Sherlock Holmes, Sisi und das Erbe des Karl Marx - Klaus-Peter Walter - E-Book

Sherlock Holmes, Sisi und das Erbe des Karl Marx E-Book

Klaus-Peter Walter

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Beschreibung

Auf der Jagd nach den verschollenen Manuskripten des Karl Marx Dr. Edward Aveling, der "Schwiegersohn" des soeben verstorbenen Philosophen Karl Marx, hat einen schlechten Charakter, sonst würde er Band 2 und 3 von Das Kapital nicht als Pfand für seine Verluste beim Glücksspiel hinterlegen. Als er sie auslösen will, hat sich der Gewinner damit bereits aus dem Staub gemacht. Marx' Freund und Genosse Friedrich Engels muss sich sehr überwinden, einen bürgerlichen Detektiv wie Sherlock Holmes mit der Wiederbeschaffung der unersetzlichen Zettelkonvolute zu beauftragen. Die Suche führt nach Meran und Bozen, wo man die Bekanntschaft von Kaiserin Sisi macht, die überraschenderweise eine heimliche Wertschätzung für den Revolutio­när aus Trier hegt. Es entbrennt ein mörderischer Kampf um das Erbe von Karl Marx.

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Klaus-Peter Walter, Dr. phil., geb. 1955 in Michelstadt/Odw., studierte Slawistik, Philososophie und osteuropäische Geschichte in Mainz und promovierte 1983. Er lebt als freier Autor in Bitburg/Eifel. Von 1993 bis 2014 war er Herausgeber des Lexikons der Kriminalliteratur LKL und schrieb neben zahlreichen Kurzgeschichten in diversen Anthologien auch für FAZ, Kindler und Reclam. Seit 2008 schreibt er Sherlock-Holmes-Romane, -Erzählungen und -Hörbücher.

Klaus-Peter Walter

Sherlock Holmes,Sisi und dasErbe des Karl Marx

Aus den Aufzeichnungen vonJohn Hamish Watson, Medical Doctor

Originalausgabe

© 2018 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln

Druck: CPI books, Ebner & Spiegel GmbH, Ulm

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-95441-415-4

E-Book-ISBN 978-3-95441-425-3

Inhalt

Über den Autor

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX: ACKNOWLEDGEMENTS

Kapitel XXI: Verwendete Literatur

Anni und Willifür die vielen wunderbarenMomente der Freundschaft

»Wie Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen entwickelt haben, und aus der sie daher auch erklärt werden müssen – nicht, wie bisher geschehen, umgekehrt.

Damit nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier plötzlich Licht geschaffen.«

Friedrich Engels am Grabe von Karl Marx

I.

Wir hatten unsere Freundschaftsbande noch nicht lange geknüpft und unsere gemeinsamen Räume in der Baker Street noch nicht lange bezogen, als mich einige schwer erträgliche Eigenarten meines Mitbewohners Sherlock Holmes zu ärgern begannen. So blendend organisiert sein Gehirn war, so unerträglich erschien mir seine Unfähigkeit, Ordnung in seinen Siebensachen zu schaffen und zu halten. Dies betraf nicht nur ihn selbst, sondern vor allem seine Bibliothek, die gleichzeitig unsere gemeinsame Bibliothek war und die auf verschiedene Schränke, Regale und Tische in unserem Wohnzimmer verteilt war. Das heißt, einige Dutzend Bände stapelten sich auch in bedenklicher Schräglage neben seinem Bett auf seinem Nachtschränkchen, aber das sei hier nur am Rande vermerkt.

»Eines Tages werden Sie noch im Schlaf von dem umstürzenden Bücherturm erschlagen werden«, warnte ich deshalb besorgt, als ich der absturzgefährdeten Literaturlawine einmal zufällig ansichtig wurde.

»Was kann es Schöneres geben, als sein Leben unter einem Berg von Büchern auszuhauchen?«, erwiderte er gelassen. »Irgendwie habe ich mir das Paradies immer als eine große Bibliothek vorgestellt. Und eigentlich wollte ich auch gar nicht Detektiv werden, sondern Leser.«

»Kein sehr einträgliches Gewerbe, wenn man nicht gerade der oberste Literaturkritiker der Times ist! Trotzdem kenne ich außer Ihnen niemanden, der für Bücher mehr ausgibt als für Kleidung! Vom Essen ganz zu schweigen!«

»Da mögen Sie recht haben! Aber …« Er brach ab, um kritisch, mit hochgezogener rechter Braue, die Zeitschrift zu beäugen, in der ich gerade las. Es war ein illustriertes Journal voller Klatsch- und Tratsch-Geschichten aus der europäischen High Society. Mrs Hudson hatte es mir überlassen, nachdem sie gemerkt hatte, dass ich mich für so etwas mehr interessierte, als sich ein Gentleman anmerken lassen sollte. »Ich wusste gar nicht, dass Sie sich so sehr für den Sittenverfall des europäischen Hochadels interessieren, Watson!«

»Tue ich das?«, fragte ich, Arglosigkeit vortäuschend. Kein Zweifel: Holmes spielte wieder das Spiel Was denkt Doktor Watson?, das mir damals, am Anfang unserer Freundschaft, noch nicht so vertraut war. Heute beherrsche ich es so gut, dass ich es jederzeit mit mir selbst spielen könnte.

