111-120 - Patricia Vandenberg - E-Book

111-120 E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. E-Book 1: Die Frau aus einem fernen Land E-Book 2: Alles aus Liebe E-Book 3: Freude am Leben! E-Book 4: Die Frau, die zu viel wollte E-Book 5: Schwestern und Rivalinnen E-Book 6: Charlotte – und drei Kavaliere! E-Book 7: Ricardas großer Schmerz E-Book 8: Gesucht: liebevoller Opa! E-Book 9: Einmalige Liebe E-Book 10: Eine Ärztin hebt ab

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Seitenzahl: 1145

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Die Frau aus einem fernen Land

Alles aus Liebe

Freude am Leben!

Die Frau, die zu viel wollte

Schwestern und Rivalinnen

Charlotte – und drei Kavaliere!

Ricardas großer Schmerz

Gesucht: liebevoller Opa!

Einmalige Liebe

Eine Ärztin hebt ab

Dr. Norden – Staffel 12 –111-120

Patricia Vandenberg

Die Frau aus einem fernen Land

Roman von Vandenberg, Patricia

»Die Bank, die mit Leidenschaft Vertrauen schafft!«, tönte eine verführerische Männerstimme aus dem Hintergrund. Eine leicht bekleidete, schöne Frau lächelte lasziv in die Kamera und fuhr sich mit der Zungenspitze über die dunkelrot geschminkten Lippen.

Dann war der Film aus, und der große Flachbildschirm wurde dunkel. Das aufflammende Deckenlicht brannte Patrick Haussmann in den ohnehin geröteten Augen. Seit Wochen fühlte er sich schlecht. Seine Glieder schmerzten, sein Kopf dröhnte, und er fühlte sich matt und schlapp. Aber das war alles. Husten und Schnupfen waren inzwischen verschwunden, und so machte er tapfer weiter. Der Auftrag war zu wichtig, um krank zu sein. »Und? Was sagen Sie?« Trotz seiner inneren Anspannung musste sich Patrick auf die Gesichter seines Kunden Maximilian Reich und dessen Assistenten konzentrieren. »Wie finden Sie den Werbespot?«

»Sind Sie eigentlich verrückt geworden?«, donnerte der mächtige Mann unvermittelt los.

Unter seiner dröhnenden Stimme zuckte Patrick zusammen. Er schwankte und hielt sich an der Schreibtischkante fest. Einen kurzen Moment lang wurde es ihm schwarz vor Augen. Glücklicherweise verlor er das Bewusstsein nicht. »Aber warum denn?«, fragte er verdattert.

»Dieser Streifen erinnert mich an billige, einschlägige Filmchen«, fuhr Maximilian Reich unbarmherzig fort und sah sich nach seinem Assistenten um, der zustimmend nickte. »Aber ganz sicher nicht an den seriösen Werbefilm eines weltweit agierenden Geldinstituts. Von wegen Vertrauen! Unsere Kundinnen werden denken, dass es bei uns Geld für leichte Damen gibt. Das ist alles andere als geschäftsfördernd in einer gleichberechtigten Welt.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch, und Gläser und Flaschen auf dem Tisch klirrten leise aneinander.

»Aber ..., aber ..., aber Sie sagten doch, Sie wollten Ihre Kunden davon überzeugen, dass sie auf die leidenschaftlichen Anstrengungen Ihrer Berater vertrauen können, ihnen den Weg in ein schönes, aufregendes Leben zu ebnen«, verteidigte sich Patrick unter Aufbietung all seiner Kräfte. »Wenn das die einzige schöne Aufregung ist, die Sie sich vorstellen können, dann tun Sie mir leid«, erwiderte der einflussreiche Manager und erhob sich. Seine grau-schwarzen Augenbrauen thronten wie Gewitterwolken über den funkelnden Augen. »Wir werden eine andere Agentur mit der Ausführung unseres Auftrags betrauen«, sagte er zu seinem Assistenten.

Patrick meinte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Diesen Auftrag zu verlieren war der schlimmste anzunehmende Unfall auf seinem Weg nach oben. Damit würde seine Karriere als erfolgreicher Grafikdesigner einen empfindlichen Rückschlag erleiden, von dem er sich so schnell nicht mehr erholen würde. Fassungslos sah er Maximilian Reich nach, wie er zur Tür ging. »Bitte, warten Sie!«, rief er und stolperte vor, um den Manager davon abzuhalten, auf Nimmerwiedersehen aus dem Besprechungsraum zu verschwinden. »Es handelt sich offenbar um ein Missverständnis. Jetzt habe ich verstanden, was Sie wirklich gemeint haben mit den aufregenden Dingen im Leben«, rief er hektisch und suchte in seinem dröhnenden Kopf verzweifelt nach den richtigen Worten. »Ich werde einen neuen Spot entwickeln und drehen lassen. Und ich kann Ihnen garantieren, dass ich diesmal ins Schwarze treffen werde. Bitte, Herr Reich. Geben Sie mir noch eine Chance.« Sein Auftraggeber hatte inzwischen die Tür erreicht. Er sah seinen Assistenten fragend an und haderte sichtlich mit sich. Die beiden steckten die Köpfe zusammen und tauschten ein paar Worte. Dann schien eine Entscheidung gefallen zu sein. Ohne die Spur eines Lächelns auf dem Gesicht drehte sich Maximilian Reich zu dem Grafikdesigner um. »Also schön. Ich will mal nicht so sein«, erklärte er herablassend und spielte mit dem dicken goldenen Ring an seinem Finger. »In zwei Wochen findet im Hotel ›Bayerischer Hof‹ eine Präsentation unseres Geldinstituts mit anschließender Party statt. Wenn Sie unser Konzept wirklich kennenlernen wollen, kommen Sie und hören sich die Vorträge unserer Spezialisten an. Danach sind hoffentlich keine Fragen mehr offen!« Er nickte seinem Assistenten zu und ging an ihm vorbei aus dem Raum. »Ich werde dafür sorgen, dass Sie zwei Eintrittskarten per E-Mail erhalten«, erklärte der schmallippig, und nickte Patrick noch einmal herablassend zu. Dann wandte auch er sich ab. Schwer atmend stand der Grafikdesigner in der Tür und sah den beiden nach.

»Das ist ja gerade noch mal gut gegangen!«, seufzte er, als er spürte, wie der Boden unter ihm nachgab. Ehe Patrick begriff, was passierte, ehe er überhaupt darüber nachdenken konnte, sich hinzusetzen, wurde es Nacht um ihn.

*

»Shari, geh und weck Alisha! Sie muss zur Arbeit«, rief Lani Deshpade ihrer jüngsten Tochter aus der Küche zu. »Alisha, du musst zur Nachtschicht in die Klinik. Aufstehen!«, dachte die Achtzehnjährige gar nicht daran, ihren bequemen Platz vor dem Fernseher aufzugeben.

Alisha, die schon vom Wecker geweckt worden war, stöhnte und drehte sich noch einmal auf die andere Seite. Doch es nützte alles nichts. Wenn sie nicht zu spät zu ihrem Dienst in der Behnisch-Klinik kommen wollte, musste sie langsam aber sicher aufstehen. »Guten Morgen!«, begrüßte sie ihre Familie gut gelaunt, als sie ein paar Minuten später aus ihrem Zimmer in den großen Wohnraum trat, der der Familie Deshpade als Aufenthaltsraum, Wohn- und Esszimmer diente. »Für dich ist es Morgen. Für uns Abend!« Ihre Mutter steckte den Kopf aus der Küche und hielt ihrer älteren Tochter zuerst die eine, dann die andere Wange hin. Alisha küsste sie lächelnd, während Lanis tadelnder Blick auf die Beinkleider ihrer Tochter fiel. »Du willst doch nicht etwa in Hosen auf die Straße gehen?«, fragte sie unwillig. »Amma!« Alisha verdrehte die Augen, als sie das indische Wort für »Mutter« aussprach. »Wir sind in München und nicht in Lahore. Das solltest du doch langsam wissen. Außerdem trage ich in der Arbeit einen Kittel.«

Während sie sprach, drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Govinda Deshpade kehrte von der Arbeit nach Hause zurück. »Hallo, Abba!« Sogar Shari, die sich bis jetzt nicht vom Fernseher wegbewegt hatte, erhob sich, um das Familienoberhaupt zu begrüßen. »Wie war dein Tag?«, fragte Alisha und setzte sich an den Tisch, um Cholay mit Puri – Kichererbsen mit Curry und frittiertem Brot – zu essen, das ihre Mutter ihr serviert hatte. Govinda warf einen missmutigen Blick zuerst auf den Teller und dann auf seine Tochter.

»Mein Tag wäre eindeutig besser, wenn die ganze Familie wieder einmal zusammen am Tisch sitzen und gemeinsam essen würde«, murrte er unwillig und ließ sich seufzend und müde von seinem anstrengenden Tag in einen Sessel fallen. »Ihr könntet früher zu Abend essen«, machte Alisha einen Vorschlag, von dem sie wusste, dass er nicht auf die Zustimmung ihres Vaters stieß. »Zumindest manchmal. Dann wären wir alle zusammen.« »Ich kann nicht schon abends um sechs zu Abend essen«, behauptete Govinda mürrisch.

Ungerührt zuckte Alisha mit den Schultern und strich das lange lockige Haar in den Nacken. Ihre graubraunen Augen strahlten unbekümmert. »Und ich kann nicht erst um halb neun bei der Arbeit auftauchen«, entgegnete sie und brach ein Stück von dem knusprigen Brot, um es in die cremige, scharfe Currysauce zu tauchen. Ihr Vater sah ihr beim Essen zu, und die Falte zwischen seinen Augen wurde noch steiler.

