Zyklen des Begehrens - Frank Kralemann - E-Book

Zyklen des Begehrens E-Book

Frank Kralemann

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Beschreibung

Wo endet das Ich, wo beginnt das Du? Dieser Gedichtband ist eine Reise in die Grenzgebiete der menschlichen Erfahrung. Mit einer ebenso präzisen wie sinnlichen Sprache erkundet der Autor die Zyklen des Lebens, der Liebe und des Begehrens. Von der ersten, zögernden Berührung bis zur vollständigen Hingabe, vom leisen Erwachen bis zum lauten Untergang, diese Verse sind Zeugnisse einer unermüdlichen Suche nach dem, was uns im Innersten zusammenhält und zugleich entzweit. Die Gedichte bewegen sich in einem Spannungsfeld aus roher Körperlichkeit und philosophischer Reflexion. Sie erzählen von der Lust, die mehr ist als nur ein Akt, von der Herrschaft im Verlangen und der Freiheit im Loslassen. Es sind Zyklen der Haut, des Geistes und der Seele, die hier zu Wort kommen, mal als zartes Gebet, mal als unerbittlicher Befehl. Eine Sammlung für alle, die keine Angst vor dem Feuer haben und wissen, dass jede Asche von einer Flamme erzählt.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Einleitung

GANZ EINFACH LIEBE

WAS WÄRE FÜR DICH ERFÜLLUNG

MIT DEM LIEBEN WAS IST

ICH WILL DICH

BRENNEN MIT DIR, ASCHE

ICH LIEBE DEN UNTERGANG

WIE SOLL MAN STERBEN

Herrschaft

Kein Geleit

Besitz

Bluten

Gib mir deine Hand

DAS ZEITGENÖSSISCHE

DAS PHILOSOPHISCHE

DAS ZEITGENÖSSISCHE

DER KÖRPER

An die, die lesen

LUST

DAS JETZT

DIE ERDBEERE

DER STRAHL

LUX

Für immer und einen Tag

Für immer und einen Tag

Kreislauf der Haut

Kreislauf der Haut

Kreislauf der Haut

Die Leichten

Die Rechnung

Amor fati

Der unzeitgemäße Lehrer

Ohne Probe

Immer woanders

Gestundeter Januar

Müllabfuhr im Januar

Die Falle

Wachstum

Nachtgebet

Drei Himmel

Samstagnachmittag

Sprache zum Tode

Die Lügen der Liebe

Verwandlung

Lust

Sieben Gesänge vom Rand

Inventar einer Ehe

Kolonie

Was Erotik ist

I. DER KÖRPER

Hunger

Vorbei

Zeit und Asche

Ich will dir ein strenger Herr sein

Nimm mich ganz

Was bleibt

Die Rose

Das Zwischen

Orchidee

Der Ruf

Das Angebot

Das Angebot

Grundlagen

Ich sehe dich

Bleib

Weil ich lieben möchte

Gebet um Gnade des Vergehens

Wandlung

Unverschämt

Wer singt mit mir

Fleisch und Wort

Am Anfang

Die Ersten

Morgen

Was kommt nach Spaß

Was kommt nach der Nacht

Mehr ja sagen

Die Geburt der Liebe und ihr Tod

Leben Mann

Leben Frau

Die Farben

Entkleidung

EINLEITUNG

Was Sie in Händen halten, ist kein stiller See. Es ist ein Fluss, der durch die Landschaften des menschlichen Herzens zieht – mal reißend, mal sanft, aber immer in Bewegung. Die Gedichte in diesem Band sind Erkundungen der Zyklen, die uns formen: das Werden und Vergehen, das Kommen und Gehen, das ewige Spiel von Anfang und Ende, das sich in der Liebe, im Körper und im Denken widerspiegelt.

Viele dieser Verse kreisen um das große Thema der Erotik, jedoch nicht als flüchtiger Akt, sondern als tiefgreifende Kraft der Erkenntnis. Sie tasten die Grenzen zwischen Ich und Du ab, erkunden die Machtdynamiken im Begehren und die zarte Verletzlichkeit im Moment der Hingabe. Es ist eine Poesie, die den Körper als Archiv der Seele begreift, in dem jede Berührung, jeder Atemzug eine Geschichte schreibt.