»Natürlich tun Sie das, Watson! Sie lasen wie gebannt, vom Text fasziniert und regelrecht gefesselt. Dann fiel Ihr Blick auf die patriotischen Initialen VR, die ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, im Kokain-Rausch in die Wand geschossen habe. Sie schüttelten den Kopf, fassten sich an Ihre Schulter. Dann lächelten Sie und lenkten Ihren Blick wieder in das Journal zurück. Sie dachten also zuerst an unsere verehrte Queen und kamen kopfschüttelnd zu dem Schluss, dass sie niemals solche Dinge tun würde wie die habsburgischen Damen in Österreich. Dann betasteten Sie Ihre Schulter, in der noch immer eine Taliban-Kugel steckt. Zweifellos dachten Sie an die Verteidigung von Gaeta, die Franz II. von Sizilien und seine wackere Gemahlin Königin Marie, heldenhaft bis zum Ende, durchstanden. Und von der handelt, wie wir wissen, der Hauptartikel dieser Hausmädchen-Postille. Habe ich recht?«

»Sie haben wie immer recht, Holmes. Ja, der Artikel Sisis böse kleine Schwester handelt von Marie von Sizilien. Sie ist eine begeisterte Jägerin und besitzt ein Jagdschloss hier in England. Dorthin lud sie auch ihre Schwester Kaiserin Sisi von Österreich ein. Wussten Sie eigentlich, Holmes, dass ich damals die Kaiserin leibhaftig mit eigenen Augen gesehen habe?«

»Und Sie sind nicht spornstreichs erblindet vor Glück?«

»Spotten Sie nur, Holmes, spotten Sie nur! Mein Großonkel Ebenezer hatte mich gegen Ende meiner Studienzeit auf ein längeres Wochenende eingeladen. Ich arbeitete gerade in Edinburgh an meiner Dissertation. Die Abwechslung kam mir gelegen, um auf andere Gedanken zu kommen, und so fuhr ich zu ihm nach London. Sisi weilte ebenfalls gerade hier in England. Sie war auf dem Weg zum Buckingham Palace, wo ihr zu Ehren ein Empfang stattfinden sollte. Ich ging zufällig mit meinem Verwandten die Straße entlang, auf der sie unterwegs war, was ich aber nicht wusste. Verwundert waren wir nur über die vielen Leute, die da in der Sonnenhitze auf wen oder was auch immer warteten. Plötzlich kam Unruhe auf, weil einige offene Kutschen heranbrausten. Sie wären sicher in hohem Tempo an uns vorübergehuscht, hätte es nicht plötzlich eine Verzögerung gegeben. Irgendetwas zwang den Konvoi zum Anhalten. Genau vor uns kam die Kutsche des Prinzen von Wales zum Stehen. Er lächelte, während ihm eine schöne Frau gerade angeregt etwas erzählte. Man könnte sogar sagen, sie tuschelten miteinander. ›Die Kaiserin von Österreich‹, erklärte mir Onkel Ebenezer. ›Sisi.‹«

Ich hatte natürlich von ihr gehört. Sie galt schon damals als eine Art Märchenprinzessin. Als sie bemerkte, dass ich sie direkt anblickte, verbarg sie hastig ihr Gesicht hinter einem Fächer. Obwohl sie sehr schnell war, konnte ich gerade noch ihre grauen, unansehnlichen Zähne erkennen.

»Wenn ich solche Zähne hätte wie die Kaiserin, würde ich sie auch den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen trachten«, sagte ich zu meinem Onkel, doch den interessierte das wenig.

»Mein eitler Watson!«

»Nun ja! Dann setzte sich die Kolonne wieder in Bewegung. Offenbar war das Verkehrshindernis beseitigt. Im nächsten Augenblick waren die Wagen auf und davon.«

»Das war alles?«

»Das Eigentliche stand erst später in den Zeitungen. Es war ein Skandal!«

»Davon weiß ich gar nichts!«

»Es dürfte auch nicht zu den Dingen gehören, die Sie interessieren. Das provokante, despektierliche Betragen der Kaiserin war tagelang wichtigstes Thema selbst der seriösen Blätter. Sie hatte den Unmut von Königin Queen Victoria auf sich gezogen, deren Gehör bekanntlich schon damals mit den Jahren stark nachgelassen hatte. Sisi hatte es gewagt, mit voller Absicht so leise zu ihr zu sprechen, dass sie kaum ein Wort verstanden hatte.«

»Nein gar! So etwas aber auch!«

»Nicht wahr? Aber viel schlimmer war Sisis Konflikt mit ihrer Schwester Marie. Sisi war die weitaus bessere und elegantere Reiterin und obendrein eine famose Jägerin. Füchse und sogar Hirsche! Da war sie ja bei uns in England genau richtig. Marie konnte da nicht mithalten. Aus Verärgerung darüber, dass alle Engländer Sisi statt sie bewunderten, soll Marie Sisis Sohn, dem Kronprinzen Rudolf, erzählt haben, seine Mutter habe ein Verhältnis mit Captain Bay Middleton, dem Vorreiter. Seitdem, so wird erzählt, sprächen die beiden Damen kein Wort mehr miteinander.«

»Nicht auszudenken, was das für den Fortgang der Weltgeschichte bedeutet!«, spottete Holmes.

