Der Sommer, als wir träumen lernten - Adriana Popescu - E-Book

Der Sommer, als wir träumen lernten E-Book

Adriana Popescu

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Vier »Systemsprenger« auf einem schwedischen Boat-Trip der besonderen Art

Leo, Grete, Alex und Jannis haben schon mal eines gemeinsam: Ihre Familien halten es einfach nicht mehr aus mit ihnen, weshalb sie auf eine Therapie-Camp-Tour geschickt worden sind. Die schwedischen Wälder sind zwar nicht gerade die Wüste, aber verbannt und verraten fühlen sie sich trotzdem. Alex hasst es, ohne ihre Freunde zu sein, aber wenn es sein muss, ist sie eben eine One-Girl-Gang. Perfektes Opfer ist Grete mit den schicken Klamotten, die garantiert das erste Mal von Mami weg ist. Für Jannis ist das Camp die letzte Chance. Also macht er genau das, was er immer macht, aber nie soll: Er schlägt um sich. Typen wie Jannis geht der introvertierte Leo normalerweise aus dem Weg, aber seit sie ihn in diesem bekloppten Camp auf kalten Digital-Entzug gesetzt haben, ist er selber kurz vorm Ausflippen.
Ein Coming-of-Age-Roman, der mitten ins Herz trifft, für alle Fans von »Tschick« und »The Son«

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Adriana Popescu

Der Verlag behält sich die Verwertung des urheberrechtlich geschützten Inhalts dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

TRIGGERWARNUNG

Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte. Deswegen findet ihr hier einen Hinweis. Dieser enthält Spoiler für die gesamte Geschichte.

Erstmals als cbt Taschenbuch März 2024

© 2024 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagkonzeption: Kathrin Schüler, Berlin

unter Verwendung eines Fotos von © Shutterstock (Zerbor; Claire Slingerland)

MP · Herstellung: UK

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 978-3-641-29374-1V001

www.cbj-verlag.de

Für alle, die einen Sommer brauchen,

in dem sie träumen lernen.

Kapitel 1

Jannis

SAMSTAG

Mein Zimmer sieht so verwüstet aus, wie ich mich fühlen sollte. Die Scherben der Nachttischlampe liegen verteilt auf dem flauschigen Teppich, den meine Eltern sicher nachher staubsaugen werden. Oder sie schmeißen einfach alles weg. Das Ladegerät für mein Handy stopfe ich in meinen Rucksack. Meine Fingerknöchel sind ganz weiß, weil ich den Träger des Rucksacks so fest umklammert halte, und ich versuche, tief zu atmen, um mich nicht schon wieder aufzuregen, aber ein Blick auf die Uhr lässt meine Sicherung durchbrennen, und ich greife nach dem nächstbesten Gegenstand – eine tragbare Musikbox – und schleudere sie mit voller Wucht von mir.

Ein Klirren lässt mich überrascht aufsehen.

Ich habe das Fenster getroffen.

Meine Zimmertür fliegt auf, die gehetzten Gesichter meiner Eltern tauchen im Rahmen auf, ihre Blicke huschen einmal quer durch das Zimmer, nehmen die komplette Zerstörung meiner Einrichtung wahr, bevor sie auf der zersplitterten Fensterscheibe landen.

»Jannis.«

Mein Name ist schon lange synonym für einen Vorwurf.

»Sorry.«

Dabei klinge ich wenig überzeugend – weil es mir egal ist. Es ist nur eine weitere Scheibe, die zu Bruch geht. Angesichts der Summe an Dingen, die unterwegs bereits kaputtgegangen sind, ist das quasi nichts.

Mama bleibt an der Tür, nur Papa wagt sich in mein Zimmer und steigt über den kaputten Bürostuhl, den ich gestern Nacht zerstört habe.

»Hast du alles gepackt?«

Demonstrativ zeige ich auf meinen Rucksack, in den ich die Dinge gestopft habe, die ich mitnehmen will. »Ta-dah.«

»Hast du dich an die Packliste gehalten?«

Die Packliste.

Kurz sehe ich mich auf dem Schlachtfeld um, das mein letzter Ausbruch hinterlassen hat, und bleibe bei den kleinen Papierschnipseln hängen, die, verteilt wie Konfetti nach einer Party, auf dem Boden liegen.

»Klar.«

Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, was auf dieser Scheißpackliste steht. Wie immer, wenn ich so austicke, bleibt vieles in einer Art dichtem Nebel zurück.

Papa legt den Kopf schief, Zweifel deutlich in seinem Blick, aber er wird mir nicht widersprechen. Zu groß ist die Angst davor, dass ein falsches Wort dabei ist, bei dem ich wieder die Kontrolle verliere.

»Dann können wir los?« Mama kann es gar nicht schnell genug gehen, mich in den Flieger nach Schweden zu setzen. Fast muss ich lachen, wenn ich die Hoffnung in ihren Augen sehe, wenn sie von diesem beschissenen Kanutrip quatschen. Dabei machen sie das alles nur, damit sie kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen. Alternativ wartet die nächste Einrichtung auf mich. Ein Heim, eine Anstalt, eine Zwischenlösung, bis ich achtzehn bin und sie die Schlösser an unserer Wohnungstür austauschen lassen werden, wetten?

Ein Blick in meinen spärlich gefüllten Rucksack, in den ich nur unsinnige Dinge gepackt habe, weil ich in meiner Wut einfach die Konzentration verliere.

»Ich bin so weit.«

Die Musikbox hätte ich mal lieber eingepackt, aber jetzt liegt sie irgendwo in unserem Garten, knapp neben dem Gasgrill, den wir nie benutzen, weil meine Eltern die Gasflasche weggegeben haben, aus Angst, ich könnte uns alle damit in die Luft jagen.

Mit dem geschulterten Rucksack steige ich über das Chaos meines Zimmers und trete in den Flur. Mama umarmt mich sofort, beweist allen damit, dass sie keine Angst vor mir hat, und alleine das ist einen Applaus wert. Vielleicht lege auch ich deswegen die Arme um sie und sie drückt zurück. Fester, als ich erwartet habe, aber es kommt nicht bei mir an. Nichts kommt mehr bei mir an.

»Pass auf dich auf, Jannis. Mach keine Dummheiten, hörst du?« Sie flüstert die Worte an mein Ohr, ihre Stimme so brüchig wie das Versprechen, das ich ihr gleich geben werde.

»Versprochen.« Mehr kriege ich nicht über die Lippen, bevor wir uns voneinander lösen. Irgendwie nehme ich ihnen das alles nicht mal wahnsinnig übel. Man gewöhnt sich an alles, oder?

»Wo ist Max?« Mein suchender Blick wandert zum Zimmer meines dreizehnjährigen Bruders, das ganz hinten im Flur liegt.

Die Stille dauert zu lange und wird unangenehm, also sehe ich zu Mama, die aber nur den Ball an Papa weitergibt, der mit dem Autoschlüssel in der Hand wartet.

»Er ist bei einem Freund.«

»Ich kann mich also nicht verabschieden?«

Komisch, das trifft mich irgendwie. Auf jeden Fall mehr, als der Plan, mich den Sommer über nach Schweden zu schicken. Aber nur kurz, bis auch das von dem großen schwarzen Loch in meinem Inneren verschluckt wird.

»Wir hielten es für besser, wenn er nicht hier ist.«

»Okay, cool.« Dann gibt es echt keinen Grund mehr, noch länger hier rumzuhängen. »Bis dann.«

Damit gehe ich an Mama vorbei, lasse auch Papa stehen und reiße die Haustür auf, wo mich ein heißer Sommertag und eine weitere »letzte Chance« erwartet.

Kapitel 2

Grete

SAMSTAG

»Du verstehst das doch, oder?«

Jetzt ist es ohnehin zu spät, um noch mal eine Erklärung für all das zu erbitten. Immerhin habe ich in den letzten Wochen auch keine bekommen. Sie sieht mich an, und ich erkenne die Ähnlichkeit, die uns immer wieder bescheinigt wird. Tatsächlich habe ich Mamas Augen und ihre Nase, aber ihr Blick ist so anders als meiner. Ernst sieht sie mich an, aber auch merkwürdig distanziert, weil sie mich nicht mehr so gut kennt.

»Grete, das wird dir guttun.«

Dann dreht sie sich zu Michael um, der in einigem Abstand hinter ihr steht und wartet. Er wollte uns noch etwas Zeit geben, damit wir uns anständig verabschieden können.

