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Los Angeles, 16 Uhr 32. Abby ist gerade in der U-Bahn, als es passiert: Metall kreischt, das Licht geht aus, über der Bahn bricht die Erde zusammen. Während eine Reporterin versucht herauszufinden, warum niemand vor dem Erdbeben gewarnt hat, kämpfen sich Andy und Binh durch die Labyrinthe des Vergnügungsparks. Die Angst, ob sie dem Sog der Tiefe entkommen können, ist ihr steter Begleiter.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2014
Jonathan Lenz
16:32
Gegen die Zeit
Jonathan Lenzwuchs in Frankfurt am Main auf und lebt heute, wenn er nicht gerade auf großen Reisen ist, bei München. Seit seiner Jugend verbringt er so viel Zeit wie möglich in Nordamerika, immer auf der Suche nach interessanten Begegnungen und neuen Abenteuern. Auch für seine Thriller bei Arena hat er intensiv vor Ort recherchiert.
Weitere Bücher von Jonathan Lenz im Arena Verlag:12:48. Die Katastrophe beginnt.
1. Auflage 2012 © 2012 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80386-9
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»Wenn es ein großes Erdbeben in Los Angeles gäbe und die Brücken und Highways und Eisenbahnen und Flughäfen alle geschlossen wären und große Gebäude einstürzen würden, wären die ersten zweiundsiebzig Stunden
Dienstag, 14. April
KATV Studios Los Angeles, California 8:10 Uhr Jennifer Ellis
»Und denken Sie daran, nur gute Nachrichten!« Jennifer Ellis, Reporterin bei der Morning Show von Channel 8 und für die leichte Unterhaltung verantwortlich, betrachtete die Wahrsagerin, die sich Lady Godiva nannte, mit einem zufriedenen Lächeln. Medienprofis wie diese exzentrische Lady aus Beverly Hills waren ihr wesentlich lieber als Amateure, die sich vor Angst in die Hose machten, wenn sie im Scheinwerferlicht standen.
»Nur keine Panik, Schätzchen«, antwortete Lady Godiva. Ihr richtiger Name war Ruth Schneider, aber den kannten nur die engsten Verwandten. »Ich weiß, was die Leute hören wollen. Friede, Freude, Eierkuchen und Glück im Spiel und in der Liebe. Ich muss Ihnen ja nicht verraten, dass es fast den ganzen Sommer regnen wird, selbst hier in Südkalifornien, und die Aktienkurse spätestens im Herbst in den Keller rauschen werden.« Sie griff sich an die schlohweißen, mit pinkfarbenen Strähnen durchzogenen Haare. »Wie sehe ich aus?«
Jennifer lächelte. »Wie eine berühmte Wahrsagerin.« Sie wechselte einen Blick mit dem Aufnahmeleiter. »Okay, Achtung, halten Sie sich bereit, noch fünf Sekunden…«
Auf dem Monitor vor ihrer dunkelroten Sitzgruppe erschien das vertraute Logo der Morning Show mit der Erkennungsmelodie und der junge Aufnahmeleiter zählte mit erhobener Hand: »Fünf… vier… drei… zwei… eins…«
»Wir sind die Morning Show von KATV in Los Angeles«, traf Jennifer punktgenau ihren Einsatz. Sie hatte ihr professionelles Fernsehlächeln eingeschaltet und zeigte sich der Kamera von ihrer Schokoladenseite. Ihre halblangen blonden Haare glänzten im Scheinwerferlicht. »Und ich darf heute einen ganz besonderen Gast vorstellen: Lady Godiva, die bekannteste Wahrsagerin der Westküste. Freut mich, Sie wieder einmal begrüßen zu dürfen, Lady Godiva.«
»Ich freue mich, dass ich hier sein darf, Jenn.«
Jennifer ließ ihre blütenweißen Zähne strahlen. »Lady Godiva, Sie haben uns bereits drei Monate vor der Oscar-Verleihung verraten, welche Stars die Trophäen als ›beste Schauspielerin‹ und ›bester Schauspieler‹ erhalten werden. Im Frühjahr wussten Sie, dass Angelina und Brad ein weiteres Kind adoptieren würden. Was haben Sie diesmal für eine Überraschung zu bieten?«
»Ich weiß nicht, ob es eine Überraschung ist. Ich weiß nicht mal, ob man hellseherische Fähigkeiten braucht, um es zu wissen.« Sie lächelte vieldeutig. »Aber ich glaube, eine bekannte und sehr beliebte TV-Reporterin ist in einen unserer großen Schauspieler verliebt und wird in den Hafen der Ehe einlaufen.«
Eine solche Antwort hatte Jennifer nicht erwartet. Sie wurde rot und hatte es nur ihrer Routine zu verdanken, dass sie nicht ins Stottern geriet. Sie kicherte ein wenig. »Ich weiß nicht, wen Sie meinen, Lady Godiva. Die Dame muss für einen unserer Mitbewerber arbeiten. Aber eigentlich wollte ich von Ihnen wissen, ob unsere neue Serie ›L. A. Cops‹, die am kommenden Freitag zum ersten Mal läuft, ein ähnlich großer Erfolg wie ›Law & Order‹ wird.«
Wie abgesprochen reagierte die Wahrsagerin geheimnistuerisch. »Dazu müsste ich noch einmal in meine azurblaue Glaskugel blicken, meine liebe Jenn. Falls mir das Schicksal günstig gesonnen ist, werde ich dort die Antwort auf Ihre Frage erhalten.«
Sie nahm die Glaskugel von dem runden Tischchen, das zwischen ihnen stand, hielt sie mit einer Hand und strich mit der anderen beschwörend darüber. Sphärische Musik erklang. Aus versteckten Düsen quoll pinkfarbener Nebel und hüllte die Wahrsagerin ein. Sie sprach eine unverständliche Beschwörungsformel, hielt die Glaskugel plötzlich dicht vors Gesicht und starrte ungläubig in das blaue Glas. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck.
»Lady Godiva?«, fragte Jennifer verstört.
