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Wo endet das Ich, wo beginnt das Du? Dieser Gedichtband ist eine Reise in die Grenzgebiete der menschlichen Erfahrung. Mit einer ebenso präzisen wie sinnlichen Sprache erkundet der Autor die Zyklen des Lebens, der Liebe und des Begehrens. Von der ersten, zögernden Berührung bis zur vollständigen Hingabe, vom leisen Erwachen bis zum lauten Untergang, diese Verse sind Zeugnisse einer unermüdlichen Suche nach dem, was uns im Innersten zusammenhält und zugleich entzweit. Die Gedichte bewegen sich in einem Spannungsfeld aus roher Körperlichkeit und philosophischer Reflexion. Sie erzählen von der Lust, die mehr ist als nur ein Akt, von der Herrschaft im Verlangen und der Freiheit im Loslassen. Es sind Zyklen der Haut, des Geistes und der Seele, die hier zu Wort kommen, mal als zartes Gebet, mal als unerbittlicher Befehl. Eine Sammlung für alle, die keine Angst vor dem Feuer haben und wissen, dass jede Asche von einer Flamme erzählt.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Inhalt
Einleitung
GANZ EINFACH LIEBE
WAS WÄRE FÜR DICH ERFÜLLUNG
MIT DEM LIEBEN WAS IST
ICH WILL DICH
BRENNEN MIT DIR, ASCHE
ICH LIEBE DEN UNTERGANG
WIE SOLL MAN STERBEN
Herrschaft
Kein Geleit
Besitz
Bluten
Gib mir deine Hand
DAS ZEITGENÖSSISCHE
DAS PHILOSOPHISCHE
DAS ZEITGENÖSSISCHE
DER KÖRPER
An die, die lesen
LUST
DAS JETZT
DIE ERDBEERE
DER STRAHL
LUX
Für immer und einen Tag
Für immer und einen Tag
Kreislauf der Haut
Kreislauf der Haut
Kreislauf der Haut
Die Leichten
Die Rechnung
Amor fati
Der unzeitgemäße Lehrer
Ohne Probe
Immer woanders
Gestundeter Januar
Müllabfuhr im Januar
Die Falle
Wachstum
Nachtgebet
Drei Himmel
Samstagnachmittag
Sprache zum Tode
Die Lügen der Liebe
Verwandlung
Lust
Sieben Gesänge vom Rand
Inventar einer Ehe
Kolonie
Was Erotik ist
I. DER KÖRPER
Hunger
Vorbei
Zeit und Asche
Ich will dir ein strenger Herr sein
Nimm mich ganz
Was bleibt
Die Rose
Das Zwischen
Orchidee
Der Ruf
Das Angebot
Das Angebot
Grundlagen
Ich sehe dich
Bleib
Weil ich lieben möchte
Gebet um Gnade des Vergehens
Wandlung
Unverschämt
Wer singt mit mir
Fleisch und Wort
Am Anfang
Die Ersten
Morgen
Was kommt nach Spaß
Was kommt nach der Nacht
Mehr ja sagen
Die Geburt der Liebe und ihr Tod
Leben Mann
Leben Frau
Die Farben
Entkleidung
Was Sie in Händen halten, ist kein stiller See. Es ist ein Fluss, der durch die Landschaften des menschlichen Herzens zieht – mal reißend, mal sanft, aber immer in Bewegung. Die Gedichte in diesem Band sind Erkundungen der Zyklen, die uns formen: das Werden und Vergehen, das Kommen und Gehen, das ewige Spiel von Anfang und Ende, das sich in der Liebe, im Körper und im Denken widerspiegelt.
Viele dieser Verse kreisen um das große Thema der Erotik, jedoch nicht als flüchtiger Akt, sondern als tiefgreifende Kraft der Erkenntnis. Sie tasten die Grenzen zwischen Ich und Du ab, erkunden die Machtdynamiken im Begehren und die zarte Verletzlichkeit im Moment der Hingabe. Es ist eine Poesie, die den Körper als Archiv der Seele begreift, in dem jede Berührung, jeder Atemzug eine Geschichte schreibt.
Die Sprache ist direkt, oft ungeschönt, sie scheut weder die Wunde noch die Ekstase. Sie will nicht beschreiben, sie will sein. Sie lädt Sie ein, nicht nur zu lesen, sondern mitzufühlen, mitzudenken und sich den Strömungen anzuvertrauen, die uns alle bewegen. Mögen diese Gedichte Ihnen ein Spiegel sein, ein Anker oder ein Impuls, die eigenen Zyklen bewusster zu durchleben.
