Die Romanfabrik von Paris - Dirk Husemann - E-Book

Die Romanfabrik von Paris E-Book

Dirk Husemann

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Beschreibung

Paris 1850. In der Romanfabrik von Alexandre Dumas schreiben siebzig Angestellte die beliebten Folgen von "Die drei Musketiere" und "Der Graf von Monte Christo", die als Fortsetzungsgeschichten die Zeitungsleser begeistern. Doch im jüngsten Werk ist etwas faul zwischen den Zeilen, denn es ist gespickt mit Staatsgeheimnissen. Um seinen Ruf zu retten, muss sich Dumas ausgerechnet mit seiner größten Kritikerin verbünden: der deutschen Lehrerin Anna Moll, die ihn wegen freizügiger Texte angezeigt hat.

Gewinner der Abstimmung zum "Buch des Jahres 2020" bei WDR 2

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Zitat

Die Figuren der Handlung

TEIL I: Der Träumer im Louvre

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

TEIL II: Der Dieb im Britischen Museum

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

TEIL III: Der Wolf in der Eremitage

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Nachwort

Dank

Über das Buch

Paris 1850. In der Romanfabrik von Alexandre Dumas schreiben siebzig Angestellte die beliebten Folgen von Die drei Musketiere und Der Graf von Monte Christo, die als Fortsetzungsgeschichten die Zeitungsleser begeistern. Doch im jüngsten Werk ist etwas faul zwischen den Zeilen, denn es ist gespickt mit Staatsgeheimnissen. Um seinen Ruf zu retten, muss sich Dumas ausgerechnet mit seiner größten Kritikerin verbünden: der deutschen Lehrerin Anna Moll, die ihn wegen freizügiger Texte angezeigt hat.

Über den Autor

Dirk Husemann, Jahrgang 1965, gräbt als Wissenschaftsjournalist und Archäologe Geschichten aus. Er studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Ethnologie in Münster und schreibt Reportagen und Sachbücher, zum Beispiel über die älteste Stadt der Welt in Syrien, die letzten Geheimnisse von Stonehenge oder Fleischdoping bei den antiken Olympischen Spielen. Sein Debütroman »Ein Elefant für Karl den Großen« wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Dirk Husemann

Die Romanfabrik von Paris

Historischer Roman

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze, BonnTitelillustration: © shutterstock.com: lynea | julias | Ensuper | Hurst Photo | Mark Carrel | siloto | boyheyUmschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, MünchenE-Book-Produktion: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-9434-4

www.luebbe.dewww.lesejury.de

»Normalerweise beginne ich ein Buch erst, wenn es schon geschrieben ist.«

ALEXANDRE DUMAS

Die Figuren der Handlung

ALEXANDRE DUMAS  Schriftsteller

ANNA MOLL  Gräfin Dorn, Lehrerin

TRISTAN GRAF DORN  ihr verstorbener Ehemann

IMMANUEL  ihr Diener und Kutscher

ETIENNE LEMAITRE  Magnetiseur

BEN SIMES  sein Gehilfe in London und Sankt Petersburg

MADAME MEUNIER  seine Kutscherin

FRUCHARD  Lohnschreiber in Dumas’ Romanfabrik im Château Monte Christo

MOCQET  Pförtner im Château

HIPPOLYT  Dumas’ Diener

OLAF SCHMALEUR  Lübecker Heringshändler in Paris

MARIE-ALEXANDRINE SCHMALEUR  seine Ehefrau

HENRIETTE  seine Tochter

JEAN  sein Sohn

AUGUSTE MARIETTE  Ägyptologe und Kurator der Ägyptischen Sammlung des Louvre

BERNARD PIVERT  französischer Politiker in Paris

DOKTOR LASSAILLY  Arzt im Hôpital de la Charité

MONSIEUR LAMBERMONT  Wirt des Hotels Lambermont in Brüssel

VIKTOR SCHUWALOW russischer Geschäftsmann aus Sankt Petersburg

PRINZ ALBERT  britischer Thronfolger im Buckingham Palace

LADY ESME  seine Gouvernante

LADY ALICE  Herzogin von Worcester

FERGUS SEABORN  ihr Geliebter

GEORGE  Koch im Buckingham Palace

LORDRICHTER DIGBY  Richter im Newgate-Gefängnis

EAKINS  Barbier im Newgate-Gefängnis

REVEREND COLLINS  Geistlicher im Newgate-Gefängnis

DOKTOR BAILEY  Leierkastenspieler in London

POPPY ROEBUCK  Zeitungsverkäuferin in London

CLÉMANT CUNIN  französischer Gendarm

JACQUES FULCHIRON  

TEIL I

Der Träumer im Louvre

Kapitel 1

Paris, Ende November 1851

Anna fühlte sich wie eine Romanfigur. Noch vor einer Woche war sie Deutschlehrerin in Karlsruhe gewesen. Und jetzt fuhr sie in ihrem Rollstuhl durch Paris und jagte einem Mann namens Alexandre Dumas hinterher.

Sie musste ihm das Handwerk legen.

Zunächst brauchte sie Beweise für seine Machenschaften. Anna bat ihren Diener Immanuel, einen Zeitungsverkäufer zu finden. Immanuel schob sie den Boulevard entlang. Nie zuvor hatte Anna ein solches Gedränge erlebt. Vorübereilende stießen gegen den Rollstuhl. Der Herbstwind massierte die Gesichter. Die Passanten hielten ihre Hüte fest. Anna zog den Knoten des Tuchs, das um ihre Haube geschlungen war, fester unter dem Kinn zusammen.

Nach einer Weile deutete Immanuel auf eine Marktbude aus Brettern, Kisten und einem Bettlaken, die vor einem hell erleuchteten Café aufgebaut war. Eine junge Verkäuferin sortierte die Auslagen: Bücher und Zeitungen.

»Ein November, der alles verschmiert«, sagte die Händlerin, als Anna ihr einen guten Abend wünschte. »Mit meinen Zeitungen können Sie sich erst den Abend vertreiben und danach die feuchte Wohnung auslegen«, pries die Frau die Ware an. Dabei gestikulierte sie mit müder Hand.

»Alexandre Dumas«, sagte Anna. »Kennen Sie den?«

Die Augen der Verkäuferin leuchteten mit einem Mal heller als die Lampen des Cafés. »Ob ich Monsieur Dumas kenne? Halten Sie mich für eine Dame der feinen Gesellschaft?« Sie deutete auf ihren schäbigen Kittel.

»Ich meine natürlich seine Geschichten. Haben Sie etwas von ihm?« Anna deutete auf die Zeitungen.

Die Verkäuferin zupfte ein Exemplar hervor und hielt es Anna hin. »Früher hat er für Le Siècle geschrieben. Jetzt gibt er seine eigene Zeitung heraus.«

»Le Mousquetaire«, las Anna laut vom Kopf des Blattes ab. Darunter stand: Journal de M. Alexandre Dumas. Sie rückte ihre Brille zurecht. Die Titelseite schmückte die Zeichnung einer Figur in historischem Kostüm, vermutlich der namensgebende Musketier. Daneben war ein Tisch abgebildet, an dem eine Flinte lehnte.

Anna streckte eine Hand aus. Doch die Verkäuferin zog die Zeitung zurück und hielt ihre von Druckerschwärze verschmierten Finger hin. »Fünfzehn Centimes«, forderte sie. »Erst bezahlen, dann lesen. Alte Lebensweisheit der Zeitungshändler.«

Anna holte drei Münzen aus ihrer Geldkatze hervor. Mit der Zeitung in der Hand ließ sie sich von Immanuel in das Café bringen. Es summte von Gesprächen und klirrte von Silberlöffeln, die gegen Porzellan tickten. Sie fanden einen winzigen runden Tisch. Anna bestellte Kaffee für sich und ein Bier für Immanuel. Dann faltete sie die Zeitung auseinander und bedeckte damit die grüne zerkratzte Tischplatte. Le Mousquetaire war auf dünnem, billigen Papier gedruckt. Die Lettern schienen durch. An einigen Stellen hätte die Druckerpresse sie fast durch den Bogen geschlagen. Die Schlagzeile auf dem Titelblatt lautete: Franzosen raus aus Paris und war der Titel einer Anklageschrift über den Umbau der Stadt durch Baron Haussmann. Die meisten Pariser Bürger konnten die Mieten für die neuen Luxuswohnungen nicht bezahlen und mussten in den heruntergekommenen Osten der Seine-Metropole abwandern. Anna überflog den Artikel. Das war es nicht, wonach sie suchte. Doch da! Am unteren Rand der Titelseite kündigte ein zweispaltiger Artikel einen neuen Fortsetzungsroman aus Dumas’ Feder an. Der Text sei im Innenteil zu finden, stand dort: die erste Folge von Die Mohikaner von Paris.

Anna suchte nach der angekündigten Episode, reichte Immanuel den ersten Bogen der Zeitung und las weiter.

Auf dem zweiten Bogen hatte sie die Fortsetzungsgeschichte gefunden. Darin tauchten zwei Liebende auf, Colomban und Carmélite genannt. Listenreich entkamen sie Gefahren, in die sie durch ihre eigenen Unverschämtheiten hineingeraten waren. Es fiel schwer, dennoch las Anna die gesamte Folge. Dann winkte sie dem Kellner, bezahlte aus ihrem schwindenden Münzvorrat und fragte nach der nächsten Gendarmerie.

Die Polizeiwache war in einem dämmrigen Haus an der Rue de Cléry untergebracht. Immanuel schob Anna durch die Eingangstür. Der Geruch von Männerschweiß und Pfeifentabak hing in der Luft. Hinter einem unaufgeräumten Schreibtisch hockte ein Uniformierter mit einem von Verschlafenheit verdrossenen Gesicht. Er strich sich den schmalen Oberlippenbart glatt und fragte Immanuel, was er wolle.

