichtig sind, werde ich Ihnen heute Morgen Ihre Fingernägel wohl nicht lackieren können. Zu schade!» Sie seufzte. «Dabei habe ich im Drogeriemarkt gestern so einen hübschen hellroten Ton gekauft. Er heißt Indian Rose. Wenn man den Frauenzeitschriften glauben kann, ist er diesen Sommer topaktuell.»

«Es tut mir leid.» Nun hatte sich doch ein Ansatz von Schuldbewusstsein in Frau Sieverts Stimme geschlichen. «Ich muss wohl für einen Augenblick vergessen haben, dass ich nicht zu Hause bin, sondern hier. Sie wissen ja, meine Altersdemenz …»

Lena hob belustigt den Zeigefinger. «Frau Sievert, Frau Sievert, Sie sind nicht dement, sondern ein ausgekochtes Schlitzohr. Genau wie Ihr Urenkel.»

Der siebzehnjährige Halbstarke mit den hautengen Jeans und der überlangen Ponypartie schmuggelte – entgegen den strengen Anweisungen des Pflegepersonals – einmal im Monat Doornkaat und anderen Schnaps ins Zimmer seiner Uroma. Wo der Junge das Zeug nur immer herbekam? Da Amrum so winzig war, dass sich hier jeder kannte, war es nicht anzunehmen, dass er es im Supermarkt oder an der Tankstelle erworben hatte. Vielleicht war er auf Helgoland oder einer der Nachbarinseln gewesen und hatte es von dort mitgebracht. Lenas jüngere Schwester Zoe und ihre Freunde hatten das auch immer gemacht.

Als Frau Sievert vor ein paar Monaten ins Haus Sanskiin (was auf Friesisch Sonnenschein bedeutete) gekommen war, hatte niemand damit gerechnet, dass sie Pfingsten noch erleben würde. Nun war es Anfang August, und Frau Sievert rauchte und trank und tyrannisierte die Schwestern genauso wie am Tag ihres Einzugs. Früher hatte Frau Sievert in Hamburg gelebt und war dort eine berühmte Theaterschauspielerin gewesen, bis ihre Tochter sie zum Sterben auf die Insel geholt hatte. Aber bisher trotzte sie allen Prognosen.

Lena setzte sich an ihr Bett und nahm ihre Hand. An fast jedem Finger trug die alte Frau einen klobigen goldenen Ring. Unter ihrer dünnen, von Altersflecken übersäten Haut zeichneten sich Sehnen und Adern dick wie Regenwürmer ab. Sie warf einen prüfenden Blick auf den abgeplatzten Nagellack und stieß einen tiefen Seufzer aus. «Eigentlich sollte ich nach Hause gehen und mich ins Bett legen, ich bin hundemüde. Aber so können Sie heute Morgen keinen Besuch empfangen. Wenn Sie mir hoch und heilig versprechen, sich künftig zum Rauchen auf die Terrasse hinausschieben zu lassen, will ich noch ein letztes Mal Gnade vor Recht ergehen lassen.»

«Ich bekomme Besuch! Wer kommt denn?» Die Augen der alten Frau leuchteten.

Lena zog ein Fläschchen Nagellackentferner und einen Wattebausch aus der Tasche ihres Schwesternkittels. «Herr Hinnerk hat sich angekündigt. Für zehn Uhr.» Der alte Herr kam mehrmals wöchentlich mit seinem Rollator vom nahe gelegenen Altenheim zum Hospiz herübergewackelt.

Frau Sieverts Augen wurden trüb. Lena sah ihr die Enttäuschung deutlich an. Obwohl sie sich über die Besuche ihres alten Verehrers freute, hatte sie darauf gehofft, ihre Tochter würde sich mal wieder bei ihr blicken lassen. Diese wohnte zwar kaum weiter weg als Herr Hinnerk, aber angeblich ließ ihr die Arbeit in ihrer Pension kaum Zeit, nach ihrer Mutter zu sehen. Doch Lena wusste, dass der eigentliche Grund ein ganz anderer war: Es gab nicht viele Menschen, die das Sterben aushalten konnten.

 

Nachdem Lena Frau Sievert die Nägel lackiert hatte – nicht ohne ihr noch einmal einzuschärfen, niemals wieder in ihrem Zimmer zu rauchen –, ging sie ins Schwesternzimmer. In dem kleinen Raum zwischen Küche und Putzkammer hängte sie ihren Kittel an den Haken, tauschte ihre weiße Hose gegen einen langen Rock und verabschiedete sich von Gritt, die zusammen mit ihr die Nachtschicht übernommen hatte.

Obwohl es mit dem Fahrrad oder dem Bus viel schneller ging, spazierte Lena bei gutem Wetter stets zu Fuß nach Hause. Ab neun Uhr füllte sich der Strand – vor allem in den Sommermonaten – dramatisch, aber um halb acht, wenn Lena ihren Heimweg antrat, waren nur wenige Menschen unterwegs, meist Spaziergänger mit Hunden. Nicht selten waren ihre Fußspuren sogar die ersten, die sich in den feuchten Sand gruben.

Trotz ihres dicken Strickmantels und des Schals, den sie sich in mehreren Lagen um den Hals gewickelt hatte, fröstelte sie, als sie mit forschen Schritten zum Deich marschierte. Es war noch nicht allzu lange her, dass das Pastellblau des Morgens die Schwärze der Nacht vertrieben hatte, und es war noch kühl. Erst auf Höhe des Quermarkenfeuers, als sie bestimmt schon fünfzehn Minuten unterwegs war, streifte sie ihre Schuhe ab und kletterte über die Dünen hinunter zum Strand. Am Nachmittag, wenn sie ausgeschlafen hatte, wollte sie mit ihrer neuesten Arbeit weitermachen: eine dreireihige Kette, deren Schmucksteine aus buntem Meerglas bestanden. Weiße und grüne Scherben fand sie ständig. Blaue Scherben dagegen waren echte Raritäten. Eine rote oder rosa Scherbe zu finden war fast schon wie ein Sechser im Lotto.

Schon von klein auf hatte es Lena fasziniert, am Meer entlangzugehen und im Spülsaum nach Treibgut zu suchen.

Ihre erste Scherbe hatte sie mit drei Jahren entdeckt. Da war sie gerade mit ihrem Papa vom Krabbenfischen zurückgekommen, und während er den Fang einholte und anschließend die Netze kontrollierte, hatte sie am Strand nach Muscheln gesucht. Auf einmal hatte ihr zwischen Algen und Steinen etwas Grünes entgegengeleuchtet. In der festen Überzeugung, einen kostbaren Edelstein gefunden zu haben, war sie zu ihrem Vater gelaufen. «Schau mal!», hatte sie gerufen und ihm andächtig ihren Schatz gezeigt. Doch er hatte nur ganz nüchtern erwidert: «Ach, das ist nur eine alte Glasscherbe. Nichts Besonderes. Wirf sie wieder ins Meer zurück!»

Nichts Besonderes! Lena hatte ihren Fund fassungslos betrachtet. Eine Scherbe, die aussah wie grünes Eis. Ihre Kanten waren von ihrem jahrelangen Bad im Salzwasser abgeschliffen. Wie konnte ein solcher Fund nichts Besonderes sein? Sie hatte die Scherbe aufgehoben und in die hölzerne Schatzkiste gesteckt, die sie zum Geburtstag bekommen hatte. Gezeigt hatte sie sie nach der enttäuschenden Reaktion ihres Vaters niemand mehr. Erst sechs Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, hatte sie angefangen, den Strand systematisch nach Scherben abzusuchen, um diese zu Schmuck zu verarbeiten.

