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In jedem Dorf, in jeder Stadt gibt es Geschichten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Jeder von uns kennt sie unter dem Namen »Urbane Legenden«. Es sind Geschichten, die man sich in lauen Sommernächten am Lagerfeuer erzählt und die von mysteriösen bis gruseligen paranormalen Begebenheiten handeln. Sind das aber wirklich nur Ammenmärchen? Oder steckt tatsächlich ein Körnchen Wahrheit in diesen alten Legenden? Freut euch nun auf spannende Geschichten, basierend auf den Sagen unserer Ahnen.
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2023
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13
Urbane
Legenden
Geschichten, basierend auf den Sagen unserer Ahnen.
Hrsg. Andreas Dörr
Alle Rechte vorbehalten.
Das Buchcover darf zur Darstellung des Buches unter Hinweis auf den Verlag jederzeit frei verwendet werden.
Eine anderweitige Vervielfältigung des Coverbilds ist nur mit Zustimmung des Verlags möglich.
Die Handlungen sind frei erfunden.
Evtl. Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.
Einige in den Geschichten erwähnte Personen hat es tatsächlich gegeben. Andere sind frei erfunden. Ähnlichkeiten dieser Personen mit jetzt lebenden ist zufällig und nicht beabsichtigt.
Die zugrunde liegenden Sagen sind in den jeweils angegebenen Orten/Landkreisen existent und dienen lediglich der Inspiration.
www.verlag-der-schatten.de
Erste Auflage 2023
Hrsg. Andreas Dörr
© Vorwort und Texte Mönch: Andreas Dörr
© Coverbilder: Depositphotos grandfailure
© Bilder: Depositphotos grandfailure, PixelsAway, Monika Grasl (Schottenkloster), Silke Katharina Weiler (Jägerpfuhl)
Lektorat: Shadodex – Verlag der Schatten
© Shadodex – Verlag der Schatten, Bettina Ickelsheimer-Förster, Ruhefeld 16/1, 74594 Kreßberg-Mariäkappel
ISBN: 978-3-98528-019-3
In jedem Dorf, in jeder Stadt gibt es Geschichten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen.
Jeder von uns kennt sie unter dem Namen »Urbane Legenden«.
Es sind Geschichten, die man sich in lauen Sommernächten am Lagerfeuer erzählt und die von mysteriösen bis gruseligen paranormalen Begebenheiten handeln.
Sind das aber wirklich nur Ammenmärchen?
Oder steckt tatsächlich ein Körnchen Wahrheit in diesen alten
Legenden?
Freut euch nun auf spannende Geschichten, basierend auf den
Sagen unserer Ahnen.
Inhalt
Vorwort des Herausgebers Andreas Dörr
Die Feuerkutsche von Lennox Lethe
Die weiße Frau im Kloster von Monika Grasl
Ob diese Namen Zufall sind? von Stefan Junghanns
Der Brunnen von Gordon McBane
Der Fluch der alten Kiefer von Eva Hausmann
Die Geisterkirche von Thomasbach von Isabell Hemmrich
Die verpasste Gelegenheit von Andrea Lopatta
Das Eisenmännchen von Judith Molitor
Blutacker von Alexander Klymchuk
Blutrotes Glas von Eve Grass
Die Prinzipien der Annalena Sperber von Dennis Puplicks
Der Pfuhl von Silke Katharina Weiler
Das Eisstockschießen von Doris E. M. Bulenda
Autorenvorstellungen
Urbane Legenden! Die Faszination des Unheimlichen. Sagen aus längst vergangener Zeit. Erzählt an den Feuerstellen der Ahnen. Weitergegeben an die Nachkommen. Heute meist belächelt und als Ammenmärchen abgetan. Märchen, die man den Kindern vor dem Zubettgehen erzählt, damit sie des Nachts nicht durch die Gegend streifen. Aber wie jede Legende stets ein Stück Wahrheit enthält, so ist das bei den Urbanen Legenden nicht anders.
Ich erinnere mich da noch lebhaft an meine Grundschulzeit. Als meine Lehrerin uns vom »Wingerath« erzählte. Jene Furcht einflößende, sagenhafte Gestalt, die ihr Unwesen auch heute noch in den Wäldern meines Dorfes zu treiben vermag. Das Haus, in dem er einst wohnte, steht heute noch inmitten unseres Dorfes. Unscheinbar, etwas abseits der Straße. Ob dort noch Menschen leben? Nun ja, es schaut bewohnt aus. Jedoch sah ich noch nie jemanden hinein- oder hinausgehen. Man möchte am liebsten gar nicht darüber nachdenken, wieso ich das noch nie tat. Jedenfalls lebte dort einst ein böser Mann. Ein Tagedieb, ein Hochstapler. Verhasst weit über die Grenzen unseres Dorfes. Niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben. Auch wollte niemand die Totenwache für ihn übernehmen, als es eines Tages mit ihm zu Ende war. So mussten Männer aus der Stadt kommen und des Nachts am Sarg des toten »Wingerath« ihre Wache halten. Es muss eine einsame, kalte und gespenstische Nacht gewesen sein. Und man erzählte sich, dass die Männer, obwohl sie bereits oft Totenwache hielten, in dieser Nacht vor Angst kaum Ruhe fanden. Dann, so will es die Legende, stand einer der Männer auf, um durch den Korridor des Hauses nach draußen zu gehen, als ein großer, alter Mann vor der Eingangstür ihm den Weg versperrte und ihn anbrüllte: »Was macht ihr in meinem Haus! Hinfort! Hinfort mit euch von meinem Grund und Boden!« Der Wächter, völlig verängstigt, lief zitternd zurück in das Zimmer, wo seine Kameraden den Leichnam bewachten, um ihnen von der Begegnung zu erzählen. Jedoch brauchte er dies nicht, denn der alte Mann, den er an der Tür gesehen hatte und der ihn aufforderte, sein Haus zu verlassen, lief ihm nach. Besser gesagt, und so erzählten es die tapferen Totenwächter, sei der Mann nicht gelaufen, sondern geschwebt. Geschwebt, wie es Geister tun. Nun bekamen es alle mit der Angst und sie taten, was der Geist von ihnen verlangte, und verließen schreiend das Haus des »Wingerath«. Nun sprach sich die Sache natürlich im ganzen Ort und über die Grenzen des Dorfes herum. Und so kam es, dass am Tag der Beerdigung Hunderte von Menschen vor dem Haus standen, um den Geist zu Gesicht zu bekommen. Und sie sollten nicht enttäuscht werden. In dem Moment, als die Träger den Sarg mit dem Leichnam über die Schwelle trugen, hörte man ein gellendes, teuflisches Lachen und am Fenster, das über der Tür angebracht war, stand er. Der »Wingerath«. Dann sprach er einen Fluch aus. Jeder, der nun fortan des Nachts durch den »Kohlenwald« gehen sollte und Schuld aufgeladen hatte, weil er jemanden betrogen, gestohlen oder sonstige Verbrechen verübt haben sollte, würde von ihm, »Wingerath«, verfolgt werden, und dieser Mensch würde seine Sündenlast auf den Schultern spüren in Form des Geistes des »Wingerath«.