Die Sprache ist direkt, oft ungeschönt, sie scheut weder die Wunde noch die Ekstase. Sie will nicht beschreiben, sie will sein. Sie lädt Sie ein, nicht nur zu lesen, sondern mitzufühlen, mitzudenken und sich den Strömungen anzuvertrauen, die uns alle bewegen. Mögen diese Gedichte Ihnen ein Spiegel sein, ein Anker oder ein Impuls, die eigenen Zyklen bewusster zu durchleben.

GANZ EINFACH LIEBE

Ganz einfach, sagst du,

als ließe das Wort sich legen

wie ein Stein in die Hand.

Aber die Hand, die ich öffne –

was darin lag, fällt durch.

Ich greife ins Leere,

wo du eben noch warst.

Zwischen Mund und Mund

die unheilbare Luft.

Zwischen Haut und Haut

der Abstand, der wächst,

je näher wir kommen.

Gib mir, was du nicht hast.

Nimm, was ich nicht geben kann.

So ging es immer.

Ganz einfach:

eine Tür im Wind,

die schlägt und schlägt.

Niemand tritt ein.

WAS WÄRE FÜR DICH ERFÜLLUNG

Ein Gefäß sein, das überläuft

und nicht zu Boden geht.

Ein Wort finden, das bleibt,

wo alles andre weiterzieht.

Einmal nicht nach dem Nächsten greifen,

wenn dies hier in der Hand liegt.

Aber ich kenne mich:

Kaum wär ich angekommen,

stünd ich am Fenster

und sähe hinaus.

Was wäre Erfüllung –

die Brandung, die schweigt?

Der Durst, der nicht mehr fragt?

Die Uhr, die stehenbleibt

und trotzdem weitergeht?

Vielleicht nur dies:

Einen Augenblick lang

nicht wollen, dass es anders wäre.

Die Hand auf dem Tisch.

Das Licht, wie es fällt.

Du, der du fragst.

Und wissen:

es reicht nicht,

es reicht nie –

und darin ausruhn

wie im einzigen Bett,

das mir gehört.

MIT DEM LIEBEN WAS IST

Nicht das Geträumte.

Nicht den, der du sein könntest,

wenn alles anders wäre.

Dies hier:

der Riss in der Wand,

der Schatten, der wandert,

dein Schweigen am Morgen,

das schwerer wiegt als ein Wort.

Mit dem lieben was ist –

als trüge man Wasser in Händen

und wüsste: es rinnt,

und trüge es weiter.

Der Apfel fault von innen.

Die Uhr läuft ab.

Du wirst mich verlassen

oder ich dich,

das steht nicht zur Wahl.

Und trotzdem: die Hand

auf deiner Schulter jetzt.

Der Kaffee, der kalt wird.

Das Fenster, das klemmt.

Wer sagt, das sei wenig,

hat nie verloren,

was er nicht hielt.

Ich übe mich ein

in das Ja zu dem, was vergeht,

indem es da ist –

diese armselige Übung,

diese einzige,

die ich nicht lassen kann.

ICH WILL DICH

Ich will dich

wie der Brand die Balken will,

wie der Sturz den Stein.

Nicht halb. Nicht ein wenig.

Nicht wenn es passt.

Ich will dich

mit den Händen, die nicht fassen,

mit dem Mund, der sich verfehlt,

mit den Augen, die dich suchen,

wo du nicht bist.

Und wo du bist –

will ich dich mehr.

Das ist die Krankheit:

je näher du kommst,

desto weiter das Feld,

das ich durchqueren muss.

Gib mir dein Schweigen,

ich will auch das.

Gib mir den Rücken, den du mir zeigst,

die Tür, die du schließt,

den Namen, den du mir nicht sagst.

Ich will, was du mir verweigerst,

ich will, was du nicht hast,

ich will, was niemand geben kann –

und stünd ich in der Asche

dessen, was ich verbrannt hab,

um dich zu wärmen,

ich wollte dich

noch immer,

immer noch.

BRENNEN MIT DIR, ASCHE

Was danach kommt, weiß ich.

Ich weiß es jetzt schon,

da wir noch lodern.

Brennen mit dir –

nicht um der Wärme willen,

nicht um das Licht.

Um das Verlöschen.

Um das, was übrigbleibt,

wenn nichts mehr übrigbleibt.

Leg deine Hand in meine Hand,

zwei Zunder,

und wir schlagen Funken,

die niemand löscht.

Das Haus geht hin. Der Garten geht.

Die Briefe, die Versprechen,

die Kleider auf dem Stuhl –

alles geht hin.

Und wir mittendrin,

leuchtend vor Untergang,

schön wie nur das ist,

was sich verzehrt.

Asche dann.