Als Mama wieder zu mir sieht, ist da noch mehr Abstand in ihrem Blick. »Das wird uns allen guttun.«

Sie berührt meine Schulter, aber nur kurz und unsicher. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Abgestellt werden, in der Hoffnung, ich würde nicht merken, wie erleichtert sie ist. Weil ich eben auch immer eine Erinnerung bin an Dinge, die sie vergessen möchte.

»Aber vor allem euch wird das guttun oder?«

»Grete, bitte. Wir haben da doch schon drüber gesprochen.«

Mit verschränkten Armen feuere ich einen wütenden Blick in ihre Richtung und lege eine Frage nach. »Und wenn ich da oben einen Asthmaanfall bekomme und sterbe?«

Mama sieht schlagartig müde aus, als sie den Kopf schüttelt. »Du hast kein Asthma, Grete.«

»Das weißt du nicht!«

»Doktor Hansmann hat dich auf Herz und Nieren untersucht und du bist kerngesund.«

»Wenn ich doch so völlig gesund bin, wieso schickst du mich dann in ein Therapie-Camp?«

Auf diese Frage hat sie keine Antwort, sie sieht mich nur an, und ich wünschte, ich könnte ihre Gedanken lesen.

Michael kommt langsam näher, bis er direkt neben Mama zum Stehen kommt und einen Arm um ihre Schultern legt. Er ist viel zu jung für sie. Er trägt coole Klamotten und kennt sich mit Musik aus, hat sogar ein Netflix-Konto, mit dem er Stranger Things schaut. Mama weiß nicht mal, was Stranger Things ist.

Michael räuspert sich, seine blauen Augen täuschen so was wie Mitgefühl vor, während sein Lächeln das Gegenteil behauptet, froh über die Tatsache, mich endlich für eine kleine Weile loszuwerden.

»Du musst los. Dein Flug geht gleich.«

»Wir holen dich wieder ab, wenn du zurückkommst.«

Zwei Wochen. In der Einöde, weit weg von Mama, Michael, Papa, meinem Zimmer und ohne Freunde. Freunde, die ich in den letzten Jahren ohnehin alle verloren habe.

»Ich schreib euch ’ne Postkarte.«

Ohne auf eine Umarmung zu warten, drehe ich mich weg und gehe auf die Frau im mausgrauen Pullover zu, die geduldig auf mich gewartet hat und deren Job es ist, dafür zu sorgen, dass ich heil und am Stück in Schweden ankomme. Vielleicht werden sie mir auf der anderen Seite der Kontrolle auch eine Fußfessel anlegen, keine Ahnung. Es war nämlich weder meine Idee noch mein Plan.

»Wie fühlst du dich?« Die mausgraue Frau stellt die Frage vorsichtig in die Stille hinein, als wir nebeneinander zur Sicherheitskontrolle gehen, ohne dass ich mich noch mal umdrehe.

»Spitzenmäßig.«

Denn wenn ich eine Sache kann, dann lügen.

Kapitel 3

Leo

SAMSTAG

Der Rauch füllt meine Lungen, und ich schließe die Augen, halte ihn so lange fest in meinem Brustkorb, bis ich nicht mehr kann, und puste ihn dann in den Himmel über meinem Kopf.

Es hieß, ich könne keine Zigaretten mitnehmen, und wenn ich der Broschüre Glauben schenken darf, wird mir auch mein Handy abgenommen werden. Lächerlich. Das dürfen die gar nicht, dann können sie mich ja gleich in den Knast schicken.

Wieder genehmige ich mir einen Zug, greife nach meinem Smartphone in der Hosentasche und ziehe es heraus. Mitgenommen sieht es aus, das Display ist an der oberen rechten Ecke gesplittert, weil es mir wohl einmal zu oft runtergefallen ist. Schon lange wollte ich es reparieren lassen, aber der Akku von meinem Ersatzhandy ist am Arsch und hält vielleicht gerade mal zwei Stunden am Stück.

Mein Herz hämmert heftig in meiner Brust, und ich öffne eine Spiele-App, für die ich mir erst vorhin neues Guthaben gekauft habe. Vielleicht gewinne ich den Jackpot und kann mich mit der Kohle einfach absetzen. Irgendwohin, wo mich meine Eltern nicht nerven und mir ständig auf die Finger schauen.

»Leo?«

Obwohl meine Klamotten sowieso nach Nikotin riechen, schnippe ich die Kippe über das Geländer des Balkons und wedele mit der Hand die letzten Rauchfetzen weg, bevor ich hineingehe und meine Mutter im Wohnzimmer finde.

»Ja?«

Sie weiß, dass ich geraucht habe, sagt aber nichts, weil es nichts bringt und nur zum nächsten Streit führt.

»Hast du gepackt? Papa kommt gleich und fährt dich dann zum Flughafen.«

Für nichts haben wir Geld, das behaupten sie immer, wenn ich sie um ein bisschen Kohle anpumpe, aber mich in ein Flugzeug nach Schweden zu setzen, dafür finden sich mal eben ein paar Hundert Euro.

»Habe ich.«

»Auch alles, was auf der Packliste stand?«

»Klar.«

Regenjacke, festes Schuhwerk, Schlafsack, dies, das. Einiges davon musste ich mir neu kaufen. Oder habe es zumindest behauptet, denn die Kohle habe ich in andere Dinge investiert. Aber davon müssen meine Eltern erst mal nichts wissen, die machen sich ja ohnehin schon riesige Sorgen, dass ich eines Tages tot unter einer Brücke lande. Dabei bin ich davon unfassbar weit entfernt und habe alles unter Kontrolle.

Das Handy in meiner Hand vibriert und lässt mich wissen, dass die nächste Runde dieses Spiels losgeht, das eine Mischung aus Roulette und Candy Crash ist, und ich mich entscheiden muss, auf welche Farbe oder Form ich meinen Einsatz setzen will.

Mama hingegen will ein Gespräch führen und bestimmt wieder wissen, wie ich mich fühle, wie es in mir aussieht, eben dieses Psychologengequatsche. »Das wird eine sehr aufregende Zeit für dich, Leo, da bin ich mir sicher.«

Mein Nicken soll nicht den Anfang, sondern das Ende des Gesprächs andeuten, denn ich spüre bereits das Kribbeln in meinen Fingerkuppen. Es wird sich ausbreiten, meinen ganzen Körper einnehmen und erst dann verschwinden, wenn ich endlich diesen scheiß Einsatz festgelegt habe.

»Du wirst da andere Leute kennenlernen, die dich vielleicht besser verstehen, als wir das können.«

»Ja, ja, ich weiß schon.«

Damit will ich an ihr vorbei in mein Zimmer, aber sie versperrt mir durch einen Seitschritt die Fluchtmöglichkeit.

»Und wenn es dir anschließend besser geht, dann hat sich das alles gelohnt, du wirst schon sehen.« Dabei klingt sie so, als wolle sie sich selbst davon überzeugen und gar nicht mich. »Danach ist es für uns alle einfacher, denkst du nicht?«

Wenn ich hier noch länger Zeit vergeude, verpasse ich meinen Einsatz und muss bis zur nächsten Runde warten. Mama merkt nicht, wie ich sekündlich nervöser werde und das Handy fester umklammere.

»Ich weiß schon, wird alles super danach.« Hauptsache, ich kann jetzt dieses scheiß Spiel spielen.

»Du musst es auch wollen.«

Das hat sie alles in diesen verdammten Selbsthilfebüchern gelesen, die sich auf ihrem Nachtkästchen stapeln und die ihr helfen sollen, mit meinem Problem umzugehen.

»Ich will es ja, Mama, ich packe mal eben fertig.«

Damit versuche ich, mich endgültig an ihr vorbeizuschieben, aber sie greift nach meinem Arm, gerade als mein Handy wie eine letzte Mahnung aggressiv in meiner Hand vibriert.

»Verdammt noch mal, Mama, ich mache es ja!«

Sie zuckt zusammen, und erst da bemerke ich, wie laut ich geworden bin. Kurz huscht so was wie Angst durch ihren Blick, und ich will mich sofort entschuldigen, aber ich muss meinen Einsatz in dem Spiel setzen und lasse sie einfach stehen, renne in mein Zimmer und schmeiße die Tür hinter mir zu, sehe auf mein Handy und setze in der letzten Sekunde meinen Einsatz von fünfzehn Euro auf ein pinkfarbenes Dreieck.

