101 Schlawiner - Jürgen Seibold - E-Book

101 Schlawiner E-Book

Jürgen Seibold

0,0
9,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

101 Dalmatiner, 1 toter Tierarzt, 0 Ahnung Seit der extravagante Hundesalon »Crew Ella« neben Robert Mondrians Buchhandlung eröffnet wurde, ereignen sich seltsame Dinge: Diebstähle häufen sich, und auf den Wegen an der Rems begegnet man so vielen Dalmatinern wie nie zuvor. Als ein Tierarzt im Salon erdrosselt wird, gerät schnell Besitzerin Ella Reitermann – stilbewusst wie ihre berüchtigte Londoner Namensvetterin und mit Dalmatiner-Faible – unter Verdacht. Nur hat sie ein Alibi. Doch manchmal beginnt die beste Spur dort, wo man am wenigsten Ahnung hat. Aber Achtung: Dieser Fall hat definitiv mehr Wendungen als ein Dalmatiner Flecken.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mehr über unsere Autorinnen, Autoren und Bücher:

www.piper.de

Wenn Ihnen dieser Krimi gefallen hat, schreiben Sie uns unter Nennung des Titels »101 Schlawiner« an [email protected], und wir empfehlen Ihnen gerne vergleichbare Bücher.

© Piper Verlag GmbH, München 2026

Redaktion: Kerstin von Dobschütz

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence, München mit abavo vlow, Buchloe

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem E-Book hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen und übernimmt dafür keine Haftung. Wir behalten uns eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.

Text bei Büchern ohne inhaltsrelevante Abbildungen:

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Prolog

Er konnte Selina am Fenster stehen sehen, der Mann hinter ihr drückte den Lauf einer Pistole gegen ihre Schläfe. Insgesamt hatte er fünf Kidnapper ausgemacht, zwei bewachten die Hintertür des Nachbargebäudes, zwei waren in der Wohnung im ersten Stock, davon der eine, der Selina bedrohte. Und einer musste wohl irgendwo im Haus unterwegs sein.

Robert schlich sich näher und achtete darauf, dass er möglichst dicht an der Mauer blieb. So würde ihn vom Nachbarhaus aus vielleicht niemand sehen können. Kurz darauf sah er vor sich die Hintertür des Gebäudes; ein vierschrötiger Typ stand neben dem Eingang und rauchte. Er ging auf und ab, und Robert prägte sich den Rhythmus ein, in dem er die Richtung wechselte. Als er sich wieder von Robert abwandte, spurtete der geduckt auf ihn zu, und noch bevor er begriffen hatte, wer da mit schnellen Schritten in seinem Rücken heranflitzte, lag er schon besinnungslos auf dem Boden.

Sein Kumpan hatte die Bewegung jenseits der Tür wahrgenommen, doch als er noch fragend durch den Türspalt spähte, hatte ihm Robert schon einen Finger ins Auge gesteckt. Blitzschnell krümmte er seine Fingerspitzen, bekam die Nase des anderen zu fassen und zog sie mit einem Ruck zu sich her. Die Tür schwang auf, der Gegner stolperte nach vorn und lief genau in den schweren Haken, den Roberts linke Faust beschrieb.

Robert stand zwischen den beiden Bewusstlosen und lauschte. Im Haus war es still. Er huschte die Treppe hinauf und machte sich ein Bild von der Lage in der Wohnung. Selina sah nach wie vor zum Fenster hinaus, von hinten drängte sich der Mann mit der Waffe an sie heran. Er wandte dem Zimmer den Rücken zu und drückte sich gegen Selina. Ihrem Gesichtsausdruck war anzusehen, wie sehr ihr das Verhalten ihres Peinigers zuwider war.

Das ging Robert nicht anders. Er sah den Komplizen des Mannes links von sich auf einem Stuhl hocken. Er hatte die Beine ausgestreckt und gaffte Selina an, die ein eng anliegendes Kleid trug, unter dem sich ihre Figur überdeutlich abzeichnete. Es fehlte nicht viel, und der Mann auf dem Stuhl hätte während des Glotzens losgesabbert, aber das beendete Robert mit einem gezielten Hieb. Er packte den Gauner, den er ausgeschaltet hatte, und rückte ihn so zurecht, dass er nicht vom Stuhl kippte. Dass ihm das gelang, ohne irgendein Geräusch zu verursachen, machte ihm sogar mitten im Traum bewusst, dass er träumte.

Dann schlich er auf den Mann zu, der Selina in seiner Gewalt hatte. Irgendetwas musste Robert nun doch verraten haben, entweder eine Spiegelung im Fenster oder einer seiner Schritte. Der Mann mit der Waffe fuhr herum, brachte Selina als Deckung zwischen sich und Robert. Abwechselnd zielte er auf ihn und seine Freundin. Und während Robert fieberhaft darüber nachdachte, ob er dem Bösewicht etwas an den Kopf werfen konnte, krümmte der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht plötzlich nach vorn. Selina war ihm mit dem Absatz ihres Schuhs mit voller Wucht auf die Zehen getreten.

Im Nu war er bei dem Mann, dann über ihm, und mit zwei gezielten Fausthieben schaltete er auch den vierten Gegner aus. Er erhob sich. Selina stand vor dem Fenster und lächelte ihn zuckersüß an. Was für eine Frau, dachte Robert. Dann trat die neue Nachbarin neben seine Freundin, lächelte ihn noch einnehmender an und nahm eine sehr verführerische Pose ein. Selina wirkte einen Augenblick lang, als habe sie über Roberts Schulter hinweg etwas bemerkt und wolle ihn warnen. Dann musterte sie die Frau neben sich, sah Roberts Gesichtsausdruck, wurde ernst, schwieg und verschränkte die Arme vor der Brust.