Ganz einfach, sagst du,
als ließe das Wort sich legen
wie ein Stein in die Hand.
Aber die Hand, die ich öffne –
was darin lag, fällt durch.
Ich greife ins Leere,
wo du eben noch warst.
Zwischen Mund und Mund
die unheilbare Luft.
Zwischen Haut und Haut
der Abstand, der wächst,
je näher wir kommen.
Gib mir, was du nicht hast.
Nimm, was ich nicht geben kann.
So ging es immer.
Ganz einfach:
eine Tür im Wind,
die schlägt und schlägt.
Niemand tritt ein.
Ein Gefäß sein, das überläuft
und nicht zu Boden geht.
Ein Wort finden, das bleibt,
wo alles andre weiterzieht.
Einmal nicht nach dem Nächsten greifen,
wenn dies hier in der Hand liegt.
Aber ich kenne mich:
Kaum wär ich angekommen,
stünd ich am Fenster
und sähe hinaus.
Was wäre Erfüllung –
die Brandung, die schweigt?
Der Durst, der nicht mehr fragt?
Die Uhr, die stehenbleibt
und trotzdem weitergeht?
Vielleicht nur dies:
Einen Augenblick lang
nicht wollen, dass es anders wäre.
Die Hand auf dem Tisch.
Das Licht, wie es fällt.
Du, der du fragst.
Und wissen:
es reicht nicht,
es reicht nie –
und darin ausruhn
wie im einzigen Bett,
das mir gehört.
Nicht das Geträumte.
Nicht den, der du sein könntest,
wenn alles anders wäre.
Dies hier:
der Riss in der Wand,
der Schatten, der wandert,
dein Schweigen am Morgen,
das schwerer wiegt als ein Wort.
Mit dem lieben was ist –
als trüge man Wasser in Händen
und wüsste: es rinnt,
und trüge es weiter.
Der Apfel fault von innen.
Die Uhr läuft ab.
Du wirst mich verlassen
oder ich dich,
das steht nicht zur Wahl.
Und trotzdem: die Hand
auf deiner Schulter jetzt.
Der Kaffee, der kalt wird.
Das Fenster, das klemmt.
Wer sagt, das sei wenig,
hat nie verloren,
was er nicht hielt.
Ich übe mich ein
in das Ja zu dem, was vergeht,
indem es da ist –
diese armselige Übung,
diese einzige,
die ich nicht lassen kann.
Ich will dich
wie der Brand die Balken will,
wie der Sturz den Stein.
Nicht halb. Nicht ein wenig.
Nicht wenn es passt.
Ich will dich
mit den Händen, die nicht fassen,
mit dem Mund, der sich verfehlt,
mit den Augen, die dich suchen,
wo du nicht bist.
Und wo du bist –
will ich dich mehr.
Das ist die Krankheit:
je näher du kommst,
desto weiter das Feld,
das ich durchqueren muss.
Gib mir dein Schweigen,
ich will auch das.
Gib mir den Rücken, den du mir zeigst,
die Tür, die du schließt,
den Namen, den du mir nicht sagst.
Ich will, was du mir verweigerst,
ich will, was du nicht hast,
ich will, was niemand geben kann –
und stünd ich in der Asche
dessen, was ich verbrannt hab,
um dich zu wärmen,
ich wollte dich
noch immer,
immer noch.
Was danach kommt, weiß ich.
Ich weiß es jetzt schon,
da wir noch lodern.
Brennen mit dir –
nicht um der Wärme willen,
nicht um das Licht.
Um das Verlöschen.
Um das, was übrigbleibt,
wenn nichts mehr übrigbleibt.
Leg deine Hand in meine Hand,
zwei Zunder,
und wir schlagen Funken,
die niemand löscht.
Das Haus geht hin. Der Garten geht.
Die Briefe, die Versprechen,
die Kleider auf dem Stuhl –
alles geht hin.
Und wir mittendrin,
leuchtend vor Untergang,
schön wie nur das ist,
was sich verzehrt.
Asche dann.
Grau und leicht.
Der Wind nimmt sie mit
oder lässt sie liegen.
Aber sie war Feuer,
sie war dein Mund auf meinem Mund,
sie war die Nacht,
in der wir nicht schliefen.
