Babywitch - Lennox Lethe - E-Book

Babywitch E-Book

Lennox Lethe

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ihr erster Tag ist dein letzter Als die neue Kollegin mit den feuerroten Haaren und dem knallengen »Little Witch«-Top die Firma betritt, ahnt Kaspar noch nicht, dass sein Arbeitstag zu einem Albtraum werden wird. Schon bei ihrer Ankunft gibt es einen Toten und es dauert nicht lange, bis sich ein Kollege in einen blutrünstigen Irren verwandelt. Dass die Neue dahintersteckt, ist Kaspar klar. Doch was bezweckt sie und wie gelingt es ihr, Dinge zu tun, die eigentlich unmöglich sind? Seine esoterische Kollegin Jasmin hält sie für eine Babywitch – eine Junghexe –, die den Verlockungen des Bösen erlegen ist. Gemeinsam macht sich das ungleiche Gespann auf Hexenjagd. Doch ihnen läuft die Zeit davon, denn in wenigen Stunden geht ein Blutmond auf und verlangt einen grausigen Tribut. »Babywitch« ist der neue Hexenthriller vom Autor von»Nekrolog - Chronik des Grauens«

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Höllenwärts

Impressum

© 2024 Lennox Lethe

Bahnhofstraße 24

50374 Erftstadt

Alle Rechte vorbehalten

 

Umschlaggestaltung: Dom Valecillo, Instagram: @dom_valecillo

Satz: höllenwärts

Zum Autor

Lennox Lethe liebt und schreibt Horror. Seine Kurzgeschichte Der Tag der Unsterblichkeit gewann den 3. Platz beim Marburg-Award 2024. Nach Nekrolog – Chronik des Grauens ist Babywitch sein zweiter Roman.

Er ist Co-Host von Where is the Light? Der MillenniuM Podcast und schreibt als freier Redakteur für das Horror-Magazin Virus.

Lennox trägt meistens eine Totenkopf-Maske und lebt in der Nähe von Köln.

 

Homepage & Newsletter: www.lennoxlethe.de Instagram: @Lennox.Lethe Facebook: @LennoxLethe X: @LennoxLethe

 

 

 

 

Roman

Also schlecht ist das Weib von Natur,

da es schneller am Glauben zweifelt,

auch schneller dem Glauben abschwört,

was die Grundlage von Hexerei ist.

 

Der Hexenhammer

von Heinrich Kramer

1

René legte das Handy weg, als die Frau die Autotür öffnete, und drehte sich zu ihr um. Wie die meisten Frauen stieg sie hinten rechts ein, um den Fahrer im Blick zu haben und zugleich Distanz zu wahren.

»Guten Morgen«, grüßte sie. Ihr Lächeln entblößte perfekte weiße Zähne, die sein Herz höherschlagen ließen. Ihre helle Haut schimmerte wie Milch und in ihrem länglichen Gesicht, das vage an eine Sichel erinnerte, leuchteten smaragdgrüne Augen.

Sie schob ihre Sporttasche auf dem Sitz durch und nahm eine zweite, zylinderförmige Tasche von der Schulter, die beim Einsteigen über die Kopfstütze des Beifahrersitzes strich. Instinktiv dachte René an ein Fotostativ, immerhin sah die Frau wie ein Model aus.

Auf einmal tanzte ein kleiner gelber Zettel wie ein Blütenblatt durch die Luft und landete direkt in seinem Schoß.

»Sie haben da was verloren«, sagte er.

»Wie bitte?« Sie tippte kurz auf den weißen In-Ear-Kopfhörer. Offenbar hörte sie Musik und pausierte sie nun.

Als er ihr den Zettel reichte, schüttelte sie den Kopf.

»Das ist nicht meiner.«

»Doch, der ist Ihnen gerade aus der Tasche gesegelt.«

»Bestimmt nicht.« Sie tippte noch einmal auf den Kopfhörer, lehnte sich im Sitz zurück und zog das Smartphone aus der Tasche.

Sie lügt!, schoss es ihm durch den Kopf. Das hatte sie mit voller Absicht gemacht. Ratlos betrachtete er das kleine Blatt in seiner Hand. Es war ein gewöhnlicher Notizzettel, vielleicht 8 x 8 cm. Von einem Block abgerissen, am Rand waren Reste der Gummierung zu erkennen. Der Text stand auf der anderen Seite. Dort, wo der Stift abgesetzt worden war, fraßen sich schwarze Flecken durch das gelbe Papier.

Was hatte sie geschrieben? Ihre Telefonnummer?

Es kam schon vor, dass Frauen ihm eindeutige Angebote machten. Vor allem solche, die nachts aus Clubs kamen. Sie stanken zumeist nach Alkohol und lallten lautstark dummes Zeug. Statt an Sex zu denken, betete er jedes Mal, dass sie die Polster nicht vollkotzten.

Die Frau auf dem Rücksitz war nüchtern und hatte es eigentlich nicht nötig, einen Taxifahrer anzubaggern, der locker ihr Vater sein könnte. Er schätzte sie auf Mitte zwanzig, vielleicht jünger. Auf ihrem engen Top stand Little Witch, was pure Ironie war. Denn sie war so groß, dass ihre feuerroten Locken das Dach des Wagens streiften. Ihre Augen fixierten das Display des Smartphones, ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet. Nichts an ihrer Haltung signalisierte Interesse, aber das musste nichts heißen.

Er drehte den Zettel um.

FLIRT BESUCH stand dort in lässig geschwungener Handschrift. Nur zwei Worte, die nicht einmal richtig zusammenpassten.

War es ein Test? Ein Rätsel?

Flirtete sie tatsächlich mit ihm? Lud sie ihn zu sich nach Hause ein? Er unterdrückte ein breites Grinsen. Sei ganz cool, ermahnte er sich. Wenn er zu plump daherkam, verlor sie das Interesse. Diese Frau wollte mit Stil erobert werden.

»Sie haben mir noch nicht gesagt, wohin wir fahren.« Er dehnte das Wort fahren ein wenig, weil es ihm sexy erschien.

»Zum Pilates, ich –«

»Ach, ich weiß schon!«, brach es plötzlich aus ihm heraus. Auf einmal begriff er die Botschaft. Eigentlich war es mehr eine abstrakte Ahnung als echtes Begreifen, aber er wusste jetzt, was er tun musste.

FLIRT BESUCH, na sicher.

Hastig schnallte er sich an und gab Gas, ohne auf den Verkehr zu achten. Beinahe hätte er einen Fahrradfahrer mitgenommen, hinter ihm hupte ein wütender Lieferwagen. Er kramte die Brille aus dem Handschuhfach, weil ihn die Sonne blendete.

»Gut, dass ich gerade noch tanken war. Wir haben eine lange Fahrt vor uns.«

Zum ersten Mal schien die Frau ihn richtig wahrzunehmen, was ihm nun doch ein Lächeln entlockte. Offenbar hatte er ihren Zetteltest bestanden.

Das Taxi sauste am Hauptbahnhof vorbei und fuhr in Richtung Autobahn. Es passierte die technische Hochschule. René schaltete die Klimaanlage ein. Schon jetzt war es warm, spätestens mittags würde die Luft glühen. Im Kopf ging er die Route durch. Am besten nahm er die A 14 und dann die A 36 nach Goslar. Sie würden gut vier Stunden unterwegs sein, es kam auf den Verkehr an. Noch war die morgendliche Rushhour in vollem Gange, aber in einer halben Stunde würde es ruhiger werden.

Er rief in der Zentrale an, um Katrin zu bitten, seine gebuchten Fahrten auf die Kollegen zu verteilen. Als er ihr das Ziel nannte, konnte er hören, wie sie den schweren Kaffeebecher auf dem Schreibtisch abstellte.

»Was für ein komischer Zufall«, sagte sie. »Ausgerechnet dorthin.«

»Hhm.«

Es war in der Tat ein komischer Zufall. Nachdem er aufgelegt hatte, warf er der Frau auf dem Rücksitz einen kurzen Blick zu.

»Die Fahrt kostet knapp 600 Euro, schätze ich mal. Aber keine Sorge, geht aufs Haus.«

»Danke. Das ist nett von Ihnen.«

»Keine Ursache.« René wusste selbst nicht so recht, wieso er das angeboten hatte. Aufs Haus hieß, dass er die Fahrt aus eigener Tasche zahlen musste. Doch er spürte, dass es um etwas Großes ging, und er wollte seinen Teil dazu beitragen.

Auf der Autobahn konnte er richtig aufdrehen. Mit Warnblinker schoss der elfenbeinweiße Mercedes die Überholspur entlang. Jetzt ging es einfach nur geradeaus.

»Ich fahre viele Menschen zum Arzt. Nicht nur Rentner mit Rollator und so, auch junge Leute, die sich kaum auf den Beinen halten können. Wissen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen jammern rum, dass sie nur Pech im Leben haben. Die anderen sehen der Realität ins Auge und machen das Beste draus. Manche sind richtig euphorisch. Sie kennen vermutlich diese Typen, die behaupten, dass Krebs das Beste ist, was ihnen je passiert ist. Das ist natürlich Quatsch. Sie hätten ihr Leben auch so umkrempeln können. Aber ohne den Arschtritt geht es oft nicht. Ich kann ein Lied davon singen.«

Die manikürten Finger der Frau wischten über das Display des Smartphones, was René ein wenig kränkte. Immerhin holte er gerade zur Geschichte seines Lebens aus.

»Ich höre Ihnen zu«, sagte sie, als könnte sie seine Gedanken lesen. »Ich muss nur meinen Pilateskurs absagen. Sie haben mich ein wenig überrumpelt.«

René lachte. Schließlich hatte er gar nichts getan. Sie hatte ihm den Zettel in den Schritt flattern lassen. Genau so war es gewesen.

FLIRT BESUCH.

