10 Galaktische Abenteuer Box 3 - diverse - E-Book

10 Galaktische Abenteuer Box 3 E-Book

Diverse

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Beschreibung

10 ausgewählte epische Erzählungen aus Zeit und Raum! Die preisgünstige Lese-Box für den anspruchsvollen Science-Fiction-Leser! Geschrieben von den besten Autoren des Genres!

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EPUB

Seitenzahl: 1607




GALAKTISCHEABENTEUER

Herausgeber:

ROMANTRUHE-Buchversand

Cover: shutterstock

Satz und Konvertierung:

DigitalART, Bergheim.

© 2020 Romantruhe.

Alle Rechte vorbehalten.

Die Personen und Begebenheiten der

Romanhandlung sind frei erfunden;

Ähnlichkeiten mit lebenden oder

verstorbenen Personen sowie mit tatsächlichen

Ereignissen sind unbeabsichtigt.

Abdruck, auch auszugsweise,

Vervielfältigung und Reproduktion sowie

Speichern auf digitalen Medien zum

Zwecke der Veräußerung sind untersagt.

Internet: www.romantruhe.de

Kontakt:[email protected]

Produced in Germany.

Inhalt

DIE AHNEN AUS RAUM UND ZEIT

SUMPFBESTIEN GREIFEN AN!

NACHRICHTENSPERRE

AUF LEBEN UND TOD

IM FADENKREUZ DES JÄGERS

DAS GALAKTISCHE DREIECK

UNSICHTBARER FEIND

MUTANTENWAFFE IM EINSATZ

ARMEE DER VERGESSENEN

DIE VERSPRENGTEN

DIE AHNEN AUS RAUM UND ZEIT

Box 3 – Story 1

Leslie St. Patrick hielt den Laser in der Hand. Immer wieder drehte er sich um und versuchte, im Halbdunkel der Nacht, die nur durch das Licht der beiden Monde erhellt wurde, eine Bewegung zu erkennen.

Als er hörte, wie der andere einen leisen Pfiff ausstieß, kniete er ebenfalls nieder und betrachtete im Licht der Taschenlampe den zerfetzten. Körper des monströsen Lebewesens. Jetzt erst konnte er die verstümmelten Gliedmaßen erkennen. In seiner Gesamtheit mochte das Wesen an die zweieinhalb Meter groß gewesen sein. Drei säulenhaft wirkende Beine zeugten davon, dass der Tote aufrecht gegangen sein musste. Aus dem Oberkörper wuchsen vier tentakelähnliche Arme. Der Kopf schien einem Alptraum entwachsen und saß übergangslos auf dem Rumpf.

»Projektile!« Der bereits ältere Mann, der den toten Körper untersucht hatte, nickte nachdrücklich, um seiner Sicherheit Ausdruck zu geben. Er hieß Sven Paik und war als Fremdweltenökologe mit den verschiedensten und phantastischsten Lebensformen vertraut. Trotzdem sah man ihm an, dass dies hier etwas für ihn Unfassbares darstellte »Dieses Wesen ist quasi von innen heraus explodiert. Irgendjemand muss ihm ein Projektil in den Leib geschossen haben.«

Abrupt stand Leslie auf und blickte hinaus in die Nacht, doch nichts außer den mittlerweile vertrauten Geräuschen des Dschungels war wahrzunehmen Sie wussten nicht, wie lange dieses Monstrum schon hier lag und mussten damit rechnen, die für seinen Tod Verantwortlichen noch in ihrer Nahe vorzufinden.

Falk machte einige Aufnahmen von dem grausigen Fund, und gemeinsam kehrten die beiden Männer zu ihrem kleinen Flugboot zurück. Kurz darauf stieg es auf und nahm Kurs nach Norden, wo sie ihr Schiff wussten.

Während das Boot Kurs auf das Schiff nahm, dachte Leslie zurück und ließ die Ereignisse der letzten Wochen in seinen Gedanken Revue passieren. Zum wiederholten Male fragte er sich, ob ihr Schicksal vermeidbar gewesen wäre.

Begonnen hatte es mit jenem Funkspruch, den sie empfangen hatten, als sie mit ihrem Auftrag bereits fast fertig gewesen waren. Ihr Auftrag hatte darin bestanden, das erst vor kurzer Zeit entdeckte Black Hole im Sternbild des Orion, fast 270 Lichtjahre von der Erde entfernt, aus nächster Nähe zu beobachten. Die meisten Menschen an Bord der BLACKBIRD waren bereits heilfroh gewesen, bald wieder Kurs auf die Erde nehmen zu können, denn niemand fühlte sich besonders wohl in der Nähe des schwarzen Monstrums.

Dann hatten die Normalfunkempfänger plötzlich angesprochen. Der Spruch, der anscheinend breit gestreut in immer wiederkehrenden Abständen abgestrahlt wurde, wurde aufgezeichnet und übersetzt.

Die Wissenschaftler an Bord der BLACKBIRD hatten bis dahin der gelben Sonne, die nur drei Lichtmonate entfernt von dem Black Hole im Raum stand, lediglich akademisches Interesse entgegengebracht. Man wusste, dass die Sonne und ihre möglichen Begleiter in kurzer Zeit in das Schwarze Loch stürzen und aufhören würden, zu existieren. Viele der Wissenschaftler hätten zu diesem Zeitpunkt einiges dafür gegeben, dabei sein zu können, wenn sich dieses kosmische Drama vollzog. Die wissenschaftliche Ausbeute wäre unschätzbar gewesen. Immer noch gehörten die Black Holes zu den größten Geheimnissen des Kosmos, und man war weit davon entfernt, diese kosmischen Phänomene auch nur annähernd zu begreifen.

Dann jedoch, nachdem jeder an Bord wusste, was der mysteriöse Funkspruch bedeutete, dachte niemand mehr daran.

Die gelbe Sonne hatte Begleiter, und einer von ihnen war die Heimat intelligenter Lebewesen, die ohne Zweifel eine gewisse technologische Entwicklungsstufe erreicht hatten, jedoch noch nicht soweit waren, eine über Orbitalflüge hinausgehende Raumfahrt zu entwickeln. Sie wussten, dass ihre Welt zum Untergang verurteilt war - und sie mit ihr.

Der Funkspruch war ein Hilferuf.

Es war mehr als die Ironie eines grausamen Schicksals, was sich den Leuten an Bord der BLACKBIRD hier bot. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte der interstellaren Raumfahrt war man auf eine Rasse gestoßen, die, wie es schien, eine ansehnliche technologische Stufe erreicht hatte. Eine Rasse, die man bei jedem Erkundungsflug zu neuen Systemen vorzufinden hoffte, denn der

Mensch litt unter der Einsamkeit im Weltall. Bislang hatte sich der Traum von den Brüdern im All nicht erfüllt.

Und nun, wo es schien, als sei man zum ersten Mal auf ›die Anderen‹ gestoßen, musste man feststellen, dass ihre Welt in kurzer Zeit aufhören würde zu existieren.

Man hatte sich schließlich entschlossen, den Planeten anzufliegen und zu landen. Es hatte vereinzelte Proteste gegeben, denn die Angst vor dem Schwarzen Loch war ebenso tief in den Menschen verwurzelt wie die Angst vor dem Feuer bei den frühen Steinzeitmenschen der Erde.

Die erste Überraschung war gewesen, eine absolut erdähnliche Welt vorzufinden. Nur die Form der Kontinente war anders. Masse, Durchmesser, Atmosphäre - all das war fast identisch mit der Erde. Der Planet stand wie ein blaues Juwel im All. Er umlief auf einer immer noch relativ stabilen Bahn seine Sonne, die mit heftigen Eruptionen auf die Gravitationseinwirkungen des Black Hole reagierte. In den Orbits vor der Landung, die in direkter Nähe der Quelle der Funksendungen erfolgte, hatte man die unmissverständlichen Anzeichen dafür beobachten können, dass auch EDEN bereits von Naturkatastrophen riesigen Ausmaßes heimgesucht wurde. Vor allem in der Nähe des planetaren Äquators herrschte starke vulkanische Aktivität. In den Ozeanen zeugte starke Dampfentwicklung vom Versinken und Geborenwerden neuer Inseln.

Weiter auf die Pole zu war es ruhiger, obwohl es nur eine Frage der Zeit sein konnte, bis auch hier die geweckten Urkräfte der Natur sich bemerkbar machen würden.

Die zweite Überraschung war ein Schock. Der Ausgangspunkt der empfangenen Funksendung lag hoch im Norden des großen Hauptkontinents in einer Region, die anscheinend noch ruhig war. Schon lange vor der eigentlichen Landung hatten die Schirme des Schiffes die Stadt gezeigt.

Sie setzten auf einem jener großen, kreisrunden Felder rings um die Stadt auf, deren Bedeutung sie nicht kannten. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass die Hälfte der Bauwerke verfallen und von Unkraut und Gestrüpp überwuchert war. Das war, es jedoch nicht, das sich in stiller Faszination auf das Denken der Menschen an Bord der BLACKBIRD gelegt hatte.

Die Stadt hätte sich gut und gern auf der Erde befinden können. Lediglich die sechseckige Grundform der Gebäude stellte einen Unterschied dar, ansonsten aber glich die Architektur, der Aufbau und die Anordnung der Gebäude dem Bild der irdischen Städte des letzten Jahrhunderts.