Misch mich mit dir,
wenn wir erkaltet sind.
Kein Sieb der Welt
trennt uns mehr dann.
Ich liebe den Untergang,
nicht weil er kommt –
er kommt ja ohnehin –
sondern wie er kommt:
das letzte Rot am Rand,
das keiner aufhält,
die Schwere in den Dingen,
kurz bevor sie fallen.
Ich liebe das Schiff,
das sinkt und es weiß
und trotzdem die Segel setzt.
Ich liebe die Frist.
Das Blatt, das sich löst,
hat einen Augenblick lang
Flügel. Dann nicht mehr.
Diesen Augenblick.
Und dich, wenn du gehst,
im Türrahmen noch,
halb Schatten, halb Licht –
da lieb ich dich am meisten,
da, wo du schon fort bist
und noch nicht ganz,
wo das Wort uns fehlt
und wir es wissen.
Ich liebe nicht das Ende.
Ich liebe das Enden,
den Zug zum Grund,
die Neige im Glas,
den Mut des Lichts,
das langsam erlischt
und nicht um Aufschub bittet.
So will ich gehn.
So will ich lieben:
als wär jeder Kuss
der letzte, der zählt.
Wie soll man sterben,
wenn nicht im Leben,
im Stehen,
die Augen offen,
den Fuß noch auf dem Weg.
Nicht das Siechen.
Nicht das langsame Abhandenkommen,
Stück um Stück,
bis nichts mehr weiß,
dass es einmal ganz war.
Ich will sterben wie der Blitz
in die Erde fährt:
jäh und hell
und ohne Widerruf.
Wie das Wort,
das aufhört,
weil es gesagt ist.
Nicht weil die Stimme bricht.
Gebt mir den Tod im Gehen,
den Sturz aus voller Fahrt,
den Atem, der aussetzt,
weil die Luft zu schön war.
Nicht das Bett, das mich festhält.
Nicht die Hand, die mich füttert.
Nicht den Blick, der fragt:
kennst du mich noch?
Ich will mich kennen,
wenn ich gehe.
Ich will wissen, was ich lasse.
Ich will brennen, nicht verglimmen.
So, mitten im Satz,
mitten im Schritt,
mitten in dir –
da reiß mich heraus,
Tod,
wenn du mich willst,
solang ich noch will.
Du legst die Hand
an meinen Hals.
Nicht um zu würgen –
um zu wissen,
wo der Puls schlägt,
wo das Ja beginnt
und das Nein endet.
So fängt es an.
Mit einer Geste,
die fragt und nimmt
im selben Atemzug.
Mit einem Blick,
der sagt: Ich sehe dich.
Ich sehe, was du verbirgst.
Ich sehe, was du willst,
dass ich es nehme.
Du nennst es Spiel.
Ich nenne es:
Wahrheit ohne Worte.
Der Körper lügt nicht.
Der Körper bettelt,
wenn der Mund noch schweigt.
Knie nieder,
sagst du.
Und ich knie.
Nicht weil du stärker bist.
Weil ich es will.
Weil im Knien etwas aufsteigt,
das im Stehen nie erreicht wird:
der Grund, der tiefste,
wo Scham und Sehnsucht
ununterscheidbar werden.
Wer herrscht hier?
Du, der du befiehlst?
Oder ich, der ich gehorche
und damit bestimme,
was du befehlen darfst?
Die Macht fließt nicht
von oben nach unten.
Sie kreist.
Sie wechselt die Hände
wie ein Messer,
das man sich reicht
und zurückerhält,
schärfer als zuvor.
Nimm mich,
sage ich.
Und schon
habe ich genommen.
Deinen Willen
an meinen gekettet.
Dein Begehren
von meinem abhängig gemacht.
Der Herr ist Sklave
dessen, was er beherrscht.
Das ist das Geheimnis.
Das ist der Preis.
Du schlägst.
Nicht aus Wut.
Aus Präzision.
Jeder Schlag ein Satz
in einer Sprache,
die älter ist als Worte.
Die Haut versteht.
Die Haut antwortet
in Röte, in Wärme,
in diesem Zittern,
das Nein sagt
und Weiter meint.
Hier, in diesem Zimmer,
fallen die Masken.
Hier gilt nicht,
was draußen gilt.
Hier bist du nicht,
wer du am Tag bist.
Hier bin ich nicht,
wer ich zu sein vorgebe.
