Zwischen zwei Fenstern - Dianne Touchell - E-Book

Zwischen zwei Fenstern E-Book

Dianne Touchell

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Beschreibung

Er liebt das Nachbarmädchen mit dem tizianroten Haar und dem Leberfleck am Bein. Er sieht hinüber in ihr Zimmer, wo sie sitzt und zeichnet. Sie hat die verstörende Gewohnheit, sich die Haare auszureißen. Sie beobachtet den Nachbarjungen, der sich beim Lesen unaufhörlich Notizen macht. Hinter dem Glas seines Fensters scheint er sich am sichersten zu fühlen. Genau wie sie. Wie zwei Gefangene hängen sie für den anderen Botschaften ins Fenster. Am liebsten in fünf Silben, weil das schön klingt. Als sie irgendwann lächelt, ist das für ihn, als würde in einem heruntergekommenen Haus das Licht wieder angehen. Und beide wissen: Sie werden es besser machen.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Dianne Touchell

ZWISCHEN ZWEI FENSTERN

Aus dem Englischen von Birgit Schmitz

1

Die waren erst nun, Hund und Mann,

Sich herzlich zugetan:

Da kam den Hund ein Staatsgroll an,

Ward toll, und biß den Mann.

Oliver Goldsmith: Elegie auf den Biß eines tollen Hundes (1766)

Dad hat unserem Hund, Dobie Squires, beigebracht, Mum zu beißen. Dobie ist ein rostbrauner Dackel mit einem Hängebauch, der beim Laufen lasziv hin und her schwingt. Obwohl er so klein ist, hat der Hund etwas Imponierendes; er galoppiert geschmeidig wie ein Rennpferd und taktiert wie ein gerissener Gauner. Es war Dad, der ihn verdorben hat.

Die Streitereien zwischen meinen Eltern fingen etwa um die Zeit an, als Dad sich die Schamhaare rasierte. Ich sollte das eigentlich nicht wissen, aber ich habe alles gehört. Weil Dad sich, solange sie sich kennen, wohl nie viel aus Körperpflege gemacht hat, fand Mum es einigermaßen suspekt, dass er auf einmal scharf darauf war, sich – sozusagen – den Busch zu stutzen. Und sie hatte Recht, würde ich sagen. Dad stellte es jedoch so hin, als ob Mum paranoid wäre, und erklärte, er mache schließlich auch kein Theater, wenn Mum sich die Achseln rasiere, was sei also das Problem? Mum erinnerte ihn daran, wie Dave aus der Nachbarschaft sich einmal seine Kettensäge leihen wollte und Dad sie daraufhin erst mal stundenlang gereinigt und geölt hat. Aus der Kettensäge hatte er sich auch nie viel gemacht, bis er merkte, dass jemand anders sich dafür interessierte.

Angefangen hat es also mit einem Streit über Dads Schambehaarung und dann hat es nie mehr aufgehört. Ein Thema ergab das andere, aber die Geschichte mit den Schamhaaren war aus Zuschauersicht nicht zu toppen. Dagegen war alles andere Nullachtfünfzehn-Kram: Wer hat mir die Luft aus den Reifen gelassen? Wer hat meine Fische mit Naphthalinflocken gefüttert? Wer hat meine Zahnbürste in Chiliöl getunkt? Wer hat in meine Aktentasche gepisst? Und so weiter und so fort. Wenngleich ich zugeben muss, dass in Wirklichkeit ich, unschuldiges Kind und Opfer des haarsträubenden Kleinkriegs meiner Eltern, in Dads Aktentasche gepinkelt habe. Er wollte mein Taschengeld nicht dem Markttrend und der Inflation anpassen, also revanchierte ich mich auf die Art, von der ich glaubte, dass er sie am besten verstehen würde. Außerdem wusste ich, dass er annehmen würde, Mum hätte es getan.

