Küss mich später - Carly Phillips - E-Book

Küss mich später E-Book

Carly Phillips

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Beschreibung

Wer sagt, dass Liebe ohne Risiko ist?

Als sein Vater an Krebs erkrankt, kehrt Mike Marsden zurück nach Serendipity. Bisher hat Mike als verdeckter Ermittler in Manhattan ein rastloses Leben ohne feste Bindungen geführt. Auch die Begegnung mit seiner neuen Kollegin Cara bildet zunächst keine Ausnahme, und die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre ohne große Erwartungen. Doch allmählich erkennen sie, dass sie sich perfekt ergänzen und tiefere Gefühle füreinander entwickeln …

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CARLY PHILLIPS

Küss mich

später

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Ursula C. Sturm

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe PERFECT FIT erschien 2013 bei The Berkley Publishing Group, New York

Vollständige deutsche Erstausgabe 01/2014

Copyright © 2012 by Karen Drogin

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

unter Verwendung von © STOCK4B Creative/Getty Images

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-11388-9

www.heyne.de

Kapitel 1

Perfektion wird echt überbewertet, dachte Mike Marsden, als er sich dem Haus näherte, in dem er aufgewachsen war. Er kam gerade rechtzeitig zum Abendessen, genau wie jeden Sonntag, seit er vor einem knappen Monat wieder nach Serendipity gezogen war. Das sonntägliche Abendessen bei seinen Eltern war eine Pflichtveranstaltung, an der auch seine Geschwister stets teilnahmen. Ihrer Mutter schlug niemand einen Wunsch ab. Ella Marsden freute sich riesig darüber, dass ihr Sohn nach gut sechs Jahren wieder in seine kleine Heimatstadt im Staat New York zurückgekehrt war. Mike dagegen war alles andere als erfreut, wieder hier zu sein.

Er schob die Hände in die Taschen seiner Lederjacke und betrachtete das zweistöckige Häuschen mit der weißen Holzverschalung, den blauen Fensterläden und den farblich passenden Rahmen. Es befand sich in einer ruhigen Wohngegend und war klein, aber sehr gepflegt. Sowohl innen als auch außen herrschten Ordnung, Sauberkeit und Makellosigkeit, genau wie damals, als er nach Atlantic City geflüchtet war. Vielleicht fühlte er sich deshalb so unwohl in seiner Haut – Perfektion machte ihn einfach irgendwie kribbelig. So war das seit jeher gewesen. Er hatte seinen Eltern immer alles recht machen wollen, und doch hatte er ihre Geduld nur allzu oft auf die Probe gestellt.

Seine Lehrer hatten von einer »Störung der Impulskontrolle« gesprochen, er selbst machte seine Gene dafür verantwortlich. Monotonie war ihm ein Graus – das galt sowohl für das Leben in seiner kleinen Heimatstadt als auch für Beziehungen und die Arbeit. Mikes Adoptivvater Simon Marsden war der Polizeichef von Serendipity, seine Halbschwester Erin war als stellvertretende Bezirksstaatsanwältin tätig, sein Halbbruder Sam hatte sich ein Beispiel am Vater genommen und gehörte ebenfalls der Polizei von Serendipity an.

Und Mike? Ihm gefiel das Leben, für das er sich entschieden hatte. Er hatte sich als Undercover-Cop in New York City einen Namen gemacht und war bekannt dafür, dass er ganz gern die Grenzen der Vorschriften ausreizte, statt sich strikt daran zu halten. Und er sorgte dafür, dass er seinem Job, den Frauen und selbst seinen Freunden jederzeit den Rücken kehren konnte, wenn er mal wieder das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. So wie damals, als er sich nach Atlantic City abgesetzt hatte, weil eine Frau seine Absichten falsch interpretiert und zu viel von ihm erwartet hatte. Tja, das würde ihm garantiert nie wieder passieren. Er würde die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, denn inzwischen wusste er, dass er erblich vorbelastet war und es nirgends lange aushielt.

Und doch war er jetzt hier, in diesem Nest, um seinen Vater zu vertreten, bis dieser den Kampf gegen den Krebs gewonnen hatte. Den Ärzten zufolge war Simons Erkrankung heilbar, und Mike war wild entschlossen, ihnen zu glauben. Nach Serendipity zu kommen war das Mindeste, was er für den Mann tun konnte, der ihn großgezogen hatte und dabei keinen Unterschied zwischen ihm und seinen leiblichen Kindern gemacht hatte, und das, obwohl Mike es nicht immer verdient hatte. Mikes Aufenthalt hier war also nur von begrenzter Dauer – bis Simon wieder auf dem Damm war –, anderenfalls hätte Mike wohl nicht eingewilligt herzukommen.

Er klopfte an die Tür und trat ein, und als ihm der appetitliche Duft des Schmorbratens in die Nase stieg, den seine Mutter zubereitet hatte, knurrte ihm unwillkürlich der Magen.

»Bist du’s, Michael?«, rief Ella Marsden aus der Küche. Früher war er überzeugt gewesen, sie müsse über hellseherische Kräfte verfügen, weil sie stets erraten hatte, wer gerade gekommen war. Inzwischen war ihm klar, dass sie aufgrund langjähriger Erfahrung wusste, welches ihrer drei Kinder zu früh, zu spät oder pünktlich eintrudelte.

»Ja, ich bin’s«, rief er und bückte sich, um dem neuen Hund seiner Eltern den Kopf zu tätscheln. Er konnte noch immer nicht fassen, dass sie das kleine weiße Fellknäuel, das aussah wie ein Staubwedel, ausgerechnet Kojak getauft hatten.

»Komm her und lass dich drücken«, befahl Ella, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen, dabei hatte sie erst gestern auf einen Sprung in seinem Büro vorbeigeschaut.

Er grinste und merkte, wie die Anspannung in seinen verkrampften Schultern etwas nachließ. Beim freundlichen Klang ihrer Stimme und den tröstlichen Gerüchen in seinem Elternhaus fiel wie üblich die Verunsicherung, die ihn bei dem bloßen Gedanken an Perfektion überkam, von ihm ab. »Komm mit, Kleiner, wir gehen Mom begrüßen.« Er begab sich mit Kojak an seiner Seite in die Küche. Unterwegs passierte er die Tür zum Wohnzimmer, wo sein Vater schnarchend auf seinem Lehnstuhl lag. Mike weckte ihn nicht, wohl wissend, dass er seinen Schlaf brauchte. Der Flachbildfernseher, den Mike und seine Geschwister ihren Eltern im Vorjahr zu Weihnachten spendiert hatten, war eingeschaltet, es lief ein Footballspiel.