Hier sind wir:
nackt bis auf die Knochen,
nackt bis auf die Angst,
nackt bis auf das,
was wir uns nie eingestehen –
dass wir gehalten werden wollen,
so fest,
dass wir nicht mehr fliehen können,
auch wenn die Tür offensteht.
Die Fesseln, die du anlegst,
sind leichter zu tragen
als die unsichtbaren,
die ich mir selbst anlege,
jeden Tag,
draußen,
wo niemand sieht,
wie eng sie schneiden.
Hier wenigstens
sind die Ketten echt.
Hier wenigstens
weiß ich, woran ich gebunden bin.
Du sagst: Öffne dich.
Und ich öffne mich.
Nicht nur den Körper –
das Andere, das Schwere,
das ich verriegelt halte,
tagaus, tagein.
Unter deinen Händen
bricht es auf.
Unter deinem Gewicht
kommt es ans Licht.
Tränen.
Nicht vor Schmerz.
Vor Erleichterung.
Endlich darf ich
schwach sein.
Endlich darf ich
fallen, ohne zu fallen.
Du fängst mich.
Du hältst mich.
Du lässt nicht los,
auch wenn ich flehe.
Gerade wenn ich flehe.
Das ist Vertrauen:
dem Feuer die Haut geben
und wissen,
dass es nur brennen wird,
was brennen muss.
Dass danach
etwas Neues wächst.
Wir spielen Unterwerfung,
und es ist kein Spiel.
Wir spielen Macht,
und es ist Ernst.
Wir spielen,
dass einer nimmt
und einer gibt,
und am Ende
haben beide alles verloren
und alles gewonnen.
So geht Liebe.
So geht sie wirklich.
Nicht im Gleichen,
nicht im Ausgewogenen,
nicht in der Waage,
die immer stillsteht.
Sondern im Fallen.
Im Stürzen.
Im Aufgefangen werden
von dem,
der ebenfalls fällt.
Halt mich,
sage ich.
Und du hältst.
Nicht obwohl du kannst.
Weil du musst.
Der Herrschende
ist der Gefangenste von allen.
Er trägt die Last
dessen, was er hält.
Er wacht,
wenn der andere schläft.
Er zählt die Atemzüge,
wie ein Hirte die Schafe zählt,
und keines darf fehlen.
Nachts,
wenn alles vorbei ist,
wenn die Striemen verblassen
und der Atem sich beruhigt,
liegen wir da:
zwei Verwundete
eines Krieges,
den niemand verloren hat.
Und ich frage mich,
wer von uns beiden
wirklich gekniet hat.
Wer von uns beiden
wirklich getragen wurde.
Die Antwort ist:
beide.
Die Antwort ist:
keiner.
Die Antwort löst sich auf
wie Salz im Wasser,
und was bleibt,
ist nur der Geschmack
von etwas,
das größer war
als wir.
Herrschaft.
Ein Wort, das lügt,
sobald man es ausspricht.
Denn herrschen heißt dienen.
Nehmen heißt geben.
Besitzen heißt
sich verlieren
an das, was man besitzt.
Komm,
sage ich.
Leg die Hand an meinen Hals.
Spür, wo der Puls schlägt.
Da ist die Wahrheit.
Da ist das Ja,
das tiefer reicht
als jedes Nein.
Da bin ich.
Unverstellt.
Zum ersten Mal.
Nimm,
was ich dir gebe.
Es ist alles,
was ich habe.
Es ist nichts,
was du behalten kannst.
Es ist nur
dieser Augenblick,
in dem wir beide
aufhören zu sein,
wer wir waren,
und werden,
was wir nie zu hoffen wagten:
frei.