»Nein, nein«, flüsterte Lady Godiva entsetzt. Jeder konnte die Worte an ihren Lippen ablesen. »Das kann nicht sein… das ist unmöglich!« Sie begann, wie eine Fieberkranke zu zittern. Ihre Augen wurden immer größer und die Glaskugel fiel klirrend zu Boden. Sie zersprang in tausend Scherben und man sah, wie blaue Farbe über das zersplitterte Glas und die weiße Hose der Wahrsagerin spritzte. Der Regisseur glaubte an einen Gag, hielt auch das entsetzte Gesicht seiner Reporterin für gespielt und ließ den Kameramann voll draufhalten.
»Lady Godiva! Ist Ihnen nicht gut?«
Die Wahrsagerin war leichenblass, sie hatte beide Hände zu Fäusten geballt und blickte Jennifer geschockt an, unfähig, einen Satz zu formulieren.
»Was ist mit Ihnen?«
»The Big One«, brachte Lady Godiva mühsam über die Lippen und hob die Fäuste zum Himmel, »das große Erdbeben, das irgendwann kommen und… und Kalifornien in eine Trümmerwüste verwandeln soll… es steht kurz bevor, Jenn! Vielleicht schon heute!«
Jennifer blieb professionell. »Sie wollen uns Angst einjagen…«
»Ich meine es ernst, Jenn! Das große Erdbeben kommt! Heute oder morgen… bald, sehr bald! Ich habe gesehen, was es anrichten wird! Es ist… es ist so furchtbar! Einstürzende Hochhäuser… Verletzte, viele Tote… zu viele Tote. Wir müssen etwas unternehmen! Alarmieren Sie den Katastrophenschutz! Rufen Sie die Polizei und die Feuerwehr! Jetzt gleich… sofort!« Lady Godiva hatte nun etwas Furcht einflößendes an sich.
Erst jetzt reagierte der Regisseur. Er ließ den Kameramann auf Jennifers Gesicht halten, alarmierte sie über ihren kleinen Knopf im Ohr und sie bewies, dass sie auch solchen kritischen Situationen gewachsen war. Nur ihre Mutter hätte wohl gemerkt, dass das Lächeln nicht echt war. »Immer für einen derben Scherz gut, unsere Lady Godiva! Das wäre ein toller Einspieler für unseren neuen Action-Dreiteiler, der allerdings erst in der Vorweihnachtszeit läuft. So eine Wahrsagerin muss einfach ihrer Zeit voraus sein.« Sie blickte zum Nachrichtenpult hinüber. »Vielen Dank, Lady Godiva, für Ihre neuesten Einsichten. Und damit wird es langsam Zeit fürs Wetter, denn das kann nicht mal eine Lady Godiva voraussagen. Ron…«
Während Ron das Wetter ansagte, gingen die Scheinwerfer über der Sitzgruppe aus, und Jennifer stürmte zu der Wahrsagerin und legte ihr besorgt einen Arm um die Schultern. »Was ist passiert, Lady Godiva? Was soll dieses Gerede vom großen Erdbeben? Wir hatten doch ausgemacht, dass Sie den Zuschauern sagen sollen, wie erfolgreich unsere neue Serie wird. Wenn die Leute Ihren Auftritt ernst nehmen, kann es zu einer Panik kommen!« Der Aufnahmeleiter eilte mit einem Glas Wasser herbei und die Wahrsagerin griff mit zitternden Fingern danach. »Sie haben das mit dem Erdbeben doch nicht ernst gemeint, oder?«
Lady Godiva trank das Wasser und verschüttete dabei die Hälfte. Als hätte sie gar nicht zugehört, wiederholte sie unablässig mit zitternder Stimme: »Das große Erdbeben… es kommt!«
Sunset Beach Campground Long Beach, California 9:58 Uhr Matt
Als Matt sich gerade mit der großen Greifzange nach einem weiteren Papierfetzen bückte und ihn in den großen schwarzen Abfallsack versenkte, kam Andy mit einem Comicheft auf ihn zugeschlendert. »Hey, Matt«, rief er schon von Weitem. »Hast du schon gesehen? Hier, schau mal, der Typ hält einfach einen Tsunami auf. Krass! Mit bloßen Händen. Das musst du unbedingt lesen!« Der Vierzehnjährige blätterte eifrig durch das Heft und deutete immer wieder auf einzelne Seiten.
»Vielleicht heute Abend«, wich Matt aus. Er hatte überhaupt nichts für Superhelden übrig, obwohl er deren Superkräfte manchmal auch gern hätte, und mit Comics konnte er sowieso wenig anfangen. Er war nicht gerade bester Stimmung an diesem Morgen. Er hatte bis zwei Uhr früh in einem Sachbuch über die Boeing-Werke gelesen und war erst über dem letzten Kapitel, in dem es um experimentelle Flugobjekte ging, die sogar außerhalb der Atmosphäre fliegen konnten, erschöpft eingeschlafen. Am Morgen war er kaum aus dem Bett gekommen. Wäre nicht ein Krankenwagen mit heulender Sirene an dem Campingplatz vorbeigefahren, hätte er wohl verschlafen. Nach zwei Bechern Kaffee war er immer noch müde.
»Wolltet ihr heute nicht nach Disneyland?«
Andy klappte das Heft zusammen. Er war einen Kopf kleiner als Matt, trug bunte Bermuda-Shorts, ein gestreiftes Polohemd und weiße Laufschuhe, alles sehr sauber und adrett, wie man es von einem Jungen aus dem Mittelwesten eben erwartete. Seine extrem kurzen und sauber rasierten Haare verdankte er seinem Großvater, der im Vietnamkrieg als Marine gekämpft hatte und immer noch salutierte, wenn er einen anderen Soldaten traf oder eine amerikanische Flagge sah. Andy wuchs bei seinen Großeltern auf, seit seine Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren, und verbrachte seine Frühlingsferien mit ihnen in Long Beach, einem großen Vorort von Los Angeles.