»Wie gesagt: Ohne Arschtritt geht es oft nicht. Bei mir war es der Job, wissen Sie. Ich habe geackert wie ein Besessener und es hätte mich beinahe umgebracht. Ich bin im Büro zusammengeklappt und war weg – richtig weg, kein Scheiß. Ich war vier Minuten tot, aber ich hatte einen Schutzengel auf der Arbeit. Schauen Sie mal.«

Er nahm die rechte Hand vom Lenkrad, winkelte den Arm an wie ein Bodybuilder und spannte den Bizeps, auf den vier Striche tätowiert waren.

»Vier Minuten. Die haben mein Leben verändert. Jetzt lebe ich auf geborgter Zeit und genieße jeden verdammten Tag.«

»Meinen Glückwunsch. Die meisten Menschen setzen völlig falsche Prioritäten.«

Aus ihrem hübschen Mund klang das ein wenig altklug, fand René. Sie war viel zu jung, um über das Leben zu philosophieren. Aber sie hatte natürlich recht. »Sie fragen sich jetzt vielleicht, warum ich Taxifahrer geworden bin. Das kann ich Ihnen sagen. Ich stehe mitten im Leben, lerne interessante Leute kennen. Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen … Klar habe ich auch mal Stress, aber das ist nichts gegen das Hamsterrad, in dem ich früher steckte.«

René redete und redete und die Frau auf der Rückbank hörte aufmerksam zu.

Nach einer guten Stunde sagte er: »Tut mir leid, der Kaffee meldet sich. Hab ja nicht geahnt, dass wir eine Weltreise unternehmen. Sonst wäre ich vorher aufs Klo gegangen.«

»Es kommt sicher gleich ein Rastplatz.«

»Lassen Sie mal.« Er schaltete den Tempomat ein, den er völlig vergessen hatte, weil er ihn so selten brauchte. Für gewöhnlich waren Taxifahrten Sprints, kein Marathon.

»Vielleicht schauen Sie kurz aus dem Fenster«, schlug er vor. Mit der rechten Hand zog er den Reißverschluss seiner Dreiviertelhose auf. Dann nahm er vorsichtig die linke vom Lenkrad und vergewisserte sich, dass der Wagen die Spur hielt.

»Keine Sorge, hab alles im Griff.« Obwohl er mit über 200 Sachen auf der Überholspur dahindonnerte, kam es ihm quälend langsam vor. Es konnte gar nicht schnell genug gehen.

Er zog den Mehrweg-Kaffeebecher aus dem Halter und trank hastig den letzten Schluck. Dann schraubte er den Deckel ab, warf ihn in den Fußraum. Er fischte sein bestes Stück aus der Hose und hielt es in den Becher.

Der Blick der Frau im Nacken war ihm unangenehm, aber wenigstens regte sie sich nicht auf. Im Gegenteil, es schien sie zu belustigen.

Er spannte die Beckenbodenmuskeln an, um den Strahl zu kontrollieren. Wenn er mit zu viel Druck pinkelte, spritzte alles aus dem Becher. Eine Flasche wäre besser gewesen.

»Ich hätte vielleicht das Radio anmachen sollen«, plapperte er, weil ihm das Plätschern verdammt laut vorkam. Die Frau ging nicht darauf ein.

Als er fertig war, ließ er das Fenster herunter. Der Lärm war ohrenbetäubend. Lauwarmer Fahrtwind peitschte ihm ins Gesicht. Behutsam, um nichts zu verschütten, hielt er den Kaffeebecher nach draußen und ließ ihn einfach los. Schwups, weg war er.

Der Verlust schmerzte ihn, immerhin hatte sein Name draufgestanden. Aber wenn er ihn zurück in den Cupholder gestellt hätte, hätte der Wagen nach Pisse gestunken wie so manche Ecken am Wiener Platz.

Nein, das konnte er seinem Fahrgast nicht zumuten.

Nach zwei Stunden verließen sie bei Seesen die Autobahn. Von jetzt an ging es über die B 64, die sich durch weite Wiesen und bewaldete Hügel schlängelte. Ab und zu wurde sie zweispurig, damit lästige Schnarchnasen überholt werden konnten.

»Bitte lächeln«, grinste er, als er einen Blitzer auslöste, den seine geübten Taxifahreraugen längst entdeckt hatten. Scheiß auf die Kohle, dachte er. Sein Gast musste sein Ziel erreichen, je schneller, desto besser. FLIRT BESUCH, nur darauf kam es an.

Der Wirtschaftspark Höxter lag nur einen Steinwurf von der Bundesstraße entfernt. Sie erreichten ihn gegen halb elf. Früher war René hier bittere Magensäure hochgekommen. Vorboten des täglichen Irrsinns, die er mit Kaugummis, Kaffee und Snacks betäubt hatte. Aber das war Vergangenheit, ein anderes Leben. Vier lächerliche Minuten hatten ihm die Augen geöffnet.

Der moderne Bürokomplex der Pole-POS Software AG erschien ihm zum ersten Mal einladend. Vor roten Ziegelsteinen streckten weiße Birken ihre schlanken Äste in den Himmel. Am Eingang flatterten schwarz-weiß karierte Flaggen, die wie die Zielfahnen der Formel 1 aussahen. Der Chef war ein Rennsportfreak.

Der Firmenparkplatz befand sich hinter dem Gebäude und war mit einer Schranke abgesperrt. Also blieb er einfach auf der Straße stehen, was ein Lkw, der ihm um ein Haar aufgefahren wäre, mit wütendem Hupen quittierte. René arbeitete zu lange als Taxifahrer, um sich darum zu scheren.

»Hier ist es«, sagte er aufgekratzt. »Da müssen wir rein.« Er sprang aus dem klimatisierten Wagen in die Vormittagshitze und riss die Hecktür auf, damit sein Gast aussteigen konnte.

»Immer langsam.« Die Frau schwang ihre endlosen Beine aus dem Fahrzeug, die bis zu den Knien in schwarzen Lederstiefeln steckten.

Renés Gedanken flatterten kreuz und quer, seine Beine kribbelten aufgeregt. Jede Zelle seines Körpers strotzte vor Tatendrang. Während der Fahrt hatte das Gaspedal wie ein Blitzableiter gewirkt und seine unbändige Energie auf die Reifen des Autos übertragen. Aber jetzt wollte er einfach nur loslaufen.

»Kommen Sie«, drängelte er.

»Langsam, habe ich gesagt!« Die Frau packte seinen Arm und bohrte ihm die smaragdgrünen Augen ins Gesicht. »Es bringt nichts, wenn Sie sich wie ein Idiot aufführen. Das dauert am Ende nur länger.«

Da hatte sie natürlich recht. Er wusste ohnehin nicht, was mit ihm los war. Eigentlich war er die Ruhe selbst. Der entspannteste Taxifahrer der Stadt.

»In Ordnung«, versicherte er hastig – und rannte los.

»Achtung!«, rief die Frau noch.

Doch es war zu spät. René war drei Schritte auf die Straße gelaufen, hatte den Haupteingang fest ins Visier genommen und überlegte gerade, was er dem Empfang erzählen sollte, als eine monströse Kraft ihn von den Füßen fegte. Schreiend wirbelte er durch die Luft, hörte das Kreischen der Bremsen und das Quietschen der Räder. Im Augenwinkel nahm er den Lkw wahr, der ihn angefahren hatte. Bevor er vollends realisierte, was überhaupt geschah, donnerte sein Kopf auf den schwarzen Asphalt und zerplatzte wie ein reifer Kürbis.

Diesmal stand er nach 4 Minuten nicht wieder auf.

2

Genau diesen Mist hatte die Frau befürchtet.

Seufzend schulterte sie die Yogamatte, griff nach der Sporttasche und bahnte sich einen Weg durch das Chaos. Der Taxifahrer war mehrere Meter durch die Luft geschleudert worden. Nun lag er verrenkt auf der Fahrbahn wie eine zermatschte Spinne. Von seinem Kopf war nur noch eine blutige Masse übrig.

Es stank nach Abgasen und verbranntem Gummi. Kreidebleich stieß der Lkw-Fahrer die Tür auf. Seine Hände zitterten.

»Ich kann nichts dafür … Er ist einfach auf die Straße gerannt …« Er sprach mehr zu sich selbst als zu der Frau, die ihn nicht weiter beachtete.

So kurz vor dem Ziel, dachte sie. So kurz vor dem Ziel.

Entsetzte Gesichter poppten in den Fenstern des Backsteingebäudes auf. Einige richteten ihre Smartphones auf die blutige Straße, auf der alles stillstand. Nur ein gelber Lieferwagen von DHL drängelte über den Bürgersteig an der Unfallstelle vorbei.

Geschockte Menschen hockten in ihren Autos. Aus der Drehtür des Gebäudes quollen Leute hervor. Niemand traute sich an die Leiche heran.

»Hat schon jemand den Notruf verständigt?«, brüllte ein dicker Typ mit Bürstenschnitt, der trotz der Hitze ein langes weißes Hemd trug. Als ihm niemand antwortete, nahm er einem Herumstehenden das Handy ab und wählte selbst die 112. Vorbildlich hakte er die 5-W-Fragen ab: Wer rief an? Wo war es passiert? Was war passiert? Wie viele Beteiligte? Warten auf Rückfragen.

Niemand hielt die Frau auf, als sie das Gebäude betrat. Die klimatisierte Eingangshalle reichte bis zum Dach hinauf, durch dessen Oberlicht die Sonne strahlte. Um jede Etage schlängelte sich eine Galerie mit verchromten Geländern. Am Ende der Halle, wo sich die Aufzüge befanden, spannte ein Banner mit dem Logo der Pole-POS Software AG, zwei gekreuzte Rennflaggen, und dem Slogan Win-Win is our Business.