Dies zur Legende vom »Wingerath«. Losgelassen hat mich die Geschichte nie wirklich. Und es jagt mir heute noch einen kalten Schauder über den Rücken, wenn ich an seinem Haus vorbeifahre.
Ob ich jemals des Nachts im »Kohlenwald« war? O ja! Spürte ich die Last des »Wingerath« auf meinen Schultern? Nun, ich möchte die Frage so beantworten: Hat nicht jeder irgendwann einmal Schuld auf sich geladen? Man braucht dazu nicht unbedingt einen »Wingerath«, der einen daran erinnert, aber ich dachte damals so bei mir, als ich den Wald wieder verlassen hatte: »Gut, dass du mich wieder daran erinnert hast!«
So weit zu dieser unheimlichen »Urbanen Legende«, die Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf die nun folgenden 13 Geschichten einstimmen sollte. Ich möchte Sie einladen, den Autorinnen und Autoren auf ihren Reisen zu folgen und Zeuge zu werden, welche gespenstischen Geschichten sich noch abspielen oder abgespielt haben in unserer doch so rational erscheinenden Welt.
Lassen Sie uns gemeinsam den Vorhang der Rationalität und der Logik für ein paar Stunden zur Seite schieben und eintauchen in die Mysterien unserer Welt. Lassen Sie uns Wesen kennenlernen, die man besser nie kennengelernt hätte.
Ihr
Andreas Dörr
Willkommen liebe Freundinnen und Freunde der Urbanen Legenden.
Mein Name ist Augustus Bedelheim. Ein Mönch. Sie kennen mich! Ich bin dieser Mann mit Kutte und den leuchtenden Augen am Rande des Sumpfes auf dem Einband. In dem Kloster, in dem ich wohne, bin ich zuständig für, nun ja, sagen wir mal, für die Dinge zwischen Himmel und Erde, die unser lieber Vater im Himmel am liebsten vergessen würde. Ich schreibe diese Dinge auf. Archiviere sie. Bewahre sie auf für die Nachwelt. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten.
13 dieser mystischen und unheimlichen Geschichten habe ich für Sie herausgesucht und neu interpretieren lassen von den besten Autorinnen und Autoren eurer Zeit. Aber, handelt es sich hier wirklich um neue Interpretationen der alten Geschichten oder vielmehr um Erlebnisse und Erfahrungen, die den Autorinnen
und Autoren zugetragen worden sind? Von wo auch immer. Von wem auch immer. Sind die alten Legenden doch nur Legenden, die wir an unsere Kinder weitergeben, oder handelt es sich um viel mehr? Jedoch die, die mir die vorliegenden Geschichten zugetragen haben, haben mir versichert, dass sie ihrer Fantasie entsprungen sind. Aber kann man das glauben, wenn man sich schon uneins darüber ist, ob die zugrunde liegenden Legenden wirklich bloß Legenden sind?
In jeder Legende steckt, der Bedeutung nach, ein Stück Wahrheit. Ein Stück erlebte Geschichte. Es liegt nun an Ihnen, zu entscheiden, wie viel Wahrheit, wie viel erlebte Geschichte in dem Folgenden liegt.
Also entspannen Sie sich. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie 13 Urbane Legenden. Geschichten, basierend auf den Sagen unserer Ahnen.
In Köln, liebe Leserinnen und Leser, geht die Sage umher, dass sich der Teufel höchstpersönlich in jedem Jahr in der Karfreitagsnacht dazu auserkoren fühlt, geizigen Ratsherren, Politikern oder auch gewöhnlichen Menschen eine ganz besondere Fahrt in einer besonderen Kutsche als Dank für ihre Missetaten zu schenken. Für mich als frommer Mönch käme eine solche Fahrt in dieser Kutsche sicher nicht infrage. Außerdem geht es darin doch ziemlich heiß her. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Kutsche, hat sie ihr Ziel am Gürzenich erreicht, im Boden verschwindet … Gott, oder besser gesagt, der Teufel allein weiß, wohin.
Nun, heutzutage haben die Kutschen als Transportmittel ausgedient und der Mensch fährt lieber mit diesen Automobilen umher. Ein Glück, dass Anna, diegerade frisch in Köln angekommen ist,auch gleich ein Transportmittel findet,das sie zu ihrem Elternhaus fahren kann.War da aber wirklich Glück im Spiel?
»Brauchen Sie ein Taxi?«
Die Worte des Mannes trafen sie, noch bevor der warme Wind ihre Wangen erreichte. Anna rollte ihren Trolley gerade aus der Drehtür von Terminal 2. »Das wäre toll.«
»Dann kommen Sie.« Er spazierte zum Taxistand und steuerte einen elfenbeinfarbenen Mercedes in der Mitte der Reihe an. Ein Kollege schaute missbilligend zu, wie er Annas Trolley im Kofferraum verstaute.
»Normalerweise geht’s der Reihe nach«, sagte der Taxifahrer, als sie im Fahrzeug saßen. »Das ist so üblich, aber keine Vorschrift. Sie haben nämlich freie Fahrzeugwahl, wussten Sie das?«
Anna zuckte mit den Schultern. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht und es war ihr auch egal.
»Ich war gerade eine rauchen und hab Sie gesehen. Ich rauche nie beim Taxi, wissen Sie. Sonst denken die Leute, dass ich keine Zeit für sie habe. Wo soll’s denn hingehen?«
Sein rheinländischer Tonfall erinnerte an die Büttenredner im Karneval. Er dehnte die Vokale und sprach die Gs wie Js aus. Anna schätzte ihn auf Mitte sechzig, vielleicht älter. Er trug karierte Bermudas, ein blaues Hemd und eine braune Weste aus Kunstleder mit einem Kuli in der Brusttasche. Die verspiegelte Sonnenbrille hatte er in die kurzen, weißen Haare geschoben.
Sie nannte ihm die Adresse in Bayenthal. Nickend stellte er das Taxameter ein und fädelte sich in den Verkehr ein.
»Ist nicht Ihr erstes Mal in Kölle, hab ich recht? Ich hab ’nen Blick für so was.«
»Meine Eltern wohnen hier.«
»Ostern bei Vater und Mutter. Na, das ist doch herrlich.«
Sie nickte artig. In Wirklichkeit graute ihr vor den Ostertagen. Sie hasste es, wenn fröhliche Menschen aufeinander gluckten.
Das Taxi rauschte über die schmale Zubringerautobahn. Dann ging es über die Rodenkirchener Brücke. Auf dem Rhein glitten weiße Ausflugsschiffe dahin wie dünne Zigarren, und auf dem Wasser glitzerte die goldene Märzsonne.
