Kopf zerbrechen oder dem Herzen folgen? - Patricia Küll - E-Book

Kopf zerbrechen oder dem Herzen folgen? E-Book

Patricia Küll

0,0

Beschreibung

Jeden Tag treffen wir tausende Entscheidungen. Meistens ohne lang darüber nachzudenken. Häufig entscheiden wir einfach "wie immer": nach Gefühl oder mit dem Verstand, ohne uns dessen bewusst zu sein. Doch manche Entscheidungen sind so wichtig, dass sie uns länger beschäftigen. Tage- und nächtelang grübeln wir und kommen doch zu keiner befriedigenden Lösung. Denn oft sagt der Kopf das eine und das Herz rät uns das andere. Aber wer von beiden ist der bessere Ratgeber? Und wann hören wir lieber auf unser Herz als auf unseren Verstand – und umgekehrt? Wäre es nicht toll, wenn es so etwas wie ein Rezeptbuch für Entscheidungen gäbe? In dem zwar nicht die eine richtige Lösung für jedes Problem steht, aber viele einfach nachvollziehbare Wege beschrieben sind, wie man zu Lösungen kommt? Die gute Nachricht lautet: Das gibt es! Patricia Küll und Jörg Kühnapfel stellen am Beispiel der zehn wichtigsten Entscheidungen des Lebens praxiserprobte Tools vor, wie Kopf- und Bauchmenschen und diejenigen, die flexibel mal so und mal so entscheiden, zu ihren individuell richtigen Lösungen finden. Ob Kosten-Nutzen-Rechnung oder IKIGAI, ob Zeitreise oder Nutzwertanalyse – die Autoren präsentieren in ihrem Buch am Beispiel der zehn wichtigsten Lebensfragen jeweils aus der Kopf- und Herzperspektive ein Potpourri an konkreten Methoden, die Sie auf alle wichtigen Entscheidungssituationen anwenden können. So treffen Sie selbstbestimmt gute Entscheidungen, mit denen Sie langfristig glücklich und zufrieden leben werden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 291

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Patricia Küll Jörg B. Kühnapfel

Kopf zerbrechen oder dem Herzen folgen?

Wie Sie gute Entscheidungen treffen

Am Beispiel von 10 wichtigen Lebenssituationen

Externe Links wurden bis zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches geprüft. Auf etwaige Änderungen zu einem späteren Zeitpunkt hat der Verlag keinen Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-95623-910-6

Lektorat: Anja Hilgarth, Herzogenaurach

Umschlaggestaltung: Stephanie Böhme, Strategische Konzeption und Design, Neuwied

Titelabbildung: Roman Sotola/Shutterstock

Autorenfotos: privat

Satz und Layout: Lohse Design, Heppenheim | www.lohse-design.de

© 2020 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

www.gabal-verlag.de

www.facebook.com/Gabalbuecher

www.twitter.com/gabalbuecher

www.instagram.com/gabalbuecher

Inhalt

Warum dieses Buch?

Was ist ein »Herz-Mensch«?

Die Intuition – jeder hat sie,

nur wenige erkennen sie

Der inneren Stimme Gehör schenken

Was ist ein »Kopf-Mensch«?

Denken ist nicht einfach nur »nachdenken«

Die 10 wichtigsten Entscheidungen des Lebens

1. Entscheidung

Die Berufswahl

Was rät der Kopf?

Raus auf die grüne Wiese gehen

Den Zielkonflikt lösen: Geld oder Spaß?

Einen Blick in die Zukunft werfen

Das Wissen ergänzen

Den Nettonutzen erkennen

Die Opportunitätskosten berücksichtigen

Die Umkehrkosten berücksichtigen

Was rät das Herz?

Wählen ja – quälen nein

Der Intuition Futter geben

Mit IKIGAI das Bauchgefühl erkunden

Bewusst Lebensfreude und Zufriedenheit finden

Herz oder Kopf?

2. Entscheidung

Karriere oder nicht?

Was rät das Herz?

Herausfinden, was uns glücklich macht

Mit Steven Reiss Motive erforschen

Den »Sinn des Lebens« erfühlen

Auf individuelle Zeitreise gehen

Was rät der Kopf?

Mit Systematik an die Lösung gehen

Eine Nutzwertanalyse durchführen

Herz oder Kopf?

3. Entscheidung

Die Partnerwahl

Was rät der Kopf?

Das Problem sezieren

Die Pre-mortem-Methode

Die Denkhüte

Was rät das Herz?

Herausfinden, wie sich eine Lösung anfühlt

Dank zirkulärer Fragen reflektieren

Herz oder Kopf?

4. Entscheidung

Kinder oder nicht?

Was rät das Herz?

Gemeinsam auf Gedankenreise gehen

Den Blickwinkel ändern

Was rät der Kopf?

Quantifizierbares und Nichtquantifizierbares betrachten

Wirkungsmechanismen

Methoden, um der Verunsicherung zu begegnen

Herz oder Kopf?

5. Entscheidung

Hauskauf – Land/Stadt?

Was rät der Kopf?

Strategisch an die Lösung herangehen

Ziele und Bedürfnisse durch Nutzwertanalyse erkennen

Was rät das Herz?

Alle (un)möglichen Wahlmöglichkeiten in Betracht ziehen

Das Tetralemma-/Multilemma-Tool

Beispiel-Fragerunde

Gefühle direkt befragen

Herz oder Kopf?

6. Entscheidung

Das Leben umstellen

Was rät das Herz?

Sich selbst wertschätzen und lieben

Was rät der Kopf

Mit Selbstdisziplin ein Zielsystem erstellen

Herz oder Kopf?

7. Entscheidung

Den Job wechseln, den Beruf wechseln?

Was rät der Kopf?

Nicht vorschnell auf andere hören

Sich vor Verfügbarkeitsheuristiken hüten

Sich vor Repräsentativitätsheuristiken hüten

Alle Szenarien durchdenken

Die Selbstselektion ernst nehmen

Was rät das Herz?

In sich hineinspüren

Das 10-10-10-Modell

Das Bauchgefühl zum »most probably« Case überprüfen

Herz oder Kopf?

