12:48. Die Katastrophe beginnt - Jonathan Lenz - E-Book

12:48. Die Katastrophe beginnt E-Book

Jonathan Lenz

3,9
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Jenn darf mit dem Ranger Bosworth und einer Gruppe Jugendlicher mit zur Vulkanwanderung. Dort freundet sie sich mit dem attraktiven Chris an, der als Hobbyfotograf bald nur noch sie als Motiv kennt. Da schlägt der junge Vulkanologe David White in seinem Labor Alarm. Nach seinen Berechnungen wird es um 12:48 Uhr zu heftigsten Eruptionen des Vulkans kommen - doch keiner will ihm glauben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2014

Bewertungen
3,9 (16 Bewertungen)
6
4
4
2
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jonathan Lenz

12:48

Die Katastrophe beginnt

Außerdem von Jonathan Lenz im Arena Verlag: 16:32. Gegen die Zeit

Jonathan Lenzwuchs in Frankfurt am Main auf und lebt heute, wenn er nicht gerade auf großer Reise ist, bei München. Seit seiner Jugend verbringt er so viel Zeit wie möglich in Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern. Auch für seinen Thriller »12:48. Die Katastrophe

 

 

 

 

 

 

1. Auflage als Arena-Taschenbuch 2013 © 2011 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Frauke Schneider Umschlagtypografie: knaus. büro für konzeptionelle und visuelle identitäten, Würzburg ISSN 0518-4002 ISBN 978-3-401-80385-2

www.arena-verlag.deMitreden unter forum.arena-verlag.de

Donnerstag, 7. August

Highway 26 beiGovernment Camp, Oregon7:32 Uhr

Der greise Indianer mit den langen weißen Haaren trat keuchend zwischen den Bäumen hervor und blieb nachdenklich stehen. Er stützte sich auf seinen Krückstock, erleichtert darüber, dass er die lange und mühsame Wanderung geschafft hatte, und blickte ängstlich zum Mount Hood empor. Über dreitausend Meter ragte der schneebedeckte Gipfel des kegelförmigen Berges in den Morgennebel. Man kannte ihn nur als friedlichen Vulkan, doch seit einigen Tagen erschien er dem Indianer bedrohlich wie ein gewaltiges Ungeheuer.

Von der Sorge getrieben, der Berg könnte zum Leben erwachen und ihm seinen feurigen Atem ins Gesicht blasen, stieg er über einen schmalen Pfad zur Straße hinab. Wie ein Gespenst wirkte der alte Mann mit seinem zerfurchten Gesicht und seinen strähnigen Haaren. Hundert Jahre sollte er alt sein, erzählte man sich im Reservat, vielleicht sogar noch älter. Einige hielten ihn für einen Schamanen, einen heiligen Mann, der mit den Geistern in Verbindung stand. Andere für einen Spinner, der nicht mehr verstand, was um ihn herum vorging, und schon zu lange lebte. Er sei der letzte Häuptling seines Stammes, einer der letzten wahren Krieger, sagte er von sich selbst.

Jenseits des Highways tauchte eine einsame Tankstelle aus dem Nebel auf. Sie lag eine halbe Meile außerhalb von Government Camp, einer winzigen Siedlung am Rande des Mount Hood National Forest in Oregon. Im verwaschenen Licht der bunten Reklametafeln beobachtete er, wie sich ein Kombi näherte und zur Tankstelle abbog. Der Wagen hielt vor den Zapfsäulen und ein Mann stieg aus. Im Nebel war er nur schemenhaft zu erkennen. Während er tankte, unterhielt er sich mit einer Frau auf dem Beifahrersitz. Die beiden schienen die einzigen Menschen im weiten Umkreis zu sein. Wahrscheinlich Urlauber, die in die Ferien fuhren und in den Wäldern am Mount Hood wandern wollten. Er musste sie unbedingt warnen.

Auf halbem Weg zur Straße stützte er sich auf einen Felsen und wartete, bis sein Atem ruhiger ging. Der steile Abstieg war anstrengender, als er gedacht hatte. Seit vier Stunden war er unterwegs. Direkt aus den zerklüfteten Bergen war er zum Highway hinabgestiegen, wie ein geheimnisvoller Bote, den die Geister aus einer anderen Welt geschickt hatten. Er hatte es eilig. Die Ranger mussten so schnell wie möglich erfahren, welche Nachricht ihm der Große Geist in einem Traum geschickt hatte. Diese Gegend musste so schnell wie möglich geräumt werden. Nur wenn die Behörden sofort handelten, konnte eine Katastrophe vermieden werden. Wer die bösen Geister herausforderte, musste damit rechnen, von ihrem heißen Atem berührt und in die abgrundtiefen und dunklen Jagdgründe ohne Wiederkehr gezogen zu werden.

Vier Tage und vier Nächte hatte er im Wilfred Canyon gefastet. Die Antwort auf seine Gebete war in der Mittagshitze des dritten Tages gekommen. Der Große Geist hatte in Form eines mächtigen Bären zu ihm gesprochen, eines Grizzly, der aus den zerklüfteten Ausläufern des Mount Hood gekommen und vor dem Schatten des gewaltigen Berges in den Wald geflohen war. Ein deutliches Zeichen. So wie in der alten Legende, die von einem tapferen Krieger berichtete, der lange vor der Ankunft der Weißen in diesem Land gelebt hatte. Als der Krieger den alten und massigen Mount Hood, der damals wie ein Gott von seinem Stamm verehrt wurde, für sein eigenes Versagen verantwortlich machen wollte, die felsigen Berghänge bespuckte und versuchte, alles Wild zu töten, erhob sich der Berg gegen ihn und erstickte ihn in flüssigem Feuer. Der Krieger brannte lichterloh wie eine Fackel und wurde zu Vulkanstaub.

Der greise Indianer schüttelte beim Gedanken an diese Legende besorgt den Kopf, stützte sich von dem Felsbrocken hoch und humpelte mit verkniffenem Gesicht zur Straße hinunter. Jeder Schritt bereitete ihm höllische Schmerzen. Vor über dreißig Jahren, als eine Operation noch möglich gewesen wäre, hatte ihm das Geld für künstliche Kniegelenke gefehlt, und jetzt reichte es nicht einmal mehr für die starken Schmerzmittel. Er lebte von der Sozialhilfe und den Zuwendungen, die das Kasino den Bewohnern des Reservats zukommen ließ. Zu wenig, um sich einen Platz im Pflegeheim leisten zu können. Er war auf die Hilfe einer entfernten Cousine angewiesen.

Der Fahrer des Kombis war gerade mit Tanken fertig, als der Indianer die Tankstelle erreichte. »Weißer Mann!«, rief er atemlos. »Warten Sie. Ich muss Sie warnen! Es geht um Leben und Tod! Hören Sie mich an, Mister! Sie dürfen nicht weiterfahren!«

Der Fremde musterte ihn geringschätzig und ging rasch an ihm vorbei. Anscheinend hielt er nicht viel von heruntergekommenen Ureinwohnern. Durch den Nebel konnte man hören, wie seine Frau in dem Wagen die Türen von innen verriegelte.

Der Indianer folgte ihm in den Tankstellenshop und hielt sich an dem Regal mit dem Motorenöl fest. Die Wärme im Laden tat ihm gut. Er trug lediglich verwaschene Jeans, ein kariertes Flanellhemd und die speckige Jeansjacke, die einem seiner Söhne gehört hatte. Seine Stiefel waren durchgelaufen. Genug für den Sommer, wenn man nur tagsüber aus dem Haus ging, aber nachts und auch am frühen Morgen konnte es empfindlich kalt werden.

