Blaues Gift - Eva Almstädt - E-Book
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Blaues Gift E-Book

Eva Almstädt

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Beschreibung

Ein Giftmord führt auf die Spur eines lange zurückliegenden Verbrechens

Eine Leiche am Ostseestrand gibt der Lübecker Polizei Rätsel auf, denn die Todesursache ist Aconitin, ein seltenes Gift.

Zur gleichen Zeit wirbelt das Verschwinden ihrer Schwägerin Kommissarin Pia Korittkis Privatleben durcheinander. Als ein weiterer Mordanschlag mit Aconitin verübt wird, führt die Spur zu einem lange verdrängten Familiengeheimnis - und zu einem alten, ungesühnten Verbrechen ...

Ein neuer Fall für Kommissarin Pia Korittki - Der dritte Band der erfolgreichen Krimi-Reihe von Bestsellerautorin Eva Almstädt!

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Seitenzahl: 401

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

Nachbemerkung der Autorin

Leseprobe – Ostseesühne

Über die Autorin

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin und arbeitet zurzeit an ihrem vierten Roman. Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Hammoor, Schleswig-Holstein.

Eva Almstädt

BLAUES GIFT

Pia Korittkis dritter Fall

Kriminalroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

© 2007 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Sylvia Gredig/Karin Schmidt

Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de unter Verwendung von Motiven von © shutterstock/Henner Damke; shutterstock/ Daniiel; shutterstock/ Dudarev Mikhail

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-0025-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Prolog

Die Ostseefähre Peer Gynt hatte mit einer halben Stunde Verspätung in Travemünde abgelegt. Ihr Fahrtziel war das schwedische Trelleborg. Als die Fähre den freien Seeraum erreicht hatte, wurde wie gewöhnlich der Autopilot eingeschaltet. Der Kapitän zog sich in seine Kabine zurück, und Ulf Jepsen, der Rudergänger, verblieb zusammen mit dem Wachoffizier allein auf der Brücke. Um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, betrug die Geschwindigkeit der Peer Gynt zu diesem Zeitpunkt über 20 Knoten.

Jepsen überwachte die vor ihnen liegende Ostsee mit dem Fernglas. Ruhig und glatt wie ein Ententeich sah sie heute aus. Eine geschlossene Wolkendecke erstreckte sich bis zu dem kaum auszumachenden Horizont, Himmel und Meer verschwammen grau in grau.

Er gähnte verstohlen. Die zwei Becher starken schwarzen Kaffees zeigten keinerlei Wirkung. Oder doch? Ein scharfer Stich unterhalb des Brustbeins kündigte heftige Magenkrämpfe an. Schmerzen, die sich so anfühlten, als würden seine Eingeweide mit einem elektrischen Fleischmesser attackiert. Jepsen legte das Fernglas aus der Hand und presste sich die Faust in den Bauch, um nicht laut aufzustöhnen.

Dann bemerkte er, dass der Wachoffizier ihn mit spöttisch hochgezogener Augenbraue beobachtete, und er nahm mit zusammengebissenen Zähnen das Glas wieder zur Hand. Der blöde Kerl! Letzte Woche hatte er sich bereits zweimal wegen Magenbeschwerden krankmelden müssen, ein weiterer Ausfall war einfach nicht drin.

Als er sich wieder unbeobachtet fühlte, zog Jepsen ein Tütchen Maaloxan, einen Magensäurebinder, aus der Tasche. Er riss den oberen Streifen an der perforierten Linie mit den Zähnen ab, spuckte das abgetrennte Stück Papier in seine hohle Hand und hielt sich die Tüte mit der geöffneten Seite an den Mund. Mit Daumen und Zeigefinger quetschte er den körnigen Inhalt in seine Mundhöhle, schloss die Augen, schluckte und stellte sich vor, wie das Zeug die Speiseröhre hinunterglitt und einen schützenden Film auf seine malträtierten Magenwände legte. Die Krämpfe ließen fast augenblicklich nach. Er atmete auf und schob das leere Tütchen verstohlen in seine Hosentasche.

Mittlerweile hatte leichter Sprühregen eingesetzt, der die fast umlaufende Glasfront auf der Brücke mit feinsten Tröpfchen benetzte und die Sicht enorm verschlechterte. Ulf Jepsen kniff die Augen zusammen. Eine knappe Seemeile voraus befand sich etwas auf dem Wasser, das er vorher noch nicht bemerkt hatte: ein heller Fleck. Alarmiert kontrollierte er die Radarschirme. Da war ein schwacher Schatten auf dem Schirm zu erkennen, der sich backbords der Fähre näherte. Jepsen griff wieder zum Fernglas.

Der Fleck dort unten auf dem Wasser sah aus wie eine mittelgroße Segeljacht. Sie schien ganz plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht zu sein.

Die Besatzung der Jacht hatte keine Segel gesetzt, daher musste sie der Ostseefähre, die sich von steuerbord näherte, Vorfahrt gewähren. So weit, so gut – die Situation gefiel dem Rudergänger trotzdem nicht. Er beobachtete, wie das Schiff in gleicher Peilung seine Fahrt fortsetzte und auch seine Geschwindigkeit beibehielt. Schliefen die dort unten, oder waren sie betrunken?

»Siehst du das Boot da vorn? Die rühren sich überhaupt nicht. Wollen die in ihrem lütten Kahn absaufen?«, rief er dem Wachoffizier zu. Die Panik in Jepsens Stimme entlockte dem ersten Wachoffizier zunächst ein mildes Lächeln. Doch kurz darauf kam Leben in den Mann. Er stieß einen leisen Fluch aus und startete unverzüglich einen UKW-Anruf. Dann funkte er den Kapitän der Fähre an, sofort zurück auf die Brücke zu kommen. Als von dem Segelschiff keine Reaktion erfolgte, griff er nach dem Typhon, um die Besatzung des Bootes akustisch auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen.

Ohne Erfolg. Mit wachsender Unruhe beobachtete Jepsen, wie seine kurzzeitige Unaufmerksamkeit in eine lebensbedrohliche Situation mündete. Die Jacht bewegte sich weiterhin auf die Peer Gynt zu und würde mit der Fähre kollidieren, wenn nicht einer von ihnen sofort den Kurs änderte.

Der Wachoffizier zögerte nicht länger, er veranlasste ein Manöver des letzten Augenblicks. Er befahl dem Rudergänger, sofort wieder das Handruder zu besetzen, und die Fähre drehte hart nach steuerbord weg.

»Was zum Teufel geschieht da unten?«, hörte Ulf Jepsen den hinzueilenden Kapitän in schneidendem Tonfall fragen. Aus unerfindlichen Gründen schien die Jacht nun mit einem Mal ebenfalls nach steuerbord auszuweichen.

»Das wird knapp, das wird richtig knapp …« Die sonst kräftige Stimme des Wachoffiziers klang gepresst. Von der Brücke aus betrachtet sah das Schiff dort unten nur wie ein Spielzeug aus, doch Jepsen wusste, dass Menschenleben in Gefahr waren. Das durfte alles nicht wahr sein! Die Jacht war jetzt so nahe, dass die Fähre sie bei dem Drehmanöver noch mit dem Achterschiff erwischen würde.

1. Kapitel

Keine Unterhose? Bemerkenswert.«

»Die Bewertung dieser Tatsache überlasse ich getrost Ihnen. Es fiel mir nur auf, als ich die Temperatur der Leiche gemessen habe. Ich dachte mir aber schon, dass Sie das interessiert.«

Dr. Enno Kinneberg, der Gerichtsmediziner, stand mit dem Leichenthermometer in der Hand neben Kriminaloberkommissarin Pia Korittki. Sie wusste, er meinte das weder anzüglich noch sonst irgendwie tendenziös. Es war seine spezielle Art, mit der Polizei zu kommunizieren.

»Na und«, meinte Kriminalhauptkommissar Heinz Broders. Er hatte die Bemerkung des Gerichtsmediziners ebenfalls gehört. »Ich habe das damals auch so gemacht: mit 14, als in der Bravo stand, dass die Bay City Rollers es so halten. Das Gefühl war aber nicht so klasse.«

»Deine Gefühle in Ehren, Broders, kannst du dich nicht mal um die Leute da hinten kümmern, die gleich unsere Absperrung niedertrampeln?«, fragte Pia Korittki. Sie hatte beobachtet, wie die Schaulustigen die Hälse reckten und sich unaufhaltsam vorwärtsschoben, wohl um besser beobachten zu können, wie der Gerichtsmediziner seine Arbeit tat.