Ich will keine Sicherheit ich will den Untergang
so sprech ich zu den Wänden die mich halten
und zu den Händen die mich halten wollen
fort von der Kante fort vom Rand
Was ihr mir bietet ist das Halbe
das laue Wasser das mich nicht verbrennt
die Dämmerung die niemals Nacht wird
das Wort das seinen Namen nicht mehr kennt
Gebt mir den Sturz
gebt mir den Grund
gebt mir das Feuer das die Zunge löst
Wer langsam stirbt
stirbt jeden Tag
und weiß am Ende nicht
woran
Ich aber will
an einem einzigen Morgen
mit offenen Augen
ins Licht sehn
bis es mich blendet
bis ich nichts mehr sehe
als das Ganze
Laßt mich
Laßt mich gehn
wo kein Geleit mehr gilt
wo keine Hand mehr hält
wo ich
endlich
falle
Du gehörst mir
sagt der Mund der nicht weiß
was er sagt
Wem gehört das Salz auf der Haut
wem der Atem der vergeht
wem das Herz das schlägt
für wen es will
Ich habe dich gehalten
wie man Wasser hält
einen Augenblick lang
war die Hand voll
Du gehörst mir
wie der Schatten dem Licht gehört
wie die Wunde dem Messer
wie das Schweigen dem Wort
das nicht fällt
Nichts gehört uns
nicht die Nacht die wir teilen
nicht der Name den wir rufen
nicht der Leib
der ein anderer wird
im Schlaf
Und doch
leg ich die Hand auf deine Brust
als könnte ich halten
was längst geht
als wäre Besitz
nicht der älteste
Irrtum
der Liebe
Du gehörst mir
sag ich
und meine
ich falle
Es ist nicht die Wunde
es ist das Offene
das uns am Leben hält
Wer nicht blutet
ist schon zu
verschlossen gegen alles
was noch kommen könnte
versiegelt
vor der Zeit
Ich blute
also bin ich
durchlässig noch
für dich
für das Licht das schneidet
für das Wort
das trifft
Die Haut ist eine Lüge
die wir uns erzählen
jeden Morgen neu
daß wir getrennt sind
du von mir
ich von der Welt
Aber unter der Haut
sind wir rot
sind wir offen
sind wir
eins mit allem
was rinnt
Laß mich bluten
sag ich
und meine
laß mich leben
Denn wer die Wunde schließt
bevor sie sprechen konnte
der heilt
nichts
Und wer das Blut stillt
stillt auch
den Mund
der sagen wollte
was wir sind
Gib mir deine Hand
nicht um zu halten
nur um zu wissen
daß es dich gibt
Zwischen meiner Hand und deiner
liegt die ganze Welt
der Abstand den kein Greifen
überbrückt
Und doch
Wir reichen uns
was wir nicht haben
die leere Hand
die offene
die nichts verspricht
als sich
Gib mir deine Hand
bevor sie kalt wird
bevor sie vergißt
wie man berührt
Ich will nicht wissen
wohin du gehst
nur daß du hier warst
einen Atemzug lang
neben mir
im Dunkeln
Deine Hand in meiner
das ist kein Besitz
das ist ein Fallen
zu zweit
Und wenn wir loslassen
bleibt etwas
in der Handfläche
eine Wärme
eine Schrift
die keiner liest
Gib mir deine Hand
sag ich
und meine
vergiß mich nicht
ganz
ERSTER GESANG: Digitale Einsamkeit
1. Bildschirm
Der Bildschirm leuchtet.
Ich starre hinein.
Er starrt zurück.
Wer sieht wen?
Wer benutzt wen?
Wer ist real?
Auf dem Bildschirm:
Leben.
Andere Menschen,
die lachen, reisen, lieben.
Andere Menschen,
die glücklich aussehen.
Vor dem Bildschirm:
Ich.
Allein.
Im Dunkeln.
Schauend.
Der Bildschirm zeigt mir,
was ich nicht habe.
Der Bildschirm zeigt mir,
wer ich nicht bin.
Der Bildschirm ist ein Spiegel,
der lügt.
Ich schaue weiter.
Ich kann nicht aufhören.
Der Bildschirm hat mich.
Der Bildschirm lässt nicht los.
Der Bildschirm ist mein Fenster
zur Welt,
und das Fenster ist zu.
2. Verbindung
Verbunden mit allen.
Verbunden mit niemandem.
Ich habe tausend Freunde.
Ich kenne keinen.
Ich habe tausend Nachrichten.
Ich sage nichts.
Ich bin überall.
Ich bin nirgends.
Die Verbindung ist eine Lüge.
Die Leitung ist tot.
Die Worte, die ich tippe,
erreichen niemanden.
Sie verschwinden
in einem Raum,
der kein Raum ist,
in einer Zeit,
die keine Zeit ist.
Jemand antwortet.
Ein Zeichen erscheint.
Ein Herz, ein Daumen, ein Lächeln.
Ich fühle nichts.
Die Zeichen sind leer.
Die Zeichen sind tot.
Die Zeichen sind das,
was von der Sprache übrig bleibt,
wenn die Sprache stirbt.