Erst nachdem Lena schon eine ganze Weile den feuchten Sand abgesucht hatte, sah sie zwischen Algen und Muscheln etwas bräunlich schimmern. Sie bückte sich und grub eine daumennagelgroße braune Scherbe aus. Sie stammte von einer Bierflasche und konnte noch nicht lange im Wasser gelegen haben, denn sie hatte noch nicht die gefrostete Oberfläche, die Meerglas erst zu etwas ganz Besonderem machte. Schade! Heute würde sie wohl nichts mehr finden. Lena holte weit aus und warf die Scherbe in die Nordsee zurück.

Sie schlug den schmalen Pfad ein, der zwischen grasbewachsenen Dünen und einem lichten Birkenwäldchen hindurch nach Nebel führte. Nach der Trennung von Ole war sie wieder in das windschiefe Reetdachhäuschen gezogen, in dem sie aufgewachsen war und das sie sich mit ihrem Vater und ihrer Großmutter teilte.

Die Gedanken an ihr nächstes Schmuckstück nahmen sie so in Anspruch, dass sie den dunkelhaarigen Mann erst sah, als sie schon fast vor ihm stand. Er trug ein Shirt, das für die frühe Tageszeit viel zu dünn war, und Jeans mit Rissen an den Oberschenkeln. Mit seinem Fahrrad stand er ein wenig unentschlossen vor dem dicken, verwitterten Tau, das ihnen als Zaun diente und Haus und Garten von der Straße und der umliegenden Marschlandschaft trennte. In der rechten Hand hielt er einen Zettel.

«Kann ich Ihnen helfen?», fragte Lena.

2

Lena

Der Mann zuckte zusammen. Offensichtlich war er genauso in Gedanken vertieft gewesen wie sie. Wegen seiner fast schwarzen Haare und der gebräunten Haut hatte Lena zuerst vermutet, seine Augen seien ebenso dunkel, doch jetzt sah sie, dass sie von einem auffällig hellen, schimmernden Grüngrau waren. In ihrer Farbe erinnerten sie Lena an das Meer, wenn es am frühen Morgen vom ersten Licht des Tages beschienen wurde. Und er hatte unglaublich dichte, dunkle Wimpern. Der Mann kam ihr bekannt vor. Irgendwo war sie ihm schon einmal begegnet. Aber wo?

Auch er starrte sie an. Lena fiel es schwer, seinem intensiven Blick standzuhalten, und sie wiederholte ihre Frage noch einmal, dieses Mal langsamer: «Kann ich Ihnen helfen?»

Der Mann schüttelte sich kurz. Dann verzog sich sein Mund zu einem breiten Lächeln. «Das wäre schön», sagte er, und Lena horchte überrascht auf. Diesen Akzent und den melodischen Tonfall hatte sie schon lange nicht mehr gehört. Italiener verirrten sich nur sehr selten in den kühlen deutschen Norden. «Ich suche Strunwai Nummer sieben. Dort wohnt eine Familie Sanders.»

Lenas Herzschlag beschleunigte sich. «Sie wollen zu uns?», fragte sie verblüfft.

Auch der Mann hob seine dichten Augenbrauen. «Sie heißen Sanders?»

«Ja. Lena Sanders.» Obwohl es überhaupt keinen Grund dazu gab, spürte Lena, dass sie rot wurde.

«Ciao, ich bin Matteo. Matteo Forlani.» Wieder dieses gewinnende Lächeln. «Wohnen Sie hier?» Er zeigte auf das Reetdachhäuschen.

«Ja. Die Nummer sieben ist unsere Hausnummer. Nur ist das Schild beim letzten Wintersturm abgefallen, und wir vergessen ständig, es wieder zu befestigen. – Möchten Sie zu meinem Vater?» Obwohl Knut Sanders schon seit ein paar Jahren keine Ausflugsfahrten auf seinem Krabbenkutter mehr anbot, kamen hin und wieder noch Anfragen von Touristen. Auf irgendeiner Internetseite schien diese Information also noch zu stehen.

«Nein, ich … ich möchte …» Er zögerte, suchte offenbar nach Worten.

Oma Hilde kam, gefolgt von ihrem Dackel Friedhelm und mit einem Korb Eier in der Hand, aus dem Hühnerstall. «Huhu, Lenchen!» Sie winkte ihr zu.

Obwohl Lena diesen Kosenamen mochte, mit dem ihre Oma sie ansprach, seit sie ein ganz kleines Kind war, wurde sie ein wenig verlegen. Und auch wegen der voluminösen Hutkreation auf dem Kopf der alten Frau. Mit dem riesigen roten Ding, das die Form einer Blüte hatte, und ihrem schicken grauen Kostüm hätte sie auch ein Pferderennen in Ascot besuchen können. Nur die Gummistiefel, ebenso knallrot, passten nicht so recht ins Bild. Den Modegeschmack von Oma Hilde als exzentrisch zu beschreiben, wäre untertrieben.

Mit forschem Schritt kam sie anmarschiert. «Du hast jemand mitgebracht. Wie schön!», rief sie entzückt, und ihr Doppelkinn bebte dabei. Seit Lena sich von Ole getrennt hatte, war sie von der ständigen Angst verfolgt, ihre Enkelin könnte als alte Jungfer enden.

«Nein. Der Mann … er möchte nur …» Ihr fiel auf, dass er ihr immer noch nicht verraten hatte, was er eigentlich wollte. Sie sah ihn auffordernd an.

Matteo Forlani stopfte den Zettel hastig in die Gesäßtasche seiner ausgeblichenen Jeans. «Ich möchte Eier», stieß er hervor.

Lena hob fragend die Augenbrauen.

«Ich möchte Eier kaufen.» Er zeigte mit dem Kinn erst auf das Schild am Hühnerstall und dann auf den Korb in Oma Hildes Hand. «Ich habe gehört, Ihre Eier sind die besten auf der ganzen Insel.» Er straffte die Schultern und strahlte die alte Dame an.

«Von wem haben Sie das gehört?», fragte Lena.

«Lena!», sagte Oma Hilde mahnend. «Sei nicht so neugierig. Das ist doch ganz egal.» Sie strahlte zurück. «Wie schön, dass Sie von meinen Hühnern gehört haben! Das kommt von dem guten Futter, das sie bekommen. Alles bio! Ich hoffe, das hat man Ihnen auch erzählt.»

«Natürlich. Und ich habe gehört, dass Sie die Hühner massieren und Ihnen abends etwas vorsingen», erklärte Matteo Forlani ernsthaft.

«Wirklich?» Nun wirkte Oma Hilde irritiert.

«Nein, war nur Spaß.» Er grinste.

«Sie Scherzbold! Eine alte Frau wie mich so zum Narren zu halten!» Sie schlug ihm in gespielter Empörung mit den Fingerspitzen auf den Oberarm. «Ich hätte es Ihnen fast geglaubt. Kommen Sie rein. Ich muss zwar gleich in meinen Laden, aber ein bisschen Zeit habe ich noch.»

Oma Hilde nahm ihn einfach mit ins Haus?! Lena runzelte die Stirn. Sie hätte ihm die Eier doch auch rausbringen können! Oma Hilde war viel zu vertrauensselig. Erst vor ein paar Wochen hatte Lena sie mit zwei Zeugen Jehovas am Küchentisch vorgefunden, als sie von der Arbeit heimgekommen war. Mit Hilfe von ein paar Schnäpsen hatte sie versucht, die Männer zum Katholizismus zu bekehren.

Obwohl Lena im Grunde nur noch ins Bett wollte, folgte sie ihrer Oma und dem Fremden in die Küche. Schließlich war es ihre Pflicht, sich persönlich davon zu überzeugen, dass Oma Hilde nicht Opfer eines Raubmörders wurde.

Schon im Flur strömte Lena – neben dem Geruch von frisch gekochtem Kaffee – ein köstlicher Kuchenduft entgegen. Neben einer Friesentorte stand ein frischer Marmorkuchen zum Auskühlen auf der Anrichte.