»Heute und morgen«, erwiderte er. »Grandpa bekommt billige Karten, weil er früher beim Militär war.« Er begleitete Matt ein Stück und hob hin und wieder einen Papierknäuel auf und warf ihn in den Plastiksack. Matt arbeitete auf dem Campingplatz Sunset Beach Campground, um sich sein Studium zu verdienen. Er wohnte in einem alten Trailer, bekam einen großzügigen Rabatt im Schnellrestaurant gegenüber und sammelte täglich den Müll ein oder erledigte sonstige anfallende Arbeiten. Andy, einer dieser jugendlichen Campingtouristen, mit denen Matt immer schnell Bekanntschaft schloss, war ihm quasi zugelaufen und begleitete ihn immer wieder auf seinen Touren über den Campingplatz. »Ich freue mich schon auf die ›Pirates of the Caribbean‹«, plapperte Andy einfach weiter und ließ sich von Matts wortkargem Verhalten nicht einschüchtern, »da fährt man in einem Boot mitten in eine Seeschlacht mit Piraten. Hab ich im Fernsehen gesehen.«
Matt war nur einmal in Disneyland gewesen und das lag schon beinahe zehn Jahre zurück. »Na, dann lass dich bloß nicht von ihnen gefangen nehmen. Ich hab gehört, die machen kurzen Prozess mit kleinen Superhelden wie dir.«
Am Himmel wurde es laut und ein Kampfjet röhrte über die flachen Häuser hinweg aufs Meer hinaus. Vom Campingplatz waren es nur ein paar Hundert Schritte bis zum Strand. Der Düsenlärm war noch zu hören, als der Jet schon längst nicht mehr zu sehen war. Matt und Andy blickten beide zum Himmel.
»Wow!«, staunte Andy. »Wo fliegt der jetzt hin?«
»Zur USS California, die liegt seit zwei Tagen vor der Küste.«
»Ein Flugzeugträger?«
Matt hob eine alte, zerfledderte Zeitung auf, die der Wind aus einem Abfallkorb und in mehreren Teilen über den Campingplatz geweht hatte. »Einer der größten«, erklärte Matt. »Das war eine Hornet, eine FA-18.«
»Der Jet? Hey, woher weißt du das?«
Matt nickte stolz. »Ich will Ingenieur werden und später mal Flugzeuge bauen. Wenn ich hier genug Geld zusammengespart habe, gehe ich aufs College, und nach dem Studium will ich zu Boeing oder McDonnell Douglas, einen neuen Jet entwickeln.«
»Wow! Das klingt ja toll, Ingenieur.« Er stopfte eine leere Papiertüte in den Plastiksack. »Grandpa will, dass ich Buchhalter in einer großen Firma werde, so wie er früher, aber dazu tauge ich nicht, das weiß ich jetzt schon. Ich werde lieber Comiczeichner und erfinde Superhelden.«
»Kannst du denn zeichnen?«
»Ein bisschen. Wenn ich mit der Highschool fertig bin…«
Ein dumpfes Grollen, das tief aus der Erde zu kommen schien, ließ Matt innehalten. Unter ihren Füßen begann der Boden zu zittern. Matt kam sich wie auf der Fahrt nach Santa Catalina im letzten Sommer vor, als ihn sein Chef zu einem Ausflug auf die Insel eingeladen hatte und sie mit der Fähre in schlechtes Wetter geraten waren und furchtbaren Seegang gehabt hatten. Damals hatte der Boden auch geschwankt, nur war dort eine Reling gewesen, an der man sich festhalten konnte. Andy verlor das Gleichgewicht, ließ sein Comicheft los und fing sich mit beiden Händen gerade noch auf dem Asphalt ab. »Matt!«, rief er ängstlich.
Alles war plötzlich in Bewegung, als ob ein Bildschirm eine Signalstörung hätte. Matt blinzelte. Mit bloßen Augen kaum zu sehen, bebte der Boden gerade so stark, als wenn ein Kampfjet im Tiefflug über sie hinwegbrauste oder ein schwerer Güterzug in unmittelbarer Nähe vorbeirumpelte. Noch eine Hornet, vielleicht sogar zwei oder drei, war auch Matts erster Gedanke, doch ein Jet war weit und breit nicht zu sehen, auch kein Güterzug oder Truck oder irgendein anderer Grund für die seltsame Erschütterung.
Doch genauso schnell beruhigte sich die Erde wieder und alles war still… bis auf ein lautes Klirren, als ein Blumentopf, der von einem Metallgestell vor einem der Wohnwagen herunterhing, zu Boden fiel und vor der Eingangstür zerschellte.
Dann trat endgültig Stille ein. Nicht einmal der zottige Hund, der zu den jungen Leuten beim Zeltplatz gehörte, fing an zu bellen. Entweder hatte er keine Angst oder das seltsame Grollen hatte ihn nicht aus der Ruhe gebracht.
»Was war das?«, fragte Andy erschrocken.
»Ach, nichts Besonderes«, antwortete Matt, der sich schon wieder von dem kleinen Schreck erholt hatte, »nur ein kleines Erdbeben. Das haben wir hier öfter. Dauert ein paar Minuten, dann ist es wieder vorbei.« Er reichte Andy die Hand und zog ihn vom Boden hoch. Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er das bestürzte Gesicht des Jungen sah. »Kein Grund, sich in die Hose zu machen. Ist alles ganz normal.«
»Ein Erdbeben… normal?« Andy war noch immer benommen.
Matt warf sich ungerührt den mittlerweile gut gefüllten Abfallsack über die Schulter. »Das waren keine 6,0 auf der Richter-Skala, da wackeln nicht mal Wohnmobile. Der Blumentopf hing wahrscheinlich so locker, dass er sowieso bald runtergefallen wäre. Keine Sorge, Andy! Ich bin schon einige Zeit hier und solche kleinen Beben gibt es alle paar Monate. Darüber regt sich keiner auf. Die stehen nicht mal in der Zeitung.«
»Aber der Boden… er hat richtig gezittert!«
»Hast du schon mal auf einer großen Brücke gestanden? Der Golden Gate oder so? Die zittert jedes Mal, wenn ein Truck drüberfährt. Oder geh mal zum Flughafen, da zittert der Boden noch in einer halben Meile Entfernung, wenn eine 747 startet. Alles kein Grund zur Aufregung. Solche Erdbeben sind hier normal. Gefährlich wird es erst, wenn die 8,0 oder 9,0 überschritten sind.«
»Und wer sagt mir, dass das nicht passiert?«
»Beim Katastrophenschutz sitzen fähige Leute. Ich hab mal einen Bericht über die gesehen. Die haben hochempfindliche Geräte, die selbst die kleinsten Erschütterungen bis tief in die Erde hinein erfassen. Wenn ein großes Erdbeben drohen würde, gingen die sofort mit Warnungen an die Öffentlichkeit und würden die Gegend evakuieren lassen.«
»Ganz L. A.? Dafür wäre doch gar keine Zeit?«
Matt wedelte mit seiner Greifzange in der Luft herum, bevor er ein Stück Karton in den Abfallsack fallen ließ. »Klar… die Warnung käme sicher ein paar Tage vorher, das reicht locker. Außerdem kommt kein großes Erdbeben. Die reden schon seit hundert Jahren vom Big One und nie ist was passiert. Wenn in Kalifornien was schiefläuft, dann bei Waldbränden, die sind gefährlicher.«
»Andy! Wo bleibst du denn?« Die Stimme eines älteren Mannes unterbrach die beiden.