3. Mitteilung
Ich teile mit.
Ich teile mich mit.
Ich teile mich.
In Stücke.
In Bilder.
In Posts und Stories.
In Fragmente eines Lebens,
das ich nicht lebe.
Seht mich!
Seht, was ich esse!
Seht, wo ich bin!
Seht, wie glücklich ich bin!
Niemand sieht mich.
Alle schauen.
Niemand sieht.
Die Mitteilung ist ein Schrei
in einen Brunnen,
der kein Ende hat.
Der Schrei fällt und fällt.
Kein Echo kommt zurück.
Ich teile weiter.
Ich kann nicht aufhören.
Wenn ich aufhöre,
bin ich nicht mehr.
Wenn ich aufhöre,
bin ich nur noch
dieses Zimmer,
dieser Körper,
diese Stille.
Die Stille halte ich nicht aus.
4. Gesicht
Ich habe kein Gesicht mehr.
Ich habe ein Profil.
Das Profil lächelt immer.
Das Profil ist immer schön.
Das Profil ist immer interessant.
Das Profil ist immer
das Beste,
was ich sein kann.
Das Gesicht ist anders.
Das Gesicht ist müde.
Das Gesicht hat Falten.
Das Gesicht hat Tränen,
die niemand sieht.
Ich zeige das Profil.
Ich verstecke das Gesicht.
Ich werde das Profil.
Ich verliere das Gesicht.
Irgendwann,
wenn ich in den Spiegel schaue,
sehe ich das Profil.
Irgendwann
weiß ich nicht mehr,
was echt ist.
Das ist das Ziel.
Das war immer das Ziel.
Nicht ich zu sein.
Nicht echt zu sein.
Nicht da zu sein.
Nur noch Bild.
Nur noch Licht.
Nur noch Pixel.
5. Nacht
Nachts ist es am schlimmsten.
Nachts leuchtet der Bildschirm heller.
Ich scrolle durch Leben,
die nicht meine sind.
Ich scrolle durch Nächte,
die andere verbringen.
Ich scrolle und scrolle,
und die Stunden vergehen,
und nichts geschieht.
Der Bildschirm ist warm.
Der Bildschirm ist das Einzige,
was warm ist.
Das Bett ist kalt.
Die Wohnung ist kalt.
Die Welt ist kalt.
Ich halte den Bildschirm
wie ein Kind
seine Decke hält.
Ich halte ihn fest.
Er gibt mir nichts.
Er nimmt mir alles:
den Schlaf, die Zeit,
das Leben.
Ich halte ihn fester.
6. Abschalten
Ich schalte ab.
Einmal.
Um zu sehen.
Die Stille ist ohrenbetäubend.
Die Leere ist riesig.
Ich stehe im Zimmer
und weiß nicht,
was ich tun soll.
Was haben die Menschen früher gemacht?
Bevor die Bildschirme kamen?
Was haben sie gedacht?
Wohin haben sie geschaut?
Ich schaue aus dem Fenster.
Dort ist die Welt.
Dort sind Bäume.
Dort sind Menschen.
Sie gehen vorbei.
Sie schauen auf ihre Bildschirme.
Ich schalte wieder ein.
Die Stille war zu laut.
Die Leere war zu voll.
Ich bin nicht bereit.
Ich bin noch nicht bereit.
Vielleicht morgen.
Vielleicht nie.
ERSTER GESANG: Musik
1. Stille
Bevor die Musik beginnt:
Stille.
Nicht die Abwesenheit von Klang.
Eine andere Stille.
Eine Stille, die wartet.
Eine Stille, die schwanger ist
mit allem, was kommt.
In dieser Stille
ist alles möglich.
In dieser Stille
gibt es noch keine Fehler,
keine falschen Noten,
keine Enttäuschung.
In dieser Stille
bin ich rein.
In dieser Stille
bin ich ganz.
Dann der erste Ton.
Und alles beginnt.
Und alles ist nicht mehr möglich.
Und alles ist nur noch,
was es ist.
2. Klang
Der Klang trifft mich,
bevor ich ihn höre.
Er trifft den Körper,
bevor er den Kopf trifft.
Ich weiß nicht, was er bedeutet.
Musik bedeutet nichts.
Musik ist.
Die Saite schwingt.
Die Luft schwingt.
Mein Körper schwingt.
Wir sind eins,
für einen Moment,
Saite und Luft und ich.