»Sind eine Menge Touristen in der Stadt«, sagte der Fahrer. »Das Wetter spielt prima mit. Hat der Petrus gut gemacht.«
»Dann haben Sie ja viel zu tun. Freitag Abend ist in Köln doch Party angesagt.« Anna dachte an die Partymeile um die Zülpicher Straße, wo sie als Studentin gekellnert hatte. Da hatte sie Marcel kennengelernt.
»Nicht heute. Wir haben Karfreitag.« Er warf ihr einen strengen Blick zu.
»Na und? Heutzutage interessiert das doch niemanden mehr.«
»Das Ordnungsamt schon. Tanzveranstaltungen, Märkte und Sportevents sind verboten. Im Kino laufen keine Horrorfilme. Der Karfreitag ist ein stiller Feiertag.«
Anna machte sich nichts aus der Kirche, aber jetzt erinnerte sie sich dunkel daran, so etwas schon einmal gehört zu haben.
»Heute ist alles still«, sagte der Fahrer. »Abgesehen von der Feuerkutsche natürlich.« Er lachte.
»Der was?«
»War bloß ein Witz. Die Feuerkutsche ist eine Legende.«
Anna hatte keine Ahnung, wovon er sprach.
»Ich dachte, Sie sind von hier? Dann müssen Sie doch davon gehört haben.«
Leicht verlegen schüttelte Anna den Kopf.
»Die Geschichte von der Feuerkutsche stammt aus dem Mittelalter, als Kölle so ein richtiges Drecksloch war. Die Leute waren arm.« Er schob seine Sonnenbrille auf die Nase, sodass Anna sich in den Gläsern spiegelte, als er kurz zu ihr hinüber auf den Beifahrersitz sah. »Es gab da einen Bürgermeister, und der war ’ne richtig fiese Möpp. Er besaß Ländereien vor den Toren der Stadt und schwamm im Geld, lebte in Saus und Braus wie ein Pascha. Aber statt den Leuten etwas abzugeben, ließ er die Pflanzen lieber auf den Feldern verrotten. Er hatte ein Herz aus Stein.« Der Fahrer verzog abfällig das Gesicht. »Der Herrgott im Himmel und sein Kollege in der Hölle sahen sich das eine Weile an. Dann war Schluss mit lustig. Der Bürgermeister wurde mit der Kutsche geholt.«
»Wer hat ihn geholt?«
Der Fahrer grinste. »Na, der Teufel. Gerade als der Bürgermeister aus dem Rathaus kam, hat sich die Erde aufgetan und eine glühende Kutsche kam direkt aus der Hölle emporgeschossen. Die Pferde standen lichterloh in Flammen. Der gute Mann schrie und wollte weglaufen, doch der Teufel hat seine Peitsche nach ihm geschwungen und ihn in die Kutsche gezogen. Dann ratterte sie davon und verschwand in einem Loch in der Erde direkt beim Gürzenich.«
Der Fahrer setzte den Blinker, scherte auf die Abbiegespur aus. »Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Damit man die Sache auch nicht vergisst, bricht in der Nacht vom Karfreitag zwischen Rathaus und Gürzenich die Hölle los. Punkt Mitternacht hört man Pferdegetrappel und das Rattern von Rädern. Schon von Weitem sieht man den Feuerschein die Häuser entlangzucken. Spätestens jetzt ist es Zeit, zu verschwinden und sich im Bett die Decke fest über den Kopf zu ziehen. Die Mutigen, die aus den Fenstern schauen, so erzählt man sich, sehen die Kutsche durch die Gassen rasen. Sie steht lichterloh in Flammen. Die Pferde brennen und sprühen Funken wie Konfetti. Auf dem Kutschbock sitzt der Teufel persönlich und in der Kutsche trommelt der hartherzige Bürgermeister verzweifelt gegen die Fenster.«
Anna hob skeptisch die Brauen. »Hat wirklich mal jemand die Kutsche gesehen?«
»Keine Ahnung. Glaube nicht, dass das Ordnungsamt es schon mal versucht hat. In Kölle hat der Teufel ne Ausnahmegenehmigung.«
Die Fahrt endete vor einem gepflegten Arbeiterhaus aus der Gründerzeit. Die Wohnung ihrer Eltern lag im Erdgeschoss. An den Fenstern klebten kitschige Osterhasen und im Treppenhaus roch es nach Lavendel.
»Da bist du ja, Anna.« Ihre Mutter strahlte über beide Backen. Eine geblümte Kochschürze spannte über dem runden Bauch. Ihre haselnussbraun gefärbten Haare waren wie eine Krone auf dem Kopf getürmt. »Ein Jammer, dass du erst jetzt kommst. Du hast den Kreuzgang verpasst.«
»Es gab keinen früheren Flug. Ostern will jeder nach Hause.« Anna lächelte entschuldigend. In Wirklichkeit hatte sie keine Lust verspürt, sich in aller Herrgottsfrüh für den ersten Flieger aus dem Bett zu quälen, um mit der Familie die Passionsgeschichte abzuklappern. Jetzt kam sie pünktlich zum Mittagessen und sie hatte Hunger mitgebracht.
Im Wohnzimmer schlug ihr kollektiver Frohsinn entgegen. Alle lachten und strahlten. Ihre Schwester Marie war seit Weihnachten noch schlanker geworden, ihr Mann Simon noch pummeliger, als hätten die beiden die Fettpolster getauscht. Jonathan und Victoria, die verhätschelten Zwillinge, beschmierten gerade eine Staffelei mit Acrylfarben. Das Zeitungspapier auf dem Boden war mit bunten Farbklecksen übersät.
»Ausgezeichnet«, lobte Annas Vater. »Schau mal, Anna.«
Die schiefen Kreise und grünen Striche sollten wohl ein Osternest darstellen. Falls ihr das Bild später als Geschenk aufgedrängt wurde, würde sie es heimlich im Müll entsorgen wie den selbst gebastelten Weihnachtsmann. Sie konnte einfach nichts damit anfangen. »Hübsch«, log sie und wuschelte den Kindern unsicher durch die Haare. »Unsere Familie hat Talent.«
»Tatsächlich hat Papa nächste Woche eine Vernissage«, rief Simon vom Sofa.
»Im Gemeindecafé?« Da hingen seine Bilder regelmäßig und wurden von kurzsichtigen Rollatorrentnern mit wohlwollenden Blicken betrachtet.
»Im Kolumba.« Ihr Vater lächelte stolz. »Von mir ist nur ein einziges Werk dabei, aber das reicht schon.«
»Das freut mich.« Sie trat näher an eins der Stillleben heran, die überall im Raum hingen und sich eifrig bemühten, an die Qualität der Holzrahmen heranzureichen. Die Blumensträuße, Karaffen und Teekannen erinnerten sie an die dünnen UNICEF-Postkarten, die man in der Adventszeit ungefragt im Briefkasten fand.