8. Entscheidung

Sich vom (langjährigen) Partner trennen?

Was rät das Herz?

Das Ziel erkennen: Alles neu oder neuer Anstrich?

Was rät der Kopf?

Die Realität nicht mit einem Idealbild vergleichen

Der »Nirwana-Irrtum«

Keinen unnützen Blick auf die gemeinsame Vergangenheit werfen

Die »versunkenen Kosten« ruhen lassen

Die Beziehung neu justieren

Herz oder Kopf?

9. Entscheidung

Enge Freunde oder Verwandte aus dem Leben verbannen?

Was rät der Kopf?

Eine neue Ausrichtung verhandeln

Was rät das Herz?

Herausfinden, ob die Waage der Freundschaft noch im Gleichgewicht steht

Eine Freundschaftsbilanz ziehen

Belastende Bande lösen

Auf die eigenen Bedürfnisse achten

Herz oder Kopf?

10. Entscheidung

Sich einen Traum erfüllen?

Was rät das Herz?

Den richtigen Traum träumen

Affective forecasting

Das Ziel hinter dem Traum erkennen

Die Disney-Strategie

Machbare Träume ins Leben bringen

Was rät der Kopf?

Den Preis des Traums konkret bestimmen

Einen »Traum-Check« betreiben

Mit Pre-mortem das Scheitern analysieren

Mit einer Mindmap den Traum strukturieren

Mit der Nutzwertanalyse den Traum objektivieren

Herz oder Kopf?

Unser Fazit: Herz oder Kopf – wem darf ich vertrauen?

Die Autoren

Warum dieses Buch?

Wir leben in einer Welt der grenzenlosen Möglichkeiten. Wir können heiraten oder es sein lassen, Kinder kriegen oder nicht, sie adoptieren oder in Pflege nehmen. Wir können Karriere machen oder uns auf anderem Gebiet selbst verwirklichen, eine Ausbildung, eine duale Ausbildung oder Abitur machen und dann zwischen 19.000 Studienfächern wählen. Wir können ins Ausland gehen, dort studieren oder arbeiten oder einfach nur reisen. Uns steht die ganze Welt offen. Wie toll ist das denn? Auf den ersten Blick ist das wunderbar. Doch die Freiheit der Wahl hat einen Preis: Wenn die Wahlmöglichkeiten so unübersichtlich groß sind, droht das Gefühl, sich doch nicht für das Optimale entschieden zu haben. Denn woher soll man wissen, welches die beste Wahl ist? Vielleicht ist es ja auch die bessere Entscheidung, vorsichtshalber gar nichts zu entscheiden.

Zu zögern, zu zaudern, erst einmal nicht zu entscheiden, muss kein Fehler sein: Vielleicht wehrt sich etwas, das wir noch nicht greifen und in Worte kleiden können. Dann ist die Frage: Was ist zu tun, damit es weitergeht? Wie kommen wir zu einer Entscheidung? Was hilft? Falsch wäre ganz sicherlich, nicht zu entscheiden, weil man sich vor den Folgen der Entscheidung fürchtet. Denn dann geben Sie die Regie in Ihrem Leben ab, an andere Menschen oder an »die Umstände«. Doch wenn Sie die Regie abgeben, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn der Film des Lebens am Ende anders aussieht, als Sie es sich gewünscht haben.

Entscheidungen zu treffen ist unerlässlich, um ein glückliches, zufriedenes Leben zu gestalten. Natürlich können wir nie wissen, welches letztendlich die richtige Entscheidung gewesen wäre. Wir können nicht in die Zukunft schauen. Mit dieser Unsicherheit müssen wir leben. Aber wäre unser Leben besser, wenn wir stets im Voraus wüssten, was nach einer Entscheidung auf uns zukommt? Würden wir uns nicht vor Mühen und Anstrengungen drücken und damit zugleich auf wertvolle Erfahrungen verzichten? Vielleicht ist es gut eingerichtet, dass wir keine Hellseher sind. Wir müssen mit dieser Unsicherheit leben und wir müssen letztlich entscheiden. Doch wie? Gibt es Möglichkeiten, unsere Entscheidungen zu optimieren? Wie schaffen wir es, zu einer Entscheidung zu kommen, die sich später als die bestmögliche herausstellt? Wir, die Autoren, kennen drei Ansätze:

1. Denken Sie nach!

Dazu müssen Sie wissen, wie man nachdenkt. Grübeln ist sicherlich nicht die Lösung. Zum Glück gibt es für alle Entscheidungssituationen »Rezepte«, wie man »richtig« nachdenkt und so seine Entscheidung verbessern kann.

2. Hören Sie auf Ihren Bauch/Ihr Herz!

Dazu müssen Sie natürlich eine gute Beziehung zu Ihren Gefühlen haben. Haben Sie die?

3. Lesen Sie dieses Buch!

Denn hier finden Sie mehr als 20 Werkzeuge, um Entscheidungen herbeizuführen. Kombinieren Sie Denken und Fühlen, Kopf und Bauch, Methodik und Intuition und kommen Sie so zu optimalen Entscheidungen.

Die Entscheidungstools, die wir Ihnen hier an die Hand geben, sind universell. Wir haben exemplarisch Lebenssituationen herausgesucht, die den Nutzen der Tools verdeutlichen. Aber selbstverständlich können Sie diese auch bei anderen Herausforderungen und Problemstellungen einsetzen. Grundsätzlich sind viele Tools für ganz unterschiedliche Entscheidungen anwendbar. Und wir beantworten im Fazit eines jeden Kapitels auch die spannende Frage, wem Sie bei Ihren Entscheidungen trauen dürfen: Ihrem Kopf – oder Ihrem Herzen – oder beiden zugleich? Die Trennung zwischen Kopf und Herz war für uns Autoren ein leichtes Spiel: Prof. Dr. Jörg Kühnapfel, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, erläutert die kopfgesteuerten Lösungstools, Patricia Küll, LebensWandlerin, systemische Coach und Trainerin für Stressmanagement, die Tools, bei denen Intuition dominiert.