»Lachen Sie nur! Aber interessant ist es schon! Zudem schadet mein kleines lasterhaftes Interesse an ausländischen Royals niemandem. Aber wo wir gerade bei der Weltgeschichte sind: Ich vermisse eines meiner Bücher. Ein militärmedizinisches Fachbuch. Ganz neu. Dieses Jahr in Edinburgh und London erschienen. Der Verfasser heißt Brown. Dugald Blair Brown. Er diente in derselben Einheit wie ich, nur früher. Etwas älter als ich. Er hat es mir schon vor der Auslieferung geschickt, noch ohne Einband. Außen drauf hat er eine Widmung geschrieben. Es lag hier auf dem Rauchtisch. Jetzt ist es weg. Wissen Sie, wo es geblieben ist?«

»Wie lautet der Titel?«

»Als Oberst-Arzt und Kriegs-Chirurgus in Zulu-Land und Transvaal 1879 und 1881. Wie gesagt, es hat keinen Einband.«

»Ja, der fehlende Einband war es auch, der mir ins Auge stach. Ich nahm es zur Hand blätterte es durch. Eine Illustration erweckte mein besonderes Interesse, und ich begann ein wenig darin zu lesen. Ohne Sie vorher um Erlaubnis zu bitten, wie ich einräumen muss, aber Sie weilten in der Praxis bei Ihren Patienten. Als ich wusste, was ich wissen wollte, schlug ich das Buch zu und legte es wieder irgendwohin.«

»Geht das auch ein bisschen genauer? Wo liegt es denn jetzt?«

»Es kann durchaus sein, dass ich inzwischen das eine oder andere Buch obendrauf gelegt habe. Warten Sie … Es war am Montag voriger Woche, nicht wahr? Sie halfen, Zwillingsbuben auf die Welt zu bringen. An jenem Nachmittag befasste ich mich mit den folkloristischen Elementen in der Schottischen Symphonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Gleich nachdem ich mich mit den Padaung der Shan befasst hatte.«

Nun wusste ich, dass mein Freund sich prinzipiell für alles interessierte. In diesem Fall aber hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach. »Den was?«

»Na, diesen mit Metallringen verlängerten Hälsen der Shan-Frauen. Auch Kayan genannt.«

»Die Hälse?«

»Nein, die Frauen. Der Tai-Stamm der Kayan umfasst vier Clans, die …«

»Verschonen Sie mich mit weitschweifigen Erklärungen. Ich weiß, was Padaungs sind. Ich wusste nur nicht, wie man sie nennt. Würden Sie mir jetzt gütigst mein Buch zurückerstatten?«

»Selbstverständlich! Verzeihen Sie, dass ich mich an Ihren Schätzen gütlich getan habe. Die Lektüre war übrigens sehr hilfreich. Ah, hier ist es ja!« Sein langer Zeigefinger wies auf einen windschiefen Stapel von vielleicht acht oder neun Büchern verschiedenster Formate auf seinem Labortisch.

Hoffentlich hat er keine Säureflecken darauf hinterlassen, dachte ich für mich. Aus den meisten Büchern ragten Zettel, auf denen Holmes seine Gedanken oder Verweise notiert hatte. Er hob die fünf oder sechs obersten Exemplare ab, legte sie achtlos auf irgendwelche Zettel und Manuskripte neben dem Stapel und erstattete mir mein Buch mit einer offenkundig ironisch gemeinten, weil viel zu tiefen Verbeugung zurück. Leicht verstimmt brummte ich einen knappen Dank.

»Ich hatte schon einen Bücherdiebstahl befürchtet!«

Holmes lächelte maliziös. »Bücherdiebstahl? Moment, da hätte ich etwas für Sie!« Er blickte einen Moment lang suchend auf sein Bücherregal. »Ah, hier!«, rief er aus und zog ein Buch aus dem obersten Regalbrett. Es hatte mit dem Rücken zur Wand im Regal gestanden – eine typische Achtlosigkeit, mit der mein Freund seine – und leider oft auch meine – Bücher zu behandeln pflegte.

»Hier!«, verkündete er voller Stolz. Claude-Pierre Gautier, De libris furtivis! Trier 1880. Ein instruktives Werk! Instruktiver zumindest als die Klatschgeschichten aus Mrs Hudsons Postille. Sie brauchen wegen des Titels keine Angst zu haben, der Autor protzt nur ein wenig mit seinen Lateinkenntnissen. Der Rest des Buches ist recht brav auf Deutsch geschrieben.«

Ich überhörte die boshafte Anspielung.

»Über gestohlene Bücher? Hört sich interessant an! Ich wusste gar nicht, dass Sie so etwas Interessantes besitzen. Aber warum stellen Sie es verkehrt herum ins Regal?«

»Sie kennen mich doch! Ich bin eine Art Büchervampir. Sobald ich ein Buch ausgesogen, sobald ich sein Wissen in mir aufgenommen habe, interessiert mich die materielle Hülle nicht mehr sonderlich. Da kann es passieren, dass ich es mit dem Rücken zur Rückwand ins Regal stopfe.«

»Und wenn Sie es wider Erwarten noch einmal brauchen?«

»Dann finde ich es wieder, weil ich mir den Platz eingeprägt habe, an dem ich es abgelegt habe. Ich habe ein geradezu fotografisches Gedächtnis. Ich finde die Stelle instinktiv wieder.«

»Na schön! Und worüber schreibt dieser Monsieur Gautier?«

»Na, über Bücherdiebe. Was sonst?«

»Im Einzelnen, meine ich.«

»Über François-Émile Chauvin de Malan zum Beispiel, über Wilhelm Bruno Lindner oder den Grafen Guglielmo Libri. Alle drei haben im großen Stil Bücher gestohlen. Wie die Raben, könnte man sagen. Graf Libri – nomen est omen – hat unter anderem das Ashburnham-Pentateuch aus dem siebten Jahrhundert aus der Bibliothèque nationale de France mitgehen lassen.«

»Beachtlich!«

Wir unterhielten uns an jenem Nachmittag sehr angeregt. Von den Bücherdieben en gros gingen wir über zu dem prachtvollen Luxuskaufhaus Harrods in Knights-bridge, das es schon seit fast fünfzig Jahren gab. Noch ahnten wir nicht, dass es im Dezember 1883 vollständig niederbrennen würde und dass das Schadensfeuer, das seine Ursache in einer perfiden Brandstiftung haben würde, meinem Freund Holmes und mir einige spannende, anstrengende Wochen bescheren sollte.