«Das riecht sehr gut!», sagte Matteo Forlani anerkennend. Dabei ließ er den Blick durch die Küche schweifen, als würde er etwas suchen.

Oma Hilde lächelte geschmeichelt. «Ich feiere morgen meinen Geburtstag.» Sie holte aus dem Küchenschrank einen Eierkarton.

«Wie alt werden Sie?»

«Achtzig.»

«Non è vero!» Matteo Forlanis meergrüne Augen wurden groß. «Ich dachte, Sie sind erst fünfundsechzig! Höchstens.»

Lena konnte sich ein Lachen nicht verkneifen angesichts dieser offensichtlichen Schmeichelei. Die war auch Oma Hilde nicht entgangen.

«Sie übertreiben maßlos, junger Mann», sagte sie streng. Trotzdem war ihr Teint rosa geworden.

«No, no, ich meine es ernst. Bestimmt haben Sie viele Verehrer», sagte er charmant. Lena merkte ihm jedoch an, dass er nicht ganz bei der Sache war.

Oma Hilde fiel das nicht auf. «Viele nicht. Aber ein paar Interessenten gab es schon», sagte sie würdevoll. «Als mein Wilko mich verlassen hat, war ich erst Ende fünfzig.»

«Machen Sie eigentlich Urlaub auf Amrum?», fragte Lena. Sie zerbrach sich immer noch den Kopf darüber, wo sie diesen Mann schon einmal gesehen hatte.

«Ja, Urlaub, genau», sagte Matteo Forlani eine Spur zu schnell. «Viel Stress bei der Arbeit und so.» Er machte eine vage Handbewegung.

«Was machen Sie denn beruflich?», wollte Oma Hilde prompt wissen.

«Ich bin dottore! Für Kinder.»

Kinderarzt! Damit hatte Lena nicht gerechnet. Eher mit Eisverkäufer, Sänger, Pizzabäcker, Rettungsschwimmer … Beschämend, was für Klischees sie im Kopf hatte!

Noch peinlicher war jedoch das, was Oma Hilde jetzt sagte. «Ach!», trompetete sie los. «Das trifft sich ja gut. Meine Enkelin ist Krankenschwester.»

«Oma!», rief Lena empört. Oma Hilde war wirklich unmöglich.

Aber Matteo Forlani lachte nur. Ihn schien etwas anderes viel mehr zu beschäftigen. Noch immer wanderte sein Blick suchend umher.

Jetzt hatte auch Oma Hilde das bemerkt. «Wie viele möchten Sie denn?», kam sie widerwillig auf den eigentlichen Anlass seines Besuchs zu sprechen.

Matteo Forlani war es anscheinend entfallen, denn er fragte verwirrt: «Was meinen Sie?»

Oma Hildes linke Augenbraue schnellte in die Höhe. «Na, wie viele Eier, mein Junge. Was sonst?»

«Claro! Sechs. Sechs sind genug.»

«Ich gehe und hole sie Ihnen. Ich finde, sie sind besser, wenn sie nicht ganz frisch aus dem Stall kommen.» Oma Hilde verschwand in Richtung Hauswirtschaftsraum.

«Möchten Sie einen Kaffee?», erkundigte sich Lena. Dass sie auf einmal mit Matteo Forlani allein war, machte sie nervös.

«Gerne.» Er trat näher an das Foto heran, das über dem Esstisch hing.

Ein bunter Fallschirm war darauf zu sehen, an dem eine kleine schwarze Gestalt hing, und der Himmel war von einem unglaublich intensiven, tiefen Blau.

«Sind Sie das auf dem Foto?»

«Nein, meine Schwester.» Lena nahm die Kanne aus der Kaffeemaschine.

«Ich würde auch gerne mal Fallschirm springen.» Matteo Forlani lächelte und richtete seine Aufmerksamkeit noch einmal auf das Bild.

Das wiederum gab Lena die Möglichkeit, ihn ein wenig näher zu betrachten. Er sah gut aus. Nicht klassisch schön, dazu war sein Gesicht eine Spur zu kantig, die Nase etwas zu breit. Aber er hatte etwas Besonderes an sich. Die dunklen Haare. Die seltsam hellen grünen Augen. Die hohen Wangenknochen, neben denen sich bereits wieder ein Schatten zeigte, obwohl er sich bestimmt heute Morgen erst rasiert hatte. Seine Unterlippe war ein bisschen breiter als die Oberlippe, was ihm ein leicht schmollendes Aussehen verlieh …

Auf einmal schaute er Lena direkt an. «Das ist ein wirklich schönes Foto!», sagte er.

Und das sind wirklich schöne Augen!, dachte Lena, und plötzlich waren da eine ganze Menge Schmetterlinge in ihrem Bauch. Lena hatte gedacht, die seien längst weggeflogen. In wärmere Gegenden …

Das Nächste, was sie spürte, war ein stechender Schmerz. Sie schrie auf und griff sich an die Hand. Die Kaffeekanne fiel auf den Küchenboden und zerbrach dort klirrend.

«Schnell! Sie müssen das kühlen.» Matteo Forlani zog sie über die Scherben hinweg zur Spüle.

Weil Lena immer noch wie paralysiert auf die rote Stelle an ihrem Unterarm starrte, schob er den Ärmel ihres Wollmantels nach oben, drehte den Hahn auf und hielt ihre Hand unter das Wasser. Es war kalt und tat im ersten Moment so weh, dass sie nach Luft schnappte. Erst jetzt realisierte Lena so richtig, was passiert war: Sie war so in Matteo Forlanis Augen versunken gewesen, dass sie den heißen Kaffee über ihren Handrücken anstatt in die Tasse gegossen hatte. Peinlich! Sie musste ihn angeschmachtet haben wie ein Teenagermädchen.

«Es geht schon wieder. Ich muss die Scherben wegkehren.» Betreten wollte sie ihre Hand unter dem Wasserstrahl wegziehen, doch Matteo Forlani ließ es nicht zu.

«Warten Sie noch einen Augenblick!»

Wieder schaute er ihr in die Augen, und auf einmal fühlte sie nicht mehr den pochenden Schmerz, der ihr gerade noch den Atem geraubt hatte, sondern nur noch den sanften und doch festen Druck seiner Finger auf ihrer Haut und seinen Atem, der sie warm an der Schläfe traf. Er stand so dicht vor ihr, dass sie die winzigen goldenen Sprenkel in seinen graugrünen Augen sehen konnte und den kleinen runden Leberfleck unter der rechten Augenbraue. Seine Lippen waren leicht geöffnet …

«Ach du liebe Güte! Was ist denn hier passiert?», rief Oma Hilde, die mit einer Palette Eier in die Küche zurückkehrte.

Matteo Forlani ließ ihre Hand abrupt los. «Ihre Enkelin … der Kaffee», begann er.

«Mir ist die Kanne aus der Hand gefallen, und ich habe mich verbrannt», beendete Lena den Satz und trat hastig einen Schritt zurück.

Oma Hilde schaute ein paarmal zwischen Lena und Matteo Forlani hin und her. «Dir ist die Kanne aus der Hand gefallen? Einfach so?»

Nein! Nicht einfach so. Lena nickte.

«Lass mal sehen!» Oma Hilde warf einen Blick auf ihre Hand. «Ich hole dir eine Brandsalbe und einen Verband.»

Lena schüttelte den Kopf. «Fürs Erste reicht mir ein nasses Handtuch.» Sie war immer noch total durcheinander. Auf gar keinen Fall wollte sie schon wieder mit Matteo Forlani allein sein. Schnell zerrte sie mit ihrer unverletzten Hand ein Geschirrtuch vom Haken und hielt es unter den Wasserstrahl. Dann presste sie es auf die verbrannte Haut. Hoffentlich bescherte es ihr auch an anderen Körperstellen Abkühlung! Garantiert hatte ihr Kopf die Farbe von Oma Hildes Gummistiefeln angenommen.