Sie müssen sich selbst übrigens nicht entscheiden, ob Sie Kopf- oder Bauchentscheidungen herbeiführen wollen. Auch als Kopf-Mensch können Sie die Entscheidungstools aus »Was rät das Herz?« nutzen. Und andersherum. Stöbern Sie einfach in diesem Buch, probieren Sie die unterschiedlichen Tools aus und entscheiden Sie sich. Manchmal werden Sie Mut brauchen, um eine Entscheidung zu fällen. Manchmal werden Sie für eine Entscheidung nicht geliebt werden. Dann denken Sie daran: Es ist Ihr Leben, also sollten auch Sie so weit wie möglich die Richtung vorgeben. Dann sieht am Ende der Film Ihres Lebens auch so aus, wie Sie ihn sich vorgestellt haben.

Allzeit die richtigen Entscheidungen wünschen

Patricia Küll und Jörg B. Kühnapfel

Was ist ein »Herz-Mensch«?

Um es an dieser Stelle gleich vorwegzunehmen: Herz, Bauch, Gefühle, Intuition – das ist für mich nicht dasselbe, aber doch das Gleiche. Es ist alles das, was nicht aus dem Kopf kommt. Ob es aus den Gefühlen, dem Bauch, dem Herzen oder dem kleinen Finger kommt (ja, auch dort können wir manchmal spüren, ob der Weg, den wir einschlagen wollen, der richtige ist), macht für mich keinen Unterschied.

Was ist ein »Kopf-Mensch« und was ein »Herz-« bzw. »Bauch-Mensch«? Und was sind Sie? Ich selbst war lange ein sogenannter »Kopf-Mensch«, habe Entscheidungen danach getroffen, ob sie gut für den Lebenslauf sind, ob ich damit andere beeindrucken oder ihre Erwartungen erfüllen kann, ob ich damit Geld verdienen kann. Die Frage, ob mich die Entscheidung glücklich macht, stellte ich mir lange nicht. Das kann man so machen, keine Frage, aber wirklich zufrieden wurde ich in meinem Leben erst, als ich gelernt hatte, auf meinen Bauch zu hören. Mein Coach-Ausbilder Dr. Klaus Biedermann sagte einmal während der Ausbildung: »Der Kopf ist ein guter Ratgeber, wenn es darum geht, Rechnungen zu bezahlen. Ansonsten hört ihr besser auf euren Bauch.« Denn unserem Bauch geht es nicht ums Geldverdienen oder um Prestige, ihm geht es darum, dass sich eine Entscheidung gut anfühlt. Denn wenn sie das tut, dann wird uns das Ergebnis auch zufrieden machen.

Gerade haben mein Kopf und mein Bauch wieder ein kleines Geplänkel geführt. Ich habe seit einigen Jahren einen Lehrauftrag an der Hochschule in Koblenz. Das bringt nicht viel Geld, aber Renommee und Freude. Ich darf den Studierenden zeigen, wie man Texte schreibt, die zum Vortragen gedacht sind, und wie man diese dann präsentiert. Das hat mir lange wahnsinnig viel Spaß gemacht. Nun merke ich in diesem Semester, dass mir die Fahrt von Mainz nach Koblenz lästig wird und insgesamt meine Freude auf der Strecke bleibt. Das passiert mir manchmal, wenn etwas keine Herausforderung mehr ist, sondern zur Routine wird. Also sagte mein Bauch: »Dann lass es bleiben und such dir eine andere Herausforderung.« Mein Kopf hielt sofort dagegen mit den Argumenten, dass ein Lehrauftrag schon etwas Besonderes sei, dass es genügend Menschen in meinem Umfeld gäbe, die gern einen hätten, und schließlich bringe ein Lehrauftrag auch ausreichend Anerkennung mit sich. Früher hätte ich mich den Kopfargumenten ganz bestimmt gebeugt und mit wenig Freude weitergemacht. Heute verstehe ich es besser, mich selbst glücklich zu machen. Nach zwei Tagen, an denen ich mit lieben Menschen und vor allem mit mir selbst darüber diskutiert hatte, kündigte ich den Job. Und es fühlte sich so erleichternd an. Klar, die Argumente meines Kopfes stimmen alle, aber das Bauchargument, dass ich ohne diesen Lehrauftrag zufriedener bin, wiegt viel schwerer.

Ich bin also ein überzeugter »Aus dem Bauch«-Entscheider – in beruflichen Dingen, in Liebesangelegenheiten und zum Teil sogar bei finanziellen Fragen. Ich wünschte, ich hätte in finanziellen Dingen auch schon früher auf meinen Bauch gehört, dann hätte ich mir den Kauf der T-Aktie nämlich erspart. In dem Moment, in dem ich den Kaufvertrag bei meiner Bank unterschrieb, zogen in meinem Bauch dicke Gewitterwolken auf und es gab ein Donnerwetter, das man nicht überhören konnte. Ich hörte und fühlte es auch, aber ich war damals noch ein Kopf-Mensch – und unterschrieb. Das hat mich eine Stange Geld gekostet. Prof. Kühnapfel wird an dieser Stelle vermutlich verzweifelt den Kopf schütteln, denn er als Kopf-Mensch und Wirtschaftswissenschaftler wird vermutlich nie, wirklich niemals finanzielle Angelegenheiten aus dem Bauch heraus entscheiden. Damit ist er in guter Gesellschaft. Bei einer repräsentativen Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg im Auftrag der »Apotheken Umschau« (zitiert im Focus 47/2018, S. 86) gaben 81 % der Befragten an, sich bei wirklich wichtigen Entscheidungen bewusst auf den Verstand zu verlassen und nicht aus dem Bauch heraus zu entscheiden. »Nur« in Liebesdingen oder bei der Partnerwahl treffen 87 % derselben Befragten ihre Entscheidungen aus dem Bauch heraus.