»Ich bin diejenige, die etwas vorzubringen hat«, sagte Anna.

»Madame?«, kam es mit müder Stimme zurück.

»Ich erstatte Anzeige gegen einen Mann namens Alexandre Dumas«, sagte Anna.

Die Müdigkeit verschwand aus dem Gesicht des Gendarmen. »Den Schriftsteller?«

»Wie viele Männer dieses Namens gibt es denn in Paris?«, gab Anna zurück. »Natürlich gegen den Schriftsteller.«

An zwei Tischen im Hintergrund reckten die Kollegen des Polizisten die Köpfe.

»Was hat er diesmal angestellt?«, fragte der Mann am Empfang.

»Bedeutet das, er ist ein bekannter Verbrecher?«, fragte Anna zurück.

»Darüber darf ich keine Auskunft geben. Sie wollten eine Anzeige erstatten. Wie lautet der Grund?« Er holte einen Bogen Papier hervor und zog den Korken aus einem bronzenen Tintenfass.

»Wegen …« Anna warf Immanuel einen Blick über die Schulter zu. Ihr Begleiter zuckte die Achseln. »… Verrohung der Sitten«, fuhr sie fort.

Der Gendarm runzelte die Stirn. »Hat Dumas Sie belästigt?«

»Und wie er mich belästigt hat«, fuhr Anna fort. »Mit jedem Wort, das er schreibt, treibt er mir die Schamesröte ins Gesicht.«

Die Polizisten an den hinteren Tischen erhoben sich und kamen näher.

»Madame«, begann der Gendarm. »Wir sind ein freies Land. Monsieur Dumas ist einer unserer erfolgreichsten und beliebtesten Schriftsteller. Eine Anzeige …«

»Er ist nur beliebt, weil es ihm gelingt, seine Leser zu verdummen und sie mit billigen Tricks für sich einzunehmen. Er ist … er ist …« Das Wort kam Anna nur schwer über die Lippen. »… ein Hypnotiseur. Einer, der sich die Menschen gefügig macht. Er ist gefährlich!«

Jetzt blickten sich die drei Polizisten an. Einer wedelte mit der Hand, als habe er sich verbrannt.

»Ich verlange, dass die Polizei etwas gegen ihn unternimmt.«

»Wir können niemanden einsperren, nur weil er Romane schreibt«, sagte der Empfangsbeamte.

»Von Gefängnis habe ich auch nicht gesprochen.« Anna schlug mit behandschuhter Hand auf den Schreibtisch. »Lassen Sie die Plakate abreißen, die für seinen Schmutz werben. Lassen Sie die Zeitung verbieten, die er herausgibt. Und sorgen Sie dafür, dass Ihre Landsleute gute Bücher lesen. Schaffen Sie öffentliche Bibliotheken und Schulen.«

»Anschrift?«, fragte der Gendarm.

»Ich weiß nicht, wo der Schmierfink seinen Unterschlupf hat«, sagte Anna.

»Ich meine natürlich Ihre Anschrift, Madame. Wohnen Sie in Paris?«

Anna zögerte. Gerade in diesem Augenblick mochte die in Zorn entflammte Madame Schmaleur die Reisetaschen aus Annas Zimmer tragen und das Bett abziehen lassen. Aber solange sie das nicht sicher wusste, wohnte sie noch dort. Anna nannte die Adresse: Rue Réaumur 38.

Der Gendarm füllte mit rascher Hand ein Formular aus und ließ Anna unterschreiben. Dann legte er das Blatt auf einen Stapel, verschränkte die Finger und sagte: »Guten Abend, Madame.« Gekünstelte Freundlichkeit war in sein Gesicht gemeißelt.

Anna beugte sich über den Schreibtisch und griff nach dem Formular. Sie hielt es sich vor die Brille. »Wo steht, welche Maßnahmen die Polizei ergreifen wird?«

Der Gendarm seufzte und versuchte, das Papier zurückzubekommen. »Das steht nirgendwo. Es liegt im Ermessen unserer Gendarmerie.«

»Und was ermessen die Gendarmen?«, flirrte Anna. Ihre Nase fühlte sich verstopft an. Diese Männer nahmen sie nicht ernst. Weil sie eine Frau war und im Rollstuhl saß! Heiße Beschämung stieg in ihr auf.

»Das ist einzig und allein Angelegenheit dieser Amtsstube.« Mit einer geschickten Bewegung gelang es dem Gendarmen, das Formular wieder an sich zu reißen. Dabei ging der Bogen entzwei.

Anna warf dem Uniformierten den Fetzen Papier entgegen. Der Schnipsel traf seine Brust und segelte lautlos zu Boden. »Sie sind nur ein Domestik der Verwaltung«, fuhr Anna ihn an. »Ich verlange, den Polizeipräsidenten zu sprechen.«

»Wie wäre es stattdessen mit dem Präsidenten der Republik?«

Anna wollte Immanuel auffordern, den frechen Franzosen Mores zu lehren. In diesem Moment schaltete sich einer der anderen Polizisten ein. Er kam um den Schreibtisch seines Kollegen herum und baute sich vor Annas Rollstuhl auf. Wenn er sich jetzt jovial neben mich hockt, werde ich anfangen zu schreien, versprach Anna sich selbst. Doch der Gendarm blieb stehen und sah auf sie herab. Er trug dieselbe blaue Uniform wie seine Kollegen. Aber auf seinen Schultern waren mehr Abzeichen befestigt.

»Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Madame, scheinen Sie keine Französin zu sein«, sagte er mit tiefer Stimme.

»Ich komme aus dem Großherzogtum Baden. Was hat das mit meinem Anliegen zu tun?«, schnaubte Anna.

»Nichts, natürlich«, gab der Offizier zurück. »Außer vielleicht, dass Sie nicht wissen, welche Institution in Frankreich über die guten Sitten wacht.«

»Die Polizei natürlich«, sagte Anna. »Oder nicht?«

»Ihr Fall wäre bei der Zensurbehörde besser aufgehoben«, verriet der Gendarm. »Ersparen Sie doch dem armen Gady dort die Mühe. Ihre Beschwerde«, er deutete auf den Rest des Formulars, »würden wir ohnehin an die Kollegen von der Zensur weiterleiten. Aber das dauert Wochen. Warum suchen Sie die Behörde nicht persönlich auf?« Er nannte eine Adresse. »Morgen früh um acht werden Sie dort jemanden antreffen.«

Nach einer Pause fügte er hinzu: »Sie sollten wissen, dass Dumas’ Geschichten überall beliebt sind. Wenn seine Werke Ihretwegen der Zensur zum Opfer fallen, werden Sie ganz Frankreich gegen sich aufbringen.«

Kapitel 2

Westlich von Paris, Château Monte Christo, Dezember 1851

Paris war die Hauptstadt des Gestanks und die Heimat der Duftwässer. Nirgendwo sonst in Europa gab es so viele Parfümerien, nirgendwo gaben Damen und Herren, die es sich leisten konnten, so viel Geld für flüchtige Gerüche aus. Aus gutem Grund: Paris war eine Kloake. Von den Straßen stieg ein pestilenzialischer Gestank auf, der Brodem der Verruchtheit, der die Stadt wie eine Glocke umschloss. Die französischen Könige, als es sie noch gab, entflohen Schmutz und Schmier, so oft sie konnten. Man lüftete die Allongeperücke und das Justaucorps auf der Jagd im Bois de Boulogne. Doch nach den Vergnügungen des Tages drohte die Rückkehr in den Sumpf, der vorgab, eine Weltstadt zu sein. Kein Wunder, dass es sich die Reichsten der Reichen ein Vermögen kosten ließen, außerhalb von Paris zu residieren. Sie zogen in den Westen, auf die Hänge von Saint-Germain-en-Laye, dorthin, wo die Stadt noch so nah war, dass man sie sehen konnte, und gleichzeitig so fern, dass ihr Mundgeruch außer Riechweite blieb.

Dort ließ sich jeder Fürst der französischen Geschichte, der etwas auf sich hielt, ein Schloss errichten. Dort kamen Könige zur Welt und gingen an ihr zugrunde. Dort kauten Herzöge an Hühnerbeinen und schleuderten die Knochen in Richtung Paris. Dort ließen sich die schönsten Frauen der Gesellschaft von den reichsten Männern zur Chaconne führen und bei dem Tanz auf die Füße treten. Wer es den Berg hinauf nach Saint-Germain-en-Laye geschafft hatte, war dem Himmel ein Stück näher gekommen.

Jetzt, im Jahr 1851, waren die Könige verschwunden, von Revolutionen verschluckt. Aber ihre Schlösser standen noch. Inzwischen gehörten sie reichen Bürgern, die mit Eisenbahnen und Zigarren, mit Kaschmirstoffen und Porzellan, mit venezianischem Kristall und kristallklarem Champagner barocke Vermögen verdienten.

Aber nur die Gewöhnlichen gaben sich damit zufrieden, in verstaubtem Prunk zu wohnen und sich dort zur Ruhe zu betten, wo die Bourbonenkönige blaue Fürze gelassen hatten. Wer wirklich erfolgreich war, baute sich selbst einen Palast.

Erst vor Kurzem war in Rufweite des Schlosses von Heinrich IV., dem Geburtsort des Sonnenkönigs, ein neues Château entstanden. Der Bauherr hielt sich selbst für einen Monarchen und nannte sich »König der Dichter«. In Paris hielt man ihn für einen Zauberer, der Worte in Geld verwandeln konnte. In Saint-Germain-en-Laye war er vor allem dafür bekannt, dass er Geld in Luft auflösen konnte.