»Grandpa«, sagte Andy. »Ich glaube, es geht los.« Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch mal um. »Bist du sicher, dass nichts passiert?«
»Glaub mir, Andy! Ich wäre der Erste, der wegläuft. Schönen Gruß an die Piraten!«
California Emergency Management Agency Los Alamitos, California 10:52 Uhr Greg Welbeck
Nur weil an diesem Morgen wenig zu tun war, hatte Greg Welbeck dem Besuch des jungen Reporters zugestimmt. Der junge Mann, keine sechzehn und noch neugieriger als seine erwachsenen Kollegen, gab die Schülerzeitung einer Highschool heraus und wollte einen Bericht über die California Emergency Management Agency schreiben. »Cal EMA – verantwortlich für alle Hilfsmaßnahmen nach einer Katastrophe«, stand auf seinem Notizblock.
Als sie vor dem Gebäude der Agentur standen, blickte der Schüler enttäuscht auf die Ansammlung von windigen Baracken. »Und ich dachte, Sie arbeiten in einem dieser modernen Glaskästen in der Innenstadt.«
Greg lachte. »Dafür hat der Staat kein Geld. Brauchen wir auch nicht. Hauptsache, wir haben ein Dach über dem Kopf und die technische Ausrüstung stimmt.« Er ging voraus. »Komm, ich stelle dich unserem Chef vor.«
Sie betraten die Empfangsbaracke und gingen durch ein Großraumbüro, in dem zahlreiche Angestellte vor ihren Computern saßen. Einige nickten Welbeck freundlich zu. Als Regional Director war er eigentlich schon Ende März in Pension gegangen und nur noch im Büro, um seinen Nachfolger einzuarbeiten. Er hieß Jeff King und war sein ehemaliger Stellvertreter.
»Hallo, Jeff«, begrüßte er den Kollegen, der wohl irgendwas zwischen vierzig und fünfzig war. Jeff King war wieder einmal wie aus dem Ei gepellt, trug einen Anzug, den er bestimmt nicht von der Stange gekauft hatte, und eine hellrote Seidenkrawatte. Seine Frau war eine erfolgreiche Chirurgin und verdiente in einem Monat wahrscheinlich mehr als er im ganzen Jahr. »Der junge Mann arbeitet für eine Schülerzeitung und will eine Reportage über uns veröffentlichen. Wie wär’s mit einem Statement?«
King lächelte gönnerhaft. »Nun, wir tun alles, um die Sicherheit der Bevölkerung auch während und nach einer Katastrophe zu gewährleisten. Bei den Waldbränden im letzten Sommer haben wir alle Rettungsmaßnahmen des Staates koordiniert. Das Gleiche würde nach einem Erdbeben oder einer Überschwemmung geschehen. Wir sind auf alles vorbereitet. Inzwischen sind unsere Warnsysteme so wirkungsvoll, dass uns eigentlich nichts mehr überraschen kann. In den letzten Jahren hat sich gerade auf diesem Gebiet sehr viel getan.«
»Und wenn the Big One kommt?«, wollte der Schüler wissen. »Ich hab eine Doku gesehen, da haben sie gesagt, die Chancen für ein großes Erdbeben lägen bei sechzig Prozent und es käme vielleicht so plötzlich und unerwartet, dass Los Angeles in kürzester Zeit in ein riesiges Trümmerfeld verwandelt werden würde. Würden dann nicht viele Tausend Menschen sterben?«
»Sensationsmache«, wiegelte der neue Regional Director ab. »Im Fernsehen übertreiben sie gern. In Wirklichkeit ist die Chance, dass uns so ein gewaltiges Erdbeben überrascht, sehr gering. Natürlich würde es bei einem Erdbeben einige Tote geben, auch bei den Waldbränden im letzten Jahr hatten wir ja Opfer zu beklagen, aber so schlimm, wie manche Reporter vorgeben, würde es sicher nicht. Oder hast du etwa vor einer Viertelstunde was gemerkt?«
»Vor einer Viertelstunde?«
»Da waren wir im Auto unterwegs«, erklärte Greg.
»Dann kannst du ja nichts gemerkt haben«, fuhr King fort. »Vor einer Viertelstunde hatten wir ein Erdbeben der Stärke 5,1 in Long Beach… ungefähr zehn Sekunden lang. Wärst du zu Fuß unterwegs gewesen und stehen geblieben, hättest du vielleicht gemerkt, wie der Boden zittert, mehr aber auch nicht. Solche kleinen Erdbeben sind sehr häufig in Kalifornien. Sie verringern die Chance eines Big One, weil sie den Druck aus der Erde nehmen. Ich hoffe, du gibst das so an deine Leserinnen und Leser weiter. Bitte keine Sensationsstories.«
»Natürlich nicht, Sir«, antwortete der Schüler brav.
King winkte seiner Assistentin zu. »Ich muss weiter, junger Mann. Zitiere mich richtig, okay?« Er lächelte kumpelhaft und war bereits unterwegs. »Greg zeigt dir, was wir alles tun, um die Bevölkerung rechtzeitig vor einer Katastrophe zu warnen. Er kennt sich hier bestens aus. Er war mal mein Chef.«
Greg schluckte seine aufsteigende Wut hinunter. Er hatte seinen jüngeren Kollegen schon immer für arrogant und großspurig, Untergebenen gegenüber auch gönnerhaft gehalten, aber nie etwas gesagt. Auch jetzt nickte er ihm nur freundlich zu. Warum sollte er sich in seinen letzten vier Wochen noch unnötigen Ärger einhandeln? Obwohl er vor einem halben Jahr, als King sich den neuen Porsche zugelegt hatte, kurz davor gewesen war. Er selbst legte wenig Wert auf solche Äußerlichkeiten.