Grau und leicht.

Der Wind nimmt sie mit

oder lässt sie liegen.

Aber sie war Feuer,

sie war dein Mund auf meinem Mund,

sie war die Nacht,

in der wir nicht schliefen.

Misch mich mit dir,

wenn wir erkaltet sind.

Kein Sieb der Welt

trennt uns mehr dann.

ICH LIEBE DEN UNTERGANG

Ich liebe den Untergang,

nicht weil er kommt –

er kommt ja ohnehin –

sondern wie er kommt:

das letzte Rot am Rand,

das keiner aufhält,

die Schwere in den Dingen,

kurz bevor sie fallen.

Ich liebe das Schiff,

das sinkt und es weiß

und trotzdem die Segel setzt.

Ich liebe die Frist.

Das Blatt, das sich löst,

hat einen Augenblick lang

Flügel. Dann nicht mehr.

Diesen Augenblick.

Und dich, wenn du gehst,

im Türrahmen noch,

halb Schatten, halb Licht –

da lieb ich dich am meisten,

da, wo du schon fort bist

und noch nicht ganz,

wo das Wort uns fehlt

und wir es wissen.

Ich liebe nicht das Ende.

Ich liebe das Enden,

den Zug zum Grund,

die Neige im Glas,

den Mut des Lichts,

das langsam erlischt

und nicht um Aufschub bittet.

So will ich gehn.

So will ich lieben:

als wär jeder Kuss

der letzte, der zählt.

WIE SOLL MAN STERBEN

Wie soll man sterben,

wenn nicht im Leben,

im Stehen,

die Augen offen,

den Fuß noch auf dem Weg.

Nicht das Siechen.

Nicht das langsame Abhandenkommen,

Stück um Stück,

bis nichts mehr weiß,

dass es einmal ganz war.

Ich will sterben wie der Blitz

in die Erde fährt:

jäh und hell

und ohne Widerruf.

Wie das Wort,

das aufhört,

weil es gesagt ist.

Nicht weil die Stimme bricht.

Gebt mir den Tod im Gehen,

den Sturz aus voller Fahrt,

den Atem, der aussetzt,

weil die Luft zu schön war.

Nicht das Bett, das mich festhält.

Nicht die Hand, die mich füttert.

Nicht den Blick, der fragt:

kennst du mich noch?

Ich will mich kennen,

wenn ich gehe.

Ich will wissen, was ich lasse.

Ich will brennen, nicht verglimmen.

So, mitten im Satz,

mitten im Schritt,

mitten in dir –

da reiß mich heraus,

Tod,

wenn du mich willst,

solang ich noch will.

HERRSCHAFT

Du legst die Hand

an meinen Hals.

Nicht um zu würgen –

um zu wissen,

wo der Puls schlägt,

wo das Ja beginnt

und das Nein endet.

So fängt es an.

Mit einer Geste,

die fragt und nimmt

im selben Atemzug.

Mit einem Blick,

der sagt: Ich sehe dich.

Ich sehe, was du verbirgst.

Ich sehe, was du willst,

dass ich es nehme.

Du nennst es Spiel.

Ich nenne es:

Wahrheit ohne Worte.

Der Körper lügt nicht.

Der Körper bettelt,

wenn der Mund noch schweigt.

Knie nieder,

sagst du.

Und ich knie.

Nicht weil du stärker bist.

Weil ich es will.

Weil im Knien etwas aufsteigt,

das im Stehen nie erreicht wird:

der Grund, der tiefste,

wo Scham und Sehnsucht

ununterscheidbar werden.

Wer herrscht hier?

Du, der du befiehlst?

Oder ich, der ich gehorche

und damit bestimme,

was du befehlen darfst?

Die Macht fließt nicht

von oben nach unten.

Sie kreist.

Sie wechselt die Hände

wie ein Messer,

das man sich reicht

und zurückerhält,

schärfer als zuvor.

Nimm mich,

sage ich.

Und schon

habe ich genommen.

Deinen Willen

an meinen gekettet.

Dein Begehren

von meinem abhängig gemacht.

Der Herr ist Sklave

dessen, was er beherrscht.

Das ist das Geheimnis.

Das ist der Preis.

Du schlägst.

Nicht aus Wut.

Aus Präzision.

Jeder Schlag ein Satz

in einer Sprache,

die älter ist als Worte.

Die Haut versteht.

Die Haut antwortet

in Röte, in Wärme,

in diesem Zittern,

das Nein sagt

und Weiter meint.