»Das Kolumba ist das Kunstmuseum des Erzbistums Köln«, trällerte Annas Mutter. Sie hatte die Küchenschürze inzwischen ausgezogen und damit begonnen, den Tisch zu decken. »Der liebe Pastor Klütsch hat ein paar Fäden gezogen.«
Anna lächelte steif. Wahrscheinlich war die Ausstellung sehr viel weniger spektakulär, als alle gerade taten. Dass der Kram aber überhaupt in einem richtigen Museum hing, war verrückt. Ohne den kölschen Klüngel wäre es nie passiert.
Als sie am Tisch saßen, bemerkte Anna die Fischmesser. Sie hatte sich auf etwas Anständiges gefreut. Normalerweise tischte ihre Mutter bergeweise Essen auf. Weihnachten war sie mit drei prall gefüllten Tupperdosen nach Hause gefahren.
»Es ist Karfreitag«, erklärte ihre Mutter nach dem Tischgebet. »Da gibt es immer Fisch. Den Hecht habe ich gestern ganz frisch in der Markthalle gekauft. Bei Beerens Fischspezialitäten, die sind die Besten.«
»Er schmeckt ganz ausgezeichnet«, schleimte Simon und verdrehte entzückt die Augen. »Stimmt’s Kinder? Sagt der Oma, wie euch das Essen schmeckt.«
»Super, Oma«, lobten Jonathan und Victoria eifrig und bissen synchron in ihre Fischstäbchen. Der Hecht blieb den Erwachsenen vorbehalten.
»Wo ist denn der Weißwein? Wenn es schon Fisch gibt …« Anna schob den Stuhl zurück, doch ihre Mutter hielt sie mit einer freundlichen Geste zurück.
»Du weißt doch, dass wir in der Fastenzeit keinen Alkohol trinken.«
Anna zog den Stuhl wieder heran und nippte an ihrem Wasserglas. Das Familienfest ging ihr schon jetzt auf die Nerven. Sie ertrug die überschwängliche Idylle einfach nicht. Gerade tätschelte Marie Simons Arm und schaute zu ihren perfekten Kindern hinüber, die ihre Fischstäbchen auf den Tellern in kleine Pakete zerteilt hatten, welche sie munter in Ketchup tauchten und lautlos aßen. Sie waren jetzt fünf. Ihre kecken Stupsnasen und süßen Sommersprossen erfüllten die Herzen ihrer Eltern mit Stolz.
Anna war nicht etwa neidisch. Sie wollte keine Kinder. Das Leben war zu kurz, um es mit Windelnwechseln und Elternsprechtagen zu vergeuden. Sie und Marcel hatten sich bewusst dagegen entschieden. Aber ihre Schwester Marie so schrecklich glücklich zu sehen, kotzte sie an. Nach der Geburt war sie auseinandergegangen wie ein Hefeteig. Wenigstens den Preis hatte sie zahlen müssen. Doch nun war sie gertenschlank und sah aus wie Ende zwanzig. Bei jeder Gelegenheit küsste und knuddelte sie ihren Simon, der sich ebenfalls noch nie für etwas angestrengt hatte. Der Vorstandsposten war ihm nachgeschmissen worden, weil er zufällig die richtigen Leute im Karnevalsverein kannte. Anna war nicht neidisch auf den Job. Lieber würde sie sterben, als in endlosen Meetings zu sitzen und über Quartalszahlen zu quatschen. Sie wollte weder sein Elektroauto noch sein Aktienpaket. Aber es nervte sie, dass dieses fröhliche Moppelchen jeden Mist im Leben geschenkt bekam.
Anna lutschte missmutig am Fisch herum.
»Schmeckt dir der Hecht nicht? Jupp Beerens hat mir versichert, dass ich nicht eine Gräte finden würde. Falls doch, soll ich sie ihm am Dienstag vorbeibringen.«
»Doch.«
»Wirklich?«
Die Fragerei ging ihr auf die Nerven. »Es ist nur … Im Glienicker See gibt es auch Hechte.«
Anna senkte den Blick und genoss das entsetzte Schweigen. Den Satz hatte sie sich einfach nicht verkneifen können.
»O Kind, daran habe ich überhaupt nicht gedacht!«
»Wo ist der Glienicker See?«, fragte Victoria.
»Nicht jetzt, Schatz«, mahnte Simon.
»Fahren wir da gleich hin?«, fragte Jonathan.
»Wie ungeschickt von mir!« In den Augen ihrer Mutter lag pure Verzweiflung.
»Bitte entschuldigt mich.« Der Stuhl quietschte über den Dielenboden, als Anna aufstand und in die Küche lief.
Ein weiterer Stuhl quietschte, wahrscheinlich der ihrer Mutter, denn ihr Vater flüsterte: »Lass sie. Sie fängt sich schon wieder.«
Anna fand eine Flasche Riesling von der Ahr im Kühlschrank. Sie klapperte extra laut mit dem Korkenzieher, und das Ploppen des Öffnens war bis zum Esstisch zu hören. Gut so.
Scheiß auf Karfreitag.
Mit einem Weinglas, der Flasche und hängenden Schultern durchquerte sie das Wohnzimmer. Als sie den Esstisch passierte, um auf die Terrasse hinauszuschleichen, sagte niemand ein Wort.
Draußen zog sie einen Liegestuhl in die Sonne.
Im letzten Herbst war ihr Ehemann beim Tauchen im Glienicker See ertrunken, als sie zu Hause Netflix geguckt hatte. Unter Wasser war es zu Komplikationen gekommen, hatte man ihr gesagt. Das käme angeblich selbst bei erfahrenen Tauchern vor und wäre nicht passiert, wenn Marcel einen Partner dabeigehabt hätte.
Danach war Anna wie ein rohes Ei behandelt worden, das jederzeit zerbrechen konnte. Gleichzeitig hatten sich die meisten in ihrer Nähe unbehaglich gefühlt und nicht gewusst, was sie sagen sollten. Einige hatten über ihre eigenen Verluste geplappert. Vom Tod der Oma, dem Tod der Eltern oder dem Tod des Lieblingshaustiers. Andere hatten das Klischee von der Zeit, die alle Wunden heilte, wiedergekäut.
Aber Marcel hatte keine Wunde hinterlassen. Anna weinte ihm keine Träne nach. Nicht weil er ein schlechter Kerl gewesen wäre, sondern weil er sie einfach nicht glücklich gemacht hatte. Die ersten Wochen vielleicht, aber dann hatte die Last des Alltags alles zunichtegemacht.
Sie hätten sich ohnehin getrennt. Anna band es niemandem auf die Nase, weil es ihren Status als trauernde Witwe geschmälert hätte. Sie mochte diese Rolle, denn sie sorgte effektiv dafür, dass alle um sie herum aufhörten zu lachen.
Anna nahm einen Schluck Riesling, den sie ohne ihre kleine Show nie bekommen hätte. Er schmeckte herrlich und besaß genau die richtige Temperatur.