»Was willst du?«, fragte der Kassierer feindselig. Er ließ den Kombi-Fahrer gerade die Quittung unterschreiben. »Ich hab keinen Schnaps.«

Der Kunde drehte sich besorgt um. Er wirkte eher ängstlich, als hätte er noch nie einen Indianer gesehen. Er bereute wohl jetzt schon, an der einsamen Tankstelle gehalten zu haben. Wahrscheinlich hatte er einen großen Bogen um das Reservat gemacht, in der Annahme, alle Indianer wären betrunkene Taugenichtse und hätten es wie früher auf harmlose Reisende abgesehen.

»Fahren Sie nach Hause!«, sagte der Indianer zu ihm. Seine Stimme klang brüchig von dem anstrengenden Marsch. »Wy’east ist böse auf die Menschen! Er wird uns alle vernichten! Fahren Sie, solange Sie noch können, Mister!«

»Lassen Sie mich in Ruhe! Sie sind ja betrunken!«

»Ich bin nur erschöpft, Mister. Ich trinke nie Schnaps. Nur Kaffee und Wasser. Ich mag nicht mal Bier.« Er hätte dem Fremden am liebsten gesagt, dass nicht alle Indianer so waren, wie sie das Fernsehen zeigte, aber dazu war keine Zeit. »Hören Sie auf mich, Mister! Wy’east will sich an den Menschen rächen und es wird eine große Katastrophe geben! Kehren Sie um, Mister!«

»Ich verstehe kein Wort«, erwiderte der Fremde. Er verstaute die Kreditkarte in seiner Brieftasche und schob sie in seine Jackentasche. »Wy. . . was?«

»Wy’east. So nennen die Indianer den Mount Hood«, sagte der Mann an der Kasse.

»Der Große Geist wird Wy’east zum Leben erwecken.« Der greise Indianer ließ sich nicht beirren. »Er will, dass der Berg die Menschen bestraft. Die Weißen haben die Erde in seinem Reich aufgerissen. Sie haben Hotels und Lodges erbaut und ganze Wälder für die Skifahrer und Snowboarder gerodet. Dafür werden alle Menschen in seiner Nähe sterben. Glauben Sie mir, er hat mir ein Zeichen gegeben, ich sage die Wahrheit.«

»Was soll der Blödsinn?« Der Mann an der Kasse verstaute die Quittung in einer Schublade. »Willst du behaupten, der Mount Hood würde ausbrechen?« Er kicherte verächtlich. »Ich glaube fast, du hast doch zu tief in eine Schnapsflasche geschaut. Der Mount Hood ist noch nie ausgebrochen. Hey Mann, der hat vielleicht vor hundert Jahren mal geraucht, aber heute ist er sicher. Bevor der Mount Hood ausbricht, wird Government Camp von einem Tsunami überspült.«

Der Indianer konnte darüber nicht lachen. »Sie sehen nicht, was ich sehe, weißer Mann. Mir ist in einem Traum erschienen, wie der Mount Hood seinen gewaltigen Schlund öffnet. Nicht heute und nicht morgen, aber an einem der nächsten Tage. Aus der Tiefe seines aufgeheizten Körpers wird loderndes Feuer quellen und alles Lebendige in seiner Reichweite versengen. Wy’east ist sehr wütend. Wenn die bösen Geister auf seiner Seite kämpfen, wird er auch vor Frauen und Kindern nicht haltmachen. Ich habe vier Tage und vier Nächte in den Bergen zum Großen Geist gebetet. Nur deshalb hat er mich vor Wy’east gewarnt . . .«

»Unsinn!« Der Mann an der Kasse tauschte einen verächtlichen Blick mit dem Fahrer des Kombis und deutete aus dem Fenster. Über den Nebelschwaden konnte man den schneebedeckten Gipfel des Mount Hood in der Ferne glitzern sehen. »Ich hab den Berg die ganze Zeit vor der Nase. Da hat sich nichts verändert. Und wenn, hätten uns die Ranger oder der Sheriff doch längst gewarnt. Schon mal was vom CVO gehört?« Er fing einen fragenden Blick des Kombi-Fahrers auf. »Cascades Volcano Observatory. Eine Beobachtungsstation in Vancouver, Washington. Da registrieren sie jede Veränderung in den Cascades. Die haben so genaue Instrumente, die merken sogar, wenn ein Kiesel in den Krater fällt. Also verschone uns gefälligst mit deinem Geistergeschwätz und geh ins Reservat zurück. Sonst vertreibst du mir noch die Kunden mit deinen Märchen. Geh zu deinen Stammesbrüdern!« Er wandte sich an den Kombi-Fahrer. »Tut mir leid, Mister, aber ich hab hier öfter mit betrunkenen Indianern zu tun. Lassen Sie sich Ihren Urlaub nicht vermiesen. Gute Fahrt!«

»Ich habe nichts getrunken und spreche die reine Wahrheit.« Der alte Mann mochte wie ein Bettler und Herumtreiber aussehen, hatte sich aber inzwischen erholt, und seine Stimme klang jetzt fest und klar. »Sie müssen mir glauben, weißer Mann! Erinnern Sie sich an den Mount St. Helens? Auch damals hörte niemand auf mich und wenige Tage später rächten sich die bösen Geister mit einer Katastrophe.« Er blickte den Mann an der Kasse an. »Sie waren damals schon alt genug. Sie müssen sich doch an die Bilder erinnern. Über sechzig Menschen starben damals bei dem Ausbruch. Wollen Sie, dass es wieder Tote gibt? Lassen Sie mich mit den Rangern telefonieren.«

»Das war was anderes«, wiegelte der Kassierer ab. »Ich sage den Rangern Bescheid, wenn ich sie sehe, das muss genügen. Und jetzt mach endlich, dass du wegkommst. Wenn du noch weiter hier rumlungerst, rufe ich den Sheriff.«

Als der Indianer sah, dass er nichts bewirken konnte, verließ er mit müden Schritten den Laden. Er war viel zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um die abfälligen Bemerkungen der beiden Männer zu hören.

»Möchte wissen, wen er noch alles mit seinem Hokuspokus nervt«, grummelte der Tankwart, als der greise Indianer zum Waldrand hinaufkletterte. Er lachte. »Der Mount Hood bricht aus . . . so einen ausgemachten Blödsinn hab ich schon lange nicht mehr gehört . . .«

Zigzag Ranger StationZigzag, Oregon11:07 Uhr

Noch bevor Jennifer ihr Mountainbike gegen die Schuppenwand gelehnt hatte, rannte ihr der zottige Mischlingshund entgegen. Sie stieg ab und empfing ihn mit offenen Armen. »Hey, Candy! Wie geht es dir? Hast du dich gut erholt?«

Candy sprang an ihr hoch und knurrte zufrieden, als sie ihm sanft den Nacken kraulte. Jennifer gehörte zu den wenigen Menschen, denen er vertraute.

»Du weißt, dass ich dir was mitgebracht habe, deshalb bist du so freundlich, was?« Sie zog lachend einen Kauknochen aus ihrer Tasche und ließ ihn daran schnuppern. Er schnappte danach. »Ich hoffe, du magst das Zeug. Chip war ganz verrückt danach.« Sie ging in die Hocke und sah ihm beim Kauen zu. »Chip ist der Hund meines Dads. Er hat ihn nach Seattle mitgenommen, hab ich dir das schon erzählt? Seine Neue ist angeblich verrückt nach ihm, aber das glaube ich nicht. Eine Anwältin kann nichts mit Hunden anfangen, die hat doch gar keine Zeit dafür. Ich hoffe, Dad kümmert sich um ihn.«

Candy hörte ihr nicht zu. Er beschäftigte sich lieber mit dem Kauknochen, biss angestrengt darauf herum und schnappte gierig danach, als er ihm aus dem Maul fiel. Wie immer, wenn er sich freute, wedelte er heftig mit dem Stummelschwanz. Warum er das Bellen verlernt hatte, wusste niemand. Er war den Rangern vor einigen Wochen zugelaufen, bis auf die Knochen abgemagert und mit blutigen Striemen am ganzen Körper, und seitdem bei ihnen in Pflege. So wie es aussah, würde er für immer bei ihnen bleiben.