Hier, in diesem Zimmer,

fallen die Masken.

Hier gilt nicht,

was draußen gilt.

Hier bist du nicht,

wer du am Tag bist.

Hier bin ich nicht,

wer ich zu sein vorgebe.

Hier sind wir:

nackt bis auf die Knochen,

nackt bis auf die Angst,

nackt bis auf das,

was wir uns nie eingestehen –

dass wir gehalten werden wollen,

so fest,

dass wir nicht mehr fliehen können,

auch wenn die Tür offensteht.

Die Fesseln, die du anlegst,

sind leichter zu tragen

als die unsichtbaren,

die ich mir selbst anlege,

jeden Tag,

draußen,

wo niemand sieht,

wie eng sie schneiden.

Hier wenigstens

sind die Ketten echt.

Hier wenigstens

weiß ich, woran ich gebunden bin.

Du sagst: Öffne dich.

Und ich öffne mich.

Nicht nur den Körper –

das Andere, das Schwere,

das ich verriegelt halte,

tagaus, tagein.

Unter deinen Händen

bricht es auf.

Unter deinem Gewicht

kommt es ans Licht.

Tränen.

Nicht vor Schmerz.

Vor Erleichterung.

Endlich darf ich

schwach sein.

Endlich darf ich

fallen, ohne zu fallen.

Du fängst mich.

Du hältst mich.

Du lässt nicht los,

auch wenn ich flehe.

Gerade wenn ich flehe.

Das ist Vertrauen:

dem Feuer die Haut geben

und wissen,

dass es nur brennen wird,

was brennen muss.

Dass danach

etwas Neues wächst.

Wir spielen Unterwerfung,

und es ist kein Spiel.

Wir spielen Macht,

und es ist Ernst.

Wir spielen,

dass einer nimmt

und einer gibt,

und am Ende

haben beide alles verloren

und alles gewonnen.

So geht Liebe.

So geht sie wirklich.

Nicht im Gleichen,

nicht im Ausgewogenen,

nicht in der Waage,

die immer stillsteht.

Sondern im Fallen.

Im Stürzen.

Im Aufgefangen werden

von dem,

der ebenfalls fällt.

Halt mich,

sage ich.

Und du hältst.

Nicht obwohl du kannst.

Weil du musst.

Der Herrschende

ist der Gefangenste von allen.

Er trägt die Last

dessen, was er hält.

Er wacht,

wenn der andere schläft.

Er zählt die Atemzüge,

wie ein Hirte die Schafe zählt,

und keines darf fehlen.

Nachts,

wenn alles vorbei ist,

wenn die Striemen verblassen

und der Atem sich beruhigt,

liegen wir da:

zwei Verwundete

eines Krieges,

den niemand verloren hat.

Und ich frage mich,

wer von uns beiden

wirklich gekniet hat.

Wer von uns beiden

wirklich getragen wurde.

Die Antwort ist:

beide.

Die Antwort ist:

keiner.

Die Antwort löst sich auf

wie Salz im Wasser,

und was bleibt,

ist nur der Geschmack

von etwas,

das größer war

als wir.

Herrschaft.

Ein Wort, das lügt,

sobald man es ausspricht.

Denn herrschen heißt dienen.

Nehmen heißt geben.

Besitzen heißt

sich verlieren

an das, was man besitzt.

Komm,

sage ich.

Leg die Hand an meinen Hals.

Spür, wo der Puls schlägt.

Da ist die Wahrheit.

Da ist das Ja,

das tiefer reicht

als jedes Nein.

Da bin ich.

Unverstellt.

Zum ersten Mal.

Nimm,

was ich dir gebe.

Es ist alles,

was ich habe.

Es ist nichts,

was du behalten kannst.

Es ist nur

dieser Augenblick,

in dem wir beide

aufhören zu sein,

wer wir waren,

und werden,

was wir nie zu hoffen wagten:

frei.