Die Intuition – jeder hat sie,

nur wenige erkennen sie

Ein Großteil der Menschen glaubt also, weitgehend rationale Entscheidungen zu treffen. Ich schreibe bewusst »glauben«, denn in Wirklichkeit ist es nicht ganz so. Dazu gleich mehr. Aber vor diesem Hintergrund haben es überzeugte »Bauch-Entscheider« schwer in dieser von Vernunft bestimmten Welt. Man wird oft nicht für voll genommen. Gerade im Business-Kontext. Wenn bei uns einer seinen gut dotierten Job aufgibt, um seinem Herzenswunsch zu folgen, reagiert das Umfeld oft mit Unverständnis. Ob man sich über die Folgen bewusst sei? Und was denn eigentlich dahinterstecke? Ein (großer) Teil der Bevölkerung sieht einen radikalen Berufswechsel als Niederlage oder Scheitern an. Der (kleinere) Teil seufzt und beneidet die, die sich getraut haben, ihrem Bauch zu folgen.

Dabei kann das jeder: seinem Bauch und seinen Gefühlen folgen. In ganz vielen Fällen tun wir das ohnehin – ohne viel darüber nachzudenken. Seriöse Wissenschaftler schätzen, dass wir jeden Tag ungefähr 20.000 Entscheidungen treffen. Wenn wir über jede einzelne nachdächten, würden wir bald wahnsinnig werden und kämen zu nichts mehr. Und so treffen wir ohnehin von morgens bis abends unbewusste Entscheidungen: Brötchen oder Müsli? Weißes oder blaues Hemd? An der Ampel halten oder doch noch Gas geben? Viele dieser Blitzentscheidungen treffen wir unbewusst und ganz nebenbei. Komplizierter wird es bei Entscheidungen, die bedeutende Folgen mit sich bringen. Welchen Beruf ergreift man? Wen erwählt man zu seinem Lebenspartner? Wo lässt man sich häuslich nieder? Solche Entscheidungen schüttelt man nicht aus dem Handgelenk. Die wollen – wie der Volksmund so schön sagt – wohl überlegt sein. Und genau an diesem Punkt machen sich viele unglücklich. Weil sie überlegen, welcher Job der richtige für sie wäre. Eine Kopfentscheidung, die viele andere Kopfentscheidungen nach sich zieht. Dort, wo man in diesem Beruf einen Job bekommt, dort schlägt man Wurzeln. Ob man den Menschenschlag dort mag oder nicht. Ob einen die Landschaft deprimiert oder nicht. Ob man sich dort wohlfühlt oder nicht. Da darf man sich nicht wundern, wenn die Lebensfreude und Zufriedenheit irgendwann einmal ausziehen.

Gerade in den wichtigsten Fragen unseres Lebens sollte man vor allem darauf achten, wie sich die Entscheidung anfühlt. Nicht, welchen Nutzen wir davon haben, sondern ob sich ein Lächeln auf unsere Lippen schleicht, ob sich Erleichterung breitmacht, ob unser Herz vor positiver Aufregung hüpft, ob es sich in unserem Inneren so anfühlt, als hätten wir gerade nach ein paar Fastentagen unser Lieblingsgericht vorgesetzt bekommen. Genau das sind die Signale, auf die Sie achten sollten. Denn tatsächlich gibt uns unser Körper eindeutige Hinweise darauf, ob uns die Entscheidung zufrieden machen wird oder nicht.

Leider haben viele Erwachsene keinen guten Draht zu ihrer Intuition. Kinder haben es von Natur aus, viele verlernen es aber im Laufe der Jahrzehnte. Doch nur weil etwas einmal weg ist, heißt es nicht, dass man die Kommunikation damit nicht wieder aufnehmen kann. Dafür bedarf es etwas Achtsamkeit. Sie könnten bei kleineren Entscheidungen mit dem Üben beginnen, indem Sie den leisen Tönen Ihres Körpers Beachtung schenken. Anfangs ist das nicht einfach, weil bei Kopf-Menschen die Gedanken überlaut sind. Ich habe es geschafft, indem ich abends im Bett die einzelnen Entscheidungen des Tages noch einmal habe Revue passieren lassen. Und dabei nachgefühlt habe, was mein Körper in diesem Moment signalisiert hatte. Und er hatte immer Signale gesendet. Einmal ein paar Blitzer im Bauch. Ein anderes Mal weiche Knie. Oder Herzrasen. Die Kunst ist es, diesen Signalen Beachtung zu schenken. Indem ich abends im Bett diesen Botschaftern nachfühlte, konnte ich sie nach und nach auch tagsüber besser spüren.

Der inneren Stimme Gehör schenken

Es gibt noch eine andere Möglichkeit, seine innere Stimme besser hörbar zu machen: das Focusing. Diese Methode wurde von Prof. Eugene Gendlin an der Universität von Chicago entwickelt. Es gibt Coaches, die einem das Focusing näherbringen, und Bücher, die einen Schritt für Schritt dazu anleiten. Die innere Stimme (wieder) laut werden zu lassen, bedarf etwas Übung, ist aber kein unmögliches Unterfangen. Im Gegenteil. Und es lohnt sich. Denn die »innere Stimme«, die Intuition, das Bauchgefühl ist in uns allen angelegt. Auch bei den Menschen, die »glauben«, sie würden vor allem rational entscheiden. Dabei hat das Bewusstsein bei vielen Entscheidungen viel weniger zu sagen als das Unbewusste. Diese Erkenntnis ist nicht unbedingt neu, auch wenn sich die Gehirnforschung in den letzten Jahren verstärkt mit dem Thema beschäftigt. Doch schon der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, wies darauf hin, dass wir Menschen nicht allein vom Bewusstsein gesteuert werden. Unsere Entscheidungen und damit auch unser Handeln würden – so Freud – sehr stark vom Unbewussten beeinflusst. Freud lehnte sich mit dieser These zu seiner Zeit weit aus dem Fenster, denn das Ideal der westlichen Welt war seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert ein anderes: Demnach war der Mensch ein Verstandeswesen. Anders als ein Tier verfügte der Mensch über Bewusstsein und einen freien Willen. Zu Freuds Zeiten waren seine Thesen noch nicht messbar, mittlerweile sieht das anders aus. Die Gehirnforschung kann heute das Gehirn sozusagen beim Denken beobachten. Heute weiß man, dass tatsächlich nur ein kleiner Teil aller Vorgänge im Gehirn ins Bewusstsein vordringt. Das meiste, das uns beschäftigt, regelt das Gehirn über unbewusste Vorgänge. Laienhaft (ich bin nun mal leider kein Neurowissenschaftler) gesagt, passiert bei einer anstehenden Entscheidung Folgendes: Die Entscheidung wird unbewusst eingeschätzt. Dafür ist das limbische System zuständig. Das limbische System ist ein Teil des Gehirns, das an unseren emotionalen Vorgängen beteiligt ist und in dem die Erfahrungen, die jeder Einzelne im Laufe seines Lebens gemacht hat, abgespeichert sind. Dieser Teil – unser emotionales Erfahrungsgedächtnis – wird bei Entscheidungen aktiv, indem es in Millisekunden unbewusst abgleicht, ob wir schon einmal ähnliche Entscheidungen gefällt haben. Ähnliche Fälle aus der Vergangenheit werden dann daraufhin untersucht, ob die gemachten Erfahrungen positiv oder negativ waren. An dieser Stelle fällt das Unbewusste eine Entscheidung, und erst an diesem Punkt kommt das Frontalhirn mit seinen geistigen Fähigkeiten wie Analysieren, Denken, Planen ins Spiel. Nun kommt es zum Austausch zwischen den emotionalen und rationalen Hirnregionen, wobei der unbewusste, emotionale Teil – laut Wissenschaft – dominanter sein soll. Das wird selbst ernannten Kopf-Menschen nicht gefallen, aber in der Tat ist es wohl so, dass wir die allermeisten Entscheidungen aus dem Bauch heraus fällen und sie anschließend mit rationalen Erklärungen untermauern.