»Schreiben Sie!« Die Stimme donnerte durch den Raum mit der pflaumenblauen Tapete. Zehn Schreibtische mit geschwungenen Füßen standen aufgereiht wie in einer Schulklasse. Daran saßen zehn Männer mit gebeugten Rücken. Auf ihren Stirnen glänzte der Schweiß. Die Federn in ihren Händen tanzten, während sie Papierbogen um Papierbogen beschrieben. Einer von ihnen, ein dünner junger Mann mit lichtem Haar und Rockschößen, die schon lange aus der Mode waren, hielt inne, schaute auf das, was er geschrieben hatte, tippte sich mit der Spitze der Feder gegen die Wange und ließ dann seinen Blick aus dem Fenster schweifen.

Schwere Schritte rissen ihn aus den Gedanken, und ein Schatten fiel auf seinen Arbeitsplatz.

»Woran denken Sie, junger Freund?«, fragte eine heisere Bassstimme.

»Diese Geschichte, die ich nach Ihren Vorstellungen ausarbeiten soll, scheint nicht stimmig zu sein, Monsieur Dumas«, sagte der Schreiber, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen. Davor wiegten sich die Bäume des Parks im Dezemberwind. Regentropfen prasselten gegen die Fenster von Château Monte Christo.

»Nicht stimmig«, wiederholte Dumas. Er war ein großer Mann von reicher Körperlichkeit. Krauses Haar wucherte wild auf seinem Kopf. Die Spitzen zitterten. Aus seinem Gesicht mit den vollen Wangen leuchteten falkenhelle Augen hervor. Der parfümierte Bart auf seiner Oberlippe zuckte, als seine Lippen sich verzogen. Wer Dumas nicht kannte, hätte geglaubt, er fletsche die Zähne. Tatsächlich aber lächelte er – wie immer, wenn sich der Autor der Drei Musketiere herausgefordert fühlte.

»Ich bin wirklich froh, ein junges Talent wie Sie in meiner Romanfabrik zu beschäftigen, Fruchard«, sagte Dumas. »Bitte verraten Sie mir, was an meiner Geschichte nicht stimmt.«

»Die Handlung ist spannend und unterhaltsam«, antwortete der Schreiber. »Aber ich finde, der Schurke ist etwas blass.« Fruchard warf einen erschrockenen Blick zu seinem Arbeitgeber empor. »Wenn der Ausdruck erlaubt ist.«

Dumas’ Haut war recht dunkel, ein Erbe seines Vaters, der aus Haiti stammte. »Etwas Farbe hat noch niemandem geschadet«, sagte er. »Denken Sie sich etwas aus, Fruchard. Tupfen Sie den Pinsel in die Palette Ihres Geistes, und dann schwingen Sie ihn über das Papier! Verleihen Sie der Figur Leben!«

»Das versuche ich ja, Monsieur«, sagte der Schreiber. »Aber es ist so schwer, sich einen lebendigen Menschen vorzustellen.«

»Sehen Sie die Regentropfen am Fenster? Stellen Sie sich vor, diese Tropfen füllten Ihre Gedanken. Und in jedem steckte ein Einfall, manchmal sogar eine ganze Geschichte. Fruchard! In Ihrem Innern fließen Bäche. Flüsse der Fantasie sind dort aufgestaut. Setzen Sie sich ans Ufer, und werfen Sie die Angel aus!«

Fruchard starrte wieder auf das Fensterglas. Er schluckte. »Der Schurke muss ins Gefängnis, wird dort von den anderen Gefangenen gefoltert und dann getötet«, brachte er schließlich hervor.

Dumas klopfte Fruchard auf den Rücken. »Großartig und effektiv. Jedenfalls, wenn Sie mich ruinieren wollen.« Er wühlte mit einer Hand in seinem Haar. »Wie wäre es hiermit? Der Schurke muss ins Gefängnis. Aber das Elend dort macht ihn nicht fertig. Oh nein! Er wird sogar noch stärker und schurkischer. Wenn der Teufel in die Hölle kommt, fühlt er sich zu Hause. Nicht wahr, Fruchard?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Dumas fort: »Unser Schurke bereichert sich im Gefängnis und wird mächtiger als zuvor. Nur geschieht das diesmal nicht auf Kosten unschuldiger Bürger, sondern zum Leidwesen der anderen Gefangenen.«

»Aber wie soll das gehen?«, fragte Fruchard mit leiser Stimme.

»Was würden Sie im Gefängnis am meisten vermissen?«, fragte Dumas.

»Ich würde … also, wenn ich dort hinmüsste, würde ich …«

»Sie sind ein Mann, Fruchard. Sie würden eine Mätresse haben wollen. Die Nächte im Gefängnis sind kalt und langweilig. Also besticht unser Schurke die Wärter.«

»Wie ist er denn an das Geld gelangt?«

»Wer braucht Geld, wenn er Einfälle hat? Einfälle, Fruchard! Er lässt die Mätresse kommen und vermietet sie an seine Mitgefangenen. Von den Einnahmen schmiert er die Wachen und wird so reich, dass er zum König des Zuchthauses aufsteigt. Natürlich nascht er auch selbst von seiner Ware.«

»Wie abscheulich!«, stöhnte der Schreiber.

»Sie finden das abscheulich? Dann ist es genau der Stoff, den wir brauchen.«

Auf der Stiege waren Schritte zu hören. Der Pförtner erschien. In seiner blauen Livree hob er sich kaum von der Tapete ab.

»Was ist denn, Mocqet?«

»Besuch, Monsieur«, sagte der Pförtner.

Im Château Monte Christo gab es zwei Arten von Gästen. Diejenigen, die der Hausherr eingeladen hatte und mit denen er tagelang tafelte und nächtelang Bacchanal feierte. Und solche, die von selbst kamen und etwas verlangten, das zu geben Dumas nicht bereit oder in der Lage war.

»Ich habe Ihnen doch beigebracht, wie man mit Störenfrieden umgeht, Mocqet.«

Der Pförtner verbeugte sich. »Gewiss, Monsieur. Aber diesmal haben die Herren von der Bank selbst einen Hund mitgebracht. Unser Napoleon hat sich aus Angst vor aller Augen erleichtert und ist dann in seine Hütte geflohen.«

Dumas stiefelte durch den Raum. In der Tür drehte er sich noch einmal zu den Lohnschreibern um. »Kein Grund, die Federn ruhen zu lassen. Heute Abend müssen die Artikel in der Druckerei sein. Le Mousquetaire erscheint pünktlich und vollständig. Schreiben Sie, meine Herren, schreiben Sie!«

Alexandre Dumas befahl dem Pförtner, die Eindringlinge in den weißen Salon zu führen. Er selbst betrat den Raum rasch durch eine Seitentür und machte es sich in einem Stuhl mit hoher Lehne und rotem Lederbesatz bequem. Das Möbel ähnelte einem Thron. Dumas war oft in den Louvre gegangen, um auf den Gemälden die Posen zu studieren, mit denen sich die Könige der französischen Geschichte auf ihren Prunksitzen präsentierten. Für die Bankiers nahm er die lässige Haltung Ludwigs XVIII. ein. Dazu ließ er die linke Hand auf der Armlehne ruhen und stützte sich mit der rechten auf einem Spazierstock ab.

An der Stirnwand des Raums stand eine Büste des Hausherren aus pentelischem Marmor. In doppelter Lebensgröße blickte der Dargestellte visionär zur Zimmerdecke, wo ein Kronleuchter kristallenes Licht spendete und blitzende Funken auf den polierten Stein warf. Dumas liebte dieses Arrangement. Bisweilen erwartete er, sein steinernes Ebenbild würde den Blick auf ihn richten und zu ihm sprechen.

Vom Eingang her waren laute Stimmen zu hören, begleitet vom Kläffen eines Hundes und dem Klicken von Tierkrallen auf Steinfliesen. »Nicht der Hund, Messieurs«, rief Mocqet. »Nicht hier im Château!«

Eine doppelflügelige Tür führte in den weißen Salon. Sie war von oben bis unten mit kleinen Glasfenstern versehen. Dahinter erschienen jetzt zwei dunkel gekleidete Männer. Durch die Fenster waren ihre Gestalten in Quadrate zerteilt. Dumas schmunzelte bei der Vorstellung, die Bilder wie bei einem Verschieberätsel durcheinanderzubringen, sodass der Kopf des einen Herrn im Schritt des anderen saß. Er grübelte noch über reizvolle Variationen, als die Besucher eigenmächtig die Tür öffneten und eintraten.

»Monsieur Gallois. Monsieur Odier.« Dumas kannte seine Gäste und nickte ihnen zu. Aber er erhob sich nicht.

»Dumas«, sagte der mit Odier Angesprochene. Seine Frisur bildete zu den Seiten seines Kopfes ein Paar Taubenflügel. »Unsere Geduld ist am Ende. Zahlen Sie! Oder wir lassen Sie ins Gefängnis werfen.«

Zwischen den Beinen der Geldeintreiber drängte sich ein Hund hindurch. Er reichte seinen Herren bis über die Knie, hatte schwarzes kurzes Fell und fletschte die Zähne. Odier hielt ihn an einer kurzen Leine.

Dumas winkte die Männer näher und bot ihnen Stühle an dem weißen Tisch mit runden Enden an, der die Mitte des Raums beherrschte. Die Männer setzten sich nicht. Aber das würde sich ändern.

»Wie viel bin ich Ihnen noch gleich schuldig?«, fragte Dumas.

»Genau dreihundertvierzigtausend Francs. Die Zinsen mitgerechnet«, kam die Antwort von Gallois.