»Hey, Mom.« Er betrat die Küche und umarmte seine Mutter. Dann drehte er sich zu dem riesigen Topf um, der auf dem Herd stand. »Hier riecht es ja lecker.« Er hob den Deckel an, bekam von Ella jedoch sogleich mit dem Kochlöffel einen Klaps auf die Finger. »Aua!«

»Finger weg!« Sie grinste und wedelte drohend mit dem Holzlöffel.

Trotz Simons Erkrankung hatte sie es geschafft, sich ihre Fröhlichkeit zu erhalten, und falls ihre strahlende Haut von ein paar zusätzlichen Falten durchzogen war, so tat dies ihrer Attraktivität keinen Abbruch. Das lockige rotbraune Haar, das ihr Gesicht umrahmte, betonte noch zusätzlich ihr jugendliches Aussehen, selbst wenn die Farbe inzwischen regelmäßig künstlich aufgefrischt wurde.

»Hey, Leute!«, tönte es vom Flur.

»Hey, Erin«, rief Mike, dann fiel ihm sein Vater wieder ein, und er zog schuldbewusst den Kopf ein.

Erin kam mit einer Kuchenschachtel in der Hand in die Küche. »Dad pennt«, beruhigte sie ihn. »Der würde nicht mal aufwachen, wenn hier eine Blasmusikkapelle durchmarschierte.«

»Ich hab ihm vorhin eine Schmerztablette gegeben, weil er Rückenschmerzen hatte«, berichtete Ella.

Mike schluckte den Kloß hinunter, den er prompt im Hals hatte. Seinen alten Herrn warf so bald nichts um. Er würde wieder gesund werden. »Was für einen Kuchen hast du mitgebracht?«

»Dads Lieblingskuchen, Angel Cake.«

Natürlich. Erin war seit jeher ein Musterkind gewesen, das stets ohne Aufforderung das Richtige tat. Mike dagegen schaffte es mit Mühe und Not, rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, wenn er eingeladen war. Von einem Mitbringsel konnten seine Gastgeber nur träumen.

Seine Schwester stellte die Schachtel mit dem hellen Biskuitkuchen auf der Anrichte ab. »Hi, Mom.« Sie gab ihrer Mutter einen Schmatz auf die Wange, dann drehte sie sich grinsend zu Mike um und umarmte ihn. »Tag, großer Bruder.«

»Tag, Nervensäge.«

Sie boxte ihn mit dem Ellbogen in die Rippen. »Idiot.«

»Frechdachs.«

»Schluss damit«, rügte Ella sie, als wären sie kleine Kinder, und Erin lachte.

»Alte Gewohnheit.« Sie schüttelte den Kopf und lächelte. Erin war eine perfekte Mischung aus beiden Eltern – sie hatte die rotbraunen Haare ihrer Mutter geerbt und dazu die haselnussbraunen Augen ihres Vaters, in denen nun der Schalk aufblitzte. »Wo steckt Sam?«, wollte sie wissen.

»Er ist noch nicht da.« Ella warf einen Blick auf die Uhr am Herd und runzelte die Stirn. »Sieht ihm gar nicht ähnlich, dass er zu spät kommt. Vielleicht wurde er aufgehalten. Oder hat er heute Spätschicht?« Sie sah zu Mike, der ja nun Sams Boss war.

»Nicht, dass ich wüsste. Es sei denn, er hat mit jemandem getauscht.«

»Tja, dann setzen wir uns doch und warten auf ihn, damit euer Vater noch ein bisschen schlafen kann.« Ella deutete auf den Küchentisch, und sie nahmen Platz, auf denselben Stühlen, auf denen sie schon als Kinder gegessen hatten.

»Wie geht es Dad?«, erkundigte sich Erin. »Er hatte Schmerzen, hast du gesagt?«

Ella nickte. »Man wollte eigentlich noch mit der Bestrahlung warten, aber der Arzt meinte, eventuell fangen sie doch schon diese Woche damit an. Das hilft gegen die Schmerzen, und der Tumor bildet sich zurück. Auf die Chemo spricht er ganz gut an, und sein Kampfgeist ist bewundernswert«, berichtete sie sichtlich stolz.

»Und wie geht es dir?« Mike griff nach ihrer Hand.

Sie winkte sogleich ab. »Bestens. Ich bin schließlich nicht diejenige, die Krebs hat.«

Mike warf seiner Schwester einen vielsagenden Blick zu. Ihre Mutter benahm sich, als wäre sie eine Art Superwoman und kam ihren Aufgaben stets ohne Klage nach. Die personifizierte Perfektion eben, dachte Mike. Aber auch sie musste erschöpft sein. Er öffnete den Mund, um sie daran zu erinnern, dass auch sie gelegentlich eine Pause benötigte, doch Erin bedeutete ihm mit einem Kopfschütteln, es bleiben zu lassen.

Er gab sich geschlagen, aber irgendwann, das wusste er, musste sich seine Mutter zur Abwechslung auch mal unter die Arme greifen lassen.

Das Telefon klingelte, und Ella erhob sich.

»Setz sie nicht unter Druck. Sie braucht das Gefühl, gebraucht zu werden«, flüsterte Erin ihrem Bruder zu, während Ella zum Telefon ging. »Ich komme einmal die Woche vorbei und leiste Dad Gesellschaft, damit sie zum Friseur gehen kann, und Sam hat versprochen, diese Woche mal einen Nachmittag lang mit Dad Schach zu spielen. Sie bekommt genügend Pausen.«

»Warum habt ihr mich nicht eingeplant?«, fragte er und ärgerte sich über den gereizten Klang seiner Stimme. Die Tatsache, dass er selbst nicht auf die Idee gekommen war, seiner Mutter zur Hand zu gehen, gab ihm das Gefühl, egoistisch und nachlässig zu sein. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass seine Geschwister die besseren Menschen waren als er. Ganz was Neues.

»Wir dachten, du bist vollauf damit beschäftigt, Dads Posten zu übernehmen und dich einzuarbeiten«, erwiderte Erin.

»Ich bin längst eingearbeitet, schließlich bin ich seit einem Monat hier. Jetzt kommt es nur noch darauf an, ob meine Arbeitsweise akzeptiert wird oder nicht.« Er hätte sich gern die Zeit genommen, seiner Mutter zu helfen, und wollte das auch gerade kundtun, doch in diesem Moment kam Ella zurück.

Als er sah, wie blass sie geworden war, sprang er auf.

»Ist etwas passiert?«, fragte er und legte ihr einen Arm um die Schultern.