»Es ist nicht normal, dass du dich Nacht für Nacht um fremde Menschen kümmerst. Du solltest zu Hause sein. Ein Glück, dass du bald heiraten wirst.«

»Ich werde nicht aufhören zu arbeiten, nur weil ich verheiratet bin«, erklärte Alisha trotzig und schob einen Löffel Curry in den Mund. Ihre Mutter, die den aufziehenden Streit witterte, ging mit engelsgleichem Lächeln dazwischen. »Apropos verheiratet. Imrans Vater hat angerufen und gefragt, wann du vorbeikommst, um dein zukünftiges Heim zu besichtigen«, erzählte sie sanft. »Er hat den kommenden Samstag vorgeschlagen.« Alisha hatte schweigend weitergegessen. Wann immer die Sprache auf ihre Verlobung mit Imran Ambani kam – einem ebenfalls in München lebenden Inder aus Chennai – bekam sie ein flaues Gefühl im Magen. Wie in Indien üblich hatten sich ihre Eltern auch in Deutschland an die Tradition gehalten und einen Ehemann für ihre Tochter ausgesucht. Da Alisha keinen besseren Vorschlag und auch bisher keinen Mann kennengelernt hatte, der ihr gefiel, hatte sie sich widerspruchslos in diese Tradition gefügt. Wurden nicht viele Paare in Indien auf diese Weise füreinander ausgesucht und waren trotzdem glücklich zusammen? »Also, was ist mit kommendem Samstag?«, hakte ihr Vater Govinda nach, als Alisha keine Antwort gab.

Sie gab sich einen Ruck.

»Einverstanden!« »Ich wusste doch, dass du ein braves Kind bist«, strahlte Lani zufrieden und zwinkerte ihrem mürrisch dreinblickenden Mann zu. Alles würde seinen normalen Gang gehen. Dessen war sie sich sicher und machte sich keine Sorgen, auch wenn ihre Tochter nicht mit ihnen gemeinsam zu Abend essen konnte.

*

»Was machen Sie nur für Sachen?« Dr. Daniel Norden saß am Bett seines Patienten Patrick Haussmann und betrachtete ihn kopfschüttelnd. »Habe ich Ihnen nicht letzte Woche absolutes Arbeitsverbot erteilt? Und Bettruhe obendrein?«

Patricks Kopf dröhnte noch immer, und das Bild vor seinen Augen war verschwommen. Lediglich die Stimme kam ihm bekannt vor. »Herr Dr. Norden?«, fragte er vorsichtshalber. »Wie kommen Sie denn in mein Schlafzimmer?«

Daniel lachte leise.

»Erstens sind Sie nicht in Ihrem Schlafzimmer, sondern in der Behnisch-Klinik. Zweitens hat mich Ihre Assistentin Becky gerufen, nachdem Sie in Ihrem Büro zusammengebrochen sind.«

»Zusammengebrochen?«, fragte Patrick heiser und versuchte sich zu erinnern. Tatsächlich tauchten vor seinem inneren Auge Bilder auf. Bilder eines wütenden Maximilian Reich. Und auch das katastrophale Urteil über seinen Werbefilm und die Androhung, den Auftrag einer anderen Werbeagentur zu überantworten, kam ihm wieder in den Sinn. Einen Moment lang wünschte sich Patrick zurück in die selige Bewusstlosigkeit. »So ein Mist!«, murmelte er und ließ die Faust kraftlos auf die Bettdecke fallen.

»Das können Sie laut sagen«, dachte Daniel Norden, dass sein Patient über seinen Zusammenbruch sprach. »Aber Sie hatten noch mal Glück im Unglück«, erklärte er ernst. »Eine verschleppte Grippe kann fatale Folgen haben. Nicht selten sterben leichtsinnige Patienten an Herzmuskelentzündungen.« Seine drastischen Worte waren mit Bedacht gewählt, um Patrick den verantwortungslosen Umgang mit seiner Gesundheit deutlich zu machen.

»Nach diesem Termin wollte ich wirklich nach Hause gehen und mich auskurieren. Ich schwöre es«, versicherte Patrick zerknirscht. »Dummerweise lief das Treffen mit meinem Kunden nicht so wie geplant. Das hat mich offenbar mehr gestresst, als ich erwartet hatte.«

»Und als Ihr Körper letztlich ausgehalten hat.« Dr. Norden nahm die Befunde zur Hand und blätterte durch die Seiten. »Durch die nicht ausgeheilte Grippe ist Ihr Immunsystem deutlich geschwächt. So konnten sich in Ihrem Organismus Erreger ausbreiten und die Organe angreifen.«

»Und jetzt?« fragte Patrick ratlos. Eigentlich hatte er gar keine Zeit, um krank zu sein. »Wie lange muss ich in der Klinik bleiben?«

»Ich rechne mit drei Tagen. In dieser Zeit bekommen Sie hochdosiertes Antibiotika. Wenn es Ihnen besser geht, dürfen Sie nach Hause gehen.« Dr. Norden maß seinen Patienten mit einem strengen Blick. »Aber nur, wenn Sie mir hoch und heilig versprechen, meine Anweisungen nicht wieder zu ignorieren«, erklärte er nachdrücklich.

»Und die wären?«, fragte Patrick fast schüchtern. »Nach Entlassung aus der Klinik dürfen Sie eine Woche lang nicht arbeiten gehen. Schonen Sie sich, schlafen Sie sich aus und gehen Sie an der frischen Luft spazieren. Keine Kraftakte und viel, viel Ruhe.«

Diese Vorschriften ließ sich Patrick durch den Kopf gehen. Nicht in die Arbeit zu gehen bedeutete ja nicht automatisch, nicht zu arbeiten. Das, was er jetzt zu tun hatte – die kreative Denkarbeit – konnte er auch von zu Hause aus erledigen.

»Einverstanden«, fiel es ihm daher nicht schwer, Daniels Bedingungen anzunehmen. »Ich verspreche hoch und heilig, brav zu sein.«

Nach den bisherigen Erfahrungen mit dem arbeitswütigen Grafikdesigner hatte Dr. Norden berechtigte Zweifel an diesem Versprechen. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als Patrick Haussmann Glauben zu schenken. »Also schön. Ich nehme Sie beim Wort«, sagte er und stand auf. Er verabschiedete sich und öffnete die Tür, als ihm eine gut aussehende Frau in schicker Designer-Kleidung entgegenstürmte und ihn fast umrannte. Lediglich seiner schnellen Reaktion und einem beherzten Schritt zur Seite war es zu verdanken, dass nichts passierte. »Gemach, gemach, junge Frau. Wir sind hier in einer Klinik und nicht auf der Flucht!«, ermahnte er die Besucherin. Doch statt sich zu entschuldigen, schickte sie dem Arzt nur einen verständnislosen Blick und lauschte weiter angestrengt in das Gerät, das sie ans Ohr hielt.

»Bleiben Sie dran, Berger! Diesen Deal müssen wir unbedingt machen«, gab sie strikte Anweisungen, die offenbar nicht ungehört verhallten. »Ich verlass mich auf Sie!«, lächelte sie schließlich und legte auf. Erst jetzt bemerkte sie Daniel, der immer noch in der Tür stand und sie unverwandt ansah.

»Oh, entschuldigen Sie bitte!« Überschwänglich lächelnd kam sie mit ausgestreckter Hand auf Dr. Norden zu. »Habe ich Sie erschreckt? Das wollte ich nicht. Ich hatte nur eben dieses wahnsinnig wichtige Telefonat. Aber ich hab mich noch gar nicht vorgestellt: Stella Jansson. Manager Product Structuring and Institutional Client Communication bei einem bekannten Finanzdienstleister«, stellte sie sich verbindlich lächelnd vor. Daniel starrte sie an, als käme sie von einem anderen Stern. Und das lag beileibe nicht an ihrem makellosen Aussehen.

»Dr. Daniel Norden, Hausarzt«, erwiderte er so knapp, dass Stella der Mund einen Augenblick offen stehen blieb vor Verwunderung.

Dann brach sie in künstliches Lachen aus.

»Oh, tut mir leid. Mein Beruf interessiert Sie nun wirklich nicht«, hatte sie ein Einsehen und machte sich damit ein wenig sympathischer. »Das ist mir nur so rausgerutscht. Wissen Sie, ich muss mich jeden Tag ständig pausenlos bei irgendwelchen Menschen vorstellen.« Ein Satz nach dem anderen perlte aus ihrem perfekt geschminkten Mund. »Aber jetzt bin ich ja als Privatperson hier.« Stella hatte noch nicht ausgesprochen, als ihr Mobiltelefon erneut klingelte. Sie warf einen kurzen Blick auf das Display. »Ach, nein, nicht schon wieder«, seufzte sie und haderte kurz mit sich. Sie sah Daniel aus großen unschuldigen Augen an. »Ich weiß, es ist unhöflich. Aber ich muss unbedingt rangehen. Sonst platzt womöglich der Deal und ich kann wieder von vorne anfangen.« Mit dem Handy am Ohr drehte sich Stella Jansson um und ließ Daniel einfach stehen. Der schüttelte kurz den Kopf und tat dann das, was er die ganze Zeit vorgehabt hatte: Er verließ das Zimmer.

*

»Tut mir leid, Schatz!« Als Stella das Telefonat beendet hatte, steckte sie das Mobiltelefon in die Tasche und beugte sich über Patrick, der mit leidender Miene im Bett lag. Sie küsste ihn auf die Stirn und strich ihm durch das kurz geschnittene dunkle Haar. »Was machst du denn für Sachen?« Wieder klingelte ein Handy. Doch diesmal war es nicht Stellas, sondern das von Patrick.