Er führte den Schüler zu einem Mitarbeiter, der mit angespannter Miene vor seinem Computer saß. »Hallo, Jimmy«, begrüßte er ihn und stellte den jungen Reporter vor. »Mein junger Freund würde gern wissen, was sich an der Erdbebenfront tut. Ob wir the Big One rechtzeitig erkennen würden.«
Jimmys Lächeln wirkte ein wenig gequält. »Das hoffe ich doch. Wir stehen hier mit allen Dienststellen in Verbindung. Im Seismographischen Institut zeichnen sie die kleinste Erdbewegung auf und mit den neuen High-Tech-Geräten, die seit einigen Jahren im Einsatz sind, können wir tief in die Erde hineinblicken und jede noch so kleine Veränderung erkennen.« Er rief eine Seite auf, die mehrere Erdschichten in leuchtenden Farben zeigte. »Wie du sicher weißt, befinden wir uns hier in Kalifornien über dem San-Andreas-Graben. Unmittelbar unter uns driftet die pazifische Platte an der nordamerikanischen vorbei. Dabei kommt es immer wieder zu Reibungen und leichten Zusammenstößen. Die spüren wir als Erdbeben. Das bisher schwerste fand am 18. April 1906 in San Francisco statt. Damals starben über dreitausend Menschen, vor allem in dem Feuer, das nach dem Beben durch die Stadt tobte. Um so eine schwere Katastrophe zu verhindern, sind wir da. Heute sind wir viel besser vorbereitet.«
Der junge Reporter konnte sich keinen rechten Reim auf die Farben und Symbole auf dem Monitor machen und fragte: »Und wenn auf dem Monitor nicht zu erkennen ist, dass die Platten gegeneinanderstoßen? Ich habe gelesen, dass Erdbeben manchmal so überraschend kommen, dass man kaum noch Zeit hat, ins Freie zu rennen. Dann kommt doch jede Hilfe zu spät.«
»Nun ja, die Häuser sind heute wesentlich stabiler gebaut als damals«, schaltete sich Greg ein, »selbst die Hochhäuser in der Innenstadt sind einigermaßen erdbebensicher. Ich sage ›einigermaßen‹, weil natürlich immer ein Restrisiko besteht, das will ich nicht beschönigen. Aber so eine Katastrophe wie damals in San Francisco wird es sicher nicht mehr geben.« Er schob ihn sanft von dem Monitor weg. »Und jetzt zeige ich dir unser Allerheiligstes… da vorne, die Tür am Ende des Ganges. Geh schon mal vor, ich muss noch was mit Jimmy besprechen. Ich komme in zwei Minuten nach.« Er wartete, bis der Junge gegangen war, und deutete auf den Monitor. »Das 5,1 vorhin? Kommt da was nach?«
»Sieht nicht so aus.«
»Wäre doch schade, wenn ich auf meine letzten Tage noch was Großes mitmachen müsste. Die Waldbrände letzten Sommer haben mir gereicht. Eigentlich sollte ich schon seit einer Woche in Palm Springs sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.« Er entfernte sich lachend. »Obwohl meine Frau ganz froh ist, dass ich einen Monat länger im Einsatz bin. Sie hat Angst, dass ich ihr auf die Nerven gehe, wenn ich ständig zu Hause bin.«
Er ging den Gang hinunter und traf den jungen Reporter im Situation Room, wie das »Allerheiligste« der Cal EMA mit offiziellem Namen hieß. Ein riesiger rechteckiger Tisch mit mehr als zwanzig Arbeitsplätzen füllte fast den ganzen Raum aus, an jedem Platz standen jeweils ein Computer und ein Telefon. Über den Stühlen hingen Jacken mit Aufschriften wie »Field«, »Logistics« und »Intelligence«. An den Wänden waren Monitore befestigt, für alle Fernsehprogramme und Video-Verbindungen zu anderen Dienststellen, auf großen weißen Tafeln würden im Ernstfall die Entwicklungen an den Brennpunkten der Katastrophe notiert. Unterschiedliche Farben gaben den Status in Bereichen wie »Medizinische Versorgung« und »Unterbringung« an: Grün bedeutete »Alles okay«, Rot stand für »Brauchen dringend Hilfe« und bei Schwarz standen die Chancen, einen Überlebenden zu finden, wohl äußerst schlecht.
»Von hier aus koordinieren wir unseren Einsatz«, erklärte Greg. »Der Field Officer steht mit Polizei und Feuerwehr in Verbindung, der Logistics Officer sorgt dafür, dass Notleidende mit Wasser und Proviant versorgt werden, der Intelligence Officer wertet die Meldungen anderer Dienststellen aus. Und wenn es sich um eine wirklich große Katastrophe handelte, so wie damals bei Hurrikan Katrina in New Orleans, käme natürlich auch die FEMA ins Spiel, die Federal Emergency Management Agency. Die machen im Grunde das Gleiche wie Cal EMA, nur auf Bundesebene. Jaja, da ist leider auch viel Bürokratie dabei.«
Noch während Greg redete, wurde die Aufmerksamkeit des Jungen von einem der laufenden Fernseher abgelenkt. Wortlos, aber mit einem fragenden Gesichtsausdruck deutete er auf den Bildschirm. Der Ton war ausgeschaltet, aber unter den Bildern aus der Morning Show, die zeigten, wie eine weißhaarige Frau zusammenbrach und etwas sagte, lief ein Spruchband mit. BEKANNTE WAHRSAGERIN SAGT GROSSES ERDBEBEN VORAUS – THE BIG ONE DROHT ANGEBLICH NOCH HEUTE stand dort in großen Lettern.
»Unsinn!«, kommentierte Greg. »Reine Panikmache.«
Seventh Street Los Angeles, California 11:17 Uhr Abby
Mürrisch lutschte Abby an ihrem Eis. Sie saß in der Eingangshalle eines großen Kaufhauses auf einer Holzbank und beobachtete einen Clown, der bunte Luftballons in fantasievolle Tiere verbog und an Kinder verschenkte. Doch das Eis wollte ihr nicht schmecken und der lustige Clown brachte sie auch nicht zum Lachen. Mit ihren Gedanken war sie immer noch bei ihren Eltern. Was fiel denen bloß ein? Hausarrest in einem Hotel mitten in Los Angeles, nur weil ihnen ihre Berufswahl nicht gefiel. So was gab es doch nicht mal in einer Doku-Soap. Ihr Vater war schon früh zum Kongress aufgebrochen, aber ihre Mutter hatte ihr an diesem Vormittag noch endlos ins Gewissen geredet. Erst vor einer halben Stunde war sie endlich zum Shoppen aufgebrochen.