Erin trat ebenfalls sogleich zu ihr. »Was ist los, Mom?«

»Das war Cara. Sam hatte einen Unfall.«

Mike bugsierte seine Mutter zum nächstbesten Stuhl. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. »Was denn für einen Unfall?«

»Sie sagte, er ist mit dem Auto gegen einen Baum gefahren. Man hat ihn ins University Hospital gebracht.«

»Cara war bei ihm?« Cara ging oft mit Sam auf Streife. Die beiden hatten heute zwar nicht gemeinsam im Dienstplan gestanden, aber es überraschte ihn nicht, dass sie trotzdem zusammen unterwegs gewesen waren. Cara und Sam waren das beste Beispiel dafür, dass Männer und Frauen sehr wohl »einfach nur Freunde« sein konnten.

Cara und Mike dagegen würden niemals »einfach nur Freunde« sein, das wusste Mike, denn Cara wollte ihm nach einem explosiven One-Night-Stand vor drei Monaten nicht mehr aus dem Kopf gehen. »Und? Geht es ihnen gut?«

»Cara scheint unverletzt zu sein, und Sam wird gerade untersucht«, berichtete Ella.

Mike schluckte schwer, als er sah, dass sie zitterte. Seine Mutter war eine starke Frau, die so schnell nichts aus der Bahn warf. Aber nach den Schicksalsschlägen der letzten Zeit war es kein Wunder, dass ihr Nervenkostüm jetzt doch etwas angegriffen war.

»Ich muss ins Krankenhaus, aber ich kann Simon nicht allein lassen. Und mitnehmen kann ich ihn noch viel weniger. Der Stress wäre zu viel für ihn, ganz zu schweigen von der Ansteckungsgefahr.«

Endlich gab es auch für Mike eine Möglichkeit, sich einzubringen. »Ich fahre hin«, sagte er mit einem Seitenblick zu seiner Schwester.

Diese nickte. »Und ich bleibe mit Mom hier bei Dad.«

»Nein«, widersprach Ella. »Du begleitest Mike, damit er nicht allein ist.«

Mike fiel sogleich eine Lösung ein. »Weißt du was? Ich bitte Tante Louisa vorbeizukommen«, sagte er. Ellas Schwester lebte ebenfalls in Serendipity und wohnte nur ein paar Straßen entfernt.

»Ich weiß nicht recht. Ich möchte ihr nicht zur Last fallen.«

Doch Erin hatte bereits den Telefonhörer in der Hand und begann zu wählen, den Protesten ihrer Mutter zum Trotz.

Ein paar Minuten später war ihre Tante bereits auf dem Weg, während Mike und Erin ins Krankenhaus fuhren.

Cara Hartley ging nervös im Korridor vor der Notaufnahme auf und ab, während sie auf Neuigkeiten von den Ärzten wartete. Seine Familie sollte eigentlich auch bald eintreffen. In Anbetracht von Simons angeschlagenem Zustand war schwer zu sagen, wer genau kommen würde, aber sie ging davon aus, dass Mike auf jeden Fall mit von der Partie sein würde. So locker er nach außen hin wirkte, wenn es um seinen Job oder seine Familie ging, war er ein Alphamännchen, wie es im Buche stand.

Allerdings bestimmte er auch im Schlafzimmer ganz gern, wo es langging, wie sie aus Erfahrung wusste. Sie schauderte bei der Erinnerung an die unglaubliche Nacht vor ein paar Monaten, als Mike übers Wochenende in Serendipity gewesen war, um seinem Vater einen Besuch abzustatten. Mike war mit Sam in Joe’s Bar aufgekreuzt und hatte mit Cara geflirtet und ihr ein paar Drinks ausgegeben. Hinterher hatte er sie zum Wagen gebracht und vorgeschlagen, noch mit ihr nach Hause zu fahren, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte sie auch schon eingewilligt. Sie waren im Bett gelandet, und es war phänomenal gewesen. Mike hatte Dinge mit ihr angestellt, die seitdem so einige ihrer heißesten Fantasien geschürt hatten.

»Dr. Nussbaum, Apparat 53 bitte. Dr. Nussbaum, 53«, tönte eine Stimme aus den Lautsprechern des Klinikgebäudes und riss Cara jäh aus ihren Gedanken.

Die sinnlichen Erinnerungen waren zwar eine angenehme Ablenkung von ihrer Sorge um Sam gewesen, doch jetzt durfte sie nicht mehr an den Mann denken, der mittlerweile ihr Boss war. Damals hatte er ihre Welt vollkommen auf den Kopf gestellt, aber seit seiner Rückkehr hatte er den Vorfall nicht mehr erwähnt. Zugegeben, sie hatte das Thema ebenfalls nicht mehr angeschnitten, aber es kränkte sie in ihrem weiblichen Stolz, dass er so gar keinen Unterschied zwischen ihr und den anderen Angehörigen der örtlichen Polizei machte. Selbst wenn sie allein waren, verhielt er sich ihr gegenüber stets kurz angebunden und businesslike.

Und wenn er jetzt kam, würde er bestimmt wissen wollen, warum Sam und sie auf der Route 80 unterwegs gewesen waren. Sie hatten am Stadtrand von Serendipity Nachforschungen zu einem ungeklärten Kriminalfall angestellt, mit dessen Klärung sie Mike zwar selbst beauftragt hatte, doch nun hatte sich unversehens herauskristallisiert, dass die Ergebnisse ihrer Recherchen Mike persönlich betrafen. Aber sie konnte ihn davon nicht in Kenntnis setzen, ohne vorher noch einmal mit Sam Rücksprache zu halten, Interimspolizeichef hin oder her. Blieb nur zu hoffen, dass Mike nicht nachbohren würde. Wenn sie mit guten Neuigkeiten über Sams Gesundheitszustand aufwarten konnte, würde er sich vielleicht gar nicht dafür interessieren, wo sie gewesen waren und warum.

Die Eingangstür schwang auf, und Cara erhaschte einen Blick auf Mike, dessen dunkles Haar länger war, als es sich für einen Cop ziemte. Seine Bikerjacke verlieh ihm ein verwegenes Aussehen. Im Dienst musste er Anzug und Krawatte tragen, wenn Besprechungen anberaumt waren, aber Cara wusste, sein lässiger Jeans- und Leder-Look war ihm hundertmal lieber als seine Bürokluft.

Er stürmte in die Lobby und steuerte geradewegs auf sie zu, dicht gefolgt von seiner Schwester.

»Wie geht es Sam?«, fragte Erin.

»Was zum Teufel ist passiert?«, schnauzte Mike Cara an.

Sie richtete sich kerzengerade auf, was bei ihrer Größe von gerade mal einem Meter sechzig nicht allzu viel nützte, zumal Mike fast einen Meter achtzig groß war. »Wir hatten einen Unfall, Boss.«

»Weißt du schon was von Sam?«, wollte Erin wissen.