Seit Dobie Squires mit von der Partie ist, hat sich die Lage verändert. Wie Dad das hingekriegt hat, bleibt sein Geheimnis. Ich weiß nur, dass dabei die Entwendung einer nagelneuen Flasche von Mums Lieblingsparfüm Lovely (wo zum Teufel ist mein verfluchtes Sarah-Jessica-Parker-Parfüm?) eine Rolle spielte. Ebenso wie heimliches Training, bei dem Dad offenkundig diskreter vorging als bei seiner Affäre mit dieser Frau, die auf unbehaarte Dickerchen stand, denn Mum hat nie was gemerkt. Fest steht, dass die Streitereien eine entscheidende Wendung nahmen, als Dad eines Tages mit seinem neuen Assistenten in die Arena trat: Dobie Squires.

Sie waren in der Küche. Wie ich auch. Ihre Versuche, außerhalb meiner Hör- oder Sichtweite zu streiten, gehörten schon lange der Vergangenheit an. Sie hatten sich beide nicht genügend im Griff, um sich aus Rücksicht auf mich entweder zu zügeln oder gar im Austausch von Freundlichkeiten zu üben. Ich glaube, sie nahmen mich einfach nicht mehr wahr. Wir waren also in der Küche, alle zusammen. Dad stichelte, Mum konterte und das Geschrei begann. Eine abermalige Anspielung auf Haare an gewissen Stellen (2 Punkte) wurde mit einem erstaunlich originellen Dickenwitz pariert (2,5), worauf ein ziemlich abgedroschener Spruch über Schlappschwänze (1,8) folgte, der mit einem knappen »Zeixier!« beantwortet wurde. Wir hörten es alle, einschließlich Dobie Squires, der blitzschnell zwischen Dads Beinen hervorgesprungen kam, die Zähne fletschte und dann mit bebenden Lefzen Mums Knöchel in die Zange nahm. Mum heulte auf vor Schmerz. Oder vielleicht auch vor Schreck. Ich brauchte nur eine Sekunde, um Dads Kommando zu verstehen. Und ich schätze mal, Mum hat’s auch kapiert. Zeixier. Zeig es ihr. Ich konnte es nicht fassen. Dad hatte den Hund auf Mum gehetzt.

So war es bei diesem ersten Mal. Und so läuft es immer noch. Es ist wirklich genial. Dad hat nämlich nicht nur Dobie Squires abgerichtet, sondern auch Mum. Immer wenn Mum nicht mehr zu bändigen ist, befiehlt Dad Dobie Squires, es ihr zu zeigen. Und Mum wird gebissen. Einige dieser Bisse sind echt scheußlich. Rund um die Stellen, an denen sich Dobies Zähne in ihr Fleisch gebohrt haben, bilden sich große dunkle Blutergüsse, die zerfließen wie violette Sonnenuntergänge. Selbst wenn Dobies Attacken mal danebengehen, ist Mum allein schon von dem Versuch so eingeschüchtert, dass sie ganz schnell den Mund hält. Komischerweise hat sie es Dobie noch nie heimgezahlt. Nicht ein einziges Mal. Vermutlich findet sie, es wäre gemein, den Hund zu treten. Vielleicht hat sie aber auch einfach Angst. Oder sie war selbst schon zu stark konditioniert, bevor ihr der Gedanke an Rache kam.

Die Streitereien haben aufgehört. Manchmal piesackt Dad Mum trotzdem, immer in der Gewissheit, dass sie keine Gegenwehr leisten wird. Dann sieht er, wie sie schäumt, und labt sich daran. Sie hat ganz schön zu schlucken. Immer wenn Dad mal wieder stänkert, sieht man, wie sich ihre Kehle weitet und sie ihren Frust in sich hineinfrisst. Aber in letzter Zeit scheint Dad irgendwie die Lust zu verlieren. Man könnte fast meinen, ihm fehlt die Erzfeindin von früher. Einmal kam ich aus der Schule nach Hause und entdeckte, dass Dobie Squires Mum im Garten den Weg abgeschnitten hatte. Sie stand leicht vorgebeugt über einem Blumenbeet und hielt schluchzend ihren Gartenhandschuh umklammert, während Dobie sie aus einer Entfernung von ein, zwei Metern in Schach hielt, nur indem er die Zähne fletschte und ein tiefes Knurren von sich gab. Als Dad nach draußen kam, um nachzusehen, was los war, pfiff er Dobie kurzerhand zurück. Einfach so. Das ist fies, ich weiß, aber ich dachte unwillkürlich, was er sich damit doch für eine Gelegenheit entgehen ließ. Nicht dass ich gewollt hätte, dass Mum gebissen wurde oder so. Aber es kam mir schlicht so vor, als würde Dad die Situation nicht voll ausschöpfen, nachdem er sich schon die Mühe gemacht hatte, die beiden abzurichten. Er ist einfach nicht mehr mit dem Herzen dabei.