»Bist du mal so lieb und holst mein Sakko?«, bat er und deutete stöhnend auf sein Jackett, das irgendjemand über die Lehne eines Stuhls in einer Ecke des behaglichen Krankenzimmers gehängt hatte. Stella tat ihm den Gefallen und hörte ihrem Freund mit schmalen Augen dabei zu, wie er die offenbar weibliche Anruferin kurz angebunden auf später vertröstete.

»Bei einem erfolgreichen Mann wie dir könnte ich glatt denken, dass das eine verschmähte Verehrerin war«, erklärte sie süffisant lächelnd und sah ihm dabei zu, wie er das kleine Gerät in die Schublade des Nachttisches gleiten ließ. Elegant setzte sie sich aufs Bett und legte die schlanke Hand auf seinen Arm. Patrick lächelte matt und fuhr sich über die Augen.

»Ich hätte nie gedacht, dass eine erfolgreiche Frau wie Stella Jansson das Wort ›Eifersucht‹ kennt.«

»Tue ich auch nicht«, erwiderte sie wie aus der Pistole geschossen und warf das blonde Haar stolz in den Nacken. Dabei lächelte sie süffisant. »Es sei denn, es geht um einen guten Auftrag, den mir ein anderer vor der Nase wegschnappen will.« Immer noch lächelnd streckte sie die Hand aus und fuhr mit der Spitze des Zeigefingers die kantige Linie von Patricks Gesicht nach. »Aber jetzt raus mit der Sprache. Was ist mit dir los? Warum bist du hier gelandet statt wie für heute Abend verabredet in meinem Bett?«

»Ein Schwächeanfall oder so was in der Art«, erklärte Patrick ausweichend und schloss die Augen. Obwohl Stella eine intelligente, unterhaltsame Frau war, war ihr Temperament im Augenblick eindeutig zu viel für seine angeschlagenen Nerven. Doch er hatte nicht mit ihrer Hartnäckigkeit gerechnet.

»Ich will alles wissen!«, verlangte sie energisch.

Patrick unterdrückte ein Stöhnen.

»Die Grippe, du weißt schon. Ich hatte sie nicht auskuriert und bin deshalb im Büro zusammengebrochen«, berichtete er in knappen Worten, was geschehen war. »Dr. Norden hat mich gewarnt, dass ich nächste Woche auf keinen Fall in die Arbeit gehen oder mich anstrengen darf.«

»Das wird dir nicht schwerfallen, jetzt, wo du Reichs Auftrag in der Tasche hast«, behauptete Stella und suchte in ihrer Handtasche nach Lippenstift und Spiegel. »Und keine Sorge, ich werde dir die Zeit schon vertreiben.«

Patrick sah ihr dabei zu, wie sie sich die schön geschwungenen Lippen nachzog.

»Ich hab den Auftrag noch nicht«, gestand er schweren Herzens. »Deshalb muss ich dich leider enttäuschen. Ich werde nächste Woche keine Zeit für dich haben, sondern muss mich mit einem neuen Konzept für Reich auseinandersetzen.«

In der Art, wie Stella den Lippenstift zudrehte und zurück in die Tasche warf, merkte er, dass sie wütend war. »Niemand gibt einer Stella Jansson einen Korb«, fauchte sie und stand abrupt auf. »Auch du nicht!«

»Du willst doch nicht etwa gehen?«, rief Patrick ihr halb erleichtert, halb erschrocken nach, als sie mit hoch erhobenem Haupt durch das Krankenzimmer zur Tür stolzierte. Ihr heller Mantel umwehte ihre schlanken Waden, und das seidige blonde Haar tanzte auf ihren Schultern auf und ab. »Wonach sieht es denn aus?«, fragte sie mit einer Stimme, die nicht recht zu ihrem engelsgleichen Aussehen passen wollte. »Weißt du, es gibt tatsächlich Männer, die sich um meine Gesellschaft reißen. Die sich alle zehn Finger danach ablecken, wenigstens einen Abend mit mir zu verbringen«, erklärte sie kühl. Und ohne sich noch einmal umzudrehen, riss sie die Tür auf und verschwand. Seufzend sank Patrick zurück in die Kissen und schloss die Augen. Sicher, Stella war eine tolle, beeindruckende Frau. Doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, war er froh, endlich seine Ruhe zu haben.

*

»Hey, du bist ja noch da!« Freudig begrüßte Alisha ihre Freundin und Kollegin Steffi, die nach ihrer Schicht in der Klinik die Schwesterntracht gegen Straßenkleidung tauschte.

»Alisha, Süße!« Die beiden Frauen küssten sich auf die Wange. »Schön, dich zu sehen. Wie geht’s dir?« Steffi nahm ihre Schuhe aus dem Spint und setzte sich auf eine Bank im Aufenthaltsraum. Dabei musterte sie ihre Freundin erwartungsvoll.

»Außer dass mein Vater jeden Abend, an dem ich nicht mit der Familie essen kann, ein Gesicht zieht, ist alles bestens«, erklärte Alisha gut gelaunt. Sie hängte ihre Jacke in den Spint, tauschte die Jeans gegen eine blütenweiße Hose und zog den obligatorischen Kittel darüber. »Und bei dir?«

»Auch alles gut«, erwiderte Steffi einsilbig und stand auf, um die figurbetonte Bluse glatt zu ziehen. Während Alisha das dicke, dunkle Haar im Nacken zusammennahm, drehte sie sich zu ihrer Freundin um.

»Was ist los? Raus mit der Sprache!«, forderte sie sie lächelnd auf. »Ich seh dir doch an, dass du ein Geheimnis hast.«

Schlagartig wurden Steffis Wangen dunkelrot. »Also schön«, gab sie sich einen Ruck und kicherte verlegen. »Ich hab dir doch von Nico erzählt.«

Alisha musste nur kurz nachdenken.

»Der Typ, der dir neulich auf dem Parkplatz hinten draufgefahren ist?« Wenn sie an diese kuriose Geschichte dachte, musste sie lachen.

»Genau der. Stell dir vor, er hat mich angerufen und mich heute Abend zum Essen eingeladen«, gestand Steffi aufgeregt. »Ach, deshalb die schicke Bluse«, ging Alisha ein Licht auf, und einen Moment fühlte sie einen neidischen Stich in der Brust. »Bist du verliebt?« Es kostete sie ein wenig Überwindung, diese Frage zu stellen. Steffi schlüpfte in ihre Jacke, schlug den Kragen runter und dachte nach.

»Keine Ahnung, ich kenne ihn ja kaum ..., hmmm, ein bisschen vielleicht«, korrigierte sie ihre Antwort dann und schickte ihrer Freundin einen schüchternen Blick. »Findest du das blöd? Ich meine, sich in einen Menschen zu verlieben, den man nicht kennt?«

Alisha war fertig und bereit, ihren Dienst anzutreten. »Nein, das nicht. Obwohl ich es mir nicht vorstellen kann. Ich glaub, ich war noch nie richtig verliebt.« Natürlich hatte es hin und wieder einen Mann in ihrem Leben gegeben, der ihr gefallen hatte. Doch diese schwärmerischen Gefühle waren jedes Mal nach kurzer Zeit verflogen. »Kann sein, dass das an meiner Erziehung liegt. Wir Inder glauben daran, dass die Liebe zwischen zwei Menschen mit der Zeit wächst.«

»Auch ein schöner Gedanke«, gestand Steffi halbherzig. Doch die Zweifel standen ihr ins Gesicht geschrieben. »Trotzdem könnte ich mir nicht vorstellen, einen Mann zu heiraten, in den ich noch nicht mal ansatzweise verliebt bin.«

Alisha wusste, dass ihre Freundin auf die bevorstehende Hochzeit mit Imram anspielte. »Mir genügt es, zu wissen, dass mein Verlobter ein freundlicher, guter und ehrbarer Mann ist«, behauptete sie fast trotzig, dass sich Steffi beinah schuldig fühlte.

»Hey!« Versöhnlich trat sie zu Alisha und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Das war doch nicht böse gemeint. In dieser Hinsicht ist mir deine Kultur eben fremd. Das heißt aber noch lange nicht, dass unsere Ehen, die wir aus romantischen Gründen heraus schließen, besser sind als eure, in denen die Freundschaft langsam wächst und zur Liebe wird«, versuchte sie, ihre Freundin zu trösten. Dabei sah sie so treuherzig drein, dass Alisha nicht länger gekränkt sein konnte. Sie nahm Steffi in den Arm und drückte sie kurz an sich.

»Wenigstens gibt es in unseren Kulturen auch Gemeinsamkeiten. Familie und Freunde sind wahnsinnig wichtig.« Sie zwinkerte Steffi gut gelaunt zu. »Vielleicht noch wichtiger als Männer.«

Während die beiden Freundinnen auf den Klinikflur hinaustraten, lachten sie ausgelassen miteinander. Dann wurde es Zeit, sich zu verabschieden. Steffis Verabredung stand kurz bevor, und Alisha musste sich an die Arbeit machen.

*

»Hey, altes Haus, was machst du denn für Sachen?«, erkundigte sich Andreas Klinge und zog sich einen Stuhl ans Krankenbett seines besten Freundes. »Du hast mir ja einen ordentlichen Schrecken eingejagt.«

»Ach was!«, winkte Patrick ab und rang sich ein Grinsen ab. »Unkraut vergeht nicht.« Blass, wie er war, wirkte er wenig überzeugend. Der dünne Schlauch des Tropfs, der in seiner Vene mündete, sprach zudem eine deutliche Sprache. »Ich finde wirklich, du solltest mehr auf deinen Arzt hören«, sagte Andreas streng. »Du betreibst Raubbau mit deiner Gesundheit. Warum hast du denn keine Ruhe gegeben, als dich Dr. Norden krankgeschrieben hat?«

Patrick verdrehte die Augen.