Jennifer tätschelte ihn liebevoll. Sie war für ihre fünfzehn Jahre recht groß und schlank und »sehr ansehnlich«, wie sich der alte Bud im Drugstore ausgedrückt hatte. Nicht so hübsch, dass sich alle Jungen nach ihr umgedreht hätten, aber attraktiv genug, um bei den Cheerleaders des Highschool-Footballteams mitzumachen. Die Trainerin konnte noch immer nicht verstehen, warum Jennifer den begehrten Job abgelehnt hatte.

»Weil ich den Zickenkrieg nicht ausstehen kann und lieber mit meinem Mountainbike durch die Gegend fahre«, hatte sie ihrer Mutter erklärt. »Und weil ich keine Lust habe, dreimal die Woche zum Training zu gehen und jeden zweiten Samstag am Spielfeldrand rumzuturnen.« Und weil mir die blöde Anmache von Robbie auf die Nerven geht, hätte sie noch sagen können. Robbie war Linebacker, einer der Verteidiger, und hatte es seit Monaten auf sie abgesehen. Dauernd trieb er sich in ihrer Nähe herum. Sie überlegte jetzt schon, wie sie ihm auf halbwegs elegante Weise absagen konnte, wenn er sie am Ende des nächsten Schuljahres zum Abschlussball einladen würde.

Sie tätschelte dem Hund noch einmal den Kopf. In ihren Jeans, der karierten Bluse und der Jeansjacke sah sie beinahe wie ein Cowgirl aus, nur trug sie weiße Sneakers statt lederner Cowboystiefel. Ihre honigblonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Make-up war ihr lästig, zumindest werktags oder wie jetzt in den Ferien, wenn sie fast den ganzen Tag im Freien war. Insgeheim hoffte sie wohl auch, dass Robbie sich zurückziehen würde, wenn sie sich jünger und weniger mädchenhaft gab, aber das war leider ein Trugschluss.

»Pass gut auf das Ding auf, hörst du?«, sagte sie zu Candy, der Mühe hatte, den Kauknochen zwischen den Zähnen zu halten. Nach seiner Leidenszeit musste er erst wieder zu Kräften kommen. »Lass ihn dir nicht wegnehmen!«

Die Tür des Rangerbüros ging auf und Nick Bosworth kam heraus. Der Forest Ranger, ein stattlicher Mann um die vierzig, trug seine Uniform ohne den breitkrempigen Hut und begrüßte sie mit seinem zaghaften, beinahe schüchternen Lächeln, das zu einem Mann wie ihm eigentlich gar nicht passte. Aber ihrer Mutter gefiel es, das hatte sie neulich herausgefunden. »Hallo, Jenn. Du verstehst dich mit Candy, was?«

»Candy ist okay.« Sie tätschelte den Hund ein weiteres Mal, ohne dass er sich beim Knabbern stören ließ, und stand auf. »Er lässt sich sogar streicheln. Vor ein paar Tagen hätte er mich nicht mal angesehen. Was sagt der Doc?«

»Er ist zufrieden. Seine Verletzungen sind ausgeheilt und es ist nur ein leichtes Humpeln zurückgeblieben. Nur psychisch hapert es noch ein wenig. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis er wieder bellen kann. Er braucht viel Zuwendung, sagt Doc Snyder. Von jedem lässt er sich nicht streicheln.«

Bosworth beobachtete den Hund. »Solange er so gute Freundinnen wie dich hat, mache ich mir keine Sorgen. Aber verwöhn ihn nicht zu sehr.«

»Sie geben ihn doch nicht mehr her, oder?«

»Keine Angst«, erwiderte der Ranger lächelnd, »wir haben ihn bereits adoptiert. Er gehört seit gestern offiziell zur Zigzag Forest Ranger Station.«

Er trat unter dem Eingangsdach hervor und blickte zum Gipfel des Mount Hood empor, wie er es jedes Mal tat, wenn er aus dem Haus trat, selbst an regnerischen Tagen, wenn der Vulkan kaum zu erkennen war. Der Morgennebel hatte sich verzogen und der schneebedeckte Gipfel leuchtete im sommerlichen Dunst. Ein spektakulärer Anblick, der Urlauber aus allen Teilen des Landes anzog und auch den Ranger jeden Tag aufs Neue begeisterte. Selbst wenn man in Portland geboren war wie Bosworth und den Vulkan täglich vor Augen hatte, zog einen der Anblick des mächtigen Bergkegels auf beinahe magische Weise an.

»Ein prächtiger Berg, nicht wahr? Ich würde hier nicht mal weggehen, wenn man mir den Yellowstone oder Yosemite anbieten würde. Kein Wunder, dass er den Indianern heilig war. Sie behaupten, dass der Mount Hood ein zu Stein gewordener Krieger ist, wusstest du das? Der Große Geist habe den Wy’east in einen Berg verwandelt, weil er sich in seinem Zorn gegen den Großen Geist gewandt habe. Ein gefährlicher Bursche, dieser Wy’east. Zum Glück hat ihn der Große Geist zu Stein werden lassen, sonst ginge es uns schlecht.« Er lächelte still in sich hinein. »Ein mächtiger Krieger.«

Obwohl Jennifer mit dem Anblick auf den Mount Hood aufgewachsen war, zeigte sie sich jedes Mal tief beeindruckt von diesem Bergriesen, wenn sie zu ihm aufblickte, besonders an Tagen wie diesem, wenn man den schneebedeckten Gipfel sehen konnte.

»Ich habe übrigens für Samstag eine Wanderung mit ein paar Jugendlichen vom Campground geplant. Sechs oder sieben, alle in deinem Alter. Zum Paradise Park Shelter hoch und auf die Westseite rüber. Willst du nicht mitkommen? Du kennst dich da oben aus und könntest mir ein wenig zur Hand gehen. Du willst doch noch immer Rangerin werden, oder? Ich schreibe dir eine Bestätigung, die zählt bei der Bewerbung wie ein Praktikum. Vier Tage in der Wildnis.«

Jennifer freute sich. »Klingt super. Wenn die anderen okay sind . . .«

»Na, vier Jungs und zwei Mädels . . . vom Sommercamp, die werden schon in Ordnung sein.«

Das Sommercamp stand in jeden Sommerferien auf dem Programm der Ranger. Die Teilnehmer übernachteten auf dem großen Campground gegenüber und nahmen an den Wanderungen und Spielen teil, die ihnen der Forest Service und ein paar andere Einrichtungen der benachbarten Siedlungen anboten.

»Wer weiß? Vielleicht triffst du deinen Traumprinzen?« Bosworth lachte.

»Ja, klar«, erwiderte Jennifer schlagfertig, »und der Weihnachtsmann kommt dieses Jahr im August.« Sie grinste. »Mit allem Drum und Dran? Verpflegung für vier Tage, das leichte Trekkingzelt, Wasserflasche, Kompass, Taschenlampe?«

»Was man so braucht. Samstag um sechs vor dem Rangerbüro, okay?«

»Einverstanden. Hoffentlich hält das Wetter.«

»Strahlender Sonnenschein, sagen die Wetterfrösche.«

»Und die irren sich nie, ich weiß.« Sie blickte dem Hund nach, der sich mit seinem Kauknochen in eine schattige Ecke zurückgezogen hatte. »So, jetzt muss ich aber weiter. Ich hab Mom versprochen, mit ihr zu Mittag zu essen.«

»Wie geht’s Emily?«

»Mom geht’s gut.« Jennifer hatte längst gemerkt, dass Ranger Bosworth viel an ihrer Mutter lag. Das merkte man schon am sanften Ausdruck in seinen Augen, wenn er sich nach ihr erkundigte. Er war nur zu schüchtern, sie um ein Date zu bitten, vermutete sie. Sie war erst seit einem halben Jahr geschieden und er hatte wahrscheinlich Angst, sie zu bedrängen. Er gehörte nicht zu den Typen, die gleich jede Frau anmachten, wenn sie ihnen auch nur halbwegs gefiel. Er erinnerte sie eher an einen dieser wortkargen einsamen Helden im Fernsehen. »Ich soll Ihnen einen schönen Gruß ausrichten.« Das stimmte zwar nicht, aber es schadete sicher nicht, dachte Jennifer, sonst kamen sie nie zusammen.