Die Ironie an der Sache ist, dass Mum diejenige war, die Dobie Squires ausgesucht hat. Sie hat ihn aus dem Tierheim geholt, nachdem sie im Vorabendprogramm einen Aufruf gesehen hatte. Darin wurden Leute, die ein großes Herz haben und einen Freund brauchen können, gebeten, einen ausgesetzten Hund bei sich aufzunehmen. Mum hat ein großes Herz und sie kann auch einen Freund brauchen, aber ich wette, an dem Tag, als sie im Blumenbeet in der Klemme saß, hat sie noch mal darüber nachgedacht, warum der alte Dobie damals wohl ausgesetzt worden ist. Jedenfalls ist sie nach dieser Sendung ins Heim gefahren und hat ihn mit nach Hause gebracht, und eigentlich war es ihr Hund. Was Dads Leistung, den Hund umzudrehen, noch viel beeindruckender macht, wenn ihr mich fragt. Den Namen Dobie Squires hatte er schon, als er zu uns kam. Klar, oder? Welcher Mensch, der noch ganz richtig im Kopf ist, würde seinen Hund auch Dobie Squires nennen? Die Leute im Tierheim haben Mum gesagt, wenn sie ihm einen anderen Namen geben wolle, solle sie einen wählen, der sehr ähnlich klinge, und dann versuchen, einen fließenden Übergang hinzukriegen. Das Problem war nur, dass keinem von uns irgendein guter Name einfiel, der auch nur entfernt wie Dobie Squires klang. Ergo bleibt es bei Dobie Squires.

Und ich lerne auf diese Weise hier, in meinem Zuhause, eine unbezahlbare Lektion fürs Leben, nämlich dass unsere Entscheidungen sich gegen uns wenden und uns in den Arsch beißen können. In manchen Fällen sogar buchstäblich. Natürlich habe ich das nicht auf Anhieb verstanden. Das tun wir nie, nicht wahr? Aber einige Zeit später, in der Rückschau, schleckte mir die Erkenntnis, die alte Hure, plötzlich mit ihrer nassen Zunge übers Gesicht. Und ich hab’s verstanden. Kapiert. Abgespeichert. Aber geändert hat das nichts.

2

Wo die Unwissenheit Glückseligkeit ist, da ist es Thorheit, weise zu seyn.

Thomas Gray: Ode auf eine ferne Aussicht des Collegii zu Caton (1742)

Anfangs war ich ziemlich verstört, als ich erfuhr, dass der Dackel im englischen Sprachraum umgangssprachlich Wursthund, sausage dog, heißt. Ein Kind in der Schule hat es mir erzählt. Und es hat mir auch erzählt, dass da die Würste herkämen. Ich war damals noch klein und sehr vertrauensselig, und da ich keine andere Informationsquelle besaß, mit deren Hilfe ich den Wahrheitsgehalt dieser Schulhof-Doktrin hätte überprüfen können, habe ich es geglaubt. Bei uns zu Hause gibt es oft Wurst, denn die ist billig. Wir essen Bratwurst mit Zwiebelsoße, Wurst im Brötchen mit ordentlich Ketchup, Wurst in einem Mantel aus knusprigem Kartoffelbrei, aus dem sie oben herausguckt, und manchmal sogar Wurstauflauf mit Äpfeln und Bananen. Ich mochte noch nie besonders gern Wurst (wegen der harten Knorpelstückchen darin), und über ihren hündischen Ursprung aufgeklärt zu werden, hat meinen Appetit nicht gerade gesteigert. In der ersten Zeit danach habe ich mich geweigert, sie zu essen, und besser auf Dobie Squires aufgepasst.