Und wir ahnten nicht, dass in diesem Moment, von der anderen Seite des Regent’s Park, ein Fall an uns herangetragen wurde. Und wie es der Zufall wollte: Auch dieser Fall – bei dem es sich vielleicht um einen der schönsten, aber auch einen der delikatesten in Holmes’ detektivischer Laufbahn handeln sollte – hatte mit geraubten Büchern beziehungsweise Manuskripten zu tun. Es handelte sich um einen Bücherdiebstahl von internationalem, weltliterarischem und sogar weltpolitischem Ausmaß. Außerdem lernten wir einige der Herrschaften aus Mrs Hudsons Klatsch-Zeitung persönlich kennen. Aber ich will der Reihe nach berichten.

II.

Ich habe selten einen Fall mit mehr Vorbehalten übernommen als diesen«, gestand mir mein Freund Sherlock Holmes ein paar Jahrzehnte später. »Nie war mir ein Klient auf Anhieb unsympathischer als dieser Doktor Aveling. Nicht nur, dass er den Sozialisten spielte, aber dem Wohlleben frönte auf Kosten der Frau, die ihn selbstlos und trotz seiner notorischen Untreue ohne Vorbehalte liebte. Nein, er bestahl darüber hinaus ausgerechnet den Menschen, dem er nahezu alles verdankte und von dem er finanziell völlig abhängig war. Hätte ich nur im Entferntesten geahnt, dass dieser Aveling jahrzehntelang mit Eleanor die freie Liebe propagierte und praktizierte, um dann heimlich, noch dazu unter falschem Namen, einer kleinen Aktrice das Jawort zu geben – ich schwöre, ich hätte ihn nicht nur hinausgeworfen, sondern vorher auch noch eigenhändig die Prügel verabreicht, die er in reichem Maße verdient hatte!«

»Und ich hätte Wache gestanden«, versicherte ich meinem Freund, »damit uns niemand überrascht, bevor Sie mit ihm fertig gewesen wären. Wegen seiner bigamistischen Ehe hat diese Eleanor Marx – wurde sie nicht Tussy genannt? – schließlich Gift genommen. Sie hatte im Gegensatz zu ihm noch Ehre im Leib!«

»Sie war eine schöne Frau mit Geist und einer großen Seele. Als Lieblingsbeschäftigung gab sie, so las ich nach ihrem Tode, das Stöbern beim Bouquinisten an. Und ausgerechnet dieser intelligenten, belesenen und politisch so befähigten Frau wurde so übel mitgespielt! Liebe macht eben doch blind! Wohl dem, der nicht liebt! Wer anderer Meinung ist, der blicke auf ihr Leben! Und ihren Tod! Aber der Fall selbst war einfach sensationell, gab er uns doch Gelegenheit, einmal rettend in den Verlauf der Literatur- und Geistesgeschichte einzugreifen. Ein Fall von epochaler Tragweite, obwohl er wie eine kleine Betrugsgeschichte begann.«

Und die begann folgendermaßen: Eines schönen, sonnigen, aber trotzdem noch winterrauen Nachmittags im März 1883 führte Mrs Hudson einen sehr vornehmen Herrn mit einem kolossalen, eisgrauen Rauschebart in seinem von der Frühlingsluft geröteten Gesicht in unsere Wohnung. Der Gentleman hatte die Grenze zum siebenten Lebensjahrzehnt längst überschritten, war etwa ein Meter siebzig groß und von ausgesucht höflichem Benehmen. Seinen Zylinder trug er in der Hand.

»Mister Frederick Oswald wünscht Sie zu sprechen, meine Herren. Sein Begleiter hat seinen Namen nicht genannt.«

»Danke sehr, meine Gnädigste«, sagte geradezu unangemessen unterwürfig der Mann, den Mrs Hudson als Frederick Oswald vorgestellt hatte.

Der Begleiter schwieg. Statt sich irgendwie zu äußern, blickte er nur verschämt zu Boden.

Mrs Hudson nahm beiden ihre Wintermäntel ab und verschwand mit einem Knicks. Unser neuer Klient wartete, bis sie die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte. Dann öffnete er sein Jackett, um sich, Holmes’ Geste folgend, auf unserem Besucherstuhl niederzulassen, der nicht selten auch als Beichtstuhl dienen musste.

Der namenlose, stumme Begleiter war ein nicht mehr ganz junger Mann mit ovalem Gesicht. Sein schwarzes Haar war hoch oben auf dem Kopf gescheitelt und über die kahlen Stellen abwärts gebürstet. Jede Menge Brillantine sorgte für sicheren Halt des Haarkunstwerkes. Der zurückgewichene Haaransatz ließ die Stirn höher und gelehrter erscheinen, doch die unsteten, tiefliegenden Augen, die uns kaum anzublicken wagten, standen einem positiven Gesamteindruck im Wege – genau wie die schmalen Lippen mit den heruntergezogenen Mundwinkeln. Mir stieg der Duft eines süßlichen eau de toilette in die Nase, mit dem die Jacke des traurig dreinblickenden Mannes förmlich getränkt schien. Sein Blick streifte Holmes und mich und wanderte dann zurück zu Mr Oswald.

»Ich warte lieber draußen«, schlug der Begleiter vor und schickte sich an, sich zu erheben.