Die Zeit verlangsamte sich, das Lächeln der Nachbarin wurde immer breiter, und aus den Augenwinkel sah er den fünften Mann näher kommen. Er sah, wie er zum Schlag ausholte, immer langsamer, immer bedrohlicher, und doch konnte sich Robert nicht bewegen oder den Blick von der Nachbarin abwenden.

Dann wurde es schwarz um ihn.

Robert erwachte, ohne zu wissen, was ihn aufgeschreckt hatte. Er sah sich blinzelnd um, es war noch mitten in der Nacht, und noch bevor die Erinnerung an den Traum von eben wieder in ihm aufstieg, ließ er sich aufs Kissen zurücksinken, schloss die Augen und schlief wieder ein.

Kapitel 1

Der Tag war ruhig gewesen, und er würde gleich noch ruhiger werden.

Robert Mondrian stand in der Tür seiner Buchhandlung und schaute seinem Mitarbeiter Alfons nach, wie er den Bollerwagen über den Marktplatz zog. Die Voliere auf dem Gefährt schaukelte ein wenig, die Gelbhaubenkakadus Sherlock und Watson saßen auf ihrer Stange und balancierten jede Bewegung geschickt aus. Passanten, die diesen Anblick noch nicht gewohnt waren, standen staunend und still, einige Einheimische kamen herbei und riefen den Vögeln Worte zu, die diese prompt mit krächzender Stimme wiederholten. Am Marktbrunnen stellten sich Alfons zwei kleine Mädchen in den Weg. Sie zwinkerten sich zu, dann kreischten sie und kicherten, aber als Sherlock und Watson ihre Schreie um ein Vielfaches verstärkt zurückgaben, stoben sie erschreckt davon.

Unter Gelächter, Rufen und den Antworten der Kakadus verschwand Alfons aus Roberts Blickfeld. Er ging die Kurze Straße hinunter, und als er das Beinsteiner Tor passierte, war noch ein letztes, sehr fernes Krächzen zu hören. Danach legte sich Stille über den Marktplatz.

Die Gäste an den Tischen vor dem Café Journal unterhielten sich, aber bis zur Buchhandlung gelangte nur ein unbestimmtes Murmeln. Die Läden ringsum hatten schon geschlossen oder wurden, wie die Buchhandlung und das Juweliergeschäft Gollmann, jetzt gleich abgesperrt. Auch aus dem Hundesalon im Nachbargebäude traten nun zwei Mitarbeiterinnen und gingen fröhlich plaudernd davon. Vor dem Ristorante Fontana saß Pasquale Fontana in der Abendsonne, neben ihm stand sein Sohn Lino, der Wirt. Und als der Junior zur Buchhandlung herüberschaute, streckte Robert alle Finger in die Luft. Lino nickte und hob den Daumen, dann ging er nach drinnen, um die zehn Minuten bis zum Eintreffen seines Gastes für das Backen frischer Panini zu nutzen.

Noch dampfend standen sie in einem kleinen Körbchen auf dem Tisch, als Robert vor dem Ristorante ankam. Lino wollte dazu einen Espresso servieren, aber den sollte sein Stammgast heiß genießen, deshalb wartete er, bis sein Vater den kleinen Plausch mit dem Buchhändler beendet hatte. Nun zischte und brodelte es, Robert nahm Platz, und sogleich standen das Tässchen und ein Glas Wasser neben dem Brotkorb.

»Danke«, sagte Robert und trank den Espresso. »Mit dem Bestellen warte ich noch auf Herrn Neher.«

Lino nickte und flitzte davon. Zwei Pärchen hatten das Ristorante betreten, er begrüßte sie wie alte Bekannte und brachte sie an einen Ecktisch weiter hinten im Lokal. Draußen eilte Kommissar Klaus Neher über den Marktplatz, auch ihn hielt Pasquale Fontana für ein kurzes Gespräch auf, aber diesmal schien es nicht um freundlichen Small Talk zu gehen: Der alte Fontana schien sich aufzuregen, und auch Neher hatte sichtlich Mühe, gelassen zu bleiben. Schließlich winkte der Seniorchef unwirsch ab, steckte die Pfeife in den Mund und paffte wütend vor sich hin. Kopfschüttelnd betrat Neher das Ristorante und war noch ganz aufgebracht, als er sich Robert gegenüber auf den freien Stuhl fallen ließ.

»Habt ihr Streit?«

Robert kannte Pasquale Fontana als gemütlichen Padrone, und Klaus Neher brachte als Kommissar der hiesigen Kripo ohnehin wenig aus der Ruhe.

»Ach, es ging wieder um den verschwundenen Familienschmuck.«

Neher winkte Lino Fontana herbei, bestellte ein Weizenbier, Robert orderte ein Glas Primitivo, dann waren sie wieder unter sich.

»Signore Fontana behauptet steif und fest, dass ihm das Zeug gestohlen wurde. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass er seine Klunker einfach verlegt hat. Ich meine, wer soll, bitte schön, in seine Dachwohnung hinaufkraxeln und ihm Ketten und Ringe klauen, wenn er sich stattdessen hier unten einfach Geld aus der Kasse nehmen könnte?«

»Na ja, die Kasse ist sicher besser geschützt als Familienschmuck in einer Dachwohnung«, gab Robert zu bedenken.