Der Grund für die ungewöhnliche Betriebsamkeit am Strand von Pelzerhaken war eine Wasserleiche. Sie war vor einer knappen Stunde von drei Wanderern bei einem Ostseespaziergang gesichtet worden. Die Entdeckung eines menschlichen Körpers, der mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb, sich längere Zeit über nicht selbsttätig bewegte, und das bei Wassertemperaturen, die um die neun Grad herum lagen, hatte die drei dazu veranlasst, ihren Fund der Polizei zu melden.

Zuerst war die Schutzpolizei am Strand von Pelzerhaken eingetroffen, um sich davon zu überzeugen, keinem Scherz oder Irrtum zum Opfer gefallen zu sein. Danach hatten sie die Mordkommission der Bezirkskriminalinspektion in Lübeck informiert, ein Spurensicherungsteam angefordert und auch die Wasserschutzpolizei benachrichtigt, die im nahe gelegenen Neustadt über ein Boot verfügte. Das Hafenboot der Polizei, die Habicht, lag jetzt etwa fünf Meter vor dem Strand vor Anker, die Besatzung war mit dem mitgeführten Schlauchboot an Land gekommen.

Die Mitarbeiter der Mordkommission hatten sich inzwischen fast vollzählig am Strand eingefunden. Sie waren alle aus ihren Sonntagnachmittagsbeschäftigungen gerissen worden. Pia Korittki und Heinz Broders, die als Erste zugegen gewesen waren, hatten bereits alle relevanten Fakten vom Fundort der Leiche notiert und auch skizziert. Alles Weitere in dieser Richtung war Aufgabe der Kriminaltechniker.

Pia Korittki klappte ihr Notizbuch zu und verstaute es zum Schutz gegen die Feuchtigkeit in ihrer Tasche. Sie sah sich um.

Feiner Sprühregen hüllte alles in grauen Dunst. Die Luft war so kalt, als wäre es noch März und nicht Mitte Mai. Die unvermeidlichen Schaulustigen standen jetzt, nachdem Broders sie zurechtgewiesen hatte, duldsam im feuchten Wind wie eine Schar Kühe auf der Weide. Mit beunruhigender Intensität starrten sie auf das Schauspiel, das eine angetriebene Wasserleiche und ein Tatortteam der Polizei ihnen bieten konnte. Sie warteten darauf, dass noch irgendetwas Dramatisches passierte.

Bisher war nur zu sehen gewesen, wie der Tote mit einem Leichensegel aus der Ostsee geborgen worden war. Die Wasserschutzpolizei hatte es für solche Zwecke an Bord, um bei der heiklen Arbeit an einer Wasserleiche diese nicht grob berühren zu müssen.

Aus der Entfernung sah der Tote wie ein beliebiges dunkles Bündel aus, das das Meer ausgespuckt hatte. Treibgut. Pia Korittki, die durch ihre Tatortarbeit in unmittelbare Nähe der Leiche gelangt war, hatte sich den Mann jedoch genauer angesehen: Er war mittelgroß, normalgewichtig und bis auf die fehlende Unterhose gut und teuer gekleidet. Für die Temperaturen vielleicht etwas zu sommerlich, denn er trug nur ein Sporthemd über seiner Markenjeans, keine wettertaugliche Jacke. Seine Füße waren nackt, aber das besagte nicht viel, denn Schuhe konnten leicht von der Strömung im Wasser fortgerissen worden sein. Aber die fehlende Unterhose?

Der Tote mochte so Mitte 40 sein, leicht gebräunt und mit sich am Hinterkopf lichtendem blondem Haar. Er konnte noch nicht allzu lange im Wasser gelegen haben, denn seine Gesichtszüge waren noch gut zu erkennen. An den Händen und Füßen zeigte die Leiche die typischen Schrumpfungserscheinungen in weißgrauer Färbung.

Die Kriminaltechniker neben ihr debattierten gerade, wer von ihnen in das kippelige Schlauchboot steigen durfte, um eventuell vorhandene Spuren an der Buhne zu sichern. Die drei Wanderer, die den Toten als Erste entdeckt hatten, waren inzwischen zu einer Befragung hoch zum Parkplatz geführt worden, wo ihre Aussagen in einem der Polizeibusse aufgenommen wurden.

Horst-Egon Gabler, der Leiter der Mordkommission und Pias direkter Vorgesetzter, traf als einer der Letzten am Strand ein. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen und gesenktem Blick, um nicht vom vorgegebenen Trampelpfad abzuweichen, schritt er auf den Fundort der Leiche zu. Es ist fast so, als ob wir alle immer wieder die gleiche Filmszene aufführen, dachte Pia bei seinem Anblick, nur die Szenenbilder wechseln.

Inzwischen hatte auch der Gerichtsmediziner seine erste Untersuchung abgeschlossen. Er trat aus der Absperrung heraus und kam auf Pia Korittki und Horst-Egon Gabler zu. Dabei machte er ein für seine Verhältnisse recht zufriedenes Gesicht.

Pia kannte Enno Kinneberg schon von früheren Fällen her. Man vergaß ihn nicht so schnell, wenn man ihn einmal in Aktion erlebt hatte. Außerdem hätte sie schwören mögen, dass er wieder in demselben Aufzug erschienen war wie damals in Grevendorf, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Die schwarze Baskenmütze saß fest auf seinem fast kahlen Schädel, und seine spitze Nase zuckte, als er die Untersuchungsinstrumente wieder in seiner Arzttasche verstaute.

»Noch nicht lange tot, wie es aussieht«, bemerkte er gleichmütig. »Bei den herrschenden Wasser- und Lufttemperaturen kühlt ein Körper schnell aus. Dadurch verlangsamt sich der Eintritt der Leichenstarre … Sie wollen natürlich mal wieder eine genaue Todeszeitbestimmung, aber die unbekannte Verweildauer des Toten im Wasser erschwert die Interpretation der Totenflecken. Trotzdem denke ich, dass der Mann noch nicht viel länger als 72 Stunden tot ist. Eher 48 würde ich schätzen, aber das ist nur eine erste Vermutung.«

»Ist die Todesursache Ertrinken?«, wollte Kriminalrat Gabler wissen. Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Seine schicken Schuhe mit den dünnen Ledersohlen waren sicher nicht für Strandausflüge im Regen gemacht.

»Das kann man erst bei der Sektion zweifelsfrei feststellen. Ich habe bei der äußeren Besichtigung der Leiche keinerlei Spuren von Gewaltanwendung feststellen können. Der Tote hatte keinen Schaumpilz vor dem Mund, wie er bei Ertrinkenden manchmal zu beobachten ist, auch keine punktförmigen Blutungen in der Bindehaut. Aber das Fehlen dieser Merkmale schließt einen Tod durch Ertrinken noch nicht sicher aus. Der Tote hat Schlamm- und Sandablagerungen in der Mundhöhle. Sie müssen das Ergebnis der inneren Leichenschau abwarten.«

Horst-Egon Gabler wechselte einen bedeutsamen Blick mit einem Kollegen von der Wasserschutzpolizei, der sich in seinem Windschatten aufhielt. »Was kommt denn Ihrer Meinung nach sonst noch als Todesursache in Frage?«

»Ein Herzinfarkt zum Beispiel. Oder wir haben es hier mit dem so genannten Badetod zu tun. Das ist ein Reflextod, der eintreten kann, wenn zum Beispiel kaltes Wasser in den Kehlkopf eindringt.«

»Wann wissen wir Genaueres?«

»Wenn ich heute noch ein Team zusammentrommeln kann, haben Sie zu den Spätnachrichten erste Ergebnisse vorliegen«, antwortete Kinneberg.

Gabler nickte. Aus Erfahrung wusste er, dass es zwecklos war, Kinneberg zu irgendetwas zu drängen. Die Umstehenden beobachteten fasziniert, wie sich der Gerichtsmediziner der bestehenden Wetterverhältnisse zum Trotz mit großem Geschick einen Zigarillo anzündete. Der ausgeblasene Rauch wurde von den Windböen sofort davongetragen.

»Mein einziges Laster«, bemerkte Kinneberg lakonisch, als er registrierte, dass man ihn beobachtete. »Bier, Schnaps und Frauen habe ich schon aufgegeben.« Er rauchte nur wenige Züge und drückte die Glut am Absatz seines Schuhs wieder aus. Den halb aufgerauchten Stummel verstaute er in der Schachtel. Eine Leiche, ein Zigarillo, dachte Pia, der das alles makaber und gleichzeitig vertraut vorkam. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, dass der Leiter, Horst-Egon Gabler, und der Kollege von der Wasserschutzpolizei einander erneut ansahen. Da war etwas im Busch.