»Komm schon, komm schon.«

Es gewinnt ein blaues Herz.

Aber beim nächsten Mal … da gewinne ich.

Kapitel 4

Alex

SAMSTAG

»Und wann kommst du wieder?« Jessy sieht mich an, als hätte ich ihr gerade gebeichtet, dass ich ihr vor drei Tagen einen toten Fisch in den Briefkasten geworfen habe.

»Keine Ahnung. Zwei Wochen geht der ganze Scheiß.«

Sie nickt nachdenklich, dabei habe ich ihr schon davon erzählt, als Papa mir das alles vor knapp einem Monat »vorgeschlagen« hat. Zuerst wollten Jessy und ich einen cleveren Plan aushecken, bei dem wir zusammen abhauen und nie mehr zurückkommen. Aber sie hat das nie so ernst gemeint wie ich.

»Krass. Richtig krass.«

»Ich weiß.«

Jessy, die auf der Schaukel neben mir sitzt, schwingt etwas höher, vor und zurück, bis sie schließlich richtig Schwung hat und ich den Luftzug neben mir spüre.

»Sieh es positiv, zumindest darauf konnten sich deine Eltern einigen.« Sie verzieht das Gesicht zu so was wie einem Grinsen, und ich lasse mich zu einem kurzen Lachen hinreißen, bevor auch ich etwas höher schwinge.

Auf dem Spielplatz stehen außer den Schaukeln noch eine Rutsche und ein Klettergerüst, von dem schon seit Jahren die Farbe abgeblättert ist und das jetzt nur noch grau und verlassen im Sandkasten steht.

»Wird ziemlich öde hier sein ohne dich. Werde dich vermissen.«

Bei ihren Worten zieht sich mein Magen zusammen und mir schießen sofort die Tränen in die Augen. Ich will gar nicht daran denken, wie es ohne meine beste Freundin sein wird. So lange waren wir noch nie voneinander getrennt, und meine größte Sorge ist, dass sie mich vergessen und ersetzen wird. Einfach jemand anderen in der Clique aufnehmen und sich nicht mehr an mich erinnern, wenn ich zurückkomme.

Jessy, die so hoch schaukelt, dass man meinen könnte, sie hebt gleich ab, sieht nicht zu mir, sondern über den hohen Zaun, der unseren Spielplatz vom angrenzenden Basketballplatz trennt. »Lass dir von diesen Psychos nur nichts aufbrummen, okay? Hau denen aufs Maul, wenn sie dir dumm kommen.«

Bei Jessy klingt das so einfach, und auch wenn ich inzwischen selber schon mal in eine Schlägerei verwickelt war, so ist es mir dennoch nie leichtgefallen, Streit anzufangen. Mitmachen, das kann ich. Anfangen? Nicht so meine Stärke.

Am höchsten Punkt ihres Schwungs springt Jessy schließlich ab, segelt kurz wie schwerelos durch die Luft und landet dann sicher in einigen Metern Entfernung auf dem Boden. Ihr Grinsen ist jetzt breit und selbstsicher.

Ich bewundere sie.

Ich wäre so gerne wie sie.

Weil sie sich nie wegschicken lassen würde.

Aber als meine Eltern vor etwa vier Wochen zusammen an unserem Tisch saßen, als ich zur Tür reinkam, da wusste ich schon, dass es Ärger gibt. Immerhin sitzen sie schon seit Jahren nicht mehr an einem Tisch, es sei denn, ein Anwalt ist anwesend und es geht mal wieder um irgendwelche Unterhaltszahlungen, die nicht getätigt wurden. Dann schieben sie sich die Schuld hin und her – wie sonst nur mich.

Schließlich springe auch ich ab – wenn auch nicht ganz so hoch –, lande in Jessys Nähe und versuche, ihr Grinsen zu imitieren, damit sie nicht sieht, dass ich am liebsten heulen möchte. Denn wenn sie weiß, wie viel Angst ich habe, dann wird sie mich auslachen und mich erst recht ersetzen.

»Mach dir nicht so einen Kopf, Alex.« Sie legt den Arm um meine Schultern und zieht mich etwas zu sich ran. Sie riecht nach Zigaretten und dem süßlichen Parfüm, das wir letzte Woche aus dem Drogeriemarkt geklaut haben.

»Du bist eine von uns, die werden sich an dir die Zähne ausbeißen.«

Sie tätschelt mir die Wange, und ich will ihr glauben. Ich bin eine von ihnen, und in ihrer Nähe denke ich sogar oft, dass ich unbesiegbar bin. Aber ohne sie?

»Nehmt euch doch ein Zimmer!«

Zwei Jungs, etwas älter als wir, kommen vom Basketballplatz auf den Spielplatz rüber. Ihrem Grinsen nach zu urteilen, haben sie uns schon eine Weile beobachtet. Jessy würdigt sie keines Blickes, bleibt voll und ganz bei mir, aber etwas in ihrem Gesichtsausdruck verändert sich, und ich ahne, was das bedeutet.

»Das hier ist ein Spielplatz. Seid ihr dafür ihr nicht ein bisschen zu alt, Mädels?«

Die Jungs kommen weiter auf uns zu, und ich spüre, wie sich meine Nackenhaare aufstellen, als Jessy sich von mir zu den Jungs dreht. »Wer hat euch nach eurer Meinung gefragt?«

Sie lachen, als hätte Jessy den Gag ihres Lebens gemacht, und ich greife nach ihrer Hand, aber es ist schon zu spät.

»Wollt ihr Ärger oder so was?« Jessy schüttelt meine Hand ab und macht energische Schritte auf die Jungs zu, die sich aber nicht im Geringsten eingeschüchtert fühlen.

Ihr erster Fehler.

»Es war nur ’ne Frage, Kleines, entspann dich.«

Doch Jessy hat nicht vor, sich zu entspannen. Sie schlägt dem Kleineren der beiden den Basketball aus der Hand und lässt ihn zwei Mal auf dem Boden aufprallen.

»Wir behalten den Ball und ihr verpisst euch. Was haltet ihr davon?«

»Spinnst du, oder was?«

Ihr zweiter Fehler.

»Verpisst euch einfach.«

Jessy ist über den Punkt hinaus, an dem sie sich noch beruhigen könnte, und ich weiß, was sie von mir erwartet. Mein ganzer Körper will die Flucht antreten, aber das kann ich nicht. Weil Jessy andere Pläne für uns hat.

»Gib den Ball zurück, Psycho.«

Ihr dritter Fehler.

Jessy sieht über die Schulter zu mir, ihr Lächeln harmlos und schön. Dann wirft sie den Ball zurück.

Mit Wucht.

Mitten ins Gesicht des Jungen.

Sofort läuft Blut aus seiner Nase und Jessy stürzt sich auf ihn.

Es geht wieder los.

Kapitel 5

Grete

SONNTAG

Sie sehen relativ normal aus.

Keine Ahnung, was ich erwartet habe, aber jetzt bin ich ein bisschen erleichtert, dass niemand wirklich wie ein irrer Psycho wirkt. Also, außer vielleicht Alexandra, die sich aber als Alex vorgestellt hat. Die hat ein ziemliches Veilchen unter dem linken Auge und macht auch sonst nicht den Eindruck, als hätte sie eine entspannte Anreise gehabt. Bock auf uns hat sie auch nicht, aber da sie neben mir das einzige Mädchen in der Gruppe ist, befürchte ich, wir sollen so was wie best friends werden und uns ein Zelt teilen.

Leo, der Typ mit den raspelkurzen Haaren, der ständig an seinen Fingernägeln kaut und nervös wirkt, hat schöne Augen, obwohl er jedem Blickkontakt ausweicht. So blass, wie er aussieht, tippe ich auf Flugangst, die er für den Trip hierher erst mal bezwingen musste.

Jannis, der unsere Truppe komplettiert, versteckt seine Augen hinter dunklen Haaren, die ihm tief in die Stirn fallen, und seine Ausstrahlung ist ganz klar auf Abneigung eingestellt.

Sehr sympathisch.