Das Flugboot erreichte die geöffnete Hangarschleuse und setzte leicht auf. Die beiden Männer gingen schweigend durch verlassen wirkende Gänge und erreichten schließlich den Antigrav, nur, um feststellen zu müssen, dass er außer Betrieb war. So dauerte es einige Minuten, bis sie die Zentrale erreicht hatte, die sieben Decks über den Hangars der kleinen Flugboote lag.

*

Kendalls Blick fiel zum wiederholten Male auf die Kontrollmonitore der Gravometer. Zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde ließ er sich die einfallenden Werte ausdrucken und verglich sie mit dem letzten Ergebnis.

Die Zunahme der Gravitation schlug sich erst in der vierten Stelle hinter dem Komma nieder. Es ging unendlich langsam, aber es schien endgültig.

Irgendwo dort draußen wartete ein dunkles, unfassbares Gebilde, das sich nur durch die Messungen der Gravometer bestimmen ließ, darauf, alles, was sich in diesem Sektor des Raumes befand, zu verschlingen. Es mochte noch zwei bis drei Monate dauern, vielleicht vier, dann würde diese Welt und mit ihr alles, was auf ihr lebte, im Schlund des schwarzen Monstrums verschwinden und zu einem winzigen Bestandteil des Gebildes werden.

Der Überlichtspruch zur Erde war vor gut drei Stunden hinausgegangen, doch Kendall zweifelte daran, dass er jemals dort empfangen werden wurde. Zwischen ihnen und der Erde lag das Black Hole.

Und selbst, wenn die Erde Hilfe schicken wurde, wurden die Schiffe ebenso von jenem Effekt erfasst werden wie die BLACKBIRD. Sämtliche überlichtschnellen Schiffe der Erde flogen auf Gravitations- beziehungsweise Antigrav-Basis.

Kendall hörte, wie jemand die Zentrale betrat, und drehte sich in seinem Schwenksessel um. Etwas wie ein Lächeln flog über sein Gesicht.

»Na?«

Leslie St. Patrick und Sven Falk hockten sich in freie Sessel am Instrumentenpult und informierten sich mit einigen Blicken auf diverse Anzeigen über ihre Lage.

»Es gibt keine Worte dafür!« Falk, als Fremdweltenoköloge daran gewohnt, öde Welten mit spärlicher Flora und Fauna zu untersuchen, machte eine Geste der Verzweiflung. »Diese Welt sieht nicht nur so aus wie die Erde - sie ist wie die Erde. Es ist, als ob ...«

Leslie St. Patrick unterbrach ihn mit einer Geste, denn er kannte den Enthusiasmus des Wissenschaftlers und wusste, dass er von sich aus so schnell kein Ende finden würde. Die Ökologie dieser in jeder Beziehung faszinierenden Welt ließ ihn vergessen, was sie draußen in den Ausläufern des Dschungels gefunden hatten.

Leslie erzählte von ihrem Fund und von der Art und Weise, wie er zugerichtet gewesen war. Er wies auf die möglichen Konsequenzen hin. Als er seinen Bericht beendet hatte, stand eine Traube von Männern und Frauen um ihn herum.

»Sollten das unsere Freunde sein?« Kendall machte ein Gesicht, als hatte er in eine saure Zitrone gebissen.

Leslie St. Patrick schüttelte den Kopf.

»Kaum. Es ist nicht anzunehmen, dass diese Riesen in die Häuser hineinpassen, die wir gesehen haben. Und sie machen auch nicht den Eindruck, mit Projektilwaffen umgehen zu können, geschweige denn, sie zu fabrizieren.«

Kendall nickte.

»Es hilft alles nichts! Was den Antrieb betrifft, so kommen wir nicht weiter. Wir müssen uns darauf einrichten, vorerst hier festzusitzen. Les, such' dir ein paar Leute aus, und nimm dir zwei Boote. Dann fliegt ihr morgen früh in die Stadt und seht euch um. Vor allem dort, von wo aus die Hilferufe gefunkt werden. Viel Hoffnung habe ich zwar nicht, aber ...«

Er brauchte den Satz nicht zu vollenden. Die anderen wussten auch so, auf was er anspielte.

*

Laoorde stolperte und fiel vornüber auf den sandigen, nur hier und da mit distelartigen Gewächsen überzogenen Boden des Pfades. Mühsam richtete sie sich auf und betrachtete die zerschundenen Handflächen.

Auf ihrer Schulter spürte sie eine Hand. Sie sah auf und blickte in die aufmunternden Augen ihrer Gefährtin. Faahde packte sie unter den Armen und half ihr auf.

Laoorde war am Ende ihrer Kraft. Ohne den andauernden Zuspruch der Gefährtin wäre sie schon längst irgendwo am Weg liegen geblieben. Immer stärker machte sich die Resignation in ihr breit.

Faahde sah, dass sie eine Ruhepause brauchte, und sie setzten sich auf einen umgestürzten, nun quer über den Weg ragenden Baum.

Laoorde ließ ihren Blick umherschweifen. Immer noch zeigte sich das gleiche Bild. Der schmale Pfad durch das wuchernde Dickicht, das noch vor Jahren einer der schönsten Parks in der Umgebung von Caal gewesen war, der düstere blutrote Himmel über ihnen, die fremden Geräusche, die aus dem überall um sie herum wuchernden Pflanzenreich drangen.

Pacla starb. Ihre Welt war zum Untergang verurteilt, und nichts würde das drohende Schicksal abwenden können.

Laoorde versuchte, nicht daran zu denken, was sie nach ihrer Rückkehr in Caal erwarten würde. Neun Tage waren sie unterwegs gewesen - nur um festzustellen, dass eine weitere Siedlung dem allgemeinen Chaos zum Opfer gefallen war.

Alles befand sich in permanenter Veränderung. Große Teile ihrer Welt waren bereits den zum Ausbruch gekommenen Urkräften der Natur zum Opfer gefallen. Ganze Landstriche waren von Erdbeben verwüstet und entvölkert worden, Kontinente waren von ausbrechenden Vulkanen mit glühenden Lavaströmen überzogen worden.

Caal befand sich auf dem größten Kontinent Paclas und war bisher von derartigen Katastrophen verschont geblieben. Doch das Chaos, das durch den Zusammenbruch der bestehenden Ordnung entstanden war, erschien Laoorde ebenso schlimm. Wo früher blühende Städte und Siedlungen gestanden hatten, wo man miteinander gelebt, gearbeitet und sich amüsiert hatte, herrschte die Anarchie. Die Städte waren zum Tummelplatz konkurrierender, umherstreunender Banden geworden, es herrschte das Recht des Stärkeren. Nur noch wenige kleine Enklaven der Besonnenheit und der Ruhe hatten sich halten können. Die Siedlungen waren zum großen Teil von der wuchernden Natur verschlungen worden oder von den nun immer häufiger offen vordringenden Horden der Schazaam erobert worden.

Laoorde erschauerte bei dem Gedanken an jene künstlich geschaffenen Wesen, die Ergebnis einer Reihe verhängnisvoller Experimente der Vergangenheit waren. Jetzt, wo man anderes zu tun hatte, als ihnen große Aufmerksamkeit zu widmen, kamen sie ans Tageslicht und breiteten sich aus, überall dort, wo eine weitere Siedlung, ein weiterer Stadtteil aufgegeben werden musste.

Die Vorstellung, dass die Schazaam bereits in der Nähe Caals sein konnten, gab Laoorde die Kraft zum Weitergehen zurück. Faahde atmete auf, als sie sah, dass die Gefährtin sich erhob.

Wetterleuchten am Himmel deuteten auf das Heraufziehen eines Unwetters hin, und die beiden Frauen beeilten sich, die schützende Stadt zu erreichen. Sie hofften jedenfalls, dass sich in ihrem Unterschlupf nichts geändert hatte, seitdem sie vor neun Tagen aufgebrochen waren.

Immer wieder mussten sie Hindernisse aus dem Weg räumen, stolperten über die Ranken von Schlinggewächsen, die bei ihrem Aufbruch von Caal vor neun Tagen noch nicht da gewesen waren. Bald wurde auch dieser Weg überwuchert sein und damit eine weitere Verbindung von Caal zur Außenwelt.

Es dauerte schließlich sechs Stunden, bis sie die Türme der Stadt sahen. Es regnete inzwischen in Strömen, und völlig durchnässt bahnten sie sich den Weg über Trümmerhalden, durch verlassene Wohnviertel und verwilderte Grünanlagen in jenen Teil am Rande der Stadt, wo sie ihre Gefährten wussten.

*

Laoorde und Faahde kannten diesen Teil der Riesenstadt relativ gut. Sie vermieden es, durch Gebiete zu gehen, die von Banden beherrscht wurden. Ihr Weg führte durch stille Straßenzüge, und sie bewegten sich in der Deckung der Gebäude.

Eine unheimliche und bedrückende Stille lag über der Szene. Die beiden Frauen blieben stehen und berührten sich mit den Händen. Sie schlossen für einen Moment die Augen, um sich zu konzentrieren.

Nichts.

Sie waren mittlerweile an den Unterschlupf herangekommen, in dem die letzten vernünftigen und zivilisierten Paclas lebten. Es war notwendig geworden, Posten aufzustellen, nachdem immer häufiger bewaffnete Banden versucht hatten, zu ihnen vorzudringen und die wertvollen Vorräte zu plündern. Den Verlust der Nahrungsvorräte hätten sie verschmerzen können, nicht aber den Verlust oder die Zerstörung des wertvollen, technischen Geräts, das sie zusammengeschafft und in Sicherheit gebracht hatten, als sich die katastrophale Entwicklung abzuzeichnen begann.