Jennifer hätte ihn gern als Vater gehabt. Ihr leiblicher Vater war Vertreter für eine Maschinenfabrik gewesen und hatte sich nur an den Wochenenden blicken lassen, wenn überhaupt. Damals hatte sie sich oft vorgestellt, wie es wohl sein würde, in einer dieser Bilderbuchfamilien zu leben, wie man sie in Fernsehserien sah. Aber wenn ihr Vater zu Hause gewesen war, hatte es meist nur Streit gegeben, und sie hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen.

Die Scheidung war eine Erleichterung gewesen, für ihre Mutter und für sie. Jennifer kam gut mit ihr aus. Sie war nur selten wie eine Mutter, eher wie eine Freundin oder eine Schwester zu ihr. Nur wenn es um die Schule ging, ließ sie nicht mit sich spaßen. »Eine Frau muss auf eigenen Füßen stehen können«, war ihr Lieblingssatz. Sie hatte damals selbst einen guten Job für ihren Mann sausen lassen und wollte, dass es ihrer Tochter einmal besser ging. »Sag deiner Mom auch einen schönen Gruß«, sagte Bosworth. »Und vergiss nicht: am Samstag um sechs Uhr morgens hier vor dem Rangerbüro.«

»Ist schon notiert«, erwiderte Jennifer und tippte mit dem Zeigefinger an ihre Schläfe. »Bis bald, Ranger!« Und zu dem Hund: »Mach’s gut, Candy!«

Cascades Volcano ObservatoryVancouver, Washington12:45 Uhr

David White saß vor seinem Computer und starrte teilnahmslos auf die farbigen Grafiken auf seinem Monitor. Er hob nicht mal den Kopf, als der Kollege aus dem Nachbarbüro seinen Kopf zur Tür hereinstreckte und fragte: »Wollen wir was essen gehen? Zwei Blocks von hier hat ein Chinese aufgemacht. Da gibt es mittags ›All-You-Can-Eat‹ für vier Dollar fünfzig.«

»Nein, danke«, erwiderte er. »Ich warte auf einen dringenden Anruf.«

Was natürlich gelogen war. Weder wartete er auf einen Anruf noch hatte er während der Mittagspause zu tun. Er war lediglich hundemüde und litt unter einem solchen Kater, dass er am liebsten unter den Tisch gesunken wäre.

»Eine neue Freundin?«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Sonst würdest du nicht so geheimnisvoll tun.« Der Kollege grinste über beide Backen. »Soll ich dir einen Tee mitbringen? Oder lieber Kaffee?«

»Lass mich einfach in Ruhe, Bill!«

»Schon gut, ich gehe ja schon.«

White war froh, als der Kollege die Tür schloss und er wieder mit dem Summen seines Computers allein war. Er stützte den Kopf in beide Hände und schloss die Augen, hätte am liebsten laut losgeheult, so miserabel fühlte er sich. Nicht nur wegen seines Katers. Seine Freundin hatte mit ihm Schluss gemacht. Vollkommen überraschend, aus dem Nichts, wie man so schön sagte, als hätte sie es darauf abgesehen gehabt, ihn besonders nachhaltig zu treffen. »Sei mir nicht böse, Davy«, hatte sie gesagt, »das wird nichts mit uns. Ich mag dich, ich mag dich wirklich, und letzte Woche hätte ich vielleicht noch Ja gesagt, wenn du mir einen Antrag gemacht hättest, aber so geht es einfach nicht weiter. Es ist alles so . . . so gewöhnlich. Wie bei einem alten Ehepaar, und du . . . du bist einfach nicht der Richtige für mich. Tut mir leid.«

Sie waren miteinander im Kino gewesen, eine Komödie, die alles andere als lustig gewesen war, und anschließend hatten sie sich beim Italiener nebenan einen Vorspeisenteller und eine Karaffe Wein geteilt. Das taten sie immer, wenn sie ins Kino gingen, und danach . . . Er musste beinahe heulen, als er nur daran dachte. Einen Kuss hatte sie ihm noch gegeben. Im Auto vor ihrer Haustür hatte sie ihm einen schwesterlichen Kuss auf die Wange gehaucht. Und als er die Arme nach ihr ausgestreckt hatte, war sie vor ihm zurückgewichen, als hätte es die beiden gemeinsamen Jahre gar nicht gegeben.

»Du hast einen anderen, gib’s zu!«

»Nein . . . bestimmt nicht. Es ist einfach . . .«

»Warum, Schatz? Warum nur?«

Nachdem sie gegangen war, hatte er noch mindestens eine Stunde vor ihrer Haustür in seinem Wagen gesessen. Im Halteverbot und mit laufendem Motor. Er hatte wie ein kleines Kind geheult und war erst aufgeschreckt, als ein Streifenwagen neben ihm gehalten hatte. »Sie wissen schon, dass Sie hier nicht halten dürfen, Mister? Fahren Sie bitte weiter.« Und als sie seine verweinten Augen gesehen hatten: »Alles in Ordnung, Mister? Sie sind doch nicht verletzt?«

»Nein, Officer. Alles okay.«

Zu Hause hatte er zwei Sixpacks geleert, ein halbes Dutzend Mal nach dem Telefonhörer gegriffen, die Nummer seiner Freundin gewählt und gleich wieder aufgelegt. Vollkommen betrunken und in seinen Kleidern war er auf den Teppich gesunken und eingeschlafen. Ihm tat jetzt noch der Rücken von dem harten Nachtlager weh. Und sie hat doch einen anderen, glaubte er, sonst hätte sie mich doch nicht so Knall auf Fall abserviert.

Er stand auf, ging zum Kaffeeautomaten im Gang und holte sich einen doppelten Espresso. Sein Lunch. Essen konnte er jetzt sowieso nichts. Er kehrte in sein Büro zurück, ließ sich auf den Drehstuhl sinken und nahm einen großen Schluck. Er schmeckte nicht besonders gut. Kein Vergleich mit dem starken Espresso, den er bei seinem Italiener bekam. Aber er weckte die Lebensgeister und ließ ihn wieder etwas klarer sehen. Um auf Nummer sicher zu gehen, schluckte er zwei Aspirin, schon die dritte Ration an diesem Tag. Seine Kopfschmerzen schwanden nur ganz allmählich.

Mehr aus Interesse, als um sich abzulenken, richtete er seinen Blick auf den Monitor. Die Punkte und kreisförmigen Linien sowie die mehrstelligen Zahlenkolonnen am Bildrand hätten einem Laien wenig gesagt. Einem Seismologen wie David White verrieten sie, ob die Erde um die Vulkane der Cascades Range in Bewegung war. Selbst minimalste Erschütterungen zeichneten die empfindlichen Geräte auf, die an den Kraterrändern und in der näheren Umgebung von Vulkanen wie dem Mount St. Helens und dem Mount Hood stationiert waren, und gaben sie an die Computer im Cascades Volcano Observatory und im Volcano Systems Center an der University of Washington weiter. Vulkanischen Tremor nannte man die Erschütterungen, die beim Hochsteigen des glühenden Magmas in einem Vulkan entstanden. Die glühende Masse, die aus dem Inneren der Erde drang, sorgte für feine Risse im Gestein und schon diese ließen die Zeiger der Seismografen ausschlagen. Mit weiteren Messgeräten wurden die Temperatur im Krater, die Zusammensetzung der austretenden Gase und zahlreiche andere Aktivitäten festgehalten.