Cara schüttelte den Kopf. »Nein, aber er war bei Bewusstsein, als er eingeliefert wurde.«

Mike musterte sie aufmerksam. »Laut Dienstplan wart ihr heute aber gar nicht gemeinsam im Einsatz.«

Beim Blick in seine schokoladenbraunen Augen fragte sich Cara, wie es möglich war, dass sein Blick, den sie vor drei Monaten noch so sexy gefunden hatte, heute so eiskalt und furchteinflößend wirkte. »Wie dir vielleicht schon aufgefallen ist, trage ich keine Uniform. Sam und ich waren privat unterwegs. War ja schließlich ein schöner Tag heute«, sagte sie und schämte sich dabei für ihre Lüge.

Erin stieß ihren Bruder mit dem Ellbogen an. »Hey, Cara ist nicht im Dienst, du kannst dir den steifen Ton also schenken. Außerdem gehört sie praktisch zur Familie und ist genauso besorgt um Sam wie wir.«

Erin war gleich alt wie Cara und hatte in der Schule sogar derselben Clique angehört, aber sie waren keine besonders dicken Freundinnen gewesen. Der ein Jahr ältere Sam hatte damals ebenfalls bereits zu Caras engerem Bekanntenkreis gehört, und als sie beide in den Polizeidienst eingetreten waren, hatte sich daraus eine intensive Freundschaft entwickelt. Seither war Cara mehr oder weniger ein Familienmitglied der Marsdens. Aber das war lange vor Mikes Rückkehr nach Serendipity gewesen.

Erin trat zu Cara und schloss sie in die Arme. »Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.«

Cara nickte benommen. »Danke. Ich hab mich ganz schön erschreckt«, sagte sie und gestand sich damit zum ersten Mal selbst ihre Angst ein. Sie trat einen Schritt zurück. Plötzlich fror sie und wünschte, sie hätte eine dickere Jacke dabei.

»Du zitterst ja«, stellte Erin fest. »Und du hast einen Bluterguss auf der Wange.«

»Vom Airbag vermutlich«, murmelte Cara.

»Hat man dich untersucht?«, fragte Mike. Beim Klang seiner tiefen, rauen Stimme ging erneut ein Schaudern durch Caras Körper – eines, das rein gar nichts mit dem Unfall zu tun hatte.

»Ja, die Sanitäter haben mir noch am Unfallort grünes Licht gegeben. Ich schätze, ich habe bloß einen leichten Schock.«

Mike legte die Stirn in Falten. »Setzen wir uns.« Er nahm sie am Ellbogen und führte sie zu einem Stuhl an der Wand, ohne ihre Einwilligung abzuwarten.

Cara, die noch ziemlich weiche Knie hatte, ließ es geschehen. Erin nahm auf der gegenüberliegenden Seite Platz, Mike ließ sich neben Cara nieder. Er war so nah, dass ihr der würzige Duft seines Rasierwassers in die Nase stieg und eine Hitzewelle durch ihren Körper sandte. Sie verdrängte den Gedanken daran.

»Was ist denn genau passiert?«, fragte Erin leise.

»Sam saß am Steuer, alles war bestens, und dann hat er sich plötzlich aus heiterem Himmel vor Schmerz gekrümmt.« Seltsamerweise tat es Cara gut, über den Vorfall zu sprechen und ihn auf diese Weise ein wenig zu verarbeiten. »Ich habe noch versucht, das Lenkrad herumzureißen, aber ich hab’s nicht geschafft – und dann sind wir auch schon gegen den Baum gekracht.«

Sie atmete tief durch, um sich ein wenig zu sammeln, ehe sie fortfuhr. »Auf meiner Seite hat sich der Airbag geöffnet, bei Sam nicht. Sein Kopf ist auf das Lenkrad geknallt …« Cara verzog das Gesicht, hatte sie doch das grauenhafte Geräusch noch allzu gut im Ohr. »Bei der Kollision mit dem Baum wurde vor allem die Fahrerseite in Mitleidenschaft gezogen. Ich konnte mich selbst befreien und die Rettung rufen. Tja, und hier sind wir jetzt.«

Sie ballte die Fäuste so fest, dass sich ihre Fingernägel ins Fleisch bohrten.

»Nicht.« Mike ergriff ihre Hände und öffnete sie sanft.

Sie zuckte bei der Berührung zusammen, als hätte man ihr einen Stromstoß verpasst, den sie in ihrem gesamten Körper spüren konnte. Erstaunt hob sie den Kopf und sah in seinen Augen, dass er genauso verblüfft war wie sie.

Mike zog hastig die Hände zurück und stand auf. »Wo bleiben denn die verdammten Ärzte? Ich will wissen, wie es Sam geht!«

Erin erhob sich ebenfalls und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es kommt bestimmt gleich jemand.« Wie auf ein Stichwort sagte jemand hinter ihnen: »Hallo, Cara!«

»Alexa!« Cara sprang auf und drehte sich zu einer bildhübschen jungen Frau um, deren rotbraunes Haar zu einem Knoten zusammengebunden war. Dr. Alexa Collins war eine ihrer engsten Freundinnen und die diensthabende Ärztin.

»Wie geht es ihm?«, fragten Sams Geschwister wie aus einem Mund.

»Sein Zustand ist stabil. Sams Schmerzen während der Fahrt waren auf eine akute Appendizitis zurückzuführen.« Sie sah zu Cara. »Hat er heute nicht über Bauchweh geklagt?«

Cara überlegte und schüttelte dann den Kopf.

Alexa runzelte die Stirn. »Dann hat dieser Sturschädel es wohl einfach ignoriert oder dir bewusst verschwiegen. Eine Blinddarmentzündung macht sich nämlich durch anhaltende Schmerzen bemerkbar.« Sie kannte Sam ganz augenscheinlich genauso gut wie Cara. »Tja, jedenfalls wird der Blinddarm jetzt entfernt, und sofern es bei der Operation keine Komplikationen gibt, sollte er bald wieder wohlauf sein. Zum Glück hat er bei dem Unfall keine lebensbedrohlichen Verletzungen davongetragen. Er hat lediglich eine Prellung vom Aufprall auf das Lenkrad.« Sie schenkte Erin, Mike und Cara ein beruhigendes Lächeln. »Ich geh dann mal wieder rein. Ich gebe Bescheid, wenn er im Aufwachraum ist und ihr zu ihm könnt.«

»Danke.« Erin atmete erleichtert auf. »Ich rufe gleich Mom und Dad an.« Sie eilte nach draußen, wo die Benutzung von Mobiltelefonen gestattet und der Empfang besser war.

»Danke, Alexa«, sagte auch Cara.