Sie konnten keine Gedankenströme wahrnehmen. Dies bedeutete entweder, dass der Posten nicht besetzt war, oder dass sie von dem langen Marsch so erschöpft waren, dass sie im Augenblick trotz intensiver Anstrengung nicht in der Lage waren, seine Gedanken zu speichern.

Wenn sie beunruhigt waren, so verbargen sie es vorzüglich nach außen. Keine wollte der anderen zusätzliche Furcht einflößen. Vorsichtig arbeiteten sie sich weiter, jede Deckung ausnutzend, im Schatten der Gebäude. Vorsichtig, denn in jedem Hauseingang konnte das Verhängnis lauern.

Laoorde spürte wieder einmal die tiefe Resignation. Was war aus Paclas geworden! Sie konnte sich an Zeiten erinnern, wo PACLA ein Bild des Friedens und der Liebe gewesen war. Damals, vor dem Sturz.

Sie war hellwach, als Faahde stehen blieb und sie mit ausgestrecktem Arm zurückhielt. Sie waren mittlerweile nahe an der Stelle, wo der Posten stehen musste. Dann würden sie nur noch wenige Meter von ihrem Quartier trennen.

Faahde pfiff leise und wartete. Als sich nichts rührte, wiederholte sie den Pfiff. Wieder nichts

Vor ihnen breitete sich eine Kreuzung aus, wo sich einst zwei Straßenzüge gekreuzt hatten. Hinter der rechten Ecke, einem halb verfallenen ehemaligen Bürohaus, musste der Posten stehen. Aber es kam keine Antwort.

Auf ein Zeichen Faahdes schlichen sie weiter an das Eckhaus heran, immer wieder nach allen Seiten nach Bewegung Ausschau haltend. Als sie um die Ecke bogen, fanden sie den Posten.

Paghool, ein noch junger Mann, der erst vor Kurzem zu ihrer Gruppe gestoßen war, lag mit gebrochenem Genick in einer Blutlache auf dem Pflaster. Faahde schloss die Augen, als sie das Gesicht des jungen Pacla erblickte.

Laoorde zitterte am ganzen Körper. Die Art und Weise, wie Paghool zugerichtet war, ließ nur einen Schluss zu: Schazaam!

Die versplitterten Gruppen und Banden jener Paclas, die jegliche Hoffnung aufgegeben hatten und ihr Heil entweder in religiösem Sektierertum sah oder in der nackten Gewalt, einer letzten Demonstration der Macht eines zum Tode Verurteilten, zogen plündernd und Schrecken verbreitend durch die Städte. Doch sie würden niemals etwas Derartiges vollbringen, was sie hier vor sich sahen. Selbst jetzt hatten sie sich noch einen Rest von Achtung vor dem Leben anderer bewahrt.

Der Körper des Pacla war im wahrsten Sinne des Wortes zermalmt worden. Unheimliche Kräfte mussten hier am Werk gewesen sein. Kräfte, über die kein Pacla verfügte.

Den beiden Frauen wurde gleichzeitig klar, was sich zwangsläufig hieraus ergab - ergeben musste. Sie sahen sich an und rissen ihre Waffen aus dem Gürtel.

Sie konnten sich im Moment nicht erlauben, sich weiter um den Toten zu kümmern. Die Angst saß ihnen mit einem Mal im Nacken, und sie beeilten sich, ihr Quartier zu erreichen. Zwei kleine Häuserblocks noch, sechseckige Wohnkomplexe, dann waren sie am Ziel. Sie waren sich beide nicht mehr so sicher, was sie vorfinden würden, und ihre Ahnungen verhießen nichts Gutes.

Am Ende des ersten Blocks sahen sie den Schatten.

Die Sonne stand bereits tief am Himmel und warf ihr Licht von rechts durch die Straßenzüge zwischen den Wohnblocks auf ihren Weg. Der Schatten, der von rechts auf ihren Weg fiel, verriet ihnen, dass jemand hinter der Ecke stand und auf sie wartete. Jedenfalls mussten sie es annehmen; sie konnten es sich nicht leisten, ein Risiko einzugehen.

Faahde und Laoorde drückten sich an die glatte Wand, dann machte Faahde der Gefährtin klar, was sie zu tun hatten. Laoorde nickte, und sie zitterte leicht. Sie riss sich zusammen, denn sie brauchte eine sichere Hand. Aus einer Tasche ihrer Kombination nahm sie eine kleine Injektionskapsel und führte den Inhalt dem Blutkreislauf zu. Sofort wurde sie ruhig. Sie gab der anderen zu verstehen, dass sie bereit sei.

Faahde holte tief Luft, dann ging sie mit festem Schritt weiter, ohne auf den Schatten zu achten. Scheinbar sorglos ging sie voran.

Laoorde presste sich weiterhin an die Wand. Mit der Linken stützte sie den rechten Arm, um eine größere Zielsicherheit zu haben. Wenn das Projektil ihrer Waffe nicht beim ersten Mal traf, würden sie keine zweite Chance haben, sollte hinter der Ecke tatsächlich ein Schazaam auf sie lauern.

Sie durfte nicht daran denken, dass es mehrere sein könnten.

Faahde erreichte die Ecke und ging weiter, scheinbar sorglos. Der Schatten bewegte sich nicht, und Laoorde begann schon zu hoffen, dass sie einem Irrtum verfallen waren.

Dann jedoch kam Leben in ihn, und fast gleichzeitig schob sich eine Gestalt, die einem Alptraum entsprungen zu sein schien, auf den Weg.

Das monströse Wesen mochte eine Größe von zweieinhalb Metern haben und stand auf drei elastischen Beinen, die eher Tentakeln glichen. Von seinem Oberkörper, auf dem ein klobiger Kopf saß, zweigten vier ebenfalls elastische Arme ab, die heftig um seinen Körper schlingerten. In zwei der riesigen Hände hielt er große Steine, die anderen beiden waren zu Fäusten geballt.

Laoorde musste trotz der Injektion tief durchatmen. Es war nicht nur der Anblick des Wesens, der sie fast lähmte. Es war vielmehr die Erinnerung an die Vorgänge, die erst zum Entstehen der Schazaam geführt hatten.

Als das Monstrum mit einem der Arme, der einen Stein hielt, ausholte, um Faahde in den Rucken zu treffen, schoss Laoorde das Projektil ab.

Der Schazaam war sofort tot, und mit Widerwillen und einer gehörigen Portion Überwindung näherte sie sich dem monströsen Körper.

Laoorde begann zu zittern. Trotz der Injektion gelang es ihr nun nicht mehr, ihre Nerven unter Kontrolle zu bringen. Faahde, die dem allem ungleich kühler gegenüberzustehen schien, riss sie mit sich fort und zerrte sie in Richtung des Quartiers. Sie rannten die Straße entlang, ohne sich um eventuelle weitere Angreifer zu kümmern.

Als sie ihren Unterschlupf, ein gut zu übersehendes und noch bestens erhaltenes ehemaliges Bürogebäude, erreichten, sahen sie die beiden Flugboote.

Der eigentliche Schock kam jedoch, als sie die Wesen sahen, die hinter den transparenten Kuppeln der Boote saßen oder im Eingang ihres Quartiers standen und sie abwartend ansahen.

*

Es war bereits später Nachmittag, als die beiden Flugboote jenes Bauwerk erreichten, von dem der gefunkte Hilferuf immer noch ausging. Immer wieder hatten sie Zwischenlandungen vorgenommen, wenn sie geglaubt hatten, irgendwo eine Bewegung zwischen den Ruinen wahrgenommen zu haben. Doch immer wieder sahen sie sich enttäuscht.

Während des Fluges sahen die Männer und Frauen der BLACKBIRD, die sich an Bord der beiden Boote befanden, das wahre Ausmaß, das auch hier die Verwüstung bereits erreicht hatte. Überall wucherte die Natur unkontrolliert über zerfallene Bauwerke. Kleine Tiere huschten zwischen Ruinen hin und her.

Dann hatten sie den Ausgangspunkt der Impulse erreicht und waren in das Bauwerk eingedrungen, das, ebenso wie die meisten in der Stadt, einen sechseckigen Grundriss hatte und einige Stockwerke hoch in den nun wieder klaren Himmel ragte.

Überall waren wertvolle technische Geräte installiert, komplizierte Anlagen, die eine Vorstellung darüber erlaubten, wie hoch die planetare Kultur technisiert war. Niemand glaubte mehr ernsthaft daran, dass jene Wesen, deren tote Artgenossen man gestern gefunden hatte, dies hier geschaffen hatten. Alles war darauf eingerichtet, von zumindest menschenähnlichen Lebewesen bedient zu werden.

Leslie St. Patrick erreichte zusammen mit Ursula Lindner, die gerade vor dem Start der BLACKBIRD von der Erde von einer strapaziösen Untersuchung auf latent vorhandene telepathische Begabung zurückgekehrt war, jenen Raum, in welchem die Funkgeräte aufgebaut waren.

Wieder beschlich den Mann jenes Unbehagen, das ihn seit der Landung auf EDEN bedrückte. Das alles war zu phantastisch, kam zu plötzlich, um als real hingenommen werden zu können. Ohne tiefe Widersprüche aufzuwerfen.

Seit nunmehr anderthalb Jahrhunderten betrieb die irdische Menschheit den interstellaren Raumflug. Noch niemals hatte man auch nur eine annähernd menschliche Lebensform vorgefunden. Jedes Schiff, das ein neues System jenseits der Grenzen der erforschten und teilweise besiedelten Raumregion anflog, trug die Hoffnung, mindestens eine halbwegs intelligente Rasse vorzufinden, auch wenn sie nicht mit den Menschen vergleichbar war.