»Ich tippe, wir sind umsonst hierher gekommen«, raunte Heidmüller ihr zu und unterbrach so ihre Überlegungen. Oswald Heidmüller war ebenfalls einer von Pias Kollegen im Kommissariat 1 und seit ein paar Monaten auch Pias Zimmerkollege.

»Sieht mir mehr nach einem Unfall aus. Der Typ ist wahrscheinlich ins Wasser gefallen und ertrunken. Wäre ja nicht das erste Mal, dass so etwas vorkommt.«

»Zieh lieber keine voreiligen Schlüsse.« Der neue Fall weckte auf eine ganz besondere Art und Weise Pias Interesse. Fast bedauerte sie, dass sie ab Anfang der nächsten Woche Urlaub eingereicht hatte. Eigentlich waren die freien Tage dazu gedacht, ihre Wohnung neu zu streichen. Je näher der Termin jedoch rückte, desto weniger Lust verspürte sie, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Und das Wetter in Schleswig-Holstein sah bisher auch nicht gerade nach Urlaub aus. Als Pia heute Nachmittag der Anruf erreicht hatte, sie solle zum Dienst erscheinen, hatte sie sofort darauf spekuliert, einen guten Grund dafür geliefert zu bekommen, ihren Urlaub verschieben zu können. Diese Wasserleiche sah ihr nicht nach einem herkömmlichen Unfall aus, egal ob mit Unterwäsche oder ohne.

»Habt ihr schon die Einsatzleitstelle befragt, was an neuen Vermisstenmeldungen gekommen ist?«, fragte sie Heidmüller deshalb, ihren Blick nicht von dem Toten im Sand abwendend.

»Die haben nichts, das passen könnte. Nur eine verwirrte Alte, die ihrer Familie ausgebüxt ist«, antwortete der und starrte desinteressiert über das graugrüne Wasser in Richtung Scharbeutz.

»Korittki, dich muss das doch gar nicht mehr interessieren. Wo du ab morgen bereits Urlaub hast …«

Heinz Broders hatte sich zu ihnen gestellt. Er scharrte mit den Füßen im Sand und sah Pia eindringlich an. Er war einer der dienstältesten Mitarbeiter im Kommissariat 1.

»Ja, ab morgen. Spricht doch nichts dagegen, wenn ich heute noch arbeite.«

»Sieht ja nun nicht mehr so aus, als ob du deinen Urlaub verschieben müsstest. Zuerst dachte ich, der Kerl hätte Messer und Gabel im Rücken, als ich ihn da draußen treiben sah. Das wäre unerfreulich gewesen.«

»Wenn der Fall es erforderlich macht, habe ich kein Problem damit, zu verschieben. Wir werden ja sehen …«, sagte Pia, nicht weiter auf seine Bemerkung über den Toten eingehend. Galgenhumor war oft das Einzige, was einen Tag mit einem Leichenfund erträglich machte.

»Du hast also keinen Flug in den sonnigen Süden gebucht. Ich dachte, ich bekäme eine Ansichtskarte mit ein paar Palmen und blauem Himmel darauf. Ich meine, ich könnte ein bisschen Aufmunterung vertragen, bei dem Wetter hier. Ich hatte auf Teneriffa getippt.«

»Falsch getippt. Ich wollte meine Wohnung streichen«, antwortete sie.

Broders tat einen Schritt auf sie zu. »Das ist aber bedauerlich. Keine Sonne?«

»Sehe ich aus wie jemand, der sich in die Sonne legt?«, konterte Pia, nicht bereit, einen Millimeter vor ihm zurückzuweichen.

»Könnte ja nicht schaden …«

»Hey, könnt ihr euch nicht wenigstens in Gegenwart von Toten mal zurückhalten?«, mischte sich Heidmüller ein.

»Wir unterhalten uns nur über unsere Urlaubspläne«, antwortete Pia. Broders bleckte die Zähne.

Heidmüller winkte sie ein Stück zur Seite. »Lass das doch. Der hat mal wieder eine Scheißlaune. Das habe ich schon bemerkt, als ich vorhin hier eingetroffen bin«, sagte er halblaut.

»Und was hast du auf dem Herzen?« Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Broders sie mit hochgezogenen Schultern anstarrte und sich dann in Richtung Parkplatz verzog. Pia folgte Oswald Heidmüller, bis sie im Windschatten von Dünengras und Heckenrosen standen.

»Nichts Besonderes.« Heidmüller griente. »Ich dachte nur, ich gehe dazwischen, bevor ihr euch schlagt. Du willst deinen Urlaub doch nicht wirklich verschieben, oder?«

»In Anbetracht der neuen Lage könnte es vielleicht ganz angeraten sein …« Sie blickte zum Strand hinunter, wo sich die Menschenansammlung langsam auflöste.

Heidmüller sah sie prüfend von der Seite an. »Wann hattest du denn eigentlich das letzte Mal Urlaub, Pia? Das muss lange her sein, denn in unserer Abteilung hattest du noch keinen.«

»Schon gut, schon gut. Wenn der Mann tatsächlich ertrunken ist, habt ihr ja Ruhe vor mir. Hast du die Blicke gesehen, die Gabler mit dem Kollegen von der Wasserschutzpolizei gewechselt hat?«

»Ich habe vorhin gehört, wie sie sich über eine Jacht unterhalten haben, die gestern mit einer Fähre zusammengestoßen sein soll.«

»Ein Schiffsunglück? Dann ist es wohl doch eher ein Unfall gewesen.« Sie war fast enttäuscht. »Der Tote kann natürlich von Bord dieser Jacht gefallen und ertrunken sein. Wir haben in der Ostsee jedes Jahr ein paar solcher Unfälle.«

»Es gibt da aber noch ein kleines, aber nicht unbedeutendes Problem mit dieser verunglückten Jacht.«

»Und zwar?«

»Die Leiche kann nicht innerhalb von 24 Stunden vom Ort der Havarie bis hierher getrieben sein, sagen die von der Wasserschutzpolizei. Physikalisch unmöglich.«

Pia fühlte, wie der rätselhafte Todesfall sie mehr und mehr in seinen Bann zog. »Aber in den Klamotten, die der Tote anhat, geht doch auch kein Mensch angeln und fällt dann ins Wasser. Wie ist der Mann ums Leben gekommen?«

»Pia. Es ist nicht dein Fall. Machst du dir Sorgen, dass du während deines Urlaubs zu viel in der Abteilung verpasst?«, fragte Heidmüller hellsichtig.

»Unsinn«, wich sie aus.

»Broders wurmt es, glaube ich immer noch, dass du vor der Zeit befördert wurdest.«

»Weil ich jetzt Kriminaloberkommissarin bin? Ich wäre eh irgendwann dran gewesen. Durch die Freitagsserie ist es nur etwas früher passiert als erwartet.«

Heidmüller zuckte mit seinen massigen Schultern. Er hatte leicht reden, denn irgendwie gelang es ihm, sich stets aus allen abteilungsinternen Differenzen herauszuhalten. Er ließ Sticheleien und Provokationen einfach nicht an sich heran. Vielleicht stellte die Speckschicht, die er sich im Laufe der Jahre mit Fastfood und Schokoriegeln angefuttert hatte, eine Art Abwehrmechanismus für ihn dar. Während sie noch darüber nachdachte, begann ihr Mobiltelefon, in der Jackentasche zu vibrieren. Sie zog es hervor und sah prüfend auf das Display – ihre Mutter?

»Ja, Pia hier. Hallo, Anna!«

Heidmüller winkte ihr noch kurz zu und verzog sich in Richtung der anderen Kollegen. Pia erinnerte sich, dass Heidmüller am Freitag im Büro mitbekommen hatte, dass Pias Mutter, Anna Liebig, kurzfristig ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Sie hatte angedeutet, dass ihr eine Operation bevorstand, deren Ergebnis weitreichende Folgen haben konnte. Pia presste den Lautsprecher des Mobiltelefons an ihr Ohr.

»Pia, wo bist du denn gerade? Ich verstehe dich so schlecht.«

»In Pelzerhaken, direkt am Strand. Was so rauscht, ist der Wind«, gab sie die gewünschte Auskunft.