Mit seinen sechsundzwanzig Jahren war David White einer der jüngsten Seismologen im Cascades Volcano Observatory, ein »Young Professional«. Er hatte Physik und Geologie an der University of Washington in Seattle studiert und sich als Vulkanologe und Seismologe spezialisiert. Wie alle Vulkanologen hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die Bevölkerung im Falle einer Gefahr rechtzeitig zu warnen, um eine Katastrophe wie 1980 beim Mount St. Helens zu verhindern. Das Cascades Volcano Observatory hatte die Regierung erst nach dem Ausbruch eröffnet.

Der Monitor zeigte die Aufzeichnungen vom Mount Hood. Keine besonderen Vorkommnisse, registrierte er, während der letzten Monate war die Erde erstaunlich ruhig gewesen. Kein Vergleich mit dem Observatorium im fernen Hawaii, wo jeden Tag heftige Aktivitäten gemessen wurden. Die Cascades Range, eine Bergkette, die sich von der kanadischen Grenze bis ins nördliche Kalifornien erstreckte, lag friedlich im Sonnenschein, obwohl bedeutende Vulkane wie der Mount St. Helens, Mount Hood und Mount Adams im nördlichen Teil des Gebirges aus der zerklüfteten Erde ragten. Der Mount Hood hatte schon seit über hundert Jahren keine verdächtigen Aktivitäten mehr gezeigt, war eher als Urlaubsziel für Wanderer und Wintersportler bekannt. Eigentlich hatte David White einen ruhigen Job und seine Arbeit war unaufgeregte Routine.

Doch diesmal hatten sich einige Zahlen hinter dem Komma verändert. Zwei Seismografen am Kraterrand und eine halbe Meile westlich des Vulkans zeigten geringfügige Erschütterungen an. So geringfügig, dass man sie nicht einmal am Kraterrand gespürt hätte, aber schon auf einem seiner ersten Field Trips hatte er gelernt, dass gerade diese minimalen Veränderungen einen nahen Ausbruch ankündigen konnten. Selbst dann, wenn sich bei einigen Werten nur die zweite oder dritte Ziffer hinter dem Komma geändert hatte.

Er nahm an, dass die Nachwirkungen des vergangenen Abends seinen Blick getrübt hatten, und schloss für einen Moment die Augen. Sein Kopf dröhnte immer noch und er erinnerte sich dunkel daran, dass er außer dem Bier noch etwas anderes getrunken hatte, aber er hätte beim besten Willen nicht sagen können, was es gewesen war. Die halbe Flasche Wodka, die einer seiner Freunde nach der Geburtstagsfeier dagelassen hatte? Der furchtbare Likör, den er für seine Mutter gekauft hatte? Schon der Gedanke daran ließ ihm übel werden. Er öffnete die Augen und griff nach dem Kaffeebecher, trank den Rest des lauwarmen Espressos. Am liebsten hätte er noch zwei Aspirin geschluckt, aber damit hätte er seinen Magen wohl endgültig überfordert.

Sein Blick richtete sich erneut auf den Monitor. Die Werte der beiden Seismografen waren wieder einigermaßen normal. Doch als er die Werte der letzten Stunde aufrief, stellte er fest, dass ihn seine Augen nicht getäuscht hatten. Im Krater des Mount Hood hatte es eine geringfügige Erschütterung gegeben. Er ließ die Seite ausdrucken und betrachtete sie aus der Nähe, als würden sich die Zahlen auf dem Papier verändern. Aber die Werte waren immer noch gleich. Etwas zu hoch für diese Koordinaten am Mount Hood.

Er stand auf und wollte zu seinem Chef gehen, setzte sich jedoch gleich wieder. Die Abweichungen waren wirklich minimal und sein Vorgesetzter würde ihn nur auslachen. Und wenn es ganz schlimm kam, roch er seine Fahne, die er selbst mit einer halben Packung Pfefferminz nicht losgeworden war. Er würde die Entscheidung seinen Kollegen überlassen. Die Angaben erschienen nicht nur auf seinem Monitor, die konnte man auch in Vancouver, Washington und im fernen Hawaii sehen. Dort arbeiteten anerkannte Wissenschaftler, die sofort Alarm geben würden, wenn es Anlass zur Sorge gab. Als Junior am Cascades Volcano Observatory hielt man sich besser zurück.

Er warf den Ausdruck in den Papierkorb und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Vor lauter Müdigkeit fielen ihm nach einigen Minuten die Augen zu. Er träumte von einem Feuer und Asche speienden Mount Hood und fuhr erschrocken hoch, als die Tür aufging und der Kollege fragte: »Alles okay?«

»Ja . . . klar«, sagte er schnell. »Ich war nur ein wenig eingenickt.«

»Die Mittagspause ist vorbei, Partner. War wohl spät gestern?«

»Etwas.«

»Nur keine Müdigkeit vorschützen.« Der Kollege schien sich zu amüsieren. »Sonst verpasst du noch den neuen Ausbruch vom Mount St. Helens.«

»Sehr witzig«, murmelte er.

Dann zog er den Ausdruck aus dem Papierkorb und betrachtete ihn noch einmal genau. Die Veränderungen waren wirklich minimal. Kein Grund zur Sorge. Er faltete den Zettel sorgsam zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche. Warum, wusste er selbst nicht. Mit dem Kopfweh konnte man keinen klaren Gedanken fassen. Er würde später darüber nachdenken, wenn er nach Hause kam.

Zigzag RiverMount Hood National Forest16:30 Uhr

Sonnige Nachmittage wie dieser waren selten am Mount Hood. Nur wenige Wolken standen am kobaltblauen Himmel und die weit im Westen stehende Sonne spiegelte sich im schmalen Zigzag River und ließ helle Lichtflecken über das Wasser tanzen. Der laue Wind brachte den würzigen Duft der Fichten und Kiefern und den Duft der Wildblumen von den Bergwiesen mit.

Jennifer war mit ihrem Mountainbike unterwegs. Sie brauchte weder das neue Fitnesscenter, das im Mount Hood Village aufgemacht hatte, noch den Indoor Pool in der Mount Hood Lodge, dem Hotel außerhalb von Government Camp, in dem ihre Mutter arbeitete. Sie holte sich ihre Fitness auf dem roten Mountainbike, das sie sich von ihrem eigenen Geld zusammengespart hatte. Ab Ende August würde sie wieder als Bedienung in einem Café jobben, um etwas Geld für ihre Ausbildung zur Seite legen zu können. Aber diese ersten Wochen wollte sie sich von der Schule erholen.

Sie hatte sich umgezogen, trug Shorts und ein pinkfarbenes T-Shirt. Ihre Haare hielt sie mit einem ebenfalls pinkfarbenen Frottee-Stirnband aus dem Gesicht. Ihr Gesicht, ihre Arme und ihre langen Beine, von Wind und Wetter gebräunt, leuchteten in der schräg stehenden Sonne. Ihre Augen blitzten vor Freude, als sie ihr Bike über den holprigen Pfad am Ufer des Zigzag Rivers lenkte. Die Anstrengung löste ein seltenes Glücksgefühl aus, eine angenehme Leichtigkeit, die sie die Hindernisse beinahe spielerisch überwinden ließ.

Den Jungen mit der Kamera, der gerade dabei war, ein Stativ am Flussufer aufzubauen, hätte sie beinahe übersehen. Sie bremste gerade noch rechtzeitig und hielt nur wenige Schritte vor ihm an. Sie hatte Mühe, im Sattel zu bleiben.