»Wir freuen uns sehr, dass ihr hier alle heil angekommen seid.«

Die Frau, die mich vom Flughafen ins Camp gebracht hat und uns nun der Reihe nach anlächelt, ist sicher keine dreißig, und hat sich mir als Yvonne vorgestellt. Neben ihr steht ein Mann so groß wie ein Baum, der auf den Namen Ben hört. Der Dritte im Bunde ist ein junger Typ, dunkle Haare, dunkle Augen, das Lächeln ein bisschen bedrohlich und faszinierend zu gleichen Teilen. Tommi, eine Art Betreuer, allerdings keiner von den Psychologen, was ihn mir auf Anhieb sympathischer gemacht hat.

»Wir verstehen, dass ihr sicher aufgeregt seid, endlich hier zu sein, aber auch sehr müde von der Reise.«

Yvonne klingt so verständnisvoll und sieht uns dabei alle der Reihe nach genau an, nickt immer wieder und deutet schließlich auf den kleinen Transporter, der unweit von uns auf dem Parkplatz steht und unsere letzte Chance auf eine Rückkehr in die Zivilisation ist.

»Wir haben die Kanus, die Kochutensilien, ein Notfallpack und alles, was wir noch so brauchen werden, dabei.«

Leo hebt die Hand, was Yvonne in ihren Ausführungen unterbricht.

»Wo können wir unsere Handys laden? Ich habe nur noch acht Prozent Akku.«

Yvonne wechselt einen kurzen Blick mit Ben, der seinen mächtigen Schädel schüttelt, und die letzte Farbe weicht aus Leos Gesicht, als er versteht, was das bedeutet.

»Sorry, Leo, aber hier draußen haben wir keinen Strom.«

»’ne Powerbank tut es auch.« Dabei klingt er fast etwas verzweifelt, während er sein Smartphone verkrampft in der Hand hält.

»Wozu brauchst du ein Handy, hier hast du doch eh keinen Empfang!«

Jannis, der beide Hände in den Hosentaschen vergraben hält, sieht Leo gelangweilt an, aber sein Einwurf ist nicht unberechtigt. Auch ich habe schon versucht, eine Nachricht zu schicken, allerdings ohne Erfolg. Nicht mal einen Balken Empfang habe ich hier draußen, dabei habe ich versprochen, mich daheim zu melden. Jetzt habe ich die perfekte Ausrede, um es nicht zu tun.

»Ich muss was checken.« Leo sieht gequält lächelnd zu Yvonne, als könnte sie ihm nicht nur eine E-Zapfsäule für sein Handy liefern, sondern auch noch die Panik nehmen, die offensichtlich von seinem Körper Besitz ergreift. Ob er merkt, dass er zittert?

»Das tut uns leid, Leo, aber wir nehmen euch heute Abend ohnehin die Telefone ab.«

»Was?«

»Das stand doch im Briefing.«

Leo schüttelt den Kopf. »Dachte, das wäre freiwillig.«

Wenn er das wirklich geglaubt hat, haben seine Eltern ihn ganz schön beschissen, denn das mit dem Handy stand ziemlich deutlich auf diesem Zettel mit den wichtigsten Infos. Auch Zigaretten, Alkohol und jegliche Drogen müssen abgegeben werden. Sogar unser Deo dürfen wir nur in Gegenwart der Betreuer benutzen, bevor wir es wieder abgeben. Angeblich können wir aus Deo-Dosen und einem Feuerzeug einen Flammenwerfer basteln. Mama ist mit mir alle Punkte durchgegangen, Michael hat die ganze Zeit nur gelächelt und dumm geschaut.

Tommi macht einen Schritt nach vorne, verlässt seine Position als Beobachter und reicht Leo sein Handy.

»Kannst meines nehmen, wenn du was checken willst. Ich habe hier sogar ganz guten Empfang.«

Aber Leo zögert, sieht etwas unsicher zu seinem Gegenüber und dann auf das dunkle iPhone, das wie eine Einladung zwischen ihnen in Tommis Hand liegt. »Nee, ich muss was mit meinem Account checken.« Leos Stimme bebt etwas, und er sieht sich unsicher um, bemerkt wohl erst jetzt, dass wir ihn alle ansehen. »Gibt nichts zu glotzen, geht um was Persönliches.«

Alex schnaubt fast verächtlich. »Klar. Only Fans noch mal updaten.«

Jetzt wandert unsere Aufmerksamkeit zu ihr, wie sie grinsend Leo im Blick behält, der etwas perplex wirkt, so als hätte er sie nicht verstanden oder eben erst wahrgenommen.

»Was?«

»Persönliches in deinem Account checken? Klingt schräg.«

Leos Hände zittern, er sieht sich Hilfe suchend um und findet doch nicht, was er sucht. Ein bisschen tut er mir leid, weil er offensichtlich nicht so recht weiß, auf was er sich hier eingelassen hat. »Das könnt ihr nicht machen. Das ist mein Grundrecht.«

Wieder ist es Alex, die gehässig auf seine Worte reagiert und diesmal schamlos lacht. »Klar, Paragraf eins des deutschen Grundgesetzes. Jeder hat ein Recht auf sein Smartphone und volle Akkus.«

Auch Jannis lässt sich jetzt zu so was wie einem Grinsen hinreißen, aber es wirkt auf keinen Fall freundlich. Von dem Typen werde ich mich erst mal fernhalten.

»Heulst du jetzt?« Alex legt noch mal nach und deutet mit dem Zeigefinger auf Leo, dessen Augen tatsächlich verdächtig schimmern. »Im Ernst, der heult gleich.« Sie sieht zu mir, erwartet eine Reaktion, aber ich stehe nur da.

»Alexandra, es reicht jetzt.« Zu meiner Überraschung ist es nicht Ben, der diese Warnung ausspricht, sondern Yvonne, der ihr überfreundliches Lächeln aus dem Gesicht gewischt wurde. Jetzt sieht sie so streng aus, dass ich mir gar nicht mehr sicher bin, ob sie nicht doch sehr viel älter als dreißig ist.

»Was denn? Ich sage doch nur –«

»Ich habe gesagt: Es reicht.«

Leo wischt sich schnell über die Augen, wobei seine Hände noch immer beben, und ich will etwas sagen, aber ich weiß nicht, was, und so breitet sich eine unangenehme Stille aus, die mich daran erinnert, wo ich bin.

Kein vorbeifahrendes Auto, keine Musik aus einem tragbaren Lautsprecher und auch keine Unterhaltung von fremden Menschen. Nur das Zwitschern der Vögel in den Bäumen, am Rand dieser Lichtung, und das leise Plätschern des Wassers, von dem wir hier fast komplett umgeben sind.

Willkommen in Schweden, Flucht ausgeschlossen.

Ich bin also wirklich hier, bereit für eine Kanutour ohne Handyempfang und unendlich weit weg von daheim und all den Erinnerungen, die dort versteckt an jeder Straßenecke auf mich lauern.

Kapitel 6

Leo

SONNTAG

Schnell nehme ich einen Zug und schließe wieder die Augen.

Das hier ist nur ein fieser Albtraum, aus dem ich sicher gleich aufwache. Nur leider hat das schon bei den letzten zwei Versuchen nicht geklappt. Nicht im Flugzeug – wo übrigens Rauchverbot herrscht – und auch nicht auf dem Weg in die Einöde, als die roten Holzhäuser immer weniger und die dazugehörigen Menschen immer seltener wurden. Ich weiß nicht mal mehr, wann wir zum letzten Mal jemanden gesehen haben, der mir nicht mein Handy und die Kippen wegnehmen wollte.

Yvonne, Ben und Tommi haben uns erklärt, wo wir sind, aber mir sagt weder Bengtsfors noch Dalsland etwas. Könnte von mir aus auch irgendwo in Mittelerde liegen. Hier ist nur scheiß Natur.

Bäume.

Noch mehr Bäume.

Ein Fluss, der sich als ein See tarnt.

Noch mehr Bäume und sonst einfach nichts.

Ein weiterer Zug, tief und direkt in die Lunge geballert.

Hinter mir erklärt Ben den anderen, was in welche wasserfeste Tonne kommt, wer mit wem in welchem Kanu hocken wird und um wie viel Uhr wir morgen aufstehen müssen.

»Noch zwei Minuten.«

Tommi taucht neben mir auf und sieht über das Wasser vor uns, auf dessen Oberfläche die Sonnenstrahlen funkeln. Sicher, hier kann man bestimmt total gut Urlaub machen, wenn man über hundert und Rentner ist. Aber für mich ist das echt nichts.