Abby war wütend im Zimmer auf und ab gelaufen, doch dann war ihr endgültig der Kragen geplatzt. Was für eine Gemeinheit! Sie war doch kein kleines Mädchen mehr. Ohne weiter zu überlegen, hatte sie sich aus dem Hotel geschlichen und war ziellos durch die Gegend gelaufen, bis sie bei Macy’s in der Seventh Street gelandet war. Dort brauchte sie keine Angst zu haben, ihrer Mutter zu begegnen, die ging am liebsten in Designershops und war sicher zum Rodeo Drive gefahren. Geld hatten ihre Eltern genug, allein für den Vortrag auf dem Kongress im Hotel erhielt ihr Vater eine stattliche Summe.
Der Clown ging weiter und sie warf die leere Eistüte in den Abfallkorb neben der Bank. Sie brauchte dringend frische Luft. Nicht hier zwischen den Hochhäusern in der Innenstadt, eher am Meer, wo man noch richtig durchatmen konnte. Ihr Blick fiel auf den Bahnhof gegenüber. Fuhr eine der Straßenbahnen nicht nach Long Beach? Dort sollte es eine lange Uferpromenade geben, hatte sie in einem Flyer im Hotel gelesen. Sie stand auf, verließ die Eingangshalle und überquerte die Straße.
957 Benedict Canyon Drive Beverly Hills, California 11:48 Uhr Jennifer Ellis
Jennifer Ellis hatte allen Grund, guter Laune zu sein. Gleich nach der Morning Show war sie mit ihrem Team zum Beverly Hills Hotel gefahren und hatte dort bei einem Gala-Frühstück den Hauptdarsteller des neuen Batman-Films zu einem Exklusiv-Interview überredet und ihm entlockt, dass er eine Nebendarstellerin des Films zu einem privaten Date getroffen hatte, und auf ihrer Mailbox war eine Nachricht von Josh gewesen, der früher als erwartet von Dreharbeiten auf Hawaii zurückkehrte und sich mit ihr zum Dinner verabreden wollte. Ihr zukünftiger Mann und Schauspieler Josh Coburn spielte in der neuen Fernsehserie »Waikiki« mit.
Ihrem Traum von einer landesweiten Karriere würde sie mit dem Exklusiv-Interview zwar einen Schritt näher kommen, aber um den Durchbruch zu erzielen, würde sie schon mehr bieten müssen. Eine Story, die wirkliches Aufsehen erregte, musste her. So wie vor vielen Jahren mit O. J. Simpson, dem bekannten Footballspieler, der seine Frau umgebracht haben sollte und stundenlang mit seinem Geländewagen durch L. A. geflohen war, sehr zur Freude mehrerer Fernsehteams, die ihn mit Hubschraubern verfolgt hatten und damals live dabei gewesen waren. Oder nach dem Tod von Michael Jackson, als sich alle auf seinen Arzt gestürzt hatten. Sie war damals noch bei einem kleinen Sender gewesen und hatte über eine Hundeschau berichtet.
Lady Godiva, die Wahrsagerin, wäre geradezu ideal für ihre Zwecke. Die trug eine Story auch über mehrere Tage oder sogar Wochen. Natürlich war ihr Auftritt am frühen Morgen die reinste Show gewesen, keiner brach schluchzend und stöhnend vor Schmerzen zusammen, nur weil ihm die Fantasie einen Streich spielte. Wie die meisten Wahrsagerinnen, Medien und selbst ernannten Hexen war auch Lady Godiva eine Blenderin, eine sehr geschickte jedoch, die es verstand, sich wirkungsvoll in Szene zu setzen. Das große Erdbeben würde auch diesmal ausbleiben, aber wie so oft hatte es auch an diesem Morgen einige Erschütterungen gegeben, und Lady Godiva würde sich sicherlich damit herausreden, dass diese Beben nur die Vorboten des Big One waren. Damit wäre sie in allen Klatschblättern vertreten, die beste Werbung, die sie sich wünschen konnte.
Und Jennifer Ellis hatte den Stoff in den Händen, aus dem sich eine vortreffliche Story für das Fernsehen schneidern ließ. Eine Story, die ihren Namen im ganzen Land bekannt machen würde, wenn sie es richtig anstellte. Mit Geschichten, die einen emotional berührten, war am meisten rauszuholen. Eine Binsenweisheit in ihrem Gewerbe. Im Geiste sah sie sich bereits in die Fußstapfen von Barbara Walters und Oprah Winfrey treten, beides millionenschwere TV-Journalistinnen.
»Wohnt Lady Godiva hier nicht ganz in der Nähe?«, fragte sie Mike, ihren Kameramann, der gerade ihren Van routiniert über den Sunset Boulevard steuerte. Davy, der junge Tonmann, saß zwischen ihnen und spielte mit seinem Smartphone.
»Die Wahrsagerin? In einem der Canyons, glaube ich.«
Jennifer zog kurzerhand ihr eigenes Smartphone aus der Tasche und checkte die Adresse. »957 Benedict Canyon Drive… höchstens fünf Minuten.« Sie steckte das Smartphone zurück. »Ihr habt doch nichts gegen einen kleinen Umweg?«
»Meine Freundin hat sowieso mit mir Schluss gemacht«, murmelte Davy.
Mike warf einen Blick auf den grummeligen Tonmann und bog in den Benedict Canyon Drive, eine kurvenreiche Straße, die vom Sunset Boulevard in einen der Canyons führte, und hielt vor einem etwas betagten Bungalow, der von einem gepflegten Garten umgeben war.