»Du bleibst hier!«, herrschte ihn Oswald an und klopfte ihm heftig auf den Unterarm. »Setz dich hin!«

Schicksalsergeben nahm der Begleiter wieder Platz. Er hockte sich so auf die vordere Sesselkante, als ob er gleich wieder aufspringen und gehen wollte. Ich wusste nicht recht, was ich von diesem ungebührlichen Auftritt halten sollte.

Holmes ergriff gleich das Wort, bevor unsere Klienten noch mehr sagen konnten.

»Herzlich willkommen, meine Herren! Mein Name ist Sherlock Holmes, und das ist mein Freund und Kollege Doktor Watson. Ich komme ohne seine Mitarbeit schwerlich aus. Bitte bringen Sie ihm dasselbe Vertrauen entgegen wie mir!«

Holmes machte eine kurze Kunstpause, in der er die beiden Herren streng musterte. Dann begann er sein Lieblingsspiel.

»Mein herzliches Beileid, Sir! Sie haben, wie ich sehe, einen guten Freund verloren! Ich hoffe jedoch, das schöne Wetter hat Sie auf Ihrem Fußweg durch den Regent’s Park zu uns einigermaßen entschädigt. Nun, auch ein Angehöriger der schreibenden Zunft braucht ab und an frische Luft. Aber ich bin doch betrübt, dass Sie bezüglich Ihres Namens die Unwahrheit sagen und hier unter einem Incognito auftreten.«

Der alte Mann reagierte einigermaßen verblüfft. »Wie können Sie das alles wissen, Mister Holmes?«

»Nichts einfacher als das! Fangen wir vorne an! Wären Sie mit einer Kutsche oder einer Droschke gekommen, hätte ich das Gefährt draußen vorfahren hören. Es war jedoch nichts dergleichen zu vernehmen. Ihre frische Gesichtsfarbe deutet auf einen Spaziergang hin, bei dem Sie sich die Freiheit nahmen, eine Zigarre zu rauchen. Da die Sonne die Luft schon erwärmt hat, schlossen Sie die Mantelknöpfe nicht. Etwas Asche auf Ihrer Jacke und Ihren Hosenaufschlägen lässt keinen anderen Schluss zu. Sie findet sich übrigens auch an den Hosenbeinen Ihres werten Begleiters.«

Der sah betreten auf seine Halbstiefel und begann sich mit schuldbewusster Miene seine Hosenbeine über unserem Teppich abzuklopfen.

Holmes ließ sich nicht beirren. »In einem Wagen hätten Sie sicherlich nicht geraucht. Außerdem weisen die Sohlen Ihrer Schuhe leichte Verschmutzungen auf. Etwas feuchter Sand, ein Grashalm. Was in einem Park eben so am Sohlenleder hängen bleibt.«

Nun blickte auch Mister Oswald erstaunt auf seine Stiefel. Zu dieser Zeit übte mein Freund seinen Beruf erst zwei Jahre offiziell aus. Sein fabelhafter Scharfblick hatte sich noch nicht überall herumgesprochen.

»Die Frische Ihrer Wangen wäre ausgeprägter, hätten Sie einen weiteren Weg zurückgelegt. Ich vermute, Sie wohnen lediglich auf der anderen Seite des Regent’s Park. Auch Ihre Kleidung passt dorthin. Aber geboren sind Sie, wie ich höre, nicht in England. Niederlande? Deutschland?«

»Barmen, um genau zu sein. Im Reich. Aber … merkt man mir meine Herkunft immer noch an? Ich dachte …«

Er sprach zwar ein ausgezeichnetes, grammatisch überkorrektes Englisch, war aber seinen deutschen Akzent nicht völlig losgeworden. Sogar ich bemerkte sein hartes L und die leicht unenglische Sprachmelodie.

»Und woran erkennen Sie meine Zugehörigkeit zur … wie sagten Sie … zur schreibenden Zunft?«

»Dass Sie zumindest viel schreiben, sehe ich an Ihren tiefblauen Fingerspitzen. Schauen Sie, Doktor Watson, der oft der Muse Kalliope zu huldigen pflegt, ist die verräterischen Spuren seines Nebenerwerbs trotz der täglichen peniblen Verwendung medizinischer Seifen und Waldkiefernöls, auch als Terpentin bekannt, nicht völlig losgeworden.«

Zur Bestätigung öffnete ich meine rechte Hand. Tatsächlich waren an Daumen und Zeigefinger noch ein paar dunkelblaue Verfärbungen. Ich nahm mir allerdings vor, bei passender Gelegenheit einmal mit Holmes ein ernsthaftes Wörtchen über den Ausdruck ›Nebenerwerb‹ zu sprechen, dem ich angeblich nachging.

Oswald fuhr aber zunächst einmal fort. »Ja, ich wohne tatsächlich in 122, Regent’s Park Road. Schon seit 1870. Aber der Verlust, von dem Sie sprachen? Wie kommen Sie darauf? Natürlich, der Trauerflor, aber …«

Er berührte leicht seine Jacke, an deren Revers ein breiter Samtstreifen den stattgehabten Trauerfall bekundete. Der Begleiter trug einen ebensolchen Samt am Jackenkragen.