»Gehst du spazieren?«

»Nein, ich arbeite.«

»Ach so. Ich dachte, du könntest heute Abend noch kurz hier vorbeikommen. Es ist wichtig. Aber wenn du arbeiten musst …«

Ihre Mutter konnte mit der Art und Weise, wie Pia ihren Lebensunterhalt verdiente, nicht viel anfangen. Ihr Verständnis für die unregelmäßigen Arbeitszeiten ging dementsprechend gegen null.

»Ich kann auf dem Nachhauseweg bei dir im Krankenhaus vorbeischauen. Willst du mir nicht wenigstens sagen, worum es geht?« Pia lauschte angestrengt. Die Verbindung war miserabel.

»Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut – ich brauche nur bei etwas Wichtigem deine Hilfe. Alles Weitere besprechen wir dann …«

»Also schön. Ich kann so gegen halb acht Uhr bei dir sein. Reicht das?«

»Ich freue mich auf dich.« Die Verbindung wurde unterbrochen.

Der Anruf verwunderte und beunruhigte sie. Ihre Mutter brauchte ihre Hilfe, aber es ging nicht um sie? Kam ihr Stiefvater nicht mit der neuen Situation zurecht? Während ihr Verstand noch nach möglichen Erklärungen für den unerwarteten Hilferuf ihrer Mutter suchte, folgten ihre Augen den Männern, die den Leichensack mit dem unbekannten Toten durch den nassen Sand davontrugen.

2. Kapitel

Ein Krankenhaus blieb immer ein Krankenhaus. Die pastellfarbenen Wände und die gefälligen Kunstdrucke darauf konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass man in diesem Gebäude gegen Krankheit und Tod kämpfte. Jeden Tag und hundertfach …

An der richtigen Zimmernummer angekommen, klopfte sie kurz und öffnete dann entschlossen die Tür. Ihre Mutter lag in dem Bett am Fenster und wandte ihr den Kopf zu, als sie eintrat. Die anderen beiden Betten waren leer und mit Plastikschutzhüllen überzogen.

»Pia, gut, dass du da bist. Ich habe gerade die Nachrichten auf RSH gehört. Warst du etwa wegen dieses Toten in Pelzerhaken, der dort angetrieben worden ist?«

Es klang fast vorwurfsvoll.

»Ja, war ich. Das ist mein Beruf, Anna. Wie geht es dir? Warum warten die so lange mit der Operation?«

Pia nannte ihre Mutter seit ihrem fünften Lebensjahr beim Vornamen. Anfangs war das wohl mal eine Provokation gewesen, und irgendwie war es dann dabei geblieben.

»Morgen bin ich endlich dran. Zuerst kommen die Privatpatienten, und am Sonntag operieren sie nur in Notfällen. Gestern haben Sie mir Blut abgenommen und ein paar Voruntersuchungen gemacht. Es wird schon schiefgehen, mach dir bloß keine Sorgen um mich. Ich wollte dich aus einem ganz anderen Grunde sprechen. Es geht nicht um mich, sondern um Tom.«

Ihre Mutter sah ungewöhnlich beunruhigt aus. Wenn sie sich trotz ihrer eigenen, unklaren Situation Sorgen um ihren Sohn machte, dann hatte sie auch handfeste Gründe dafür. Oder wollte sie sich ablenken?

»Was ist mit Tom?«, fragte Pia misstrauisch. Sofort musste sie daran denken, dass sie bezüglich des Lebens ihres Halbbruders alles andere als auf dem neuesten Stand war. Seit seiner Hochzeit mit Marlene im September hatte sie ihn gerade zwei Mal gesehen. Hatten sie und Tom überhaupt mehr als das Notwendigste miteinander gesprochen? Tom war sauer auf sie gewesen, weil sie am Abend während seiner Hochzeitsfeier einfach verschwunden war. Nicht dass das damals dem Gelingen des Festes irgendeinen Abbruch getan hätte. Aber er fühlte sich von ihr gedemütigt, und wenn er beleidigt war, so wusste Pia aus Erfahrung, konnte man eigentlich nichts anderes tun als abwarten.

»Genauer gesagt, geht es um Marlene. Sie ist verschwunden. Freitag ist sie in die Schweiz abgeflogen, um eine Freundin zu besuchen. Sie wollte heute Nachmittag wieder hier sein, aber sie ist nicht, wie geplant, in Hamburg gelandet. Sie war auch nicht in der nächsten Maschine aus Zürich. Schließlich hat Tom bei der Freundin angerufen, die sie besuchen wollte. Dabei erfuhr dein Bruder, dass Marlene an diesem Wochenende gar nicht bei ihr gewesen ist. Sie hatte den Besuch kurzfristig vor dem geplanten Abflug abgesagt.«

»Was sagt Marlene selbst denn dazu? Er muss sie doch irgendwie telefonisch erreichen können.«

»Sie muss vergessen haben, den Akku ihres Mobiltelefons aufzuladen …«

»Und sie hat vergessen, Tom mitzuteilen, dass sich ihr Reiseziel kurzfristig geändert hat«, bemerkte Pia sarkastisch. Im Nachhinein hatte sie das Gefühl, dass sie ihrer Schwägerin nie so recht getraut hatte. Diese Erkenntnis in einem solchen Moment sprach aber nicht für ihre gute Menschenkenntnis, sondern eher dafür, dass sie generell kaum einem Menschen traute und daher selten von solchen Vorkommnissen überrascht werden konnte.

»Pia, wir müssen Tom jetzt irgendwie helfen. Er scheint von der Tatsache, dass Marlene gar nicht bei ihrer Freundin war, völlig überrascht zu sein. Er hatte ihr sogar die Flugtickets besorgt.«

»Aber wo ist sie stattdessen?«

»Das ist die große Frage. Scheinbar weiß das niemand. Marlenes Eltern sind angeblich auch vollkommen ahnungslos. Die wollten eigentlich morgen in die Toskana verreisen. Nun weiß Tom nicht, was er mit Clarissa machen soll.«

»Moment! Marlene ist ohne ihre Tochter weggeflogen und hat Tom mit ihrem Kind zu Hause gelassen? Ich hatte gedacht, sie hätte Clarissa mitgenommen!«

»Es ist eben alles höchst sonderbar, Pia. Und ich möchte Tom so gern helfen, aber ausgerechnet jetzt liege ich in diesem verdammten Krankenhaus und kann nichts tun!«

Anna Liebig sah verzweifelt aus, und Pia fühlte Wut auf ihre Schwägerin in sich aufsteigen. Was war los mit dieser Frau, dass sie einfach mir nichts, dir nichts verschwand? Sie hatte eine kleine Tochter und einen Ehemann, da sollte man sich die Eskapaden langsam abgewöhnt haben.

»Glaubst du, Marlene hat eine Affäre? Dann taucht sie wahrscheinlich früher oder später mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung wieder auf.«

»Oder es ist ihr etwas passiert, Pia. Ich meine, du müsstest doch am besten wissen, was alles so los ist in der Welt …«

Es war ein gern vorgebrachtes Vorurteil ihrer Mutter, dass Pia aufgrund ihres Berufes mit allen Schlechtigkeiten der Welt vertraut war und vor allem sämtliche Verbrecher mit Kosenamen kannte. Heute war nach Pias Ansicht jedoch nicht der passende Tag, gegen diese Ansicht vorzugehen.

»Ich weiß aber auch, dass viele Vermisste über kurz oder lang putzmunter wieder irgendwo auftauchen und gar nicht begreifen, in welche Sorgen sie ihre Angehörigen gestürzt haben. Vermisstenfälle sind eine höchst undankbare Sache. Man kann sich ziemlich in die Nesseln setzen damit. Mit Sicherheit wissen wir bisher doch nur, dass Marlene einen Wochenendausflug geplant und Tom bezüglich ihres Reiseziels belogen hat, aus welchen Gründen auch immer. Die Freundin hat gesagt, Marlene hätte ihren Besuch schon vor dem Abflug wieder abgesagt, abgeflogen ist sie aber trotzdem. Sie hat diese Situation also zumindest im Anfangsstadium freiwillig so herbeigeführt. Was hatte Marlene also vor? Sich mit irgendwem zu treffen?«

»Nach einem halben Jahr Ehe? Ach, Pia. Wahrscheinlich gibt es für die ganzen Schwierigkeiten eine harmlose Erklärung.«

»Hat Tom sie schon als vermisst gemeldet?«

»Nein. Er meint, es gäbe da so eine Frist, nach der eine erwachsene Person mindestens 48 Stunden verschwunden sein muss, bevor …«

»Das ist Unsinn. Er sollte sich spätestens morgen an die Polizei wenden.«

Anna Liebig nickte und ließ sich dann zurück in die Kissen sinken, die auf dem hochgestellten Bettkopfteil hinter ihrem Kopf aufgetürmt waren. Pia starrte aus dem Fenster und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Marlene Liebig war verschwunden? Warum überraschte sie diese Tatsache gar nicht so sehr? Sie rief sich ihr Bild vor Augen. Das Bild einer gut aussehenden, selbstbewussten und erfolgreichen Frau. Was konnte passiert sein? Hatte sie Streit mit Tom gehabt?