Und nun traf man hier auf etwas, das nur eine einzige, phantastische und unglaubliche Konsequenz erlaubte, obwohl der letzte Beweis noch fehlte.

St. Patrick hatte die einzig möglich erscheinende Erklärung bereits vor Stunden beiseitegeschoben. Es war undenkbar, dass die Leute hier von frühen irdischen Kolonialisten abstammten. Es waren nicht viele Welten, die sich für eine Besiedlung geeignet hätten. St. Patrick wusste über die Kolonisationsprogramme, vor allem aber über die Geschichte der irdischen Expansion, bestens Bescheid. Noch nie hatte ein terranisches Schiff diesen Sektor angeflogen. Er erinnerte sich an die Fälle aus der Anfangszeit der überlichtschnellen Raumfahrt, als mehrmals Schiffe einfach verschwunden waren. Doch damals wäre kein Schiff in der Lage gewesen, die Entfernung von der Erde bis hierher zu überbrücken.

St. Patrick wusste, dass es keine Verbindung zur Erde geben konnte. Ein anderer Gedanke beschäftigte ihn dafür um so mehr. War es denkbar, dass die BLACKBIRD, als sie sich in der Nähe des Black Hole bewegt hatte, einer Zeitverzerrung unterlegen und in die Zukunft versetzt worden war? Es schien nach dem Stand der Forschung festzustehen, dass in unmittelbarer Nähe eines Black Hole das normale Universum gekrümmt war. Phantasiebegabte Geister hatten bereits die Ansicht geäußert, durch Manipulationen in Nähe eines Schwarzen Lochs Zeitreisen durchführen zu können.

»Komm zu dir, Les.« Die Frau, deren Haare in intensivem Orange getönt waren, hatte sich mit den Instrumenten beschäftigt und das Funkgerät gefunden. Es handelte sich bei dem Hilferuf tatsächlich um einen automatischen Endlosspruch. Niemand konnte ahnen, wie lange dieses Gebäude bereits verlassen war.

*

Erst jetzt kam Peter Kendall dazu, die beiden Frauen näher zu betrachten. Stolz wie Amazonen standen sie in der Mitte des Raumes und schwiegen beharrlich auf alle Fragen.

Amazonen! Das schien Kendall das richtige Wort zu sein. Die beiden waren hochgewachsen und boten das, was man in der Mitte des vorigen Jahrhunderts als den Idealtyp einer attraktiven Frau bezeichnet hätte - jedenfalls, was die Figur und das Aussehen betraf. Ihre Verhaltensweise stand auf einem anderen Blatt.

Sie waren in metallisch schimmernde, eng anliegende Kombinationen gekleidet, die nahtlos bis zum Halsansatz ihren ganzen Körper zu umschließen schienen und aus einem feinen Gewebe aus Metallfasern zu bestehen schienen. Am Hüftgelenk wuchs ein Halfter aus der Kombi, in welchem eine Waffe steckte. Kendall vermutete, dass es sich um jene Projektilwerfer handelte, mit welchen das am Abend zuvor tot aufgefundene Wesen zerfetzt worden war.

Die Haare der Frauen waren pechschwarz und verbreiteten in der Beleuchtung der Zentrale einen bläulich schimmernden Glanz. Sie hingen strähnig ins Gesicht und über die Schultern und verbargen zum großen Teil die wild aussehenden Augen.

Die Gesichter wirkten verschlossen und misstrauisch. Die beiden schienen nicht an einem schnellen Kontakt interessiert zu sein.

Leslie St. Patrick, Ursula Lindner, Sven Falk und ein Fremdrassenpsychologe, der hier zum ersten Mal die Gelegenheit sah, seine rein theoretisch ausgeprägte Wissenschaftsdisziplin praktisch anzuwenden, saßen im Hintergrund der zentrale und verhielten sich schweigend.

Kendall ging zu einem der Aufzeichnungsgeräte hinüber und ließ den Hilferuf ablaufen. Dabei sah er fragend in die Augen der beiden Frauen.

Als er keine Reaktion erzielte, begann er, ihnen in ihrer Sprache, die sich die meisten der Besatzungsmitglieder mittlerweile durch Hypnose angeeignet hatten, Fragen zu stellen.

Wieder hatte er keinen Erfolg. Er hatte das sichere Gefühl, dass die Verschlossenheit der beiden auf einen tief greifenden Schock zurückzuführen war.

Es war ein Zufall, der ihm helfen sollte, den Kontakt herzustellen. Mitten in die sinnlose Befragung hinein platzte die Stimme einer Frau, die ohne Vorankündigung auf einem der Monitore erschien. Kendall erkannte eine der Mitarbeiterinnen der physikalischen Sektion des Schiffes.

»Mr. Kendall!«

Unwillig wandte der Angerufene sich dem Monitor zu.

»Ein Beben gewaltigen Ausmaßes ist auf dem Weg hierher. Wir müssen damit rechnen, dass diese ganze Gegend in Schutt und Asche zusammenfällt. Wenn wir nicht unverzüglich starten, brauchen wir uns über unsere Zukunft keine Sorgen mehr zu machen.«

Das Gesicht der Frau verschwand von dem kleinen Schirm und zeigte das Bild verwüsteter und in Bewegung befindlicher Gebiete, in denen sich Dschungel und Siedlungen abwechselten. Kendall wurde blass.

Es waren die ersten Morgenstunden des neuen Tages. Die Robotsonden, die die Bilder lieferten, schwebten hoch über der Oberfläche und ließen das ganze Ausmaß der sich anbahnenden Katastrophe erkennen.

»Wie weit noch?« Kendall hatte die beiden Frauen vergessen.

»Gut zweihundert Kilometer, aber es kommt schnell näher. Wir müssen sofort hier weg, wenn wir nicht ...«

»In Ordnung. Danke!«

Kendall unterbrach die Verbindung und stöhnte hörbar auf. Er hatte die Hand an den Schaltungen des Bordfunks, als er bemerkte, dass eine schlanke, hochgewachsene Gestalt neben ihm stand.

Überrascht blickte er auf und sah, dass es eine der beiden fremden Frauen war. Mit geweiteten Augen starrte sie auf den mittlerweile verloschenen Schirm des Monitors. Sie schien nicht begreifen zu können, was sie gesehen hatte.

Dann begann sie in ihrer singenden Sprache zu sprechen.

»Wir müssen weiter nach Norden. Wir hätten nicht gedacht, dass es so schnell kommen würde. Deshalb sind unsere Gefährten verschwunden.«

Kendall begegnete dem Blick der Frau. Er stellte fest, dass die Ablehnung darin verschwunden war.

»Sie müssen uns verstehen«, sagte sie. »Wir mussten annehmen, dass Sie für das Verschwinden unserer Gefährten verantwortlich sind. Fliegen Sie nach Norden, bevor es zu spät ist!«

Kendall erinnerte sich daran, dass St. Patricks Gruppe jenes Gebäude, das anscheinend das Quartier der beiden gewesen war, verlassen vorgefunden hatte. Also musste noch vor kurzer Zeit eine größere Gruppe von Planetariern dort gelebt haben.

Eine Reihe von Fragen drängte sich ihm auf, doch er hatte keine Zeit, sie zu stellen. Über Bordfunk informierte er die Besatzung und veranlasste das Notwendige.

*

Insgesamt acht Flugboote standen über der Stadt und der BLACKBIRD in der Luft. Kendall hatte sich in Übereinstimmung mit Technikern dafür entschlossen, das Schiff aufzugeben. Es wäre fraglich gewesen, ob ein Start mit ihm schnell genug hätte erfolgen können.

Sie brauchten nicht lange zu warten. Keine zehn Minuten nach dem Verlassen der BLACKBIRD begann die Erde unter ihnen zu zittern. Erste Gebäude stürzten zusammen. Die Luft um sie herum geriet in heftige Bewegung. Die Boote stiegen höher und zogen sich auseinander, um der Gefahr einer zufälligen Kollision vorzubeugen. Immer wieder trafen heftige Böen auf. Die Piloten der einzelnen Boote mussten all ihre Kunst aufwenden, um sie aufzufangen.

Wenige Minuten nach Einsetzen des Bebens tat sich die Erde auf und ein tiefer Riss zog sich quer durch den Dschungel, erreichte die Stadt und setzte sich jenseits ihrer Grenzen am anderen Ende im Dschungel fort. Immer mehr Gebäude stürzten in den Schlund. Staubwolken stiegen in den Himmel hoch.

Und dann begann der schlanke, aufrecht stehende Torpedoleib der BLACKBIRD sich zur Seite zu neigen. Immer schneller werdend kippte er zur Seite, um schließlich in dem nun mindestens fünfzig Meter breiten Erdspalt zu versinken.

Die acht Boote beschleunigten gleichzeitig und flogen Richtung Norden. Nach Auskunft der beiden Frauen gab es dort eine Reihe von Plateaus im Dschungel, wo sie vorläufig vor Naturkatastrophen und vor jenen Wesen geschützt sein sollten, vor denen sie panische Angst hatten.

Sie nannten sie Schazaam.

*

Nach fast vierstündigem Flug in nördliche Richtung, der sie immer weiter von den gefährdeten Gebieten weggeführt hatte, fanden sie ein Hochplateau im dichten und unübersichtlichen Dschungel. Es war mit flachen Gebäuden übersät, die offenbar verlassen waren. Kendall ließ die Boote landen.