So gesehen sind wir alle Bauch- und zugleich Kopf-Menschen. Aber uns unterscheidet, dass die einen einfach zu ihrer Intuition stehen und den Kampf zwischen Bauch und Kopf nicht (mehr) führen, die anderen immer wieder die umständlichen Umwege über den Kopf gehen. Was uns eint, sind die Bestrebungen, gute Entscheidungen fällen zu wollen, und das Unvermögen, jederzeit den richtigen Weg zu finden. Glücklicherweise gibt es viele Wege zu Ihrer inneren Stimme. In diesem Buch habe ich einige aufgewiesen. Immer mit dem Hintergedanken, dass uns unsere Entscheidungen in allererster Linie glücklich machen sollen. Probieren Sie es aus. Auch als Kopf-Mensch. Vertrauen Sie Ihrer Intuition. Oder den Worten des Direktors des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Gerd Gigerenzer: »Ein Bauchgefühl ist weder eine Laune noch ein sechster Sinn noch Hellseherei. Es ist eine Form von unbewusster Intelligenz. Die Annahme, Intelligenz sei notwendigerweise bewusst und überlegt, ist ein Riesenirrtum« (»Kopf oder Bauch«, Focus 47/2018, S. 84).

Was ist ein »Kopf-Mensch«?

Sind Sie ein »Kopf-Mensch«? Ich bin einer, und das ist gut so. Wenn Sie sich so wie ich dazu bekennen, werden Sie vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Kopf-Mensch zu sein; gilt als … wie drücke ich es aus … »schwierig«. Wir finden uns in einer Schublade wieder, auf der »verkopft« steht, und gelten als behindert: Es fehle uns der Zugang zum Herzen, wir seien unfähig, unsere Gefühle zu spüren, und Empathie sei für uns ein Fremdwort. Kopf-Mensch zu sein wird als Problem dargestellt, aber auf jeden Fall als weniger erstrebenswert, als ein Herz-Mensch zu sein.

Kopf-Mensch zu sein erfordert Selbstbewusstsein. Den Herz-Menschen gehört die Bühne. Sie sind die Helden im Zirkus der romantisierten, von Sehnsüchten und inneren Schmachtvideos verzerrten Scheinwirklichkeit. Selten bekommt ein Kopf-Mensch Applaus, schon gar nicht in den Möchtegernrealitäten, die uns RTL II, Frau im Spiegel oder Parship verkaufen. Kopf-Mensch zu sein wird dann mit einem Gefühlsnotstand assoziiert, so als müsse man sich zwischen Kopf oder Herz/Bauch entscheiden.

Selbstredend sind solcherlei stereotype Charaktereinteilungen Unsinn. Kopfgesteuerte Menschen haben vermutlich den gleichen Zugang zu ihrer Gefühlswelt wie alle anderen. Wie gut dieser Zugang funktioniert, wird normal verteilt sein: Manche Kopf-Menschen leben tatsächlich ohne Fähigkeit zu fühlen, was wir als Krankheitsbild einstufen müssen, aber die allermeisten werden die gleichen emotionalen Fähigkeiten haben wie die sogenannten Herz-Menschen.

Aber es gibt einen Unterschied, und auf den kommt es an: Kopf-Menschen besitzen tendenziell eher die Fähigkeit, selbst in emotionalen Situationen analytisch zu denken, und so eben auch in schwierigen Entscheidungssituationen. Sie sind in der Lage, trotz einer spontanen, intuitiven und damit blitzschnellen Eingebung einen Schritt zurückzutreten, um dem analytischen Denken etwas Zeit zu geben, zu wirken. Wenn das gelingt, schaffen es Kopf-Menschen, beide Aspekte, Verstand und Herz, an einer Entscheidung teilhaben zu lassen. Die Wahrscheinlichkeit, eine gute und richtige Entscheidung zu treffen, steigt. So betrachtet ist es ein Gewinn, den Kopf walten zu lassen, anstatt lediglich »auf seinen Bauch zu hören«.

Ich halte die mediale Dominanz der Herz-Menschen für ein temporäres Phänomen. Nach den Nachkriegsjahren, den Jahrzehnten des Wachstums, des Dinge-Anschaffens und des Primats des Konsums (ist diese Zeit eigentlich schon vorbei?) wenden wir uns nun der Welt der Emotionen zu: Gefühle werden nicht nur hoffähig, sie zu haben wird zum Zeichen persönlicher Entwicklung, zu einem Signal nach außen: »Ich bin weiter als ihr!« Das ist als Gesellschaftstrend erfreulich, es wirkt wie eine Befreiung, und vermutlich müssen wir eine Übertreibung akzeptieren. Doch am Ende wird sich das richtige Maß durchsetzen. Dann werden wir ganzheitliche Entscheidungsmuster beherrschen, mindestens aber das Zusammenspiel beider Wege zu schätzen gelernt haben.