Ihr Bruder tat ihr aufrichtig leid. Sie hatte nur das Gefühl, dass gerade sie ihm kein bisschen helfen konnte.

»Ich habe eine Bitte an dich«, sagte ihre Mutter, und Pia ahnte schon, was folgen würde. »Sprich du heute Abend noch einmal mit Tom. Ich möchte nicht, dass er den ganzen Abend allein zu Hause sitzt und sich Sorgen macht. Frag ihn, ob du ihm morgen mit Clarissa helfen kannst, jetzt, wo du schon mal Urlaub hast. Die Kleine muss um zwölf Uhr aus dem Kindergarten abgeholt werden. Tom kann seine Firma im Moment nicht im Stich lassen. Er hat mir erzählt, dass die bei ihm zurzeit an jedem Stuhl sägen, den sie finden können. Das liegt an der schlechten Auftragslage. Es wäre schon eine Hilfe für ihn, wenn er Clarissa versorgt wüsste.«

»Anna, ich habe Marlenes Kind gerade zwei Mal in meinem Leben gesehen? Würde sie überhaupt mit mir mitgehen? Und Tom legt auch keinen Wert auf meine Gesellschaft, das weißt du doch.«

»Pia, das ist in so einem Moment irrelevant. Du bist in der Familie die Einzige, die Zeit hat zu helfen. Du hattest doch sowieso nichts vor in deinem Urlaub.«

»Ich wollte endlich meine Wohnung streichen …«, kam es lahm von ihr. Die Farbe ihrer Wände war ihr gleichgültig, aber es widerstrebte ihr, Tom ihre Hilfe aufzudrängen, wo er sie seit einem halben Jahr behandelte wie eine Aussätzige. Und kleine Kinder waren ihr sowieso nicht ganz geheuer.

»Ich bitte dich, deinem Bruder zu helfen.«

Pia schluckte. Sie fühlte sich emotional erpresst. Sie sollte etwas tun, von dem sie jetzt schon wusste, dass es in einem Desaster aus Missverständnissen und Chaos enden würde. Wenn Tom sie um Hilfe bäte, wäre das etwas anderes, redete sie sich ein. Aber wie sollte sie ihrer Mutter etwas abschlagen, während sie mit Aussicht auf eine vielleicht niederschmetternde Diagnose in einem Krankenhausbett lag?

»Ich werde auf dem Rückweg bei ihm vorbeifahren und fragen, ob ich ihm irgendwie helfen kann«, schlug sie widerstrebend vor.

»Lass dich nicht von ihm abwimmeln, Pia. Du weißt, wie er ist, wenn er sich verletzt fühlt.«

»Er ist dann wie sein Vater …«, sagte Pia, weil ihr seine Ähnlichkeit mit ihrem Stiefvater, Günther Liebig, schon oft aufgefallen war. Mit den Gedanken schon bei dem bevorstehenden Besuch bei Tom, sprach sie unüberlegt weiter: »Tom und Nele wissen wenigstens, woher sie ihre Macken haben …«

»Ach, jetzt kommt wieder diese Geschichte.« Ihre Mutter stemmte sich aus den Kissen hoch. »Nein – du musst dich nicht entschuldigen, Pia. Ich habe ja versprochen, es dir irgendwann zu sagen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.«

»Aber nicht jetzt, oder? Bin ich nicht langsam alt genug, um zu erfahren, wer mein Vater ist? Ich glaube langsam nicht mehr, dass die Realität irgendwie schlimmer sein könnte als die Dinge, die ich mir in meiner Fantasie so ausmale.«

»Die Realität ist überhaupt nicht schlimm. Vertrau mir, Pia. Fahr zu Tom. Du kannst mich jederzeit anrufen, wenn es Schwierigkeiten oder etwas Neues gibt.«

Noch nie war Pia bei ihrer Mutter über diesen Punkt hinausgekommen, egal ob sie argumentierte, bat oder wütend wurde. Es war wie ein Spiel zwischen ihnen, aber Pia wurmte es, dass sie die Regeln nicht verstand. Sie biss sich ärgerlich auf die Unterlippe. Sie musste aufhören damit. Was wollte sie eigentlich mit dem Namen eines Vaters, der sich 31 Jahre lang nicht für sie interessiert hatte. Sie musste an die Männer denken, mit denen sie geschlafen hatte. Wenn nun einer davon sie aus Versehen geschwängert hätte, hätte ihn das automatisch zu einem Bestandteil ihres neuen Lebens machen müssen?

Manche Menschen waren nun einmal nicht greifbar, verschwanden, zogen sich absichtlich oder unabsichtlich zurück … Wie jetzt Marlene?

Es gab nichts weiter dazu zu sagen. Pia verabschiedete sich von ihrer Mutter und wünschte ihr alles Gute für den bevorstehenden Tag. Das ganze Gerede über Familienbande bringt mich immer wieder aus der Fassung, dachte sie, als sie sich dem Bannkreis ihrer Mutter entzog und aus dem Krankenzimmer trat.

Sie war lange vor der Ehe ihrer Mutter mit Günther Liebig geboren. Er war der Vater der Zwillinge Nele und Tom Liebig. Korittki war der Mädchenname ihrer Mutter. Irgendwie hatte Pia es schon als Kind zu verhindern gewusst, dass sie in Liebig umbenannt wurde. Sie war stolz auf ihren Namen und fand eine merkwürdige Befriedigung in der Tatsache, anders zu sein als die anderen.

Als sie hinaus auf den Parkplatz trat, hatte sich der sporadische Nieselregen vom Nachmittag in einen Platzregen ausgeweitet. Pia spurtete zu ihrem Auto und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Im Rückspiegel sah sie, dass ihr sonst blondes Haar dunkel und nass an ihrem Kopf klebte.

Also auf zu Tom. Jeder Aufschub würde das ungute Gefühl, das sie bei den Gedanken an die bevorstehende Begegnung hatte, nur verstärken. Pia startete den Wagen und rollte vom Parkplatz. Sie wusste zwar, dass ihr Bruder in der Adlerstaße wohnte, aber sie hatte die Hausnummer vergessen. Der Anblick der Häuserfassaden und Hauseingänge würde ihrem Gedächtnis hoffentlich auf die Sprünge helfen.

»Ich fress dieses Zeug hier nicht. Das ist alles Mist, verdammter Mist. Ich will richtiges Essen haben, verdammt …«

Der Rest der Tirade ging in einem Gurgeln und einem unheilvollen Scheppern unter, das noch verhältnismäßig laut durch die geschlossene, gut isolierte Zimmertür drang.

Kurz darauf blinkte die Leuchte über der Tür. Gesa Widmann hatte den Eindruck, dass das Licht über Alfred Hecks Zimmertür immer besonders hektisch und böse blinkte.

Er teilte sein Zimmer im Pflegeheim mit Benno Schwarze, der zu dieser Zeit mit seinem Rollstuhl im Speisesaal saß, und Kurt Hentschel, der sich aber weder bewegen noch richtig artikulieren konnte. Er musste von den Pflegerinnen und Pflegern gefüttert werden, weil er keine Kontrolle mehr über die Bewegung seiner Arme und Hände hatte. Es tat Gesa immer von Herzen leid, wenn sie es nicht rechtzeitig schaffte und den alten Mann antraf, wie er vor seinem beladenen Essenstablett saß und hungrig seinen Mund auf- und zumachte.

»Seit die hier auf dieses Industrieessen umgestellt haben, ist die Mittagszeit eine einzige Plackerei«, bemerkte Tia Maria Koeppen, die ebenfalls als Altenpflegerin in der Schlaganfall- und Alzheimerstation des Pflegeheims Waldesruh arbeitete. Sie nahm drei der Aluminiumpackungen vom Wagen und trug sie zur Tür des gegenüberliegenden Zimmers.