KEIN GELEIT

Ich will keine Sicherheit ich will den Untergang

so sprech ich zu den Wänden die mich halten

und zu den Händen die mich halten wollen

fort von der Kante fort vom Rand

Was ihr mir bietet ist das Halbe

das laue Wasser das mich nicht verbrennt

die Dämmerung die niemals Nacht wird

das Wort das seinen Namen nicht mehr kennt

Gebt mir den Sturz

gebt mir den Grund

gebt mir das Feuer das die Zunge löst

Wer langsam stirbt

stirbt jeden Tag

und weiß am Ende nicht

woran

Ich aber will

an einem einzigen Morgen

mit offenen Augen

ins Licht sehn

bis es mich blendet

bis ich nichts mehr sehe

als das Ganze

Laßt mich

Laßt mich gehn

wo kein Geleit mehr gilt

wo keine Hand mehr hält

wo ich

endlich

falle

BESITZ

Du gehörst mir

sagt der Mund der nicht weiß

was er sagt

Wem gehört das Salz auf der Haut

wem der Atem der vergeht

wem das Herz das schlägt

für wen es will

Ich habe dich gehalten

wie man Wasser hält

einen Augenblick lang

war die Hand voll

Du gehörst mir

wie der Schatten dem Licht gehört

wie die Wunde dem Messer

wie das Schweigen dem Wort

das nicht fällt

Nichts gehört uns

nicht die Nacht die wir teilen

nicht der Name den wir rufen

nicht der Leib

der ein anderer wird

im Schlaf

Und doch

leg ich die Hand auf deine Brust

als könnte ich halten

was längst geht

als wäre Besitz

nicht der älteste

Irrtum

der Liebe

Du gehörst mir

sag ich

und meine

ich falle

BLUTEN

Es ist nicht die Wunde

es ist das Offene

das uns am Leben hält

Wer nicht blutet

ist schon zu

verschlossen gegen alles

was noch kommen könnte

versiegelt

vor der Zeit

Ich blute

also bin ich

durchlässig noch

für dich

für das Licht das schneidet

für das Wort

das trifft

Die Haut ist eine Lüge

die wir uns erzählen

jeden Morgen neu

daß wir getrennt sind

du von mir

ich von der Welt

Aber unter der Haut

sind wir rot

sind wir offen

sind wir

eins mit allem

was rinnt

Laß mich bluten

sag ich

und meine

laß mich leben

Denn wer die Wunde schließt

bevor sie sprechen konnte

der heilt

nichts

Und wer das Blut stillt

stillt auch

den Mund

der sagen wollte

was wir sind

GIB MIR DEINE HAND

Gib mir deine Hand

nicht um zu halten

nur um zu wissen

daß es dich gibt

Zwischen meiner Hand und deiner

liegt die ganze Welt

der Abstand den kein Greifen

überbrückt

Und doch

Wir reichen uns

was wir nicht haben

die leere Hand

die offene

die nichts verspricht

als sich

Gib mir deine Hand

bevor sie kalt wird

bevor sie vergißt

wie man berührt

Ich will nicht wissen

wohin du gehst

nur daß du hier warst

einen Atemzug lang

neben mir

im Dunkeln

Deine Hand in meiner

das ist kein Besitz

das ist ein Fallen

zu zweit

Und wenn wir loslassen

bleibt etwas

in der Handfläche

eine Wärme

eine Schrift

die keiner liest

Gib mir deine Hand

sag ich

und meine

vergiß mich nicht

ganz

DAS ZEITGENÖSSISCHE

ERSTER GESANG: Digitale Einsamkeit

1. Bildschirm

Der Bildschirm leuchtet.

Ich starre hinein.

Er starrt zurück.

Wer sieht wen?

Wer benutzt wen?

Wer ist real?

Auf dem Bildschirm:

Leben.

Andere Menschen,

die lachen, reisen, lieben.

Andere Menschen,

die glücklich aussehen.

Vor dem Bildschirm:

Ich.

Allein.

Im Dunkeln.

Schauend.

Der Bildschirm zeigt mir,

was ich nicht habe.

Der Bildschirm zeigt mir,

wer ich nicht bin.

Der Bildschirm ist ein Spiegel,

der lügt.

Ich schaue weiter.

Ich kann nicht aufhören.

Der Bildschirm hat mich.

Der Bildschirm lässt nicht los.

Der Bildschirm ist mein Fenster

zur Welt,

und das Fenster ist zu.

2. Verbindung

Verbunden mit allen.

Verbunden mit niemandem.

Ich habe tausend Freunde.

Ich kenne keinen.

Ich habe tausend Nachrichten.

Ich sage nichts.

Ich bin überall.

Ich bin nirgends.

Die Verbindung ist eine Lüge.

Die Leitung ist tot.

Die Worte, die ich tippe,

erreichen niemanden.

Sie verschwinden

in einem Raum,

der kein Raum ist,

in einer Zeit,

die keine Zeit ist.

Jemand antwortet.

Ein Zeichen erscheint.

Ein Herz, ein Daumen, ein Lächeln.