»Der Auftrag, meine Karriere, du weißt schon«, erinnerte er seinen Freund an die wichtigen Dinge in seinem Leben. »Bist du gekommen, um mir eine Standpauke zu halten oder um mich ein bisschen aufzumuntern?«

»Natürlich will ich dich aufmuntern«, erklärte Andreas mit Nachdruck. »Schon deshalb, weil du mein Trauzeuge bist und bis zu unserer Hochzeit wieder fit sein musst.«

Allein die Erinnerung an dieses Ereignis ließ Patrick den Schweiß auf die Stirn steigen.

»Musst du mich immer daran erinnern, dass du mit dem Leben abgeschlossen hast?«, fragte er sarkastisch und griff nach dem Glas Früchtetee, das auf seinem Nachttisch stand. Während er trank, beobachtete er Andreas über den Rand der Tasse hinweg. »Ich verstehe immer noch nicht, wie du einfach so heiraten kannst. Ohne mich, deinen besten Freund, um meine Meinung zu fragen.« Er wischte sich mit dem Ärmel seines Pyjamas über den Mund und stellte das Glas zurück auf den Nachttisch. Fürsorglich schenkte Andreas aus der Thermoskanne nach. »Aber du magst Lissi doch«, gab er in gespielter Verwunderung zurück. Natürlich wusste er, worauf Patrick anspielte. »Du hast mir mehr als einmal versichert, dass sie eine tolle Frau ist.«

»Das schon«, gestand Patrick zähneknirschend. »Aber musst du sie deshalb gleich heiraten?«

»Natürlich«, erwiderte Andreas voller Überzeugung. »Und das solltest du auch tun.«

»Ich?«, entfuhr es Patrick. »Wen denn?«

Andreas lachte ungläubig.

»Na, Stella. Das ist doch eine Klassefrau. Und ihr seid schon über ein halbes Jahr ein Paar.«

»Stella?«, platzte Patrick ungläubig heraus und schämte sich fast sofort dafür. Trotzdem schüttelte er den Kopf. Stella als Ehefrau? Das war absurd. »Das mit Stella, das ist was anderes. Wir haben eine gute Zeit zusammen, mehr nicht«, wiegelte er ab. »Ich versteh dich nicht. Auf was wartest du denn noch?«, blieb Andreas hartnäckig.

Langsam, aber sicher wurde Patrick ärgerlich.

»Ich will einfach nur nicht heiraten. Warum verstehst du das denn nicht?«, beharrte er eigensinnig. »Alle verheirateten Männer, die ich kenne, ziehen sich zurück. Sie bauen ein Haus, bekommen Kinder und haben noch nicht mal mehr Zeit für einen Männerabend.«

Andreas unterdrückte ein Seufzen. Er wusste nicht mehr, wie oft er diese Diskussion schon mit seinem besten Freund geführt hatte. »Mensch, Patrick, das Leben geht weiter, und wir werden älter. Wir können doch nicht noch als Greise in einer Bar sitzen und mit Frauen flirten. Irgendwann müssen wir doch mal ankommen.«

Am liebsten hätte sich Patrick die Ohren zugehalten. Da er seinen Freund aber nicht verletzen wollte, ließ er es bleiben.

»Ich will dir den Spaß nicht verderben«, beendete er die Diskussion schließlich friedfertig. »Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.«

Andreas lachte erleichtert über diesen Scherz, der sie seit Jahren begleitete. Gleichzeitig zog er ein kleines Büchlein aus der Tasche und reichte es seinem Freund.

»Was ist das?«, erkundigte sich Patrick misstrauisch und nahm den schmalen Band in die Hand. Lesen war nicht gerade seine Lieblingsbeschäftigung. Das wusste auch sein Freund.

»Hochzeitsreden!«, gestand Andreas grinsend. »Ich dachte, bevor dir hier in der Klinik langweilig wird, kannst du dir schon mal ein paar Anregungen holen.«

Tapfer widerstand Patrick der Versuchung, die Augen gen Himmel zu verdrehen. Nahm dieses Thema denn gar kein Ende mehr?

»Gute Idee«, zeigte er sich versöhnlich, ehe er das Gespräch geschickt und unauffällig endgültig auf andere Themen brachte.

*

Nachdem Alisha ihren Rundgang auf der Station beendet hatte, zog sie sich hinter die Glasscheibe des Schwesternzimmers zurück. Bei keinem ihrer Patienten waren schwerwiegende Komplikationen zu erwarten und es versprach, eine ruhige Nacht zu werden. So hatte sie Gelegenheit, das zu erledigen, wozu die Kolleginnen tagsüber keine Zeit gehabt hatten. Sie sortierte Akten und richtete Medikamentenrationen her. Sie beseitigte das Chaos in der Stationsküche und füllte die Schränke im Stationszimmer auf. Da signalisierte ein Licht auf dem Flur, dass ein Patient ihre Hilfe brauchte.

»Sie haben mich gerufen?«, erkundigte sie sich, als sie zu dem Neuankömmling Patrick Haussmann ans Bett trat. Als sie ihre Runde zu Beginn der Nachtschicht gemacht hatte, hatte er tief und fest geschlafen. »Mein Name ist übrigens Alisha. Ich bin die Nachtschwester hier.« Während sie ihre Arbeit verrichtete, musterte sie Patrick so unauffällig wie möglich. Nicht das kleinste Detail in seinem wegen der Krankheit blassen Gesicht entging ihr. Nicht die schmale Narbe über der linken Augenbraue, unter der seine braunen Augen funkelten. Nicht der Dreitagebart, der ihn bestimmt interessant und ein bisschen verwegen wirken ließ, wenn er gesund war. Und auch nicht die Reihe weißer, blitzender Zähne, die bei seinem freundlichen Lächeln zum Vorschein kam. »Wenn ich gewusst hätte, was für ein reizender Anblick Sie sind, hätte ich Sie schon früher gerufen«, platzte Patrick heraus, und fast sofort schämte er sich seiner Dreistigkeit. »Tut mir leid. Normalerweise bin ich nicht so forsch«, entschuldigte er sich hastig. »Ich habe nur nicht mit so einem Anblick gerechnet …«

Alisha lachte unbekümmert. In der Zwischenzeit hatte sie einen Blick auf die Patientenkarte geworfen, hatte ein leeres Glas durch ein frisches ausgetauscht und festgestellt, dass die Thermoskanne leer war.

»Das liegt an den Medikamenten, die Sie bekommen«, erwiderte sie schlagfertig. »Die verklären die Wirklichkeit, damit Sie schneller wieder gesund werden.«

Zu Bescheidenheit erzogen, hatte sie sich erst an die zahlreichen Komplimente gewöhnen müssen, die ihr viele Patienten machten. Sie selbst verstand das Aufhebens um ihr Aussehen nicht, fand sie selbst doch ihren Mund zu groß und die Nase zu breit und zu lang. Um die Patienten aber nicht zu beleidigen, hatte sie sich schließlich diesen saloppen Spruch angeeignet, der seine Wirkung auch bei Patrick nicht verfehlte.

»Wenn das so ist, werde ich eine Verlängerung des Aufenthalts bei Dr. Norden beantragen«, erwiderte er amüsiert. »Er ist ja ein guter Freund von Frau Dr. Behnisch und kann sicher was für mich tun.« »Ah, Sie sind ein Patient von Dr. Norden?«, griff Alisha dankbar dieses Thema auf, nachdem sie frischen Tee gebracht hatte. Es war ihr unangenehm, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. »Mal abgesehen von den Kollegen hier ist er der beste Arzt, den ich kenne«, geriet sie unvermittelt ins Schwärmen. »Kein Hausarzt kümmert sich heute noch so umfassend um seine Patienten, berät und begleitet sie bei jedem wichtigen Behandlungsschritt. Sie können wirklich von Glück sagen, dass Sie an ihn geraten sind.«

Überrascht von diesem überwältigenden Lob an seinen Hausarzt wurde Patrick nachdenklich.

»Ich fürchte, mir fehlen die Vergleichsmöglichkeiten. Ich gehe so selten zum Arzt und wenn, dann nur zu Dr. Norden«, musste er gestehen. »Aber wenn Sie es sagen, dann glaube ich Ihnen natürlich.«

Alisha lächelte weich.

»Das können Sie auch. Aber jetzt verraten Sie mir bitte, was ich für Sie tun kann.«

Mit dieser Frage überraschte sie ihn. Erst als sein Blick die Uhr über der Tür streifte, fiel ihm der Grund wieder ein, warum er die Schwester gerufen hatte.

»Ich bin vor über einer Stunde aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen«, sagte er. »Die ganze Zeit quälen mich die Gedanken an meine Arbeit. An den Auftrag, der am seidenen Faden hängt und den ich unbedingt an Land ziehen muss«, gestand er der schönen Krankenschwester. »Das ist nicht gut, wenn Sie sich mit Ihren Sorgen beschäftigen«, erwiderte Alisha ernst. »Schließlich sind Sie hier, um gesund zu werden. Dazu braucht es speziell in Ihrem Fall besonders viel Ruhe.« Der Einfachheit halber hätte sie Patrick ein Schlafmittel anbieten können. Das Konzept der Behnisch-Klinik sah aber vor, so wenig Medikamente wie möglich und so viele wie nötig zu verabreichen. Dieser Gedanke gefiel Alisha, und wenn sie genug Zeit dazu hatte, machte sie sich einen regelrechten Sport daraus, ihren Patienten ohne Schlafmittel zu einer angenehmen Nachtruhe zu verhelfen. Sie zog sich einen Stuhl heran, setzte sich an Patricks Bett und dachte kurz nach. »Vielleicht hilft es, wenn Sie an etwas besonders Schönes denken. Zum Beispiel an einen Spaziergang in der Natur«, machte sie einen Vorschlag.