Man ließ ihr viel durchgehen und sie reizte diese Freiheit aus. Eigentlich überspannte sie den Bogen. Sie empfand eine perverse Befriedigung dabei, ihren Mitmenschen den Spaß zu verderben. Gerade malte sie sich das Tischgespräch aus, das garantiert nicht mehr in Gang käme, so sehr ihre Mutter auch versuchte, die Stimmung zu retten. Es würde zäh und anstrengend sein. So wie das Leben.
Anna schloss die Augen. Die warmen Sonnenstrahlen fühlten sich herrlich auf den Lidern an. Der Wein stieg ihr bereits zu Kopf. Die paar Fischhappen und das gedünstete Gemüse bildeten nicht gerade eine solide Grundlage für eine Flasche Riesling.
Ihr Körper entspannte sich und ihre Gedanken begannen davonzuschweben.
Klack-klack, klack-klack. Klack-klack, klack-klack …
Erst glaubte sie, ihren eigenen Herzschlag zu hören. Aber es klang eher wie Pferdegetrappel.
Im Geiste sah sie eine brennende Kutsche auf sich zurasen. Auf dem Bock hockte eine finstere Gestalt mit glühenden Augen und schwang eine Peitsche, deren Schweif aus roten Funken bestand.
Anna schmunzelte. Es war nur diese alberne Geschichte, die der Taxifahrer erzählt hatte.
Klack-klack, klack-klack …
Nein, sie bildete sich das Klackern nicht ein. Es waren ganz eindeutig eiserne Hufe, die auf das Pflaster schlugen; auf die Platten der Terrasse, um genau zu sein. Sie kamen näher und schwollen zu einem Crescendo an.
Klack-klack, klack-klack …
Als Anna die Augen aufriss, blinzelte sie direkt in die Sonne. Wie auf einem frisch geknipsten Polaroid schälten sich die Fassade des Nachbarhauses und die Sträucher des Gartens allmählich aus dem weißen Nichts.
Schatten trafen ihr Gesicht. Die Hufe verharrten neben ihr, und die Zwillinge schauten auf sie herab, einer rechts, einer links. Ihre süßen Gesichter schienen in den Wolken zu schweben. Anna kam sich auf einmal winzig vor.
»Geht’s dir besser, Tante Anna?«, fragte Victoria.
»Willst du mit uns spielen?« Jonathan lächelte über sein Engelsgesicht.
Nein, das wollte sie nicht.
Als sie sich in der Liege aufrappelte, wurde ihr klar, warum die beiden so viel größer waren als sonst. Sie standen auf Holzblöcken, die sie an Seilen wie Zügel festhielten.
»Das sind Hufeisen«, erklärte Victoria, als sie Annas verwirrten Blick auffing. Graziös trat sie von den Stelzen herunter und reichte sie Anna. Auf die Unterseiten waren tatsächlich Hufeisen aufgeklebt. »Die bringen Glück.«
»Hüa!«, rief Jonathan und klapperte mit einem Höllenlärm über die Terrasse. Klack-klack, klack-klack …
Er klang wie ein Pferd auf zwei Beinen.
Jeder Tritt dröhnte in Annas Ohren. »Hör auf damit, Karfreitag ist ein stiller Feiertag. Oder willst du in der Hölle schmoren?«
Der Junge blieb sofort stehen, schien ernsthaft über die Konsequenzen nachzudenken. Anna konnte es hinter seiner Stirn arbeiten sehen. Schließlich stieg er artig von den Hufen.
So ist es gut, dachte Anna und genoss den Moment. Das Leben war eben kein Ponyhof.
Um 15 Uhr ging es in die Kirche. St. Matthias war ein roter Backsteinbau mit einem schlanken Glockenturm und lag direkt neben dem St.-Antonius-Krankenhaus.
Heute läuteten keine Glocken und auch die Orgel blieb stumm. Die Feier vom Leiden und Sterben Christi war eine ernste Angelegenheit.
Bereits bei den ersten Worten von Pastor Klütsch schaltete Anna auf Durchzug. Vor fünf Jahren hatte sie in diesem Raum geheiratet. Natürlich in Weiß. Bei ihrer Ankunft waren weiße Tauben zum Himmel aufgestiegen. Marcel hatte sich ein englisches Taxi gewünscht. Aber der schwarze, auf Hochglanz polierte Wagen aus den Fünfzigerjahren mit dem bauchigen Fond war ihr wie ein Leichenwagen vorgekommen. Sie hatte auf eine weiße Kutsche bestanden. Gezogen von zwei Schimmeln wie im Märchen.
Klack-klack, klack-klack, donnerte es in ihrem Kopf. Klack-klack, klack-klack …
Schon wieder diese verdammten Hufe. Seltsamerweise störten sie niemanden.
Klack-klack, klack-klack …
Pastor Klütsch sang gerade eine Fürbitte, die ohne Orgelbegleitung reichlich schief daherkam. Die Gläubigen klebten an seinen Lippen oder starrten mit in sich gekehrten Blicken vor sich hin. Die Vorzeigezwillinge lauschten aufmerksam. Ihre Schuhe waren sorgsam geputzt und standen nicht auf Hufeisenstelzen, was Anna nicht überraschte. Niemals hätten sie es gewagt, während der Messe damit herumzulärmen.
»Was?«, flüsterte Marie neben ihr, der ihre suchenden Blicke aufgefallen waren.
»Nichts.« Anna wandte sich wieder dem Pastor zu, der den Herrgott gerade bat, sich den Ungläubigen anzunehmen. Und den Lebenden. Und den Toten. Jedes Mal fiel die Gemeinde auf die Knie und erhob sich wieder. Mäntel raschelten, Sohlen quietschten. Pferde wieherten.
Anna musste kichern. Die Sache wurde langsam absurd.
»Reiß dich bitte zusammen!« In Maries Geflüster schwang ungewohnte Schärfe mit.
Klack-klack, klack-klack …
Bei der letzten Fürbitte begann sich der Raum zu drehen. Die sandsteinfarben gestrichenen Säulen wankten und die gotischen Spitzbögen ächzten. Wenn die Pferde nicht endlich mit dem Getrappel aufhörten, wären sie alle verloren. Schallwellen konnten ein Gebäude zum Einsturz bringen.
»Du hättest nicht so viel Wein trinken sollen«, zischte Marie.
Was weißt du schon?, dachte Anna. Unglückliche Menschen tranken eben.
Die Gemeinde drehte die Köpfe. Aber nicht zu Anna, wie sie erst dachte, sondern zum Eingang, wo sechs Männer in Sonntagsanzügen ein Kreuz hereintrugen. Es war mit einem violetten Fastentuch bedeckt. Ihre Schritte krachten wie Hufe auf den Steinplatten und donnerten die Wände empor.
Klack-klack, klack-klack …
Süßlicher Weihrauch stieg in Annas Nase. Er schien eine kräftige Note Masala zu enthalten und schlug ihr auf den Magen. Gleich würde sie den Fisch auskotzen, ganz bestimmt. Sie hatte es mit dem Riesling definitiv übertrieben.