»Ja, natürlich, aber ich bin halt genervt davon, dass er mich ständig wieder darauf anspricht. Nur weil Fontana senior mich persönlich kennt, heißt das ja nicht, dass ich nicht mehr für Mord und Totschlag zuständig bin, sondern für geklaute Ringe.«

»Bitte seien Sie nicht böse auf meinen papà«, sagte Lino, der mit den bestellten Getränken zu ihnen zurückkam. »Er hängt eben sehr an den Sachen. Einen der Ringe hat ihm sein Großvater geschenkt, eine Perlenkette trug seine mamma, meine nonna, zu ihrer Hochzeit. Ich weiß gar nicht, ob der Schmuck viel wert ist, aber für ihn ist er unersetzlich. Familie, Sie verstehen?«

»Natürlich verstehe ich das«, seufzte Neher. »Aber haben Sie nicht selbst gesagt, dass er immer wieder Dinge verlegt und sie dann nicht mehr findet?«

»Ja, Herr Kommissar, und es ist zuletzt nicht besser geworden. Ich kann mich bei Ihnen auch nur entschuldigen für meinen papà. Aber was soll ich machen?«

»Schon gut, aber vielleicht könnten Sie ihm mal helfen, nach dem Schmuck zu suchen?«

»Habe ich natürlich längst gemacht, aber diesmal war er offenbar sehr gründlich mit dem Verlegen.«

Lino zwinkerte ihm zu, dann ging er wieder und klapperte in der Küche mit Töpfen und Pfannen. Und Robert Mondrian und Klaus Neher wechselten zu einem angenehmeren Thema.

 

Alfons Weber hatte die Voliere mit den Kakadus in seine Wohnung gebracht, die Vögel wirkten müde und waren vom Tag in der Buchhandlung und von den Begegnungen auf dem Heimweg sichtlich erschöpft. Seine Mitbewohner Ivanka und Basti hantierten in der Küche und versprachen, ein Auge auf Sherlock und Watson zu haben, und damit war Alfons auch schon wieder weg. Er hatte sich mit seiner Freundin Marie verabredet und radelte nun zu ihr nach Beinstein. Maries Eltern hatten den Belgischen Schäferhund Poirot aufgenommen, der durch den Mord am ehemaligen Staatsanwalt Dr. Heinrich Jäckel sein Herrchen verloren hatte. Nun wollten Marie und Alfons mit Poirot Gassi gehen und unterwegs in einem Biergarten einkehren.

Es war ein schöner Abend Ende April, und eine ganze Weile schlenderten Marie und Alfons flussabwärts an der Rems entlang. Ab und zu begegneten sie anderen Hundehaltern, die leere schwarze Plastiktüten an die Leine geknotet hatten. Einige kannte Marie aus der Nachbarschaft, man grüßte sich, hielt ein kurzes Schwätzchen oder ließ seine Vierbeiner aneinander schnuppern. Auf halbem Weg zur wuchtigen Brücke der Bundesstraße waren sie für eine Viertelstunde allein auf weiter Flur. Marie warf ein fingerdickes Aststück aufs Feld hinaus, und Poirot apportierte es mit großem Eifer ein ums andere Mal.

»Gib mir mal den Stock«, sagte Alfons und täuschte mehrfach an, dass er das Holz werfen würde. Poirot sah ihm zwar interessiert zu, aber er ließ sich nicht foppen. Er blieb still sitzen und flitzte erst los, als Alfons den Stock tatsächlich warf. Marie hatte die beiden beobachtet und schien sehr zufrieden mit dem Hund.

»Poirot ist zu klug, um auf deine Tricks reinzufallen«, sagte sie.

»Na ja, klug … Sherlock und Watson sind klug, aber ein Belgischer Schäferhund? Ich weiß nicht recht. Der befolgt nur deine Befehle, reagiert auf dich und bringt das Stöckchen zurück, mehr nicht.«

Marie wirkte ein bisschen eingeschnappt, aber bevor sie ihrem Freund widersprechen konnte, wurde sie von einem Ruf abgelenkt.

»Wotan!«, kam es von weiter vorn.

Ein Mann in Muskelshirt, Lederjacke und Jeans stand etwa zweihundert Meter vor ihnen auf dem Weg und rief erneut, blieb aber stehen. Eine Leine baumelte ihm vom Gürtel, und er sah wütend aufs Feld hinaus. Marie und Alfons folgten seinem Blick, ein Dalmatiner jagte in gestrecktem Galopp auf Poirot zu, der gerade mit dem Holzstück im Maul zu ihnen zurücktrabte und den anderen noch nicht bemerkt hatte.

»Poirot!«, kommandierte Marie kurz und legte ihre rechte Hand an den Oberschenkel.

Der Schäferhund beschleunigte, ließ den Stock zu Maries Füßen fallen und setzte sich neben sie. Der Dalmatiner war noch gut dreißig Meter von ihnen entfernt und hielt weiterhin in vollem Tempo auf sie zu.

»Wotan!«

Der fremde Hund kümmerte sich nicht um die Rufe des Mannes, und als der Dalmatiner nur noch zwanzig Meter von ihnen entfernt war, tätschelte Marie den neben ihr sitzenden Schäferhund, als müsse sie ihn beruhigen, obwohl sie doch selbst genug Grund hatte, beunruhigt zu sein.

Alfons jedenfalls war sehr beunruhigt. Er machte zwei Schritte nach hinten und sah erschrocken zu seiner Freundin. Die wich kein bisschen zurück, redete Poirot neben sich sogar noch zu. Der Schäferhund hatte gerade zu knurren begonnen und fletschte die Zähne. Auf Maries Worte hin sah er kurz zu ihr auf und entspannte sich wieder.

Noch zehn Meter war der heranspurtende Dalmatiner entfernt, da ging Marie in die Hocke und sah dem Hund entgegen.

»Na, du Feiner!«, rief sie ihm zu und streckte ihm ihre rechte Hand entgegen, die offene Handfläche nach oben gekehrt.