Patrick schnitt eine Grimasse.

»Ich fürchte, ich kann mich gar nicht mehr an meinen letzten Spaziergang erinnern«, gestand er. Obwohl dieser Gedanke für Alisha? unerhört war, suchte sie weiter.

»Nun gut, dann haben Sie vielleicht einen schönen Urlaub gemacht, an den Sie sich gerne erinnern?«, machte sie einen weiteren Versuch. »Auch nicht? Vielleicht entspannen Sie beim Sport? Oder bei einem Museumsbesuch?« Je mehr Vorschläge sie machte, umso hilfloser wurde sie. Jedes Mal schüttelte Patrick den Kopf. »Aber irgendwas müssen Sie doch in Ihrer Freizeit tun?«, war sie schließlich mit ihrem Latein am Ende.

»Ich habe kaum Freizeit«, gestand Patrick und wunderte sich zum ersten Mal selbst darüber. So deutlich war ihm das noch nie bewusst geworden. »Und wenn, dann bin ich froh, mal zu Hause zu sein.«

»Und was machen Sie dann?«, hakte Alisha hoffnungsvoll nach. Wenn sie nicht langsam eine Lösung fand, würde sie doch die Tabletten holen.

»Nichts besonderes«, gab Patrick zurück. »Meistens lege ich mich aufs Sofa und versuche, mich mit einem Film abzulenken.«

Diese Bemerkung ließ Alisha aufatmen. Endlich ein Hinweis, auf den sie eingehen konnte.

»Welche Filme schauen Sie denn gerne?«

Zu ihrer großen Überraschung lächelte Patrick verlegen. »Sie werden mich auslachen«, mutmaßte er.

»Niemals!«, versprach sie hoch und heilig.

Er rang sichtlich mit sich und seufzte dann.

»Wenn ich entspannen will, sehe ich am liebsten Liebesfilme. Diese amerikanischen Schnulzen, wo die Protagonisten jede Menge Hindernisse überwinden müssen, bis sie sich endlich finden.«

»Sie haben recht.« Alisha lächelte fein. »Zumindest die Vorstellung von so einer Art Liebe ist sehr romantisch, auch wenn ich sie für überzogen und unrealistisch halte.«

Patrick traute seinen Ohren nicht. Er konnte nicht glauben, dass Alisha so nüchtern war.

»Kommen Sie, das ist nicht Ihr Ernst!«, forderte er sie heraus und unterdrückte ein Gähnen. Obwohl das Gespräch alles andere als langweilig war, wurde er doch langsam müde. »Irgendwie hofft doch jeder, dass so die Liebe ist. Über alle Schranken und Grenzen hinweg. Dass man alles riskiert für einen anderen Menschen. Egal, wie es ausgeht«, erklärte er mit einer Leidenschaft, die Alisha nie in ihm vermutet hätte.

»So denken Sie?«, fragte sie und bemerkte zufrieden, wie seine Augenlider zu flattern begannen. »Diese weiche Seite hätte ich nie in Ihnen vermutet.«

Patrick gähnte herzhaft.

»Und ich hätte nicht gedacht, dass Sie so rational sind.«

War sie das wirklich? Alisha dachte noch über eine Antwort nach, als sie Patricks regelmäßiges Atmen bemerkte. Das Gespräch und seine leidenschaftliche Stellungnahme hatten ihn offenbar so erschöpft, dass er endlich wieder eingeschlafen war. Lächelnd zog Alisha die Bettdecke glatt und schickte ihm noch einen langen Blick, ehe sie nachdenklich das Zimmer verließ.

*

»Und? Bist du aufgeregt?«, erkundigte sich Govinda Deshpade bei seiner älteren Tochter, als er den Wagen am Samstagnachmittag vor dem Haus der Familie Ambani parkte. »Ein bisschen schon«, gestand Alisha und zupfte an dem hellgrünen Schleier auf ihrem Kopf, den sie – passend zu dem großen Ereignis – zu ihrem schönsten Sari trug. »So oft habe ich Imram ja noch nicht gesehen.«

»Deshalb sind wir hier«, versicherte Govinda mit deutlichem Vaterstolz im Blick. »Außerdem musst du dir keine Sorgen machen. Du siehst wunderschön aus und wirst die Herzen der Familie im Sturm erobern.« Er streckte die Hand aus, um zu klingeln. Im Inneren des Hauses ertönte eine mehrstimmige Glocke.

»Du bist nicht objektiv«, schalt Alisha ihren Vater und trat nervös von einem Bein auf das andere. »Ah, da seid ihr ja!« Imrams Vater Kadir öffnete die Tür und bat seine Gäste strahlend und mit einer weit ausgreifenden Handbewegung ins Haus. »Wir haben euch schon erwartet.« Er deutete auf seine Frau Yumi und Imram, der erwartungsvoll neben seiner Mutter stand. Obwohl er ein erwachsener Mann Mitte zwanzig war, lebte er mit seinen Geschwistern noch bei seinen Eltern. »Ich freue mich, dich endlich in meinem Heim begrüßen zu dürfen«, erklärte er freundlich zu Alisha und begleitete sie ins üppig ausgestattete Wohnzimmer. Eine mit Brokatstoff bezogene, riesige Couch bildete den Mittelpunkt eines Sammelsuriums an Kitsch, das seinesgleichen suchte. »Meine Mutter hat ein Faible für das Besondere«, erklärte er, als er Alishas verdutzten Gesichtsausdruck bemerkte. »Äh, ich finde es …«, sie schickte ihrem Vater einen schockierten Blick. Auch ihre Eltern liebten es farbenfroh und bunt. Doch im Vergleich zu diesem Durcheinander konnte man die Einrichtung der Familie Deshpade als modern bezeichnen.

Leider war die stumme Antwort ihres Vaters eindeutig.

»Es ist sehr behaglich«, kam sie der stillen Aufforderung endlich nach und rang sich ein künstliches Lächeln ab.

Das war offenbar die richtige Antwort gewesen. Imram lächelte ebenfalls.

»Es ist mir sehr wichtig, dass es dir hier gefällt«, atmete er sichtlich erleichtert auf. »Schließlich werden wir hier nach der Hochzeit leben.«

In diesem Moment kam seine Mutter Yumi ins Zimmer, um Chai – gewürzten indischen Tee – süße Leckereien und Schalen mit gesalzenen Nüssen zu servieren. Als sie die Worte ihres Sohnes hörte, wurde ihr Lächeln noch tiefer.

»Wenn du willst, zeige ich dir nachher das Schlafzimmer.«

Alisha verschluckte sich vor Scham und Schreck am süßen Tee und hustete, bis ihr die Tränen kamen.

»Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen«, bedankte sie sich schließlich krächzend. Als ihre zukünftige Schwiegermutter sich zu den beiden Männern am anderen Ende der Couch gesellte, nutzte Alisha die Gelegenheit für eine Frage an ihren Verlobten.

»Aber irgendwann werden wir schon in unserem eigenen Haus leben, oder?«, erkundigte sie sich so behutsam wie möglich. »Ich meine, wenn wir genug Geld gespart haben.«

Imams dunkle Augen wurden rund vor Staunen.

»Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht«, gestand er offenherzig. »Warum auch? Schließlich haben wir hier Platz genug. Außerdem könnte Mutter dann nicht mehr jeden Tag für uns kochen. Sie kann dir viel beibringen, weißt du«, warb er bei seiner Verlobten um Verständnis.

Alisha schluckte und spürte den strengen Blick ihres Vaters auf sich ruhen. »Du hast recht. Das ist ganz sicher ein Vorteil«, blieb ihr nichts anderes übrig als Imram zuzustimmen. Als das Gespräch zu versickern drohte, nahm Alisha eine Handvoll Erdnüsse und gab vor, hingebungsvoll zu kauen. Dabei erwiderte sie Imrams verzücktes Lächeln. »Erzähl mir ein bisschen von dir!«, verlangte sie, als Imram keine Anstalten machte, mehr über sie zu erfahren.

»Was möchtest du denn wissen?«

Alisha dachte nach.

»Hmmm, zum Beispiel, welche Träume du hast.«

»Träume?«, wiederholte Imram irritiert. »Wie meinst du das?«

»Na ja, was hast du noch vor in deinem Leben? Strebst du eine Karriere an? Willst du dich selbstständig machen? Träumst du davon, die Welt zu bereisen?«, zählte Alisha die Dinge auf, die ihr in den Sinn kamen.

Verlegen sah Imram nach unten und knetete seine schmalen Hände im Schoß.

»Ehrlich gesagt bin ich recht zufrieden damit, wie alles gerade ist. Ich habe einen guten Beruf, genügend Geld und ein schönes Haus.« Sein Blick glitt durch das überfüllte Wohnzimmer. »Wenn ich erst verheiratet bin …, wenn wir erst verheiratet sind«, korrigierte er sich schnell, »... was sollte ich mir dann noch wünschen? Dann habe ich eine Frau, einen schönen Garten ..., das heißt, wenn du mit den Kindern noch Zeit hast, dich um den Garten zu kümmern …«, dachte er laut nach. Alisha bekam eine Gänsehaut. So hatte sie sich ihr Leben eigentlich nicht vorgestellt.

»Ehrlich gesagt möchte ich lieber noch ein paar Jahre arbeiten, bevor ich ans Kinderkriegen denke«, erklärte sie freundlich aber entschieden. »Findest du nicht, dass wir uns erst mal aneinander gewöhnen und uns richtig kennenlernen sollten? Zeit miteinander verbringen, vielleicht ein bisschen reisen gehen?«, machte sie ein paar Vorschläge, um Imram aus der Reserve zu locken. Um zu erfahren, was hinter diesem durchaus sympathischen Gesicht vor sich ging. Doch offenbar war da nicht viel, was es zu erfahren gab.