»Willkommen bei Pole-POS. Wie kann ich Ihnen helfen?« Es war der Dicke mit dem Bürstenschnitt, der auf sie zueilte und trotz des Desasters professionell lächelte, als sei nichts geschehen.

Sofort setzte die Frau eine verwirrte Miene auf und stammelte: »Ich bin gerade aus dem Taxi gestiegen. Der Fahrer wollte mir mit meinen Sachen helfen und dann kam dieser Laster … Es ist so furchtbar. Ich weiß gar nicht, wie das passieren konnte.« Sie schluckte schwer und ihr Mund zitterte.

Das professionelle Lächeln des Dicken wich echter Anteilnahme. »Am besten setzen Sie sich erst einmal.« Er deutete auf die ausladende Sitzgruppe an der Fensterfront, die von Palmen in schwarzen Kübeln umgeben war. »Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?«

»Nicht nötig. Es geht schon.«

»In Ordnung. Warten Sie einfach dort, bis die Polizei kommt. Die will sicher mit Ihnen sprechen.«

»Eigentlich habe ich einen Termin.«

»Bei uns?«

Der Dicke musterte sie verwundert und blieb einen Moment zu lange an ihren Brüsten kleben. Der Frau machte es nichts aus, im Gegenteil. Dafür waren sie schließlich da. Der straffe Körper hatte Zeit und Energie gekostet und sie liebte jeden Millimeter davon. Aber sie tat so, als hätte sie seinen Blick nicht bemerkt.

»Ja, ich möchte zu … Ach Mist.« Sie ließ ein nervöses Lächeln aufflackern. »Das ist mir jetzt peinlich. Der Name will mir nicht einfallen, er ist einfach weg. Sekunde, ich habe ihn aufgeschrieben.«

Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Sporttasche und zog einen kleinen gelben Zettel heraus, den sie dem Dicken reichte. »Hier, bitte.«

Es stand nur ein einziges Wort drauf.

ALIENS.

Der Mann stutzte für eine Millisekunde, bevor sich seine Miene aufhellte. Die Frau konnte förmlich dabei zusehen, wie Assoziationen und Gedankenfetzen hinter seiner Stirn zu einer plausiblen Geschichte verschmolzen.

»Bitte entschuldigen Sie. Der Unfall hat auch mich aus dem Konzept gebracht. Sie stehen doch auf meiner Liste. Ich rufe sofort an.«

»Vielen Dank.« Die Frau folgte ihm zu dem kreisrunden Empfangstresen, der sich im Herzen der Halle befand.

»Dauert nur eine Sekunde.« Er hob den Hörer ab und drückte eine der unzähligen farbigen Tasten des Telefons. »Hallo, Jacky. Dein Termin ist da.« Er lauschte einen Moment, dann lachte er. »Na der, den du mir genannt hast. Er steht auf meiner Liste … Mhm, okay. In Ordnung.« Er legte auf. »Frau Steinfeld holt Sie in zehn Minuten ab. Wollen Sie vielleicht doch ein Wasser oder einen Kaffee?«

Die Frau lehnte ab und steuerte die Sitzecke an. Aus der Nähe entpuppten sich die schwarzen Palmenkübel als Pirelli-Reifen. Sie zog eine Firmenbroschüre aus dem Plexiglas-Ständer und blätterte darin herum. Die Pole-POS Software AG stellte Kassensysteme mit bunten Touchscreens her, sogenannte Point-of-Sale-Systeme, die auf der ganzen Welt zum Einsatz kamen. In Restaurants, im Einzelhandel. Überall dort, wo es etwas zu bezahlen gab.

Die Designer der Broschüre hatten das Rennsportmotiv auf die Spitze getrieben und die Produkte in waghalsigen Kurven und auf Siegertreppchen inszeniert. Schnittige Rennfahrer, bei denen es sich um echte Sportstars handelte, hielten riesige Champagnerflaschen in die Höhe. Win-Win is our Business.

Die Hochglanzseiten lieferten keinen Hinweis auf das, was die Frau wirklich interessierte. Aber es würde sich alles ergeben. So wie immer.

3

Ein Stockwerk höher klickte Jacky Steinfeld hektisch durch ihren Kalender. Der Termin war verschwunden. Verdammt, sie konnte sich nicht einmal an ihn erinnern!

Ihr Herz hämmerte so heftig, dass alle im Großraumbüro es hören mussten, und sie begann zu schwitzen. Verstohlen schielte sie an ihrem gebogenen 21:9-Monitor vorbei. Noch kümmerte sich keiner um sie, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis der verräterische Schweißgeruch zu ihnen hinüberwehte wie eine Wolke Glyphosat.

Schon machte sich eine gewisse Unruhe breit. Die Kolleginnen tuschelten und tippten kurze Nachrichten in den internen Chat. Jetzt drehte sich eine zu ihr um und sagte irgendwas, aber Jacky verstand kein Wort, denn sie trug ein riesiges Headset mit Noise-Cancelling, das Regenwaldambiente in Endlosschleife spielte. Anders war es unmöglich zu arbeiten. Da konnten die Möbel noch so ergonomisch gestaltet sein und die Wandfarben noch so freundlich strahlen.

»Sorry, ich hab jetzt ’nen Termin«, murmelte sie, knallte das Headset auf die Ladestation und verzog sich mit Laptop und Deoroller auf die Damentoilette.

Vor dem Waschbecken knüpfte sie die Bluse ein Stück auf und zwängte den Deoroller in eine Achselhöhle, um ihre Nervosität in Blumenaroma zu ertränken.

Eigentlich war sie perfekt organisiert und checkte alles doppelt und dreifach. Und doch war ihr ein Bewerbender durchgegangen. Unverzeihlich!

Als HR-Managerin war sie das Aushängeschild der Pole-POS Software AG, der Erstkontakt zur Außenwelt, und für einen ersten Eindruck bekam man keine zweite Chance.

Sie kaute unschlüssig auf der Lippe. Danny vom Welcome Desk hatte dummerweise keinen Namen genannt und nur von einem Termin gesprochen. Dabei hätte sie einfach nur nachfragen brauchen.

Hätte sie es getan, hätte sie jetzt das CMT, das Candidate-Management-Tool, durchforsten können. In der Personalabteilung lief alles digital. Einmal hatte sie eine Bewerbungsmappe aus blauer Pappe per Post erhalten und gar nicht gewusst, wie sie die verarbeiten sollte. Am liebsten hätte sie gleich eine Absage geschickt, aber dafür war Jacky zu pflichtbewusst. Außerdem glaubte sie an Chancengleichheit und diverse Teams. Also hatte sie die Mappe Blatt für Blatt eingescannt und ins CMT hochgeladen.

Die Company erhielt täglich zwischen zwanzig und fünfzig Bewerbungen. Hauptsächlich Schrott. Aktuell waren 72 Stellen ausgeschrieben. Die meisten in der Entwicklung und im Sales. Erfahrene IT-Consultants waren schwer zu finden und bei den Software-Developern war Fachkräftemangel ein Dauerzustand.

Erst heute Morgen hatte Kaspar sie auf dem Parkplatz abgepasst, um sich nach dem Stand des Recruitings zu erkundigen. Sie hatte herumgedruckst, es nicht übers Herz gebracht, ihm die bittere Wahrheit ins Gesicht zu sagen, dass sein Team auf der Prioritätenliste ganz unten stand. Constantin vom Controlling hasste Kaspar.

Nachdem Jacky die andere Achsel in Blumenduft getunkt hatte, knöpfte sie die Bluse zu und betrachtete sich kritisch im Spiegel. Die zierliche Brille verpasste ihr den Look einer Bibliothekarin. Eine, die viel wusste, aber ein wenig schüchtern daherkam. Ein Hidden Champion, genau wie die Pole-POS Software AG.

Sie hastete die Treppe runter, was sie dem täglichen 10.000-Schritte-Ziel ein Stück näher brachte. Im Erdgeschoss verlangsamte sie das Tempo, um nicht gehetzt zu erscheinen. Das schlechte Gewissen nagte an ihr.

Den Bewerbenden konnte sie nirgends entdecken. In der Sitzecke vor der Fensterfront saß nur eine große schlanke Frau, die gelangweilt in einer Imagebroschüre blätterte.

Als Danny ihren fragenden Blick auffing, zeigte er auf eben diese Frau. Jacky glaubte, ein Grinsen über sein Gesicht huschen zu sehen, das ihr eindeutig sexistisch erschien.

»Hallo, ich bin Jacky Steinfeld«, sagte sie und streckte die Hand aus. »Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe. Die letzte Kandidatin hatte noch viele Fragen.« Sie hasste es zu lügen, es entsprach einfach nicht der DNA der Company, aber manchmal heiligte der Zweck leider die Mittel.

»Das macht doch nichts«, sagte die Frau. Sie besaß ein hinreißendes Lächeln und schneeweiße Haut, die ihre roten Haare leuchten ließ. Ihre grünen Augen hatten einen magischen Glanz. Als sie sich erhob, wuchs sie zu beachtlicher Größe heran und überragte Jacky um mindestens zwei Köpfe. Ihr Händedruck war selbstbewusst.

Erst jetzt bemerkte Jacky das Chaos auf der Straße.

Mein Gott, dort standen Autos Stoßstange an Stoßstange, Menschen gafften schamlos und ein Krankenwagen arbeitete sich mit heulenden Sirenen mühsam voran. Sie konnte nicht erkennen, was passiert war, aber dass es ausgerechnet jetzt und noch dazu direkt vor dem Gebäude passierte, gefiel ihr gar nicht. Was sollte denn die Bewerberin davon halten?

»Bitte folgen Sie mir.« Sie eilte zu den Aufzügen, die sich zum Glück weit weg von den Fenstern befanden. Dummerweise hatte sie keinen Konferenzraum gebucht und hoffte inständig, dass im 3. Stock etwas frei war.