Der Dalmatiner bremste ab, kam etwa vier Meter vor Marie zum Stehen und sah sie verblüfft an. Marie tätschelte Poirot erneut, der Schäferhund machte es sich neben ihr auf dem Gras bequem und hechelte. Ihre rechte Hand hielt sie ausgestreckt. Zögernd kam der Dalmatiner näher, warf abwechselnd Marie und Poirot kurze Blicke zu, und als er Maries ausgestreckte Hand erreicht hatte, schnüffelte er ausgiebig daran.

»Ja, gut so, Wotan«, redete sie ruhig auf ihn ein, und nach weiterem Schnüffeln stupste er Maries Hand mit der Schnauze an und leckte einmal an ihren Fingern.

»Gut gemacht, Wotan«, sagte Marie und lächelte. »Und jetzt ab mit dir zu deinem Herrchen.«

Sie stand auf und deutete auf den Mann, der Wotan vorhin vergeblich gerufen hatte. Der Dalmatiner setzte sich in Bewegung, und als er sein Herrchen erreicht hatte, legte der ihm die Leine an und zerrte ihn in Richtung Stadt davon.

»Was war das denn?«, fragte Alfons, als Hund und Mann sich schon ein Stück entfernt hatten.

»Hab ich irgendwo gesehen«, sagte sie leichthin, »und hat ja funktioniert.«

 

Elsa Heberle flanierte so auffällig unauffällig zwischen Metzgerei Schwarzfuß, Café Journal und Juwelier Gollmann hin und her, dass sich einige der Gäste an den Tischen vor dem Café bereits amüsiert anstießen. Die Füße von Robert Mondrians Nachbarin schmerzten schon, und im Rücken war ein lästiges Ziehen zu spüren. Aber jetzt war Durchhaltevermögen gefragt, schließlich musste ihr Dorothee von Meier hier über den Weg laufen, und von ihr brauchte Elsa Heberle einige Antworten, ohne die sie ihre nächsten Plaudereien nicht gehaltvoll genug führen konnte.

Und tatsächlich tauchte die pensionierte Deutschlehrerin endlich auf. Gewohnt grellfarbig gekleidet, kam sie vom Rathaus her auf den Marktplatz gestöckelt, die bläulich-grauen Haare wie immer in einen strengen Dutt gezwungen. Sie winkte Pasquale Fontana zu, der auf seinem Lieblingsplatz vor dem Eingang des Ristorantes saß und qualmend dem Treiben in der Altstadt zusah. Dann fiel ihr Blick auf Elsa Heberle. Sie verlangsamte ihre Schritte und sah sich um, als würde sie einen Fluchtweg suchen, doch da hatte die Heberle sie längst erspäht und nahm nun wie zufällig Kurs auf die erhoffte Informationsquelle.

»Frau von Meier«, säuselte sie schon von Weitem, »wie schön, Sie zu sehen.«

Die andere zwang sich zu einem säuerlichen Lächeln.

»Geht’s denn gut?«, schob Elsa Heberle nach.

»Nun ja, es geht schon. Geht schon.«

»Das war ja eine Aufregung, nicht wahr?«

Zu gern hätte Dorothee von Meier behauptet, nicht zu wissen, worauf diese Tratschtante anspielte, aber der Eklat nach der jüngsten Lesung war längst Stadtgespräch. Und dass sie deswegen heute zum Rapport aufs Rathaus bestellt worden war, hatte nicht nur ihren Stolz verletzt. Sie musste außerdem befürchten, dass die Stadt Remslingen ihre Veranstaltungen künftig womöglich wieder weniger großzügig bezuschussen würde. Dabei hatte sie seit dem Tolkien-Wochenende vor vier Jahren ein so gutes Verhältnis zum jungen Oberbürgermeister aufgebaut, zum Kulturamt und zur rührigen Touristikorganisation der Stadt, die Führungen, Festivals und allerlei Feierlichkeiten zwischen Hochwachtturm und Wehrgang organisierte. Obwohl sie sich als Vorsitzende der Remslinger Kulturlese e. V. nicht gern in die Gestaltung ihres Programms reinreden ließ, traf sie sich doch zu den angesetzten Besprechungen, in denen Stadtführer wie Wolle Wieber, die Macher des Kulturzentrums Storchen am Beinsteiner Tor und viele andere, Winzer, Gastronomen oder Vereinsvertreter, ihre Ideen für die kulturelle Zukunft Remslingens vorstellten. Sie hörte brav zu, gab den meisten recht, und am Ende verließ sie die Runde in der Regel mit der Finanzierungszusage für die nächste Literaturveranstaltung.

Das hatte es ihr viel einfacher gemacht, die Abende der Kulturlese auf die Beine zu stellen, und sie genoss es, dass sie inzwischen nicht mehr lokale Autorinnen und Autoren anbetteln musste, für eine geringe oder noch lieber ganz ohne Gage aus ihren Büchern zu lesen. Die städtischen Zuschüsse ermöglichten es ihr, auch teurere Gäste zu engagieren, ihnen Fahrt und Übernachtung zu bezahlen und so mit etwas Glück vor ausverkauftem Haus gefeierte Literaten zu präsentieren.

Das alles war aber in Gefahr, weil sich eine dieser Edelfedern danebenbenommen hatte.

»Kommen Sie jetzt gerade aus dem Rathaus?«, fragte Elsa Heberle mit scheinheiligem Lächeln. »Meine Freundin Marianne Pfuderer hat da so was angedeutet.«

Dorothee von Meier hatte diese redselige Matrone sofort vor Augen. Sie sprach nur dann nicht über andere Leute, wenn sie gerade den Mund voll Torte hatte, und mit einer ebenso neugierigen Cousine hatte sie sozusagen das Ohr im Vorzimmer des Oberbürgermeisters.