»Es gibt ein paar Unwägbarkeiten, aber ich schließe dennoch Irrtümer aus. Vom Verlust einer Ihnen nahestehenden Person durch den Tod kündet mir in der Tat der Trauerflor an Ihrem Jackett. Da Sie aber keinen Ehering tragen, schließe ich einen familiären Verlust, der natürlich möglich sein könnte, zunächst einmal aus. Bei Ihrer Krawattennadel handelt es sich um einen von einer Art goldenem Zahnrad eingefassten Rubin. Dieses technische Symbol scheint mir ein für Nichteingeweihte schwer erkennbarer Hinweis auf Ihre Sympathien für die Arbeiterklasse zu sein. Zahnräder, Hämmer, Sicheln und Zirkel sind bekannte Symbole derer, die sich die Rechte der Arbeiter auf ihre Fahnen geschrieben haben. Wahrscheinlich steht Ihre Trauerbekundung im Zusammenhang mit dem Tod des deutschen Philosophen und Kommunisten Karl Marx, von dem ich vor ein paar Tagen in der Zeitung las. Ich hege weder Interesse noch Sympathie für seine Art der Politik und kenne auch, vom Kommunistischen Manifest abgesehen, nicht mehr als die Titel seiner Werke. Trotzdem ist mir die weltweite Bedeutung dieses Deutschen natürlich bekannt. Und Sie heißen gar nicht Oswald. Habe ich recht?«

Oswald machte eine unbestimmte Geste. Holmes zeigte mit ausgestrecktem Finger auf einen kleinen Anhänger an der Uhrkette Oswalds. Es war ein buntes Abzeichen oder Wappen aus Emaille. Auch mir war es aufgefallen, als Mr Oswald sich gesetzt hatte.

»Dieser Anhänger aus Emaille! Es zeigt einen silbernen Engel mit geflügeltem Helm und einem Palmwedel in der Hand auf blauem Grund. Ein beinahe religiöses Motiv, das in direktem Gegensatz zu Ihrer Krawattennadel steht. Wie, frage ich mich, passt ein sozialistisches Symbol mit dem Wappen zusammen? Das Konservative mit dem Progressiven? Ihre teure und sehr gepflegte Kleidung weist Sie nicht als Mitglied der Arbeiterschaft aus. Eher im Gegenteil. Auch Ihre Hände zeugen nicht von körperlicher Arbeit. Die Rubin-Nadel erst recht nicht. Das Wappen an Ihrer Uhrkette ist alt, an den Rändern abgestoßen. Ein Familienerbstück, zweifellos. Es liegt Ihrem Herzen vermutlich näher als die Krawattennadel. Wäre Ihr Name wirklich Oswald, würde sich das Wappen mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Heiligen Oswald beziehen, den König von Northumbria im 7. Jahrhundert. Er ist Schutzpatron der englischen Könige, der Kreuzfahrer, der Schnitter und des Viehs und wird nicht nur in England, sondern auch auf dem Kontinent bis tief in die Schweiz hinein als Nothelfer verehrt. In der Regel wird er mit königlichen Insignien dargestellt und meist von einem Raben begleitet. Sie aber tragen als Wappen das Bild eines Engels mit sich herum. Ich darf daher annehmen, dass Sie jener Doktor Engels sind, der am Grab die ergreifende Eloge auf den verstorbenen Karl Marx gehalten hat. Der Wortlaut war einigen meist sozialistischen Blättern zu entnehmen. Er fiel mir bei meiner kursorischen Presseschau in der British Library auf. Ohne dass ich ihn zur Gänze zur Kenntnis genommen hätte.«

Der angebliche Oswald machte eine Kopfbewegung, die andeutete, dass er das auch nicht erwartet hätte.

So fuhr Holmes fort. »Wer aber nun ein Pseudonym wählt, behält gerne den Vornamen bei. Das scheint fast eine anthropologische Konstante zu sein. Sagen Sie nichts! Ich habe recht, nicht wahr?«

Solchermaßen ertappt, wurden die Wangen des Mannes noch röter.

»Ich bin überrascht, Mister Holmes. Sie haben recht! En tout et pour tout. Sie haben mich geradezu ausgerechnet. Ja! Mein Name ist Friedrich Engels. Doktor Friedrich Engels. Karl Marx, mein Freund, und wenn ich das sagen darf, mein Kampfgefährte durch viele Jahrzehnte hindurch, starb in der Tat am 14. dieses Monats, und ich hatte die Ehre, in Highgate seine Grabrede halten zu dürfen. Der Verlust betrifft nicht nur mich persönlich, sondern auch den gemeinsamen Kampf um die Rechte der Arbeiterklasse. Insofern spricht diese Nadel Bände – d’ailleurs ein mir teures souvenir an die Erste Internationale. Karls Bedeutung als Denker kann gar nicht überschätzt werden. Sein Verdienst liegt in der Entdeckung des speziellen Bewegungsgesetzes der heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des plus-value, des Mehrwerts, war mit einem Mal klar verständlich, was sich zuvor dem Verständnis von politischer Ökonomie entzogen hatte.«

»Wieso aber glaubten Sie mich in die Irre führen zu müssen, Herr Engels?«

»Verzeihen Sie bitte gütigst! Wie Karl immer sagte! Sein Lebensmotto war De omnibus dubitandum, man muss an allem zweifeln! Er hatte recht, wie immer. Schuld an diesem zugegebenermaßen dummen Streich waren wohl nicht zuletzt meine Vorbehalte gegen einen Angehörigen der bürgerlichen Schicht, der seine Arbeitskraft als eine Art Spion verkaufen muss. Ich … ich habe mich noch nie an einen détective consultatif, einen beratenden Detektiv, gewandt. Und hatte keinen Plan, wie mit Ihnen umzugehen sei. Ein Detektiv, das ist so etwas Ähnliches wie Polizei. Wenn ich da an den preußischen Polizeirat Stieber denke, der Karl damals in Preußen so zugesetzt hat … abominable! Aber das ist eine andere Geschichte! Wie auch immer, aus einem tief verwurzelten Misstrauen heraus glaubte ich, Ihre Qualität auf den Prüfstand stellen zu dürfen, ja dies tun zu müssen. Wenn Sie nun aber nicht mehr für mich tätig werden wollen, so habe ich das größte Verständnis dafür. Ich bin aufs Höchste überrascht, wie durchsichtig meine kleine Camouflage gewesen zu sein scheint … Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und leider auch Theologie durchaus studiert mit heißem Bemühn …«

Das Zitat kannte ich auch! Es stammte aus Goethes Faust!