Denken ist nicht einfach nur »nachdenken«

Aber da sind wir noch nicht. Darum möchte ich mich an einer Beschreibung des kopfgesteuerten Entscheiders versuchen. Das ist nicht so schwer, geht aber über die plumpe Vermutung, dass der Kopf-Mensch einfach nur »nachdenkt«, weit hinaus. Wichtig scheint mir im Vorfeld anzumerken, dass es bei keiner der nachfolgend beschriebenen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten ein Ja oder Nein gibt, sondern dass sie immer graduell erscheinen: ein bisschen hiervon, etwas mehr davon. Es sind Tendenzen, so wie es immer Luftfeuchte und immer Wärme gibt, am Südpol sehr wenig von beidem, in Wuppertal etwas mehr und im Amazonasbecken sehr viel.

»Kopfgesteuert« zu sein heißt in der Tat, nachzudenken. Aber eben differenziert. Was heißt das im Einzelnen?

1. Denken als Automatismus

Stellt sich ein Entscheidungsproblem, springt das Gehirn an. Natürlich gibt es auch Emotionen, aber dann stellt sich die Frage: »Und nun? Wie gehe ich mit dem Problem um?« Es ist die Fähigkeit des Kopf-Menschen, sich die Zeit zu geben, nachzudenken, zu analysieren, abzuwägen, Bewusstheit und Methodik zuzulassen.

2. Denkmuster statt Zufälligkeiten

Das Erfassen einer Aufgabe (hier: eine Entscheidung zu treffen) führt zu der Überlegung, wie sie gelöst werden kann. Der bewussten Erkenntnis folgt die Analytik und dieser folgt die Methodik. Dann ist es eine Frage des Intellekts und der Methodenkenntnis, eine prima Entscheidung zu treffen.

3. Denken in den Kategorien »Nutzen« und »Kosten«

Klar, dieser Punkt ist das Einfallstor für Kritik am Kopf-Menschen: »Muss denn alles nützlich sein?« »Muss alles einen Preis haben?« Die Antwort auf beide Fragen ist: Ja! Es gibt keine Ausnahme! Ein Gepard jagt die Gazelle nur, wenn es ihm nützlich erscheint. Er hat auch nur für wenige Verfolgungen Kraft, also muss er abwägen. Macht er das bewusst, als Entscheidung nach einem analytischen Gedankenprozess? Vermutlich nicht, weil er Erfahrung hat. Er hat schon viele Jagden erlebt, erfolgreiche wie nicht erfolgreiche, aber trotzdem wird sein Entscheidungssystem in den Kategorien »Kosten« (Aufwand der Verfolgung) und »Nutzen« arbeiten.

4. Denken als Suche nach Ursache-Wirkungs-Beziehungen

Kopf-Menschen überlegen, welche Handlung/Unterlassung welche Wirkung hat. Ein »es findet sich« ist für sie unbefriedigend und nur akzeptabel, wenn sich keine Wirkketten finden lassen. Das ist nicht tragisch, es ist eine Konsequenz, die sich z. B. aus einer arg komplexen Zukunft ergeben kann. Doch eine Selbstverständlichkeit, nachgerade ein Automatismus, ist die Frage: Was passiert, wenn …?

5. Denken, um etablierte Methoden zu nutzen

Jede Entscheidung benötigt eine Prognose. Immer müssen wir einen Blick in die Zukunft werfen, um abschätzen zu können, welche Folgen unsere Entscheidung haben kann. Jedenfalls immer dann, wenn uns die Folgen interessieren. Wenn nicht, dürfen wir würfeln oder andere an unserer Stelle entscheiden lassen. So ein Blick in die Zukunft ist schwierig. Intuition hilft selten weiter. Was wir benötigen, ist ein Rezept, eine Anleitung, eine Methode, die uns hilft, mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit die Auswirkung unserer Entscheidung in der Zukunft abschätzen zu können. Je mehr Methoden wir kennen, desto besser. Mehr Methoden zu beherrschen heißt, auf mehr Herausforderungen reagieren zu können. Kopf-Menschen stehen auf Methoden. Sie schätzen die Struktur und die bewährte Klarheit der Abläufe, die ihnen helfen, nichts zu vergessen, sich vor kognitiven Verzerrungen und vor Manipulationen zu schützen.

6. Denken, um bewusst mit Intuition umzugehen

Intuition ist eine feine Sache. Sie ist schnell, sie hilft in Zeiten der Unsicherheit und bei mangelnden Informationen. Intuition muss aber Wurzeln haben. Zwei Voraussetzungen machen eine Intuition zu einem belastbaren Ratgeber: Erfahrung und eine stabile Umwelt. Der Gepard vertraut seiner Intuition (in diesem Falle nicht von Instinkt zu unterscheiden), denn er hat schon viele Gazellen gejagt und die Savanne ist immer die gleiche, aber der unsterblich verliebte Teenie sollte seiner Intuition misstrauen, auch wenn sich die erste Liebe anfühlt wie die eine, die ein Leben lang hält, denn er hat keine Beziehungserfahrung und die Umwelt erscheint rosarot, ist aber ganz gewiss nicht stabil. Das Hinterfragen von Intuition und das Prüfen ihrer Substanz bewahrt den Kopf-Menschen davor, falschen Vorstellungen nachzulaufen.