Bald stellte sich heraus, dass ihre Vermutung richtig war. Die Siedlung auf dem Plateau, das selbst die höchsten Urwaldriesen um fast zehn Meter überragte, war verlassen.

Die acht Beiboote mit dem Rest der BLACKBIRD-Besatzung und den beiden Frauen an Bord setzten auf. Die Leute stiegen aus und sahen sich um. Schließlich begann man damit, sich für die erste Zeit hier einzurichten.

Am Abend wurden die nötigen Ausrüstungsgegenstände ausgeladen und in jene Flachbauten geschafft, die sich die Leute als Quartier ausgesucht hatten. Auch hier wieder die Ähnlichkeit mit der Architektur der Erde.

Vom Plateau führte ein einziger Pfad zwischen Felsen hinab in den Dschungel. Dementsprechend war ihr Quartier relativ gut gegen eventuelle Angriffe aus dem Dschungel zu verteidigen. Die beiden Frauen, die sich Pacla nannten, hatten eindringlich vor jenen Kreaturen gewarnt, die sie Schazaam nannten. Im Laufe der Zeit hatte ihre Furcht vor den mysteriösen Kreaturen auch bei der BLACKBIRD-Besatzung um sich gegriffen. Am Zugang zum Plateau wurden zwei Posten aufgestellt, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein.

Als die Nacht hereinbrach, saßen einige Dutzend Männer und Frauen zusammen und diskutierten ihre Lage. Andere versuchten zu schlafen und die Gedanken an die nächsten Tage, Wochen und vielleicht Monate zu vertreiben. Wieder andere saßen im Freien und starrten hinauf in den Himmel, wo irgendwo das schwarze Ungeheuer darauf wartete, sie mitsamt dieser Welt zu verschlingen.

*

Am anderen Morgen wurde er dadurch wach, dass jemand an seiner Decke zerrte. Zuerst glaubte er, es sei einer der beiden Männer, mit denen er den Raum teilte. Dann erkannte er das Gesicht Kendalls.

Er blickte auf die Uhr, die mittlerweile der Rotation PACLAS angepasst war. Sie wich nur geringfügig von der irdischen ab. Es war gerade fünf Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch das offene Fenster ein.

Leise, um die anderen nicht aufzuwecken, begann Kendall zu sprechen.

»Es war nicht einfach, aber ich habe etwas aus ihnen herausbekommen. Es gibt Arbeit, Les!«

St. Patrick richtete sich auf der Liege auf.

»Ich habe es mir gedacht.«

Kendall lächelte breit. Es war nicht das Lächeln eines Mannes, der sämtliche Hoffnung über Bord geschmissen hatte.

»Sie haben ihre Gruppe verloren«, erklärte er. »Und sie glauben, dass sie unterwegs sind zur URZELLE.«.

»URZELLE?«

Kendall nickte bestätigend.

»Sie redeten nicht sehr gern darüber, und ich musste es ihnen einzeln aus der Nase ziehen. Sie haben einen Mythos, ein Heiligtum, das sie zu einem Tabu gemacht haben. Seit Jahrhunderten ist niemand aus ihrem Volke mehr in der Nähe dieses Dings gewesen - was immer es sein mag. Nur Auserwählte pilgern hin, wenn sie fühlen, dass sie sterben müssen. Nun jedoch, wo sie wissen, dass ihnen und ihrer Welt keine Hoffnung mehr bleibt, scheinen sie die Scheu überwunden zu haben. Sie glauben fest, dass ihre Gefährten die Stadt verlassen haben, als sie die Katastrophe herannahen sahen. Das muss schon Tage her gewesen sein. Frag mich nicht, wie sie das voraussehen konnten. Nicht nur sie, sondern ganze Scharen von Flüchtlingen scheinen auf dem Weg zu dieser URZELLE zu sein. Wahrscheinlich wollen sie dort das Ende ihrer Welt erleben.«

»Und?« St. Patrick tat unbeeindruckt, obwohl sofort wieder der Schleier des Geheimnisses durch sein Denken glitt. Seine Frage war unnötig. Er wusste auch so, was kommen würde.

»Du schnappst dir genügend Leute und zwei Boote und fliegst los. Die beiden werden dich begleiten.«

»Die zwei haben nichts dagegen, dass Fremde ihr Heiligtum betreten?«

»Betreten ist wohl nicht der richtige Ausdruck. Außerdem wissen wir ja noch lange nicht, was es überhaupt ist.«

»Du glaubst auch, dass wir noch eine Chance haben?«

»Wenn wir die Hände in den Schoß legen, haben wir keine!«

»Ich meine«, St. Patrick suchte nach den passenden Worten, »du glaubst doch auch nicht an einen Zufall, was die Zivilisation hier angeht?«

Kendall lächelte geheimnisvoll. »Sieh zu, dass du beizeiten bist, Les! Such dir die richtigen Leute aus.«

*

Laoorde saß dicht an die Innenwand des Flugbootes gepresst und sah die Oberfläche PACLAS unter sich hinwegziehen. Hatte sie anfangs Schwindel empfunden, so genoss sie nunmehr das sich bietende Bild. Es war lange her, dass auf PACLA ein funktionierender Flugverkehr möglich gewesen war. Ihre Gedanken kreisten um die Fremden, die so unvermittelt aufgetaucht waren. Natürlich hatten sie und ihre Gefährten niemals die Hoffnung aufgegeben eines Tages doch noch Hilfe aus dem All zu erhalten Sie wusste nicht, wieso. Aber es hatte niemals einen Zweifel darüber gegeben, dass der Weltraum von Raumschiffen durchflogen wurde, die schneller waren als das Licht. Es war für sie eine ebensolche Selbstverständlichkeit wie die Bewegung der Gestirne, obwohl sie niemals Kontakt zu solch einer Zivilisation gehabt hatten.

Sie wussten es einfach.

Als sie dann die Fremden vor dem verlassenen Quartier vorgefunden, hatten, hatten sie beide einen Schock erlitten, für den es keine logische Erklärung gab. Die PACLAS waren logisch denkende Wesen, und es hätte nie zu einer solchen Reaktion kommen dürfen, wie es geschehen war, als sie den Fremden gegenübergestanden hatten.

Es war dem Schock zuzuschreiben, dass sie im ersten Moment die Fremden mit dem Verschwinden ihrer Gefährten in Verbindung gebracht hatten. Ebenso war ihr nunmehr unverständlich, wie sie jenen Wesen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um ihnen zu helfen, mit so viel Misstrauen und Ablehnung hatten begegnen können.

Laoorde wusste, dass auch Faahde dachte wie sie. Und auch Faahde hatte zugestimmt, ihnen von der URZELLE zu erzählen.

Beide waren überzeugt, dass ihre Gruppe und viele andere überlebende PACLAS, sogar die Banden in den Städten, schienen zur Besinnung gekommen zu sein und sich ihnen angeschlossen zu haben. Bereits bevor sie vor fast zehn Tagen ihre Gefährten verlassen hatten. Es war wie ein Trieb, der das logisch Denken überlagerte und zum Schweigen brachte.

Der Weg dorthin führte durch wildes Gebiet, durch Dschungel und über überwucherte Pfade. Laoorde erschauderte bei dem Gedanken an das, was auf dem Weg auf ihre Gefährten lauern mochte.

Wie so oft führten ihre Gedankengänge zu den Schazaam. Immer noch hatte sie das grausame Bild vor Augen, das Bild des zerschmetterten Postens vor ihrem Quartier in Caal. Ähnliche Bilder mischten sich in diese Vorstellung hinein.

Und wie jedes Mal, wenn ihre Gedanken um die Kreaturen kreisten, endeten die Gedankengänge bei jenen verhängnisvollen Experimenten des vorigen Jahrhunderts, dem die Schazaam ihr grausame Existenz verdankten.

Es war mehr als nur die panische Furcht vor den monströsen Wesen, mehr als die Erinnerung an verwüstete Siedlungen und grausam zugerichtete Pacias, das wie ein dunkler Schatten über ihrem Denken lag. Es war vielmehr das Bewusstsein einer großen, nie wieder gut zumachenden Schuld, die ihr Volk auf sich geladen hatte.

Es quälte sie, sich eingestehen zu müssen, dass nicht die Schazaam diejenige waren, die die Schuld für das trugen, was sich seit nunmehr mehreren Jahrzehnten auf PACLA abspielte. In mancher besinnlichen Stunde hatte sie sich bei dem Gedanken ertappt, dass alles anders gekommen wäre, hätte man damals den Retortenwesen Verständnis statt Ablehnung und Aggression entgegengebracht.

Laoorde spürte die Hand der Gefährtin auf der ihrigen. Ein Blick in ihr Gesicht verriet ihr, dass sie über ihre Gedanken informiert war. Zwischen ihnen hatte es niemals eine Blockade gegeben.

Wieder sah sie aus dem Fenster des Flugkörpers. In einiger Entfernung bewegte sich ein glitzender Punkt parallel zu ihnen. Es war das zweite Boot.

Laoorde schätzte, dass sie die Hälfte des Weges hinter sich hatten. Sie kannte, ebenso wie Faahde, nur ungefähr die Gegend, wo sie die URZELLE zu suchen hatten. Beide mussten sich auf Überlieferungen stützen, Legenden, die noch auf diejenigen zurückzuführen waren, die die alten, längst verschollenen Schriften gelesen hatten. Seit Jahrhunderten war niemand mehr zurückgekehrt, der sich in Erwartung des nahenden Todes auf den Weg zur URZELLE gemacht hatte.