Ich fühle nichts.

Die Zeichen sind leer.

Die Zeichen sind tot.

Die Zeichen sind das,

was von der Sprache übrig bleibt,

wenn die Sprache stirbt.

3. Mitteilung

Ich teile mit.

Ich teile mich mit.

Ich teile mich.

In Stücke.

In Bilder.

In Posts und Stories.

In Fragmente eines Lebens,

das ich nicht lebe.

Seht mich!

Seht, was ich esse!

Seht, wo ich bin!

Seht, wie glücklich ich bin!

Niemand sieht mich.

Alle schauen.

Niemand sieht.

Die Mitteilung ist ein Schrei

in einen Brunnen,

der kein Ende hat.

Der Schrei fällt und fällt.

Kein Echo kommt zurück.

Ich teile weiter.

Ich kann nicht aufhören.

Wenn ich aufhöre,

bin ich nicht mehr.

Wenn ich aufhöre,

bin ich nur noch

dieses Zimmer,

dieser Körper,

diese Stille.

Die Stille halte ich nicht aus.

4. Gesicht

Ich habe kein Gesicht mehr.

Ich habe ein Profil.

Das Profil lächelt immer.

Das Profil ist immer schön.

Das Profil ist immer interessant.

Das Profil ist immer

das Beste,

was ich sein kann.

Das Gesicht ist anders.

Das Gesicht ist müde.

Das Gesicht hat Falten.

Das Gesicht hat Tränen,

die niemand sieht.

Ich zeige das Profil.

Ich verstecke das Gesicht.

Ich werde das Profil.

Ich verliere das Gesicht.

Irgendwann,

wenn ich in den Spiegel schaue,

sehe ich das Profil.

Irgendwann

weiß ich nicht mehr,

was echt ist.

Das ist das Ziel.

Das war immer das Ziel.

Nicht ich zu sein.

Nicht echt zu sein.

Nicht da zu sein.

Nur noch Bild.

Nur noch Licht.

Nur noch Pixel.

5. Nacht

Nachts ist es am schlimmsten.

Nachts leuchtet der Bildschirm heller.

Ich scrolle durch Leben,

die nicht meine sind.

Ich scrolle durch Nächte,

die andere verbringen.

Ich scrolle und scrolle,

und die Stunden vergehen,

und nichts geschieht.

Der Bildschirm ist warm.

Der Bildschirm ist das Einzige,

was warm ist.

Das Bett ist kalt.

Die Wohnung ist kalt.

Die Welt ist kalt.

Ich halte den Bildschirm

wie ein Kind

seine Decke hält.

Ich halte ihn fest.

Er gibt mir nichts.

Er nimmt mir alles:

den Schlaf, die Zeit,

das Leben.

Ich halte ihn fester.

6. Abschalten

Ich schalte ab.

Einmal.

Um zu sehen.

Die Stille ist ohrenbetäubend.

Die Leere ist riesig.

Ich stehe im Zimmer

und weiß nicht,

was ich tun soll.

Was haben die Menschen früher gemacht?

Bevor die Bildschirme kamen?

Was haben sie gedacht?

Wohin haben sie geschaut?

Ich schaue aus dem Fenster.

Dort ist die Welt.

Dort sind Bäume.

Dort sind Menschen.

Sie gehen vorbei.

Sie schauen auf ihre Bildschirme.

Ich schalte wieder ein.

Die Stille war zu laut.

Die Leere war zu voll.

Ich bin nicht bereit.

Ich bin noch nicht bereit.

Vielleicht morgen.

Vielleicht nie.

DAS PHILOSOPHISCHE

ERSTER GESANG: Musik

1. Stille

Bevor die Musik beginnt:

Stille.

Nicht die Abwesenheit von Klang.

Eine andere Stille.

Eine Stille, die wartet.

Eine Stille, die schwanger ist

mit allem, was kommt.

In dieser Stille

ist alles möglich.

In dieser Stille

gibt es noch keine Fehler,

keine falschen Noten,

keine Enttäuschung.

In dieser Stille

bin ich rein.

In dieser Stille

bin ich ganz.

Dann der erste Ton.

Und alles beginnt.

Und alles ist nicht mehr möglich.

Und alles ist nur noch,

was es ist.

2. Klang

Der Klang trifft mich,

bevor ich ihn höre.

Er trifft den Körper,

bevor er den Kopf trifft.

Ich weiß nicht, was er bedeutet.

Musik bedeutet nichts.