»Ich verstehe nicht ganz … Wir werden doch hier zusammen leben. Dabei haben wir genügend Gelegenheit, uns kennenzulernen.« Alisha kämpfte mit der Fassung, als sie aus den Augenwinkeln bemerkte, dass sie beobachtet wurden. Sie setzte ein künstliches Lächeln auf und drehte den Kopf, um Kadir, Yumi und ihrem Vater zu winken.

»Versteht ihr euch gut, Kinder?«, erkundigte sich Yumi, die das Lächeln als Aufforderung gesehen hatte, herüberzukommen und Chai nachzuschenken. »So ist es recht«, wartete sie gar nicht erst auf eine Antwort. »Ihr seid wirklich ein schönes Paar und werdet sehr glücklich miteinander werden«, versprach sie innig. Alisha nickte tapfer und sah in das gutmütige Gesicht ihres zukünftigen Ehemannes.

»Ganz bestimmt«, versicherte sie und wusste nicht, ob sie damit Yumi oder sich selbst überzeugen wollte.

*

»Mit dem Tag der Vermählung beginnt für euch, liebes Brautpaar jetzt …, nein, das ist ja wirklich furchtbar ... Nun beginnt der Ernst des Lebens ... Ach was …«, murmelte Patrick Haussmann vor sich hin. Die Lehne seines Krankenbettes war hochgestellt, und er hatte einen Block auf den angezogenen Knien. Immer wieder kritzelte er ein paar Worte aufs Papier, um sie gleich darauf stöhnend wieder durchzustreichen. »So wird das nie was!«, schimpfte er, als sich die Tür des Krankenzimmers langsam öffnete und Alisha hereinkam. Bei ihrem Anblick erhellte sich Patricks Miene schlagartig.

»Sie schickt der Himmel«, lächelte er und legte Block und Kugelschreiber zur Seite.

Alisha warf einen kurzen Blick darauf.

»Sie haben doch etwa nicht gearbeitet?«, fragte sie tadelnd.

»Nein. Zumindest nicht fürs Büro«, erwiderte Patrick seufzend. »Ich bin Trauzeuge bei der Hochzeit meines besten Freundes und soll eine Rede halten. Das ist schwerer, als einen guten Werbespruch zu finden, das können Sie mir glauben!«, versicherte er mit dramatisch gerunzelter Stirn, dass Alisha lachen musste. »Ich verstehe gar nicht, warum Andi mir das antun muss. Nicht nur die Rede …, die ganze Sache mit der Hochzeit und so«, erklärte Patrick und fuhr sich mit allen zehn Fingern durchs Haar.

»Ein Fan der romantischen Liebe ist ein Gegner von Hochzeiten?«, fragte Alisha verblüfft.

»Na ja, man muss ja nicht gleich heiraten, nur weil man verliebt ist, oder?« Patrick sah sie mit zusammengekniffenen Augen an, und unwillkürlich musste Alisha an ihre eigene Hochzeit denken. Sie wusste: Man konnte auch heiraten, ohne verliebt zu sein. »Sie haben recht«, erwiderte sie jedoch der Einfachheit halber und überprüfte verlegen den Inhalt der Thermoskanne. »Wollen Sie noch Tee?«

Überrascht von ihrer Antwort überhörte Patrick ihre Frage. »Sie sind wirklich eine erstaunliche Frau. Wunderschön, aber nicht die Spur romantisch«, stellte er verwundert fest.

Alisha überlegte kurz. Dann rang sie sich zu einer Antwort durch.

»Das liegt daran, dass wir in Indien nicht viel von der romantischen Liebe halten«, erklärte sie und wusste selbst nicht, warum ihre Wangen plötzlich brannten. Schnell senkte sie den Kopf, damit Patrick es nicht bemerkte.

Doch der starrte ohnehin nachdenklich auf seine Bettdecke.

»Stimmt es, dass Sie diese Tradition noch heute pflegen? Ich meine, dass die Eltern einen Bräutigam für ihre Tochter aussuchen?«

»Ja, das ist richtig«, gestand Alisha leise und ordnete ein paar Gegenstände auf dem Nachttisch, um ihren zitternden Händen eine Beschäftigung zu geben. »Das ist auch heute noch so. Und es ist kein schlechter Brauch«, ging sie vorsichtshalber in Verteidigungshaltung. »Immerhin kennen die Eltern ihre eigene Tochter besser als sonst jemand und wissen, was gut für sie ist.« Sie war so aufgeregt, dass sie ein Glas auf dem Nachttisch umstieß. Es rollte zum Rand und fiel klirrend zu Boden.

Patrick zuckte kurz zusammen. »Passen Sie auf, dass Sie sich nicht schneiden!« Als er sich versichert hatte, dass Alisha nichts passiert war, setzte er seinen Gedankengang fort.

»Eigentlich ist das doch gar keine so schlechte Idee. Auf diese Weise sparen sich die indischen Frauen jede Menge langweilige Verabredungen mit potenziellen Kandidaten.«

»Leider auch die schönen«, entfuhr es Alisha. Glücklicherweise kniete sie auf dem Boden, um die Scherben aufzusammeln, sodass Patrick ihre glühend roten Wangen nicht sehen konnte. »Wissen Sie, bei uns ist das anders als hier«, fuhr sie schnell fort. »Bei uns gibt man der Liebe Zeit zu wachsen. Man kauft nicht die Blume, die schon im Blumengeschäft aufgegangen ist, sondern die mit einer verschlossenen Blüte.« Alisha warf die Scherben in den Abfalleimer.

»Und was, wenn man eine Blume erwischt, die nicht aufblühen will?«, fragte Patrick ernsthaft nach. »Ich habe schon öfter Rosen verschenkt, die sich nicht öffnen wollten. Wenn das in einer arrangierten Ehe passiert, was dann?«

Alisha schluckte. Darüber wollte sie lieber nicht nachdenken.

»Dann hofft man auf das nächste Leben«, nahm sie Zuflucht in ihrer Religion.

Zu ihrer Erleichterung lachte Patrick sie nicht aus. Nachdenklich sah er ihr nach, wie sie aus dem Zimmer ging, um Schaufel und Besen zu holen, um auch noch die kleinen Splitter vom Boden zu kehren. »Sind Sie auch einem Mann versprochen?«, setzte er das Gespräch interessiert fort, als sie zurück war. Alisha bückte sich rasch und fuhr mit dem Besen über den Boden. Wenn sich Patrick ein wenig über den Bettrand beugte, konnte er ihren schmalen Rücken, ihren schlanken Nacken sehen. »Nein. Ich bin noch nicht so weit«, erklärte sie eine Spur zu hastig. Sie wusste selbst nicht, warum sie ihm nicht die Wahrheit sagte. »Das freut mich«, erklärte Patrick mit einem Anflug von Übermut. »Vielleicht können wir uns ja mal auf einen Kaffee in der Stadt treffen, wenn ich wieder gesund bin.«

Alisha hatte ihre Arbeit beendet und erhob sich vom Boden. Mit Schaufel und Besen in der Hand stand sie vor Patrick und starrte ihn an. Sie wusste, dass sie die Einladung ablehnen musste. Schließlich war sie eine verlobte Frau.

»Warum nicht?«, hörte sie sich zu ihrer eigenen Verwunderung kokett sagen, ehe sie – erschrocken über sich selbst – aus dem Zimmer floh. Fasziniert sah Patrick ihr nach und wusste in diesem Augenblick, dass er sie wundervoll fand.

*

»Ich glaub, ich hab mich verliebt.« Steffis Wangen leuchteten in schönstem Rot, als sie Alisha in einem Café gegenübersaß und in ihrer Kaffeetasse rührte. Alisha kicherte.

»In Nico?«, fragte sie und freute sich von ganzem Herzen für das Glück ihrer Freundin.

Steffi nickte. »Er ist so süß«, geriet sie unversehens ins Schwärmen. »Stell dir vor, er meldet sich jeden Tag bei mir und schreibt so schöne Nachrichten. Er will mich sehen und hat klar zum Ausdruck gebracht, dass er an einer festen Beziehung interessiert ist. Er meinte, von den ganzen Spielchen hätte er genug und ist auf der Suche nach etwas Ernstem.«

»Ein Mann, der sich freiwillig meldet und Versprechungen macht?«, hakte Alisha ungläubig nach. »Hast du ihn erpresst?«, fragte sie spaßeshalber.

In den vergangenen Jahren hatten die beiden Frauen allerhand zusammen erlebt. Mehr als einmal hatte Alisha ihre beste Freundin getröstet, wenn wieder einmal ein Mann ohne Abschied auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben verschwunden war. Wenn einer plötzlich festgestellt hatte, dass er doch noch nicht bereit für eine Beziehung war. Oder unverbindlich und unzuverlässig blieb. Schon deshalb war eine arrangierte Ehe für Alisha nicht die schlechteste Lösung. Vielleicht blieb ihr am Anfang die Verliebtheit verwehrt. Aber dafür auch all die Enttäuschungen, mit denen andere Frauen zu kämpfen hatten.

Steffi lachte und weckte Alisha aus ihren Gedanken.

»Ja, nicht wahr, ich kann’s auch kaum glauben. Aber es ist so. Zumindest jetzt noch.« Ein Schatten huschte über Steffis Gesicht. »Bleibt nur zu hoffen, dass das nicht nur ein Strohfeuer ist.«

»Keine negativen Gedanken!«, mahnte Alisha lächelnd und nippte an ihrem Chai, der inzwischen auch in ihrem Lieblingscafé serviert wurde. »Vertrau einfach dir und deinem Bauchgefühl. Wenn es gut ist, dann genieße es!«

Steffi nickte versonnen und zerbröselte einen Keks auf der Serviette. »Ehrlich gesagt hab ich ein schlechtes Gewissen dabei«, gestand sie schließlich. »Warum denn?«

»Weil du so was nicht erleben darfst.«

Alisha fühlte einen feinen Stich im Herzen, den sie tapfer lächelnd ignorierte.