Sie hörte, wie Faahde Anweisungen gab, die der vor ihr Sitzende über Funk an den anderen Flugkörper weitergab. Laoorde musste sich eingestehen, dass von dem Mann eine eigenartige Faszination auf sie ausging. Ein Gefühl, das sie nie in ihrem Leben kennengelernt hatte und das ihr dennoch auf eine unverständliche Art und Weise vertraut vorkam. Es war ein Gefühl in ihr, als dringe etwas aus ihrem Innersten nach draußen, etwas, das lange geschlummert hatte.

Die Männer auf PACLA waren Parasiten. Gebrauchsgegenstände, deren einzige Funktion darin bestand, die Fortpflanzung der paclaschen Rasse und damit ihren Fortbestand zu garantieren. Selbst die Natur schien diesem Umstand Rechnung zu tragen. In den letzten Jahrhunderten hatte sich das Verhältnis der Geschlechter zueinander krass verschärft. Immer weniger Männer wurden geboren, dafür immer mehr weibliche Paclas.

Die Fremden waren in der Hauptsache Männer. Hatte sie zu Anfang nichts als Verachtung für die Fremden empfunden, so musste sie sich nunmehr eingestehen, dass die Männer der Erde alles andere waren als jene Gestalten, die sie von ihrer eigenen Welt her kannte.

Der Mann im Sitz vor ihr, der das Boot steuerte, stieß seinen Nachbarn an den Instrumenten an und deutete durch die transparente Wandung nach unten. Laoorde folgte der Geste und entdeckte nach kurzer Suche die Bewegung unter ihnen.

Auf einem noch relativ gangbaren Weg bewegte sich eine Gruppe von Paclas. Als sie das Flugboot über sich sahen, blickten sie auf und blieben stehen. Für Laoorde bestand kein zweifel daran, dass ihr Ziel die URZELLE war.

Laoorde griff wieder nach der Hand der Gefährtin. Gemeinsam konzentrierten sie sich. Sie spürten, dass sie der URZELLE bereits sehr nahe waren.

*

Knapp eine halbe Stunde später drang eine Woge mentaler Impulse auf das vereinigte Bewusstsein der beiden Frauen ein. Sie ließen sich los, und augenblicklich verschwanden die Impulse.

Laoorde wusste plötzlich, dass sie am Ziel waren. Und sie wusste, dass sie nicht weiterfliegen durften.

»Nicht weiter!« Sie krallte ihre Hand in die Kombination des Mannes vor ihr. »Drehen Sie, Sie dürfen nicht weiterfliegen!«

Leslie St. Patrick drosselte unwillkürlich die Geschwindigkeit, ohne jedoch vom Kurs abzuweichen. Er bedeutete seinem Nebenmann, den Kontakt zum zweiten Boot zu halten.

»Wieso dürfen wir nicht weiter?« Er drehte sich um und sah den beiden Frauen in die Augen. Er erschrak, als er die fast panische Furcht darin sah.

»Ich weiß es selbst nicht«, stammelte die eine von ihnen, die hinter seinem Nebenmann saß und - wie St. Patrick mittlerweile wusste - Faahde hieß. »Es ist etwas da vorn vor uns - wir spüren es!«

St. Patrick sah seinen Nebenmann, einen jungen Piloten namens Jean Dupont fragend an. Der zuckte die Schultern.

»Wenn etwas vor uns wäre, müssten wir es sehen oder abmessen können. Sie müssen sich irren. Vielleicht espern Sie die psionische Ausstrahlung ihrer Leute, die unter uns zu ihrem Heiligtum pilgern.«

Die beiden Amazonen gerieten in immer stärker werdende Erregung. St. Patrick sah den flehenden Blick in ihren Augen. Ihre Lippen bewegten sich, als wollten sie etwas mitteilen, wofür sie keine Worte fanden.

Dann, langsam und zögernd, bewegten sich die Hände der beiden aufeinander zu. St. Patrick sah fasziniert und erschreckt zugleich, dass es sie eine große Überwindung kosten musste. Sie mussten Furcht vor etwas empfinden, ohne dieses Etwas zu kennen.

Als der Kontakt geschlossen wurde, bäumten sich die Körper der beiden Frauen auf. Sofort ließen sie sich los. Dennoch war es für die, die sich Laoorde nannte, scheinbar zu viel gewesen. Schlaff und leblos sank ihr Körper auf dem Sitz zusammen.

Noch bevor die andere ihm ihre Hände in die Schultern krallte und in panischer Angst zur Rückkehr appellierte, riss er die Steuerung herum. Es gab keine Anzeichen für ein Hindernis oder sonst etwas vor ihnen, aber irgendetwas in ihm warnte ihn vor dem Weiterflug. Er sah, dass das zweite Boot simultan mit ihnen wendete.

Das Flugboot hatte gerade eine Wendung von knapp 60 Grad vollführt, als St. Patrick wusste, dass es zu spät war. Wie ein flacher Stein, der auf das Wasser geschleudert wird, prallten sie gegen ein unsichtbares Hindernis und wurden mit Effet aus dem Kurs geschleudert. St. Patrick kniff die Augen zusammen, als die ganze rechte Seite des Bootes in helles Licht getaucht wurde. Wieder prallten sie gegen etwas. St. Patrick hatte das Gefühl, als glitten sie einen Moment lang an einer Wand aus reiner Energie entlang, ohne dass diese ominöse Wand mit den Augen oder den Instrumenten auszumachen war.

Er wartete auf den nächsten Stoß, doch er blieb aus. Mit unvermindertem Tempo glitt das Boot auf die Baumriesen unter ihnen zu. St. Patrick sah, dass sein Nebenmann sich um Susan Hearst kümmerte, die auf dem rechten Sitz der vorderen Dreierreihe saß. Ihre Stirn blutete, und sie war scheinbar ohne Bewusstsein.

Als er die Baumkronen unter sich immer näher, kommen sah, wachte er aus einer Erstarrung auf. Er versuchte, das Boot hochzureißen, doch er erzielte nur einen Teilerfolg. Der Sturz verlangsamte sich zwar, doch gelang es nicht, den Fall zu stoppen.

Was jetzt geschah, war mehr eine Reaktion des Instinktverhaltens als bewusstes Handeln. Leslie St. Patrick sah den Urwald näherkommen und versuchte weiterhin, den Fall zu bremsen. Dann tauchten die ersten Baumwipfel direkt unter und neben dem Boot auf. St. Patrick navigierte den nun doch verlangsamten Sturzflug zwischen die ersten Riesen hindurch. Es war ein regelrechter Slalom, der sie immer tiefer in das grüne Reich hineinführte. St. Patrick nahm nicht bewusst wahr, was seine Hände an der Steuerung ausführten. Es war wie ein Traum. Die Impulse, die seine Finger zur Bedienung der Steuerung veranlassten, schienen direkt aus dem Unterbewusstsein zu kommen.

Hinter sich nahm er einen heiseren Schrei wahr, als sie durch das Blattwerk einer Baumkrone brachen, der er nicht mehr hatte ausweichen können. Das Boot wurde erschüttert und der Sturz leicht abgebremst. Aber sie flogen weiter in einem spitzen Winkel der Oberfläche entgegen. Stellenweise war bereits das Unterholz des Dschungelbodens zu erkennen. Niemand in der Kuppel des Bootes wagte in diesen Augenblicken zu atmen.

Wieder gelang es St. Patricks Fingern, das Boot zwischen zwei nahe beieinanderstehenden Urwaldriesen hindurchzusteuern. Dann jedoch half auch die perfekteste Steuerkunst ihnen nicht weiter. Mit immer noch ansehnlicher Geschwindigkeit raste das Boot in eine grüne Mauer hinein, in der es keine Lücke gab. Bevor sie in das Gewirr von Ästen, Zweigen und Blättern einbrachen, sahen sie noch einmal eine freie Fläche unter sich.

Das Boot war bis auf etwa fünf Meter an die Oberfläche herangekommen.

Dann krachten sie in das Dickicht, und um sie herum versank die Welt.

*

Als Leslie St. Patrick die Augen aufschlug, blickte er in ein sonnenverbranntes, von pechschwarzen Haaren umrahmtes Gesicht. Er glaubte so etwas wie Erleichterung in den dunklen, großen Augen zu sehen. Dann spürte er, wie ihm eine Hand mit einem feuchten, kalten Tuch über die Stirn fuhr.

Es dauerte dennoch eine Weile, bis er begriff, wo er war und was geschehen war. Er sah noch einmal den Absturz vor sich, die grüne Wand des Dickichts - dann setzte die Erinnerung aus.

Er sah sich um und bemerkte, dass er mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gelehnt saß. In einiger Entfernung schimmerte das Material des Flugbootes, das quer im Unterholz lag. Wenige Meter von ihm entfernt lagen zwei Gestalten auf der von Moos und kleineren Sträuchern bedeckten Erde. Eine weitere Gestalt war über sie gebeugt und wartete anscheinend auf ihr Erwachen.

Überall lagen abgebrochene Zweige und aus dem Blattwerk gerissene große Äste auf dem Boden. Leslie St. Patrick hob leicht den Kopf und sah die Bresche im grünen Dickicht über ihnen.

Die Frau versuchte ein Lächeln und winkte den Mann herbei, der sich um die beiden Bewusstlosen kümmerte.

»Les, alles in Ordnung?«

»Ich weiß nicht recht.« Er versuchte, seine Gliedmaßen zu bewegen und stellte fest, dass es ohne große Schmerzen gelang. Bald wusste er, dass nichts gebrochen war. »Ich glaube schon!«

»So habe ich noch nie jemanden fliegen sehen!« Die Augen Duponts leuchteten in nachträglicher Begeisterung. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass irgendeiner von uns überleben würde.«

St. Patrick winkte ab.