»Na ja, angedeutet«, gab sie sich dezent entrüstet. »Da muss Ihre Freundin nichts andeuten, muss sie nicht. Schließlich habe ich als Vorsitzende der Remslinger Kulturlese immer wieder im Rathaus zu tun, nicht wahr? Gerade eben habe ich mich mit dem Kulturamt besprochen, habe ich mich.«

Elsa Heberle lächelte mitleidig. Sie wusste natürlich längst, dass sie sich einen Rüffel hatte abholen müssen. Und dass sich der Termin im Kulturamt bis in den frühen Abend hingezogen hatte, deutete wohl auch nicht auf eine besonders entspannte Gesprächsatmosphäre hin.

»Sie können sicher sein, dass ich diesen Autor nie wieder einladen werde, nie wieder«, schimpfte sie nun. Wenn schon alle wussten, dass sie in Schwierigkeiten steckte, konnte sie ihrem Ärger auch gleich richtig Luft machen. »Kann ich vielleicht was dafür, dass der Kerl auf dem Weg zur Lesung in einen Hundehaufen tritt? Oder ist das Publikum schuld daran? Und dann liest er nicht aus seinem aktuellen Roman, sondern aus diesem albernen Katzenkrimi, den er vor Jahren geschrieben hat und in dem reihenweise Schäferhunde, Pudel und Doggen umgebracht werden. Und steigert sich so in seine Wut hinein, dass er das Buch zur Seite legt, aufsteht, an die Bühnenkante tritt und über Hunde und ihre Hinterlassenschaften schimpft.«

»Bis die Besitzerin des Hundesalons …«, assistierte Elsa Heberle in der Hoffnung, endlich etwas Neues zu erfahren.

»Ja, bis diese Frau sich ebenfalls erhebt und dem Mann ordentlich die Meinung geigt, die Meinung.«

Das war längst bekannt in Remslingen, aber nachdem die beiden vor Publikum um ein Haar handgreiflich geworden wären, wusste Elsa Heberle nur gerüchteweise, wie es anschließend hinter den Kulissen zugegangen war.

»Zum Glück sind Sie ja eingeschritten«, schmeichelte sie der anderen deshalb, »und haben den Autor hinter die Bühne geführt.«

»Ja, zum Glück. Das hat nur nicht lange geholfen, hat es nicht. Die Dame vom Hundesalon, diese Ella Reitermann, stürmte wie eine Furie hinter uns her, und ich konnte gar nicht so schnell reagieren, da lagen die beiden sich schon in den Haaren, lagen sie schon.«

Dorothee von Meier erzählte fast atemlos, die Augen ihrer Zuhörerin funkelten vor Begeisterung.

»Ich dachte schon, die Frau kratzt ihm die Augen aus, aber dann konnte er sie von sich stoßen und in die Garderobe flüchten. Mir ist es zwar gelungen, Frau Reitermann hinauszubefördern, aber kurz darauf kamen drei ziemlich gut trainierte Männer hinter die Bühne, leinten ihre Dalmatiner an und bauten sich vor der Garderobe auf.«

Elsa Heberle leckte sich die Lippen.

»Fast hatte ich die Männer schon überredet, wieder wegzugehen, da geht die Tür zur Garderobe auf, der Autor – sein Name wird mir niemals mehr über die Lippen gehen, wird er niemals mehr! – kommt heraus, seine Ledertasche umgehängt, und will davonrennen. Die drei haben ihn zwar passieren lassen, aber draußen in der Gasse haben sie ihn sich dann doch noch zur Brust genommen, und ich konnte nur noch Polizei und Krankenwagen rufen, konnte ich nur noch.«

Dorothee von Meier sah nun sehr leidend aus – im Gegensatz zu ihrer faszinierten Zuhörerin.

»Und dann?«

»Das hat zum Glück niemand von den Zuschauern mitbekommen. Die saßen zu dem Zeitpunkt ganz konsterniert im Saal, einige waren schon gegangen, manche wütend, manche enttäuscht.«

Sehr gut, dachte Elsa Heberle. Details, die sonst niemand kennt, würzten Plaudereien ungemein.

»Und die Frau vom Hundesalon? Jemand hat mir erzählt, dass sie sich mit ziemlich zerzauster Frisur auf den Heimweg gemacht hat.«

Dorothee von Meier stöhnte.

»Ja, stellen Sie sich vor, Frau Heberle, die hat sich in die Rangelei der drei Hundebesitzer mit dem Autor eingemischt, hat ihn gestoßen und an ihm gezerrt, da hat sie auch das eine oder andere abbekommen. Wenn es nur die Frisur gewesen wäre … Ihre Bluse hatte einen Riss, und an einem ihrer Schuhe ist der Absatz abgebrochen.«

Elsa Heberle war ganz verzückt, bemühte sich für ihre nächste Frage aber um eine mitleidsvolle Miene.

»Und dann auch noch das mit der Kasse, nicht wahr?«

Das war ein Schuss ins Blaue. Marianne Pfuderer hatte nur angedeutet, dass die Abrechnung der Eintrittsgelder einen Fehlbetrag ergeben hatte. Genaueres wollte ihr auch Mariannes im Kulturamt angestellte Cousine nicht verraten. Dorothee von Meier schien zu glauben, Elsa Heberle wisse über alle Details Bescheid. Sie sank in sich zusammen, wurde noch blasser als ohnehin schon und nickte betrübt.

»Dreihundert Euro, stellen Sie sich das nur vor!«

»Allerhand!«, stimmte die Heberle ihr zu und hing an ihren Lippen.

»Dreihundert Euro haben am Ende des Abends in der Kasse gefehlt. Nach dem hässlichen Zwischenfall mit diesem Autor wollte ich das nicht auch noch an die große Glocke hängen.«

Sie seufzte, als sie ihr Gegenüber musterte. Eine größere Glocke als Elsa Heberle gab es in ganz Remslingen nicht, und wenn diese Tratschtante ohnehin schon von allem wusste … Dorothee von Meier beugte sich ein wenig zu der anderen hin und senkte ihre Stimme.