Ich weiß es noch wie gestern, denn damals habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gedacht: Eigentlich will ich das alles gar nicht wissen. Und es war das erste von vielen Malen. Neue Informationen finde ich fast immer enttäuschend. Und ich rede nicht von dem Unsinn, den man in der Schule lernt. Neunzig Prozent von dem, was sie uns dort eintrichtern, sind nutzloser Scheiß. Das weiß jeder. Ich rede von dem, was uns das Leben vor die Füße spült. Von der Fülle an Informationen, die von Geburt an auf uns einprasseln, ohne dass wir darum gebeten haben. Von all dem Kram, der uns angeblich dabei helfen soll, gut vorbereitet ins Leben zu starten, wie meine Eltern so gern sagen. Das Wenigste von dem, was ich im Leben und über das Leben gelernt habe, war nützlich oder bereichernd. (Außer dass Farley McMillan, von dem alle sagen, er sei schwul, mir in der siebten Klasse auf dem Schulklo gezeigt hat, wie man sich einen runterholt.)

Informationen müssen auch gar nicht wahr sein, um einen zu nerven. Als ich irgendwann erfuhr, dass Würste mitnichten aus »Wursthunden« gemacht werden, konnte dieses neue Wissen nichts gegen das Entsetzen ausrichten, das sich durch die anfängliche Fehlinformation tief in mir festgesetzt hatte. Es blieb, wo es war. (Was allerdings damit zusammenhängen könnte, dass die Wahrheit über Würste auch nicht appetitlicher ist als die Lüge.) Ganz egal, ob es wahr ist oder nicht, real oder ausgedacht – das meiste von dem, was mir erzählt wird, will ich gar nicht wissen. Einfach weil einem nichts ohne Grund erzählt wird. Dass jeder seine eigenen Ziele verfolgt, habe ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen. Wenn man bedenkt, wie meine Eltern miteinander umgehen, ist das kein Wunder. Aber natürlich spielen nicht nur meine Eltern mit gezinkten Karten. Das habe ich schnell begriffen. Die unausgesprochenen Dinge sind fast immer weitaus interessanter, aufschlussreicher und nützlicher als der Rest. Und es erstaunt mich, dass den meisten Erwachsenen, die ich kenne, völlig entgeht, dass es eigentlich nicht darauf ankommt, an den eigenen Zielen festzuhalten; die wahre Macht liegt darin, herauszufinden, worauf der andere aus ist.

Nehmen wir zum Beispiel unsere Nachbarn. (Ich bin, nebenbei bemerkt, in das Mädchen von nebenan verliebt, aber das tut jetzt nichts zur Sache; dazu komme ich später noch.) Meine Eltern und unsere Nachbarn kommen nicht gut miteinander aus. Ich sollte wohl mal darüber nachdenken, inwiefern das meine Pläne mit der Nachbarstochter durchkreuzen könnte. Aber ich schweife ab. Meine Eltern und unsere Nachbarn liegen schon seit Jahren miteinander im Clinch. Das ist das einzige Gebiet, auf dem Mum und Dad sich einig sind. Es ist unwahrscheinlich, dass sich noch irgendwer genau daran erinnern kann, wie alles anfing. In meiner Kindheit kursierten bei uns verschiedene Geschichten darüber: »Die da drüben haben unseren Weinstock vergiftet …«; »Sie haben unseren Hund vergiftet …«; »Sie haben uns die Luft aus den Reifen gelassen …«; »Sie haben in unsere Milchflaschen gepinkelt …« (Sorry, das war wieder ich.) Im Grunde geht es eigentlich nur darum, dass sie einander hassen. Sie wissen nicht, warum, sie tun es einfach. Dabei haben sie erstaunlich ähnliche Ziele.

Dad fühlt sich im Grunde seines Herzens klein und unbedeutend. Er hat einen miesen Job; er ist Vertreter und klappert mit Kisten voller mieser Bücher unterm Arm Unternehmen und Betriebe ab, um dort so viele Bücher wie möglich zu verscherbeln, damit er seinen miesen Lohn zusammenbekommt. Eigentlich würde er gern nützliche Dinge verkaufen wie Modems oder Faxgeräte. Aber er verkauft Bücher und im Grunde seines Herzens findet er, dass Bücherverkaufen was für Frauen ist. Er mag Bücher nicht mal. Und dass einige von den Büchern, die er durch die Gegend schleppt, Koch- und Bastelbücher sind, macht ihm am meisten zu schaffen. Deswegen hat er einen Minderwertigkeitskomplex. Und Menschen mit einem Minderwertigkeitskomplex suchen ständig Streit, um zu beweisen, was für tolle Hechte sie in Wirklichkeit sind. Ja, so dumm sind sie.