Das ist es, was Sprache nicht kann.
Sprache teilt.
Musik verbindet.
Sprache sagt: das ist das, und jenes ist jenes.
Musik sagt: alles ist eins.
Ich verstehe nichts.
Ich verstehe alles.
Das ist Musik.
3. Singen
Wenn ich singe,
bin ich nicht ich.
Wenn ich singe,
ist etwas anderes da.
Die Stimme kommt von woanders.
Sie kommt von einem Ort,
den ich nicht kenne,
den ich nicht besuchen kann,
außer wenn ich singe.
Die alten Menschen wussten das.
Sie sangen zu den Göttern.
Sie sangen zu den Toten.
Sie sangen, um die Welt
zusammenzuhalten.
Wir haben das vergessen.
Wir singen nicht mehr.
Wir hören Musik.
Das ist nicht dasselbe.
Das ist fast nichts.
Wenn ich singe,
erinnere ich mich.
Wenn ich singe,
bin ich alt.
Älter als ich selbst.
Älter als alles.
4. Tränen
Manchmal,
wenn ich Musik höre,
kommen Tränen.
Ich weiß nicht, warum.
Es ist keine Traurigkeit.
Es ist etwas anderes.
Es ist, als würde etwas
in mir aufbrechen.
Eine Mauer.
Ein Damm.
Eine Lüge.
Die Tränen waschen.
Die Tränen reinigen.
Die Tränen sagen:
Das ist, wer du bist.
Das ist, was du fühlst.
Das ist, was du versteckt hast,
all die Jahre.
Die Musik weiß es.
Die Musik hat es immer gewusst.
Die Musik wartet nur,
bis ich bereit bin,
es auch zu wissen.
5. Schweigen
Wenn die Musik endet:
Schweigen.
Nicht die Stille von vorher.
Eine andere Stille.
Eine Stille, die voll ist.
Eine Stille, die nachklingt.
Eine Stille, die weiß.
In dieser Stille
will ich nicht sprechen.
In dieser Stille
sind Worte zu klein.
In dieser Stille
ist alles gesagt,
ohne dass etwas
gesagt wurde.
Dann fange ich wieder an,
zu reden, zu denken,
Mensch zu sein.
Aber für einen Moment
war ich mehr.
Für einen Moment
war ich nichts.
Und das Nichts
war alles.
ZWEITER GESANG: Mutter / Vater
1. Mutter
Du hast mich getragen.
Neun Monate
unter deinem Herzen.
Ich hörte deinen Herzschlag,
bevor ich wusste,
dass ich existiere.
Du hast mich geboren.
Unter Schmerzen.
Unter Schreien.
Du hast mich
aus dir herausgedrückt
in eine Welt,
die ich nicht wollte.
Seitdem schulde ich dir.
Seitdem bin ich
dein Schuldner.
Das Leben ist eine Schuld,
die nicht beglichen werden kann.
Du hast mich geliebt.
Zu viel.
Zu wenig.
Ich weiß es nicht.
Du hast mich geliebt,
wie du konntest.
Das war nicht genug.
Das war zu viel.
Das war nie richtig.
Ich bin dein Kind.
Ich werde immer
dein Kind sein.
Auch wenn du tot bist.
Auch wenn ich alt bin.
Auch wenn ich selbst
längst Mutter oder Vater bin.
Das ist der Fluch.
Das ist der Segen.
Das ist, was wir
nicht loswerde.
2. Vater
Du warst groß.
Dann wurdest du klein.
Als ich Kind war,
warst du der Himmel.
Alles, was du sagtest,
war Gesetz.
Alles, was du tatest,
war richtig.
Dann sah ich deine Fehler.
Dann sah ich deine Schwäche.
Dann sah ich,
dass du auch nur
ein Mensch bist.
Ein kleiner Mensch.
Ein verlorener Mensch.
Ein Mensch wie ich.
Das war der Moment,
in dem ich erwachsen wurde.
Das war der Moment,
in dem ich dich verlor.
Ich gewann mich.
Ich verlor dich.
Es war kein guter Tausch.
Jetzt bist du tot.
Oder du wirst sterben.
Oder du bist alt
und sitzt am Fenster
und wartest auf nichts.
Ich schaue dich an
und sehe:
meine Zukunft.
Ich schaue dich an
und sehe:
mich.