Alexa lächelte. »Ich bin selbst froh, dass ich einigermaßen gute Neuigkeiten für euch hatte. Und ich kann es kaum erwarten, Sam die Leviten zu lesen, weil er wegen der Schmerzen nichts gesagt hat. Er muss etwas gespürt haben.«

»Ich kann dir gern dabei behilflich sein«, brummte Mike. »Danke für alles.«

Alexa nickte. »Wie gesagt, ihr hört von mir.« Damit ließ sie Cara und Mike allein zurück.

Nun, da die Anspannung von ihr abgefallen war, fühlte sich Cara mit einem Mal erschöpft. »Ich hole mir einen Kaffee. Willst du auch einen?«, fragte sie die hünenhafte schweigsame Gestalt, die neben ihr stand.

»Nein danke.«

Sie zuckte die Achseln. »Dann eben nicht.« Der kurze Augenblick der Vertrautheit war verflogen, und sie fühlte sich unwohl in ihrer Haut, nun, da sich wieder dieselbe seltsame Verlegenheit zwischen ihnen breitmachte wie seit dem Tag seiner Rückkehr vor einem Monat.

Cara wandte sich um und ging zur Tür.

»Cara …«

Sie wirbelte herum. »Ja?«

»Danke. Dafür, dass du die Rettung gerufen und dafür gesorgt hast, dass Sam sofort ins Krankenhaus gebracht wurde.«

Es war keine Entschuldigung für seinen rüden Tonfall vorhin, aber immerhin. Wenn er sich so kühl und unnahbar gab, kam es ihr manchmal so vor, als hätte sie die spektakulärste Nacht ihres Lebens nur geträumt. Doch nein, sie hatte es wirklich erlebt – er war mit ihr im Bett gewesen, unter ihr, über ihr, tief in ihr. Ihr wurde heiß, als sie an die Innigkeit dachte, die damals zwischen ihnen geherrscht hatte. Diese Erinnerung und die Leidenschaft, die sie vorhin in seinen Augen hatte aufblitzen sehen, überzeugten sie, dass sie nicht verrückt war. Er hatte damals genauso viel empfunden wie sie, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen wollte.

Seine Entscheidung, so zu tun, als wäre das alles nie geschehen, bewies ihr, dass er nichts von ihr wollte. Er schien ja noch nicht einmal an einer Wiederholung jener heißen Nacht interessiert zu sein. All das bestätigte nur, was Sam ihr gesagt hatte, ehe sie damals mit seinem Bruder die Bar verlassen hatte. Er hatte sie gewarnt vor Mike, für den nichts im Leben von Dauer war, hatte sie daran erinnert, wie es Mikes Exfreundin Tiffany Marks ergangen war. Ganz Serendipity wusste, dass Tiffany bereits die einzige Kirche der Stadt für einen Hochzeitstermin hatte buchen wollen, weil sie überzeugt gewesen war, dass Mike ihr einen Antrag machen würde. Stattdessen war er nach Atlantic City abgehauen und hatte ihr das Herz gebrochen.

Als sich Cara mit Mike eingelassen hatte, war ihr all das durchaus klar gewesen. Sie wusste, dass er es nie lange an einem Ort aushielt, während sie selbst im Herzen ein typisches Kleinstadtmädchen mit Kleinstadtambitionen war. Sie würde bleiben, während er, der Bulle aus der Big City, den Job als Polizeichef von Serendipity schon bald wieder abgeben und weiterziehen würde. Wenn sie sich noch einmal mit ihm einließ, würde er zweifellos auch ihr das Herz brechen, aber er machte ohnehin keine Anstalten in diese Richtung.

Und doch … Wenn er es täte, käme sie glatt in Versuchung. Sie war wirklich unverbesserlich. Cara schüttelte den Kopf, um die Gedanken an den Mann, der ganz offensichtlich kein Interesse an ihr hatte, zu verscheuchen. Im Gegensatz zu ihrer Mutter gehörte sie nicht zu den Frauen, die den Männern nachliefen oder sich ausnutzen ließen. Die ungesunden Machtverhältnisse, die in der freudlosen Ehe ihrer Eltern herrschten, waren für Cara ein abschreckendes Beispiel, dem sie nicht nachzueifern gedachte.

Mit diesem Vorsatz im Hinterkopf machte sie sich auf den Weg zum Kaffeeautomaten.

Mike hatte massenhaft Kriminelle und Drogendealer zur Strecke gebracht, für die so viel auf dem Spiel gestanden hatte, dass sie ihn ohne zu zögern kaltgemacht hätten, um ihre geheimen Machenschaften zu kaschieren. Vor keinem von ihnen hatte er sich gefürchtet. Wie zum Teufel konnte es dann sein, dass er in der Gegenwart einer zierlichen Frau mit azurblauen Augen Nervenflattern bekam? Sein Bruder würde wieder gesund werden, darauf musste er sich nun konzentrieren – und die Tatsache verdrängen, dass ihm ganz flau im Magen geworden war, als Cara, die Polizistin, die stets alles unter Kontrolle hatte, gestern wie ein Häufchen Elend auf einem Stuhl im Krankenhauskorridor gehockt hatte. Der Anblick hatte ihn jäh daran erinnert, dass sie auch eine zerbrechliche, weibliche Seite hatte. Als wüsste er das nicht schon längst.

Nach der gestrigen Begegnung hatte sich Mike geschworen, dass er sich – mal abgesehen von beruflichen Kontakten – tunlichst von ihr fernhalten würde. Er hatte sogar gedacht, es würde ihm leichtfallen. Ein Irrtum, wie er nun erkannte, als er seinen Bruder besuchen wollte.

Wie es aussah, hatte Cara auf dem Weg zur Arbeit ebenfalls einen Zwischenstopp in der Klinik eingelegt, denn als Mike sich dem Zimmer näherte, in dem Sam untergebracht war, konnte er schon von Weitem ihr Lachen hören.

Am liebsten hätte er gleich wieder kehrtgemacht, aber er war kein Feigling, also legte er entschlossen die Hand auf den Türgriff, öffnete und trat ein.

»Also hör mal, nur weil du dich nach Aufmerksamkeit sehnst, musst du doch nicht gleich den nächstbesten Baum umfahren«, sagte er anstelle einer Begrüßung, als er zu Sam ans Bett trat.

Sam wirkte blass, und sein hellbraunes Haar war zerzaust und stand ihm in sämtlichen Richtungen vom Kopf ab, aber er grinste. »Für wie blöd hältst du mich denn?«

»Tja, die Taktik ist nicht schlecht – die Krankenschwestern stehen vor seiner Zimmertür Schlange«, bemerkte Cara zu Mike gewandt und erhob sich. Sie wirkte sehr professionell in ihrer blauen Uniform.

»Dann lass ich euch mal allein. Ich muss ohnehin los, die Arbeit ruft.« Sie bedeutete Mike, auf dem Stuhl neben dem Bett Platz zu nehmen, auf dem sie gesessen hatte.