»Rauche nur schnell die Kippe fertig.«

Dabei ist meine Kippe nur noch ein kleiner glühender Stummel, aber ich kann mich einfach nicht davon trennen.

»Ich glaube, du hast sie schon fertig geraucht.«

Nur noch ein Zug.

Demonstrativ nehme ich die Zigarette zwischen meine Lippen, sehe diesem Tommi genau in die Augen und ziehe so lange an der Kippe, bis sich die Glut zum Filter vorgefressen hat. Mit dem Rauch in den Lungen fühle ich mich etwas besser und lächele ihn an. »Jetzt ist sie fertig.« Dann puste ich ihm den Rauch direkt ins Gesicht, was er hinnimmt, ohne sich zu bewegen. Aber ich kann sehen, dass es ihn nervt, und zwar so richtig. Aber vermutlich darf er nicht ausrasten, weil er ja ein Betreuer ist und als gutes Vorbild vorangehen muss.

»Herzlichen Glückwunsch zur letzten Kippe deines Lebens.« Er streckt mir die Hand entgegen und wartet wohl darauf, dass ich total euphorisch einschlage. »Und jetzt her mit der Schachtel.«

»Was?«

»Deine Kippen.«

»Die habe ich vorhin abgegeben.«

Tommi sieht mich unbeirrt an. Der Typ wirkt nicht wie die anderen Sozialarbeiter, Suchtberater und Jugendamtstypen, mit denen ich bisher zu tun hatte. Seine Augen sind zu düster, sein Lächeln zu kühl.

»Ihr dürft mir die nicht abnehmen.«

»Dann ruf die Polizei. Und jetzt her mit den Kippen.« Er zieht eine Augenbraue nach oben. »Oder muss ich eine Leibesvisitation starten?«

Sofort ziehe ich meine Zigarettenschachtel, die ich mir am Flughafen in Deutschland noch schnell gegönnt habe, aus meiner Gesäßtasche und reiche sie ihm. »Ihr seid Sadisten.«

Aber Tommi zuckt nur die Schultern und zieht eine Kippe aus der Schachtel und zündet sie sich in aller Ruhe an. »Ich wurde schon als Schlimmeres bezeichnet.«

Etwas sprachlos sehe ich ihm dabei zu, wie er meine Zigarette raucht, aber er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern genießt den Ausblick vor uns.

»Ich wette, du freust dich schon auf die Paddeltour.« Die Ironie in seiner Stimme klingt wie eine Ohrfeige und ich schüttele nur ungläubig den Kopf.

»Solltet ihr Betreuer nicht mit gutem Beispiel vorangehen?«

Tommi gönnt sich noch einen Zug, bevor er die Kippe an der Sohle seiner Schuhe ausdrückt. »Zum Glück bin ich kein klassischer Betreuer.«

»Du rauchst meine Kippen.«

»Korrekt.«

»Und was ist mit mir?«

Tommi mustert mich einen Moment nachdenklich, dann greift er in seine Hosentasche, und ich bete, dass er Mitleid mit mir hat und einsieht, dass ich das nicht einfach so kann. Cold Turkey am ersten Tag, an dem mein Herz ohnehin schon jede Minute bis zum Kehlkopf schlägt.

Doch er reicht mir nur ein quadratisches Kaugummi in einer ziemlich bunten Verpackung. »Hier. Das lenkt ab.«

Das kann nicht sein Ernst sein. Er macht sich über mich lustig. Wütend schnappe ich mir das Kaugummi, hole weit aus und schleudere es im hohen Bogen ins Wasser vor uns, wo es lautlos untergeht.

»Hey!«

Jetzt bin ich es, der grinst, was Tommi aber nicht im Geringsten beeindruckt.

»Das ist Umweltverschmutzung.«

»Scheiß ich drauf.«

»Und ich sammele die Tattoo-Bildchen, die in der Packung sind.«

»Tja, Pech gehabt.«

»Allerdings. Das Kaugummi hätte dir nämlich heute durch den Tag geholfen.«

Fuck. Hätte es wirklich. Aber in Kurzschlussmomenten neige ich dazu, nicht besonders lange nachzudenken, bevor ich etwas mache. Und jetzt bereue ich meinen Wurf schon, kann und werde das aber nicht zugeben, und so starre ich Tommi nur wütend an. Immerhin ist das seine Schuld.

Tommi ist echt anders als die Typen, die sonst so bei uns daheim aufgetaucht sind. Er wirkt kein bisschen eingeschüchtert von meiner Aktion, und er lächelt auch nicht gespielt mitfühlend, sondern zuckt wieder nur die Schultern, als würde ihn das alles irgendwie gar nichts angehen.

»Und jetzt komm, sonst verpasst du die Einführung.«

»Ich dachte, das habe ich schon.«

»So viel Glück hast du nicht, also los. Ist auch halb so wild.«

»Wie viele solcher Touren hast du denn schon mitgemacht?«

Tommi grinst breit und selbstsicher. »Das hier ist meine erste.«

»Dein Ernst?«

»Wird sicher unvergesslich.«

»Du weißt also gar nicht, was du machen musst?«

»Und? Du doch auch nicht.«

Bei was für einem Verein haben meine Eltern mich hier denn abgegeben?

Tommi zwinkert mir zu. »Entspann dich, wir paddeln. Kann ja wohl nicht so schwer sein.«

Damit gibt er mir einen leichten Schubs und setzt mich in Bewegung, wobei meine Schritte jetzt schon unsicher sind. Mein Handy ist außer Reichweite, wie auch die der anderen. Unseren Eltern wurde mitgeteilt, dass wir ab jetzt nicht mehr erreichbar sind und nur einer der Betreuer ein Handy hat, auf dem sie anrufen können.

Ich muss also nur rausfinden, wer dieses Handy hat, es klauen und mich auf der Seite mit dem Game einloggen.

Sollte ein Kinderspiel für mich werden.

Kapitel 7

Jannis

SONNTAG

Ihr Veilchen ist noch ziemlich frisch, die Färbung kräftig, als wäre ein kompletter Wasserfarbkasten direkt in ihrem Gesicht explodiert. Doch das ist ihr nicht mal im Ansatz peinlich, ganz im Gegenteil, sie trägt dieses blaue Auge voller Stolz spazieren.

Alex ist klein, was gut ist, immerhin muss ich mir mit ihr das Kanu teilen, wie Ben uns mitgeteilt hat. Zwar ist sie nicht so begeistert, in meinem Team gelandet zu sein, aber das nehme ich ihr nicht übel. Sie will genauso wenig hier sein wie die anderen und auch das verstehe ich.

»Wir werden unseren Proviant auf alle Kanus verteilen.« Ben klopft auf eine der Plastiktonnen, in denen unser Essen für die nächsten Tage verpackt werden soll. »Sollten die doch mal versehentlich über Bord gehen, müsst ihr euch keine Sorgen machen, die Teile sind wasserdicht.«

Ben trägt ein Snapback Cap, dazu ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift Dare to be different. Die kurze Jeans sieht mitgenommen aus und passt zu den Turnschuhen. Alles an ihm schreit Berufsjugendlicher, was aber wohl gewollt ist. Er gibt vor, einer von uns zu sein. Yvonne hat ihre Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt ebenfalls eine Mischung aus Freizeit- und Outdoor-Look, nur für den Fall, dass dies hier ein Survivaltrip wird.

»Wichtig ist, dass eure Sachen nicht nass werden.« Ben lässt sich weder von Alex’ demonstrativem Desinteresse noch von Leos Zappeligkeit aus der Spur bringen und referiert seelenruhig weiter, erwartet wohl nicht mal wirklich unsere Aufmerksamkeit. »Dafür habt ihr sogenannte Dry Bags.«

Er deutet auf rote Plastiksäcke, die in der Sonne glänzen und die wir mit unserem Kram befüllen sollen. So weit komme ich mit, mir machen eher diese Kanus Sorgen. Gleichgewicht halten, ruhig sitzen und in Synchronität mit Alex paddeln, das klingt nicht gerade nach einer leichten Übung.

»Wir werden das Gewicht so verteilen, dass ihr alle ungefähr das Gleiche an Gepäck transportiert.«

»Ich soll also deren Zeug spazieren fahren?« Alex, die neben mir auf dem Boden sitzt und mit einem Stock Skizzen in die Erde malt, sieht jetzt zum ersten Mal auf und feuert einen genervten Blick in Bens Richtung.