»Hey, nicht so stürmisch!« Er war vielleicht zwei Jahre älter, siebzehn Jahre, allerhöchstens achtzehn und einen Kopf größer als sie und sah wesentlich besser als ihre Schulkameraden auf der Highschool aus. Beinahe so gut wie ihr Lieblingsdarsteller in der Daily Soap, die sie immer schaute. Er war schlank und durchtrainiert, sein gebräuntes Gesicht ließ darauf schließen, dass er sich oft im Freien aufhielt, und seine dunkelblonden Haare reichten ihm etwas zu weit über die Ohren. Sie nahm an, dass er zu faul war, zum Friseur zu gehen. Seltsam waren nur seine blauen Augen. In ihnen war irgendetwas, das sie nicht bestimmen konnte und ihn zögerlich und beinahe ängstlich wirken ließ. Oder bildete sie sich das ein?

»Sorry«, entschuldigte sie sich. »Ich hab nicht aufgepasst.« Sie blieb auf dem Rad sitzen und stützte sich mit einem Fuß ab. »Bist du Fotograf?«

Er schraubte das Stativ fest und setzte die Kamera darauf. »Noch nicht, aber ich würde gern einer werden.« Er reichte ihr die Hand und strahlte sie an. Nicht so aufdringlich wie Robbie und einige der anderen Jungen, eher respektvoll und anerkennend. Wahrscheinlich, weil er älter war. »Chris Linney.«

»Jennifer Nolan. Du kannst mich Jenn nennen.« Normalerweise tat sie nicht so vertraut mit fremden Jungen, aber seine freundliche Art und sein Lächeln gaben ihr das Gefühl, ihn bereits gut zu kennen. »Das tun alle hier.«

Er schien sie zu mögen. »Sind alle Mädchen hier so sportlich wie du?«

»Nur die Einheimischen.« Sie grinste verhalten. »Die anderen tun nur so. Strampeln sich im Hotel oder im Fitnesscenter ab und meinen, danach könnten sie im Laufschritt zum Mount Hood hochlaufen. Die meisten kommen nicht mal bis zum ersten Aussichtspunkt.« Sie deutete auf die Kamera, eine hochwertige Nikon. »Was fotografierst du? Wartest du auf einen Berglöwen? Einen Schneehasen? Ein Opossum?«

»Die werde ich hier unten wohl kaum treffen.« Er schraubte die Kamera aufs Stativ. »Ich warte auf den Sonnenuntergang. Muss schön aussehen, wenn die Sonne über den Bergen verglüht. Heute ist ein perfekter Tag, was?«

»Perfekter geht’s gar nicht. So schönes Wetter gibt’s hier oben nur alle paar Wochen. Aber die nächsten Tage soll es so bleiben . . . hab ich aus sicherer Quelle.« Sie lächelte den Jungen an. »Verbringst du deine Ferien hier?«

Er blickte durch den Sucher seiner Kamera und dann wieder auf sie. »Zwei Wochen, drüben im Sommercamp.« Er deutete in die Richtung des Highways. »Dann muss ich zurück nach Portland. Mein Vater will, dass ich in den Ferien in seiner Kanzlei arbeite. Er ist Rechtsanwalt, ein ziemlich bedeutender sogar.«

»Und du hast keine Lust?«

»Ich würde lieber hierbleiben und fotografieren, als Akten zu sortieren.« Er hielt sich mit einer Hand am Stativ fest. »Macht doch viel mehr Spaß, in einer Gegend wie dieser nach schönen Motiven zu suchen. Aber mein Vater will, dass ich mich schon vor dem Studium einarbeite. Je früher, desto besser, sagt er. Ich soll Rechtsanwalt werden und später einmal die Kanzlei meines Vaters übernehmen.«

»Du würdest einen Haufen Geld verdienen.«

»Und mich tödlich langweilen.« Er schob eine der zu langen Haarsträhnen aus seiner Stirn. »Bis vor ein paar Wochen fand ich es noch okay. Mein Vater und mein Großvater sind beide Juristen. Mein Großvater ist Richter am District Court in Portland. Erschien mir irgendwie logisch, dass ich ebenfalls Jura studiere. Aber so aufregend wie in ›Law & Order‹ ist die Arbeit in einer Kanzlei und vor Gericht nicht. Fotografieren macht mehr Spaß. Das hab ich erst gemerkt, als ich Karen . . .« Er hielt kurz inne. ». . . als mir diese Fotografin auf der Olympic Peninsula über den Weg lief. Ich war mit meinen Eltern auf der Halbinsel. Mein Vater war beim Lachsfischen, meine Mutter traf sich mit den Ehefrauen einiger Geschäftsfreunde und ich streunte am Strand rum. Du glaubst gar nicht, was es da für einsame Strände gibt.« Er legte wieder eine Pause ein. »Na ja, und Karen . . . als sie mir verriet, dass es viele Fotografen gibt, die sich auf die Natur spezialisieren und ihr halbes Leben draußen verbringen, in Gegenden wie dieser, da wurde mir klar, dass mir der ganze Anwaltskram gestohlen bleiben kann. Ich will Landschaftsfotograf werden. Egal, was mein Vater sagt.«

Jennifer blickte den Jungen prüfend an. Sie hätte gern gewusst, wer diese Karen war. Gleichaltrig und seine Freundin? Einige Jahre älter und eher eine Förderin, die ihm helfen wollte? Doch anstatt sich nach ihr zu erkundigen, fragte sie: »Wissen es deine Eltern schon? Hast du es ihnen schon gesagt?«

»Bis jetzt noch nicht. Ich hab’s mir schon ein paarmal vorgenommen, aber irgendwie nie den richtigen Zeitpunkt erwischt.« Er legte seine rechte Hand fast liebevoll auf die Kamera. »Die hab ich mir selbst zusammengespart. Ich dachte, mein Vater freut sich über mein Hobby, aber er . . . er sagte nur: ›Als Anwalt wirst du wenig Zeit für solche Hobbys haben. Ich komme nur alle paar Wochen zum Angeln. Der Rest ist harte Arbeit.‹ Na ja, oder so ähnlich.«

Jennifer wunderte sich, dass ihr ein fremder Junge schon nach wenigen Minuten sein Herz ausschüttete. Als hätte er nur darauf gewartet, sich jemandem anzuvertrauen. Vielleicht ging es ihm ähnlich wie ihr und er hatte das Gefühl, mit einer guten Freundin zu reden. »Ich würde es ihnen so schnell wie möglich sagen«, erwiderte sie. »Vielleicht finden sie es ja toll, dass du Fotograf wirst. Wer sagt denn, dass die Kinder denselben Beruf wie die Eltern erlernen müssen. Mein Vater war Vertreter, meine Mutter ist Buchhalterin und ich würde eher mein Leben lang in einem Café hier bedienen, als den ganzen Tag mit Zahlen zu jonglieren.« Ihr wurde bewusst, wie verschwitzt sie aussehen musste, und sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. »Ich will Rangerin werden. Forest Ranger oder Park Ranger in einem Nationalpark.« Sie lächelte. »Vielleicht sehen wir uns mal, wenn du in einem Park fotografierst.«

»Wenn mir mein Vater nicht den Hahn abdreht. Der bringt es fertig und sperrt mir das Taschengeld, wenn ich nicht Jura studiere. Dann muss ich das College bezahlen, und wenn ich mit Karen . . . wenn ich als Assistent für einen Profifotografen arbeite, verdiene ich auch zu wenig, um allein durchzukommen. Mein Vater wirft mich hochkant raus, das weiß ich jetzt schon.«

»Das wird oft heißer gegessen, als man denkt.« Jetzt rede ich schon wie eine Klugscheißerin, dachte Jennifer. »Wenn du deinem Vater die schönen Fotos zeigst, die du bei uns aufnimmst, hat er bestimmt nichts mehr dagegen.«