»Okay, haltet euch bereit«, sagte Jennifer zu ihren Kollegen. »Ich sehe mal nach, ob sie zu Hause ist. Und ruft im Sender an, dass wir etwas später kommen.«
Sie stieg aus und ging über die Kiesauffahrt zur Tür, klingelte ein paarmal vergebens und drehte sich achselzuckend zu Mike und Davy um. Anscheinend war Lady Godiva noch nicht zu Hause. Sie fluchte unterdrückt, wollte aber noch nicht aufgeben und ging um das Haus herum. Dort sah sie die Wahrsagerin mit bedrückter Miene in einem Gartenstuhl sitzen. »Lady Godiva!«, begrüßte sie die alte Dame. »Wir waren gerade in der Nähe und ich wollte mich doch wenigstens erkundigen, wie es Ihnen geht.«
»Das sehen Sie doch«, erwiderte Lady Godiva. Sie war noch blasser als sonst und wirkte müde und abgespannt. »Warum haben Sie nicht den Katastrophenschutz und die Polizei und die Feuerwehr alarmiert? Glauben Sie mir etwa nicht? Denken Sie, ich mache das alles nur wegen der Publicity? Ich hab genug Geld, Schätzchen. So viel kann ich in zwanzig Jahren nicht ausgeben, und wer weiß, ob ich überhaupt so lange lebe. Sie müssen etwas tun, Jenn! Es wird Schreckliches geschehen. Und wenn das Beben erst mal begonnen hat, geht es hier drunter und drüber!«
Jennifer glaubte der Wahrsagerin kein Wort. Wenn diese tatsächlich überzeugt davon wäre, dass the Big One kam, würde sie wohl kaum seelenruhig in ihrem Garten sitzen und auf den Pool starren. Alles nur eine geschickte Selbstinszenierung, sonst wäre sie doch viel aufgeregter. Oder sie säße längst in einem Flieger und würde das Weite suchen. Ihre blaue Kugel würde ihr kaum verraten haben, dass sie zu den Überlebenden von the Big One gehörte.
Oder etwa doch?
»Wir können doch nicht einfach so den Katastrophenschutz alarmieren, Lady Godiva. Auch die Polizei und die Feuerwehr nicht. Nichts gegen Ihre Voraussagen, aber die Behörden brauchen handfeste Beweise, bevor sie was unternehmen. Soweit ich weiß, hat einer unserer Angestellten im Erdbebenzentrum angerufen und wurde ausgelacht: Es habe zwar einige kleinere Erschütterungen gegeben, aber ein großes Erdbeben sei gewiss nicht zu erwarten.« Sie setzte ihr Fernsehlächeln auf. »Was wir allerdings tun können, ist, ein weiteres Interview mit Ihnen zu senden. Dann können Sie berichten, was Sie gesehen haben. Ich habe mein Team dabei. Vielleicht hier draußen am Pool?«
Lady Godiva blickte sie müde an. »Sie glauben mir auch nicht, was? Sie glauben, dass ich eine große Show abziehe, und denken dabei nur an Ihre eigene Story! Freuen Sie sich nicht zu früh, Jenn. Ich hab mich ein paarmal geirrt in meinem Leben, aber nicht dieses Mal. Das Erdbeben wird kommen, schlimmer als je zuvor und für die meisten ist es jetzt bereits zu spät, um sich in Sicherheit zu bringen. Was soll ich den Leuten denn sagen? Dass viele von ihnen in Kürze sterben werden?«
»Sagen Sie den Leuten, was Sie denken, Lady Godiva.«
»Dann gibt es eine Massenpanik!«
Ein bisschen Panik schadet nicht, wenn ich damit in die nationalen Nachrichten kommen und Aufsehen erregen will, dachte Jennifer Ellis. »Die Leute haben ein Recht zu erfahren, was eine mit seltenen Talenten ausgestattete Frau wie Sie denkt«, sagte sie, was jede Reporterin in ihrer Situation gesagt hätte. Und noch bevor Lady Godiva antworten konnte, hatte sie ihr Team schon in den Garten gerufen.
»Lassen Sie mich wenigstens was anderes anziehen«, bat Lady Godiva. Sie verschwand im Haus und kehrte einige Minuten später in einem schwarzen Hausmantel und schwarzen Crocks zurück. In den Händen trug sie eine Kristallkugel, diesmal mit schwarzen Farbschlieren. Die Frau weiß, wie man sich in Szene setzt, dachte Jennifer. Ihre roten Lippen waren der einzige Farbtupfer.
Jennifer ging auf diese düstere Inszenierung ein und verzichtete nach einem Blick auf ihren Kameramann auf ihr gekünsteltes Lächeln. »Lady Godiva, in unserer Morning Show haben Sie angedeutet, uns könnte ein großes Erdbeben bevorstehen. Glauben Sie, es kommt wirklich?«
Die Wahrsagerin überlegte lange, bevor sie antwortete. Bekam sie Angst vor ihrer eigenen Courage? Immerhin würde man sie auch rechtlich belangen und zu horrenden Schadenersatzzahlungen verurteilen können, falls sie mit ihren Worten wirklich eine Panik auslöste. »Nichts kann ich mit absoluter Gewissheit sagen«, wich sie schließlich Jennifers Frage aus, »denn auch die geheimnisvollen Kräfte, denen ich gehorche, beantworten nicht jede Frage, sonst wüsste ich schon heute die Aktienkurse von morgen und würde in jeder Lotterie gewinnen. Aber vieles deutet darauf hin. Heute Morgen gab es zwei kleinere Beben, und wenn die dunklen Mächte, die meine blaue Kugel zum Zerspringen brachten, recht behalten, steht das größte Erdbeben, das Kalifornien seit Jahrzehnten erlebt hat, unmittelbar bevor.«
»Das haben schon viele Leute behauptet, Lady Godiva. Es gibt sogar Gruppierungen wie die Zeugen Jehovas, die alle paar Jahre den Weltuntergang voraussagen, und wenn es nach den Mayas gegangen wäre, läge unsere Erde schon jetzt in Schutt und Asche. Was sind das für Mächte, denen Sie gehorchen? Und warum sollten ausgerechnet diese Mächte recht behalten?«
Lady Godiva verzog keine Miene, verließ sich auf die Wirkung ihres blassen Gesichts, das im Augenblick wie eine starre Maske wirkte. »Ich stehe mit dem Universum in Verbindung. Ich sehe, wie klein und unbedeutend unsere Erde ist und welche gewaltigen Kräfte auf sie einwirken. Ich spreche schlicht Warnungen aus, die ich vermittelt bekomme. Wir sind dazu verdammt, uns selbst zu zerstören, und das furchtbare Erdbeben wird nur der Anfang sein.«
»Wann?«, hakte Jennifer nach. »Wann kommt das große Erdbeben?«
Entweder wusste die Wahrsagerin, was von ihr erwartet wurde, oder sie gehorchte tatsächlich irgendwelchen geheimnisvollen Kräften, die in ihrer Kugel zu wohnen schienen. Sie blickte in ihre schwarze Kugel und sprach eine beschwörende Formel, die Jennifer für reinen Hokuspokus hielt. Wie bei einem Magier, der einen plumpen Trick vorführte und ihn mit tanzenden Mädchen und viel Rauch und Zaubergeschwafel zu einem fantastischen Event aufplusterte. Sie drehte die Kugel in beiden Händen, starrte mit großen Augen hinein und hielt abrupt inne. Über ihre blassen Wangen rannen einige Tränen. »Oh nein!«, flüsterte sie.