Aber das größte Problem war, dass sie keinen blassen Schimmer hatte, wer die Frau war und für welchen Job sie sich bewarb. In der IT-Branche arbeiteten Frauen praktisch nur im Marketing, als Assistentinnen der Geschäftsleitung und in der Personalabteilung. In keinem dieser Bereiche war eine Stelle ausgeschrieben.

Am liebsten würde Jacky alle Programmierjobs mit Frauen besetzen, doch es bewarben sich einfach keine. Egal, wie viele Girls Coding Days und Female Hackathons sie veranstaltete. Das Patriarchat bläute Mädchen von klein auf ein, dass Technik die Domäne der Männer war.

Das Problem fing schon mit dem generischen Maskulinum an, dem Jacky den Kampf angesagt hatte. Wenn ständig von Bewerbern, Kollegen und Mitarbeitern die Rede war, fühlten sich Frauen zwangsläufig zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Jacky kämen solche Formulierungen niemals über die Lippen, sie dachte sie nicht einmal.

»Haben Sie uns gut gefunden? Wir liegen ja auf der grünen Wiese, ein bisschen weg vom Schuss.«

»Danke, ich bin mit dem Taxi gefahren.«

Dann kam sie vermutlich vom Bahnhof. Sie mochte Mitte zwanzig sein, ein wenig jünger als Jacky selbst. Sie ging aufrecht wie ein Baum und strahlte eine Lässigkeit aus, von der Jacky nur träumen konnte. Allein die Kleidung, die sie zum Jobinterview gewählt hatte, war bemerkenswert. Enge Leggings und schwarze Lederstiefel betonten ihre Traumfigur. Der Aufdruck Little Witch auf dem knappen Top wies ironisch auf Feminismus hin. Diese geballte Ladung Frauenpower hatte die Company bitter nötig.

Zum Glück war gleich der erste Besprechungsraum frei. Hinter den Fenstern erstreckten sich moderne Gewerbeimmobilien mit gepflegten Rasenflächen und großzügigen Parkplätzen. Die Straße mit dem lästigen Unfall befand sich auf der anderen Seite des Gebäudes. An der Decke surrte die Klimaanlage. Sie bot Getränke an und ihre Gästin entschied sich für ein stilles Wasser.

»Ich freue mich, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen«, sagte Jacky, nachdem sie zwei Gläser eingeschenkt hatte. »Ist das eine Yogamatte?«

»Pilates.« Die Frau trank einen Schluck. »Ich dachte, vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit.«

»Na klar. Macht Sinn«, antwortete Jacky, obwohl sich bisher nie jemand mit Sportsachen vorgestellt hatte. Sie wollte beinah wetten, dass sich in der anderen Tasche Trainingskleidung befand. »Wir haben ein Fitnessstudio im Haus. Das zeige ich Ihnen gleich im Anschluss. Es ist eines unserer vielen Incentives. Wir haben Jobbikes, eine Betriebsrente und Sonderkonditionen für über hundert Onlinestores. Da sind auch Sportshops dabei.«

»Ich hatte gleich das Gefühl, dass ich am richtigen Ort gelandet bin.«

Jacky lachte erleichtert. Dafür, dass der Termin als Vollkatastrophe begonnen hatte, lief es hervorragend. »Ich hatte ja bereits die Gelegenheit, Sie auf dem Papier kennenzulernen, aber Bewerbungsunterlagen sind immer ein wenig trocken und sagen nichts über den Menschen dahinter aus. Vielleicht stellen Sie sich kurz mit eigenen Worten vor und verraten mir, was Sie genau an der Stelle reizt.«

Dann erfahre ich endlich deinen Namen und um welchen Job es überhaupt geht, dachte sie.

»Sehr gerne.« Doch statt sich vorzustellen, stellte die Frau ihre Tasche auf den Besprechungstisch und öffnete den Reißverschluss. Jacky glaubte, ein Handtuch darin zu erkennen. Es waren also tatsächlich Sportsachen drin. Diese Frau war ein Phänomen.

»Ihnen mein gesamtes Leben zu erzählen, würde ewig dauern. Aber wenn ich es auf einen Nenner bringen müsste …« Sie holte ein Dutzend kleiner gelber Notizzettel aus der Tasche hervor, die sie wie ein Kartenspiel auffächerte. Gelassen wiegte sie den Kopf hin und her, bis sie sich schließlich für einen Zettel entschied und ihn verdeckt zu Jacky rüberschob. »Der hier trifft es am besten.«

Jacky starrte das Blatt an und begann sich auf einmal zu fragen, ob ihre Gesprächspartnerin sich über sie lustig machte. Andererseits gefiel ihr, wie sie das Meeting dominierte und alle Erwartungen unterlief. Es kam viel zu selten vor, dass Bewerbende sie überraschten.

Also drehte sie den gelben Zettel um, auf dem nur ein einziges Wort stand.

SALINE.

4

Kaspar Hahn wunderte sich, dass die Poststelle unbesetzt war, obwohl die Tür offen stand. Normalerweise schloss Carl ab, wenn er im Gebäude herumlief. Heute hatte er es wohl vergessen, was potenziellen Langfingern die Gelegenheit bot, sich wertvolle Dinge unter den Nagel zu reißen. Kaspar dachte dabei weniger an die Stifte, Blöcke und Aktenordner, die aus den Materialschränken quollen, sondern an die Post der Kollegen. Jeder bestellte online und ließ sich vom Flachbildfernseher bis zum Verlobungsring alles in die Firma schicken.

Sein Paket war zum Glück noch da. Er entdeckte den quadratischen Karton mit etwa 30 cm Kantenlänge in der obersten Reihe des Metallregals. Auf dem leuchtend roten Klebeband stand FRAGILE – HANDLE WITH CARE.

Der Anblick ließ sein Herz höherschlagen. Er nahm das Paket herunter, hielt ein Ohr an die Pappe und schüttelte es vorsichtig. Kein Scheppern war zu hören, keine Flüssigkeit tropfte heraus. Offensichtlich hatten sich die Postmitarbeiter an die Warnung auf dem Klebeband gehalten.

Im Inneren befand sich eine Schneekugel, die er am liebsten gleich ausgepackt hätte, aber in vier Minuten begann das Scrum-Meeting. Also klemmte er sich das Paket unter den Arm und verließ die Poststelle. Er überlegte kurz, ob er Carl einen Zettel dalassen sollte, verwarf den Gedanken aber wieder. Niemand würde es vermissen.

Seine erste Schneekugel war ein Souvenir aus Paris gewesen. Der Eiffelturm natürlich. Das billige kleine Ding würde er heute nicht mal geschenkt nehmen. Inzwischen besaß er über fünfhundert Kugeln, die sich in seiner ganzen Wohnung breitmachten. Die teuerste – wenn auch nicht seine liebste – hatte 350.000 Yen gekostet, etwa 2.000 Euro, und war limitiert und zertifiziert.

Ein paar Highlights standen an seinem Arbeitsplatz. Ursprünglich hatten sie ihm beim Programmieren geholfen. Immer wenn er an einem Problem geknabbert hatte, hatte er eine Schneekugel geschüttelt und die weißen Plastikflocken so lange angestarrt, bis es gelöst war. Er wusste nicht genau, wie es funktionierte, aber es schien damit zu tun zu haben, dass das Schneegestöber sein Bewusstsein beschäftigte, während sein Unterbewusstsein in Ruhe die Aufgabe beackerte. Es war fast wie Magie.

Inzwischen programmierte er kaum noch selbst und die Schneekugeln waren zu einer Sammelobsession geworden, die ihn an die guten alten Zeiten erinnerte.

Als er das Großraumbüro im 4. Stock betrat, klebte sein gesamtes Team – acht junge Softwareentwickler – gebannt an den Fenstern. Verwundert ging Kaspar zu ihnen, um zu sehen, was spannender war als die Monitore.

Direkt vor dem Haus stand ein Rettungswagen mit Blaulicht, daneben parkte der rote Kombi des Notarztes. Mitten auf der Straße war ein weißes Zelt aufgebaut worden, wie man es von Gartenpartys kannte, und diente offenbar als Sichtschutz.

»Da wurde ein Taxifahrer überfahren«, erklärte Paul aufgeregt. »Vom Kopf ist nichts mehr übrig, hat Danny gesagt. Er ist gleich raus, als es passiert ist.«

»Ah Scheiße …« So genau wollte Kaspar es gar nicht wissen.

Radu nickte, ohne den Unfallort aus den Augen zu lassen. »Irgendwann musste das ja passieren. Die Idioten von der Spedition heizen wie verrückt.« Mit seinem rumänischen Akzent erfüllte er das Klischee des Programmierers. Fehlte nur noch das Hoodie, um als echter Hacker durchzugehen. Aber Radu trug lieber enge T-Shirts, die seine hart trainierten Muskeln betonten.

»Da kommt der Leichenwagen.« Paul nahm die Brille ab und putzte sie eifrig, um kein Detail zu verpassen. Ohne Brille sah er aus wie sechzehn.

Eine dunkle Limousine mit Heckscheiben aus Milchglas, auf denen schlichte Kreuze klebten, wurde durch die Absperrung gelassen. Zwei Bestatter stiegen aus und zogen einen Plastiksarg aus dem Auto. Ihre schwarzen Anzüge und polierten Schuhe wirkten deplatziert zwischen den orangegelben Outfits der Sanitäter. Sie verschwanden mit dem Sarg im Partyzelt und kamen nicht wieder heraus.

Kaspar spürte Betroffenheit und Faszination zugleich. Das Scrum-Meeting konnte er knicken. Selbst wenn er jetzt den Chef rauskehrte und auf den knappen Zeitplan pochte, wären alle mit den Gedanken woanders – er eingeschlossen. Wahrscheinlich würden sie den ganzen Tag hier stehen und glotzen.

Doch da irrte er sich.