Musik ist.

Die Saite schwingt.

Die Luft schwingt.

Mein Körper schwingt.

Wir sind eins,

für einen Moment,

Saite und Luft und ich.

Das ist es, was Sprache nicht kann.

Sprache teilt.

Musik verbindet.

Sprache sagt: das ist das, und jenes ist jenes.

Musik sagt: alles ist eins.

Ich verstehe nichts.

Ich verstehe alles.

Das ist Musik.

3. Singen

Wenn ich singe,

bin ich nicht ich.

Wenn ich singe,

ist etwas anderes da.

Die Stimme kommt von woanders.

Sie kommt von einem Ort,

den ich nicht kenne,

den ich nicht besuchen kann,

außer wenn ich singe.

Die alten Menschen wussten das.

Sie sangen zu den Göttern.

Sie sangen zu den Toten.

Sie sangen, um die Welt

zusammenzuhalten.

Wir haben das vergessen.

Wir singen nicht mehr.

Wir hören Musik.

Das ist nicht dasselbe.

Das ist fast nichts.

Wenn ich singe,

erinnere ich mich.

Wenn ich singe,

bin ich alt.

Älter als ich selbst.

Älter als alles.

4. Tränen

Manchmal,

wenn ich Musik höre,

kommen Tränen.

Ich weiß nicht, warum.

Es ist keine Traurigkeit.

Es ist etwas anderes.

Es ist, als würde etwas

in mir aufbrechen.

Eine Mauer.

Ein Damm.

Eine Lüge.

Die Tränen waschen.

Die Tränen reinigen.

Die Tränen sagen:

Das ist, wer du bist.

Das ist, was du fühlst.

Das ist, was du versteckt hast,

all die Jahre.

Die Musik weiß es.

Die Musik hat es immer gewusst.

Die Musik wartet nur,

bis ich bereit bin,

es auch zu wissen.

5. Schweigen

Wenn die Musik endet:

Schweigen.

Nicht die Stille von vorher.

Eine andere Stille.

Eine Stille, die voll ist.

Eine Stille, die nachklingt.

Eine Stille, die weiß.

In dieser Stille

will ich nicht sprechen.

In dieser Stille

sind Worte zu klein.

In dieser Stille

ist alles gesagt,

ohne dass etwas

gesagt wurde.

Dann fange ich wieder an,

zu reden, zu denken,

Mensch zu sein.

Aber für einen Moment

war ich mehr.

Für einen Moment

war ich nichts.

Und das Nichts

war alles.

ZWEITER GESANG: Mutter / Vater

1. Mutter

Du hast mich getragen.

Neun Monate

unter deinem Herzen.

Ich hörte deinen Herzschlag,

bevor ich wusste,

dass ich existiere.

Du hast mich geboren.

Unter Schmerzen.

Unter Schreien.

Du hast mich

aus dir herausgedrückt

in eine Welt,

die ich nicht wollte.

Seitdem schulde ich dir.

Seitdem bin ich

dein Schuldner.

Das Leben ist eine Schuld,

die nicht beglichen werden kann.

Du hast mich geliebt.

Zu viel.

Zu wenig.

Ich weiß es nicht.

Du hast mich geliebt,

wie du konntest.

Das war nicht genug.

Das war zu viel.

Das war nie richtig.

Ich bin dein Kind.

Ich werde immer

dein Kind sein.

Auch wenn du tot bist.

Auch wenn ich alt bin.

Auch wenn ich selbst

längst Mutter oder Vater bin.

Das ist der Fluch.

Das ist der Segen.

Das ist, was wir

nicht loswerde.

2. Vater

Du warst groß.

Dann wurdest du klein.

Als ich Kind war,

warst du der Himmel.

Alles, was du sagtest,

war Gesetz.

Alles, was du tatest,

war richtig.

Dann sah ich deine Fehler.

Dann sah ich deine Schwäche.

Dann sah ich,

dass du auch nur

ein Mensch bist.

Ein kleiner Mensch.

Ein verlorener Mensch.

Ein Mensch wie ich.

Das war der Moment,

in dem ich erwachsen wurde.

Das war der Moment,

in dem ich dich verlor.

Ich gewann mich.

Ich verlor dich.

Es war kein guter Tausch.

Jetzt bist du tot.

Oder du wirst sterben.

Oder du bist alt

und sitzt am Fenster

und wartest auf nichts.

Ich schaue dich an

und sehe:

meine Zukunft.

Ich schaue dich an

und sehe:

mich.