»Für eine solche Summe kommen Sie eigens aus Paris angefahren«, stellte Dumas fest. »Wenn die Angestellten Ihrer Bank wegen solcher Lächerlichkeiten Zeit verschwenden können, muss es Ihrem Institut sehr gut gehen. Ich sehe keinerlei Veranlassung, Sie mit meinem Geld zu unterstützen.«

»Es ist unser Geld, Dumas.« Odier erhob die Stimme. Der Hund stimmte mit einem gehässigen Knurren in Richtung des Hausherrn ein. »Und es ist keine Kleinigkeit. Der Kerzenmacher in meiner Straße müsste schon für einhunderttausend Franc ein Leben lang arbeiten.«

»Wie viele Kerzen würde das wohl ergeben? Vermutlich könnte er Paris damit eine Nacht lang erleuchten. Das gelingt sonst nur Schriftstellern. Grüßen Sie den armen Kerl von mir«, erwiderte Dumas. »Ich werde vierhundert Talglichter bei ihm bestellen. Mein Château soll leuchten wie meine Gedanken.«

»Genug geschwätzt!« Gallois hatte nun die Tonlage des Hundes angenommen. »Das Geld, Dumas! Oder ich lasse die Gendarmen kommen.«

Der Hausherr erhob sich und ging auf die Besucher zu. Die Bankangestellten reichten Dumas bis knapp über die Schulter. Er ging in die Knie und schaute dem Hund in die Augen. Das Knurren zerfiel zu einem Gurgeln. Dann versiegte es vollends. Dumas kraulte das Tier hinter den Ohren. Zum Dank wurde er von einer warmen Zunge am Kinn geschleckt.

»Lassen Sie den bedauernswerten Kerl von der Leine«, sagte Dumas. »Er soll sich doch nicht so fühlen wie der arme Fantast, den zu drangsalieren Sie hergekommen sind.«

Die Türglocke läutete. Kurz darauf tauchte Mocqet wieder auf. »Monsieur Dumas, Sie haben Besuch. Es ist Madame Prunelle. Sie ist mit ihrem Sohn gekommen und sagt, sie brauche dringend Ihre Unterstützung. Sie wartet im gelben Salon.«

Der gute Mocqet! Er hatte immer die besten Einfälle zur rechten Zeit.

»Meine Herren«, wandte sich Dumas an die Bankiers, »unsere Unterredung muss hier enden. Eine Dame, die Hilfe braucht, lässt man nicht warten. Au revoir. Ein Rat zum Schluss: Lassen sie Ihrem Hund – und mir – mehr Leine.«

Mit flatternden Rockschößen entkam Dumas aus dem Raum. Odier rief ihm hinterher, er werde warten, bis Dumas zurückkehre. Doch Dumas gab nichts auf diese Drohung. Die Geduld eines Geldkaufmanns war so dünn wie eine Banknote und riss ebenso leicht. Odier und Gallois würde die Zeit lang werden, und schließlich würden sie aufgeben und verschwinden. Ennui, meine Herren, Langeweile. Sie ist die Waffe des Schriftstellers.

»Bravo, Mocqet!« Dumas klopfte dem Pförtner auf die Schulter. Dabei stellte er fest, dass die Livree schon stark zerschlissen war. Mocqet hatte eine bessere Ausstattung verdient. Gleich morgen wollte er beim teuersten Schneider von Paris eine schmucke Uniform für den guten Mann in Auftrag geben.

»Monsieur?«, fragte der Pförtner.

»Ein guter Einfall, Mocqet.« Dumas lachte und hieb sich mit der Faust in die flache Hand. Seine wilden Haare wogten. »›Madame Prunelle erwartet Sie im gelben Salon.‹ Das hätte mir nicht besser einfallen können.«

»Aber es ist wahr, Monsieur«, sagte Mocqet mit kleiner Stimme. »Sie hat ihren Sohn Henri mitgebracht und ist sehr aufgebracht.«

Dumas wandte den Blick gelobend zum Himmel. »Ihre Livree können Sie vergessen, Mocqet!« Er stürmte in Richtung des gelben Salons davon und ließ den ratlos auf seine Dienstkleider schauenden Pförtner zurück.

Kapitel 3

Westlich von Paris, Château Monte Christo, Dezember 1851

Marianne Prunelle hatte einen kräftigen Kiefer und ein hellwaches, misstrauisches Gesicht. Dumas schlang die Arme um ihre von billigem Tuch geschmückten Schultern und küsste ihre reglosen Lippen. Dann beugte er sich zu dem Knaben hinab und schüttelte dessen schlaffe Hand.

»Wie schön, euch beide hier zu sehen!«, begann er. Doch die Worte klangen so fade wie seine Empfindungen. »Der kleine Henri kann ja schon laufen.«

Mariannes Augen waren groß und besonnen. »Wenn Sie ihm Geld geschickt hätten, wie Sie es versprochen haben, könnte er vielleicht schon lesen. Zum Beispiel die Romane, mit denen sein Vater Millionen verdient.«

Warum hatte er diesen welken Mund bloß jemals attraktiv gefunden? Dumas schätzte an der Größe des Kindes, dass das nun schon sechs Jahre her sein musste. Damals war Marianne eine Schönheit gewesen. Ach, erst die Zeit verlieh den Blumen von Paris Poesie!

Das musste er aufschreiben! Er tastete in seiner Rocktasche herum, holte Papier und Stift hervor und notierte.

Marianne riss ihm die Notiz aus der Hand. Der Stift klapperte auf die Fliesen. »Wir brauchen Geld, keine großen Worte. Geld! Mit wie vielen Millionen Franc haben Sie dieses Château gemästet, während Ihr eigener Sohn täglich verwässerte Kohlsuppe schlürfen musste?«

»Marianne!«, versuchte er sie zu beschwichtigen. »Der kleine Henri ist zu bedauern, aber ich bin nicht sein Vater.«

»Das weiß ich wohl besser. Und ich habe vor, alle Geheimnisse, die Sie mir zwischen Küssen ins Ohr geflüstert haben, in die Welt hinauszurufen.«

»Mon dieu! Was für Geheimnisse sollen das schon sein?« Dumas spürte, wie ihn die kalte Gelassenheit verließ.

»Zum Beispiel, dass Der Graf von Monte Christo eine Erfindung Ihres Lohnschreibers Auguste Maquet ist.«

»Das ist nicht lächerlicher als das festliche Zeremoniell für Molière im Théâtre-Français. Aber es ist genauso lächerlich.« Dumas wedelte den Vorwurf mit einer Handbewegung beiseite. Hatte er Marianne tatsächlich davon erzählt? Es stimmte ja. Maquet hatte sein historisches Wissen in den Roman einfließen lassen. Aber die Geschichte war von Dumas gekommen. All die Rachegelüste des Edmond Dantès und seine gerissene Art, seine Feinde zu zerstören. Das war der echte und einzigartige Dumas. Maquet! Dabei fiel Dumas ein, dass auch sein ehemaliger Lohnschreiber Geld von ihm verlangte, eine Beteiligung an den Einnahmen. Aber das Geld war längst gut verlebt.

»Monsieur? Hören Sie mir überhaupt zu?« Jetzt fischte die Prunelle ein Stück Papier unter ihrem schäbigen Umhang hervor und hielt es ihm entgegen.

Dumas wich davor zurück. Von Papier, das er nicht selbst beschrieben hatte, hielt er ungefähr so viel wie der Teufel von der Bibel. »Was ist das?«, fragte er. Die Antwort kannte er schon.

»Unterschreiben Sie! Damit erkennen Sie Henri als Ihren Sohn an, und ich nehme alle Geheimnisse mit ins Grab.«

Das hoffentlich schon geschaufelt war.

Henri zupfte den Bogen aus der Hand seiner Mutter, stellte sich vor Dumas und hielt ihm das Papier hin. »Papa!« sagte der Knirps. »Bitte!«

Stiegen ihm angesichts des flehenden Kindes etwa Tränen in die Augen? Warum musste er nur so empfindsam sein? Sein eigener Vater war gestorben, als Alexandre erst vier Jahre alt gewesen war. Danach war er mit den Helden aus den Romanen seiner Mutter aufgewachsen. Sie hatten ihn gelehrt, wie man mutige Taten vollbringt, wie man die Herzen der Frauen und die Geldbörsen der Reichen erobert. Aber wie man angesichts großer Kinderaugen ein hartes Herz behält, das hatte ihm niemand beigebracht.

Dumas nahm Henri das Schreiben aus der Hand. Der Junge hob den Stift auf und hielt ihn seinem mutmaßlichen Vater entgegen. Bevor Dumas danach greifen konnte, verengten sich Henris Augen. Er schaute zu einem der hohen Fenster hinüber. »Da kommt jemand«, stellte der Junge fest.

Dumas fuhr herum. Über den Kiesweg rollte eine Kutsche heran und hielt vor dem Eingang, gleich neben dem Fuhrwerk der Bankiers. Eigentlich hätten das Knirschen der Räder und das Quietschen der Deichsel zu hören sein sollen. Doch die doppelten Fenster schluckten alle Geräusche. Alexandre hatte sie an allen Gebäuden so einrichten lassen, um beim Schreiben ungestört zu sein. Nichts ging über Stille, wenn man seinen Gedanken lauschen wollte.

Zu dritt beobachteten sie, wie drei Herren in eleganten Mänteln der Kutsche entstiegen. Sie setzten ihre Zylinder auf. Dann halfen sie dem Kutscher, etwas von der Ladefläche herunterzuheben. Es schien ein Möbelstück zu sein, ein großer Stuhl. Dumas konnte sich nicht erinnern, etwas Derartiges bei seinen Schreinern in Paris bestellt zu haben. Da erst erkannte er, dass der Stuhl Räder hatte. Einen Augenblick lang dachte er, seine Gläubiger seien gekommen, um ihm die Beine zu brechen und ihn dann, der Flucht unfähig, in diesem Folterwerkzeug festzuschnallen. Sie würden ihn in den Karzer schieben und dort in der Dunkelheit für alle Zeiten vergessen. Das war natürlich absurd. Aber eine solche Szene ließe sich vielleicht in einem der vielen Romane verwenden, die noch geschrieben werden wollten.