»Hier steh’ ich nun, ich armer Tor«, fuhr Holmes, ebenfalls auf Deutsch, fort, »… und bin so klug als wie zuvor!«

»Genau! Verzeihen Sie nochmals einem alten, verzweifelten Mann, Mister Holmes!«

»Aber ich bitte Sie! Jedoch kann ich Ihnen versichern, dass ich mit den Methoden und dem Geist weder der preußischen noch der britischen Polizei das Geringste zu tun habe. Aber die Camouflage, von der Sie sprachen, oder der Streich und Ihr Besuch bei uns hat doch sicherlich einen tieferen Grund als die Überprüfung meiner Kenntnisse der deutschen Literatur?«

»Natürlich nicht! Verzeihen Sie encore une fois! Es ist so …« Er machte eine Pause, um die richtigen Worte zu finden.

»Es geht de fait um Literatur. Ich bin, müssen Sie wissen, Karls Nachlassverwalter. Also, was seine Werke betrifft. Auch wenn Sie unserer Bewegung fernstehen, Mister Holmes, brauche ich einen Mann wie Sie. Einen, der ebenso klug wie diskret und findig ist. Von Ersterem habe ich mich überzeugen können. Letzteres dürfen Sie gerne unter Beweis stellen. Es soll Ihr Schaden nicht sein. Ich verfüge über die Mittel, nicht nur Ihre Mühe in reichem Maße zu entlohnen, sondern auch alle Ihre Ausgaben zu ersetzen.«

»Da wir nun Ihren Test, wie mir scheint, mit Erfolg bestanden haben, erlaube ich mir nun zu fragen, was Sie zu mir führt.«

Dr. Engels bewegte den Kopf hin und her, als ob ihm die Antwort schwerfiele. Dann blickte er seinen Begleiter an, der sofort den Blick senkte.

»Eine Zigarre macht die Sache vielleicht leichter!«, meinte Holmes begütigend und hielt den beiden seine Zigarrenkiste mit den besonders guten Havannas hin. Engels’ Gesichtszüge entspannten sich, verfinsterten sich aber gleich wieder, als der Begleiter ebenfalls zugreifen wollte. Seine Geste war die eines erzürnten Vaters, der seinem vorwitzigen Sohn auf die Finger klopft, weil er sich unerlaubterweise am Konfekt der Mutter vergreifen will. Resigniert ließ der Gemaßregelte die Hand sinken.

Sorgfältig wählte Engels eine Zigarre aus und zündete sie mit dem goldenen Feuerzeug an, das er aus der Westentasche gezogen hatte. Holmes ließ sich nichts anmerken und zündete sich seine Zigarre mit einem Streichholz an. Ich war befremdet. Ein Zigarrenliebhaber, der ein Benzinfeuerzeug benutzt! Na, dachte ich, vielleicht fehlt den Sozialisten doch das letzte Quäntchen savoir vivre…

»Ja«, sinnierte Engels nach dem ersten Zug, den Rauch ausblasend und mit einem Blick auf die Zigarre anerkennend nickend. »Der gute Karl liebte die Zigarren. Ich möchte fast sagen, nicht eine einzige Seite seiner Werke wäre ohne pfundweisen Tabaksgenuss überhaupt möglich gewesen. Leider besaß er nur selten die Mittel, sich vernünftige Zigarren zu leisten. De mortibus nihil nisi bene, aber wahre Tabakfreunde ertrugen seine Gegenwart nur schwer … jedenfalls, wenn er sein fürchterliches billiges Kraut rauchte. Eher Unkraut!« Engels schwieg einen Augenblick. »Die Sache ist die …«, fuhr er fort. »Wie gesagt, ich bin Karls Nachlassverwalter. Also von seinen Schriften. Finanziell ist bei ihm wenig zu holen, wenn ich so sagen darf. Eher im Gegenteil, aber das ist ebenfalls eine andere Sache. Wie Sie vielleicht wissen, oder auch nicht, hatte Karl sieben Kinder. Die Mädchen heißen alle Jenny, nach der Mutter Jenny. Jenny von Westphalen: Jenny Caroline, Jenny Laura und Jenny Eleanor. Eleanor nennt sich selbst nur Tussy und wird auch von uns allen nur so genannt. Wahrscheinlich erinnert sie sich gar nicht mehr an ihren tatsächlichen Vornamen. Nun ja! Zwei Söhne, Charles Louis und Heinrich Edward starben bereits im Kindesalter, Eveline wurde Monate vor Karls Tod von einer heimtückischen Krankheit elendiglich dahingerafft. Dieser Verlust hat Karls Ende stark beschleunigt. Er hat ihn förmlich das Leben gekostet. Anders kann man es nicht ausdrücken. Die Töchter sind beziehungsweise waren treue Anhängerinnen der Lehren ihres Vaters. Eveline war mit dem Sozialisten Charles Longuet und Laura ist mit Charles Longuet verheiratet. Letzterer hielt ebenso wie ich eine Rede bei Karls Begräbnis.«

»Und Eleanor? Tussy?«

»Ja, Tussy ist nicht das Problem, Mister Holmes. Das eigentliche Problem sitzt, wie ich leider bekennen muss, hier neben mir. Vor Ihnen. Das Problem ist Doktor Edward Aveling.«

»S-s-sehr angenehm!«, flüsterte Aveling mit einem kurzen Kopfnicken, das mehr einem Genickeinziehen glich. Endlich erfuhren wir den Namen der schweigsamen Verdrussgestalt!