»Ich persönlich glaube ja, dass mir dieser Autor in die Kasse gegriffen hat. Dem traue ich inzwischen alles zu, traue ich.«

Nachdem Elsa Heberle in den vergangenen Jahren mit mehreren Mordfällen zu tun gehabt hatte, hielt sie diese Schlussfolgerung ihrer krimineller Erfahrung nach zwar für falsch – denn die Veranstalterin hatte den Autor ja unmittelbar nach seiner Hundebeschimpfung in die Garderobe geschafft, er hatte also wohl gar keine Gelegenheit gehabt, sich aus der Kasse zu bedienen. Aber sollte Dorothee von Meier ruhig den Falschen verdächtigen.

»Die dreihundert Euro hat mein Verein natürlich erstattet, damit da nicht noch jemand auf dumme Gedanken kommt, Sie wissen schon.«

»Aber wo denken Sie hin, Frau von Meier?«, flötete sie mit falschem Lächeln. »An Ihnen und Ihrer Ehrlichkeit wird doch wohl niemand gezweifelt haben?«

Hoffentlich doch, schoss es der Heberle durch den Kopf, in der Hoffnung auf weitere Details. Doch die andere redete nicht weiter, sondern versank in Grübeleien. Hier war fürs Erste nicht mehr zu erfahren. Elsa Heberle verabschiedete sich und eilte nach Hause. Es war höchste Zeit für ein Telefonat mit Marianne Pfuderer.

 

Mit einer Flasche Bier in der Hand hatte Gustaf Kruse gewartet, halb hinter seiner Haustür verborgen, bis die beiden Frauen sich voneinander verabschiedeten. Viel hatte er von dem Gespräch nicht mitbekommen, aber wie eifrig Elsa Heberle ihr Gegenüber aushorchte, wie sie der anderen schmeichelte und nach interessanten Details bohrte, das konnte er an ihrer Miene und ihrer Körperhaltung erkennen. Schmunzelnd trank er den letzten Schluck und stellte die Flasche im Treppenhaus auf den Boden. Er nahm den Hausschlüssel vom Haken, zog die Tür hinter sich zu und schlenderte auf den Marktplatz hinaus. Seinen Nachbarn Robert Mondrian hatte er vorhin zum Ristorante Fontana gehen sehen, er würde sich auf ein Glas Wein und einen Teller Pasta zu ihm setzen.

Das malte er sich in Gedanken so intensiv aus, dass er den Mann erst gar nicht bemerkte, der von rechts auf ihn zuhastete. Kruse nahm die Bewegung neben sich erst im letzten Moment wahr und blieb stehen. Der andere stürmte an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Kopfschüttelnd sah Kruse ihm nach. Der Fremde eilte an der Buchhandlung vorbei und hielt auf den neuen Hundesalon zu. Elsa Heberle, die inzwischen ihr Haus erreicht hatte, wandte sich um und musterte den Mann. Der schenkte auch ihr keine Aufmerksamkeit, grüßte nicht einmal zurück, als sie ihm »Grüß Gott!« zurief. Nun schüttelte auch sie den Kopf, ihr Blick fiel auf Gustaf Kruse, deutete auf den Fremden und legte eine missbilligende Miene auf.

Kruse winkte ihr kurz zu, beeilte sich aber, aus ihrem Blickfeld zu verschwinden. Pasta und Wein waren ihm jetzt deutlich lieber als anstrengender Small Talk unter Nachbarn.

 

Elsa Heberle konnte sich schon denken, warum der Puppenspieler so eilig tat. Aber das war ihr gleichgültig. Kruse hatte selten Interessantes zu berichten, und das Nötigste hatte sie längst von Dorothee von Meier erfahren. Wer aber war der fremde Mann, der Kruse gerade fast umgerannt und sie trotz ihres Grußes nicht beachtet hatte?

Sie musterte ihn, prägte sich aus Gewohnheit sein Äußeres ein und beobachtete, wie er am Hundesalon Sturm klingelte. Niemand öffnete, daraufhin hämmerte er mit der Faust gegen die Tür. Im ersten Stock wackelte eine Gardine, dort oben wohnte die Betreiberin des Hundesalons, Ella Reitermann. Der Fremde schlug noch zweimal kräftig gegen die Tür, das dritte Mal ging sein Schlag ins Leere: Die Tür wurde aufgerissen, eine Frauenhand mit schwarz lackierten Fingernägeln griff nach ihm und zog ihn in den Hundesalon. Im nächsten Moment fiel die Tür ins Schloss, und aus dem Salon war nichts mehr zu hören.

Eine Minute lang wartete Elsa Heberle noch, dann wandte sie sich schulterzuckend ab und ging in ihre Wohnung hinauf.

 

Es war ein schöner Abend, und auch Klaus Neher hatte sich bei gutem Essen und Trinken so weit entspannt, dass er nur lächelnd abwinkte, als Pasquale Fontana irgendwann noch einmal von seinem verschwundenen Familienschmuck anfing. Sein Sohn bugsierte ihn eilig aus dem Gastraum, und als er zurückkam, spendierte er den drei Männern eine Runde von seinem besten Grappa.

Gustaf Kruse hatte die beiden anderen eine Weile mit Anekdoten aus seinem Leben als Puppenspieler unterhalten, danach hatte Neher einige Geschichten zu alten Kriminalfällen zum Besten gegeben, anonymisiert natürlich, und schließlich gab auch Robert ein paar Einblicke in sein Leben als Buchhändler und die Marotten einiger seiner speziellsten Kunden.