3. Das Ungesagte
Zwischen uns:
Worte, die nie gesprochen wurden.
Berge von Worten.
Ozeane von Stille.
Ich wollte dir sagen –
aber du hörtest nicht.
Du wolltest mir sagen –
aber ich hörte nicht.
Wir sprachen und sprachen
und sagten nichts.
Jetzt ist es zu spät.
Du bist tot.
Oder du wirst sterben.
Oder du bist so weit weg,
dass es dasselbe ist.
Das Ungesagte bleibt.
Das Ungesagte wächst.
Das Ungesagte wird größer
als das Gesagte.
Am Ende ist nur noch
das Ungesagte da.
Ich rede jetzt mit deinem Grab.
Ich rede jetzt mit der Luft.
Ich sage endlich,
was ich hätte sagen sollen.
Aber du hörst nicht.
Du hörst nicht mehr.
Du hast nie gehört.
4. Erbe
Ich trage dein Gesicht.
Ich trage deine Gesten.
Ich trage deinen Gang.
Ich trage deine Fehler.
Je älter ich werde,
desto mehr werde ich du.
Ich schaue in den Spiegel
und sehe: dich.
Ich öffne den Mund
und höre: dich.
Das ist das Erbe.
Das ist der Fluch.
Das ist die Kette,
die nicht reißt.
Ich wollte anders sein.
Ich wollte besser sein.
Ich wollte frei sein.
Ich bin du.
Und meine Kinder
werden ich sein.
Und ihre Kinder
werden sie sein.
So geht es weiter.
So ging es immer.
Das Erbe frisst die Zukunft.
Die Toten regieren die Lebenden.
5. Vergebung
Ich vergebe dir.
Ich vergebe dir alles.
Die Schläge, die Worte, die Stille.
Die Liebe, die fehlte.
Die Liebe, die zu viel war.
Das Versagen.
Den Verrat.
Das Menschliche.
Du konntest nicht anders.
Du wusstest es nicht besser.
Du warst selbst ein Kind,
als du mich zeugtest.
Du bist immer noch ein Kind,
irgendwo,
unter den Schichten
des Erwachsenen.
Ich vergebe dir.
Damit ich mir vergeben kann.
Ich vergebe dir.
Damit ich weiterleben kann.
Ich vergebe dir.
Damit ich sterben kann,
ohne diese Last.
Die Vergebung ist nicht für dich.
Die Vergebung ist für mich.
Du bist schon frei.
Ich bin es noch nicht.
DRITTER GESANG: Geburt und Tod
1. Eintreten
Ich trat ein.
Ich erinnere mich nicht.
Aber ich trat ein:
aus dem Warmen ins Kalte,
aus dem Dunklen ins Helle,
aus dem Einen ins Viele.
Der erste Schrei:
das war ich.
Der erste Atem:
das war ich.
Der erste Schmerz:
das war ich.
Ich wurde geworfen
in eine Welt,
die ich nicht wollte,
die ich nicht kannte,
die mich nicht erwartete.
Und doch:
ich bin hier.
Ich bin geblieben.
Ich habe es geschafft,
so weit.
Ich werde es schaffen,
noch ein Stück.
Bis zum Gehen.
2. Zwischen
Zwischen Geburt und Tod:
das Leben.
Was ist das Leben?
Ich weiß es nicht.
Ich lebe es.
Das ist nicht dasselbe.
Das Leben ist eine Brücke.
Das Leben ist ein Atem.
Das Leben ist ein Augenblick,
der sich dehnt
und dehnt
und dann reißt.
Ich stehe auf der Brücke.
Ich schaue zurück:
die Geburt, das Schreien.
Ich schaue nach vorn:
der Tod, das Schweigen.
Unter mir: der Abgrund.
Über mir: der Himmel.
In mir: die Frage,
die keine Antwort hat.
Warum bin ich hier?
Wohin gehe ich?
Was soll das alles?
Das Leben antwortet nicht.
Das Leben ist.
Das muss genügen.
Das ist alles.
3. Hinausgehen
Eines Tages
werde ich gehen.
So wie ich kam.
Aber anders.
Kam ich schreiend,
gehe ich still.
Kam ich nackt,
gehe ich nackt.
Kam ich allein,
gehe ich allein.
Der letzte Atem.
Der letzte Blick.
Der letzte Gedanke.
Was wird der letzte Gedanke sein?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht ein Gesicht.
Vielleicht ein Wort.