Warum also brachten ihm drei Unbekannte einen Rollstuhl?

In diesem Moment hob der Kutscher eine vierte Person aus dem Einspänner. Auf seinen Armen lag eine Frau von etwa dreißig Jahren. Sie war eine anstaunenswürdige Erscheinung, dünn und elfenbeinfarben, jedenfalls soweit ihr Umhang es erkennen ließ. Unter ihrer Haube mit Rüschenbesatz lugten Strähnen dunklen Haars hervor, und ihre rauchblauen Augen suchten die Fassade des Château ab, während der Kutscher sie in den Rollstuhl setzte. Mit geübter Bewegung schlug er eine Decke über ihre Beine. Dann schob er den Stuhl in Richtung Eingang. Die Zylindermänner folgten.

Dumas spürte eine Gänsehaut über seine Arme laufen. Er hatte in Paris schon gelähmte Veteranen gesehen, sogar ohne Beine. Einige liefen auf ihren Händen. Andere rollten in selbst gezimmerten Wägelchen über die Pflastersteine. Lederbesetzte Rollstühle konnten sich nur die Reichen leisten, und diese Exemplare waren entweder alt oder hässlich – oder beides. Eine anmutige junge Frau in diesem Zustand zu sehen, war so ungewöhnlich wie erschütternd. Welcher Philosoph hatte gesagt, die Natur habe einen Sinn für Schönheit und Gerechtigkeit? Der musste ein Narr gewesen sein.

»Ist das Ihre neue Mätresse?«, kläffte die Prunelle. »Ich werde sie vor Alexandre Dumas warnen und ihr raten, dieses Anwesen sofort wieder zu verlassen.«

Wer auch immer ihn da besuchte, Dumas musste mehr über diese tragische Dame erfahren. Seine Nase begann zu jucken, wie sie es meist tat, wenn sich Einfälle für neue Geschichten in seinem Kopf anstauten und nach außen drängten. Eine Prise Schnupftabak wäre jetzt hilfreich.

»Marianne«, sagte er, »ich bekomme Besuch und muss mich um die Gäste kümmern. Warum vertagen wir unser Gespräch nicht auf die nächste Woche? Ich habe am Mittwoch noch einen Termin frei und könnte in die Stadt kommen.«

»Wir warten hier«, unterbrach sie ihn. »Oder bleibt Ihr Besuch etwa über Nacht?«

Dumas verschluckte eine Erwiderung und läutete nach dem Kammerdiener. Hippolyt erschien gleichzeitig mit Mocqet in der Tür. Der Pförtner kündigte die neuen Gäste an. Dumas gab Hippolyt den Auftrag, Marianne und Henri etwas zu essen und eine Karaffe Wein zu bringen. Dann rauschte er aus dem Raum.

Noch lange würde er sich wünschen, die Dame im Rollstuhl niemals empfangen zu haben.

Im grünen Salon begrüßte Alexandre die kleine Gesellschaft. Die drei Herren hatten sich um den Tisch aus poliertem Rosenholz aufgestellt und hielten ihre Zylinder vor die Bäuche. Die Dame im Rollstuhl saß mitten im Raum. Den Umhang hatte sie abgelegt. Darunter trug sie ein mit Volants verziertes tiefrotes Kleid, das wunderbar mit den lichtgrünen Vorhängen harmonierte. Alexandre wünschte sich, ein Maler zu sein.

»Willkommen im Château Monte Christo! Ich bin Alexandre Dumas, der Hausherr. Was führt Sie zu mir?« Er griff zu einer dicht mit Gold verzierten Schildpattbüchse, die mit Pralinen gefüllt war, und bot den Besuchern davon an. Niemand griff zu. Einen dieser Männer meinte er schon einmal gesehen zu haben. Er hatte etwas mit Büchern zu tun. Entweder war er ein Verleger, der sich die Rechte an seinem nächsten Werk sichern wollte. Oder er war Vertreter der Leihbibliotheken, die seine Werke in hoher Zahl zu kaufen pflegten. Alexandre griff selbst in die Pralinendose und stopfte sich eine zuckerglasierte Feige in den Mund.

»Monsieur, es ist sehr freundlich von Ihnen, uns zu empfangen«, sagte der Kleinere der Besucher. »Dies ist Gräfin Dorn, hier sehen Sie Monsieur Pataille und Monsieur Blondet. Mein Name ist Bolard. Wir kommen von der Zensurbehörde.«

Dumas’ Rachen verengte sich. Die Praline fühlte sich mit einem Mal viel zu groß in seinem Mund an. Was für ein verfluchter Tag! Er hätte es gleich wissen müssen, als er mit Zahnschmerzen aus dem Bett aufgestanden war.

»Gewiss sind Sie hergekommen, um sich für das Ungemach zu entschuldigen, das Sie mir schon bereitet haben. Wenn nicht, muss ich Sie bitten, mein Anwesen sofort wieder zu verlassen.« Er warf einen bedauernden Blick auf die junge Dame. Diese staunte ihn mit großen Augen hinter Brillengläsern an. Sie hatte wohl noch nie einen berühmten Schriftsteller von Nahem gesehen.

»Wir kommen auf Drängen der Gräfin Dorn«, unterbrach der Zensor Alexandres Gedanken. »Sie hat uns davon überzeugt, dass Ihre Postille Le Mousquetaire geprüft werden muss. Kraft unseres Amtes …«

»Was soll das für ein Amt sein?«, schnappte Dumas. »Sie gehören doch zu jenen Bürgern, die unter Karl X. gegen die Zensur protestiert haben. Und jetzt, wenige Jahre später, finden Sie selbst Gefallen daran, geistige Größe zu unterdrücken?« Vor seinen Augen verwischten die Züge der Zensoren und verwandelten sich in die der Bankiers, die im weißen Salon saßen. Er musste diesem darmwindigen Mirakelspiel ein Ende setzen.

»… sind wir berechtigt, die Artikel aus Ihrer Romanfabrik einzusehen. Das geschieht in der Regel in der Druckerei. Doch bei Dupin teilte man uns mit, Sie seien mit der Lieferung der Texte in Verzug. Deshalb sind wir persönlich hergekommen.«

»Wie reden Sie mit mir?« Alexandre spürte, wie sich eine imaginäre Degenspitze in seinen Nacken bohrte. »Ich bin der Autor der Drei Musketiere, Schöpfer des Grafen von Monte Christo. Jeder Franzose liebt mich. Ich bin der Vertraute der Zimmermädchen, der Poet der Köchinnen, der Überbringer der Liebespost an die Soldaten und der Gesetzesberater der Portiers. Ich bin das Herz von Paris!«

»Und Ihre Helden sind nichts weiter als die Wasserträger Ihrer Gemütsfeuchte«, sagte die Gräfin. Ihr Französisch hatte die Kanten eines deutschen oder dänischen Akzents. »Und das ist zu wenig, um anständige Damen und unschuldige Kinder heimzusuchen.«

Alexandre war erstaunt über die Härte und den Einfallsreichtum, mit denen diese Gräfin ihn beschuldigte. Er hatte ein verzweifeltes Geschöpf erwartet, eine Frau, die angesichts ihrer unglücklichen Lage seine Hilfe brauchte. »Madame!«, begann er. Doch dann wusste er nicht, wie er sich gegen die Vorwürfe wehren sollte. Er konnte doch mit dieser gebrochenen Frau nicht streiten.

Stattdessen wandte er sich den Zensoren zu. »Ich schäme mich meiner Texte nicht. Nur zu, meine Herren, bringen Sie Glut und Folterfragen. Ich werde um jedes einzelne Wort ringen!«

Der Zensor namens Blondet verlangte, die Artikel für die morgige Ausgabe des Mousquetaire zu sehen. Dumas spürte eine Streitlust in sich aufsteigen, mit der er ein Lanzenstechen hätte gewinnen können. Doch wie hatten es ihn die Musketiere seiner Romane gelehrt? Rohe Gewalt ist nichts wert, wenn nicht der Einfall die Klinge führt. Und an Einfällen hatte es ihm noch nie gemangelt.

Er läutete. Der Kammerdiener erschien. »Bringen Sie meine Gäste in den weißen Salon, Hippolyt. Servieren Sie Falerner. Ich werde die Artikel holen und in wenigen Augenblicken bei Ihnen sein.« Er griff noch einmal in die Pralinendose.

»Diese Leute wollen mich ruinieren, Marianne!« Immer wieder schritt Dumas den gelben Salon der Länge nach aus. »Sie müssen mir helfen. Wenn diese Zensoren meine Zeitung verbieten, werde ich kein Geld mehr verdienen können. Dann ist es aus mit der Vaterschaft für Henri.«

Er kniete vor dem Knaben nieder und drückte ihn an sich. Der Junge legte die Hände auf die mächtigen Schultern und rieb sein warmes Haar an Alexandres Wange.

Für einen Moment hätte er gern geglaubt, der Junge sei tatsächlich sein Sohn. Aber Kinder sind wie Katzen: verzückend, solange sie klein sind. Ausgewachsen aber zeigen sie die Krallen und verursachen Kosten und Konfusion.

»Wollen Sie mir helfen, Marianne?«

»Zuerst unterschreiben Sie!«, forderte die Prunelle. »Dann, das schwöre ich, werde ich alle Geier, die sich auf das Erbe meines Sohnes stürzen wollen, mit diesen Händen einer Wäscherin erwürgen.«

Kapitel 4

Westlich von Paris, Château Monte Christo, Dezember 1851

Dumas stürmte die Treppe hinunter. Unter dem Arm trug er die Artikel. Hinter ihm polterten die Lohnschreiber die Stufen hinab. »Rascher, meine Herren. Es gilt, Ihre Werke und Ihre Einkünfte zu verteidigen.«

Schon in der Diele waren laute Stimmen zu hören, die aus dem weißen Salon drangen. Als Dumas die verglaste Tür aufzog, war der Lärm für einen Moment so kräftig, dass er meinte, eine Horde Matrosen habe sich dort eingenistet.