»Wegen mir musst du nicht gehen«, winkte Mike ab. »Und ich bin sicher, dein Boss drückt ein Auge zu, wenn du ein paar Minuten später kommst.«

Cara schürzte die Lippen. »Da wär ich mir nicht so sicher. Er kann ein ziemlicher Kotzbrocken sein, wenn er will.«

Sam prustete los, dann kniff er die Augen zu und verzog vor Schmerz das Gesicht.

»Entschuldige.« Cara beugte sich über ihn und legte ihm eine Hand auf die Wange. »Geht’s wieder?«

Sam nickte. »Vielleicht solltest du echt besser gehen. Wenn ich euch beiden noch länger zuhören muss, platzen garantiert meine frischen Nähte.« Er sah von Cara zu Mike und zurück.

Mike registrierte mit gerunzelter Stirn, dass Cara noch immer die Hand an das Gesicht seines Bruders geschmiegt hatte. »Ich bin ihr Boss«, erinnerte er Sam. »Habe ich da nicht ein Minimum an Respekt verdient?«

»Nur, wenn du im Dienst bist, großer Bruder.« Sam sah aus, als müsste er gleich wieder losprusten, doch er riss sich am Riemen.

Cara schüttelte grinsend den Kopf und ließ die Hand sinken.

Wie es aussah, hatte sie beschlossen, Mike das Leben schwerzumachen, wenn sie nicht im Dienst war. Mit ihrem vorlauten Mundwerk hatte sie ihn schon bei seiner Stippvisite vor ein paar Monaten erheitert, und er fand ihre Seitenhiebe nach wie vor amüsant. Das konnte ihm noch zum Verhängnis werden.

»Ich geh ja schon«, grummelte Cara. »Ich komme dann nach meiner Schicht noch mal vorbei. Benimm dich gefälligst«, ermahnte sie ihn mit erhobenem Zeigefinger. »Und hör auf das, was die Schwestern sagen.«

»Bringst du mir einen Burger aus unserem Lieblingsrestaurant mit?«, fragte Sam.

Cara schnaubte belustigt. »Nur wenn die Ärzte mir grünes Licht geben.« Sie sah zu Mike, der ganz hin und weg war von den beiden Grübchen, die sich bei jedem Lächeln auf ihren Wangen zeigten.

Verdammt. Wie konnte sie professionell, süß und sexy zugleich wirken? Er hatte im Laufe der Jahre schon mit unzähligen Frauen zusammengearbeitet, aber keine von ihnen hatte eine derart anziehende Wirkung auf ihn ausgeübt. Nicht umsonst achtete er sonst immer darauf, Beruf und Privatleben streng voneinander zu trennen. Das machte es einfacher, wieder einmal alles hinter sich zu lassen.

»Wer ist mit ihr unterwegs, solange ich außer Gefecht gesetzt bin?«, wollte Sam wissen.

Eigentlich hatte Mike seine Belegschaft im Rahmen einer Besprechung in der kommenden Woche darüber informieren wollen, dass er vorhatte, die Dienstpläne zu überarbeiten und die Außendienstpolizisten künftig einzeln auf Streife zu schicken. Serendipity war zwar eine kleine Stadt, aber es gab auch nur eine begrenzte Anzahl von Polizisten. Wozu also jeweils zwei zusammenspannen, wenn sie im Alleingang ein größeres Gebiet abdecken konnten? Doch mit dieser Ankündigung würde er nun warten, bis Sam wieder einsatzbereit war.

»Ich habe sie mit Dare eingeteilt«, sagte Mike, damit Cara schon mal Bescheid wusste.

Sie musterte ihn überrascht. »Danke. Dare und ich sind ein gutes Team.«

Hatte sie ihm wirklich zugetraut, er würde sie nach allem, was sie gestern durchgemacht hatte, absichtlich zum Dienst mit einem Partner verdonnern, mit dem nicht gut Kirschen essen war?

»Spar dir die spannenden Fälle auf, bis ich wieder fit bin, ja?«, sagte Sam. Es klang seltsam ernst.

Cara sah ihn an. »Das weißt du doch.«

Es klang wie ein Versprechen. Mike blickte von seinem Bruder zu Cara, die schon an der Tür stand und sich die Nackenmuskeln massierte.

»Bist du auch wirklich sicher, dass du heute einsatzbereit bist?«, fragte er. »Keine Schmerzen, kein Verdacht auf ein Schleudertrauma oder Ähnliches?«

»Nö, alles bestens. Ich bin zäher, als ich aussehe. Und definitiv zäher als mein Partner.« Sie zwinkerte Sam zu, blickte ein letztes Mal flüchtig zu Mike, dann machte sie sich vom Acker und ließ die beiden Brüder allein.

»So, hinsetzen«, befahl Sam. Sein strenger Tonfall ließ nicht darauf schließen, dass er der Jüngere war und in einem Krankenhausbett lag.

Mike kam der Aufforderung nach, weil er seinem gesundheitlich angeschlagenen Bruder keinen Grund liefern wollte, sich aufzuregen. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was gibt’s?«

»Was läuft da zwischen dir und Cara?«, erkundigte sich Sam.

»Nichts.«

»Du hast noch nicht mit ihr geredet, oder? Über das, was zwischen euch passiert ist, meine ich.« Sams Stimme klang heiser, seine Kehle war wie ausgetrocknet.

Mike reichte ihm ein Glas Wasser, das auf einem Tablett stand. »Es hat sich noch keine Gelegenheit dazu ergeben.«

Sam trank und ließ das Glas sinken. »Du meinst wohl, sie hat es noch nicht aufs Tapet gebracht, und du wirst dich hüten, es zu tun.«

»Warum zum Geier müssen wir das ausgerechnet jetzt diskutieren, wo du im Krankenhaus liegst? Du hättest das Thema doch schon vor Wochen anschneiden können.« Oder am besten gar nicht, dachte Mike.

»Weil du jetzt gezwungen bist, mir zuzuhören.« Sam grinste, wohl wissend, dass er recht hatte.

»Die ganze Sache geht dich einen feuchten Kehricht an«, erwiderte Mike abwehrend, den Blick stur auf die weiß getünchte Krankenhauswand gerichtet. Aber was, wenn … »Hat Cara irgendetwas zu dir gesagt … wegen uns?« Das Wort kam ihm nur schwer über die Lippen.

»Nein. Sie weiß, dass sie von dir nichts zu erwarten hat«, brummte Sam.

»Gut.« Mike atmete erleichtert auf.