Dann ist da unser Nachbar. Der Typ sieht immer so aus, als hätte er den Mund voll. Was an seinen Zähnen liegt; er hat riesige, wächsern schimmernde Hauer. Seine Lippen spannen sich wie Puddinghaut darüber und bewegen sich kaum, wenn er spricht. Außerdem liegt auf diesen Puddinglippen ständig ein Lächeln, das schmierig, ja fast schon aufdringlich wirkt. Dabei ist ihm zuzutrauen, dass er einen, ohne mit der Wimper zu zucken, überfahren würde. Mit Fahren verdient er nämlich sein Geld; er hat einen Limousinen-Service. Meistens wird er für Hochzeiten gebucht, aber wenn man ihm einen Aufschlag für die anschließende Reinigung zahlt, fährt er auch feuchtfröhliche Geburtstagsgesellschaften. Und genau da liegt der Haken. Wie man es auch dreht und wendet: Wenn man dafür bezahlt wird, andere durch die Stadt zu kutschieren (und ihre Kotze und Pisse aufzuwischen), befindet man sich am Ende der Nahrungskette. Da kannst du noch so viel erzählen von wegen eigene Firma und Selbstständigkeit und all dem Krempel, aber du musst anderen zu Diensten sein, mein Freund. Und Dienstleister sitzen am kürzeren Hebel. Sie richten sich nach dem Terminkalender anderer Leute. Und das muss einem Mann doch übel aufstoßen.

Da wohnen also zwei Typen nebeneinander, die sich fragen, was sie eigentlich wann falsch gemacht haben, dass sie heute keine Eier mehr in der Hose haben. (Ich bin mir nicht sicher, ob mein Vater jemals welche in der Hose hatte, also ob sie überhaupt je herabgewandert sind, aber das ist eine andere Geschichte.) Es gibt sogar ein Wort dafür. Das habe ich aus einem Buch. Das Wort ist Emaskulation, sprich: Entmannung. Es bedeutet, sich so zu fühlen, als wären einem die Kronjuwelen entfernt worden. Sehr vereinfacht ausgedrückt natürlich. Selbstverständlich war das Buch, in dem ich das gelesen habe, kein Schulbuch. Ich gehe nämlich auf eine ziemlich feine konfessionelle Privatschule (wir essen eine Menge Würstchen, um das Schulgeld berappen zu können, das kann ich euch sagen), und in der dortigen Bibliothek gibt es keine Bücher, in denen Hoden erwähnt werden, egal ob sie noch dran sind oder nicht. Dass wir Sexualorgane besitzen, ist an meiner Schule nicht vorgesehen. (Der arme alte Farley McMillan ist rausgeflogen, nachdem er seine gefunden hatte.) Ich schaue jeden Abend, wenn ich nach Hause komme, kurz nach, ob meine noch da sind, nur um mich zu vergewissern, dass diese teure Schule mich nicht entmannt. (Wo wir eben schon beim Thema Komplexe waren.) Da sind also diese beiden Nicht-mehr-Männer, die direkt nebeneinanderwohnen und, sobald sie sich auch nur sehen, in Imponiergehabe verfallen und brüllen wie die Affen. Dabei haben sie beide dasselbe Ziel: Sie wollen sich beweisen, dass sie wer sind. Da sollte man doch meinen, sie würden sich verstehen. Oder zumindest zum selben Therapeuten gehen.