»Was ist mit Ihnen?« Er blickte hinüber zu den beiden noch bewusstlosen Gestalten.

»Sue ist hart gegen die Instrumentenbank geschlagen, als wir auf dieses ... dieses Dingsda aufprallten. Es hat sie schlimm erwischt, aber sie lebt. Was mit unserer Freundin ist ...«

»Laoorde wird bald wieder bei Bewusstsein sein«, versicherte Faahde bestimmt. »Es wird nicht mehr lange dauern. Der Schock war zu viel für sie.«

St. Patrick betrachtete das Gesicht der Planetarierin. Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung in der Stadt. Damals waren sie und die andere dreckverschmiert und mit zerschundenen Knochen vor ihnen aufgetaucht. Ihr Verhalten hatte ein Übriges dazu beigetragen, dass er sich nicht sonderlich hatte für sie begeistern können. Ganz abgesehen davon, dass er und die anderen erst einmal genug damit zu tun hatten, die Erkenntnis zu verarbeiten, weit weg von der Erde auf ihre Ebenbilder zu treffen.

Nun sah er ein Gesicht über sich, das, abgesehen von einigen Schrammen, nicht mehr viel mit dem verwilderten Eindruck der Begegnung in der Stadt zu tun hatte.

»Auch wenn sie hier die Hosen anhaben«, fuhr es ihm durch den Kopf, »sie sind Frauen geblieben.« Sein Blick fuhr hinüber zu den Bewusstlosen. Er fragte sich, woher sie wusste, dass ihre Gefährtin bald wieder wach sein würde. Er wollte sich nicht eingestehen, dass er sich um Laoorde sorgte. Er durfte es sich ganz einfach nicht selbst gegenüber zugeben und versuchte das, was er in sich aufsteigen fühlte, zu unterdrücken.

Er konzentrierte sich wieder auf Faahde. Dupont kümmerte sich unterdessen erneut um die Bewusstlosen.

Erst jetzt sah St. Patrick, dass Faahde eine Waffe in ihrer Hand hielt. Er verzichtete auf eine Frage, denn er kannte mittlerweile die panische Angst der beiden vor der Wildnis und ihren Kreaturen. Eine Angst, die ihm unverständlich war. Er fühlte, dass mehr dahinterstecken musste als nur die Furcht vor den Räubern des Urwalds. Er dachte an die Kulturen der Erde. Auch dort gab es noch vor wenigen Jahrhunderten Naturvölker, die in ständigem Kampf mit der Natur lebten. Teilweise hatten sie die gefürchtetsten Feinde unter den Raubtieren des Urwalds zu Göttern erhoben, die sie anbeteten. Sie brachten Opfer, um ihren Zorn zu besänftigen.

Doch diese Wesen hier auf PACLA standen in ihrer technologischen Entwicklungsstufe nur wenig hinter den Menschen zurück. Es durfte keine Schwierigkeit für sie sein, mit Gefahren der Wildnis fertig zu werden.

St. Patrick erinnerte sich an seine verschiedenen Aufenthalte auf kurz besiedelten Planeten. Überall waren es die Menschen gewesen, die als Eindringlinge und Störenfriede in die Ökologie einer bisher unberührten Welt vordrangen. Die den seit Jahrmillionen bestehenden Frieden und ein ebenso altes Gleichgewicht störten. Keine Natur war feindlich. Aber jede Kreatur hatte ein Recht darauf, sich zu verteidigen.

St. Patrick wusste, dass irgendetwas auf und mit dieser Welt nicht stimmte, aber er wusste auch, dass er weder von Faahde noch von Laoorde so schnell eine Antwort bekommen konnte.

Vielleicht wussten sie es selbst nicht.

»Was war das?«, fragte er und sah Faahde dabei an. »Gegen was sind wir da oben geknallt?«

Faahde schwieg und blickte zu Boden. Er konnte sehen, dass sie nicht etwas verheimlichen wollte. Vielmehr schien sie mit sich selbst im Unklaren zu sein. Dann fasste sie sich und blickte auf.

»Es ist etwas ... ich weiß, dass Laoorde ebenso davon überrascht war wie ich. Die Impulse kamen und wir wussten, dass wir nicht weiterfliegen durften. Es ist wie eine uralte Erinnerung. Ich habe keine Worte dafür. Ich weiß nur, dass es mit der URZELLE zusammenhängt.«

Er sah, dass jedes ihrer Worte ehrlich gemeint war. Von Misstrauen war keine Spur mehr zwischen ihnen.

»Wir sind also unmittelbar davor?«

Sie nickte. »Es kann nicht mehr weit sein. Wir sind zwar durch den Aufprall ein Stück weggeschleudert worden, doch wenn wir erst einmal einen gangbaren Pfad gefunden haben, müssten wir in einigen Stunden dort sein. Vielleicht treffen wir auch bald auf andere Gruppen.«

St. Patrick sah auf die Uhr. Es war früher Nachmittag, und bis zur Dunkelheit würden ihnen noch gut sechs Stunden bleiben.

Plötzlich fiel ihm etwas ein.

»Jean, wo sind die anderen?«

Der Angerufene zuckte die Schultern. Leslie St. Patrick konnte sehen, dass eine der beiden Frauen langsam zu Bewusstsein kam, obwohl er nicht erkennen konnte, welche es war.

»Wir können nur hoffen, dass sie es ebenso glimpflich erwischt haben wie wir!«

St Patrick nickte grimmig. Das zweite Boot konnte viele Kilometer von hier abgestürzt sein. Natürlich gab es auch die Möglichkeit, dass es unbeschädigt geblieben war und sich in der Luft hatte halten können, doch er glaubte nicht daran. In diesem Falle hätten sie nach ihnen gesucht und sie mittlerweile gefunden.

Er stand auf und ging hinüber zu den anderen. Jetzt sah er, dass es Laoorde war, die mittlerweile zu sich gekommen war.

Wie es Faahde prophezeit hatte!

St. Patrick wusste, dass sie bei Berührung ihrer Körper eine Art telepathischen Kontakt herstellen konnten. In diesem Zustand waren sie auch in der Lage, aus einer bestimmten Entfernung die Gedanken ihrer Gefährten zu espern. Aber konnten sie auch die Gedanken eines Bewusstlosen wahrnehmen?

Als sie zusammensaßen, begannen sie, ihr weiteres Vorgehen zu beraten. Das Boot war nicht mehr zu gebrauchen, also mussten sie ihren Weg zu Fuß zurücklegen. Nach Versicherungen Faahdes würde es zügig vorangehen, wenn sie erst einmal einen der Pfade gefunden hatten, die zu ihrem Heiligtum führten. Doch weder sie noch die eben zu sich Gekommene konnten sagen, wo sie sich zurzeit befanden und wann sie auf einen Weg stoßen würden.

Alles, was sie wussten, war die Richtung, in die sie zu gehen hatten, wenn sie zur URZELLE gelangen wollten. Sie schienen sich dabei nach PSI-lmpulsen zu richten, die von dort ausgingen.

St. Patrick bezweifelte, dass sie noch vor Einbruch der Dunkelheit ihr Ziel erreichen würden. Ein Ziel, von dem sie nicht einmal wussten, was es darstellte.

*

Die kleine Gruppe war seit nunmehr gut fünf Stunden unterwegs, und die ersten Anzeichen der Erschöpfung machten sich zusehends bemerkbar. Der Weg hatte durch dichtes Unterholz und Gestrüpp geführt, und oft hatten sie Umwege machen müssen, weil ihnen umgestürzte Bäume und wuchernde Rankengewächse das Weitergehen versperrt hatten. Oder ganz einfach deshalb, weil die beiden Planetarierinnen sich geweigert hatten, bestimmte Gebiete des Dschungels zu durchqueren.

Keiner der drei Menschen hatte nach dem Grund gefragt. Aber immer wieder hatten sie zerdrückte Moosflächen, abgeknickte Äste und weitere Spuren dafür gefunden, das noch vor kurzer Zeit ein oder mehrere größere Lebewesen unterwegs gewesen sein mussten.

Die Sonne, die den ganzen Tag über seit ihrem Absturz heftige Eruptionen ins All geschleudert hatte, war längst nicht mehr zu sehen. Das Dickicht versperrte die Sicht. Die Folge war, dass die Dämmerung bereits früher als erwartet einzusetzen begann.

Sie waren übereingekommen, nach einer geeigneten Übernachtungsstätte Ausschau zu halten. Sie waren bereits mehrmals an kleinen Lichtungen vorbeigekommen, die relativ gut zu überschauen waren. Doch sie hatten die Hoffnung nicht aufgegeben, noch einen der von Faahde und Laoorde erwähnten Pfade zu finden, bevor es dunkeln würde. Es war den beiden anzusehen, dass sie sich vor der Übernachtung im Dschungel fürchteten. Noch mehr Furcht aber hatten sie vor einem Weitergehen während der Dunkelheit, solange sie nicht wussten, was noch vor ihnen lag.

Nach knapp einer halben Stunde fanden sie eine geeignete Stelle. Da es nun bereits zu dunkeln begann, luden sie ihr schweres und hinderliches Gepäck ab und richteten sich für die Nacht ein.