»Das Zeug schmeckt wirklich nach nichts, und die meisten Alten hier können nicht einmal selber die Verpackung aufmachen. Aber die Leitung hat pro Pflegefall vier Euro gespart, wohlgemerkt bei über 4 000 Euro Kostensatz im Monat!«

Sie verschwand kurz in dem Zimmer und kam ohne das Essen wieder heraus. Gesa Widmann stand immer noch am Wagen und suchte nach einem Grund, dieses Blinken und Rufen aus Hecks Zimmer zu ignorieren. Tia Maria beachtete sie gar nicht, sondern ereiferte sich weiter: »Industrieessen! Und unsere frühere Köchin sitzt auf dem Arbeitsamt und kostet uns Steuerzahler jetzt auch noch Geld. Was die gekocht hat, war wenigstens essbar. Das Zeug hier ist doch gar nicht mehr richtig warm, wenn unsere Alten es endlich bekommen. Gnade uns Gott, Gesa, wenn wir einmal pflegebedürftig werden. Du wirst noch an meine Worte denken, gnade uns Gott!«

Es schepperte erneut, und Gesa gab sich einen Ruck, um endlich für Ruhe zu sorgen auf ihrer Seite des Flures. Was nutzte es, wenn sie sich auch noch einen Anranzer ihrer Kollegin einfing, besser die Zähne zusammenbeißen und es durchstehen.

»He, Mädchen, endlich. Ich klingele mir hier die Seele aus dem Leib, und ihr macht wieder Kaffeepause da draußen!«, schnauzte Alfred Heck von seinem Bett aus, das er, glücklicherweise, wie Gesa fand, nicht mehr allein verlassen konnte.

»Soll ich Ihnen das Essen aufmachen, Herr Heck?«, fragte Gesa so freundlich, wie es ihr möglich war. Sie hob das Tablett, das er samt Essenspackung zu Boden geschleudert hatte, auf, zögerte aber, es wieder in seine Reichweite zu bringen. Das letzte Mal hatte er seine Bettpfanne nach ihr geworfen. Und gerade jetzt schien er in Mordstimmung zu sein.

»Was denn sonst, Mädchen? Soll ich hier verhungern? Es reicht schon, wenn der blöde Hentschel von Tag zu Tag weniger wird. Mich werdet ihr nicht so schnell los. Der alte Heck, der weiß doch genau, was hier läuft …«

Gesa zog vorsichtig den Deckel von der Packung und starrte auf den unappetitlichen Matsch, der sich durch den Sturz aus Geschnetzeltem, Kartoffelpüree und Erbsen und Möhren ergeben hatte. Sie hätte ihm ein neues Essen geholt, wenn das möglich gewesen wäre, doch die Portionen waren genau abgezählt. Sie hatten auf der Station nur dann mal ein Essen übrig, wenn es am gleichen Tag einen unerwarteten »Weggang« gegeben hatte.

»Was tust du da? Kommt jetzt das Gift darauf? Ich will einen Vorkoster. Los, probier mal einen Bissen, los!«

Gesa stellte ihm wortlos das Tablett vor die Nase, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zimmer.

»Blöde Hexe, aber mit ’nem knackigen Arsch«, hörte sie Heck noch hämisch murmeln, bevor sie die Tür hinter sich zuziehen konnte.

»Na, tobt er immer noch?«, fragte ihre Kollegin, als sie Gesa mit rotem Kopf aus dem Zimmer hasten sah.

»Er ist boshaft und anzüglich«, sagte sie laut und erregt, weil sie sich dem Gefahrenbereich entronnen sah. »Ich will nicht mehr zu ihm rein müssen. Ich nehme zehn andere Patienten dafür, aber nicht Heck!«

»Beruhige dich wieder, Gesa. Da draußen stehen auch zehn andere Frauen, die deinen Job hier nehmen würden. Sei bestimmt, aber freundlich zu ihm, dann läuft es besser. Bei mir klappt das auch immer.«

Gesa hörte ihr schon nicht mehr zu. Heck war kein normaler Pflegefall. Er war hier, um ihr, nur ihr, das Leben zur Hölle zu machen. Sie hatte schon ein paar Mal überlegt, seinetwegen zu kündigen. Doch dann dachte sie an die Herren von der Sparkasse, die fast jeden Monat wegen ihrer Kredite mit ihr sprechen wollten, und sie sah ein, dass sie nicht kündigen konnte. Nicht, bevor sie nicht einen Job gefunden hatte, bei dem sie ebenso viel verdiente wie hier.

Ab morgen hatte sie wieder Nachtdienst. Das bedeutete eine willkommene Zulage zu ihrem Lohn. Es bedeutete aber auch, dass sie für mehrere Stunden ganz allein auf der Station sein würde.

3. Kapitel

Was tust du hier eigentlich noch? Du machst dir wohl gar keine Sorgen um unsere Marlene?«, fragte Inge Brinkmann ihren Mann.

Friedhold Brinkmann stand breitbeinig in einem Beet in der hintersten Ecke seines Gartens und riss Unkraut aus dem feuchten Boden. Ächzend kam er hoch und wischte sich mit seinem Hemdsärmel den Schweiß aus dem Gesicht.

»Ich arbeite, das sieht man doch. Das heißt, ich versuche, dieses Beet hier fertig zu bekommen. Aber alle fünf Minuten kommst du bei mir an und willst reden um des Redens willen. Wir können im Moment nichts tun. Wir müssen abwarten. Warten, bis sich Marlene oder Tom bei uns melden.«

»Du musst nicht zu mir sprechen wie zu einem minderbemittelten Kind, Frieder. Ich mache mir schreckliche Sorgen um unsere Tochter, und ich kann nicht wie du …«, sie fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, »… hier draußen herumwühlen und so tun, als ob nichts passiert wäre.«

Friedhold Brinkmann, Oberstudienrat a.D., sah seine Frau ungeduldig an. An ihren hektischen Bewegungen und der Art, wie sie nach Worten suchte, merkte er, dass ihre Nerven bloßlagen.

Er nahm die Grabegabel und stocherte damit in der Erde herum. Vor ein paar Stunden hatte ihr Schwiegersohn Tom Liebig sie angerufen und ihnen erzählt, dass ihre Tochter Marlene verschwunden war. Scheinbar wusste niemand, wo sie sich befand oder warum sie nicht wie geplant nach Hause gekommen war. Aber ihre Tochter war eine erwachsene Frau, und es war töricht und sinnlos, sich schon jetzt verrückt zu machen, bevor nicht wenigstens eine Nacht über ihr Verschwinden vergangen war.

Außerdem erinnerte sich Friedhold Brinkmann an ein paar Vorkommnisse mit seiner Tochter, die nicht gerade für Marlenes Zuverlässigkeit sprachen. Im Gegenteil, sie hatte ihnen schon manch schlaflose Nacht bereitet mit ihren Eskapaden. War mit 16 allein nach Spanien getrampt, hatte während ihres Studiums oft wochenlang nichts von sich hören lassen und war immer leichtsinnig und unbedacht gewesen. Hatte seine Frau das alles vergessen?

Ihre Tochter war ein so ganz anderer Typ als seine Frau oder er selbst. Friedhold Brinkmann versuchte, sich auch Marlenes Schwierigkeiten vor Augen zu führen. Traumatische Erlebnisse in der Kindheit konnten einen Menschen verändern. Aber hatten sie sie nicht immer, so gut es ging, vor allem beschützt und bewahrt?

Er seufzte und stieß die Grabegabel mit einem festen Stoß in das Erdreich, sodass der Stiel noch einen Moment in der Luft vibrierte.

»Also gut, Inge. Ich mache nur noch dieses kleine Stück Beet hier zu Ende, und dann komme ich rein. Ich muss etwas Ordnung zwischen den Stauden schaffen, bevor wir morgen in den Urlaub fliegen. Du weißt, wie schnell das Unkraut schießt bei dem Wetter. Und die Nachbarn suchen doch immer einen Grund zum Lästern, oder?«, fügte er scherzhaft hinzu.

»Im Augenblick glaube ich, dass wir gar nicht fliegen sollten. Nicht, bevor wir wissen, was mit Marlene ist, meine ich.«

»Da reden wir nachher drüber, Inge«, antwortete er bestimmt. Erleichtert sah er, dass sie jetzt endlich von dannen zog. Wie einfach, ja angenehm, könnte das Leben sein, wenn man sich stets nur auf eine Sache konzentrieren dürfte. Graben, graben, graben zu der einen Zeit, nachdenken und reden zu einer anderen.