7. Denken, um bewusst mit Wahrnehmungsverzerrungen umzugehen

In den letzten Jahren gab es eine Renaissance der Erkenntnis, dass die Wahrnehmung von Wirklichkeit den persönlichen und individuellen Kognitionsfilter passieren muss. Zahlreiche Mechanismen verfälschen, was uns wie Wirklichkeit erscheint. Wir hören nur das, was wir hören wollen, überschätzen uns selbst, blicken überoptimistisch in die Zukunft und halten uns selbst für objektive Beobachter. Das Wissen darüber, wie trügerisch unsere Wahrnehmung ist, ist alt, aber wir mögen es nicht. In letzter Konsequenz bedeutet es, dass wir uns selbst nicht trauen dürfen, aber wem denn dann? Kopf-Menschen akzeptieren, dass ihre Wahrnehmung fehlerhaft ist. Zumindest sollten sie sich der Gefahr bewusst sein und sich sagen: »Es könnte alles auch anders sein.« Interessanterweise ist aber zu beobachten, dass ein wenig Kenntnis der Materie den Verzerrungseffekt eher befeuert: Lediglich Kahnemans wunderbares Buch »Schnelles Denken, langsames Denken« gelesen zu haben, führt dann dazu, von sich selbst anzunehmen, ein besserer Mensch und gegen die Gefahren kognitiver Verzerrungen gewappnet zu sein. Das ist Unsinn. Ich selbst beschäftige mich seit vielen Jahren mit dieser Materie. Und immer wieder muss ich über mich selbst den Kopf schütteln, wenn ich schon wieder in eine dieser Wahrnehmungsfallen getappt bin.

8. Denken, um bewusst mit Manipulation umzugehen

Dieser Aspekt ist dem obigen ähnlich. Manipulationen sind gewünschte Beeinflussungen unter der Bedingung, dass der Beeinflusste die Ursache seiner Entscheidung nicht erkennt. Gute Manipulationen spielen sich auf einer tiefenpsychologischen Ebene ab und werden als solche nicht erkannt (Experten mögen mir diese unpräzise Definition verzeihen). Es bedarf einer Art Checkliste, um sie detektieren zu können. Es bedarf Übung und Fachkenntnisse, Muster zu erkennen, die auf Manipulation hindeuten. Bei einer Entscheidung zunächst einmal nachzudenken, also den Kopf einzuschalten, ist die Voraussetzung dafür, denn das Herz ist Einflüsterungen schutzlos ausgeliefert.

Diese Muster scheinen sehr überzeugend zu sein. Aber was ist dann mit Emotionen? Wie passen Aspekte in dieses Bild, die uns Menschen von einem Computer oder einem Tier unterscheiden? Was ist z. B. mit »Mitgefühl«, einer wichtigen Fähigkeit, die Sozialgemeinschaften ermöglicht? Was ist mit Liebe, mit Trauer, mit Hoffnung? Wir wissen, dass auch Tiere zu solchen Gefühlen fähig sind. Nein, eigentlich wissen wir das nicht, denn wir können nur beobachten, und dann erleben wir das Verhalten oder Handeln von Tieren so, wie auch wir nach gleichartigen Erlebnissen handeln oder uns verhalten würden. Die Analogie begründet die Annahme emotionaler Kohärenz. Aber ist die Trauer des Hundes um seinen verstorbenen Herren nicht auch die Trauer um ein bekanntes Lebensumfeld, um die Gewissheit eines regelmäßig gefüllten Fressnapfes oder um die Sicherheit des Dominanzgefüges? Dann wäre Trauer Ausdruck eines erlittenen Verlustes. Kosten eben.

Kopf-Menschen erleben das wie alle anderen Menschen auch. Kopf-Menschen fühlen wie alle anderen. »Verkopft« zu sein bedeutet jedoch, andere Bewertungs- und Entscheidungsmuster zu haben: Erst nachdenken. Was soll daran verkehrt sein?

In den folgenden Kapiteln, in denen wir Menschen mit Entscheidungssituationen konfrontieren, werde ich die oben dargestellten Aspekte immer wieder anführen. So wird für jedes Entscheidungsproblem mindestens eine Methode vorgestellt, die im Kontext der jeweiligen Herausforderung die Qualität der Entscheidung verbessern kann.

Die 10 wichtigsten Entscheidungen des Lebens

1. Entscheidung

Die Berufswahl

Finn (18) hat gerade ein sehr gutes Abitur gemacht. Sein Vater ist Notar mit eigener, gut gehender Kanzlei. Er wünscht sich, dass Finn diese eines Tages übernimmt. Doch Finn ist unsicher. Auf der einen Seite hat er sich an den gewissen Wohlstand, mit dem er groß geworden ist, gewöhnt. Auf der anderen Seite schlägt sein Herz für soziale Projekte. So engagiert sich der 18-Jährige in der Flüchtlingshilfe. Soll Finn Jura studieren, um seinen Vater nicht zu enttäuschen und um sich seinen gehobenen Lebensstil auch zukünftig finanzieren zu können, oder soll Finn seine sozialen Interessen zum Beruf machen und Sozialwissenschaften studieren?

Wie kommt Finn zu einer Entscheidung? Welchen Weg soll er einschlagen?

Was rät der Kopf?

Die Wahl des Berufs ist vielleicht die erste große Lebensentscheidung junger Menschen. Sie steht am Anfang des 40, 50 Jahre dauernden Erwerbslebens. Sie ist elementar wichtig, denn sie ist mitentscheidend für das Lebensglück, die persönliche und soziale Entwicklung und nicht zuletzt für das Einkommen. Es ist eine Entscheidung, die auf den Träumen der Jugend fußt, ohne nennenswerte Lebenserfahrung, aber mit dem Blick auf ein Leben, das sich noch hinter einem Spiegel verbirgt. So nimmt es nicht wunder, dass sich Berufswünsche mit dem Erwachsenwerden ändern: von »Prinzessin« über »Tierärztin« zu »irgendetwas mit Menschen« – und der Prozess endet dann häufig bei »Verwaltungsfachangestellte im mittleren Dienst«. Wo gehen sie hin, unsere Träume?

Erfreulich ist, dass der alleinige Zweck eines Berufs schon lange nicht mehr ist, Geld für die Familie anzuschaffen. Er darf nun auch Spaß machen und darf dem Leben einen Sinn geben. Damit haben alte Modelle an Bedeutung verloren, die ohne Rücksicht auf Talente und Interessen den zuverlässigen Broterwerb in den Mittelpunkt rückten. Ich spiele natürlich mit Blick auf Finns Situation auf den traditionellen Mechanismus der Berufsnachfolge an: Dem Vater folgt der Sohn. Dem Steiger folgt der Sohn in den Stollen und dem Herrn Notar folgt der Sohn in die Kanzlei.