»Dieser Mann, dem Sie Ihr Geld geliehen haben, ist ein Bankrottier und eine Kokotte der Gesellschaft«, ereiferte sich gerade einer der Zensoren gegenüber den Geldverleihern.

»Wenn Sie ihm die Arbeit streitig machen, wird er seinen Kredit niemals tilgen können«, erwiderte Odier. Er hatte sich mit Gallois auf der entgegengesetzten Seite des Raums aufgebaut. Über ihre Schultern hinweg betrachtete die große Marmorbüste das Geschehen.

Das Drama hatte bereits begonnen. Im Leben war es wie im Roman: Bringt man erst die richtigen Figuren zusammen, entsteht die Geschichte wie von selbst.

Jetzt entdeckten alle Dumas und die Männer, die hinter ihm in den Raum drängten. »Sind das die besagten Artikel?«, fragte Blondet und griff danach.

Dumas legte schützend eine mit dunklem Haar bedeckte Hand darauf. »Zunächst erklären Sie meinen Gehilfen, wie diese ihre Familien ernähren sollen, wenn ihre Arbeit zunichtegemacht wird.«

»Wir retten die Seelen ihrer Familien, wenn wir ihre Frauen und Kinder vor diesem Schund beschützen«, sagte einer der Zensoren.

»Wir brauchen Ihre moralische Fäulnis nicht!«, rief einer der Lohnschreiber.

»Wir brauchen Geld«, mischte sich ein anderer ein. Dumas erkannte die Stimme Fruchards.

»Still, Sie Tintenfresser!«, empörte sich Blondet. »Oder ich lasse Sie alle einsperren.«

Der Hund bellte und zog die Lefzen zurück. Speichel troff von seinem Maul und hinterließ einen dunklen Fleck auf dem kostbaren Teppich.

Jetzt schaltete sich die Dame im Rollstuhl ein. Mit ruhiger Stimme sagte sie: »Es geht nicht um das Glück Einzelner, sondern um die Gesundheit der Gesellschaft. Monsieur Dumas, Sie machen Ihre Leser zu Opfern ihrer Gelüste. Wenn Sie dem Anstand dienen würden, wären alle reicher.«

Ein Durcheinander von Stimmen erhob sich. Die Bankiers antworteten gleichzeitig auf die Forderung der Gräfin. Die Zensoren sprachen auf die Bankiers ein. Blondet forderte lautstark die Herausgabe der Artikel. Die Lohnschreiber riefen Parolen, in denen es um die Wiedereinführung der Monarchie ging.

In diesem Augenblick drängte Marianne Prunelle in den Raum und zog Henri hinter sich her. Sie schwenkte das verhängnisvolle Dokument und rief mit einer Stimme, die alle im Raum zum Schweigen brachte: »Der Knabe hier ist der Sohn dieses Mannes. Wenn Sie ihm die Einkünfte nehmen, wird das Kind hungern müssen und auf Schulbildung verzichten. Wollen Sie das zu verantworten haben?«

Dumas bewegte sich in Richtung Tür.

»Sein Sohn?«, hörte er Blondet fragen. »Aber er sieht doch gar nicht aus wie ein nègre*.

Alexandre zuckte zusammen. Wie sich das anfühlte!

Am liebsten wäre er zurück in den Salon gestürmt und hätte diesen Befehlsausrichter sumpfwärts geschickt. Aber da erreichte er schon die Diele. Die Rücken der Lohnschreiber verbargen ihn. Er hielt die Glocke fest, als er die Tür aufzog und in den Garten schlüpfte. Mit einem leisen Klicken sperrte er den Tumult im Innern des Château ein.

Geschafft! Sein Ziel war die Druckerei in Paris. Während er den Weg zum Bahnhof einschlug, legte sich seine Aufregung. Eigentlich hatte Blondet recht. Wenn Henri tatsächlich sein Sohn wäre, hätte dessen Haut dann die Farbe von Milch? Alexandre lächelte. Diese Vaterschaft würde er anfechten können.

Er war erst wenige Schritte weit gekommen, als sich aus dem Grün des Parks ein Zweispänner näherte. Hörte das denn niemals auf? In seinem Château ging es zu wie auf dem Jahrmarkt. Er würde in eine Höhle ziehen, irgendwohin, wo es keine Adresse gab, keine Zensur und keine Schulden. Dort würde er als Einsiedler leben und schreiben, schreiben, schreiben. Allenfalls der gute Wein wäre zu vermissen. Und die schönen Frauen. Die Köstlichkeiten der französischen Küche. Die warmen Bäder. Die Gelage mit den Freunden.

Er seufzte.

Der Zweispänner hielt vor ihm an. Auf dem Bock saß eine kleine gebeugte Gestalt unter einem schwarzen Umhang, die an einen vermoderten Pilz erinnerte. Schwerfüßig trat Dumas näher heran. Unter dem feucht glänzenden Hut mit breiter Krempe blickte ihm ein Walnussgesicht entgegen. Gelangweilte, feindselige Augen schauten auf ihn herab. Das war kein Kutscher. Auf dem Bock saß eine alte Frau.

»Bist du Dumas?«, fragte die Erscheinung mit Nagelstimme.

Alexandre nickte.

Die Alte klopfte mit welker Faust auf das Dach der Kabine. Langsam öffnete sich die Tür der Kutsche. Aber niemand trat heraus.

Ein solcher Mummenschanz konnte nur einem seiner Theaterfreunde einfallen. Gewiss steckte Antoine Fortier dahinter, der sich bei ihren Treffen so gern das Tischtuch um die Schultern warf und den Julius Cäsar gab. Zugegeben: Der Auftritt mit der Kutsche war wirkungsvoll. Angesichts der Alten auf dem Bock und der offen stehenden Tür hatten sich die Haare auf Alexandres Armen aufgestellt. Aber für solcherlei Scharaden fehlte ihm heute die Zeit. Jeden Augenblick mochte die Meute im Château feststellen, dass das Wild das Weite gesucht hatte.

»Ich habe keine Zeit für Maskeraden!«, rief er und schickte sich an, die Kutsche zu passieren. Dabei warf er einen Blick ins Innere.

Ein einzelner Mann saß im geräumigen Fond. Es war zu dunkel, um ihn zu erkennen.

»Fortier?«, fragte Alexandre.

»Steigen Sie ein, Monsieur Dumas«, sagte eine Stimme, die so weich klang, als sei sie auf Moos gebettet. Die Gestalt, die da im Dämmer saß, war gewiss nicht Fortier. Ein Geruch von Tannenharz und Bergamotte kroch in Alexandres Nase.

»Wer sind Sie?«, fragte er. Wenn dies kein Scherz seiner Freunde war, dann konnte es sich nur um einen weiteren Gläubiger oder betrogenen Ehemann handeln. Ein Degenstich im Dunkel, die Pferde trabten an, und am nächsten Morgen würde man seinen Leichnam aus der Seine fischen.

Vom Château her war die Türglocke zu hören. Schritte knirschten im Kies der Einfahrt. Jemand rief seinen Namen.

Alexandre stieg in die Kutsche und ließ sich auf die gepolsterte Bank fallen. Die Federn quietschten.

Der Unbekannte zog die Tür zu. Allmählich gewöhnten sich Alexandres Augen an das Zwielicht. Vor ihm saß ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Er war glatt rasiert, hatte eine ungewöhnlich große Nase und freundlich funkelnde Augen. Sein dichtes, zurückgekämmtes Haar war weiß wie Papier. Dumas hatte den Mann nie zuvor gesehen.

»Mein Name ist Etienne Lemaitre.« Der Fremde holte eine Visitenkarte hervor, die Alexandre ohne Licht aber nicht lesen konnte. »Ich kannte Ihren Vater.«

Wie stets, wenn jemand General Thomas Alexandre Dumas erwähnte, stieg grauer Jammer in Alexandre auf. Konnte das sein? Sein Vater war im Jahr 1806 gestorben. Dieser Lemaitre musste zu dieser Zeit ein Säugling gewesen sein.

Der Besucher schien Alexandres Gedanken zu erraten. »Ich sehe jünger aus, als ich bin«, sagte er. »Als ich Ihren Vater kennenlernte, war ich Schiffsjunge. Wir waren gemeinsam mit Napoleon in Ägypten.«

Die ägyptische Expedition! Wie oft hatte Alexandre sich gewünscht, etwas über die Abenteuer zu erfahren, die sein Vater bei den Pyramiden erlebt hatte. »Er hatte leider keine Gelegenheit, mir davon zu erzählen«, sagte Alexandre.

»Das ließe sich ändern, denn das eine oder andere haben wir zusammen erlebt. Obwohl er ein General war und ich nur ein Schiffsjunge«, fuhr Lemaitre fort. »Doch davon ein anderes Mal.« Er lugte aus dem Fenster der Kutsche. Das winterliche Licht strich über seine Wangen. Die Haut schien apothekerbleich. Dumas erkannte, dass Lemaitre stark geschminkt war. »Ich bin gekommen, weil ich Ihnen ein Geschäft vorschlagen möchte. Doch wie ich sehe, nehmen andere Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch.«

»Dumas!«, rief jemand vom Château her. »Wo ist er hin?« Das war Odiers Stimme.

»Sehen Sie in dem Pavillon dort drüben nach«, befahl eine Frau. Es war die Prunelle. »Dorthin zieht er sich immer zum Schreiben zurück.«

Alexandre drückte sich in einen Winkel der Kutsche, wo er von außen nicht gesehen werden konnte. »Erzählen Sie mir von dem Geschäft. Rasch!«

Lemaitre lehnte sich zurück. Ein knisterndes Geräusch erklang. »Ich suche etwas, das Ihr Monsieur Vater aus Ägypten heimgebracht hat. Wenn es sich in Ihrem Besitz befindet, wäre ich bereit, ein kleines Vermögen dafür zu bezahlen.«

»Wie viel?«, fragte Alexandre. Die Stimmen im Park näherten sich.