Die meisten Menschen machten sich das Leben unnötig schwer, indem sie immer alles gleichzeitig tun wollten. Die Studienfahrt zu verschieben kam jedenfalls gar nicht in Frage. 5 200 Euro in den Wind schießen und sich später Marlenes halb gare Entschuldigungen anhören müssen?

Um sein Enkelkind, die kleine Clarissa, machte er sich schon eher Sorgen. Ein Kind sollte nicht so unter einer unzuverlässigen Mutter zu leiden haben. Aber er und Inge hatten weiß Gott schon oft genug die Feuerwehr für ihre Enkeltochter gespielt. Nun war mal ihr neuer Ehemann dran, fand er. Tom Liebig würde sich für Clarissa etwas einfallen lassen müssen.

Friedhold sah auf seine Armbanduhr. Er wollte noch eben eine Staude umsetzen. »Aconitum napellus«, murmelte er vor sich hin, während er die Pflanze aus der Erde hob. Latein war eines seiner Hauptfächer gewesen, und noch heute rühmte er sich, alle Pflanzen in seinem Garten auch mit ihrem lateinischen Namen zu kennen.

Der Eisenhut würde gerade blühen, wenn sie von ihrer Reise zurückkämen. Das würde hübsch zu dem weißen Balkan Storchenschnabel aussehen, der hier so gut gedieh, Geranium macrorrhizum. Außerdem stand der Blaue Eisenhut dann in einem schönen Kontrast zu dem Geißbart, der Leitstaude hier im Halbschatten. Aruncus dioicus oder vulgaris?, fragte sich Friedhold Brinkmann verwirrt. Jetzt kannte er sich in seinem eigenen Garten schon nicht mehr aus, und das nur, weil seine Tochter mal wieder über die Stränge schlug.

Im Haus hörte er das Telefon klingeln. Das musste die ersehnte Nachricht über Marlenes Verbleib sein. Sie hatte bestimmt nur den Flieger verpasst, einen willigen Mann getroffen und die Zeit vergessen … so musste es gewesen sein. Wenigstens wusste in ihrer neuen Nachbarschaft niemand, was ihre einzige Tochter so alles trieb.

Er stellte sich vor, wie sich die gelangweilten Frührentner und Hausfrauen an den Geschichten über die Eskapaden von Brinkmanns einziger Tochter weiden würden. Das gäbe Unterhaltungsstoff für zehn Bridgeabende! Und die ehrenwerten Herrschaften, mit denen sie seit Jahren auf Studienfahrt gingen, nicht auszudenken!

Graben, graben, graben, nicht nachdenken …

»Ach, du bist es, Pia.«

War je ein Mensch freudiger begrüßt worden? Tom Liebig wich einer brüderlich-schwesterlichen Umarmung aus und starrte Pia aus rot geränderten Augen an.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte sie ihren Bruder, während sie in den dunklen Wohnungsflur trat und den muffigen Geruch nach ungelüfteten Zimmern und Angstschweiß wahrnahm.

»Immer noch nichts.« Er stieß die Tür zum Wohnraum auf, der sich seit Pias letztem Besuch auffallend verändert hatte. Tom war bezüglich seiner Wohnungseinrichtung immer ein Minimalist gewesen. Früher waren hier ein altes schwarzes Le-Corbusier-Sofa und ein Metallhocker die einzigen nennenswerten Möbelstücke im Raum gewesen. Nun luden üppige Rattansofas und locker ineinandergeschobene Glastische auf weichem Florteppich zum Niederlassen ein.

Unverkennbar Marlenes Handschrift, konstatierte Pia und trat zur Balkontür, um in die regnerische Frühlingsnacht hinauszusehen.

»Willst du die Polizei einschalten? Ich könnte dir helfen«, bot sie ihm an, um irgendwie ein Gespräch zu beginnen.

»Nein, will ich nicht. Marlene kommt bestimmt jeden Moment zurück. Jeder kann sich mal um ein paar Stunden verspäten. Vielleicht musste sie aus irgendwelchen Gründen den Zug nehmen.«

»Vielleicht«, sagte Pia und verkniff sich die Bemerkung, dass Marlene sich dann doch längst hätte melden können.

»Mama hat dich hergeschickt, oder? Sie macht sich Sorgen, weil sie selbst nicht ganz auf der Höhe ist. Das wurmt sie bei der ganzen Sache wahrscheinlich am meisten. Ehrlich, ich finde es ganz furchtbar nett von dir, dass du hergekommen bist, aber es war gar nicht nötig.«

Sätze, die mit dem Wort »ehrlich« begannen, sind fast immer eine Zumutung für den Adressaten, dachte Pia. Sie drehte sich zu ihrem Bruder um und sah ihn an. »Nur mal angenommen, Marlene ist morgen noch nicht wieder da. Hast du jemanden, der sich um Clarissa kümmert? Mama hat mich eigentlich nur gefragt, ob ich dir mit dem Kind helfen kann, weil ich sowieso Urlaub habe. Du kannst über mich verfügen.« Sie hob einladend die Arme und dachte gleichzeitig an den Toten vom Strand, der jetzt bei Dr. Kinneberg im Institut für Rechtsmedizin lag. Heute am späten Abend wurden erste Ergebnisse erwartet, und sie würde nicht dabei sein, wenn sich herausstellte, ob man es mit einem Unfall, Selbstmord oder einem Mord zu tun hatte.

Bei der Erwähnung der Möglichkeit, dass seine Frau auch am nächsten Tag noch nicht wieder aufgetaucht sein könnte, verschloss sich Toms Miene zu einer starren Grimasse.

»Ich rufe dich an, wenn ich deine Hilfe brauche, Pia. Ist das okay für dich? Morgens bringe ich Clarissa sowieso immer in den Kindergarten, und im Fall der Fälle könntest du sie ja mittags dort abholen. Ich kann bei mir in der Firma gerade keinen Urlaub nehmen.«

»Natürlich ist das okay für mich, Tom. Meinst du, Clarissa kommt einfach mit mir mit?«

»Ja, das wird sie. Wenn Marlene bis morgen früh nicht wiedergekommen ist, werde ich ihr erzählen, dass Tante Pia sie abholen kommt.«

»Tante Pia.« Wie herzig. Pia schluckte jeden Kommentar dazu herunter und nickte. Sie fragte nicht weiter nach, wie sie den Nachmittag mit einer Fünfjährigen gestalten sollte, denn für Tom schien die Möglichkeit, dass Marlene dann noch nicht wieder da sein könnte, außerhalb des Vorstellbaren zu liegen. Außerhalb des Erträglichen?

»Hast du schon etwas gegessen, Tom?«, fragte sie ihn, einer Eingebung folgend. Ihr selbst war flau, weil sie seit ihrem Sonntagsfrühstück nichts als einen Apfel gegessen hatte, und Tom sah ebenfalls halb verhungert aus.

»Ich habe was von Clarissas Cornflakes mitgegessen«, sagte er, und zum ersten Mal während Pias Anwesenheit huschte so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht. »Crunchy-Schoko-irgendwas-Pops.«

»Ich hab auch ziemlichen Hunger, Tom. Soll ich uns was vom Chinesen holen?«

»Immer noch die gleichen Vorlieben wie früher, Pia?«

»Anna sagt, dass meine Geschmacksnerven nach meiner vermurksten Mandeloperation außer Kontrolle geraten sind. Sie behauptet, eine zu hoch dosierte Vollnarkose wäre schuld daran. Ich weiß nicht, ob das medizinisch haltbar ist, aber seitdem musste sie wohl Peperoni und Chilischoten statt Schokolade zum Naschen für mich kaufen.«

»Weißt du noch, wie Papa mal aus Versehen in eines von deinen Spezialsandwichs gebissen hat?«, erinnerte sich Tom. »Er hat fast Feuer gespuckt!« Er sah Pia zum ersten Mal an diesem Abend richtig an. »Die Idee, etwas Vernünftiges zu essen, ist wahrscheinlich nicht die schlechteste. Außerdem würde ich diesen vier Wänden gern noch für ein paar Minuten den Rücken kehren. Wenn du hier wartest, fahre ich schnell los und hol uns was, einverstanden? Ich glaube nicht, dass Clarissa um diese Uhrzeit aufwacht, und wenn, dann erklärst du ihr, dass ich gleich wiederkomme …«

»Wird gemacht«, antwortete Pia und registrierte erleichtert, wie sich Toms Haltung straffte, als er nach seiner Jacke griff und die Wohnung verließ.

