Der Alltag der Welt - Karl-Markus Gauß - E-Book

Der Alltag der Welt E-Book

Karl-Markus Gauß

4,7

Beschreibung

Der Alltag: voller Wunder und Zumutungen. Die Welt: ein Ort, der noch zu entdecken ist. In seinem neuen Buch, einem persönlichen Tagebuch zur Zeitgeschichte, nimmt uns Karl-Markus Gauß mit in eine literarische Schule des Staunens. Vom Mai 2011 bis ins Frühjahr 2013 ist der Bogen dieser Gegenschrift zum Zeitgeist gespannt. Die erzählerischen Miniaturen, philosophischen Anmerkungen, historischen Anekdoten, die literarischen Porträts, politischen Widerreden und autobiografischen Entwürfe führen den Autor jedoch weit über diese Zeit hinaus. Ein mitreißendes Dokument geistiger Unabhängigkeit und schöpferischen Eigensinns.

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Seitenzahl: 407

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Von 2011 bis 2013 ist der Bogen dieser Gegenschrift zum Zeitgeist gespannt. Karl-Markus Gauß berichtet von einer Koreanerin, die sich selbst heiratet, und von der Reaktor-Katastrophe in Fukushima, vom Aufruhr in englischen Städten und von deutschen Fälschern, vom Sterben naher Freunde und vom Versuch, ein richtiges Leben im falschen zu führen. Selbstironisch und melancholisch, witzig und grüblerisch spürt er verschwundenen Klängen, Haltungen, Menschentypen nach. In eigenen Strängen erzählt er von »Sternstunden des Scheiterns«, der »Geschichte der Liebe« und davon, dass die wahre Geschichte der Menschen in der Dichtung geschrieben wird.

Zsolnay E-Book

Karl-Markus Gauß

Der Alltag der Welt

Zwei Jahre, und viele mehr

Paul Zsolnay Verlag

ISBN 978-3-552-05749-4

Alle Rechte vorbehalten

© Paul Zsolnay Verlag Wien 2015

Umschlag: Lübbeke Naumann Thoben, Köln Foto: © plainpicture/donkeysoho

Satz: Eva Kaltenbrunner-Dorfinger, Wien

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

www.hanser-literaturverlage.de

Erfahren Sie mehr über uns und unsere Autoren auf www.facebook.com/ZsolnayDeuticke

Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Inhalt

1. Kapitel: Vom Verschwinden

Zwischenstück 1

Vom Verschwinden in der Literatur

2. Kapitel: Die Apokalypse

Zwischenstück 2

Himmel und Hölle in der Literatur

3. Kapitel: Die Aura der Fälschung

Zwischenstück 3

Brief und Lebensdichtung

4. Kapitel: Das Jahr der Bettler

Zwischenstück 4

Fünf Partezettel aus dem Jahr 2012

5. Kapitel: Die ungeschriebenen Bücher

Die Plünderung dessen, was nicht mehr war,

und dessen, was hätte gewesen sein können,

war grenzenlos.

                       Tomás Eloy Martínez, »Purgatorio«

1. Kapitel

Vom Verschwinden

Ich habe eine gute Nachricht für Sie: Jetzt beginnen die Jahre, in denen Sie nicht mehr zurückschauen, nur mehr nach vorne blicken werden! An einem Skelett auf Rädern, das er in die Mitte des Behandlungszimmers geschubst hat, führt der Orthopäde gut gelaunt vor, warum die Haltung, mit der ich der Welt entgegengetreten bin, schon immer die falsche war. Das Röntgenbild, auf das er mit leichenweißen Fingern deutet, zeigt mir nichts als Nebelschwaden, die aus dunklen Wassern aufzusteigen scheinen; es sind meine Halswirbel, die nicht schätzen, wie ich lebte. Zur Strafe bin ich halsstarrig geworden, binnen weniger Wochen. Versuche ich den Kopf nach hinten zu drehen, ohne mit dem Oberkörper mitzuschwingen, kracht es, dass die Umstehenden erschrocken in Deckung gehen. Bin ich verwegen genug, die Augen zu heben, um nach oben zu blicken, peitscht der jähe Schmerz vom Genick zur Schläfe, und wenn das Feuerwerk im Schädel niedergebrannt ist und seine gleißenden Funken erloschen sind, höre ich es, dieses Keuchen.

Krachend und keuchend habe ich mich den Zahllosen zugesellt, die schon länger in die Schule des Schmerzes gehen und wissen, dass in dieser die Einsamkeit gelehrt wird. Psychische Qual, seelisches Leid mildern sich ab, sobald man mit anderen darüber sprechen kann, mit dem körperlichen Schmerz aber bleibt man alleine, so vielen mitleidigen Zuhörern man auch klagt. Der Schmerz, ob er in den Eingeweiden wühlt oder in den Gelenken scheuert, verurteilt dich zur Einzelhaft, er wirft dich in ein Gefängnis, in dem du zwar Besuch erhalten kannst, dich aber niemand an der Hand nehmen und hinaus ins Freie, Lichte führen wird.

Nicht mehr zurückschauen und, so oft wie möglich, den Blick zu Boden senken: Gibt es etwas, das mir mehr widerspräche? Zu Hause hole ich das alte Fotoalbum hervor, in dem die Aufnahmen eingeklebt sind, die von mir zwischen meinem ersten Geburtstag und der Matura gemacht wurden (was damals ausreichte, eine ganze Kindheit und Jugend zu dokumentieren, genügt heute nicht, von einem einzigen Sommerurlaub zu bezeugen, dass er überhaupt stattgefunden hat), und mir fällt auf, dass es fast kein Bild von mir gibt, für das ich mich nicht gerade so aufgestellt hätte: aufrecht, den Hals durchgestreckt, das Kinn vorgeschoben, das Haupt nach hinten gedrückt. Seitdem ich bemerkt hatte, dass ich der kleinste unter den Spielgefährten war, hielt ich den Kopf stets hoch erhoben. Neigte ich ihn dann nach hinten, ins Genick, konnte ich aus schmalen Augenschlitzen selbst jene von oben mustern, die größer waren als ich.

Ich blättere durch das Album und hole ein zweites, ein drittes hervor, und ich entdecke nach dem Kind, das bereits mit seinem Hochmut zu experimentieren scheint, einen Jugendlichen, dessen Trotz etwas Abschätziges hat, und endlich den Erwachsenen in seiner Pose freundlicher Überlegenheit. Die drei, die sich sonst seltsam wenig ähneln, denn das Kind ist blond und kräftig, der Jugendliche schwarz gelockt und mager, und den Erwachsenen kann man geradezu dabei beobachten, wie er zulegt und frühzeitig ergraut – diese drei, die einander sonst nicht gleichen, sind unverkennbar ein- und derselbe in der Manier, wie sie sich erhobenen Hauptes zu präsentieren bemühen. Diese Haltung haben sie stets wie von selbst eingenommen, sie hat ihnen gutgetan, mir aber die Halswirbel abgeplattet und die verdammte cervikuläre Cephalea, den vom Nacken zur Schläfe schießenden Kopfschmerz, eingetragen (so geht diese Sprache, die jetzt die meine wird).

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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