«Es geht schon wieder!», sagte sie zu ihrer Großmutter, und als diese nicht aufhörte, sie zu mustern, setzte sie nach: «Wirklich! Und ich muss es wissen, ich bin schließlich Krankenschwester.»

«Auf dem Weg hierher bin ich an einer großen Klinik vorbeigekommen. Arbeiten Sie dort?» Matteo Forlani schien ebenso erpicht darauf wie sie, das Gespräch von dem Zwischenfall wegzubringen.

«Nein, ich arbeite in einem Hospiz in Norddorf», antwortete sie. «Ich kümmere mich um Menschen, die sterben müssen», fügte sie auf Italienisch hinzu, als er fragend die Stirn runzelte.

«Sie sprechen italienisch!», rief er erfreut. Alle Verlegenheit war fort, und er sah auf einmal so glücklich aus wie Dackel Friedhelm, wenn er vollkommen unerwartet ein besonders saftiges Stück vom Sonntagsbraten abbekam. «Wie kommt es, dass Sie meine Muttersprache beherrschen?»

«Meine Mutter war Italienerin. Ich bin zweisprachig aufgewachsen», erklärte Lena.

Das Lächeln verschwand von seinem Gesicht so schnell, wie es gekommen war. «War?»

«Ja. Sie ist schon lange tot.»

«Was ist mit ihr passiert?», brach es aus ihm heraus.

Da Lena über seine heftige Reaktion zu verdutzt war, um gleich zu antworten, tat es Oma Hilde für sie. «Unsere Mariella ist vor fast zwanzig Jahren im Meer hinausgeschwommen und niemals zurückgekehrt. Ein schreckliches Unglück. Aber davon lassen wir Inselfrauen uns nicht unterkriegen, nicht wahr, Lenchen?» Sie tätschelte Lena die Hand. «Ist was mit Ihnen?» Sie merkte wohl jetzt erst, wie blass Matteo Forlani unter seiner Sonnenbräune geworden war.

«No, no. Das tut mir nur so leid für Ihre Familie. Und …», er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, «ich muss los. Ich hatte ganz vergessen, dass ich noch verabredet bin. Wie viel bekommen Sie für die Eier?»

«Einen Euro fünfzig», sagte Oma Hilde. Sie schien über diesen plötzlichen Aufbruch genauso verwundert zu sein wie Lena.

Matteo Forlani zog die Geldbörse aus der Gesäßtasche seiner Jeans, reichte ihr ein paar Münzen und griff nach dem Eierkarton.

«Warten Sie, ich bringe Sie noch zur Tür», rief Oma Hilde.

Doch er hatte bereits mit schnellen Schritten den Hausflur durchquert und war auf dem Weg nach draußen. Dort schwang er sich auf sein Fahrrad, das er vor der Gartentür auf dem Gehweg abgestellt hatte.

«Ciao! Und denken Sie daran, die Brandsalbe aufzutragen», rief er Lena noch einmal zu, bevor er mit dem Eierkarton in der Hand etwas wacklig, aber in rasantem Tempo davonradelte. Das Schild mit der Aufschrift «Hotel Weiße Düne», das seitlich am Gepäckträger befestigt war, klapperte im Wind.

«Ich hätte ihm auch eine Tüte gegeben, wenn er mich danach gefragt hätte!», sagte Oma Hilde, die auf ihren kurzen dicken Beinen den Garten ein wenig später als Lena erreichte. Sie sah dem Italiener nach. «Ob ihm das ganze Gerede über tote Menschen zu viel wurde? Dein Opa tot, deine Mutter tot, du arbeitest in einem Hospiz … Vielleicht hatte er Angst, sich anzustecken.» Sie zuckte die Achseln. «Nun ja. Ich sollte mich jetzt auf den Weg zum Laden machen. Und heute Nachmittag muss ich noch ein Blech Donauwellen und einen Streuselkuchen backen. Achtzig Jahre. Ist das denn zu fassen? Wo ist nur die Zeit geblieben?»

3

Lena

Gleich halb eins, stellte Lena mit Blick auf ihren Radiowecker fest. Zumindest für ein paar Stunden war sie also doch noch zur Ruhe gekommen! Gerechnet hatte sie nicht damit, denn obwohl sie die ganze Nacht auf den Beinen gewesen war, hatte sie sich lange Zeit ruhelos hin und her gewälzt. Und das lag nicht an ihrer schmerzenden Hand. Matteo Forlani war ihr einfach nicht aus dem Kopf gegangen. Auch nach dem Aufwachen galt ihr erster Gedanke seinem Besuch.

War er nur bei ihnen zu Hause aufgetaucht, um Eier zu kaufen? Mittlerweile konnte Lena sich das wirklich nicht mehr vorstellen. Schließlich wohnte er in der Weißen Düne. Das Hotel lag fast fünf Kilometer von Nebel entfernt in Wittdün. Jeder Supermarkt und jeder Bauer hatte dort Eier im Angebot, auch in Bioqualität. Außerdem, das wusste Lena, war das Frühstück in den Zimmerpreisen des Hotels inbegriffen.

Aber was hatte er dann bei ihnen gewollt? Und wieso war er so plötzlich wieder verschwunden? Waren sie sich im Laufe seines Urlaubs vielleicht doch schon einmal begegnet, sie war ihm aufgefallen, er hatte herausgefunden, wo sie wohnte …? Allein dieser Gedanke reichte aus, um die Schmetterlinge in ihrem Bauch Loopings schlagen zu lassen. Dabei war sie noch nie der schwärmerische Typ gewesen. Lena schüttelte energisch den Kopf, um diesem Tagtraum Einhalt zu gebieten. Dass sich das Interesse des Italieners nicht nur auf sie beschränkte, sondern alle Frauen betraf, war offensichtlich. Sonst hätte er wohl kaum so schamlos mit Oma Hilde geflirtet … Auch für die Vertrautheit, die sie ihm gegenüber verspürt hatte, gab es eine ganz logische Erklärung: Er erinnerte sie an ihre Mutter. Zwar hatte Mariella dunkle Augen gehabt und keine hellen, aber auch ihre Haare waren gelockt und fast schwarz gewesen, und sie hatte im gleichen melodischen Tonfall gesprochen.

Dass er so hartnäckig durch ihre Gedanken spukte, lag allein an den seltsamen Umständen seines morgendlichen Besuchs. Und denen würde sie nun auf den Grund gehen. Entschlossen stemmte sie sich hoch und schwang die Beine über die Bettkante.

Nachdem Lena den Verband gewechselt hatte – mittlerweile hatte sich eine große Brandblase auf der Haut gebildet –, schlüpfte sie in einen weißen Rock und das leuchtend blaue Shirt, das so gut zu ihren Augen passte. Sie hängte sich eine lange Kette aus weißen und blauen Meerglassteinen um den Hals, holte ihre Sandalen aus dem Schuhschrank und machte sich auf den Weg. Mit dem Fahrrad dauerte es viel länger bis nach Wittdün als mit dem Auto. Doch Lena hatte die Hoffnung, dass ihr auf der etwa zwanzigminütigen Fahrt in das Inseldorf eine einleuchtende Erklärung einfiel, warum sie den jungen Mann noch einmal sehen musste. Vielleicht konnte sie behaupten, dass sie ihren nächsten Urlaub in Italien verbringen wollte, und ihn um ein paar Reisetipps bitten. Das klang zwar an den Haaren herbeigezogen, war aber auch nicht unwahrscheinlicher, als dass jemand fünf Kilometer über eine Insel radelte, um Eier zu kaufen. Jemand, der in einem Hotel wohnte … Am besten wäre es natürlich, ihm zufällig über den Weg zu laufen.