»Eine Million Franc.«

Alexandre versuchte, seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu halten. In seinen besten Zeiten hatten ihm die Zeitungsverleger einhunderttausend Franc für einen Roman gezahlt. Aber seine besten Zeiten waren längst vorbei. Eine Million!

Er räusperte sich. »Was verlangen Sie dafür?«

»Ihr Vater war im Besitz von drei Amuletten. Er hat sie in Ägypten gefunden.« Lemaitre beugte sich vor. Der süßlich-würzige Geruch war mit einem Mal in jedem Winkel der Kutsche. »Ich muss diese Artefakte haben.«

Alexandre wurde es blümerant. Dieses Parfum! Er zog eine Dose Doppelmops aus seiner Westentasche. In den Deckel des holländischen Schnupftabaks waren zwei stumpfnasige Hunde geprägt. Gerade wollte er die Dose öffnen, da legte sich eine trockene Hand darauf.

»Haben Sie die Amulette, Monsieur Dumas?«

»Mein Vater hat mir viel hinterlassen«, sagte Alexandre. Durch den düsteren Schleier der Wehmut sah er die vier Seemannskisten vor sich. »Er ist ja um die halbe Welt gereist und hat von überall her etwas mitgebracht.«

»Erinnern Sie sich, Monsieur Dumas!«

»Schnitzereien in Ebenholz. Federbüsche, die als Kopfschmuck dienten. Das meiste haben mit der Zeit die Mäuse zerfressen.«

»Drei Amulette. Haben Sie sie gesehen?« Die Augen Lemaitres waren mit einem Mal ganz nah. Sie hatten dunkle Ränder. Und wie groß sie waren! Der Geruch umhüllte Alexandre jetzt vollends. Allmählich gefiel ihm der Fremde. Dumas sog die Luft durch die Nase ein und öffnete dabei den Mund, so als würde er von gutem Wein kosten.

»Da waren drei identische Scheiben. Sechseckig oder achteckig, ich weiß es nicht mehr genau. So groß wie eine Taschenuhr.« Mit einem Mal lagen die drei Stücke wieder vor ihm. »Aus grün angelaufenem Metall. Bronze vermutlich. Schriftzeichen waren eingraviert.« In Gedanken wischten seine Finger über die Oberfläche, um die Amulette vom Belag der Zeit zu säubern.

»Ja! Ja!« Noch immer lag Lemaitres Hand auf der seinen. Jetzt drückte sie zu. »Wo sind sie?«

Da fiel es ihm wieder ein. Hier im Park war es gewesen, vor vier Jahren. Gemeinsam mit dem Architekten Durand war er den Bauplatz des Châteaus abgeschritten und hatte dem Baumeister seine Wünsche für das Schlösschen diktiert. Zunächst hatte Durand zugehört. Doch als die Liste kein Ende nehmen wollte, hatte der Architekt gewagt einzuwerfen: »Aber Monsieur Dumas. Das wird sehr teuer werden!« Woraufhin Alexandre gesagt hatte: »Das hoffe ich auch.« Noch heute war er stolz auf diese Replik. Allerdings hatte Durand recht behalten. Der Bau des Schlosses hatte Alexandres Vermögen verschlungen. Er hatte bei Odier um einen Kredit bitten müssen und diesen erhalten. Doch das hatte noch immer nicht ausgereicht. Um die persischen Künstler anreisen zu lassen, die den arabischen Salon mit Intarsien und orientalischem Stuck auskleiden sollten, fehlte noch eine Summe, die einen König in Verlegenheit gebracht hätte. Aber wer Alexandre Dumas hieß, der war der Todfeind des Verzichts. Also war er auf die Idee gekommen, einige Erbstücke seines Vaters zu verkaufen, bevor sie auseinanderfielen. Und der Kurator der ägyptischen Sammlung im Louvre war ebenfalls dieser Meinung gewesen.

»Ich weiß, wo sie sind«, sagte er zu Lemaitre. »Aber ich brauche Garantien.«

Lemaitre ließ Alexandres Hand los. Wo er ihn berührt hatte, prickelte die Haut. »Wenn Sie bitte kurz die Beine spreizen würden«, forderte er Alexandre auf.

Jeden anderen Menschen hätte Dumas für eine solche Frechheit zum Duell gefordert. Lemaitre jedoch gehorchte er. Er wunderte sich über sich selbst.

Der Fremde griff unter die Sitzbank, auf der Dumas saß, und zog eine Tasche aus grauem Leder hervor. Er hievte sie auf seinen Schoß, öffnete sie und holte drei Bündel Geldscheine heraus.

»Hier sind dreihunderttausend Franc«, sagte Lemaitre. »Nehmen Sie! Den Rest bekommen Sie, wenn Sie mir die Amulette bringen.«

Alexandre steckte den Schnupftabak ein. Das Geld übte eine magnetische Anziehungskraft auf ihn aus. Doch etwas hielt ihn zurück, ein Gefühl der Unanständigkeit.

»Sie haben die Amulette doch, oder?«, fragte Lemaitre.

Das entsprach beinahe der Wahrheit. Alexandre nickte.

»Dann nehmen Sie.« Lemaitre hielt ihm die Geldbündel hin. »Kommen Sie morgen zu der Adresse, die auf meiner Karte steht. Dort werden Sie die restlichen siebenhunderttausend Franc erhalten. Madame Meunier wird Sie hier abholen.«

Das musste die Alte auf dem Kutschbock sein. Alexandre überlegte. Er musste die Scheiben erst vom Louvre zurückkaufen. Dort hatte man ihm zehntausend Franc für alle drei geboten. Er würde dem Museum jetzt zwanzigtausend bieten. Darauf würde sich der Kurator einlassen. Dann konnte er direkt von der Rue de Rivoli zu diesem Wahnsinnigen fahren, der ein Vermögen für drei Stücke Altmetall ausgab.

Dumas griff zu. Die Geldbündel fühlten sich erstaunlich leicht an. Aber das war ja das Merkwürdige an Reichtum: Er machte schwerelos, wenn man ihn hatte, drückte aber zu Boden, wenn er nicht vorhanden war.

Alexandre verstaute die Scheine unter seiner Weste. »Ihre Kutsche brauche ich nicht, ich habe morgen noch etwas in Paris zu erledigen und komme anschließend zu Ihnen.«

»Wie Sie wünschen.« Lemaitre lächelte. Die Haut unter seinen Augen warf Falten. Als das Lächeln erlosch, glätteten sich die Falten nur langsam.

Schritte näherten sich auf dem Kies. Ein Gesicht schaute durch das Fenster in die Kutsche hinein. Es war Blondet.

»Er ist hier!«, rief der Zensor. »In dieser Kutsche hat er sich versteckt.« Das Gesicht verschwand.

»Mein lieber Dumas! Sie scheinen anderen Geschäften nachgehen zu müssen«, sagte Lemaitre und schaute seinerseits nach draußen. »Kann ich Sie nach Paris mitnehmen?«

Alexandre lächelte. Seine Selbstsicherheit kehrte zurück. Was außerhalb der Kutsche auf ihn wartete, war keine Bedrohung, nur eine Zusammenrottung von Aufwärtern und Dummschnuten. Vor einer halben Stunde hatte er noch vor seinen Verfolgern fliehen müssen. Jetzt aber war er gegen ihre Unverschämtheiten gewappnet.

»Danke, aber mit diesem Gelichter werde ich fertig«, sagte er zu Lemaitre. Dann stieß er die Tür auf und trat mit der Herrschaftlichkeit von zehn Sonnenkönigen vor das Heer seiner Gegner.

*

Anna versuchte, nicht zu blinzeln. Ihre Augen waren aufgerissen. Sie fürchtete, das Bild, das sich ihr bot, würde verschwinden, wenn sie ihren Lidern auch nur einmal gestattete, sich zu senken. Würde die Welt doch erstarren! In dem Fenster jener Kutsche vor dem Château Monte Christo war das Gesicht aufgetaucht, das sie seit zehn Jahren Nacht für Nacht in ihrem Schlaf verfolgte, das Antlitz jenes Mannes, den sie eigenhändig mit einem Pistolenschuss in die Hölle geschickt hatte. Jedenfalls hatte sie das geglaubt. Aber jetzt hatte sich das Tor zur Hölle geöffnet und den Dämon zurück in die Welt entlassen. Etienne Lemaitre lebte – und er war hier, keine zehn Schritte von ihr entfernt.

Er war es wirklich! Es gab keinen Zweifel. Niemals würde Anna dieses Gesicht vergessen. Die Augen mit den unstabilen Farben. Die Zähne, die zwar gleichmäßig waren, doch schmale Zwischenräume aufwiesen wie ein nachlässig gebauter Palisadenzaun. Das dichte zurückgekämmte Haar, von dem sich niemals eine Strähne löste. Und über allem der Geruch von Tannenharz und Bergamotte.

Zehn Jahre war es her. Damals hatte das Ungeheuer Annas Familie zerstört und sie ihrer Beine beraubt. Jedes Detail dieses unheilvollen Tages stand ihr vor Augen. Sie meinte sogar, den kalten Griff der Waffe zwischen ihren Fingern spüren zu können.

*Den Gebrauch des Begriffs in diesem Roman erklärt der Autor im Nachwort näher.

Kapitel 5

Zehn Jahre zuvorAm Fuß von Burg Dorn am Rhein, Oktober 1841

Die Pistole in Annas Hand zitterte. Regentropfen liefen an dem Terzerol hinunter.