Machen wir uns nichts vor. Keiner von beiden würde seinen eigenen Bockmist als solchen erkennen. Aber sie erkennen sich selbst im jeweils anderen wieder, und das muss wehtun. In gewisser Weise bin ich Limo-Lionel (so nennen wir ihn) dankbar dafür, dass er meinen Eltern ein kleines Gemeinschaftsprojekt verschafft. Etwas, worauf sie sich, abgesehen voneinander, konzentrieren können. Es wärmt mir das Herz, wenn ich höre, wie Mum Dad draußen im Vorgarten anfeuert, wie es jede andere Frau und Gehilfin tun würde: »Zieh ihn doch nicht an den Haaren, Merrill! Gib ihm eins auf den Solarplexus!« Dummerweise hält Merrill einen Solarplexus vermutlich für den neuesten japanischen Geländewagen. So heißt mein Dad übrigens, Merrill. (Ja, ich weiß.)

Es gab mal eine Zeit, in der meine Eltern mehr gemeinsam hatten als nur Limo-Li. Eine Zeit, in der sie ähnliche Ziele hatten oder noch nicht so ausgeprägte eigene oder vielleicht sogar noch gar keine. Das weiß ich, weil sie früher Händchen gehalten haben. Als sie noch ganz am Anfang standen und ihre gemeinsame Zukunft allenfalls mit der Nasenspitze, hoffnungsvoll und mit schmutzigem Gesicht, am Horizont auftauchte. Ich frage mich, ob es Liebe war oder ob sie sich eben einfach kannten, so wie man einen guten, bequemen Schuh kennt oder Zahnweh oder den Ausblick aus seinem Lieblingsfenster. Ich habe Fotos gesehen, auf denen sie Händchen hielten. Mum bewahrt Fotos in Schuhkartons unten in ihrem Schrank auf. Die Fotos, auf denen sie und Dad Händchen halten, habe ich gefunden, als ich irgendwann mal ihre Sachen durchstöbert habe. Auf einigen Fotos bin ich auch zu sehen. Auf meinem Lieblingsfoto gehen wir zu dritt nebeneinander; sie haben mich in die Mitte genommen, halten jeweils eine Hand von mir und ziehen mich vom Boden hoch. Ich bin wie eine kleine Brücke zwischen den beiden. Wir alle drei haben die Münder und Augen weit aufgerissen und unsere Lungen sind voll, wette ich. Das Foto wurde an einem Morgen aufgenommen. Man erkennt es am Licht. Anfänge haben etwas Gnadenloses; sie sind voller Versprechen und Hoffnung, die sie nie erfüllen müssen. Ich habe mir das Bild unter den Nagel gerissen.

Hin und wieder macht Dad eine Geste, die mich an dieses Foto erinnert. Manchmal, wenn er und Mum zusammen fernsehen, fährt er mit dem Zeigefinger über Mums Handrücken, und ihre Lungen füllen sich wieder. Sie wissen nicht, dass ich so was sehe. Ich sehe es irgendwie gern, genauso wie ich sie gern streiten sehe. Sie wissen nicht, dass ich überhaupt irgendetwas sehe.

3

Nur einmal, einmal hob sie den Blick

Und erröthete rasch und so süß und so eigen,

Als mir sie sah in die Augen hinein.

Lord Alfred Tennyson: Maud (1855)

Wie ich schon sagte: Ich bin in das Mädchen von nebenan verliebt. Unsere Fenster liegen fast genau gegenüber, oberhalb des Zauns. Ich habe zufällig aus meinem Fenster geschaut, als ich sie vor ihrem stehen sah. Sie ist weggelaufen. Und gleich zu Limo-Lionel gerannt, um ihm zu erzählen, ich würde sie beobachten. Dabei war das gar keine Absicht. Genauso gut hätte ich zu Lionel sagen können, sie hätte mich beobachtet! Habe ich aber nicht. Und als er dann rüberkam, um sich über mich zu beschweren, habe ich einfach nur mit eingezogenen Zehen und Herzklopfen dagestanden, während er mich als pervers beschimpfte und Dad seine Fingerknöchel knacken ließ.