»Wer sagt denn so was?«, fragte sie und winkte lässig ab. »Na ja …, das, was du von Imram und seiner Familie erzählt hast, klingt nicht gerade danach, als ob das deine Welt wäre.«

»Ach, das wird schon«, versicherte Alisha tapfer. »Weißt du, eine meiner indischen Freundinnen wurde auch verheiratet. Und irgendwann hat sie bemerkt, dass sie sich in ihren eigenen Mann verliebt hat …« Alisha nahm das Teeglas zwischen die kalten Hände und lehnte sich zurück. Steffi war nicht überzeugt und musterte ihre Freundin aus schmalen Augen. »Sag mal, was ist denn eigentlich mit dem Patienten von Zimmer 23?«, erkundigte sie sich scheinheilig und bemerkte mit Genugtuung, wie das Blut in Alishas Wangen schoss.

»Er wurde doch gestern entlassen. Was soll denn sein?«, stammelte Alisha und widmete ihre Aufmerksamkeit demonstrativ ihrem Tee. Zu ihrer großen Enttäuschung hatte sie sich nicht von ihm verabschieden können, und er hatte auch keine Botschaft für sie hinterlassen. Offenbar gehörte dieser Patrick Haussmann zu der unzuverlässigen Sorte Männer, die ihre Einladungen vergaßen.

»Dann frage ich mich, warum Herr Haussmann besonders schöne Grüße an dich ausrichten lässt«, fuhr Steffi grinsend fort. »Und er hat mir das hier für dich gegeben.« Sie kramte in ihrer Jackentasche und zog ein Stück Papier aus der Tasche. Alishas Hände zitterten, als sie es auseinanderfaltete. »Seine Telefonnummer und Grüße«, krächzte sie nervös.

»Interessant«, bemerkte Steffi belustigt. »Wofür brauchst du denn seine Nummer?«

»Herr Haussmann wollte mich zum Kaffee einladen«, gestand Alisha und senkte den Kopf. Sie schämte sich, wenn sie daran dachte, so leichtfertig zugesagt zu haben. »Dabei bin ich doch eine verlobte Frau.«

Diese Bemerkung veranlasste Steffi, mit den Augen zu rollen. »Oh, Mann, Ali, ich bitte dich!«, entfuhr es ihr ungläubig. »Du stehst kurz vor der Hochzeit mit einem Mann, den du nicht liebst.«

»Den ich noch nicht liebe«, warf Alisha dazwischen. »Meinetwegen, noch nicht«, räumte Steffi ein. »Und alles klingt danach, als ob der spannende Teil deines Lebens mit der Hochzeit ein Ende hat.« Sie nahm ihre beste Freundin ins Visier. »Gefällt er dir denn, dieser Patrick Haussmann?«

Fahrig strich sich Alisha eine dunkle Strähne aus der Stirn und klemmte sie hinters Ohr. »Wir haben uns ein paar Mal sehr nett unterhalten«, gestand sie dann so leise, als ob sie belauscht wurde. »Er ist ein intelligenter, sympathischer Mann mit einem weichen Kern unter der rauen Schale.« Mit Genugtuung bemerkt Steffi das Leuchten, das über Alishas Gesicht huschte, als sie über den Patienten sprach. »Na also! Worauf wartest du dann noch?«

Alisha kaute auf der Unterlippe und kämpfte mit sich und gegen ihre Gefühle.

»Es ist ein Spiel mit dem Feuer«, gestand sie langsam. Doch Steffi war anderer Ansicht. Sie beugte sich über den Tisch und sah Alisha tief in die Augen.

»Es ist ein großes Abenteuer. Mit Sicherheit das letzte, bevor du heiratest. Und vielleicht das letzte in deinem Leben«, erklärte sie langsam und eindringlich. Alisha schluckte und dachte nach. Dann nickte sie und lächelte scheu. *

»Ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, dass Sie wirklich vorbeikommen.« Wie immer nahm Dr. Daniel Norden kein Blatt vor den Mund, als er seinen Patienten Patrick Haussmann mit Handschlag begrüßte und ihn in sein Sprechzimmer führte.

Dem hatte der Klinikaufenthalt sichtlich gutgetan. Seine Wangen waren ein bisschen voller und nicht mehr ganz so blass, und die dunklen Augen strahlten. »Ich hatte keine Wahl«, grinste er und ließ sich auf den Stuhl vor Daniels Schreibtisch fallen. »Schließlich brauche ich eine Krankmeldung von Ihnen.«

»Das stimmt allerdings. Ein hervorragendes Druckmittel, wie ich finde«, scherzte Dr. Norden. Er hatte sich gesetzt und gab Patricks Namen in den Computer ein, um sich einen genauen Überblick über den Gesundheitszustand seines Patienten zu verschaffen. »Sie haben sich erstaunlich schnell von Ihrem Zusammenbruch erholt. Die Blutwerte sind wesentlich besser als bei Ihrer Einlieferung vor ein paar Tagen. Auch die Organfunktion ..., doch ..., ich bin mit dem Ergebnis der Abschlussuntersuchung wirklich zufrieden.« Er hob den Kopf und sah Patrick in die Augen. »Vorausgesetzt natürlich, Sie halten jetzt noch eine Woche still, gehen nicht in die Arbeit und gönnen sich viel Ruhe.«

»Ob Sie es glauben oder nicht: genau das habe ich vor«, gab Patrick sehr zum Erstaunen des Hausarztes zurück. Lächelnd lehnte sich Daniel zurück und betrachtete Patrick eingehender. Das Strahlen in seinen Augen, die leuchtende Aura, die ihn umgab, ließ nur einen Schluss zu.

»Darf ich fragen, ob eine Frau für diesen Sinneswandel verantwortlich ist?« Unwillkürlich dachte er an die temperamentvolle Schönheit, die ihn neulich in der Klinik um ein Haar umgerannt hätte.

Patrick erinnerte sich an diese Situation und lachte.

»Sie denken an Stella, nicht wahr? Die hab ich seit ihrem bühnenreifen Abgang in der Klinik nicht mehr gesehen. Sie war beleidigt, dass ich ihre freie Woche nicht mit ihr verbringen kann, sondern das Bett hüten muss.«

Missbilligend zog Daniel eine Augenbraue hoch.

»Wenn Ihrer Freundin an Ihnen gelegen ist, sollte Sie froh und dankbar dafür sein, dass Sie vernünftig sind. Sie sollte Sie in Ihrem Vorhaben unterstützen«, bemerkte er und versuchte erst gar nicht, seinen Unwillen zu verbergen.

Einen Moment lang war Patrick überrascht von der Leidenschaft, mit der sich der Arzt für ihn interessierte. »Ich bin mir sicher, dass Stella irgendwann wieder auftauchen wird. Das war bisher immer so. Das zwischen uns ist nichts Ernstes.« Patricks nachdenklicher Blick ruhte auf Daniel. Dann lächelte er. »Alisha hat wirklich recht. Sie sind nicht nur ein Arzt für den Körper, sondern auch für Herz und Seele.«

»Alisha?«, fragte Daniel Norden irritiert. »Eine der Nachtschwestern aus der Behnisch-Klinik. Sie ist Inderin …«

Weiter kam er nicht, denn in diesem Augenblick ging Daniel ein Licht auf. »Ach, jetzt weiß ich, wen Sie meinen.« Er lächelte kurz. »Das hat sie über mich gesagt?«, hakte er verwundert nach. »Allerdings. Und dass Sie einer der Wenigen sind, die sich noch umfassend um ihre Patienten kümmern, sie von Anfang bis Ende betreuen und nicht irgendwo unterwegs allein lassen.«

Es war nicht das erste Mal, dass Dr. Norden solche Worte zu hören bekam. Sie bestätigten ihm, mit seiner Philosophie auf dem richtigen Weg zu sein. Gleichwohl konnte er mit überschwänglichen Komplimenten nicht umgehen. »Ich sehe das einfach als meine Pflicht an«, erklärte er verlegen und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Computer zu. Gleich darauf ratterte leise der Drucker, und Patricks Krankmeldung rutschte auf den Schreibtisch. Daniel reichte sie seinem Patienten und sah ihn aufmerksam an. »Haben Sie noch Fragen?«

Die hatte der Grafikdesigner in der Tat.

»Sie haben gesagt, dass ich mich nicht anstrengen darf«, erinnerte er sich an die Mahnung seines Arztes. »Was darf ich denn so alles anstellen ohne Angst haben zu müssen, wieder zusammenzuklappen?«, fragte Patrick salopp.

»Alles, wobei Sie sich nicht anstrengen müssen. Ich empfehle Spaziergänge an der frischen Luft. Leichte Tätigkeiten im Haushalt sind auch nicht verboten. Am besten, Sie achten darauf, nicht außer Atem zu kommen. Dann ist alles in Ordnung«, gab Dr. Norden Patrick mit auf den Weg. Dem kamen diese Anweisungen gerade recht. Als Alisha ihn zu seiner großen Freude tatsächlich angerufen hatte, hatte er ihr einen Spaziergang im Englischen Garten mit anschließendem Besuch eines netten Cafés vorgeschlagen. So passte dieser Plan genau in sein Genesungskonzept, und zufrieden und ein bisschen nervös machte er sich auf den Nachhauseweg, um sich auf seine Verabredung vorzubereiten. Es war ein kühler, aber sonniger Tag, und Alishas Wangen leuchteten rot, als Patrick sie an der U-Bahnstation abholte. »Sie haben ja ein Fahrrad!«, begrüßte sie ihn erstaunt.