Er wusste natürlich, dass Kruse und Neher viel lieber Details aus seinem früheren Leben gehört hätten. Beide rätselten nach wie vor, was Robert Mondrian wohl von Beruf gewesen war, bevor er die Buchhandlung am Remslinger Marktplatz übernommen hatte. Doch dass er früher Topagent von Deutschlands geheimstem Geheimdienst gewesen war, wollte er lieber nicht erzählen – auch wenn diese beiden Männer, die inzwischen zu seinen Freunden geworden waren, noch am ehesten dafür infrage kommen würden.

Sie zahlten, lobten Lino Fontanas Team und traten beschwingt vor das Lokal. Zwei Pärchen saßen draußen, eingemummelt in weiche Decken, plauderten, prosteten sich zu und lächelten sich an. Robert hätte sich gut vorstellen können, mit seiner Freundin ebenfalls dort zu sitzen, doch Selina war wieder einmal für einige Tage geschäftlich unterwegs.

»Dann kommt mal gut nach Hause«, sagte Klaus Neher mit leicht verwaschener Aussprache und klatschte den beiden anderen auf die Schultern. Er ging in Richtung Kripodirektion davon. Dort hatte er seinen Wagen stehen, aber Robert hoffte, dass er sich heute lieber ein Taxi rufen würde. Er sah Neher noch kurz nach, bevor er sich auf den kurzen Heimweg machte. Gustaf Kruse war schon ein paar Schritte vorausgegangen, allerdings so gemächlich, dass Robert den Puppenspieler nach wenigen Metern schon wieder eingeholt hatte.

»Noch Lust auf einen Absacker?«, fragte Robert.

»Eigentlich immer«, versetzte Kruse mit bedauernder Miene, »aber heute lieber nicht. In zwei Wochen habe ich Premiere, und ich möchte noch ein bisschen an den Dialogen und an den Kulissen feilen.«

Sie nickten sich knapp zu, und während Kruse zu seinem Haus schlenderte, die Tür aufschloss und im Gebäude verschwand, trat Robert vor das Schaufenster seiner Buchhandlung. Er notierte sich in Gedanken, was er morgen früh an der Auslage verändern wollte, drehte sich um und ließ seinen Blick über den nächtlichen Marktplatz schweifen. Eines der beiden Pärchen vor dem Fontana ließ sich gerade die Rechnung bringen, das andere hatte seine Stühle ein wenig enger zueinandergerückt, es wurde geküsst und gestreichelt. Vor dem Café Journal saß bis auf eine Gruppe junger Leute niemand mehr, aber diese Gäste bestellten gerade noch einmal nach, würden also noch eine Weile sitzen bleiben. Sie lachten und unterhielten sich recht lautstark, aber Robert wollte ohnehin noch ein Glas in der Küche trinken. Und sein Schlafzimmer ging nach hinten raus, da störte ihn meistens nicht einmal das Scheppern an den Markttagen, wenn die Standbetreiber in aller Herrgottsfrühe ihre Buden aufbauten.

Hinter vielen Fenstern rund um den Marktplatz brannte noch Licht. In Elsa Heberles Wohnung war alles dunkel. Das konnte bedeuten, dass seine Nachbarin schon schlief – oder dass sie heimlich ihre Umgebung beobachtete. Der neue Hundesalon in dem Haus neben seiner Buchhandlung, in dem früher Sonja Fischer ihre Vitaminoase betrieben hatte, war natürlich nur noch notdürftig beleuchtet. Irgendeine versteckte Lichtquelle ließ die großflächigen Werbebanner in den Erdgeschossfenstern in die Nacht hinausstrahlen. Und während er aus alter Gewohnheit einzuschätzen versuchte, wo diese Leuchten versteckt sein könnten, ging das Licht aus. Er sah auf die Uhr: Die Besitzerin des Hundesalons hatte die Zeitautomatik offenbar auf fünf nach elf eingestellt. Im ersten Stock drang Licht aus den Fenstern, die zum Wohnzimmer und zur Küche gehörten. Dort war er vor einigen Jahren häufig gewesen, hatte mit Sonja schöne Stunden dort verbracht, wenn sie nicht zu ihm hatte kommen wollen und es vor lauter Leidenschaft nicht mehr für den Weg in ihre Wohnung in der Winnender Straße gereicht hatte.

Robert lächelte. Die Sache mit Sonja war beendet, und er war froh, dass er inzwischen mit Selina zusammen war. Aber heute Abend, ohne auch nur eine der beiden in seiner Nähe, machte ihm die Sehnsucht durchaus zu schaffen. Mehr natürlich die nach Selina, aber auch die Gedanken an Sonja wärmten ihn für kurze Zeit.

Er hatte gar nicht so lange zu den erleuchteten Fenstern im ersten Stock des Hundesalons hinaufschauen wollen, deshalb fühlte er sich bei etwas Unanständigem ertappt, als die Silhouette einer Frau im Fenster auftauchte, zu ihm heruntersah und nach kurzem Zögern einen Vorhang zuzog. Er räusperte sich und ging um sein Haus herum. Was mochte seine neue Nachbarin von ihm denken, wenn sie ihn hier stehen und zu ihr hinaufstarren sah? Und was Elsa Heberle, wenn sie das beobachtet hatte? Er versuchte, mit seinem Blick die Dunkelheit hinter den Fenstern der heberleschen Wohnung zu durchbohren, doch nirgendwo war eine Bewegung oder ein Schemen zu sehen.