»Jap.«

Sie hat also doch zugehört.

»Sehe ich aber nicht ein. Die haben doch ihr eigenes Boot.« Mit dem Stock deutet sie auf Grete und Leo, die uns wie angespültes Strandgut gegenübersitzen.

»Manche haben mehr Sachen dabei als andere. Wir verteilen es gerecht.«

Aber Alex lässt sich nicht überzeugen und schüttelt entschlossen den Kopf. »Mache ich nicht. Wenn die Übergepäck dabeihaben, sollen sie abspecken.«

Ben atmet einmal tief durch, dann spricht er einfach weiter, teilt weitere Infos, wie das hier ablaufen wird, ohne auf Alex’ Widerspruch einzugehen.

Was dazu führt, dass sie sich jetzt zu mir dreht. »Wir schleppen nicht deren Müll mit, verstanden?«

»Wusste nicht, dass du die Kapitänin unseres Kanus bist.«

»Bin ich aber. Hast du ein Problem damit?«

Sie will so dringend tough wirken, dass ihr nicht mal auffällt, wie lächerlich sie dabei klingt.

»Wo ist eigentlich dein ganzes Zeug?«

Denn während ich den Schlafsack, das Zelt und einen Rucksack voller Unsinn neben mir liegen habe, hat sie nur eine Tasche dabei, in der kaum all die Dinge Platz finden können, die wir vor der Abreise besorgen sollten.

»Was geht dich das an?«

»Wenn du zu wenig dabeihast, können wir doch locker das Zeug der anderen mitnehmen.«

Alex verzieht das Gesicht, als hätte ich sie aufgefordert, eine Handvoll Dreck zu schlucken. »Ich erkläre dir mal, wie das hier läuft.« Jetzt deutet sie mit dem Stock in ihrer Hand auf mich. »Ich mache die Ansagen, und wenn du keinen Ärger willst, hältst du dich daran. Wir nehmen deren Scheißgepäck nicht mit. Klar?«

Mir gefällt ihr Ton nicht. Mir gefällt auch nicht, dass sie glaubt, so mit uns umspringen zu können, und am allerwenigsten gefällt mir dieser Stock, der sich verdächtig nah vor meinem Gesicht befindet.

Mit einer schnellen Handbewegung entreiße ich ihr den Stock, breche ihn in der Mitte durch und werfe ihn achtlos zur Seite.

Erschrocken sieht sie mich an, bevor sie sich fängt und ihr Grinsen zurückkehrt. »Sieh an, du bist ja doch nicht so ein Schisser, wie ich gedacht habe.«

Sie spaziert auf verdammt dünnem Eis, aber das ahnt sie nicht, und ich atme schnell ruhig ein und aus, versuche alles, was in meinem Inneren kocht, zu kontrollieren, bevor ich ihr ein zweites Veilchen verpassen muss.

»Alex, Jannis, gibt es ein Problem?«

Ben hat seinen Vortrag unterbrochen und sieht uns fragend an. Auch alle anderen beobachten uns und das ist eindeutig zu viel Publikum für meinen Geschmack. Diese ganze Kanutour ist eine dumme Idee, und sie wissen nicht mal, wie dumm es war, mich mitzunehmen.

Kurz denke ich an das Chaos in meinem Zimmer daheim, das ich als Abschiedsgeschenk hinterlassen habe, und schüttele den Kopf und die Erinnerung daran ab.

Max war nicht mal da, als ich gegangen bin. Weil sie Angst haben, ihn und mich zusammen in einem Raum zu lassen. Als könnte ich ihn plötzlich angreifen, seine Gliedmaße abtrennen oder ihm den Kopf abbeißen. Deswegen haben sie ihn die letzten Jahre auf ein Internat geschickt, damit ich ihn ja nicht verletzen kann. Grandioser Plan.

»Jannis?«

Offensichtlich habe ich verpasst, welche Frage mir Ben gerade gestellt hat, und ich zucke nur die Schultern, was er als Antwort durchgehen lässt und nahtlos dort anknüpft, wo er aufgehört hat.

Alex lehnt sich zu mir rüber, ihr Grinsen noch immer breit, aber ihre Augen bleiben – abgesehen vom Veilchen – farblos. »Ich habe das Gefühl, dieser Trip könnte noch richtig witzig werden.«

»Halt deine Klappe und komm mir nicht in die Quere.«

Ob es zu spät ist, um einen Wechsel zu erbitten? Denn gerade habe ich so gar keine Lust auf Alex und ihr unnötiges Gequatsche. Dann nehme ich lieber diesen hyperaktiven Leo, der nicht mal eine Sekunde still sitzen kann, oder Grete, die lächelnd alles über sich ergehen lässt. Beide wirken gerade verlockender als Alex, die schon den nächsten Stock in der Hand hält und weiter ihre Skizzen in den Boden ritzt.

»Du willst das Team wechseln, oder?« Sie stellt die Frage so leise, dass ich nicht sofort verstehe, mit wem sie spricht. Doch sie meint mich. Sieht mich dabei aber nicht an, sondern starrt auf ihre Zeichnung, eine Art Mini-Comic, der gar nicht übel geworden ist.

»Will ich.« Wenn ich was weiß, dann, wie sehr Lügen wehtun, die sowieso irgendwann als solche auffliegen. Da bin ich lieber ehrlich und ernte ein Nicken.

»Typisch.«

»Für wen?«

»Für alle. Kaum wird es unbequem, haut jeder ab.«

Bevor ich genau erkennen kann, was sie da in den Boden malt, ruiniert sie ihr Gemälde, indem sie es wieder und wieder durchstreicht.

»Ich hau nicht ab, ich will nur in ein anderes Boot.«

»Schisser.« Jetzt leuchten ihre Augen doch ganz kurz auf, als sie mich schließlich ansieht und ich die Herausforderung in ihrem Blick erkenne. »Du willst lieber mit der blonden Schönheit paddeln gehen, was?«

Sie meint Grete, die neben Leo sitzt und nicht gerade den Eindruck erweckt, als würde sie Ben zuhören oder hier sein wollen.

»Ich will nur meine Ruhe.« Das stimmt sogar. Wenn es nach mir ginge, könnten alle anderen einfach die Klappe halten.

»Okay, ich verspreche hoch und heilig, dich nicht zu nerven, wenn du in meinem Boot bleibst.« Das klingt überraschend ehrlich, aber wieder schwingt da diese Herausforderung in ihrer Stimme, als wolle sie mich testen.

Sie hält mir den neuen Stock entgegen.

»Du kannst auch der Kapitän sein, wenn du unbedingt willst.«

Wenn sie wüsste, wie egal mir auch das ist.

Kapitel 8

Grete

MONTAG

»Das hier ist die Einkaufsliste. Haltet euch daran.«

Es ist zu früh für ihre gute Laune, wir hatten gerade mal Kaffee und ein belegtes Brot, das viel zu labbrig für meinen Geschmack war, bevor wir zum Einkaufen aufgebrochen sind. Und die erste Nacht im Zelt war auch kein Spaß.

Ben und Tommi sind bei den beiden anderen geblieben. Yvonne steht neben mir und Leo – der nicht nur sehr unausgeschlafen, sondern auch mies gelaunt scheint – im Supermarkt in Bengtsfors, dem kleinen Städtchen, von dem aus unser Trip starten soll. Direkt am See Lelång gelegen, sieht man gefühlt von überall auf Wasser. Keine Ahnung, ob es dazu schon wissenschaftliche Studien gibt, aber Wasser macht immer irgendwas mit uns Menschen. Eine Art Fernweh stellt sich ein, als wäre hier alles möglich, sogar ein Kanutrip mit den Chaoten.

Weit weg von daheim.

Aber bevor wir in See oder den Fluss stechen können, müssen Leo und ich für den Einkauf des heutigen Tages sorgen.

»Ich warte an der Kasse.« Yvonne lächelt uns aufmunternd an, dabei könnte man doch meinen, dass wir in unserem Alter schon einige Male erfolgreich alleine einkaufen waren.