Das hätte ihm noch gefehlt, dass sich eine Frau, mit der er geschlafen hatte und deren Chef er nun war, irgendwelche Hoffnungen machte. Er schauderte allein bei der Vorstellung. Es kostete ihn auch so bereits genügend Überwindung, hierzubleiben und sich auf seine Tätigkeit zu konzentrieren. Und dann noch die Sorge um seinen alten Herrn …

»Gut?«, wiederholte Sam und ballte unwillkürlich die Fäuste.

Wenn es um Cara ging, war sein Beschützerinstinkt unheimlich ausgeprägt. Auch deshalb war es ein Fehler gewesen, mit ihr zu schlafen, das war Mike mittlerweile klar.

Und doch hätte er nichts dagegen gehabt, denselben Fehler noch einmal zu machen. Wobei es sich damals ganz und gar nicht wie ein Fehler angefühlt hatte.

»Hör zu, Mike. Nur weil sie das weiß, bedeutet das noch lange nicht, dass sie es okay findet, wenn du die Angelegenheit einfach totschweigst. War es denn wirklich so verdammt schlimm, Herrgott nochmal?«

»Nein, es war so verdammt gut. Können wir es dabei belassen?«, blaffte Mike seinen Bruder an.

Sam grinste und sagte: »Gestatte mir noch eine Frage, ja? Was würdest du tun, wenn jemand mit Erin so umspringen würde wie du mit Cara?«

»Ich würde ihm ordentlich den Arsch versohlen«, antwortete Mike, für den seine Schwester immer noch ein unschuldiges junges Ding war, ihren siebenundzwanzig Jahren zum Trotz.

Der vielsagende und auch enttäuschte Blick seines Bruders versetzte Mike einen Stich. Er lief feuerrot an vor Verlegenheit. Okay, dachte er beschämt, ich sollte wohl doch mit Cara reden.

»Der Punkt geht an dich«, räumte er ein. »Aber ich werde trotzdem nicht mit dir über Cara reden.«

»Gut so, ich will nämlich gar keine Details hören. Ich wollte nur sichergehen, dass du auch den richtigen Blickwinkel hast.« Sam deutete auf das Glas, und Mike schenkte ihm Wasser nach. »Außerdem gehe ich mal davon aus, dass es ohnehin nicht lange dauern wird, bis ihr zwei euren Trieben nachgebt und wieder miteinander im Bett landet.«

Damit hatte er vermutlich recht und erinnerte Mike an das, was ihm vorhin schon durch den Kopf gegangen war: Sosehr er auch versuchte, es zu ignorieren oder zu überspielen, Cara reizte ihn wie keine andere Frau, und das machte sie zu einer Gefahr, gegen die jeder Kriminalfall und jeder mögliche Verdächtige harmlos war. Er konnte die Tatsachen nicht länger unter den Teppich kehren, so viel war klar. Dass Gefühle aber auch gleich so konkret werden mussten, wenn man erst einmal darüber gesprochen hatte!

Nein, keine Gefühle, dachte Mike und schüttelte heftig den Kopf. Es waren keine Gefühle im Spiel. Das mit Cara war lediglich Sex gewesen. Leidenschaftlicher, heißer Sex. Viel heißer, als er es je bis zu jener Nacht erlebt hatte …

Höchste Zeit für einen Themenwechsel. »Wie fühlst du dich denn heute?«, fragte er seinen Bruder.

Sam verzog das Gesicht. »Als müsste mein Schädel jeden Moment explodieren. Und mein Bauch ist total aufgebläht und tut scheußlich weh.«

Mike nickte verständnisvoll. »Du brauchst Ruhe. Ich werde den Leuten auf dem Revier sagen, dass sie sich ihre Krankenbesuche noch ein, zwei Tage verkneifen sollen.«

»Danke, ich weiß es zu schätzen.« Sam gähnte. »In ein paar Tagen bin ich hier sowieso raus.«

»Soll ich, solange du noch nicht wieder arbeiten kannst, bei dir einziehen, um dich ein wenig zu versorgen?«, fragte Mike, der für die Zeit seines Aufenthaltes das winzige Apartment über Joe’s Bar gemietet hatte. Er brauchte nicht viel Platz, und außerdem war es ja nur vorübergehend. Sam dagegen hatte sich bereits ein Häuschen mit Garten in Serendipity gekauft, wie es sich für einen richtigen Marsden gehörte.

»Lass mal. Cara hat mir schon das Gästezimmer in ihrer neuen Wohnung angeboten.«

Mike verdrängte die Eifersucht, die bei diesen Worten urplötzlich in ihm aufflackerte, denn sie war total albern und entbehrte jeder Grundlage – Sam und Cara waren Partner und gute Freunde, weiter nichts. Und selbst wenn da mehr zwischen ihnen gewesen wäre, hatte Mike ja nicht vor, wieder mit Cara anzubandeln. Also, wo lag das Problem?

»Das ist aber nett von ihr«, zwang er sich zu sagen.

»Ja … Ich werd das Angebot wohl annehmen«, nuschelte Sam. Er wirkte zusehends groggy.

»Hey, hast du etwa aufs Knöpfchen gedrückt, ohne dass ich es bemerkt habe?« Mike deutete auf den Tropf mit dem Analgetikum, an dem sein Bruder hing. Der Infusionsschlauch war mit einem Knopf versehen, mit dem der Patient die Dosis selbst regulieren konnte.

Sam nickte und grinste matt. »Jep. Binnen Sekunden schmerzfrei, mein Lieber.«

Mike verdrehte die Augen. Zeit für einen Abgang. Er stemmte sich mit einer Hand vom Bett hoch und erhob sich. »Schlaf dich aus. Ich komme nach Feierabend noch mal vorbei. Ach ja, Mom lässt dich grüßen, sie wollen dir gegen Mittag einen Besuch abstatten.«

»Okay. Sie waren gestern am späteren Abend kurz hier, aber da war ich schon ziemlich weggetreten.«

»Egal, sie haben bestimmt besser geschlafen, nachdem sie sich persönlich davon überzeugt hatten, dass du noch lebst.«

Sam antwortete nicht – er war bereits eingedöst. Mike schüttelte den Kopf und ging hinaus. Jetzt brauchte er erst einmal einen Kaffee, und dann würde er sich gleich in die Arbeit stürzen. Und er nahm sich fest vor, mit Cara zu reden.

Kapitel 2

Der Vormittag gestaltete sich recht kurzweilig. An der Main Street brauste ein verbeulter Trans Am über eine Kreuzung, ohne das Stoppschild zu beachten, sodass sich Cara und Dare gezwungen sahen, den Fahrer im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verkehr zu ziehen. Es handelte sich um einen Teenager, der eigentlich noch gar nicht ohne erwachsenen Begleiter hinters Steuer durfte. Seine aufmüpfige Art und die Tatsache, dass er ganz offensichtlich die Schule schwänzte, trugen nicht unbedingt dazu bei, die beiden Ordnungshüter milde zu stimmen. Sie verpassten ihm einen Strafzettel und eskortierten ihn zur Schule, dann setzten sie ihre Kontrollfahrt im Stadtzentrum fort.