Die Bemerkung heiterte ihn auf. »Gibt’s hier eigentlich Grizzlys?«

»Grizzlybären?« Sie hatte die Hände bereits auf dem Lenker. »Klar gibt’s die, vor allem weiter nördlich, an der kanadischen Grenze. Ich sehe fast jedes Jahr einen oder zwei. Im letzten Frühjahr bin ich einer Mutter mit zwei Jungen begegnet. Zum Glück war ich weit genug weg. Wenn du zwischen eine Bärin und ihre Jungen gerätst, kann es schon mal kritisch werden, aber sonst sind sie gar nicht so gefährlich. Die gehen den Menschen aus dem Weg. Die Ranger sagen, dass man sich bemerkbar machen muss. Ein Glöckchen umhängen, laut singen. Überraschungen mögen sie nicht.« Sie lächelte. »Wieso? Willst du einen Grizzly fotografieren? Dürfte schwierig werden hier unten.«

In seinen Augen war ein leichtes Glitzern. Mit der Sonne im Rücken musste es von innen kommen. »Ich gehe am Samstag auf einen Ausflug, vielleicht sehe ich da einen. Wir wollen vier oder fünf Tage in der Wildnis bleiben.«

»Mit Ranger Bosworth?«

»Ja . . . woher weißt du . . .«

»Ich bin auch dabei«, klärte sie ihn auf. Aus einem unerfindlichen Grund hatte seine Antwort ein leichtes Kribbeln in ihrer Magengegend verursacht. »Wenn man sich bei den Rangern bewirbt, sollte man schon ein paarmal freiwillig für sie gearbeitet haben. Das ist sozusagen mein allererster Einsatz.«

»Du kennst dich da oben aus, was?«

»Ich bin hier aufgewachsen.«

»Ist der Mount Hood nicht . . . gefährlich?«

»Du meinst, ob er ausbricht? So wie der Mount St. Helens vor dreißig Jahren?« Sie schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen. Ich glaube, der ist vor hundert oder zweihundert Jahren zum letzten Mal ausgebrochen, und selbst da passierte kaum was. Hat etwas mit der Beschaffenheit des Bodens zu tun. Eher geht der Mount St. Helens noch mal hoch. Der Mount Hood ist harmlos.«

»Obwohl . . .« Er grinste. »Wäre ein tolles Foto!«

»Lieber nicht.« Sie trat bereits in die Pedale und blickte sich während des Fahrens um. »Bis Samstag! Und viel Glück beim Fotografieren!« Sie nahm einen Umweg durch den Wald, um möglichst rasch aus seinem Blickfeld zu kommen, und bog auf einen der breiten Wanderwege ab. Der Junge hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Mit seiner sanften Art, die sie von gleichaltrigen Jungs gar nicht gewohnt war, und einer seltsamen Offenheit, die ihr bisher weder Jungen noch Mädchen entgegengebracht hatten. Zumindest nicht bei der ersten Begegnung.

Jeder andere Junge hätte versucht, sie mit irgendwelchen Sprüchen oder dummen Scherzen anzumachen. Chris erzählte von seinen Eltern und seinen beruflichen Sorgen und beließ es bei einem freundlichen Lächeln. Mit einem Blitzen in seinen Augen erreichte er mehr als ein Angeber wie Robbie. Er hatte nicht mal versucht, sich mit ihr zu verabreden. Eigentlich seltsam.

Blockhaus von Jennifer und Emily NolanGovernment Camp, Oregon20:17 Uhr

Jennifer und ihre Mutter wohnten in einem zweistöckigen Blockhaus außerhalb von Government Camp, ungefähr auf halbem Weg zwischen der kleinen Stadt und dem Hotel Mount Hood Lodge und eine Viertelmeile abseits der Straße. Um das Erdgeschoss zog sich eine schmale Veranda. Unten hatte ihre Mutter ihr Büro und ihr Schlafzimmer, oben wohnte Jennifer. Neben ihrem Zimmer lag ein Gästezimmer, das ehemalige gemeinsame Schlafzimmer ihrer Eltern.

Jennifer hatte geduscht und sich umgezogen, trug jetzt einen dunkelblauen Jogginganzug mit dem Logo der Mount Hood Lodge. In dem Hotel, in dem ihre Mutter als Buchhalterin arbeitete, bekam sie die meisten Hotelartikel zum halben Preis. Wie schon vor der Scheidung ihrer Eltern übernahm sie zwangsläufig einen großen Teil der Hausarbeit. Sie machte die Betten, half beim Putzen und Wäschewaschen und kochte sogar, obwohl sie alles andere als eine gute Köchin war. Aber zu Spaghetti mit Shrimps und Muscheln reichte es. Sie hatte die tiefgefrorenen Meeresfrüchte nach dem Rezept, das auf der Rückseite der Packung stand, in der Pfanne zubereitet und wartete nur noch darauf, dass die Nudeln garten.

Während sie in das sprudelnde Wasser blickte, wanderten ihre Gedanken zu dem Jungen. Seltsam, dass sie immer noch an ihn dachte. Andere Leute, die sie während ihrer Touren traf, vergaß sie meist gleich wieder. Chris . . . er hatte denselben Namen wie der Streber in Physik, aber dafür konnte er schließlich nichts. Sonst gab es nichts, was ihn mit den Jungen an ihrer Schule verband, nicht einmal bei den Älteren. In seinen Jeans und seiner Outdoorjacke sah er eher brav aus, er trug keine Sneakers wie die meisten Jugendlichen auf dem Campground, sondern Lederhalbschuhe, und auf seine Frisur legte er anscheinend überhaupt keinen Wert. Robbie hatte immer eine halbe Tube Gel im Haar. Chris gab sich zurückhaltend und plauderte gleichzeitig seine ganzen Probleme aus, strahlte sie fast verliebt an und versuchte nicht einmal, sie zu einem Date zu überreden. In ihrem Jahrgang gehörte es zum guten Ton, schon mal ein Date gehabt zu haben. Chris war etwas ganz Besonderes – oder seltsam.

Oh verdammt, fluchte sie in Gedanken, warum beschäftige ich mich überhaupt mit dem Kerl? Er ist doch nur eine Ferienbekanntschaft. In ein paar Tagen fährt er nach Hause und ich sehe ihn nie wieder. Und eine Freundin hatte er anscheinend ja auch.

Reiß dich zusammen! Du hast Ferien und willst eigentlich gar keinen Jungen sehen. Das hast du dir während der letzten Wochen doch so oft gewünscht.

Die Haustür ging auf und Jennifers Mutter kam herein. Emily Nolan sah wie eine ältere Ausgabe ihrer Tochter aus, wirkte aber etwas blasser und ihre ebenfalls honigblonden Haare waren nur halblang und mit hellen Strähnen. Im Gegensatz zu Jennifer trug sie dezentes Make-up und ein dunkles Businesskostüm, wie es in der Mount Hood Lodge verlangt wurde. Ihren müden Augen sah man an, dass ihr Tag anstrengend gewesen war.