»Alles klar.«

Eigentlich bin ich nur froh, von den anderen wegzukommen. Denn weder Alex noch Jannis machen den Eindruck, als hätten sie viel Lust auf uns, diesen Trip oder die Betreuer. Leo, so hibbelig er auch sein mag, ist wenigstens irgendwie auszuhalten. Er spricht bloß nicht so viel, was bei mir immer das Gefühl auslöst, die Stille zwischen uns füllen zu müssen. Jetzt gerade läuft er wie ferngesteuert neben mir her, sieht sich nervös um, als erwarte er, verfolgt zu werden.

»Okay. Ich würde sagen, wir kaufen erst mal das Obst und die frischen Sachen, dann alles andere Zeug und am Schluss die Getränke.«

Aber Leo hört mir gar nicht zu, sieht an mir vorbei in ein Regal, das nichts von dem beherbergt, was auf unserer Liste steht.

»Hallo?« Ich zupfe an seinem T-Shirt, aber Leo hat kein Interesse an einem gemeinsamen Shoppingtrip.

»Ja, kauf du das Zeug von der Liste, ich schau mich mal um.« Damit geht er einfach los, biegt in den erstbesten Gang voller Toastbrot ab und lässt mich einfach so stehen.

»Wir sollen aber zusammen einkaufen!«

»Ja, wir sehen uns an der Kasse.«

Aber ganz so einfach lasse ich mich nicht abschütteln. Mit dem Einkaufswagen folge ich ihm, den Zettel in der Hand, nur bin ich mir echt nicht sicher, wo Leo gerade gedanklich ist, denn er ignoriert mich so gekonnt, dass ich fast selber glaube, mich in Luft aufgelöst zu haben.

Kein schönes Gefühl.

»Du kannst mich doch nicht einfach stehen lassen.« Ich greife nach seinem Arm und halte ihn fest. Kurz blinzelt er, sieht mich überrascht und ertappt an.

»Was ist denn?«

»Auf welchem Planeten bist du eigentlich gerade unterwegs, Leo?«

Doch er versteht nicht, schüttelt den Kopf und meinen Griff ab, geht unbeirrt weiter, verfolgt einen Plan, in den er mich natürlich nicht einweiht, und ich spüre plötzlich diesen vertrauten bitteren Geschmack in meinem Rachen.

Er lässt mich einfach so zurück. Dabei lautet die Aufgabe, wir sollen gemeinsam für das ganze Camp einkaufen.

Unsicher sehe ich mich um, Yvonne wartet irgendwo vorne an den Kassen, von wo aus ein ständiges Piepen zu hören ist, wann immer ein Artikel gescannt wird. Aus den versteckten Boxen über uns an der Decke dringt Dauerbeschallung in Form von Musik, immer wieder unterbrochen durch Ansagen auf Schwedisch, die ich nicht verstehe und wohl irgendwelche Sonderangebote anpreisen. Alleine mit dem Einkaufswagen stehe ich wie ein unnötiges Hindernis mitten im Weg der anderen Kunden, nachdem Leo einfach abgehauen ist.

Eine ältere Dame schiebt meinen Wagen zur Seite und geht dann kopfschüttelnd weiter, und ich bin mir auf einmal nicht mehr sicher, ob ich meine Beine noch spüre.

Wir sollten das zusammen machen.

Er und ich.

Das war der Deal.

Und wir scheitern schon an der ersten Aufgabe?

Nur nicht durchdrehen, Grete, du packst das.

Der Einkaufswagen bietet mir den Halt, den ich brauche, und ich umklammere die Querstange, setze mühsam einen Fuß vor den anderen, höre die vielen Geräusche, die alle Supermärkte auf der ganzen Welt irgendwie gleich klingen lassen. Es riecht nach diesem Reiniger, mit dem man Fußböden sauber macht, und ein bisschen auch nach Käse. In einem der Gänge schreit ein Kind, sicher weil es irgendwas Süßes nicht bekommt. Menschen lachen und unterhalten sich, alles wie immer, alles ganz normal.

Mich droht diese Geräuschkulisse zu verschlucken, während ich langsam weitergehe, nicht mal schaue, was es für Sonderangebote in den Regalen gibt. Ich muss nur zurück zur Kasse, Yvonne wird dort auf mich warten, mit dem Geld und dem Lächeln, das sie bisher nicht ein Mal wirklich abgestellt hat.

Niemand vergisst mich hier. Nichts Schlimmes wird passieren.

Mein Blick huscht über die Menschen um mich herum, ich suche Leo, sein blaues T-Shirt, die raspelkurzen Haare und kaputten Jeans.

Er muss hier irgendwo sein.

Nur finde ich weder sein T-Shirt noch ihn zwischen den anderen Kunden, die zielsicher in die Regale greifen, weil sie genau wissen, wo alles steht. Nur ich bin zwischen Vollkorntoast und Hafermilch verloren.

Im Gang mit den Hygieneartikeln überfällt mich zum ersten Mal der Gedanke, dass auch Yvonne verschwunden sein könnte. Leo ist mit ihr schon längst auf dem Weg zurück zum Camp, und ich wurde hier einfach abgesetzt, zurückgelassen und vergessen.

Etwas drückt auf meine Brust, und zwar so heftig, dass ich nicht mehr tief genug einatmen kann. Meine Lungen füllen sich kaum noch mit Sauerstoff, mein Gehirn verlangt nach mehr, aber als ich versuche, so tief wie möglich einzuatmen, ist da dieser Schmerz, heftiger und stechender als erwartet.

»Leo?« Es klingt so erstickt wie auch meine Atmung. »Leo!«

Aber Leo ist doch eh nicht mehr hier, der ist mit Yvonne unterwegs zu den anderen.

Ohne mich.

»LEO!«

Sein Name, lauter als nötig, bricht aus mir heraus, schubst dabei den Stein von meinem Brustkorb, und meine Lungen füllen sich wieder mit Sauerstoff, während meine Knie ganz wackelig sind und mein Kopf zu platzen droht. Zu viel, alles zu viel, zu laut, zu eng, zu fremd und doch so schrecklich vertraut.

Meine Beine geben nach, meine Hände sind zu schwitzig, um den Griff des Einkaufswagens zu halten, und so kippe ich gegen das Regal und rutsche zu Boden. Ein heftiges Pochen klingt in meinen Ohren, und ich schließe die Augen, hoffe, damit alles ausblenden zu können, aber das Klopfen bleibt.

Schritte kommen näher, verharren schließlich und eine Hand berührt meine Schulter.

»Grete, was ist los?«

Ich reiße die Augen auf und erkenne Leo, der neben mir in die Hocke gegangen ist und mich sorgenvoll ansieht. »Bist du umgekippt?«

Statt zu antworten, schlinge ich meine Arme um ihn und halte ihn so fest, dass er sich nicht so einfach aus meiner Umarmung befreien oder sich in Luft auflösen kann. »Wo warst du?«

Sein Körper ist angespannt, das genaue Gegenteil von meinem Wackelpuddingkörper, der schlaff an seinem hängt.

»Ich habe nur was besorgt.«

»Wir sollten zusammenbleiben.«

Er versteht nicht. Woher auch. Vorsichtig schiebt er mich von sich und betrachtet mein Gesicht. Wehe, er sieht, dass ich geweint habe. Schnell hole ich mir mein Lächeln zurück. »Mir ist schwindelig geworden und dann bin ich wohl umgekippt.«

»Sicher?«

Ich nicke – nur nicht zu schnell – und greife mir viel zu theatralisch an die Stirn. »Habe wohl zu wenig getrunken.«

Aber Leos zusammengezogene Augenbrauen verraten mir, dass er mir auch diese Lüge nicht abkauft.

»Habe ohnehin einen niedrigen Blutdruck.«

Die Ausrede lässt er gelten, wenn auch nicht gänzlich überzeugt. »Also gut, bringen wir dich mal hier raus.« Er steht auf und will mir seine Hand reichen, als eine kleine rot-weiße Schachtel aus seiner Hosentasche auf den Boden fällt.

Eine Zigarettenschachtel.

Leo sieht zu mir, will etwas sagen, als Yvonne in unseren Gang tritt.

»Was ist denn hier los?«

Schnell dreht sich Leo zu ihr, versperrt ihr kurz die Sicht auf mich, und ich schnappe mir die Schachtel und schiebe sie kurzerhand unter mein T-Shirt in den BH, bevor ich mühevoll aufstehe.

Jetzt nur nicht auffliegen.