Ich nenne sie Maud. Das ist nicht ihr richtiger Name, aber ich nenne sie so. Sie ist ziemlich klein und hat Kurven. Mädchen, die wie Pfeifenreiniger aussehen, haben mir noch nie gefallen. Ich kenne Leute in der Schule, die meine Maud sogar als dick bezeichnen würden. Es sind meistens die Mädchen, die vom Dicksein sprechen. Wir Jungs sind beim Sportunterricht so sehr damit beschäftigt, plötzliche Ständer zu vermeiden, dass uns irgendwelche weichen Stellen an den Objekten unserer Begierde eigentlich ziemlich egal sind. Was glaubt ihr denn, warum wir die Ständer überhaupt bekommen? Maud hat eine Freundin, von der alle Mädchen glauben, dass alle Jungs in sie verliebt seien. Vielleicht stimmt es sogar. Was interessiert es mich? Ich weiß nur, dass diesem Mädchen überall zu viele Knochen rausstehen; sie sieht aus, als könnte sie jeden verletzen, der sie auch nur leicht an sich drückt.

Klein und kurvig. Tizianrotes Haar. Keine Sommersprossen. Ein zehncentstückgroßes, dunkles Muttermal hinten an der linken Wade. Ein Nasenpiercing, von dem Limo-Lionel weiß, und ein Bauchnabelpiercing, von dem er vermutlich nichts weiß. Hat eine kahle Stelle am Kopf, die sie unter Mützen und Haarbändern versteckt. Hört gern Jeff Buckley, Disturbed und Vivaldi. Hat eine große Geschenkausgabe von Alice im Wunderland im Bücherregal stehen, aber sonst nicht viel. Okay, zugegeben, ich habe ein bisschen Zeit darauf verwendet, bei ihr reinzuschauen. Schon komisch: Wenn du jemanden eine Weile beobachtest und dabei allmählich kennenlernst, kommt es dir so vor, als würde er mitspielen. Als hättest du seine Erlaubnis. Als würde er spüren, dass du ihn beobachtest, und es mögen. Das war der Punkt, an dem ich sorglos wurde. An dem ich mich wohlzufühlen begann.

Das klingt unheimlich? Liebe ist irgendwie unheimlich. Wenn du dich in jemanden verliebst, stellst du eine Menge Mutmaßungen über diesen Menschen an. Du projizierst alle möglichen Ideale und Fantasien auf ihn. Du legst allerlei unrealistische, unhaltbare Kriterien an, die er gar nicht erfüllen kann und die sein Scheitern ebenso zwangsläufig garantieren wie deinen Herzschmerz. (Ich hab ja gesagt: Ich lese viel.) Und wie nennt man das dann? Romantische Liebe. Na, wenn das nicht unheimlich ist.

Von all den Dingen, die ich beobachte, wenn ich eigentlich meine Hausaufgaben machen soll (Merrill: »Davon, dass du dieses gottverdammte Buch liest, wirst du nicht schlauer! Jetzt geh auf dein Zimmer und mach deine Hausaufgaben!«), liebe ich es besonders, wenn Maud sich Haare ausreißt. Ihre Finger sind dünn und weiß und ihre Haare ziemlich drahtig. Mir ist klar, dass ich eigentlich so etwas sagen sollte wie: »Der Lichterschein verleiht ihren Haaren einen hinreißenden Glanz und sie leuchten wie gesponnenes Gold.« Aber an den meisten Tagen sehen sie einfach so aus, als könnten sie mal eine Bürste vertragen. Sie wickelt sich die Haare um den Finger (gewöhnlich ist es der Zeige- oder der Mittelfinger), zieht leicht daran und lässt sie dann in sanft geschwungenen Kringeln vom Finger auf die Erde gleiten. Schon beim bloßen Gedanken kribbelt mir die Kopfhaut. Manchmal reißt sie richtig fest an ihren Haaren. Dann hält sie ganze Büschel zwischen den Fingern und schüttelt angewidert ihre Hände aus, als wären sie von Spinnweben bedeckt. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihr mit offenem Mund zusehe.

Man nennt das Trichotillomanie. Das wusste ich anfangs nicht. Erst als ich bemerkt habe, dass sie sich alle Haare ausreißt, habe ich Nachforschungen angestellt. Und ich meine wirklich alle. Zuerst war ich echt aufgeregt, als sie mit der Hand in ihr Höschen fuhr. Ein Mädchen habe ich das noch nie tun sehen. Aber es dauerte nicht lange, bis ich kapiert habe, dass dabei nicht viel Vergnügen im Spiel war, nur Konzentration. Und dieselbe angewiderte Art, die Hand auszuschütteln. Na ja, das Waxing kann sie sich sparen, schätze ich. Einmal hab ich sie dabei beobachtet, wie sie vor dem Spiegel saß und ihr die Tränen übers Gesicht liefen, während sie sich die Wimpern ausriss.