Aber er war bereits im Hof zwischen seinem Haus und dem Hundesalon angelangt und damit aus dem Blickfeld der Heberle verschwunden. Er saß noch lange in der Küche, naschte ein bisschen Käse, den er sich zu einem Glas Rotwein schmecken ließ. Und als er aufstand, das Licht in der Küche löschte und dabei auf den Marktplatz hinuntersah, waren die Tische vor dem Ristorante Fontana leer, und die Gruppe vor dem Café Journal brach gerade auf und zerstreute sich in alle Richtungen.

 

Elsa Heberle hatte an ihrem Fenster ausgeharrt. Als der Buchhändler aus dem Ristorante nach Hause gekommen war, war sie zur Sicherheit einen Schritt zurück ins Zimmer getreten. Mondrian hatte einen scharfen Blick, und sie wollte nicht, dass er sie entdeckte. Natürlich stand sie im Dunkeln, aber wenn der Schein der Straßenlaternen von ihrem Haar oder ihrer Bluse reflektiert wurde, würde sie das verraten. Und dass Mondrian sehr auf solche Details achtete, hatte sie mehr als einmal erlebt.

Diesmal hatte er sie vermutlich nicht erspäht, und als er ins Haus gegangen war, stellte sie sich wieder direkt hinter die Scheibe. Nach langer Zeit ging das Licht in Mondrians Küche aus, nun öffnete sie das Fenster, um vielleicht etwas Spannendes erlauschen zu können. Die Hundetante war offenbar eine Nachteule. Noch nach halb eins drang Licht aus ihren hell erleuchteten Fenstern. Vorhin hatte sie einen Vorhang zugezogen, als sie Mondrian dabei ertappte, wie er zu ihr heraufsah. Elsa Heberle musste grinsen. Robert Mondrian war ein attraktiver Mann, dem sie früher sicher nicht hätte widerstehen wollen. Seine Freundin Selina Brand war für einige Tage beruflich unterwegs, vielleicht spürte er eine gewisse Not und rechnete sich Chancen aus, seine neue Nachbarin Ella Reitermann zu bezirzen? Das wäre freilich eine Nachricht, mit der sie in Remslingen hausieren gehen könnte: Robert Mondrian und die Neue! Aber bisher waren sich die beiden nie auf eine Weise begegnet, aus der sich eine solche Geschichte hätte fabrizieren lassen.

Ella Reitermann war eine durchaus ansprechende Erscheinung. Tadellose Figur, stets sorgfältig gestylt und auf eine Weise gekleidet, die ihre Vorzüge unterstrich, ohne dabei vulgär zu wirken.

Sie ließ ihren Blick über die Fenster von Ella Reitermanns Wohnung schweifen. Inzwischen waren alle Vorhänge zugezogen. Ab und zu hatte sie dahinter zwei Silhouetten ausmachen können. Die Hundetante und ihr nächtlicher Besucher hatten sich bewegt, aber aus allem, was sie hatte sehen können, wurde Elsa Heberle nicht wirklich schlau. Mal standen die beiden nah beieinander, mal bewegten sie sich in unterschiedliche Richtungen, näherten sich dann wieder an. Sie lauschte. Es war keine Musik zu hören, also tanzten die beiden vermutlich nicht. Sie lauschte noch konzentrierter. Immer wieder einmal konnte sie eine Frauen- und eine Männerstimme hören, nur ganz leise und ohne dass Worte zu verstehen waren. Mal wurde es lauter, dann wieder leiser. Stritten sich die beiden? Oder war der Mann ihr Liebhaber oder Freund, und die beiden würden gleich im Schlafzimmer landen?

Jetzt wurde das Licht ausgeknipst, erst im Wohnzimmer, dann im Flur dahinter, dann war es dunkel und still. Und sosehr Elsa Heberle die Ohren spitzte, sie konnte nicht das kleinste Geräusch aufschnappen.

Müde und ein wenig enttäuscht drückte sie das Fenster zu und ging ins Badezimmer. Es war Zeit zum Schlafengehen. Schließlich erforderte Remslingen auch am nächsten Tag all ihre Aufmerksamkeit.

 

Robert Mondrian wachte gegen sechs Uhr auf, aus einem Traum, an den er sich sehr lebhaft erinnerte und der ihm ein wenig peinlich war. Seine neue Nachbarin war darin vorgekommen, ihr Hundesalon und einiges, worüber er lieber nicht allzu sehr nachdenken wollte. Schlaftrunken ließ er sich einen Kaffee aus der Maschine, öffnete ein Küchenfenster und sah auf den Marktplatz hinunter. Noch war es ruhig, und die wenigen Männer und Frauen, die über das Pflaster eilten, um rechtzeitig zum Bus oder zur S-Bahn zu kommen, sahen genauso müde aus wie er.

Ein Hund schnürte am Ristorante Fontana vorbei, ein Dalmatiner, wie man sie seit ein paar Wochen häufiger in der Stadt sah. Er arbeitete sich zügig vor, schnüffelte an jeder Hausecke und hob zwischendurch immer wieder das Bein. Das Tier erreichte die Buchhandlung, schaute kurz zu ihm hoch und trottete weiter. Der Vierbeiner umrundete den Platz, ein Halter war nirgendwo zu sehen, und schließlich verschwand der Hund aus Roberts Blickfeld.

Ein Fenster wurde geöffnet, ein Niesen erklang, Robert wandte im Reflex seinen Blick in die Richtung, aus der das leise Geräusch gekommen war. Elsa Heberle, die sich die Nase mit einem Taschentuch abwischte, beugte sich ein wenig über die Fensterbank und schaute nach dem Rechten, erst in die eine Richtung, dann verweilte ihr Blick eine kurze Weile auf dem Gebäude mit dem Hundesalon. Als sie die Buchhandlung in Augenschein nahm und Robert am Fenster stehen sah, wirkte sie einen Moment lang wie ertappt. Doch sie fing sich schnell, winkte ihm kurz zu und zog sich ins Zimmer zurück.