Als die Kreuzträger an ihr vorbeimarschierten, bemerkte sie, dass das Tuch pitschnass war und tropfte. Die Männer zogen eine Spur aus Wasser hinter sich her, in der sich die Buntglasfenster spiegelten. Anna konnte sich nicht daran erinnern, dass bei einer Kreuzverehrung jemals Wasser im Spiel gewesen war.
Pastor Klütsch trat zur Seite, damit die Männer das Kreuz aufstellen konnten. »Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen.«
»Kommt, lasset uns anbeten!«, murmelte die Gemeinde.
Mit einem schmatzenden Geräusch zog der Pastor das triefende Tuch herunter und gab den Blick auf das Kreuz frei.
Anna erschrak fast zu Tode.
Am Kreuz hing ein Mann im pechschwarzen Neoprenanzug. Auf seinen Rücken war eine Taucherflasche geschnallt, durch die sich seine Brust nach vorn wölbte. Seetang hielt seine Arme und Beine ans Kreuz fixiert. Die groteske Galionsfigur zuckte und röchelte. Unter der teils mit Schlamm verschmierten Taucherbrille glotzten milchige Augen.
»Nein!« Anna sprang auf und jetzt drehten sich alle Blicke zu ihr.
Marie wollte sie zurückhalten, doch Anna war schon durch die Reihe geeilt, lief durch den Mittelgang, wo sie beinahe auf den Pfützen ausgerutscht wäre.
»Anna?« Pastor Klütsch wich einen Schritt zurück, als sie wie eine Furie auf ihn zugestürzt kam.
»Marcel …« Sie stolperte die Stufen zum Altar empor, wo ein Teller mit Hostien und der Kelch mit Messwein für die Kommunion bereitstanden.
Das Kirchenschiff stöhnte und ächzte. Die Gemeinde raunte und die Pferdehufe galoppierten dem jüngsten Gericht entgegen.
Klack-klack-klack-klack-klack…
Als Anna vor dem Kreuz auf die Knie fiel, war der Taucher verschwunden. Stattdessen schaute ein magersüchtiger Jesus auf sie herab.
Sie spürte eine sanfte Hand auf der Schulter und zuckte zusammen. Es war Pastor Klütsch.
Auf einmal wollte Anna nur noch weg. Ohne sich umzusehen, das besorgte Gemurmel ignorierend, lief sie nach draußen.
Die grelle Sonne schlug ihr mit solcher Wucht ins Gesicht, dass sie einen Moment innehalten musste. Dann hastete sie zur Straße. Genau an der Stelle, an der die Hochzeitskutsche sie am vermeintlich glücklichsten Tag ihres Lebens abgesetzt hatte, stand ein Taxi.
»Steigen Sie ein«, rief ihr der Fahrer zu.
Sie erkannte den kölschen Singsang sofort wieder. Es war der Mann vom Flughafen. Sein Arm lag lässig auf dem Rahmen des heruntergelassenen Fensters, die verspiegelte Sonnenbrille steckte in seinem schneeweißen Haar.
»Nein danke.« Die Wohnung ihrer Eltern lag nur ein paar Straßen weiter. Ein Taxi zu nehmen, wäre völlig übertrieben.
»Sie sehen so aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.«
»Es geht mir gut.«
In diesem Moment schwang die Kirchentür auf und ihre Mutter trat heraus, das dicke Make-up von Sorgenfalten zerschnitten. »Anna, Kind. Was ist denn los mit dir?«
»Es geht mir gut«, sagte sie noch einmal. Diesmal zu ihrer Mutter. »Ich brauche nur ein bisschen Frischluft.«
»Aber …«
Um jede weitere Diskussion im Keim zu ersticken, öffnete sie die Tür des Taxis und huschte auf die Rückbank. Der Fahrer schaltete das Taxameter ein und fuhr los. Als die Kirche im Heckfenster verschwand, atmete Anna auf.
»Was für ein seltsamer Zufall«, sagte sie. »Von allen Taxifahrern in Köln erwische ich ausgerechnet Sie.«
Der Mann zuckte die Achseln. »Ich stehe oft an der Kirche. Irgendwer braucht nach der Messe immer ein Taxi.«
»Bringen Sie mich bitte nach Hause. Sie wissen ja, wo das ist.«
»Ich weiß Bescheid.«
Seine Lippen umspielte ein feines Lächeln, das Anna nicht gefiel. Als würde er sich über sie lustig machen. Und wenn schon, in fünf Minuten wäre sie daheim. Garantiert lag der Wohnungsschlüssel noch immer unter dem Blumentopf auf der Terrasse versteckt. Sie würde etwas essen – und zwar keinen Fisch – und sich mit einer frischen Flasche Riesling in ihr altes Zimmer verziehen. Und falls irgendwer später dumme Fragen stellte, würde sie von der Erscheinung ihres Zombie-Ehemanns in der Kirche berichten. Dann ließe man sie schon in Frieden.
Anna erkannte die Kreuzung, an der es links zu ihren Eltern ging. Doch das Taxi fuhr geradeaus weiter.
»Sie haben’s verpasst«, sagte Anna.
»Ich kenne den Weg.« Der Fahrer nickte freundlich in den Rückspiegel und schob sich die Sonnenbrille auf die Nase.
»Sie hätten abbiegen müssen«, beharrte Anna.
Als das Taxi auch an der nächsten Kreuzung weiterfuhr, nannte sie ihm die Adresse ihrer Eltern, vermutlich hatte er sie einfach verwechselt, aber der Fahrer nickte nur.
»Fahren Sie bei der nächsten Gelegenheit bitte links rein«, sagte sie. Doch das Taxi fuhr geradeaus, und plötzlich spürte Anna eine tiefe Unruhe in sich aufsteigen.
Was hatte das zu bedeuten? Spielte der Fahrer ein Spiel mit ihr?
»Das ist nicht witzig. Ich möchte, dass Sie auf der Stelle anhalten. Und glauben Sie ja nicht, dass Sie auch nur einen Cent von mir bekommen.«
»Keine Sorge, die Fahrt ist schon bezahlt. Machen Sie sich keine Gedanken.«
Anna schaute zum Taxameter und sah, dass dort absurde 387,10 Euro standen. Der Kerl verarschte sie. Er zog irgendeine Betrugsmasche ab, die sie nicht durchschaute.
»Ich rufe jetzt die Polizei.« Sie zerrte das Handy aus der Handtasche, sodass der Fahrer es gut sehen konnte, und wählte die 110, was sie in ihrem ganzen Leben noch nie getan hatte. Es klingelte und klingelte, aber niemand hob ab. Vielleicht war die Notrufzentrale heute notbesetzt oder mit Meldungen von Ruhestörungen überlastet. Der Karfreitag war ein stiller Feiertag.
Das Taxi hatte Bayenthal bereits verlassen und steuerte nun in Richtung Innenstadt.