Für meine Recherche über Trichotillomanie war ich in der Stadtbücherei. Es ging nicht anders. Wir haben keinen Internetanschluss. Mum liest ihre Würstchenrezepte immer noch von den Etiketten auf den Dosen ab und Dads Pornos bringt der Briefträger. Mum bezahlt Rechnungen nach wie vor mit dem Scheckbuch und kauft sich ihre Kleider in echten Geschäften, und Dad spielt immer noch mit einem echten Schläger auf echtem Rasen Golf. Die werden nie in virtuellen Welten leben. Oder auch nur aufs Handy umsteigen. (Wenn sie einmal anfangen, sich über die mannigfaltigen Übel von Mobiltelefonen zu ereifern, hören sie gar nicht mehr auf.) Mir ist das so oder so völlig schnuppe. Ich hatte mal darüber nachgedacht, die Dinge, die mich interessieren, einfach in der Schule zu googeln, bis mir irgendwann aufging, dass bei unseren Schüler-PCs höhere Sicherheitsbestimmungen gelten als beim Militär. Ein falscher Tastendruck, eine Abschweifung von der vorgegebenen Rechercheaufgabe und im Büro der Bibliotheksfachkraft wird ein Alarm, ein verdammter Alarm, ausgelöst. Ohne Witz!

Dann kommt aus dem Nichts ein Mitglied des Lehrkörpers angerannt, als wäre es auf Kommando aus der Kaserne ausgerückt, und irgendein armer Scheißer, der versucht, etwas über die Symptome von Chlamydien herauszufinden, wird am Kragen gepackt und in Windeseile entfernt. Sehr imposant. Aber selbst in der öffentlichen Bibliothek, wo die Internet-Aktivität nicht überwacht wird, halte ich mich an die Bücher. Ich mag den Geruch von Büchern. Er entspannt mich. Außerdem muss man sich nicht für ein zwanzigminütiges Zeitfenster anmelden, wenn man nur Bücher liest.

Aus den Büchern in der Bibliothek weiß ich, dass es bei Trichotillomanie um eine Art Stressabbau geht. Arme Maud. Schon komisch, wie unterschiedlich sich Psychostress auswirkt. Und dass man süchtig nach seiner eigenen Sorte Stressabbau werden kann. Maud hat ihr Reißen. Dad hat Dobie Squires. Und Mum ihre winzigen Schlückchen. So nennt sie das. Winzige Schlückchen. »Ich nehm mir nur ein winziges Schlückchen«, sagt sie gern. »Ist die Sonne schon untergegangen? Dann wird’s Zeit für ein winziges Schlückchen.« Während sie sich in Wahrheit schon Schlückchen gönnt, seit die Sonne aufgegangen ist. Ich meine, es nimmt ihr doch niemand ab, dass in der Plastikflasche, die sie mit sich herumträgt, wirklich Saft ist. Als ich klein war, habe ich hinter den Vorhängen auf der Fensterbank immer Gläser gefunden, meistens halb voll und mit ein paar Insekten drin, die auf der schmierigen Oberfläche ihres roten Fusels strampelten. Wenn Mum von einem Klingeln an der Tür überrascht wurde oder davon, dass einer von uns früher nach Hause kam, hat sie das Schlückchen schnell dort versteckt und dann vergessen. Ich habe das nie kommentiert, sondern einfach die Gläser abgewaschen und sie weggestellt. Ich glaube nicht, dass Mum sich selbst für eine Trinkerin hält, weil sie nie so tief gesunken ist, dass sie auf Tetrapaks umgestiegen ist. Früher, als meine Eltern noch Leute zu Besuch hatten (als noch Leute kamen, wenn sie eingeladen wurden), hat Mum auf die herabgesehen, die mit so was ankamen. »Was für ein Säufer«, sagte sie dann. »Wein aus einem verdammten Tetrapak zu trinken!«