Faahde und Laoorde hatten die nähere Umgebung untersucht, wobei sie sich nie weiter als drei Meter voneinander entfernt hatten. Mit gezogenen Projektilwaffen waren sie durch das die Lichtung umgebende Unterholz gestrichen und hatten nach Spuren gesucht. Als sie zurückkehrten, schienen sie einigermaßen beruhigt zu sein. Dennoch blieb ein nicht zu übersehender Rest von Angst.

Auf ihr Anraten verzichteten sie auf alles, was die Aufmerksamkeit eventuell in der Nähe befindlicher Schazaam auf sie hätte lenken können. Dazu gehörte auch jede Art von Licht.

Sie legten ihre Sachen in der Mitte der Lichtung ab und benutzten sie als Rückenstütze und Kopfkissen zugleich. Dupont hatte von sich aus die erste Wache übernommen. St. Patrick würde ihn nach drei Stunden abwechseln.

Leslie St. Patrick dachte sich nichts dabei, als er sich neben Laoorde ausstreckte. Bevor sie versuchten, ein paar Stunden zu schlafen, nahm er einen Laser aus dem Gepäck und reichte ihn der Planetarierin. Was er selbst nicht recht erwartet hatte: Sie nahm die Waffe dankbar lächelnd an und legte sie griffbereit neben sich. Die Art, wie sie sie betrachtete, verriet, dass sie wusste, wie sie damit umzugehen hatte.

Auch neben St. Patrick lag eine Laserwaffe griffbereit im weichen Moos. Es war fast so, als steckte die Angst der Frauen die Menschen an. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Laoorde etwas aus einer verborgenen kleinen Tasche ihrer Kombination nahm und gegen den Hals presste, dort etwa, wo bei einem Menschen die Halsschlagader saß.

Er spürte, dass er nicht so leicht Schlaf finden würde. Weniger wegen der Umgebung, sondern vielmehr wegen der Gedanken, die ihn beschäftigten. Seitdem er von dem Plateau aufgebrochen war, wo Kendall mit den anderen wartete, hatte er fast vergessen, dass ihre aller Uhr in nicht langer Zeit für immer stehen bleiben würde. Das Ende war mit jedem Moment, der verstrich, ein Stück endgültiger. Bald würden auch hier die Beben einsetzen.

Er dachte an die URZELLE. Vielleicht war dies der Schlüssel zu dem Unerklärlichen, das sich ihnen auf dieser Welt offenbarte. Und einen kurzen Augenblick lang stieg so etwas wie Hoffnung in ihm auf; jähe Hoffnung darauf, dass das, was die Paclas wie ein Heiligtum verehrten, stärker und mächtiger sein könnte als das schwarze Monstrum - das sie immer enger umschlang mit seinen unsichtbaren Fängen und sie unbarmherzig und kompromisslos immer näher an sein gieriges Mal heranzog.

Es war Abend, und ein heftiges Wetterleuchten gab der Umgebung etwas Gespenstisches.

Peter Kendall blickte skeptisch hinauf in den teilweise wolkenbedeckten Himmel. Nur ein Mond war zu sehen.

Den ganzen Nachmittag über war die Sonne unruhig gewesen. Kendall fürchtete, dass die Stabilität des Systems nicht mehr lange anhalten würde. Über kurz oder lang würde der Planet seine Bahn verlassen und entweder in die Sonne stürzen oder sich von ihr in Richtung auf das Black Hole entfernen.

Erfrieren oder Verbrennen. Eines von beiden stand ihnen bevor, wenn sie nicht vorher Opfer einer Naturkatastrophe wurden.

Kendall kehrte, nachdem er seine Zigarette zu Ende geraucht hatte, in das Gebäude zurück. Ein Funker versuchte weiterhin vergeblich, Kontakt zu den beiden Booten herzustellen.

»Nichts?«

Der Mann schüttelte den Kopf. Seit sieben Stunden kein Lebenszeichen mehr von St. Patricks Gruppe.

»Versuch's trotzdem weiter!« Kendall klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Ich schaue nachher noch mal vorbei.«

Er verließ den Flachbau und begab sich zu seinem Quartier, wo er sich einen starken Tee aufgoss und darüber brütete, was sie unternehmen konnten. Die Untätigkeit begann ihn zu zermürben. Er wusste, dass auch die anderen dadurch die Zeit fanden, sich ihre Gedanken zu dem unabwendbaren Schicksal zu machen. Früher oder später wurden sie unter der Last des Unausweichlichen zusammenbrechen.

Er sah auf, als eine Gestalt am Fenster vorbeihuschte und kurz darauf eintrat.

»Anna!« Er war überrascht, gerade die Computerspezialistin, die sonst meist zurückgezogen von den anderen über ihren Büchern in ihrer Kabine hockte, um diese Zeit zu sehen.

Sie lächelte höflich, ging aber nicht weiter auf den Unterton in seiner Stimme ein. Stattdessen legte sie ihm ein zerschlissen aussehendes Buch in einem roten Plastikeinband auf den Tisch.

Kendall wusste im ersten Moment nicht recht, was er damit anfangen sollte. Er sah sie an und wartete auf eine Erklärung. Doch sie stand nur da und schien darauf zu warten, dass er sich das Buch näher betrachtete. Irgendetwas in ihrem Blick irritierte ihn. Erst jetzt sah er, dass sie alle Anzeichen innerer Erregung zeigte. Sie schien ihn innerlich anzuflehen, sich endlich anzusehen, was sie ihm gebracht hatte.

Er nahm das Buch in die Hände, betont vorsichtig. Denn nach dem Äußeren zu urteilen, musste es jeden Moment auseinanderfallen. Dann schlug er die erste Seite auf.

Peter Kendall wandte sich im Sitz um, kaum fähig, den Blick von dem aufgeschlagenen Text zu nehmen.

»Wo hast du das her, Mädchen?« Mit Mühe beherrschte er sich. Sie machte ein Zeichen hinaus auf die Flachbauten am Rand des Plateaus. Kendall nahm das Buch in die linke Hand und schob sie mit der Rechten vor sich hinaus ins Freie.

Die Frau ging voraus. Und mit einer Behändigkeit, die ihm kaum jemand, der ihn zum ersten Mal sah, zugetraut hätte, schritt Kendall hinter ihr her.

*

Leslie St. Patrick wachte auf, als Dupont ihn leicht am Ärmel der Kombination zog.

Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass der Zeitpunkt, wo er die Wache übernehmen sollte, um fast zwei Stunden überschritten war. Fragend sah er den anderen an.

»Du hast den Schlaf mehr verdient als ich«, flüsterte Dupont. »Ich war nicht müde und habe dich schlafen lassen. Aber jetzt geht's mit der Konzentration bei mir zu Ende.«

St. Patrick stand leise auf, um die anderen nicht zu wecken. Er klopfte Dupont auf die Schulter und murmelte ein »Danke«. Dann nahm er sich seinen Laser und hockte sich einige Meter von den Schlafenden entfernt ins Moos. Der Schlaf hatte gutgetan.

»War was?«, fragte er noch, bevor Dupont seine Sachen mit zur Schlafstelle nahm.

»Nichts. Ein paar kleine Tiere - na, das Übliche. Wir machen's ja nicht zum ersten Mal.«

St. Patrick lachte leise auf und sah ihm nach, wie er sich an seiner Stelle hinlegte. Er wunderte sich, dass er hatte schlafen können. Die Strapazen des Marsches durch den Dschungel mussten doch mehr Kräfte gekostet haben, als sie gedacht hatten.

Er lauschte in die Nacht hinein. Ein fahles Mondlicht fiel zwischen den Baumwipfeln auf die Lichtung herab. Außer den mittlerweile schon vertrauten Geräuschen des Urwalds war nichts Auffälliges zu hören.

Er rieb sich die Hände, denn die Temperatur war gesunken. Es war kalt geworden. Nach einer Weile sah er, dass auch Dupont eingeschlafen war. Er stand auf, ging am Rand der Lichtung entlang und spähte in den umgebenden Dschungel. Stellenweise war das Unterholz nicht sonderlich dicht und gab den Blick ein Dutzend Meter weit in das Dickicht frei.

Als St. Patrick ihr Lager einmal umrundet hatte, tat er vorsichtig ein paar Schritte in das Gestrüpp hinein, nachdem er sich noch einmal davon überzeugt hatte, dass um die Lichtung herum alles ruhig war.

An der Stelle, wo das beginnende Pflanzenreich am lichtesten war, drang er langsam tiefer in die Wildnis vor. Er achtete jedoch darauf, dass er jederzeit das Lager übersehen konnte.

Nach etwa zehn Metern blieb er stehen. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm, der gut und gern seine zwei Meter durchmessen mochte.

Zur Linken sah er das Lager und die Schlafenden. Von hier aus hatte er einen viel besseren Überblick. Im Ernstfall war er in wenigen Sekunden wieder an Ort und Stelle.

Er sog die würzige und unverbrauchte Luft in seine Lungen ein. Etwas wehmütig dachte er an das Klima auf der Erde, an jenes Gemisch aus ursprünglich einmal reiner Luft und Abgasen, in welchem die Menschen zu leben hatten. Die reine Luft hier schien neue, fast vergessene Lebensgeister zu wecken. Einen Moment lang vergaß er ihre Lage.

Ebenso wie hier muss es noch vor wenigen Jahrhunderten auf der Erde gewesen sein, dachte er. Und vielleicht wäre die GROSSE DEPRESSION Ende des 20. Jahrhunderts niemals möglich gewesen, wenn die Lebensbedingungen auf der Erde sich damals nicht so schnell und drastisch geändert hätten, trotz aller gegenteiligen Bemühungen.