Doch diese Hoffnung zerschlug sich. Obwohl Lena in jedem Café von Wittdün nachsah und den kompletten Strand ablief, traf sie den Italiener nicht. Also musste ihre Notlüge zum Einsatz kommen. Ernüchtert stellte sie ihr Rad vor der Weißen Düne ab.

Der Empfang war nicht besetzt, aber nachdem sie einmal geklingelt hatte, erschien Gesa Krayenborg. Ihre ehemalige Klassenkameradin hatte in Hamburg in einem noblen Hotel eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht und war vor kurzem auf die Insel zurückgekehrt, um ihren Eltern den Sommer über zur Hand zu gehen.

«Lena! Wie schön, dich zu sehen! Was führt dich zu uns?», fragte Gesa freundlich. Ihre langen Haare waren einer schicken Kurzhaarfrisur gewichen. Ihre Gesichtshaut lag unter einer dicken Make-up-Schicht versteckt. Außerdem hatte sie mindestens zehn Kilo abgenommen, und statt Jeans und T-Shirt trug sie nun einen streng geschnittenen Hosenanzug. Lena erkannte ihre Sandkastenfreundin kaum wieder.

«Ja … also …», druckste sie etwas herum, bevor sie sich dazu entschied, ohne Umschweife zum Punkt zu kommen. Sie schuldete Gesa schließlich keine Erklärung. «Ich möchte zu einem eurer Gäste. Er heißt Matteo Forlani. Kannst du nachschauen, ob er auf seinem Zimmer ist?»

«Du möchtest zu dem Italiener!» Gesas Lippen kräuselten sich. Allerdings nur kurz, dann wurde ihre Miene wieder professionell. «Tut mir leid. Er ist abgereist.»

«Was?» Lena fiel die Kinnlade herunter. «Wieso …?»

Gesa zuckte mit den Schultern. «Mich hat es auch gewundert. Er ist schließlich erst gestern Abend angekommen.»

«Gestern Abend erst, wirklich?» Dann konnte sie ihm vor seinem Besuch unmöglich begegnet sein. Sie hatte gearbeitet.

«Ja, natürlich. Warum sollte ich dich anlügen?», fragte Gesa verstimmt.

«Natürlich denke ich das nicht, ich bin nur so … enttäuscht», beeilte sich Lena zu versichern. «Ich … Wir waren heute eigentlich verabredet.»

Gesa war besänftigt. «Seltsam! Das Zimmer hat er bis morgen bezahlt. Aber dann kam er vorhin auf einmal zu mir und sagte, er müsse nach Italien zurück. Wegen einer dringenden Familienangelegenheit. Bist du sicher, dass er dich nicht angerufen und abgesagt hat?»

Lena nickte. «Wann genau hat er ausgecheckt?», erkundigte sie sich drängend. Wenn er die Zwölf-Uhr-Fähre verpasst hatte, musste er noch auf der Insel sein. Die nächste lief erst um drei Uhr zum Festland aus.

Sie überlegte kurz. «Um zehn, schätze ich. Meine Mutter hatte gerade angefangen, das Frühstücksbuffet abzuräumen.»

Lena stieß enttäuscht die Luft aus. Dann hatte er die Fähre garantiert bekommen! Er war also fort. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle.

«Ich fand ihn auch sehr nett», sagte Gesa, um sie zu trösten.

Lena lächelte gezwungen. Sie verabschiedete sich von Gesa und verließ das Hotel. Als sie schon auf dem Fahrrad saß, hörte sie auf einmal jemand ihren Namen rufen. Sie blickte sich suchend um und sah Marle, eine Freundin von Oma Hilde, hinter einer Hausecke.

«Lena!», rief die alte Frau noch einmal leise und winkte sie zu sich.

Lena runzelte die Stirn. Warum tat Marle denn so geheimnisvoll? Sie stieg vom Fahrrad und ging zu ihr.

Die alte Frau packte sie am Arm. «Ich habe gesehen, wie du mit der jungen Chefin gesprochen hast», flüsterte sie und zog Lena in den Fahrradkeller.

«Geht es um Oma Hildes Geburtstag?»

Marle schüttelte den Kopf. Die alte Frau war blass, und ihre hellblauen Augen blickten hektisch umher. «Nein, um einen der Gäste.» Lenas Herz machte einen überraschten Hüpfer. Um Matteo Forlani?

«Was ist mit diesem Gast?», fragte sie mit trockenem Mund.

«Er hat etwas in seinem Zimmer liegen lassen», flüsterte Marle weiter. «Ich habe gerade überlegt, was ich damit mache, da habe ich dich gesehen … Es …» Sie zögerte kurz, bevor sie tief Luft holte und hervorstieß: «Komm am besten mit und schau es dir an. Aber psst!» Marle legte einen Zeigefinger an die faltigen Lippen. «Die junge Chefin wäre nicht begeistert, wenn sie mitkriegt, dass ich jemand in die Zimmer lasse.»

Nervös folgte Lena der winzigen, dürren Frau durch den Fahrradkeller ins Hotel. Mit dem Aufzug fuhren sie in den zweiten Stock hinauf. Vor einer weiß gestrichenen Zimmertür am Ende des Ganges blieben sie stehen. Marle schaute sich kurz um. Dann schloss sie die Tür auf und hinter ihnen gleich wieder zu.

«Und jetzt?», fragte Lena.

Statt einer Antwort drückte die alte Frau Lena in einen Sessel und reichte ihr die braune Ledermappe, die neben dem Telefon auf dem Schreibtisch gelegen hatte.

Lena warf einen kurzen Blick darauf. «Das ist die Mappe mit den Hotelinfos», sagte sie enttäuscht. «Was soll ich damit?» War Marle verrückt geworden?

Für einen Moment verzogen sich Marles Lippen zu einem listigen Lächeln. Dann wurde sie wieder ernst. «Ja, das habe ich auch zuerst gedacht.» Sie nickte. «Deshalb wurden die Mappen wohl auch vertauscht.»

Vertauscht? Lena klappte das lederne Deckblatt um. Tatsächlich! Das hier war nicht der Ordner, der die Gäste darüber informierte, wann es Frühstück gab und zu welchen Zeiten die Sauna geöffnet hatte. Zwar gab es eine Ringbuchhalterung aus Metall, aber die darin eingehefteten Blätter waren unbeschriftet. Lena überprüfte es, indem sie die Mappe fahrig durchblätterte. Außerdem gab es Fächer für EC-Karten, zwei Stiftehalterungen für Kugelschreiber und ein Netzfach. Polaroidfotos steckten darin. Lena sah Marle an. Die alte Frau nickte ihr zu. Mit zittrigen Fingern öffnete Lena den Reißverschluss und zog die Fotos heraus. Dann stieß sie einen unterdrückten Schrei aus. Gut, dass sie saß. An eine weiße Steinmauer gelehnt, vor einem azurblauen Himmel, stand ihre Mutter.

4

Mariella – Ravello, September 1972

Mariella hätte nicht gedacht, dass sie sich jemals darauf freuen würde, dass die Schule wieder anfing. Aber als sie die Tür des Eingangsportals öffnete und der Klang heller Stimmen sie empfing, empfand sie Erleichterung darüber, dass die schreckliche Langeweile der vergangenen Wochen endlich vorbei war. Am Anfang der Ferien hatte sie es noch genossen, nichts lernen zu müssen. Sie hatte im Garten gelegen und gelesen. Sie war mit der Staffelei, die Babbo Antonio ihr aus ein paar Holzstreben gebaut hatte, durch das Dorf und die Macchia gezogen und hatte alles gemalt, was ihr vor den Pinsel kam. Sie hatte mit ihren Kaninchen gespielt. Ferula, die Babbo seit Mammas Tod im Haushalt half und für sie kochte, hatte ihr das Töpfern beigebracht. Und sie hatte Limoncello gekocht. Das Rezept stammte von der Nonna ihrer Mamma, und es war sehr gut. Zumindest sagte das jeder im Dorf. Nur ihr Vater fand es noch nicht gut genug. Schon als ihre Mutter noch gelebt hatte, hatten die beiden ständig versucht, es zu verbessern. Sie hatten das Mischverhältnis von Zucker, Wasser und Alkohol geändert oder die Zitronenschalen unterschiedlich lange im Alkohol ziehen lassen, aber richtig zufrieden waren sie nie gewesen. Seit Mammas Tod experimentierte Babbo noch viel fleißiger damit, und manchmal half Mariella ihm dabei.