»Hört mal her«, trällerte Jacky hinter ihnen. »Ich möchte euch unsere neue Kollegin vorstellen.«

Alle drehten sich synchron um, als hätten sie es einstudiert, und taxierten die junge Frau, die so groß war, dass Jacky ihr nicht einmal bis zur Brust reichte. Sie strahlte wie ein Model und bewegte sich auch so.

»Das ist Vilde Spielmann.«

Radu spannte automatisch die Bauchmuskeln an. Paul rückte die Brille zurecht. Die Show am Fenster war vergessen.

Kaspar streckte die Hand aus, was vielleicht eine Spur zu förmlich war. Aber er war schließlich der Teamleiter. »Hallo, ich bin Kaspar.«

Sie schlug ein. »Vilde.«

Paul gluckste leise, was alle im Raum geflissentlich überhörten. Ihr Vorname bot aber auch eine Steilvorlage für anzügliche Witze, dachte Kaspar. Ihm lag selbst ein zweideutiger Spruch auf den Lippen, doch er verkniff ihn sich. Seit das Unternehmen einem amerikanischen Hedgefonds gehörte, ging es prüder zu als im Vatikan.

»Freut mich, dich kennenzulernen. Was machst du denn bei uns?«, fragte er. Er tippte auf Marketingmitarbeiterin oder Vorstandsassistentin.

»Das musst du mir sagen«, lachte sie.

Jacky bemerkte seinen irritierten Blick. »Du hast dir doch Verstärkung gewünscht. Ta-taa, hier ist sie. Vilde ist Softwareentwicklerin bei Braun & Mader, wie du dich bestimmt erinnerst, und passt perfekt auf deine Job-Description. Ehrlich gesagt, habe ich selten ein so gutes Match gefunden. Du darfst mich gerne auf einen Chai Latte einladen.«

Das musste ein Irrtum sein. Mitarbeiter von Braun & Mader, dem Hauptkonkurrenten der Pole-POS Software AG, waren heiß begehrt und wurden für Unsummen abgeworben, wenn sich die Gelegenheit bot. Nur geschah es so gut wie nie und falls doch, landeten sie nicht bei ihm. Erst heute Morgen hatte er Jacky auf dem Parkplatz noch einmal daran erinnert, wie dringend er Unterstützung brauchte, um seine Ziele zu erreichen.

»Hast du nicht gesagt, dass es kein Budget für uns gibt?«

»Da hast du mich wohl falsch verstanden. Ich habe von weiteren Mitarbeitenden gesprochen. Dass Vilde heute bei euch anfängt, ist doch seit Wochen bekannt.«

»Ach, ja? Davon weiß ich nichts.«

Vilde hob die perfekt gezupften Brauen und schaute fragend zu Jacky rüber, die hysterisch auflachte.

»Soll das ein Witz sein, Kaspar? Du hast sie doch selbst eingestellt.«

»Daran würde ich mich wohl erinnern.« Er hatte die Frau noch nie zuvor gesehen. Sie sah aus wie eine Social-Media-Influencerin, die Katzenvideos postete und sich lasziv im Badeanzug räkelte. Über ihre Schulter hing eine Yogamatte und sie hielt eine Sporttasche in der Hand, was ihm für einen ersten Arbeitstag reichlich seltsam vorkam. Auf dem viel zu engen Top, aus dem ihre beachtlichen Brüste beinahe heraussprangen, stand Little Witch.

»Es ist mir egal, woran du dich erinnerst, Kaspar. Vilde arbeitet jetzt hier und ich bin ehrlich gesagt entsetzt, wie das gerade läuft.« Ihr Kopf glühte wie ein Feuermelder und sie tätschelte Vildes Arm. »Das tut mir jetzt schrecklich leid. Ich entschuldige mich im Namen aller Kolleginnen!« Die winzige Genderpause, die sie zwischen Kolleg und innen machte, kam Kaspar wie ein Tonaussetzer vor.

»Es ist eine Verwechslung«, sagte er. Alles andere ergab keinen Sinn. »Vielleicht sind deine Bewerbungsunterlagen durcheinandergeraten. Das kommt doch mal vor. Ich bin mir sicher, dass sich die Sache aufklärt, wenn du kurz –«

»Mit meinen Unterlagen ist alles bestens!« Jacky sah ihn finster an. »Begrüßt man so eine neue Kollegin? Ich sehe kein Welcome-Vilde-Banner, keinen dekorierten Workspace. Wo sind die Ballons und Luftschlangen? Ein Blumenstrauß wäre auch nicht schlecht gewesen. Für den ersten Eindruck kriegst du keine zweite Chance, Kaspar. Steht alles im Onboarding-Playbook.«

Früher hatte es Einarbeitungsleitfaden für neue Mitarbeiter geheißen. Aber inzwischen gab es nur noch hochtrabende englische Bezeichnungen. Es wurde performt und committet. Die Jobs drehten sich um Goals, Learnings und Milestones.

»Daran hätte ich natürlich gedacht, wenn sie wirklich hier anfangen würde. Sie ist ja auch sehr sympathisch und ich würde mich über nichts mehr freuen als über Verstärkung, aber es ist und bleibt eine Verwechslung.«

»Es ist keine Verwechslung«, versicherte Vilde so selbstsicher, dass Kaspar sich zu fragen begann, ob sie vielleicht recht hatte. »Schau mal hier.« Sie zog einen kleinen gelben Notizzettel aus der Sporttasche.

Er griff danach, aber bevor er ihn zu fassen bekam, schob sich ein trainierter Oberkörper in den Weg.

»Willkommen im Team, ich bin Radu.«

»Vilde.«

»Ich sitze gleich da drüben und zufällig ist der Platz daneben frei.« Er zeigte auf die Arbeitsplätze, die sich wie Bienenwaben aneinanderreihten. Alle waren mit Monitoren und Dockingstations ausgestattet und an drei Seiten von Schallschutzwänden umgeben.

»Nice.« Sie lächelte.

Er lächelte zurück. »Hast du schon dein Notebook?«

»Wir gehen gleich runter in die IT«, sagte Jacky.

»Darum kann ich mich doch kümmern«, schlug Radu vor. »Dann kann ich ihr gleich alles zeigen.«

»Danke schön, aber das gehört zum Onboarding!« Jacky hasste es offensichtlich, wenn jemand das ausgeklügelte Prozedere durcheinanderbrachte, das die HR-Abteilung mühsam erarbeitet hatte.

Als Vilde sich jedem Einzelnen vorstellte und die Augen der Jungs zum Leuchten brachte, grinste Kaspar in sich hinein.

Mit seinen 44 Jahren verstand er die Welt seines Teams nur noch ansatzweise. Die Jungs stopften den ganzen Tag lang ungesundes Zeug in sich rein, ohne ein Gramm zuzunehmen – außer Muskelmasse natürlich – und waren morgens topfit, obwohl sie die halbe Nacht gezockt hatten. Sie interessierten sich nicht für Bücher, Serien oder Filme. Wenn sie von Streaming sprachen, meinten sie verrückte Typen vor der Webcam, die sich stundenlang durch die Level von Computerspielen kämpften. Paul kaufte virtuelle Sammelkarten von obskuren Games-Charakteren und Radu ließ sich jeden Monat ein neues Tattoo stechen.

Aber was sich gerade vor seinen Augen abspielte, verstand Kaspar ganz genau.

»Siehst du, wie diverse Teams das Arbeitsklima verändern?«, sagte Jacky zufrieden. »Davon profitiert die ganze Company. Gerade männliche Teams performen signifikant besser, wenn ein weiblicher Blick dazukommt.«

Unsinn, dachte Kaspar. Jeder von denen wollte die Neue flachlegen, das war alles. Reine Biologie. Trotzdem nickte er.

»Du hast es vergessen, oder?« Sie klang milde, beinahe besorgt. »Vielleicht solltest du ein Coaching in Self-Management machen. Ich hätte da noch ein paar Plätze frei.«

»Ja, vielleicht«, wich er aus. Ordnung mochte nicht zu seinen Stärken zählen. Sein physischer Schreibtisch und sein virtueller Desktop waren Schlachtfelder, denn er hatte viel um die Ohren. Das Team löcherte ihn bereits mit Fragen, wenn er zur Tür reinkam. Controller Constantin nervte, sobald sein Performance-Dashboard – so hieß das Ampelsystem, das ihm als Manager helfen sollte, Prioritäten zu setzen – tiefrot leuchtete. Die Hedgefonds-Banker gierten nach Reports, und dann waren da noch die Kunden mit ihren Sonderwünschen. Telefonkonferenzen wurden geplant, verschoben und gecancelt. Da ging ihm eine Menge durch.

Aber Vilde Spielmann hatte er nicht eingestellt. Sie war keine Frau, die man vergaß.

Andererseits … Wo lag eigentlich das Problem?

Es war völlig egal, welche verworrene Fügung sie hergeführt hatte. Jetzt war sie hier in Fleisch und Blut. Wenn sie etwas auf dem Kasten hatte, konnte sie dem Performance-Dashboard eine grüne Dauerwelle bescheren und sein Team bei Laune halten. Der mörderische Druck würde endlich nachlassen.

Er räusperte sich. »Noch mal ein warmes Willkommen im Team, Vilde. Wir freuen uns, dass du da bist.«

Er klatschte und die Jungs schlossen sich an.

»Vielleicht holen wir uns einen Kaffee und setzen uns ganz entspannt zu einem Eins-und-eins zusammen. Dann kannst du mir erzählen, was Braun & Mader so in der Pipeline hat.«

»Gerne«, sagte Vilde. »Aber erst möchte ich den Rest der Firma kennenlernen.«

»Poste einfach was im Intranet. Ich zeig dir, wie’s geht.«

»Es wäre unhöflich, mich nicht persönlich vorzustellen.«

»Pole-POS hat 500 Mitarbeiter«, gab er zu bedenken.