»Halten Sie auf der Stelle an! Das ist Freiheitsberaubung. Ich zeige Sie an.«
Noch immer nahm niemand den Notruf entgegen, es gab nicht einmal eine Bandansage. Der Freiton tutete gelangweilt, als hätte die Welt sie vergessen.
Das Taxameter zeigte 286,50 Euro an. War es nicht eben noch mehr gewesen? Sie war sich nicht sicher, aber sie könnte darauf wetten.
Dann sprang es auf 286,40 Euro, was überhaupt keinen Sinn ergab.
Das verdammte Ding lief rückwärts!
Der Fahrer lächelte sie freundlich durch den Spiegel an, die Augen hinter der Sonnenbrille verborgen. »Wie gesagt, machen Sie sich keine Gedanken.«
Die machte sie sich aber. Normalerweise wäre ein Taxameter, das immer billiger wurde, ein Grund zur Freude. Doch jetzt kam es ihr wie ein Countdown vor, der nichts Gutes verhieß.
Was passierte bei 0,00 Euro?
»Bitte halten Sie an.« Ihr forscher Tonfall war zu einem Betteln verkümmert. Sie fühlte sich auf einmal hundemüde, geradezu ausgelaugt.
»Das geht leider nicht«, sagte der Fahrer. »Ich mache nur meinen Job.«
»Wer …?« In dem Moment knackte es in der Leitung. Jemand hatte abgehoben, aber es war nur Rauschen zu hören. Der Empfang im Taxi war eine Katastrophe. »Hallo?«, rief sie, doch da war nichts außer dem Echo ihrer eigenen Stimme.
Hallo-allo-allo?
Sie presste die Hand auf das freie Ohr, um die Fahrgeräusche auszublenden. Jetzt nahm sie ein langsames Seufzen wahr, wie das eines uralten Mannes, der kaum Luft bekam. Sein schwacher Atem blies gegen den Hörer und verursachte krachende Geräusche, die im Ohr schmerzten.
Aus irgendeinem Grund wusste sie, dass es Marcel war.
Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie telefonierte mit einem Toten!
»Bist du das, Schatz?« Ihre Stimme bebte. Im Rauschen der Telefonverbindung, das immerzu von statischen Aussetzern zerhackt wurde, hörte sie ihn einatmen. Gurgelnd und rasselnd pfiff die Luft durch seine Lunge.
»An-na«, hauchte er.
Sie riss das Telefon vom Ohr und drückte zitternd auf die rote Aus-Taste. Ihr ganzer Körper bebte und sie fror auf einmal fürchterlich. Sie starrte zum Fenster hinaus und versuchte ihre aufgepeitschten Gedanken zu ordnen.
Natürlich hatte sie sich die Stimme nur eingebildet. Dieser verdammte Taxifahrer mit der Kunstlederweste trieb sie absichtlich in den Wahnsinn. Sie wusste nicht, was er damit bezweckte, aber mit seiner albernen Geschichte über die Feuerkutsche hatte es angefangen.
Das Blau des Himmels war einem orangenen Schimmer gewichen und die Straßenlaternen sprangen an. Das Taxi verließ die Nordsüdfahrt in Richtung Heumarkt, drang tiefer in das Herz der Altstadt vor. Als sie an einer Straßenbahnhaltestelle vorbeikamen, nahm Anna die Uhr ins Visier. Der große graue Würfel zeigte kurz nach sieben.
Das war völlig unmöglich. Es konnte höchstens kurz nach vier sein. Aber ihr Smartphone, das sie in den verkrampften Händen hielt, belehrte sie eines Besseren. Sie befand sich seit drei Stunden in diesem verfluchten Taxi, obwohl es sich nur wie wenige Minuten angefühlt hatte. Das Taxameter sprang auf 195,90 Euro und …
»An-na.«
Die Stimme kam nicht aus dem Telefon. Der Anruf war beendet, die Freisprechfunktion ausgeschaltet.
Die Muskeln in ihrem Nacken verkrampften sich, als sie eine Bewegung im Augenwinkel wahrnahm.
Sie starrte stur geradeaus, als könne Ignoranz die Person vertreiben, die in süßlichen Moder gehüllt neben ihr auf der Rückbank saß.
»Sieh mich an!« Marcel sprach langsam. Die Worte schienen ihm Mühe zu bereiten. Sie schwappten gluckernd aus seinem Mund, der mit einer Flüssigkeit gefüllt zu sein schien. »Scha-tz?«
Sie wagte nicht den Kopf zu drehen. Als sie seine kalte Hand auf einem Oberschenkel spürte, schrie sie auf. Eisiges Wasser drang durch den Stoff ihrer Hose und bescherte ihr eine Gänsehaut.
Die Hand gab den Oberschenkel frei, packte ihren Kiefer und drehte ihren Kopf in seine Richtung. Sein Griff war fest wie ein Schraubstock. Anna wollte die Augen schließen, doch sie gehorchten ihr nicht.
Marcel trug den mit Algen und Matsch verschmierten Neoprenanzug, in dem er gestorben war. Der Atemregler, der mit der Taucherflasche auf dem Rücken verbunden war, baumelte nervös in der Luft umher.
»So ist es gut.« Mit jedem Wort floss mehr Wasser aus seinem Mund und bildete Pfützen auf der ledernen Rückbank. »Wie hast du es ge-macht?«
»Was gemacht?«
»Mei-nen Un-fall …«
Als Annas Augen seinem Blick auswichen, pressten die Eisfinger ihren Kiefer zusammen.
»Sieh mich an!« Er zog die Taucherbrille vom Kopf, aus der ein Schwall Wasser stürzte. Seine toten Augen lagen wie schleimige Nacktschnecken in den Höhlen. »Es macht mich ver-rückt, nicht zu wis-sen, wie du es an-ge-stellt hast. Da un-ten …« Er deutete mit dem Finger auf den Boden und meinte wohl die Unterwelt. »… hat man zu viel Zeit zum Nach-den-ken …«
Anna schüttelte heftig den Kopf. »Ich habe gar nichts gemacht. Unsere Trennung war doch bereits entschieden.« Seine ständigen Fragen, warum sie immer so unglücklich war, hatten wie Blei auf ihr gelastet. Sie hatte keine Antworten darauf. Sie besaßen ein tolles Haus, hatten gute Jobs und ein volles Bankkonto. Aber es erfreute sie nicht, und jeder Tag erschien ihr wie eine Last.
»Es war we-gen Cat-rin.«
»Unsinn. Glaubst du ernsthaft, dass ich eifersüchtig auf sie war? Ich war doch froh, dass sie dich wollte.«
Das war die Wahrheit. Ohne Catrin hätte sich Marcel wahrscheinlich nie von ihr getrennt. Er hatte Anna nicht glücklich gemacht, das hatte bisher niemand. Schon ihr Hochzeitstag war ein Reinfall gewesen. Mehr Stress als Freude. Mehr Pflicht als Entspannung.