«In den Ferien bist du viel zu oft allein oder mit uns alten Leuten zusammen», hatte Babbo erst vor ein paar Tagen zu ihr gesagt. Da hatte sie neben ihm an der Küchenanrichte gestanden und die dicken Zitronenschalen in hauchzarte Scheiben gehobelt.

Auch Mariella war froh, wieder mit Kindern spielen zu können.

Zum Glück war Dorota, ihre beste Freundin, gestern von ihrer Nonna aus Sorrent zurückgekommen. Freudestrahlend lief Mariella auf sie zu und begrüßte sie. Doch Dorota war nicht richtig bei der Sache.

«Schau mal!», sagte sie, nachdem sie Mariella umarmt hatte. Sie zeigte auf eine blasse, ganz in Weiß gekleidete Frau, die sich mit dem Lehrer, Signor Ferrari, unterhielt. Ihre glatten blonden Haare waren im Nacken zu einem vornehmen Knoten geschlungen. Neben ihr standen zwei Kinder, die beide ebenso fein aussahen wie sie. Mariellas Herzschlag geriet ins Stocken. Da waren das Mädchen und der Junge, denen sie vor ein paar Wochen auf dem Treppenweg begegnet war!

Den ganzen nächsten Tag hatte sie sich dort herumgedrückt, trotz der staubigen Hitze, um die Tochter von Salvatore Forlani noch einmal zu treffen. Aber als es Abend wurde und der Glockenturm von Ravello sie mit sieben dumpfen Schlägen ermahnte, sich auf den Heimweg zu machen, hatte sie sich eingestanden, dass Francesca Forlani nicht mehr kommen würde. Dass sie vermutlich nie vorgehabt hatte zu kommen. Die Enttäuschung und der Groll, die sich in den darauffolgenden Tagen in ihr angestaut hatten, brodelten jetzt erneut in ihr auf.

Mariella senkte den Kopf und ließ sich die langen Haare vors Gesicht fallen, damit das Mädchen sie nicht erkannte. Doch ihr Lehrer hatte sie bemerkt. «Mariella!», rief er, und als Mariella nicht reagierte, rief er noch einmal schärfer: «Mariella, komm her!»

Nur widerwillig gehorchte sie.

«Wir haben eine neue Mitschülerin in unserer Klasse. Sie heißt Francesca Forlani», erklärte er ihr, während sie den Blick starr auf seinen Hemdkragen gerichtet hielt, um weder ihm noch den Kindern oder ihrer vornehmen Mutter in die Augen sehen zu müssen. Neben ihr hörte sie Dorota nach Luft schnappen. Auch ihr Vater arbeitete für Salvatore Forlani. «Bitte zeig Francesca das Klassenzimmer!»

Mariella nickte schweigend. Dabei traf ihr Blick den des Jungen. Er schaute weg.

Sie wandte sich brüsk zum Gehen, und nur das Klappern der Absätze feiner Schuhe in ihrem Rücken verriet ihr, dass nicht nur Dorota, sondern auch Francesca ihr folgte. Kurz bevor Mariella das Klassenzimmer erreichte, wurden die klappernden Schritte auf einmal schneller. Leuchtend rote Lackschuhe tauchten neben ihren braunen Sandalen auf. Eine weiche Hand berührte sie am Arm.

«Es tut mir leid, dass ich nicht gekommen bin», flüsterte Francesca ein wenig atemlos. «Mamma ist mit mir und Alfi nach Neapel gefahren. Zu unserer Tante. Meine Mutter langweilt sich so in Ravello.»

Mariellas Herz begann heftig zu schlagen. Das Mädchen hatte doch mit ihr spielen wollen! Und nun wusste sie auch den Namen des Jungen. Er hieß Alfi.

Als Mariella mit Francesca und Dorota das Klassenzimmer betrat, verstummte das fröhliche Geplapper schlagartig. Mariella wäre angesichts der vielen forschenden Blicke bestimmt tiefrot angelaufen, doch Francesca hielt den Blicken ihrer neuen Klassenkameraden mit hocherhobenem Kopf stand.

«Wo sitzt du?», fragte sie Mariella in gebieterischem Ton.

Überrumpelt zeigte sie auf eine Bank an der Fensterseite des Zimmers.

«Da ist aber schon mein Platz», protestierte Dorota.

Francesca beachtete sie nicht, sondern steuerte unbeirrt die Bank an und legte dort ihre lederne Schultasche auf die Tischplatte.

Mariella zuckte hilflos mit den Schultern.

«Aber …», begann Dorota noch einmal, doch da erschien schon Signor Ferrari.

«Neben Rebecca ist noch ein Platz frei», sagte er, ohne Dorotas Murren weitere Beachtung zu schenken.

Mit finsterem Blick ließ sich Dorota neben dem dicklichen Mädchen nieder. In Rebeccas Haus wohnten mindestens zwanzig Katzen, und aufgrund des seltsamen Geruchs, der sie immer umgab, wollte niemand aus der Klasse neben ihr sitzen.

Signor Ferrari stellte Francesca den anderen Kindern vor. Dann teilte er die neuen Lehrbücher und den Stundenplan aus und begann mit dem Unterricht.

Während Mariella versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was der Lehrer ihnen über einen Maler namens Botticelli erzählte, der ein Bild gemalt hatte, auf dem eine nackte Frau in einer großen Muschel zu sehen war, schob Francesca ihr einen Zettel zu.

 

Um vier am Treppenweg? Dieses Mal komme ich bestimmt, stand darauf.

In Mariellas Magen breitete sich ein warmes Gefühl aus. Die gekränkten Blicke, die Dorota ihr zuwarf, beachtete sie nicht.

 

Nach der Schule lief sie gut gelaunt nach Hause. Sie konnte es gar nicht abwarten, bis es endlich vier Uhr war. Babbo hatte heute frei. Durch das Küchenfenster sah sie, wie er mit hochgekrempelten Ärmeln am Herd stand und in dem riesigen, gusseisernen Topf rührte, der noch von Mariellas Nonna stammte. Dabei pfiff er vergnügt vor sich hin.

Mariella betrat die Küche. Der Geruch von Alkohol und Zitronen war betäubend. Sie begrüßte Babbo, der sich schwungvoll mit einem Holzlöffel in der Hand nach ihr umdrehte.

«Ich habe es herausgefunden», sagte er und grinste dabei so breit, dass Mariella beinahe seine Backenzähne sehen konnte. «Ich weiß jetzt, wie ich das Limoncello-Rezept deiner Nonna noch besser machen kann. Ich muss die Zitronenschalen in Wein anstatt in Korn ziehen lassen. Da hätte ich schon längst draufkommen können. Probier mal!» Er tauchte den Löffel in die gelbe, brodelnde Flüssigkeit und hielt ihn ihr hin.

Mariella verzog das Gesicht. «Babbo, ich bin erst zwölf.»