»684, um genau zu sein«, korrigierte Jacky. »Es würde ewig dauern und ist im Onboarding eigentlich nicht vorgesehen … Andererseits ist die Idee ganz fresh. Wir zwei machen das jetzt einfach. Bis später, ihr Lieben.«

Die Jungs sahen ihnen nach, als sie durch die Tür verschwanden.

»Wieso hast du nichts gesagt?«, fragte Radu, in dessen Augen der Jagdinstinkt erwacht war.

»Es sollte eine Überraschung werden«, log Kaspar, der noch immer das Paket mit der Schneekugel in der Hand hielt.

5

Der Tag hatte erfreulich begonnen. Wie jeden Morgen hatte Jasmin Grimm vor dem kleinen Altar im Schlafzimmer gekniet, Mama mit einer Tasse Tee begrüßt und eine Tarotkarte gezogen, um zu schauen, was ihr auf dem Herzen lag.

Natürlich war es wieder um Lunas Schulpraktikum gegangen, das heute begann. Schon seit Tagen hing der Haussegen schief und je näher der Termin rückte, desto störrischer stellte sich die 15-Jährige an.

Zu Jasmins Verwunderung hatte Mama die Karte des Kaisers gewählt, die nahelegte, dass Luna mit dem Praktikum wachsen werde. Der Kaiser stand für Selbstständigkeit und Verantwortung. Zwei Eigenschaften, die Luna gerne übernehmen durfte, denn sie fand so ziemlich alles scheiße.

Der Plopp des sich ausschaltenden Wasserkochers riss sie aus den Gedanken. Sie goss das sprudelnde Wasser in ihre verschnörkelte Tasse, die bis zur Hälfte mit Ashwagandha-Wurzeln gefüllt war. Nicht das schrottige Pulver aus dem Supermarkt, sondern handgepflückte Qualitätsware aus Sabines Esoteriklädchen in Holzminden.

Auf dem Weg ins Büro hatte Jasmin über Lunas ätzende Bemerkungen hinweggehört und sich die gute Laune nicht vermiesen lassen. Bald wurde schließlich alles besser.

Aber dann war der Taxifahrer gestorben. Ein Lkw hatte ihn direkt vor dem Gebäude überfahren, einfach schrecklich. Nun waberten überall düstere Schwingungen herum. Jasmin glaubte nicht, dass sie vom Taxifahrer stammten. Der war wahrscheinlich längst weitergezogen wie die meisten Spirits. Falls er doch noch hier verweilte, würde sie ein paar Takte mit ihm reden und ihn sanft in die richtige Richtung schubsen. Nein, die düsteren Schwingungen kamen von den Kollegen. Sie waren Ausdruck ihrer Verwirrung, ihrer Ohnmacht, ihres Entsetzens. Sogar ein wenig Angst war dabei.

Jasmin pustete auf den heißen Tee, der wunderbar herb roch. Ashwagandha, auch Schlafbeere oder Winterkirsche genannt, beruhigte die Nerven. Man kam einfach gut runter damit. An einem Tag wie heute war es bitter nötig, sich zu erden.

Sie trank einen Schluck, um beim Gehen nichts zu verschütten, und verließ die kleine Kaffeeküche. Bis zum Mittagessen wollte sie ein paar Entwürfe für den Messestand zeichnen. Mit etwas Glück kam sie dabei in einen kreativen Flow, der den Schwingungen trotzte.

Später würde sie Mondwasser herstellen. Sie hatte extra neue Karaffen gekauft. Die Nacht versprach warm und wolkenlos zu werden, was geradezu ideal war, um die Energie des Vollmonds zu tanken. Mit destilliertem Wasser ließ sie sich locker eine Woche lang konservieren, gefroren noch ein bisschen länger. Damit hatte sie gute Erfahrungen gemacht.

Natürlich hielten sie außer Mama alle für verrückt. Schon in der Schule war sie gehänselt worden und es hatte eine Weile gedauert, bis sie den Mut gefunden hatte, ihren eigenen Weg zu gehen. Dabei waren ihre Mitmenschen mit ihrem Schlankheits- und Konsumwahn die eigentlich Verrückten. Und dann diese krankhafte Fixierung auf Geld, das weder Glück noch Freude brachte.

»Ah, und das ist Jasmin«, sagte Jacky aus der Personalabteilung, als sie das Großraumbüro betrat. Inmitten des kreativen Durcheinanders umringten die Kollegen eine große schlanke Frau, die mit ihren roten Haaren und der weißen Haut einer keltischen Göttin glich. Tailtiu vielleicht.

»Hey, ich bin Vilde«, sagte sie. Sie trug eine Yogamatte über der Schulter und eine Sporttasche in der Hand. Offenbar hatte Jacky wieder eine Fitnesstrainerin engagiert, die verspannte Nacken kurieren sollte.

Doch zu ihrer Überraschung arbeitete Vilde als Softwareentwicklerin im Team von Kaspar Hahn.

»Tut mir leid, ich hätte dich wirklich in der Gym verortet«, sagte Jasmin.

»Deshalb wird es höchste Zeit, dass wir diese patriarchalischen Strukturen endlich durchbrechen«, nickte Jacky eifrig. Diversität und Gendergerechtigkeit waren ihre Lieblingsthemen. »Es kann nicht sein, dass niemand auch nur in Erwägung zieht, dass eine Frau einen technischen Job macht. Versteh mich nicht falsch, das ist kein Vorwurf gegen dich, sondern ein systemisches Problem.«

»Schon gut.« Ein wenig hatte es schon wie ein Vorwurf geklungen.

»Ich mag dein Outfit«, strahlte Vilde.

»Danke.« Jasmins dunkle Lippen lächelten. Ihre Farbe war Schwarz, im Sommer wie im Winter. Sie trug einen schwarzen Minirock über schwarzen Leggings. Ihre Füße steckten in schwarzen Doc Martens, die als winzige Farbtupfer blutrote Schnürsenkel besaßen. Sie hatte eine schwarze Strickjacke über ein schwarzes Top geworfen, damit die Klimaanlage ihr nicht wieder eine Erkältung verpasste. Ihr schulterlanges Haar war schwarz gefärbt, weil es zum Look passte und ihr echtes Haar langsam grau wurde. Immerhin ging sie auf die 40 zu.

»Ich wette, das ist dein Arbeitsplatz.« Vildes lange Beine durchquerten das Großraumbüro. Jasmin und Jacky kamen kaum mit.

»Wow, wie krass.« Um den Monitor waren bunte Kerzen und Kristallobelisken drapiert. An den Trennwänden klebten Postkarten mit den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Aus einer geflochtenen Ampel quoll ein Korallenkaktus.

»Sind das Tarotkarten?« Ihr Coffin-Nail deutete auf das Samtsäckchen mit dem Rosenkreuz. »Du musst mir unbedingt mal die Karten legen. Ich habe gerade damit angefangen und könnte ein bisschen Hilfe gebrauchen.«

Erst jetzt fiel Jasmin auf, dass auf Vildes Top in goldenen Lettern Little Witch glitzerte. »Na klar.«

»Ich habe mir eine Witchbox gekauft. Du weißt schon, so ein Starterset mit Runen und Kerzen und Kristallen. Aber das hier …«, sie klopfte begeistert auf die Trennwand, »… ist etwas ganz anderes. Ich bin schockverliebt!«

Normalerweise runzelten die Kollegen beim Anblick der magischen Utensilien die Stirn, vorzugsweise hinter ihrem Rücken. Manche äußerten sich diplomatisch, nannten sie interessant oder eigenwillig. Doch Vilde wirkte wie ein Kind an Weihnachten, das gar nicht wusste, welches Geschenk es zuerst auspacken sollte. Sie zog ein riesiges Smartphone aus der Sporttasche und entsperrte es.

»Bist du auf WitchTok?«

»Nein.«

»Schade, ich folge da ein paar Hexen. Was ist mit Witchtagram?«

»Auch nicht.« Jasmin konnte mit sozialen Netzwerken nichts anfangen. Dort nannten kleine Mädchen sich jetzt Hexen, experimentierten mit Liebes- und Schönheitszaubern und warfen von der Wicca-Tradition bis zum Schamanismus munter alles durcheinander. Hauptsache, es war cool. Sie filmten ihre Rituale mit dem Handy, unterlegten sie mit angesagter Musik und luden sie auf alle möglichen Plattformen hoch, die sie kreativ umtauften: Aus YouTube wurde WitchTube, aus Instagram Witchtagram und aus Twitch einfach Witch.

»Du hast eine Bürokatze?! Wie cool ist das denn, bitte?«, rief Vilde entzückt, als ein schwarzer Kater misstrauisch zwischen der Dockingstation und einem Gewirr aus Kabeln hervorlugte.

»Das ist Luzifer.«

»Wir sind eine pet-friendly Company«, erklärte Jacky. »Die Geschäftsführenden waren erst skeptisch. Aber Office-Pets schaffen nachweislich ein besseres Arbeitsklima. Sie bauen Stress ab, schaffen Harmonie. Wenn du Haustiere hast, kannst du sie gerne mitbringen. Sofern es keine Klapperschlangen sind.«

»Ich hab nicht mal Goldfische. Aber der ist süß.« Sie streckte die Hand nach dem Kater aus, doch er zog sich fauchend in den Schatten des Bildschirms zurück.

»Seltsam, das hat er noch nie getan«, wunderte sich Jasmin.