»Er ist seit Karls Tod der Mann von Eleanor Marx.«

»Aber Sie sind nicht wirklich verheiratet, nicht wahr?« Es war eher eine Feststellung als eine Frage.

Aveling erbleichte. »Wie …?«, wollte er wissen.

»Ihr Anzug ist teuer, Ihre Schuhe sind es auch. Ebenso Ihre rotgoldene Uhrkette. Sie hätten sicherlich über die Mittel verfügt, bei einer Wiederverheiratung einen neuen Ehering anzuschaffen, aber Ihr Ehering ist alt und aus – verzeihen Sie! – geringwertigem Material. Vermutlich sind Sie Ihre erste Ehe noch als nahezu mittelloser Student eingegangen. An den Rändern ist die Vergoldung abgerieben, wie das Emaille am Rande von Dr. Engels’ Familienwappen. Da Karl Marx vor einigen Tagen gestorben ist und Sie nach Dr. Engels’ Worten erst danach wieder zum Ehemann wurden, sich aber keinen neuen Ehering geleistet haben, bleibt nur der Schluss, dass Sie und … Miss Marx praktizierende Anhänger der freien Liebe sind – was unter Sozialisten bekanntlich nicht unüblich ist. Wer den russischen Schriftsteller Turgenjew – oder Monsieur Charles Fourier – liest, weiß das.«

Aveling lief puterrot an. »Ich …«

Engels wischte weitere Einlassungen mit der Hand, die noch immer die Zigarre hielt, beiseite. Aveling sank erneut in sich zusammen. Engels verfügte wirklich über eine erstaunliche Autorität. Erst später erfuhr ich, dass er von seinen Getreuen »der General« genannt wurde!

Dennoch kam etwas Leben in Aveling. Er antwortete nun sogar in ganzen Sätzen. »Eine Heirat war … Elly – also Tussy – und ich, wir sind keine gesetzlichen Eheleute. Ich … ich bin noch nicht von meiner ersten Frau geschieden. Bell – sie heißt eigentlich Isabel – verweigert die Einwilligung in eine Scheidung. Wir …«

Engels unterbrach ihn. »Wer hier welche Einwilligung verweigert, wollen wir quand même einmal dahingestellt sein lassen! Vor Karls Tod hast du nicht gewagt, dich zu Tussy zu bekennen und ein unwürdiges Versteckspiel inszeniert. Aber ob deine erste Frau vraiment die Einwilligung in eine Scheidung verweigert… Je ne sais pas. Wenn ich mir deine ganzen Affären betrachte …«

Aveling sagte nichts, sondern kniff die Lippen zusammen.

Engels fuhr fort. »Tussy spricht nicht darüber. Sie nennt sich Mrs Aveling und verteidigt Edward als ihren Mann« – Engels zeichnete mit den Zeige- und Mittelfingern beider Hände Anführungszeichen in die Luft – »mit Klauen und Zähnen, auch weil wir leider in der Bewegung auf sein rhetorisches Talent und seine literarischen Gaben weder verzichten wollen noch verzichten können. Hélas.«

»Désolé!« flüsterte Aveling kaum hörbar.

Holmes machte eine unwillige Geste. »Mister Engels, augenscheinlich geht es hier um Kabale und Liebe, um einmal die Worte Ihres Nationaldichters Friedrich Schiller zu verwenden. Noch dazu um Kabale und Liebe in Künstlerkreisen. Damit befassen sich nur Detektive minderer Klasse.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Nicht ich!«, setzte er dann hinzu.

»Unsinn, Mister Holmes. Wegen solch einer degoutanten Lappalie wäre ich nicht zu Ihnen gekommen. Das könnte ich selber mit leichter Hand regeln. Nein, das Problem ist Karls Nachlass. Sie haben selbst das Kommunistische Manifest erwähnt, unser vielleicht bekanntestes gemeinsames Werk. Von Karls Hand alleine stammt Das Kapital. Es ist 1867 erschienen und stellt véritablement für die politische Ökonomie – das zu behaupten zögere ich keine Sekunde – dasselbe dar wie Kants Kritik der reinen Vernunft für die Philosophie der Erkenntnis. Selbst wenn das Buch leider viel zu wenige Leser gefunden hat, die verstehen, was Karls Entdeckung, der Mehrwert, bedeutet.«

»Na schön, Doktor Engels. Eleanor Marx – Eleanor Aveling, wie sie sich offenbar selbst nennt – oder auch Tussy lebt mit einem verheirateten Mann zusammen, und von ihrem Vater stammt eines der ungelesensten Bücher über politische Ökonomie, die es gibt. Ich kenne übrigens à vrai dire selbst nicht mehr als den Titel, und was beim Kapital der Mehrwert ist, ist für mein Leben nicht einmal ansatzweise von Belang. Nationalökonomie im Allgemeinen und die Mehrwert-Theorie im Besonderen haben mit meinem Beruf nicht das Geringste zu tun. Und wenn Sie mir jetzt nicht auf der Stelle sagen, warum Sie mich aufgesucht haben, betrachte ich das Gespräch als beendet.«

Holmes’ wachsenden Ärger konnte ich schon daran erkennen, dass er Engels’ Tic nachahmte, französische Ausdrücke in seine Rede einzuflechten. Gleich würde er die beiden hinauswerfen.

Doch dann sprach Engels endlich aus, was er meinte. »Die Manuskripte sind weg!«

»Welche Manuskripte?«

»Na, die Manuskripte vom Kapital!«