«Stimmt! Das habe ich bestimmt nur vergessen, weil du schon wie eine richtige junge Dame aussiehst.» Er wirbelte sie herum. An seinem süßen Atem merkte Mariella, dass er schon ziemlich viel Limoncello probiert hatte. Er ließ sie wieder auf den Boden gleiten. «Schade, dass deine Mamma das nicht mehr erlebt», sagte er. «Sie hat immer davon geträumt, hier in Scala ein kleines Geschäft zu haben, in dem sie Limoncello an die Touristen verkauft. So wie Ferula es mit ihren Töpferwaren und Handarbeiten macht.»

Das wusste Mariella natürlich, aber sie hörte Babbo trotzdem gerne zu. Nach Mammas Tod hatte er nie mehr so viel am Stück mit ihr gesprochen. Er packte sie an den Schultern und sah sie ernst an. «Vielleicht tue ich das jetzt für sie.» Sein Gesicht sah erhitzt aus, und seine braunen Augen strahlten. «Irgendwann eröffne ich das Geschäft. Dann bin ich mein eigener Herr und muss mich nie wieder für solche porcos wie Salvatore Forlani abplagen.»

5

Lena

Mariella konnte auf dem Bild nicht älter als achtzehn sein. Ihr Gesicht war runder, als Lena es in Erinnerung hatte. Die Züge wirkten weicher. Strahlend lächelte ihre Mutter in die Kamera. Es war kein aufgesetztes Lächeln, sondern ein echtes, das aus einem Moment absoluter Unbeschwertheit heraus entstanden sein musste und das ihr ganzes Gesicht erhellte. Sie sah aus, als ob sie sich über etwas köstlich amüsierte.

Lena betrachtete das nächste Foto. Es zeigte ein paar Zitronenbäume. Schwer und prall hingen die Früchte von den Zweigen. Mariella stand mit halbgeschlossenen Augen davor und tat so, als würde sie an einer kleinen weißen Blüte riechen. Zitronen reifen und blühen gleichzeitig. Ihr Duft hört nie auf! Dieser Satz kam Lena ganz spontan in den Sinn. Bestimmt hatte sie ihn von ihrer Mutter.

Auf dem dritten Foto stand die junge Frau vor einer Säule. Sie trug ein festliches Kleid, ihre Wangen waren gerötet, die Lippen leicht geöffnet. Sie sah ein wenig erstaunt aus. Verwirrt. Vielleicht war sie von dem Fotografen überrascht worden. Und es lag so viel Liebe und Sehnsucht in ihrem Blick, dass Lena schluckte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihre Mutter jemals ihren Vater so angesehen hatte.

Lena drehte die Fotos um, um auf der Rückseite nach weiteren Hinweisen zu suchen, nach Namen oder Ortsangaben, aber die weichen, schon etwas verblassten Bleistiftbuchstaben verrieten lediglich das Jahr, in dem die Fotos aufgenommen worden waren: 1978. Lena schaute sich noch einmal das letzte Foto an. Es berührte sie tief. Wer auch immer der Fotograf gewesen war, er musste einen ganz besonderen Platz in Mariellas Herzen eingenommen haben!

Eine raue Hand legte sich auf ihren Arm, und Lena zuckte zusammen. «Deine Mutter war eine wunderschöne Frau», sagte Marle.

Lena nickte wehmütig. «Ich weiß so wenig von ihr.»

Die alte Frau legte den Kopf schief und sah sie mitfühlend an. «In dem Zimmer hat ein junger Mann gewohnt. Ein Ausländer. Hast du eine Ahnung, wie er an die Fotos gekommen ist?»

Matteo Forlani! Natürlich. Lena erhob sich mit einem Ruck. In den letzten Minuten hatte sie sich so sehr von dem früheren Leben ihrer Mutter gefangen nehmen lassen, dass sie an ihn gar nicht mehr gedacht hatte. Dabei war er das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht hatte er Mamma sogar gekannt … Sie klemmte sich die Mappe unter den Arm.

«Ich muss zu Gesa», sagte sie.

 

«Ich soll was?» Gesas Augen wurden groß. «Das geht nicht. Ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz ist strafbar.»

Lena beugte sich so weit über den Empfangstisch, dass ihr blonder Zopf auf dem hellen Holz zum Liegen kam. «Das weiß ich doch», sagte sie leise. «Aber ich verspreche dir, dass nie jemand davon erfahren wird. Lass mich nur einen kurzen Blick in deinen Computer werfen. Du könntest in der Zwischenzeit auf die Toilette gehen.»

«Der Computer ist passwortgeschützt.»

«Dann logg dich eben vorher ein.» Lena konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme zunehmend ungeduldiger klang.

Doch auch Gesa hatte genug. «Nein, Lena, tut mir leid. Ich werde auf gar keinen Fall die Existenz des Hotels wegen einer albernen Verliebtheit aufs Spiel setzen.»

Alberne Verliebtheit! Lena war empört. Sie war schon drauf und dran, Gesa daran zu erinnern, dass sie sie im Mathematikunterricht immer hatte abschreiben lassen. Doch ein Blick auf Gesas zugekleistertes Gesicht und ihre zusammengekniffenen Lippen machte ihr schnell klar, dass das nichts ändern würde. Am liebsten hätte sie Gesa einfach zur Seite geschubst. Aber was hätte das genutzt – ohne Passwort?! Ob sie ihr von den Fotos erzählen sollte? Doch dann hätte sie Marle ins Spiel bringen müssen. Und Marle war darauf angewiesen, ihre kümmerliche Rente durch den Putzjob im Hotel aufzustocken. Es war zum Verrücktwerden! Der Schlüssel zur Vergangenheit ihrer Mutter lag nur eine Armlänge von ihr entfernt, doch genauso gut hätte er sich in Nowosibirsk befinden können, so unerreichbar war er für sie.

Nicht nur wegen des starken Winds, der sich ihr entgegenstemmte, brauchte sie für den Rückweg fast doppelt so lang wie für den Hinweg. Jegliche Kraft war ihr abhandengekommen, und die Mappe, die sorgsam verstaut in ihrem Lederrucksack steckte, schien sie nach unten zu ziehen. Voller Erleichterung sah sie die ersten Reetdächer von Nebel vor sich auftauchen. Aber anstatt nach Hause zu radeln, ließ sie den Strunwai links liegen und fuhr stattdessen zur Dorfmitte. Oma Hilde war nicht zu Hause, sondern in ihrem Souvenirladen.

Wie immer während der Saison waren die kleinen Sträßchen im Zentrum von Nebel vollgestopft mit Touristen. In Schlangenlinien musste Lena um sie herumfahren. Sogar auf dem Friedhof der St.-Clemens-Kirche, wo es in den Wintermonaten immer so still war, tummelten sie sich. Sie wollten sich die Erzählenden Steine anschauen, für die Amrum so berühmt war.

Lange Zeit waren die Grabsteine so stark verwittert und beschädigt gewesen, dass sie in Vergessenheit geraten waren. Doch nachdem Oma Hilde und die anderen Mitglieder der Kirchengemeinde fleißig Spenden gesammelt hatten, waren sie restauriert worden. Nun waren die Geschichten der Amrumer Familien, die im 17. und 18. Jahrhundert auf der Insel gelebt hatten, wieder für jeden lesbar.

Im Vorbeifahren ließ Lena ihren Blick über die Reihen gleiten und wünschte sich, auch für ihre Mutter hätte es einen solchen Grabstein gegeben. Aber es gab ja nicht einmal ein Grab, sondern nur einen Gedenkstein, denn ihre Leiche war niemals an Land geschwemmt worden. Oma Hilde meinte, es sei besser so. Dadurch könnten sie alle Mariella genauso in Erinnerung behalten, wie sie zu Lebzeiten gewesen war. Außerdem hatte sie mit der Kirche ohnehin nichts anfangen können.

Eine Erinnerung flackerte in Lena auf.