»Tiere mögen mich nicht. Das ist leider so.«

»Bestimmt gewöhnt er sich an dich.«

»Mal sehen.«

»Super, dass ihr zwei so eine tolle Connection habt«, lobte Jacky und schielte dabei auf ihre Smartwatch. »Vielleicht trinkt ihr später mal einen Kaffee zusammen. Kaffee, Tee und Softdrinks sind natürlich kostenlos. Na ja, bis auf die Sorten, die Jasmin bevorzugt. Die kauft sie selbst, weil sie etwas … speziell sind. Dafür haben wir frisches Obst und eine Müslistation. Von 12 bis 14 Uhr gibt es ein bezuschusstes Lunch in der Kantine mit veganen und pescetarischen Menüs, natürlich alles Bio aus der Region. Du zahlst einfach mit deinem Badge.« Sie hielt den Mitarbeiterausweis hoch, der an einem Band um ihren Hals hing. »Ups, mir fällt gerade auf, dass ich deinen noch gar nicht beantragt habe. Das sollte eigentlich nicht passieren, tut mir leid!« Das Blut schoss ihr in die Wangen. »Ich organisiere dir gleich am Welcome Desk einen Besucherausweis. Wir sollten sowieso mal langsam weiter.« Sie setzte sich in Bewegung, doch Vilde blieb stehen.

»Ich denke, es reicht für heute.«

»Aber ich dachte, du wolltest alle Kolleginnen kennenlernen …«

»Das war vielleicht ein wenig überambitioniert. So viele Namen.« In gespielter Erschöpfung ließ sie die Schultern hängen und sagte zu Jasmin: »Was hältst du davon, wenn du mir zeigst, wo ich einen Kaffee bekomme, und dann quatschen wir ein bisschen. Ich hab soooo viele Fragen.«

»Okay. Lass uns auf dem Weg nur kurz schauen, wo meine Tochter steckt.« Der Arbeitsplatz, den man Luna zugewiesen hatte, war schon viel zu lange leer.

»Sie macht ihr Schülerinnenpraktikum bei uns«, flötete Jacky. »Leider konnte ich sie nicht fürs Coden gewinnen. Aber vielleicht kannst du ihr das schmackhaft machen. Du wärst eine tolle Mentorin. Nicht nur für sie, sondern für alle Frauen.«

Vilde ging nicht darauf ein. »Du hast also eine Tochter.«

Jasmin schob ein paar Entwürfe an der Trennwand beiseite, bis ein Urlaubsfoto zum Vorschein kam, das sie und Luna auf der Terrasse eines kleinen Fischrestaurants an der Costa de la Luz zeigte, wo es die beste Paella der Welt gab. Auf dem goldenen Meer glitzerte die Abendsonne. Das Bild hatte Gregor, ihr Ex, geschossen, und es enthielt so viel Liebe, dass ihr jedes Mal warm ums Herz wurde, wenn sie es ansah.

»Sie heißt Luna.«

Vilde lächelte. »Ganz die Mama.«

Tatsächlich hatte sie Jasmins lange Hakennase geerbt und ihre Dickköpfigkeit. Doch sie unternahm alles, um die Verwandtschaft zu leugnen. Während Jasmin selbst bei 40 Grad im Schatten der Farbe Schwarz treu blieb und die Sonne mit breitem Hut und Fächer abwehrte, setzte Luna auf bunte Sommerfashion, die ihre braungebrannte Haut betonte.

»Luna …«, murmelte Vilde. »Wie der Mond.«

»Ganz genau. Also, wollen wir …?«

Vilde zögerte. »Du hast ja noch deinen Tee, sehe ich gerade. Ich besorge mir fix diesen Besucherausweis, damit alles seine Richtigkeit hat. Dann kann’s losgehen.«

6

Luna hasste das Praktikum. Es war totale Zeitverschwendung, genau wie Schule. Ihre Mum hatte versucht, es ihr schmackhaft zu machen, aber wie immer grandios versagt. Marketing sei kreativ, hatte sie behauptet. Von wegen. Die erste Aufgabe, die sie bekommen hatte, war, den Entwurf einer Broschüre über Registrierkassen auf Fehler zu lesen. Echt jetzt? Das war schlimmer als Schule.

Aber der Pausenraum war geil. Richtig geil. Die Kollegen nannten ihn Boxenstopp. Es gab auf alt gemachte Sofas, die mit schwarz-weißen Rallyestreifen bezogen waren, und der Teppichboden leuchtete knallrot wie ein Ferrari. Die Wände lebten. Saftige Hängepflanzen rankten aus unzähligen Töpfen, die mit einem Bewässerungssystem verbunden waren. Wie bei Google, erklärten ihr alle. Luna wusste nicht, ob das stimmte, hatte aber den Verdacht, dass es bei Google noch geiler war.

Das Highlight war ein gigantischer Flatscreen zum Zocken und Streamen. Gerade flohen eine Prinzessin und ein Krieger vor einem wilden Drachen, aus dessen Maul ein digitales Inferno schoss. Die beiden retteten sich hinter eine Mauer.

Natürlich war Luna die Prinzessin. Sie hatte von dem Game gehört, aber zu Hause war es tabu, weil ihre endpeinliche Mum etwas gegen Fantasy hatte. Sobald Hexen und Magie vorkamen, verstand sie keinen Spaß. Schon bei Harry Potter bekam sie die Krise. Natürlich raffte sie nicht, dass alles, was verboten war, erst recht Laune machte. Bei ihrer besten Freundin zockte sie nur Fantasy und auf dem Handy war es nicht anders.

Die Smartwatch ihres Mitspielers vibrierte. Der Kerl, Jonas hieß er, pfiff ungeduldig durch die Zähne. Offenbar war die superwichtige E-Mail, auf die er schon den ganzen Morgen wartete, noch immer nicht da.

Er konnte keine Sekunde stillsitzen, hibbelte hyperaktiv mit den Beinen und hämmerte auf den Controller ein. Ließ den Krieger tapfer aus der Deckung springen, spannte den Bogen und ballerte Pfeile auf den Drachen. Das brachte ein paar Schadenspunkte, aber die empfindlichen gelben Augen verfehlte er leider. Wütend plusterte sich das Ungetüm auf und spie einen Feuerstrahl, doch der Krieger war längst abgetaucht.

»Zu langsam, Fettsack«, grinste er. Er trug ein weißes Businesshemd mit dunkelblauen Knöpfen. Auf Kragen und Brusttasche befanden sich feine Akzente in der gleichen Farbe. Seine kurzen blonden Haare waren wuschelig gestylt. Er war alt, locker 30, aber er zockte wie ein Profi.

»Wenn der Vertrag kommt, wird gefeiert. Dann läutet der Sales-Lead eine Glocke und es gibt ein Gläschen Sekt und alle klatschen. Kannst gerne mitkommen. Wir haben auch Apfelsaft.«

»Sekt passt schon.«

Jonas schielte zu ihr rüber. »Dann bekomm ich aber Stress mit deiner Mutter.«

»Whatever.«

Luna verdrehte divenhaft die Augen und Jonas lachte. Er würde ihr den Sekt geben, so viel war klar.

Ein Luftzug huschte über ihren Nacken, als die Tür hinter ihnen aufgestoßen wurde. Jetzt gab es Ärger, dachte Luna, und ihre Schultern verspannten sich. Sie hatte in die blöde Kassenbroschüre nicht mal reingeguckt.

Aber es war nur irgendeine Frau, die Hey sagte.

Luna und Jonas grüßten zurück, ohne die Augen vom Flatscreen zu nehmen. Der Drache fauchte wie Drogon in Game of Thrones und flatterte mit den riesigen Schwingen. Wenn er abhob, waren sie erledigt.

»Schnell, in die Höhle«, rief Luna und drückte wie eine Besessene auf den Controller, um der Prinzessin Beine zu machen. Im Augenwinkel sah sie, wie sich die Frau ein Getränk aus dem Kühlschrank holte und auf einem Sofa Platz nahm.

Wieder brummte die Smartwatch und wieder fluchte Jonas. Der Vertrag war wohl noch immer nicht gekommen. Enttäuscht biss er in den veganen Blaubeermuffin, den Luna zum Einstand mitgebracht hatte. Natürlich hatte Mum sie gebacken, weil Luna Backen echt spießig fand. Aber inzwischen musste sie zugeben, dass die Idee gar nicht so schlecht gewesen war. Die Dinger wurden ihr praktisch aus der Hand gerissen.

»Die Höhle führt hoch zum Plateau«, sagte Jonas mit vollem Mund. »Von da oben können wir den Drachen mit Steinen erledigen.« Vermutlich verbrachte er mehr Zeit im Boxenstopp als am Schreibtisch. Dass er das durfte, war krass. Er arbeitete im Sales, was immer das bedeutete, und schien eine Menge Kohle zu machen.

»Willst du ’ne Cola?«, fragte er.

»Klar.« Mum hätte es ihr verboten. Zu viel Zucker. Luna wirkte ein bisschen pummelig, weil Sport nicht gerade ihr Ding war. Da Bodyshaming aber zu den Todsünden gehörte, spielte es keine Rolle.

Jonas schlenderte mit dem Controller zum Kühlschrank, während die Prinzessin und der Krieger zum Plateau kraxelten, über das der Wind pfiff. Seltsame Echsen huschten zwischen den Steinen herum.

»Hier liegt ein Zettel. Ist der von dir?«, fragte er.

»Was denn für ein Zettel?«

»Ein Zettel halt.«

Als sie den Kopf drehte, hielt Jonas ein kleines gelbes Quadrat in der Hand, das wie ein Post-it aussah.

»Nee, ist nicht meiner.«

Auch die Frau zuckte mit den Schultern. Sie war auffallend groß, hatte krasse rote Haare und lächelte ihr Handy an. Offenbar wollte sie gleich ins Gym, denn neben ihr stand eine Sporttasche.

Jonas ließ die Kronkorken zischen. »Da steht SENF LABT drauf.«

»Was?«

»SENF LABT.«

»Whatever. Wir müssen den Drachen plattmachen.«

»Vielleicht ein Passwort …« Er trottete zum Sofa zurück und reichte Luna eine Flasche, die sie hastig auf den Boden stellte. Schon erschien der Drache mit Gebrüll und spuckte Feuer über das Plateau. Die Prinzessin verschwand in einer Erdspalte. Der Krieger verwandelte sich in eine zuckende Fackel.