Sie aßen ihr spätes Abendbrot aus den Aluminiumschachteln. Dazu tranken sie Bier aus der Flasche und hatten den Fernseher angestellt. Tom wirkte etwas entspannter als bei Pias Eintreffen. Doch mit derselben Unerbittlichkeit, mit der die Zeit verrann und sich der Sonntag seinem Ende näherte, nahm auch Toms Besorgnis wieder zu. Gegen Mitternacht wanderte sein Blick alle paar Minuten zum Telefon und dann wieder zur Tür. Wenn er draußen Autotüren schlagen hörte, eilte er ans Fenster, um hinauszusehen.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Marlene etwas passiert sein könnte«, sagte er schließlich unvermittelt, »du kannst dir so etwas bestimmt eher vorstellen, Pia. Du hast ja täglich mit solchen Dingen zu tun. Aber Marlene und ich, wir leben ganz normal unser Leben hier.«

Er sagte das fast vorwurfsvoll, so als hätten mit Pias Person auch gleich Mord und Totschlag Einzug in seine Wohnung gehalten.

»Marlene taucht bestimmt wieder auf, Tom. Vielleicht braucht sie einfach eine Art Auszeit. Sie hat schließlich eine Menge um die Ohren mit Familie und Job. Ist dir in letzter Zeit vielleicht irgendetwas aufgefallen? Wirkte sie nervös oder abgelenkt auf dich?«

»Nein, nein und nein. Das hat Mama mich auch schon alles gefragt. Aber sie war wie immer. Sie wollte nur für ein Wochenende ihre Freundin in Zürich besuchen. Das machen Frauen doch, sich gegenseitig besuchen, um in Ruhe miteinander zu reden. Um ehrlich zu sein, ich habe mich für sie gefreut, dass sie mal rauskommt …«

Er stützte den Kopf in die Hände. Sein Fuß stieß gegen eine der Flaschen, die umfiel und eine Lache aus Bier auf dem Florteppich hinterließ. Pia wischte die Flüssigkeit mit dem Stapel mitgelieferter Servietten auf.

Sie fühlte sich hilflos im Angesicht von Toms Kummer. Statt ihn in den Arm zu nehmen, wie sie es vielleicht hätte tun sollen, stapelte sie die Essenspackungen und trug alles in die Küche. Warum konnte sie ihren Bruder nicht trösten? Hatte sie solche Angst davor, abgewiesen zu werden?

Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, saß er immer noch genauso da, wie sie ihn verlassen hatte.

»Ich fahre jetzt nach Hause, Tom«, sagte Pia leise, »wenn ich Clarissa morgen abholen soll, ruf mich einfach an.«

Er nickte, ohne aufzusehen.

4. Kapitel

Sind Sie sicher, Kinneberg?« Was für eine blöde Frage! Heinz Broders hörte förmlich, wie Dr. Enno Kinneberg am anderen Ende der Leitung die Augen verdrehte.

»Sicher ist nur der Tod, Herr Hauptkommissar. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Der Mann, der gestern am Strand von Pelzerhaken angetrieben worden ist, ist zwar ertrunken, trotzdem war sein Tod mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Unfall!«

»Und warum nicht?«

Kinneberg machte eine Kunstpause.

»Wir haben Gift in seinem Magen gefunden. Das Labor hat die Analyse des Mageninhalts gerade abgeschlossen. Ein Pflanzengift namens Aconitin, schreiben die. Wäre der Mann nicht ertrunken, wäre er kurze Zeit später an diesem Gift gestorben – qualvoll, wie wir aus Erfahrung wissen.«

»Dann sind wir also dran. Ich hatte gehofft, der Mann wäre zur Abwechslung mal freiwillig ins Wasser gegangen …«

»Sie bekommen das in Kürze noch einmal alles in Schriftform. Trotzdem wollte ich schon mal bei Ihnen im Kommissariat Bescheid geben. Ihre Kollegen Friedrichs und Wohlert, die so freundlich waren, mir bei der Sektion Gesellschaft zu leisten, werden Ihnen das Gleiche sagen. Es kann allerdings noch einen Moment dauern. Sie sind wohl beide erst mal nach Hause gefahren, um zu duschen …«

Er kicherte meckernd, und Broders hielt den Hörer ein Stück vom Ohr weg.

»Danke, Kinneberg. Ich werde das weitergeben. Wir hören voneinander.«

»Ja, gute Nacht!«

Broders rieb sich gedankenverloren seinen Nacken. Erst war der Mann so gut wie vergiftet worden, dann im Meer ertrunken. Das hörte sich nach einer mittelalterlichen Todesstrafe an: Damals waren die Menschen doch angeblich ziemlich wild darauf gewesen, verurteilte Straftäter mehrfach zu Tode kommen zu lassen. Erhängen, ausweiden, vierteilen und zur Sicherheit auch noch verbrennen?

Broders schüttelte sich. Er griff nach seinen Notizen, um Horst-Egon Gabler von dem Telefonat mit der Rechtsmedizin zu berichten.

»Also doch!« Gabler hieb mit der flachen Hand auf den Besprechungstisch. »Der Mann, der am Strand von Pelzerhaken angetrieben wurde, ist nicht einfach nur ins Wasser gefallen und ertrunken. Kinneberg sagt, dass er eine tödliche Dosis Gift in seinem Magen hatte. Demnach ist er ertrunken, bevor das Gift in seinem Magen ihn getötet hat. Das kann ein Suizid gewesen sein oder aber, und das halte ich für wahrscheinlicher, ein Tötungsdelikt.«

»Na, dann hat sich das Warten hier wenigstens gelohnt«, meinte Michael Gerlach und sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. Es war eine recht dezimierte Anzahl von Mitarbeitern, denen sich der Leiter zu dieser Stunde gegenübersah. Er hatte die Kollegin Pia Korittki nach der Arbeit am Strand in den geplanten Urlaub geschickt. Friedrichs und Wohlert waren noch nicht von der Sektion zurückgekehrt.

Nun war es über die Warterei auf den Bericht aus der Rechtsmedizin spät geworden, und die Konzentrationsfähigkeit der Anwesenden hatte trotz erhöhtem Kaffee- und Colakonsum merklich gelitten. Horst-Egon Gabler überlegte, wie er am besten vorgehen sollte. Das Wichtigste war jetzt, die Identität des Toten festzustellen.

»Wie einige von Ihnen am Strand vielleicht schon mitbekommen haben, hat mich die Wasserschutzpolizei vorhin über ein Schiffsunglück informiert, das sich gestern auf der Ostsee ereignet hat. Eine Segeljacht ist dabei mit der Ostseefähre Peer Gynt kollidiert. Die Peer Gynt befand sich auf dem Weg nach Trelleborg, als eine Segeljacht vor ihr auftauchte. Die Jacht hätte der Fähre den Schilderungen nach Vorfahrt gewähren müssen, aber es passierte nichts. Daraufhin veranlasste die Crew der Peer Gynt ein Ausweichmanöver, aber die Fähre hatte die Jacht trotzdem noch mit dem Achterschiff erwischt. Die Jacht heißt im Übrigen Juvenile und ihr Heimathafen ist Grömitz.

Die Wasserschutzpolizei hat anhand des Bootspasses herausgefunden, dass die Juvenile einem Holger Michaelis aus Neustadt gehört. Er ist am Freitag von Grömitz aus zu einer Segeltour aufgebrochen, die das ganze Wochenende lang dauern sollte. Das hat seine Frau der Wasserschutzpolizei gerade am Telefon mitgeteilt. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört oder gesehen.«

»Dann ist der Mann, der in Pelzerhaken angetrieben worden ist, wahrscheinlich dieser Holger Michaelis?«, fragte Michael Gerlach.

»Eine Identifizierung des Toten durch Frau Michaelis wird Klarheit in die Angelegenheit bringen. Unsere Kollegen von der Wasserschutzpolizei glauben nämlich nicht daran. Sie sagen, der Ort der Kollision ist zu weit von dem Strand entfernt, wo die Leiche angespült wurde. Aber vielleicht täuschen sie sich auch? Ich kenne mich mit Seemeilen und Strömungsgeschwindigkeiten nicht aus.«

»Haben sich noch weitere Personen an Bord der Segeljacht befunden?«, fragte Heinz Broders.

»Als die Rettungskräfte bei der Jacht eintrafen, befand sich niemand mehr an Bord. Trotzdem wird Holger Michaelis nicht unbedingt allein zu seinem Törn aufgebrochen sein. Man sagte mir, dass die Juvenile