»Hoffentlich ist Tess ein bisschen vernünftiger, wenn sie erst fahren darf«, murmelte Dare.

»Die Tatsache, dass einer ihrer Brüder ein Cop ist, hält sie bestimmt davon ab, sich wie eine Indy-Car-Rennfahrerin aufzuführen«, beruhigte Cara ihn lachend. »Aber wie ich Tess kenne, wird sie dir trotzdem noch so manch schlaflose Nacht bescheren.«

Dares fünfzehnjährige Halbschwester Tess lebte mit Dares ältestem Bruder Ethan und dessen Frau in einer Villa am Stadtrand, die zu den Wahrzeichen von Serendipity gehörte. Die gesamte Familie hatte stets ein wachsames Auge auf Tess, die vor ihrer Ankunft in Serendipity ein ziemlich bewegtes Leben geführt hatte. Dass Nash, der mittlere Barron-Bruder ausgerechnet Kelly Moss, die Schwester seiner Halbschwester geheiratet hatte, war ein pikantes Detail am Rande, über das sich Tratschmäuler der Stadt ebenfalls gern das Maul zerrissen.

»Ich hoffe nur, Ethan kauft ihr nicht sofort einen rassigen Sportwagen«, sagte Dare.

Cara schüttelte den Kopf. »Das glaube ich kaum, wo er doch so verantwortungsbewusst ist.« Auf seinen ungläubigen Blick hin fügte sie hinzu: »Na, inzwischen ist er doch wirklich sehr verantwortungsbewusst, nicht?«

Über Ethans Vergangenheit wusste jeder in Serendipity Bescheid. Seine Eltern waren bei einem Autounfall, verursacht durch einen betrunkenen Fahrer, ums Leben gekommen, worauf der damals achtzehnjährige Ethan der Stadt den Rücken gekehrt hatte. Dare und Nash waren allein zurückgeblieben und bei Pflegeeltern aufgewachsen. Vergangenes Jahr war Ethan dann plötzlich wieder aufgetaucht – wohlhabender, als es ihm je irgendjemand zugetraut hätte, und wild entschlossen, sich mit seinen Brüdern zu versöhnen.

»Außerdem hat er ja jetzt Faith«, erinnerte Cara ihren Kollegen. »Ich an deiner Stelle würde mir um Tess wirklich keine Sorgen machen. Sie ist in guten Händen.«

Dare grinste. »Ja, das ist sie. Und bislang hat sie ja auch keinen Ärger gemacht.«

»Kaffee?« Cara deutete auf das Cuppa Café, das einzige Lokal der Stadt, in dem man einen ordentlichen Kaffee bekam.

»Gute Idee.«

Also lenkte Cara den Wagen auf einen leeren Parkplatz vor dem Coffee Shop. Sie begaben sich gemeinsam an den Tresen, bestellten einen schwarzen Kaffee für Dare und einen Latte macchiato mit fettarmer Milch für Cara, bezahlten und wandten sich zum Gehen. Als Dare die Tür öffnete, kam ihnen die neue Bürgermeisterin von Serendipity entgegen, die mit ihren blauen Augen, den pechschwarzen Haaren und dem maßgeschneiderten Kostüm wie immer eine äußerst attraktive Erscheinung abgab. »Vielen Dank, Officer Barron.«

Dare nickte ihr freundlich zu. »Ma’am.«

Felicia Flynn war nicht nur das jüngste Stadtoberhaupt, das es je in Serendipity gegeben hatte, sondern auch die erste Frau, die diesen Posten bekleidete, und schon deshalb bewunderte Cara sie. Flynn hatte ein Programm zur Korruptionsbekämpfung initiiert und gelobt, dem Old Boys Network, also der grauen Eminenz und der Vetternwirtschaft, die diese quasi seit Menschengedenken praktizierte, den Garaus zu machen. Auch das fand durchaus Caras Zustimmung.

»Officer Hartley! Sie wollten sich doch bei mir melden.«

Cara rang sich ein Lächeln ab, das eher zu einem Zähnefletschen geriet. Die Bürgermeisterin hatte viele positive Eigenschaften, aber sie war auch eine Kämpfernatur, die es einem mit ihrer unerbittlichen Strenge und Hartnäckigkeit zuweilen schwermachte, sie sympathisch zu finden.

»Sie schulden mir noch Auskünfte über eine Ermittlung.« Flynn musterte Cara tadelnd. »Gehen Sie mir etwa aus dem Weg?«

Cara spürte Dares neugierigen Blick auf sich ruhen und schüttelte den Kopf. »Es gab unvorhergesehene Komplikationen«, erwiderte sie. »Mein Partner liegt nach einem Autounfall mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus, und zu allem Überfluss musste man ihm auch noch den Blinddarm entfernen, deshalb die Verzögerung.« Sie hoffte, die Bürgermeisterin würde sich mit dieser Erklärung zufriedengeben und nicht weiter nachbohren.

Fakt war, dass Cara ihr tatsächlich aus dem Weg zu gehen versucht hatte. Bürgermeisterin Flynn hatte beschlossen, dass alle ungelösten Kriminalfälle neu aufgerollt und geklärt oder endgültig ad acta gelegt werden sollten, und im Zuge dessen hatte sie Cara und Sam den Auftrag erteilt, Nachforschungen zu einem Fall anzustellen, der über dreißig Jahre zurücklag. Es ging dabei um zehntausend Dollar in markierten Scheinen, die in der Asservatenkammer lagen und irgendwie mit dem Winkler-Motel im Outback zwischen Serendipity und Tomlin’s Cove in Zusammenhang standen. Alle Jugendlichen aus der Gegend, die bereits aufgeklärt waren, hatten gewusst, dass dort die Zimmer stundenweise vermietet wurden, und unter den Älteren kursierten Gerüchte, denen zufolge die Betreiber auch die Mädchen dazu vermittelt hatten. Beweise gab es keine, aber es hieß, gewisse Leute auf einflussreichen Posten hätten Bescheid gewusst, aber sämtliche Augen zugedrückt. Was auch immer damals geschehen war, es war längst Geschichte, wie Cara und Sam inzwischen bestätigen konnten. Das Motel war verlassen.

»Wann ist denn der Unfall passiert?«, erkundigte sich die Bürgermeisterin.

»Gestern Abend«, antwortete Cara.

Felicia Flynn nickte, und in ihrem sonst so kühlen Blick lagen Mitgefühl und Verständnis. »Dann bestellen Sie Ihrem Partner doch Grüße von mir und gute Besserung.«