»Du hast mich ein-äsch-ern lassen, da-mit es kei-ne Spur-en gibt.«
»Es war billiger, Schatz.«
Seine eiskalte Hand zog sie näher an sich heran. Hinter seinen milchigen Augen, irgendwo tief in seinem Schädel, begann es zu flackern und das Wasser in seinem Mund verdampfte. Sein fester Griff wurde wärmer, als sich ein inneres Feuer durch seinen Körper fraß.
Catrin hatte im Supermarkt die Straße runter gearbeitet. Als sich Marcel bei ihr eines Abends nach indischen Masala-Gewürzmischungen erkundigt hatte, hatte es zwischen den beiden gefunkt wie in einem kitschigen Liebesroman.
»Wie hast du es ge-macht?«, zischte er.
Der Neoprenanzug begann Blasen zu werfen, als würden unzählige Käfer darunter herumkrabbeln. Die Augen platzten, Feuer züngelte aus ihnen heraus und steckten seine öligen Haare in Brand. Der beißende Gestank von versengten Haaren und schmelzendem Kunststoff ließ Anna husten. In Panik versuchte sie sich loszureißen, doch Marcel hielt sie eisern fest.
Der Fahrer ignorierte ihre Schreie und sah fasziniert dabei zu, wie sich das Feuer in die Decke fraß und in alle Richtungen ausbreitete.
»Hör auf damit«, kreischte Anna.
»Sag es mir!«
Mit der freien Hand rüttelte Anna am Türgriff, doch es gelang ihr nicht, die Tür zu öffnen.
»Kindersicherung«, erklärte der Fahrer.
»Tun Sie was!«, brüllte Anna ihn an. »Sonst sterben wir beide.«
»Das hab ich schon hinter mir.« Seelenruhig steuerte er das Taxi die Straße entlang, während die Flammen sein Hemd eroberten und die Kunstlederweste mit dem Stoff verschmolz. Draußen war es jetzt stockdunkel.
Anna musste sofort aus dem Auto raus, wenn sie nicht qualvoll verbrennen wollte. Ohne nachzudenken, verpasste sie Marcel eine Kopfnuss, die sich anfühlte, als sei sie mit der Stirn auf eine glühende Herdplatte gedonnert. Doch das Adrenalin ließ sie den Schmerz ignorieren. Wenigstens ließ Marcel sie los und sie strampelte sich frei. Mit wilden Tritten hielt sie ihn auf Abstand.
Sie trommelte auf die Fensterheber, doch sie gehorchten nicht.
»Kindersicherung«, erklärte der Fahrer, dessen Lippen inzwischen brannten, schulterzuckend.
Anna hämmerte gegen die Fenster, die nicht einmal einen Riss bekamen. Die Hitze in der Kabine biss ihr ins Gesicht. Der dichte Rauch ließ ihre Lunge rebellieren und verursachte Schwindel. Nackte Panik überkam sie.
»Gleich haben Sie es geschafft«, sagte der Fahrer munter. »Wir sind schon am Gürzenich.«
Vor den rauchenden Fenstern zog ein eckiges mittelalterliches Gemäuer vorbei, das Anna mal zu einer Karnevalsveranstaltung besucht hatte.
»Wie hast du es ge-macht?« In Marcels Mund knisterten Funken wie Brause.
»Mit Kohlenmonoxid«, schrie sie. »Ich habe den Kompressor in die Garage geschleppt und deine Taucherflasche bei laufendem Motor gefüllt.«
Marcel lehnte sich auf der Sitzbank zurück. Von seinem Gesicht war nur noch der grinsende Schädel übrig. Ein verkohlter Zeigefinger massierte nachdenklich ein Jochbein. »Dann habe ich unter Was-ser das Be-wusst-sein verloren und den Atem-regler und bin er-trun-ken.«
»Es tut mir leid.«
In dem Moment explodierten die Fensterscheiben. Frischer Sauerstoff bot den Flammen neue Nahrung. Das gesamte Taxi verwandelte sich in einen Feuerball, der unbeirrt die Straße entlangglitt.
Als der erste Reifen platzte, streifte es eine Reihe parkender Autos. Passanten rannten davon oder richteten ihre Handys auf das Inferno.
»Festhalten«, sagte der Fahrer. Die restlichen Reifen platzten, einer nach dem anderen. Sie wabbelten einen Moment herum und verglühten. Scheppernd und Funken sprühend fuhr das Taxi auf den Felgen weiter und zog eine Rauchwolke hinter sich her.
Der Lärm war ohrenbetäubend. Der Schein der Flammen flackerte über die Fassaden. Menschen rissen die Fenster auf, schrien und kreischten.
Es war ein Wunder, dass Anna noch lebte. Sie verstand nicht, wie das sein konnte, aber es spielte keine Rolle. Sie zwängte sich durch das zerborstene Fenster und presste den Oberkörper nach draußen.
Das Taxameter, das trotz des Infernos noch immer lief, zeigte 2,80 Euro.
»Lassen Sie es gut sein«, sagte der Fahrer. »Es ist zu spät.«
Anna dachte nicht daran. Hitze und Schmerzen ignorierend zog sie sich in die Nacht hinaus.
Sie fuhren gerade am Rathaus vorbei. Die Flammen warfen gespenstische Schatten auf die zierlich gemeißelten Laubenbögen und ließen die Figuren des gotischen Turms zum Leben erwachen. Die Turmuhr schlug Mitternacht und das berühmte Glockenspiel stimmte eine Kakofonie des Wahnsinns an.
Marcels Knochen packten sie am Fuß und versuchten sie zurück in den Wagen zu zerren. »Du hast ein Herz aus Stein, An-na. Miss-gunst ist das ein-zige, was dich glück-lich macht«, seufzte das verkohlte Gerippe.
Sie trat ihm mit voller Wucht gegen den Schädel, dass die Funken flogen, und ließ sich aus dem fahrenden Auto fallen.
Die Welt um sie herum bewegte sich in Zeitlupe, als sie hart auf das Kopfsteinpflaster aufschlug und über den Rathausplatz schlitterte. Entsetzte Menschen drehten träge die Köpfe, rissen Augen und Münder auf, während das Taxi davonkroch.
Natürlich hatte Marcel recht. Zuerst war ihr Catrin egal gewesen. Die billige Supermarkt-Tusse war so gewöhnlich, dass sie nicht einmal Annas Ego verletzte. Sie sah durchschnittlich aus, kleidete sich langweilig und besaß weder Ambitionen noch Klasse. Aber sie war glücklich.
Jedes Mal, wenn sie Marcel ansah, strahlte sie über das einfältige Gesicht, als sei Weihnachten. Ihre Haut schien von innen zu leuchten, ihre Füße schienen geradezu über den Boden zu schweben. Wie zum Teufel machte sie das?
Anna rappelte sich vom Pflaster auf. Ihre Haut war mit Ruß bedeckt und sie blutete aus unzähligen Wunden. Aber sie schien nicht ernsthaft verletzt zu sein.