»Ich bin umgekippt.«

Yvonne schubst Leo aus dem Weg, der erschrocken zu mir, dann auf den Boden und wieder zu mir sieht, aber ich sehe nur entschuldigend zu Yvonne auf. »Alles ein bisschen viel für meinen Kreislauf.«

»Oh, Grete, das tut mir leid.«

Easy, sie kauft mir die Lüge schon beim ersten Versuch ab.

»Leo, kannst du das Zeug alleine kaufen? Ich bringe Grete hier raus, okay?«

Er nickt nur, nimmt mir den Einkaufszettel ab und sieht uns nach, wie Yvonne mich durch den Eingang nach draußen führt. Zu meinem Glück – oder eher Leos Glück – muss ich deshalb nicht durch die Sicherheitsschleusen, die sicher ein hübsches Piepen von sich gegeben hätten, wenn ich mit den geklauten Zigaretten rausmarschiert wäre.

Als ich einen Blick zurück wage, ist Leo inklusive Einkaufswagen verschwunden.

Kapitel 9

Alex

MONTAG

»Ich will aber das rote Kanu.«

Das teile ich Ben und Jannis natürlich erst mit, als sie schon fast alles verstaut haben.

»Da hast du wohl Pech gehabt, jetzt musst du mit dem grünen hier vorliebnehmen.« Ben wirft mir nur ein kurzes Lächeln über die Schulter zu, als er noch mal das Sicherungsseil festzieht und dann zufrieden auf das fest verschnürte Paket klopft. Schlafsack, Zelt, Isomatte und Jannis’ Rucksack haben jetzt vorne im Bug ihren Platz gefunden.

»Und genau so machen wir das dann mit all den anderen Sachen auch. Habt ihr gesehen, wie das läuft?«

Jannis nickt, der Schweiß läuft ihm den Nacken runter und führt dazu, dass sein T-Shirt an seinem Rücken klebt. Von meinem Zuschauerplatz im Schatten am Ufer des Wassers habe ich die beiden dabei beobachtet, wie sie die ganze Arbeit gemacht haben. Zwar hat Ben mich einige Male aufgefordert, ich solle ihnen helfen, aber meine Antwort war immer Schweigen.

Stattdessen habe ich die Aussicht genossen. Ich war schon ewig nicht mehr im Urlaub, am Meer oder im Ausland. Auch wenn mir hier alles zu langweilig ist, fühlt es sich trotzdem ein winziges bisschen wie eine Auszeit an. Die Sonne, die sich auf der fast schon dunkelblauen Wasseroberfläche spiegelt, der wolkenlose Himmel, der warme Wind, der meine nackten Arme und Beine streichelt, und die Stille. Nur ist das hier eben kein Urlaub, sondern eine weitere Abschiebeaktion meiner Eltern.

Unterbrochen werden meine Gedanken an zu Hause von Tommi, der sich neben mir auf den Boden sinken lässt und an den dicken Baumstamm hinter uns lehnt.

»Anstrengend, hm?« Er sieht grinsend zu den anderen, dann über das Wasser, das harmlos und ruhig in der Morgensonne liegt, als wäre es zu faul, um auch nur die kleinsten Wellen zu produzieren.

»Schön schattig hast du es hier.«

Klar, er will quatschen. Weil diese Leute doch eh nur rausfinden wollen, wieso wir kaputt sind und wie man uns reparieren kann. Habe ich schon zu oft gehört, Jessy hat mich vor meiner Abreise auch davor gewarnt. Wenn man ihnen zu viel verrät, werden sie eine Diagnose um uns basteln und am Ende landen wir alle in der Klapse.

»Kommt jetzt die Standpauke, weil ich nicht mitgemacht habe, ja?«

»Nein, eher ein Ausdruck meiner Bewunderung dafür, dass du es geschafft hast, dich um die Arbeit zu drücken.«

Kurz warte ich, ob noch ein Nachsatz kommt, der klarmacht, dass er das ironisch meint und mir jetzt eben doch die Leviten liest, aber Tommi sieht einfach nur zu den Kanus vor uns.

»Man kann mich eben nicht zu etwas zwingen, wenn ich nicht will. Ganz einfach.«

»Verstehe.«

Jetzt sieht er wieder zu mir. »Lass mich raten: Der Letzte, der das versucht hat, trägt jetzt auch ein blaues Auge spazieren?« Dabei schweift sein Blick kurz zu der deutlichen Prellung in meinem Gesicht, die ich voller Stolz trage.

»Nee, aber ’ne gebrochene Nase.«

»Wow.«

Herausfordernd recke ich das Kinn vor. Halte Tommis Blick. »Sag ja, man kann mich zu nichts zwingen.« Es sei denn, man heißt Jessy und ist meine beste Freundin, dann ziehe ich mit.

»Du schlägst also direkt zu, wenn man dir sagt, du sollst Jannis helfen, euer Kanu zu beladen?«

»Kann schon passieren.« Auch wenn ich eigentlich nicht vorhabe, Tommi direkt eine zu verpassen, aber es schadet auch nicht, ihn und die anderen auf Abstand zu halten. Sicher ist sicher.

»Okay, das Risiko gehe ich ein.« Er lehnt sich minimal zu mir rüber, sein Lächeln erinnert mich an das eines Haifischs, kurz bevor er zuschnappt, wenn auch nur mit einem Gaumenbiss.

»Hilf Jannis bitte beim Beladen des Kanus, er wird es nämlich sicher nicht die nächsten Tage immer alleine machen. Je früher du lernst, wie das geht, desto besser.«

Etwas an der Art und Weise, wie er es sagt, erinnert mich an Jessy. Sie hat auch diesen leisen Befehlston drauf, der total ruhig und doch extrem einschüchternd wirkt. Aber Tommi ist nicht Jessy. Jessy ist daheim in Deutschland und treibt sich jetzt bestimmt mit den anderen Mädels irgendwo in einem klimatisierten Einkaufszentrum rum. Da sollte ich jetzt auch sein, aber stattdessen hocke ich hier am Ufer eines Fjords und lasse mich von einem Typen wie Tommi rumkommandieren.

So weit kommt es ganz sicher nicht.

»Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist ja nicht mal ein echter Betreuer.«

»Sagt wer?«

»Du bist viel zu jung dafür.« – Tommis Augen behaupten zwar etwas anderes, aber das ignoriere ich.

»Aber älter als du.« Er nickt in Richtung Kanu, ohne unseren Blickkontakt zu unterbrechen. »Wenn Jannis ausfällt, musst du das alleine können.« Kurz zucken seine Mundwinkel zu einem wissenden Lächeln. »Und du willst doch dann nicht etwa auf meine Hilfe angewiesen sein, oder?«

Die Vorstellung, ihn oder sonst jemanden hier wirklich um Hilfe bitten zu müssen, ist mir zuwider. »Ich bin auf niemanden angewiesen, klar?«

Damit stehe ich auf und beende dieses Gespräch, aber Tommi hat noch einen Kommentar für mich, als ich mich aus dem Schatten des Baumes entferne und auf Ben und Jannis zugehe.

»Dachte ich es mir doch.«

Nur nicht darauf eingehen, Alex.

Trotzdem bleibe ich stehen und drehe mich zu Tommi um. »Was soll das heißen?«

Er sieht mich einen kurzen Moment einfach nur an, und ich erkenne etwas in diesem Blick, das mir erschreckend vertraut vorkommt, dann zuckt er die Schultern und lächelt harmlos. »Du siehst nicht wie jemand aus, der um Hilfe bittet.«

»Und das ist schlecht?«

Er schüttelt den Kopf. »Es ist nur sehr ermüdend.«

Sprüche, die ich schon von anderen gehört habe und die mich schrecklich langweilen. Wenn Leute behaupten, zu wissen, was ich fühle oder denke. Aber nie klang es so wie bei Tommi. Obwohl ich mich mit Händen und Füßen dagegen wehren will, ist da etwas an ihm, das mich anzieht wie das Licht die Motten.

Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, steht Tommi auf, klopft sich die Erde von der Hose und verschwindet, ohne sich weiter für uns zu interessieren.

»Wie schön, dass du dich uns anschließt, Alexandra.«

Alexandra nennt mich meine Mutter – und jetzt wohl auch Ben – immer, wenn ich Mist gebaut habe. Als sie mich das letzte Mal von der Schule abgeholt hat, war ich sogar Alexandra Elena