»Alter, hau da ab!«

Doch Jonas hatte das Game vergessen. Sein Controller lag neben ihm und seine Augen klebten an den Worten auf dem Zettel. Seine Stirn lag in Falten, als löste er eine knifflige Matheaufgabe.

»Vergiss das Ding«, sagte sie.

Er grübelte noch ein bisschen, bis sich seine Züge entspannten und ein zufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht erschien. Offenbar hatte er die Lösung gefunden.

»Sag mal, wonach riecht es denn hier?«, fragte er.

»Was?« Außer dem süßlichen Duft der Blaubeermuffins war da nichts.

»Du musst das doch riechen. Es riecht nach …« Er kräuselte die Nase und schnüffelte wie ein Hund. An seinen Zähnen klebten winzige Blaubeerfetzen.

Dann rückte er näher an sie heran. So nah, dass es ihr unangenehm war und sie instinktiv ein Stück zurückwich.

»Relax, ich tu dir nichts.« Seine Hand tätschelte ihren Oberschenkel, was sie offenbar beruhigen sollte. Doch ihr ganzer Körper erstarrte. Sein Gesicht war so dicht, dass sie die feinen Härchen in seiner zuckenden Nase sah. Sein heißer Atem strich über ihre Backen.

»Ich weiß jetzt, wonach es riecht. Nach Blut … Nach deinem Blut.«

Haha, ein Witz … Es musste ein Witz sein.

»Du hast deine Tage, stimmt’s?«

Wie bitte?!

»Jetzt sag schon, Prinzessin. Es bleibt auch unter uns.«

Sie schluckte und starrte ihn ungläubig an. Sie musste sich verhört haben!

»Wusste ich’s doch. Gib mir mal deinen Tampon!«

Lunas Herz vergaß zu schlagen. Sie wollte ihn wegstoßen, einfach nur davonlaufen, aber ihre Arme und Beine gehorchten nicht. Ihre Brust war auf einmal so eng, dass ihr die Luft wegblieb.

»Es ist doch nichts dabei, Prinzessin. Ich will mich nicht daran aufgeilen. So einer bin ich nicht.« Seine Mundwinkel wurden noch breiter. »Ich will einfach nur dein Blut.«

Seine Augen waren dunkel, als hätte jemand das Licht gedimmt. In seiner Stimme lag unverhohlene Aggression. »Du schmeißt das Ding doch sowieso weg und stopfst dir ein neues rein. Soll ich vielleicht aufs Damenklo spazieren und es aus dem Müll fischen?« Ungeduldig hibbelte er mit den Beinen. Seine Smartwatch vibrierte, aber sie interessierte ihn nicht mehr.

Luna öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch ihr wollten keine Worte einfallen. Ihr Kopf war wie ein schwarzes Loch, das jeden klaren Gedanken schluckte.

»Jetzt zieh das verdammte Ding schon raus oder ich mach es.«

»Bitte …« Was er verlangte, war so krank, so pervers … Aber wenn sie nicht tat, was er sagte, würde er ihr wehtun. Ganz bestimmt. Er war älter und stärker und es war besser, ihm zu gehorchen, als seinen Zorn zu spüren.

»Okay«, stammelte sie. Aber dann fiel ihr ein, dass sie gar nicht ihre Tage hatte. Wenn es so wäre, hätte sie doch das Praktikum geschwänzt. Dagegen hätte Mum nichts sagen können. »Ich …«, begann sie zu erklären. Der Rest ging in Tränen unter.

»Hey!«

Es war die Stimme der Frau. Laut und wütend. »Verzieh dich, Arschloch!«

Sie stand direkt vor dem Sofa und wirkte so riesig wie die Freiheitsstatue. Das digitale Feuer des Drachen loderte in ihren Haaren.

Jonas sprang entsetzt auf, stieß Lunas Colaflasche um, deren Inhalt im Ferrari-roten Teppich versickerte, und rannte hinaus. Seine Schritte verhallten im Flur.

Die Frau ging vor Luna in die Hocke. In ihren wunderschönen grünen Augen glänzte Mitgefühl. »Bist du okay?«

Luna nickte, brach aber erneut in Tränen aus. Die Frau nahm sie in den Arm und hielt sie so lange fest, bis sie sich endlich beruhigt hatte.

»Schon gut, Luna. Schon gut.«

Woher kannte sie ihren Namen? Am Morgen waren unzählige fremde Gesichter auf sie eingeprasselt, aber diese Frau war nicht dabei gewesen. Sie besaß elegant geschwungene Lippen, perfekt gezupfte Augenbrauen und eine Traumfigur.

»Ich bin Vilde«, sagte sie. »Deine Mutter hat mir von dir erzählt.«

»Hhm, echt?«

»Wir haben uns gerade kennengelernt. Heute ist mein erster Tag … Ach, deiner ja auch.«

Luna nickte matt. »Da hinten sind noch Blaubeermuffins. Nimm dir einen.«

»Vielleicht später. Was willst du jetzt machen?«

Luna schwieg.

»Du willst ihm das doch nicht durchgehen lassen.«

Sie wollte nicht darüber reden. Die Sache war ihr schrecklich peinlich. Dieser Albtraum sollte einfach nur aufhören. Morgen würde sie sich krankmelden, egal, was Mum davon hielt.

»Luna.« Vilde ergriff ihre Hand. »Du hast nichts falsch gemacht. Er hat eine Grenze überschritten und dafür muss er geradestehen.«

Ja, das wusste sie selbst. Aber möglicherweise hatte sie ihm falsche Hoffnungen gemacht. Das mit dem Sekt hätte sie nicht sagen sollen.

»Wenn du es nicht meldest, tut er das vielleicht einem anderen Mädchen an. Das willst du doch nicht.«

Natürlich nicht. Aber sie wollte auch nicht, dass die Geschichte an die große Glocke gehängt wurde. Und eigentlich war doch gar nichts passiert.

»Lass es uns bitte für uns behalten. Es ist den Trouble einfach nicht wert.«

Vilde erhob sich. Sie war so groß, dass Luna den Kopf in den Nacken legen musste, um ihr ins Gesicht zu schauen. Auf dem Flatscreen hatte der Drache inzwischen auch die Prinzessin geröstet. Das Game schlug vor, das Level erneut zu starten.

»Wie alt bist du? 15? 16? Du glaubst, dass du nichts ausrichten kannst gegen den Kerl. Dabei kreuzigen sie ihn auf der Stelle, wenn du den Mund aufmachst.«

»Und wenn mir keiner glaubt?« Luna gefiel das nicht.

»Hör auf, wie ein Opfer zu denken. Ich war doch dabei und kann es bezeugen.«

Das ist wahr, dachte Luna. Es gefiel ihr trotzdem nicht. »Es wird im Netz die Runde machen. Es wird Tampon-Memes und dumme Sprüche hageln. Ganz ehrlich, die Hexen-GIFs und fliegenden Besen reichen mir schon.«

Vildes Miene wurde weich. »Glaub mir, irgendwann ist dir das egal. Dann stehst du zu dem, was du bist.«

Luna begriff erst nicht, was sie meinte. Dann aber fiel ihr auf, dass auf ihrem Top Little Witch stand. Vilde sah aus wie eine Hexe. Nicht die Schrumpelversion aus dem Märchenbuch, sondern die sexy Model-Variante, die in eine Streamingserie passte.

»Mit dem Hexenscheiß hab ich nichts zu tun«, sagte sie.

»Ach, nein?« Vilde legte den Kopf schief und kniff die grünen Augen leicht zusammen. Offenbar hatte sie das nicht erwartet.

»Meine Mum ist der Freak. Ich bin nur die Tochter, die alles abbekommt. Du hast ja keine Ahnung, was ich mir in der Schule anhören darf.« Sie rollte demonstrativ die Augen. »Hast du ihren Grusel-Look gesehen? Sie ist fast vierzig und läuft rum wie eine Satanistin aus der Geisterbahn.«

Die Farbe Schwarz war in Lunas Kleiderschrank tabu. Heute trug sie einen rosaweißen Jogginganzug und silberne Sneaker. Natürlich hatte Mum rumgezickt, dass das nicht bürotauglich sei. Aber Marketing war ja angeblich kreativ, da konnten ein paar knallige Farben nicht schaden.

»Sie hockt morgens vor dem Altar und trinkt Tee mit Oma. Habe ich schon erwähnt, dass Oma tot ist? Im Wald sucht sie Kräuter und räuchert das Haus forever gegen böse Geister aus. Sie badet manchmal nackt im See, was so schrecklich Seventies ist. Kein Wunder, dass Papa sie verlassen hat.«

»Du kannst der Hexerei also nichts abgewinnen.«

»Alter, nein.« Luna verdrehte erneut die Augen. »Es ist ja nicht so, dass meine Mum wirklich hexen kann. Das ist nur Esoterikmüll. Pendeln, Kartenlegen, Teeblätter lesen. Was für ein fucking Bullshit. Es gibt keine Hexen!«

Vilde lachte. Das Gespräch schien sie zu amüsieren. »Oh doch, die gibt es. Aber weißt du, was sie in Wahrheit sind?«

Luna hatte keinen blassen Schimmer.

»Starke Frauen, vor denen man Angst haben sollte. Vor allem so Kerle wie der gerade. Komm, lass uns dem Arsch die Eier abschneiden.«

7

Lunas Augen waren von der Heulerei verquollen, doch in ihrem Blick lag auch Entschlossenheit. Sie hatte sich nie für ein Opfer gehalten, sondern für eine, die dem Ärger aus dem Weg ging. Allerdings hatte die Strategie nie so richtig funktioniert. Für das exzentrische Gehabe ihrer Mum war sie immer dumm angemacht worden, egal, wie sehr sie sich davon distanzierte.