»Schießen Sie!«, forderte Lemaitre sie auf. Seine Stimme drang dumpf an ihr Ohr. »Sonst wird das Pulver nass, und Sie müssten mich mit einem Dolch töten.«

Anna trat näher an die Kutsche heran und kniff die Augen zusammen. Undeutlich erkannte sie durch das offene Fenster die Gestalt des Franzosen im Innern.

Regen rann über Annas Brille und ließ das Ziel vor ihren Augen verschwimmen. Sie griff nach dem Riegel der Kutschentür. Der Knauf ließ sich nicht drehen. Sie rüttelte daran.

»Öffnen Sie und steigen Sie aus!«, rief Anna. Wasser sprühte von ihren Lippen. Sie erahnte eine Bewegung im Innern des Fahrzeugs. Langsam drehte sich der Knauf in ihrer Hand. Die Tür wurde aufgestoßen. Anna wich zurück.

»Warum kommen Sie nicht stattdessen herein?«, fragte die Stimme. »Ich ziehe es vor, im Trockenen zu sterben.«

Der Duft starken Rasierwassers kroch aus der Kutsche hervor. Tannenharz und Bergamotte – sie kannte das Elixier. Zum ersten Mal hatte sie es eingeatmet, als sie vor dem alten Patrizierhaus in Baden-Baden gestanden hatte. Sie hatte geläutet, die Tür war aufgeschwungen, und eine Sirupstimme hatte aus der dunklen Diele zu ihr gesprochen: »Warum stehen Sie draußen im Regen? Kommen Sie doch herein!«

»Ich bleibe, wo ich bin«, hörte Anna sich nun sagen. »Denn ich ziehe es vor, Sie in einer Pfütze verenden zu sehen.« Als sie sich vorstellte, wie das Blut des Franzosen Schlieren durch das Brackwasser zog, wurde ihr elend zumute.

Hilfe suchend schaute Anna sich um. Wenn Tristan jetzt neben ihr stände, würde ein einziger Blick seiner grauen Augen genügen, um alle Widrigkeiten der Welt aus dem Weg zu räumen. So war es immer mit Tristan. Aber ihr Gatte war in der Burg zurückgeblieben. Als Anna ihn zuletzt gesehen hatte, waren seine Augen leer gewesen. Sie war auf sich allein gestellt. Aber sie hatte die Pistole.

Lemaitres Kutsche stand am Rand des abschüssigen Wegs, der von Burg Dorn zum Rhein hinunterführte. Annas Kutsche stand schräg davor. Immanuel war es mit einem halsbrecherischen Manöver gelungen, Lemaitres Kalesche zum Halten zu zwingen. Jetzt stand der treue Kutscher neben den Pferden und beruhigte die Tiere. Während seine Hände den Regen von ihrem Fell kämmten, schaute Immanuel zu Anna herüber. Sie wusste, sie brauchte ihm bloß zuzunicken, und er würde sich Lemaitres annehmen. Die Versuchung, die kleine Vorderladerpistole sinken zu lassen und Lemaitre dem kräftigen Kutscher zu überlassen, war groß. Anna schluckte. Dies war ihr Kampf, es ging um ihre Familie, ihre Zukunft.

»Geben Sie das Vermögen meines Mannes heraus. Dann lasse ich Sie ziehen«, sagte sie, leise zwar, doch war sie gewiss, dass Lemaitre die Worte selbst dann verstanden hätte, wenn sie nur stumm die Lippen bewegt hätte.

»Der Dorn’sche Besitz gehört mir«, kam es aus der Kutsche.

»Weil Sie ihn uns gestohlen haben«, rief Anna.

»Weil Ihr Gatte ihn mir übereignet hat. Die Dokumente tragen seine Handschrift, sein Autograf, sein Siegel. Als er unterschrieb, hat er gelächelt.«

Anna schloss die Augen. Alles an ihr fühlte sich hart an. Noch einmal dachte sie an jene verhängnisvolle Szene. Tristan hatte hinter seinem Schreibtisch gesessen. Ihm gegenüber Lemaitre auf einer Ottomane, ein Bein auf dem Boden, das andere auf dem Polster ausgestreckt.

Als Anna eintrat, tupfte ihr Mann gerade den Federkiel ins Tintenfass und unterschrieb ein Dokument. Sie wusste nicht, was daraufstand. Aber die Tatsache, dass Tristan die Feder nicht am Rand des Tintenfasses abstreifte, wie es seine Gewohnheit war, sondern die schwarzen Tropfen wie Perlen über den Tisch fallen ließ, weckte eine Ahnung in ihr. Ihre Frage überhörte Tristan. Stattdessen zog er die Feder über das Papier, mit jener ausholenden Geste, mit der er Bedeutsames zu unterschreiben pflegte. Dann hatte er den Kopf gehoben, sie mit trübem Blick angesehen und kalt gelächelt.

Anna presste den Zeigefinger gegen den Abzug der Pistole und zog durch.

Das Steinschloss klickte.

»Eine Waffe aus dem vergangenen Jahrhundert«, sagte Lemaitre. »Nicht sehr effektiv. Aber gut genug, um zu beweisen, dass Sie den Mut einer Mörderin haben.«

Lemaitre bückte sich unter der Tür hindurch. Dann ließ er sich vom Trittbrett der Kalesche herab. Sein dunkles lockiges Haar war von grauen Strähnen durchzogen und mithilfe von Öl stramm nach hinten gekämmt. Er war gespenstisch mager, und sein brauner Anzug flatterte um seine Gliedmaßen. Sein Hals war von einem Vatermörderkragen umschlossen, den zusätzlich ein Seidentuch umspannte. Trotzdem schien es, als stecke der Kopf auf einem Spieß. Der Zylinder, den Lemaitre jetzt aufsetzte, steigerte diesen Effekt. Schmatzend versanken die Schuhe des Franzosen im Schlamm. Er schaute kurz an sich hinunter, dann fand sein Blick Annas Augen.

Die Regentropfen auf den Gläsern ihrer Brille schienen zu Linsen zu werden, die das Bild Lemaitres tausendfach vervielfältigten. Annas Atem beruhigte sich. Sie fühlte das Blut durch ihre Adern rauschen. Wärme strömte durch ihren Körper. Die Pistole erschien ihr mit einem Mal unendlich schwer. Sie ließ die Waffe sinken.

Mit behandschuhter Hand streichelte Lemaitre Annas Wange. Sein Geruch füllte ihre Nase, füllte ihren Geist. Es war der Geruch des Elysiums.

»Spüren Sie das, Anna?«, fragte der Magnetiseur. »Es ist genau wie damals, als Sie zu mir kamen und mich um Hilfe baten.«

Anna nickte.

Lemaitres Finger legten sich um ihren Nacken. Daumen und Zeigefinger übten sanften Druck aus. Das Zwicken war alles, was Anna noch spürte. Sie legte den Kopf nach hinten und gab ihr Gesicht dem Regen preis.

»Steigen Sie in die Kutsche, Gräfin!« Lemaitres Stimme hatte den gelassenen Ton verloren. Jetzt klang sie wie der Wind, der im Herbst an den Türen und Fensterläden rüttelte, wie etwas, das Einlass verlangte. »Angst«, sagte der Magnetiseur, »ist ein machtvolles Stimulans.«

Ein Donnern zerriss die Luft. Anna zuckte zusammen. Die Hand an ihrem Nacken verschwand. Lemaitres Blick hatte sie losgelassen und war nun auf etwas hinter Anna gerichtet – auf den Berg und die Burg auf der Höhe.

Etwas krachte in der Ferne. Der Boden bebte. Anna fuhr herum, gerade noch rechtzeitig, um das Ende des Dorn’schen Stammsitzes zu sehen. Das Schloss war in ein Kleid aus Rauch gehüllt. Steinbrocken flogen daraus hervor. Inmitten des Qualms zuckte Feuerschein wie von einem Gewitter. Die Burg barst. Der Berg stöhnte.

»Tristan!«, schrie Anna.

»Was hat dieser Affensinnige getan?«, brach es aus Lemaitre hervor.

»Das war Ihr Werk!«, rief Anna und fuhr zu dem Franzosen herum. Wieder hob sie das Terzerol. Es war noch ein Schuss in der zweiten Kammer. Sie drückte ab. Auch diesmal war nichts zu hören. Das Reißen von der Burg übertönte alle anderen Laute.

Schon glaubte Anna, dass auch die zweite Kugel im Lauf stecken geblieben war. Da fasste sich Lemaitre mit beiden Händen ins Gesicht, stolperte über das Trittbrett und fiel rücklings in die Kutsche. Nur seine Beine ragten noch heraus.

Anna warf die Waffe von sich, wirbelte herum und rannte den schlüpfrigen Weg in Richtung Schloss hinauf. Der Saum ihres Kleides glitt durch den Schlamm. Sie raffte es, ließ es jedoch sofort wieder sinken und umfasste mit beiden Händen ihren Kopf.

»Tristan!«, schrie sie.

Burg Dorn grollte.

Ein Schauer aus kleinen Steinen ging über Anna nieder und prasselte auf ihren Kopf und Rücken. Von weiter unterhalb hörte sie Pferde wiehern. Etwas traf sie am Kopf. Der Boden kam ihr entgegen. Mit einem Mal konnte sie auf dem linken Auge nichts mehr sehen. Unter ihrer rechten Hand, mit der sie sich abstützte, fühlte sie Glasscherben. Ihre Brille.

Mächtige Arme schlangen sich um ihren Leib und hoben sie hoch. Verschwommen erkannte sie Immanuels Gesicht. Der Kutscher war ganz nah. Er trug sie auf den Armen. Anna wusste nicht, wohin mit ihren Händen. Sie konnte sie doch einem Kutscher nicht um den Hals legen! Hängen lassen konnte sie sie aber auch nicht.