Patrick lachte und reichte ihr die Hand. Zur Begrüßung gab er ihr einen Kuss links und rechts auf die Wange. Ein feiner verführerischer Duft nach Vanille und Gewürzen stieg ihm in die Nase.

»Stellen Sie sich vor, genau das habe ich mir auch gedacht, als ich heute im Keller war, um meine Wanderschuhe zu suchen«, gestand er, als er das Rad neben sich herschob. »Ich hab es vor Jahren dort unten abgestellt und einfach vergessen. Aber ich kann es noch und bin nicht runtergefallen.«

Alisha war dankbar für seinen unbeschwerten Tonfall und die Leichtigkeit, mit der Patrick munter drauf los plauderte. Damit nahm er ihr die Nervosität und beruhigte ihr schlechtes Gewissen, das sie wie ein Schatten verfolgte. »Fahrradfahren verlernt man genauso wenig wie Schwimmen«, erwiderte sie und schickte ihm einen sorgenvollen Blick. »Aber dürfen Sie das überhaupt? Ist das nicht zu anstrengend?« Die Fürsorge in ihrer Stimme rührte Patrick.

»Keine Angst. Dr. Norden hat mir leichte Tätigkeiten erlaubt. Ich war extra bei ihm und hab nachgefragt.«

»Braver Junge!«, scherzte Alisha gut gelaunt. Sie hatte die Hände in den Manteltaschen versenkt und die Mütze tief ins Gesicht gezogen. »Hoffentlich halten Sie sich auch an die Anordnung, nicht zu arbeiten.« Inzwischen hatten sie den Englischen Garten erreicht, und Patrick lehnte das Fahrrad an ein Geländer. Er schloss es ab und machte sich dann gemeinsam mit Alisha auf den Weg. Ein paar Kinder ließen sich nicht von den kühlen Temperaturen abhalten und spielten Fußball auf der Wiese. Dabei lachten und johlten sie vergnügt. »Ist geistige Arbeit auch verboten, Frau Doktor?«, erkundigte sich Patrick scherzhaft und lauschte auf den Kies, der leise unter ihren Füßen knirschte.

»Sie meinen Ihre Hochzeitsrede?«, erinnerte sich Alisha an den Text, an dem Patrick in der Klinik fast verzweifelt wäre, bis sie ihm mit ein paar Vorschlägen zu Hilfe geeilt war.

»Dank Ihnen ist sie fast fertig.« Patrick schickte ihr ein Lächeln. »Diese Idee mit den gemeinsamen Kindheitserinnerungen war einfach fantastisch. Danach hat sich der Text fast von selbst geschrieben.«

Vor Freude wurden Alishas Wangen ganz warm und das Lächeln auf ihrem Gesicht noch strahlender.

»Um welche geistige Arbeit geht es denn dann?«, fragte sie mit echtem Interesse.

Patrick winkte unwillig ab. Der gefährdete Auftrag für das Geldinstitut von Maximilian Reich hing drohend wie ein Damoklesschwert über seinem Haupt. »Ach, um diesen Werbespot, den ich für ein Geldinstitut entwickeln soll. Der erste Versuch war ein totaler Reinfall. Jetzt habe ich noch eine Chance, die ich unbedingt wahrnehmen muss.« Ein Stein lag auf dem Weg, und Patrick kickte ihn unwillig davon. Gedankenverloren sah Alisha ihm nach, wie er im Gras verschwand. Unwillkürlich war ihr Imram in den Sinn gekommen und seine Antwort auf ihre Frage nach seinen Zukunftsplänen.

»Das klingt danach, als ob Sie sehr ehrgeizig sind«, mutmaßte sie.

»Das stimmt«, gestand Patrick, überrascht, dass sie ihn so schnell durchschaut hatte. »Ich will kein Versager sein.«

»Denken Sie wirklich so von sich?« Inzwischen wanderten sie am Eisbach entlang, und Alisha bückte sich nach einem Stock. Sie warf ihn ins Wasser und sah zu, wie er schaukelnd davongetrieben wurde. »Sagen wir so: Ich habe Angst davor. In meinem Beruf gebe ich stets das Beste. Trotzdem weiß ich oft nicht, ob das gut genug ist. Was ist, wenn ich versage?« Patrick schickte Alisha einen fragenden Blick.

»Einen großen Preis gewinnt nur der, der es wagt, ein großes Risiko einzugehen«, erwiderte sie ernst und ignorierte Patricks bewundernden Blick, der ihr das Blut in die Wangen trieb und ihr Herz schneller schlagen ließ.

Ihm schien es ähnlich zu ergehen, denn seine Stimme war heiser, als er sagte: »Ein weises Wort. Ich werde darüber nachdenken.« Er räusperte sich und hob einen Stein am Ufer auf, den er zwischen den Fingern rieb. Die glatte Oberfläche schmeichelte seiner Haut und fühlte sich gut an. »Aber wir reden nur von mir. Was ist mit Ihnen? Ist der Krankenschwester-Beruf Ihr Traum?«

Sie gingen weiter am Bach entlang. Während Alisha nachdachte, betrachtete sie ihre vier Füße, die wie von selbst im Gleichschritt dahin wanderten.

»Ja, ich denke schon. Ich tue gern etwas, das andere glücklich macht.«

Ungläubig schüttelte Patrick den Kopf.

»Sie scheinen immerzu nur an andere zu denken, pflegen Patienten, zerbrechen sich den Kopf über die Hochzeitsrede für meinen besten Freund, interessieren sich für mich und meine Sehnsüchte …« Unvermittelt blieb er stehen. Alisha ging ein Stück weiter, dann drehte sie sich nach ihm um und sah ihn fragend an. »Was ist? Warum gehen Sie nicht weiter?«

Doch Patrick war mit seinen Ausführungen noch nicht am Ende angelangt.

»Wie wär’s, wenn Sie zur Abwechslung mal was tun, was Sie glücklich macht?«, fragte er provokant. »Was wäre das zum Beispiel?«

Nicht heiraten!, schoss es Alisha durch den Kopf, aber sie hütete sich, diesen Gedanken vor Patrick laut auszusprechen. Sie lachte verlegen und rieb die kalten Hände aneinander.

»Ich weiß nicht. Mit Ihnen essen gehen?«

Patrick erschrak.

»Ist Ihnen kalt? Haben Sie Hunger? Das tut mir leid.« Schnell drehte er sich nach links und rechts, um sich zu orientieren. Dann wusste er, in welche Richtung sie gehen mussten. »Nicht weit von hier ist ein Café. Bitte, kommen Sie.« Um sie zu wärmen, legte er beschützend den Arm um Alishas Schultern. Im ersten Moment erschrak sie. Doch dann fühlte es sich viel zu gut an, als dass sie sich dieser vertrauten Berührung entziehen konnte und wollte.

»Eigentlich möchte ich nicht ins Café«, gestand sie und wusste selbst nicht, welcher Teufel sie ritt. Warum es ihr wichtig war, Patrick ihre Kultur, ein Stück ihrer Heimat nahezubringen. »Hier ganz in der Nähe gibt es ein kleines indisches Restaurant.«

Mit diesem Vorschlag überraschte sie Patrick.

»Ehrlich gesagt war ich noch nie indisch essen«, gestand er verlegen, und Alisha lachte.

»Erinnern Sie sich? Wer kein Risiko eingeht, kann auch nichts gewinnen.«

Mehr Überzeugungsarbeit war nicht nötig. Auch Patrick lachte belustigt auf und ließ sich von Alisha den Weg weisen.

Es ist das letzte Abenteuer vor meiner Hochzeit!, beruhigte sie ihr schlechtes Gewissen, während sie Arm in Arm dahinschritten. Dabei lächelte sie still vor sich hin.

*

Als Patrick durch die Tür in das kleine Restaurant trat, fühlte er sich, als verließe er seine Welt und tauche direkt ein in ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. »Es ist wunderschön hier«, stellte er begeistert fest und sah sich in dem in verschiedenen Rottönen gehaltenen Raum um. Gedämpftes Licht fiel aus Laternen mit buntem Glas, ein herrlicher Duft nach allerlei exotischen Gewürzen lag in der Luft, und orientalisch gemusterte Kissen lagen auf Stühlen und Bänken.

»Freut mich, wenn es dir gefällt.« Ohne es zu bemerken, gingen Alisha und Patrick einfach zum vertrauten »Du« über. Es fühlte sich so richtig an.

Sie suchten sich einen Tisch in einer Ecke des Restaurants. Der Ober kam, begrüßte sie lächelnd und reichte ihnen die Speisekarten. Verwirrt blätterte Patrick durch die Seiten.

»Ich fürchte, du musst bestellen«, gestand er schließlich und schickte Alisha einen ratlosen Blick.

»Das hatte ich sowieso vor«, erwiderte sie lächelnd.

Fasziniert lauschte Patrick der fremden Sprache. Sein bewundernder Blick hing an Alisha, die sich lächelnd mit dem Ober unterhielt. Der machte ihr offenbar ein Kompliment, denn Alisha lachte und senkte ebenso verlegen wie anmutig den Kopf. Überrascht stellte Patrick fest, dass er eifersüchtig war.

»Hat er dir einen Heiratsantrag gemacht?«, fragte er, als sie wieder alleine waren. Es sollte ein Scherz sein. Doch er klang schroffer als beabsichtigt.

Alisha warf den Kopf in den Nacken und lachte herzlich über diesen Verdacht. »Aber nein! Ich hab ihm nur gesagt, dass du die indische Küche nicht kennst und die Bestellung aufgegeben. Daraufhin meinte er, ich hätte einen ausgezeichneten Geschmack.«