Jennifer hatte auf einen erneuten Ausbruch gehofft, doch diesmal ließ Lady Godiva die Kugel nicht fallen und blickte lediglich mit leeren Augen in die Kamera. »16 Uhr 32«, sagte sie mit Grabesstimme, »um 16 Uhr 32 tut sich die Erde auf!«
»Heute?«, fragte Jennifer. Auch sie schien plötzlich Angst zu bekommen.
»Heute um 16 Uhr 32«, bestätigte die Wahrsagerin.
Disneyland Anaheim, California 14:54 Uhr Andy
»Fotografierst du mich mit Pluto?«, fragte Andy, kaum dass sie den Park betreten hatten.
Die Frage war an seine Großmutter gerichtet, die ihm mit der kleinen Digitalkamera zu der Bank folgte, auf der Pluto saß und sich mit Besuchern fotografieren ließ. Andy war begeistert, als Pluto ihn mit beiden Händen abklatschte. »Cool. Das Foto stelle ich auf Facebook«, sagte er fröhlich. »Was meinst du, was meine Freunde für Augen machen.«
Andys Großvater Ray Lowell hatte weder mit Pluto noch mit Facebook was im Sinn, war aber nicht so streng, wie es seine ernste Miene vermuten ließ. Er hatte sich auf den Disneyland-Besuch eingelassen, weil ihm seine Frau versprochen hatte, ihn ins Militärmuseum und zum Grab des unbekannten Soldaten zu begleiten. Die Erinnerung an den Vietnamkrieg hatte ihn auch nach über vierzig Jahren nicht losgelassen. Mit einigen Kameraden von damals stand er immer noch in Kontakt und einmal im Jahr trafen sie sich zu einem Veteranentreffen in San Francisco. Von dort waren sie damals nach Vietnam aufgebrochen. »Und ich würde heute wieder gehen«, sagte er, »ich habe es für mein Vaterland getan.« Ein Grund, warum er auch von Andy erwartete, dass er sich freiwillig meldete, und wenn es nur für vier Jahre war. »Beim Militär lernt er, seinen Mann zu stehen, Mildred! Ich erwarte, dass er seinem Vaterland dient, bevor er irgendwas Verrücktes tut.«
Andy hatte seine Großeltern öfter belauscht und wusste, was sein Großvater erwartete, machte sich aber keine großen Sorgen. Bis er die Highschool absolviert hatte, würden noch drei Jahre vergehen, und dann war immer noch Zeit für eine Entscheidung. Vielleicht ging er ja tatsächlich zum Militär, auf die Weise würde er eine kostenlose Ausbildung am College bekommen, und er würde nicht auf einem Campingplatz arbeiten müssen wie Matt. Seine Großeltern besaßen wenig Geld, wohnten nicht einmal in einem eigenen Haus. Nach Kalifornien waren sie nur gefahren, weil sie vierzig Jahre verheiratet waren und auf ihrer Hochzeitsreise auch in Kalifornien gewesen waren.
Im Augenblick aber war Andy wie in einem Rausch. »Seht doch, die Achterbahn! Big Thunder Mountain Railroad, die hab ich auch im Fernsehen gesehen. Mit der muss ich unbedingt fahren! Grandma, Grandpa, kommt ihr mit?«
Seine Großmutter warf einen raschen Blick auf ihren Mann und schüttelte lachend den Kopf. »Ich glaube, für solche Scherze sind wir schon ein wenig zu alt. Du weißt doch, dass dein Großvater ein wehes Bein hat.« Sie blickte sich suchend um und wurde gegenüber von dem künstlichen See fündig. »Ich sag dir was: Dein Grandpa und ich gehen rüber ins Stage Door Café und trinken einen Kaffee und du fährst inzwischen mit der Achterbahn. Einverstanden?«
»Und anschließend gehe ich in die Pirates of the Caribbean«, nutzte Andy die Gunst der Stunde, »da wollt ihr bestimmt nicht mit. Da fährt man mitten durch eine Seeschlacht und die Piraten schießen auf einen.« Er lächelte so zufrieden, als gäbe es nichts Schöneres. »Die Pirates sind gleich da drüben.«
»Meinetwegen, aber bleib nicht so lange.« Grandpa drängelte.
»Da muss man ewig anstehen, Grandpa!«
»Na gut, mein Junge, wir machen es uns inzwischen gemütlich. Du weißt, wo du uns findest.«
Andy rannte davon und reihte sich in die Warteschlange vor der Big Thunder Mountain Railroad ein. Erleichtert darüber, der Aufsicht seiner Großeltern zumindest für eine Weile entronnen zu sein, machte ihm die Warterei nichts aus. Als er ein paar Schritte vor sich eine Asiatin in seinem Alter in der Warteschlange entdeckte, starrte er sie minutenlang gedankenverloren an. Erst als er von hinten angerempelt wurde, bemerkte er, dass er eine Lücke in die Warteschlange gerissen hatte, weil er einfach stehen geblieben war. Das Mädchen mit dem Minirock verwirrte ihn, dabei hatte er noch vor wenigen Monaten mit seinen Freunden großmäulig über Mädchen hergezogen.
Unter dem Holzdach, kurz vor dem Einstieg in die Achterbahn verlor er sie aus den Augen. Jetzt galt seine Aufmerksamkeit der Miniaturdampflokomotive und den fünf offenen Wagen, die auf einem kurvenreichen Rundkurs durch eine künstliche Goldmine und um den hoch aufragenden Thunder Mountain rasten, der ebenso künstlich wie beinahe alles in dem Vergnügungspark war.