«Warum gehst du nie mit Oma und Papa in den Gottesdienst?», hatte sie ihre Mutter gefragt, als sie an einem windigen Sonntagmorgen anstatt in einer Kirchenbank am Strand gesessen und in die tosenden grauen Wellen geschaut hatten – sie, Mamma und Zoe, eng aneinandergekuschelt.

«Ich muss nicht in die Kirche gehen», hatte Mariella ihr geantwortet. «Meinen Frieden finde ich hier.» Sie hatte erst Lena und dann Zoe einen Kuss auf die weiche Kinderwange gedrückt. «Und natürlich bei euch.» Obwohl sie bei diesem Satz gelacht hatte, meinte Lena eine gewisse Traurigkeit aus ihrer Stimme herauszuhören.

 

Das Windspiel aus Muscheln klimperte melodisch, als Lena das Schatzkästchen betrat. In dem kleinen Souvenirladen bot Oma Hilde nicht nur mit Amrum-Motiven bedruckte Tassen, Teller und Aschenbecher, Wimpel, Schiffsmodelle, Leuchttürme und Kleidungsstücke an, sondern auch Lenas Meerglasschmuck. Normalerweise blieb Lena immer kurz vor dem Schaufenster stehen, um zu sehen, ob eines ihrer Schmuckstücke verkauft worden war, doch dieses Mal stürmte sie, ohne nach links und rechts zu schauen, hinein. Oma Hilde stand hinter der Theke und packte für eine junge Frau ein winziges Baby-T-Shirt ein. Ungeduldig wartete Lena darauf, dass die Kundin bezahlte. Sie musste ihrer Oma unbedingt die Fotos zeigen. Doch als die Frau ihren Geldbeutel schon geöffnet hatte, rief sie auf einmal: «Jetzt hätte ich fast vergessen, dass ich meinem Patenkind auch etwas mitbringen muss. Haben Sie das T-Shirt mit der Robbe auch in Größe 128?»

Lena stöhnte unterdrückt auf.

«Ich schaue nach, was ich noch auf Lager habe.» Oma Hilde verschwand im hinteren Bereich des Ladens.

Nervös spielte Lena mit ihrer Halskette. Durch die Glastür sah sie, wie sich eine junge Frau mit einem Trekkingrucksack auf dem Rücken dem Laden näherte. Schnell eilte sie zur Tür und drehte das himmelblaue Metallschild herum. Statt «Offen» stand da nun «Geschlossen». Wenn Oma Hilde erfuhr, was sie in ihrem Rucksack hatte, würde sie es verstehen. Doch die junge Frau steuerte weiterhin unbeirrt auf das «Schatzkästchen» zu. Ihre Beine in den engen Jeans waren endlos lang und dünn wie Mikadostäbchen. Auf ihrem schwarzen, ebenso engen T-Shirt war ein Buddha aufgedruckt. Die Ärmel waren herausgerissen, sodass Lena den tätowierten Löwenkopf erkennen konnte, der den Betrachter von ihrem rechten Oberarm aus anbrüllte. Die Frau hielt eine Eistüte in der Hand. Als eine Strähne ihrer langen Haare daran hängen blieb, strich sie sie mit einer ungeduldigen Handbewegung zurück. Obwohl ihr Gesicht halb von einer großen roten Sonnenbrille bedeckt war, fing Lenas Puls an zu rasen. Nein! Das konnte nicht sein! Zoe hatte kein Tattoo. Oder doch?

Die Ladentür wurde so schwungvoll aufgestoßen, dass Lena zurückwich.

Die blonde Frau schob sich die Sonnenbrille ins Haar. Blaue Augen unter dichten dunklen Augenbrauen blitzten Lena an.

«Na, Schwesterherz!» Zoe grinste. «Bist du überrascht? Das schwarze Schaf ist wieder da.»

6

Lena

Aus ihrer Schulzeit wusste Lena, dass der Ursprung des Halloween-Brauchs auf die Kelten zurückging. Diese feierten am Abend des elften Vollmonds ihren Jahreswechsel, weil sie glaubten, dass zu diesem Zeitpunkt die Grenze zwischen den Welten offen sei und die Toten auf die Erde zurückkämen, um ihre Verwandten zu besuchen.

Auch Zoe hatte die Nacht zu Allerheiligen genutzt, um ins Leben zu purzeln. Sie war wie ein wilder, rastloser Halloween-Geist, der seine erschöpfte Mutter auch nach zwanzig Stunden in den Wehen nicht zur Ruhe kommen ließ. Meistens war sie hellwach und hatte einen unglaublichen Hunger. Mit zornigem Geschrei und wild mit den Armen fuchtelnd, hatte Zoe schnell klargemacht, wer von nun an der Mittelpunkt im Hause Sanders sein würde. Und daran hatte sich auch in den folgenden Jahren nichts geändert.

Eigentlich sollte sie auf den Namen Svenja getauft werden, doch nach ihrer lautstarken Ankunft hatte Mariella beschlossen, sie Zoe zu nennen. Ein Name, der weder friesisch noch italienisch war, sondern griechisch und von dem Oma Hilde meinte, dass sie ihn niemals würde aussprechen, geschweige denn schreiben können. Auch ihr Vater war nicht begeistert gewesen, aber die Mutter hatte ihren Willen durchgesetzt. Denn Zoe bedeutet Leben. Und dieses Kind sei voller Leben, hatte sie erklärt.

Alle Erwachsenen rechneten damit, dass Lena eifersüchtig auf das Baby wäre. Schließlich war sie in den fünf Jahren, in denen ihre Eltern vergeblich versucht hatten, ein zweites Kind zu zeugen, die Prinzessin im Haus gewesen. Doch Lena war hingerissen von dem haarlosen Wesen mit den großen blauen Augen und den winzigen Fingerchen, die sich trotz ihrer Zartheit so fest in ihre Haare oder Kleider krallen konnten. Lena hatte sich so sehr ein Geschwisterchen gewünscht. Eine lebendige Puppe, die sie lieb haben und mit der sie spielen konnte. Doch Zoe zeigte ihr deutlich, dass sie nicht vorhatte, nach Lenas Pfeife zu tanzen. Stattdessen stellte sie ihre eigenen Regeln auf. Aber egal, wie oft Zoe bockte oder in einem Wutanfall etwas kaputt machte – ein Lächeln von ihr ließ die anderen all das schnell wieder vergessen. Zoe hatte etwas Strahlendes, was die Menschen sofort für sie einnahm. Wie ein Komet im Weltall fegte sie durch das Leben, und das war wunderbar, wenn man mit ihrem Tempo mithalten konnte. Doch wenn man das nicht schaffte und hinter ihr zurückblieb, geriet man in eine Staubwolke.

«Was machst du hier?», fragte Lena Zoe verblüfft.

«Was wohl? Unsere Oma wird achtzig, schon vergessen?»

Besagte Oma kam gerade mit dem gewünschten Shirt in der Hand aus ihrem Lager zurück.

«Zoe!» Oma Hilde stürzte sich auf ihre Enkelin und umarmte sie stürmisch. «Ich hatte so sehr gehofft, dass du doch noch kommst.»

«Klar bin ich gekommen. Habe ich mir jemals eine Party entgehen lassen? Ich hoffe, du hast genug Schnaps besorgt. Und einen schnuckligen DJ gebucht.»

«Ach, du!» Oma Hilde wuschelte durch Zoes Haare. Irgendwann in den letzten Jahren waren sie erblondet, und nur noch der dunkle, gut zwanzig Zentimeter breite Ansatz zeigte, dass ihre Haare von Natur aus dunkel waren. Wie die ihrer Mutter. «Ich kassiere nur schnell ab, und dann bin ich wieder da.» Oma Hilde eilte in Richtung Kasse.

«Das mit dem Schnaps und dem DJ