Gänzlich ausgedient hat dieses Muster aber nicht. Zuweilen ist eine Weitergabe des Berufs an die Kinder sinnvoll. Insbesondere bei kapitalintensiver Geschäftsausstattung eines Familienbetriebs oder bei langfristigem Aufbau eines Kundenstamms kann es ökonomisch nützlich sein, den Eltern beruflich zu folgen. Manchmal reden wir dann despektierlich davon, dass sich der Nachfolger »ins gemachte Nest setzt«, aber er folgt einem vernünftigen Kalkül. Wäre Finns Entscheidung also ausschließlich von dem Ziel bestimmt, gut und sicher Geld zu verdienen, wäre klar, dass er Jura studieren und den Klientenstamm seines Vaters übernehmen sollte.

Aber so einfach ist es hier nicht. Finn ist »zerrissen« von seinem Herzenswunsch einerseits und der empfundenen Verpflichtung seiner Familie, speziell seinem Vater gegenüber, andererseits.

Raus auf die grüne Wiese gehen

Aus dieser von Emotionen dominierten Lage muss Finn erst einmal raus. Er muss auf die »grüne Wiese«. So nennen wir Ökonomen einen virtuellen leeren Entscheidungsraum, aus dem Vorbelastungen, Erwartungen und Ängste ausgekehrt sind. Dann kann Finn eine unbelastete Berufswahl treffen, dann wird sein Blick frei sein für die »üblichen« Aspekte. Ich habe mich einmal an einer – zugegeben noch unvollständigen – Sammlung dieser Aspekte versucht:

Verdienstmöglichkeiten, vor allem nach einigen wenigen Berufsjahren, wenn die Phase des Familienaufbaus beginntpersönliches Talent und intellektuelles Potenzialvermuteter »Spaß« an der Arbeit, was immer das auch seiregionale Flexibilität, sodass der Beruf auch an anderen Orten ausgeübt werden kann Unabhängigkeit von einem Arbeitgeber vor Ort (Minenbetrieb, ortsansässiger Großarbeitgeber)Flexibilität hinsichtlich der Spezialisierung während und nach der Ausbildung vermuteter zukünftiger Bedarf an Personen der betreffenden Berufsgruppe und damit Schutz vor Arbeitslosigkeit Weiterbildungsmöglichkeitenkörperliche BeanspruchungArbeitszeiten

Diese Aspekte im Blick, wird jeder – nicht nur Finn – schnell zu einer »Shortlist« infrage kommender Berufe gelangen; ein Berufsberater hilft.

Den Zielkonflikt lösen: Geld oder Spaß?

Doch irgendwann tauchen Zielkonflikte auf. Der wichtigste:

Darf man einen Beruf wählen, der zwar Spaß macht, aber wenig einbringt?

Davon gibt es sehr viele: Mediendesigner, Erzieher, Altenpfleger, Zahnarzthelfer, alles ehrenwerte und wichtige Berufe, deren Gehalt aber kaum ausreicht, um eine Familie zu ernähren. Doch das ist nicht Finns Problem. Für ihn stellt sich möglicherweise die umgekehrte Frage:

Darf man einen Beruf wählen, der viel einbringt, aber wenig Spaß verspricht?

Möglicherweise! Tatsächlich wissen wir nicht, ob Finn den Beruf des Juristen unterhaltsam findet oder nicht, und sollten auch nicht mit Unterstellungen arbeiten. Was wissen wir überhaupt über Finn?

Über seinen Intellekt wissen wir nichts. Unterstellen wir, dass er ein schlaues Kerlchen ist und das Zeug hätte, sowohl ein guter Jurist als auch ein guter Sozialarbeiter zu werden.

Finanziell ist die Familie gut aufgestellt. Ein Studium zu finanzieren wäre wohl kein Problem. Allerdings kennt Finn nicht die Ausgabebereitschaft seines Vaters, wenn er nicht Jura, sondern Sozialwissenschaft studierte.

Finn mag einen Weltverbesserungsantrieb haben, aber ein Träumer wird er nicht sein. Ihm ist wohl klar, dass er als Jurist später mehr Geld verdienen könnte. Und er hat sich an den Wohlstand gewöhnt. Inwiefern er ihn für eine Selbstverständlichkeit hält und darum die Mühen, ihn zu erhalten, unterschätzt, wissen wir nicht. Aber mit Flüchtlingen umzugehen, dürfte ihn erden. Trauen wir ihm zu, dass er den Nutzen von Geld kennt und dass ihm bewusst ist, später als Sozialarbeiter auf Dinge verzichten zu müssen, die heute in seiner Familie selbstverständlich sind.

Nun wäre es leicht, Finn zuzuraten, seinen Interessen nachzugehen und das zu tun, wovon er glaubt, dass es sein Leben erfüllt. Denn ist das nicht der Punkt, auf den es ankommt? Wir verbringen einen Großteil unseres Lebens mit Erwerbsarbeit und gesegnet ist derjenige, dem seine Arbeit Freude macht. Was gibt es hier zu überlegen? Ist die Entscheidung, Sozialwissenschaft zu studieren, keine Selbstverständlichkeit? Nein, denn die Krux ist: Keine Arbeit der Welt macht immer Freude! Zwei Dynamiken wirken, die der Arbeit und die unserer Einstellung zu dieser.

Einen Blick in die Zukunft werfen

Fangen wir bei der ersten an: Arbeit verändert sich. Die Umfeldbedingungen, die Gestaltungsmöglichkeiten, das Kollegenumfeld, die Maschinerie oder die Bedingungen, alles ist im Fluss. Das gilt auch für Sozialarbeiter: Sie sind abhängig von Ressourcen, die ihnen zur Verfügung gestellt werden. Menschen zu helfen wird dann zu einer Budgetfrage. Ihre Arbeitgeber legen die Schwerpunkte und Ziele fest, und das oft nach unklaren, für die Sozialarbeiter »an der Front« nicht nachvollziehbaren Kriterien. Desillusionierung und Enttäuschung ob der Ausstattung des Arbeitsumfelds werden zum Alltag, der Mangel nagt an der Motivation.