»Hey, Mom!«, begrüßte Jennifer sie. »Du kommst genau richtig.«

»Jenn! Das riecht ja großartig!« Sie schleuderte ihre hochhackigen Schuhe in den Flur und schlüpfte in die bequemen Hausschuhe. »Spaghetti mit Meeresfrüchten? Genau das Richtige nach so einem Tag. Du glaubst ja nicht, was heute Nachmittag los war. Die Leute vom Olympischen Komitee, die am Montag kommen wollten, brauchen ihre Zimmer noch einen Tag länger. Das bedeutet, dass auch die anderen Offiziellen und die Medienvertreter länger bleiben. Wir mussten einige normale Urlauber in andere Hotels umbuchen. So ein Chaos habe ich selten erlebt.«

»Dann kommen sie tatsächlich?« Jennifer füllte die Spaghetti in ein großes Sieb und goss das heiße Wasser ab. »Und ich dachte, Oregon zieht die Bewerbung im letzten Augenblick zurück. Hier sollen doch nur die Snowboard-Wettbewerbe stattfinden. Wollen die tatsächlich zu den Skigebieten hoch?«

»Ist nur eine Vorbesichtigung«, erwiderte Emily. »Fünf Vertreter des IOC. Sie wollen sich ein Bild von unseren geplanten Sportstätten machen. Noch nichts Offizielles, aber wichtig, falls unsere Bewerbung durchgeht, und die Chance besteht, dass wir tatsächlich die Winterspiele bekommen. Was glaubst du, was da alles dranhängt, auch für unser Hotel. Es geht um eine Menge Geld.«

»Schon klar.« Jennifer schüttete die Spaghetti in eine Schüssel und vermengte sie mit den Meeresfrüchten. »Das wird einen ganz schönen Trubel geben. Wann kommen sie, hast du gesagt? Am Montag, stimmt’s? Da bin ich noch mit Ranger Bosworth unterwegs.« Sie erzählte ihrer Mutter von der Einladung.

»Mit Jugendlichen vom Sommercamp?« Ihre Mutter holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und nahm einen tiefen Schluck. »Na, auf diese Weise kommst du mal wieder unter deinesgleichen. Die ganzen Ferien bei deiner alten Mutter rumzuhängen, bringt ja auch nichts.« Sie lächelte. »Nette Leute?«

Jennifer dachte an Chris, erwähnte ihn aber nicht. »Keine Ahnung, sechs oder sieben, alle in meinem Alter, sagt Ranger Bosworth.« Sie stellte die Schüssel mit den Spaghetti auf den Tisch und sie setzten sich beide. »Ich soll dich übrigens herzlich von ihm grüßen. Hat er mir ausdrücklich aufgetragen.«

»Ranger Bosworth? Den kenne ich doch kaum.«

Jennifer wickelte lachend einige Spaghetti auf ihre Gabel. »Ich denke, ihr habt euch mal zum Lunch getroffen. Vor ein paar Wochen, unten im Café.«

»Das war doch mehr zufällig.«

»Und zur Happy Hour im Hotel kommt er auch regelmäßig vorbei. Hast du mir selbst erzählt. Einmal hast du ihn sogar zum Dinner eingeladen.«

»Schon gut, schon gut . . . er ist ein netter Kerl, das gebe ich ja zu. Aber im Augenblick habe ich erst mal genug von Männern. Oder hast du vergessen, dass ich mich gerade erst von deinem Vater getrennt habe?«

»Dad war doch fast nie zu Hause.«

»Versuchst du etwa, mich zu verkuppeln?«

Jenn lächelte. »Ich hab ihn nur von dir gegrüßt. Du magst ihn doch?«

»Ach, weißt du.«

»Du magst ihn sogar sehr.« Jennifer trank von ihrer Coke und lächelte ihre Mutter über den Dosenrand an. »Halt dich lieber ran, sonst schnappt ihn dir noch eine hübsche Urlauberin weg. Ranger treffen jeden Tag nette Frauen.«

»Soll ich ihn etwa um ein Date bitten?«

»Warum nicht? Frauen dürfen so was heutzutage. Besonders bei Männern wie ihm.« Sie imitierte eine markige Stimme, als ob in einem Trailer für einen Abenteuerfilm geworben wird: »Ein ganzer Kerl, stark wie ein Baum und in der Wildnis kaum zu schlagen, aber wenn’s um die Liebe geht, gibt er sich schüchtern und hilflos.«

Emily stand auf und räumte ihren leeren Teller in die Geschirrspülmaschine. Mit einer neuen Dose Bier kehrte sie zu ihrer Tochter zurück. Nur mühsam überspielte sie ihre Verlegenheit. Seit ihr Mann mit der Rechtsanwältin durchgebrannt war, unterhielten sie sich manchmal wie gute Freundinnen.

»Und du?«, fragte sie unvermittelt. »Warum strahlst du so?«

Jennifer wehrte ab. »Ich strahle doch gar nicht.«

»Man könnte fast meinen, du hättest dich verliebt.« Emily lehnte sich zurück und blickte ihre Tochter prüfend an. »Ein weißer Ritter hoch zu Ross?«

»Unsinn!« Sie dachte an Chris und errötete.

»Du bist auch noch zu jung dazu«, erklärte ihre Mutter. »Lass dir erst mal den Wind um die Nase wehen, bevor du dich mit einem Mann einlässt. Mach ein paar von den interessanten Nationalparks durch, wenn du nach der Highschool immer noch Rangerin werden willst. Du siehst an mir, was man alles kaputt machen kann, wenn man den Falschen heiratet. Ich würde dir auch lieber eine intakte Familie bieten. Aber so was gibt’s wohl nur im Fernsehen.«

»Es klappt doch auch ohne Dad ganz gut. Du hast einen tollen Job, ich schreibe einigermaßen gute Noten in der Schule und wir wohnen in der schönsten Gegend von ganz Amerika. Frag mal meine Mitschüler. Da gibt es welche, deren Eltern sind auch geschieden und haben nicht mal einen Job.«

Jennifer stellte die leere Schüssel und den Teller ebenfalls in die Geschirrspülmaschine, füllte Spülmittel nach und stellte sie an. Die Maschine war ein älteres Modell und gab seltsame Geräusche von sich, bis sie endlich loslegte.

»Hast du auch von dem Indianer gehört?«, fragte ihre Mutter.

»Was für einem Indianer?«

»Keine Ahnung, wie er heißt. Ein alter Bursche mit langen weißen Haaren, weit über achtzig, wenn man den Urlaubern glauben darf, die in der Hotelhalle von ihm erzählt haben. Ich war zufällig dort und hab alles mit angehört. Angeblich tauchte er heute Morgen an der Tankstelle auf und behauptete, der Mount Hood würde innerhalb der nächsten vier oder fünf Tage ausbrechen.«

»Der Mount Hood?« Jennifer dachte an ihre Unterhaltung mit Chris.

»Verrückt, nicht wahr? Die Urlauber waren ziemlich fertig, die beruhigten sich erst, als ihnen der Chef von den Warnsystemen erzählte, die nach dem Ausbruch des Mount St. Helens eingerichtet wurden. Wenn es wirklich so wäre, hätten das CVO und die anderen Stellen doch längst Alarm gegeben.«

»Und Ranger Bosworth hätte auch davon gewusst. Er würde doch niemals mit uns auf eine Wanderung gehen, wenn das stimmen würde.« Sie zerdrückte die leere Coke-Dose und warf sie in den Müll. »Er war sicher betrunken.«

Emily hielt ihre Bierdose hoch. »Ich trinke auch zu viel. Angeblich soll ein Drittel aller geschiedenen Frauen um die vierzig dem Alkohol verfallen.«

»Du doch nicht!«

»Das geht oft schneller, als man denkt.« Sie lächelte. »Aber du hast recht, so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen. Wie wär’s mit einem Caffè Latte?« Seit sie eine neue Kaffeemaschine besaßen, tranken sie kaum noch normalen Kaffee. Im Augenblick stand Caffè Latte mit Karamell hoch im Kurs.

»Geht immer«, sagte Jennifer.

Sie klappte die Kaffeemaschine auf und erstarrte mitten in der Bewegung. Für Sekundenbruchteile schien der Boden unter ihren Füßen zu vibrieren und das Geschirr im Küchenschrank zu klappern. »Hey, was ist denn jetzt los?«

»Bauarbeiten«, erwiderte ihre Mutter, »eine halbe Meile die Forststraße runter.« Sie deutete in den Wald. »Sie bauen einige neue Blockhäuser.«