3. Das Ungesagte

Zwischen uns:

Worte, die nie gesprochen wurden.

Berge von Worten.

Ozeane von Stille.

Ich wollte dir sagen –

aber du hörtest nicht.

Du wolltest mir sagen –

aber ich hörte nicht.

Wir sprachen und sprachen

und sagten nichts.

Jetzt ist es zu spät.

Du bist tot.

Oder du wirst sterben.

Oder du bist so weit weg,

dass es dasselbe ist.

Das Ungesagte bleibt.

Das Ungesagte wächst.

Das Ungesagte wird größer

als das Gesagte.

Am Ende ist nur noch

das Ungesagte da.

Ich rede jetzt mit deinem Grab.

Ich rede jetzt mit der Luft.

Ich sage endlich,

was ich hätte sagen sollen.

Aber du hörst nicht.

Du hörst nicht mehr.

Du hast nie gehört.

4. Erbe

Ich trage dein Gesicht.

Ich trage deine Gesten.

Ich trage deinen Gang.

Ich trage deine Fehler.

Je älter ich werde,

desto mehr werde ich du.

Ich schaue in den Spiegel

und sehe: dich.

Ich öffne den Mund

und höre: dich.

Das ist das Erbe.

Das ist der Fluch.

Das ist die Kette,

die nicht reißt.

Ich wollte anders sein.

Ich wollte besser sein.

Ich wollte frei sein.

Ich bin du.

Und meine Kinder

werden ich sein.

Und ihre Kinder

werden sie sein.

So geht es weiter.

So ging es immer.

Das Erbe frisst die Zukunft.

Die Toten regieren die Lebenden.

5. Vergebung

Ich vergebe dir.

Ich vergebe dir alles.

Die Schläge, die Worte, die Stille.

Die Liebe, die fehlte.

Die Liebe, die zu viel war.

Das Versagen.

Den Verrat.

Das Menschliche.

Du konntest nicht anders.

Du wusstest es nicht besser.

Du warst selbst ein Kind,

als du mich zeugtest.

Du bist immer noch ein Kind,

irgendwo,

unter den Schichten

des Erwachsenen.

Ich vergebe dir.

Damit ich mir vergeben kann.

Ich vergebe dir.

Damit ich weiterleben kann.

Ich vergebe dir.

Damit ich sterben kann,

ohne diese Last.

Die Vergebung ist nicht für dich.

Die Vergebung ist für mich.

Du bist schon frei.

Ich bin es noch nicht.

DRITTER GESANG: Geburt und Tod

1. Eintreten

Ich trat ein.

Ich erinnere mich nicht.

Aber ich trat ein:

aus dem Warmen ins Kalte,

aus dem Dunklen ins Helle,

aus dem Einen ins Viele.

Der erste Schrei:

das war ich.

Der erste Atem:

das war ich.

Der erste Schmerz:

das war ich.

Ich wurde geworfen

in eine Welt,

die ich nicht wollte,

die ich nicht kannte,

die mich nicht erwartete.

Und doch:

ich bin hier.

Ich bin geblieben.

Ich habe es geschafft,

so weit.

Ich werde es schaffen,

noch ein Stück.

Bis zum Gehen.

2. Zwischen

Zwischen Geburt und Tod:

das Leben.

Was ist das Leben?

Ich weiß es nicht.

Ich lebe es.

Das ist nicht dasselbe.

Das Leben ist eine Brücke.

Das Leben ist ein Atem.

Das Leben ist ein Augenblick,

der sich dehnt

und dehnt

und dann reißt.

Ich stehe auf der Brücke.

Ich schaue zurück:

die Geburt, das Schreien.

Ich schaue nach vorn:

der Tod, das Schweigen.

Unter mir: der Abgrund.

Über mir: der Himmel.

In mir: die Frage,

die keine Antwort hat.

Warum bin ich hier?

Wohin gehe ich?

Was soll das alles?

Das Leben antwortet nicht.

Das Leben ist.

Das muss genügen.

Das ist alles.

3. Hinausgehen

Eines Tages

werde ich gehen.

So wie ich kam.

Aber anders.

Kam ich schreiend,

gehe ich still.

Kam ich nackt,

gehe ich nackt.

Kam ich allein,

gehe ich allein.

Der letzte Atem.

Der letzte Blick.

Der letzte Gedanke.

Was wird der letzte Gedanke sein?

Ich weiß es nicht.

Vielleicht ein Gesicht.

Vielleicht ein Wort.