Nekrolog - Lennox Lethe - E-Book

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Lennox Lethe

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Beschreibung

Der schrecklichste Horrorroman ist dein eigener Nachruf Die beliebte Schauspielerin Livia Wegener hat einen Oscar in der Tasche und einen Weltstar an ihrer Seite. Doch als eine Zeitung versehentlich ihren Nachruf druckt, wird ihre Glamourwelt zum Albtraum. Eine innere Stimme schürt Ängste und Selbstzweifel. Was Livia als seelischen Stress deutet, erweist sich bald als reale Bedrohung: Denn die unheimliche Stimme gehört einem Wesen, das sich in ihren Kopf eingenistet hat. Und bevor Livia begreift, was mit ihr geschieht, hat es auch schon ihren Körper unter Kontrolle gebracht, um damit ein Blutbad anzurichten … Lennox Lethes »Nekrolog« beginnt als spannendes Mystery und endet als eiskalter Horror Thriller.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Höllenwärts
Impressum
Über den Autor
Nekrolog
DIE ZEIT
Donnerstag, 7:26 Uhr
Donnerstag, 8:17 Uhr
Donnerstag, 11:33 Uhr
Donnerstag, 11:55 Uhr
Donnerstag, 20:07 Uhr
Donnerstag, 21:43 Uhr
Donnerstag, 23:11 Uhr
Freitag, 3:15 Uhr
Freitag, 6:00 Uhr
Freitag, 7:23 Uhr
Freitag, 8:12 Uhr
Freitag, 8:44 Uhr
Freitag, 11:03 Uhr
Freitag, 14:37 Uhr
Freitag, 14:52 Uhr
Freitag, 15:38 Uhr
Freitag, 20:15 Uhr
Vor 15 Stunden
Freitag, 20:31 Uhr
Freitag, 20:44 Uhr
Freitag, 21:01 Uhr
Freitag, 21:27 Uhr
Freitag, 22:31 Uhr
Freitag, 23:14 Uhr
Vor 15 Jahren
Samstag, 04:47 Uhr
Später
The Hollywood Reporter
Nachwort
Babywitch

Impressum

 

© 2022 Lennox Lethe
Bahnhofstraße 24
50374 Erftstadt
Alle Rechte vorbehalten
 
Covergestaltung: höllenwärts unter Verwendung eines Fotos von Nathan Dumlao (@nathan-dumlao auf unsplash)
 
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Über den Autor

Lennox Lethe liebt und schreibt Horror. Seine Kurzgeschichte »Der Tag der Unsterblichkeit« gewann den 3. Platz beim Marburg-Award 2024. Auf sein Debüt »Nekrolog – Chronik des Grauens« folgte der Hexenthriller »Babywitch«.

Er ist Co-Host von »Where is the Light? Der MillenniuM Podcast« und schreibt als freier Redakteur für das Horror-Magazin »Virus«.

Lennox trägt meistens eine Totenkopf-Maske und lebt in der Nähe von Köln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Horrorroman

 

 

DIE ZEIT

Nachruf auf Livia Wegener: Reise eines Glückskinds

Mit Lässigkeit hat sie die Welt erobert. Zum Tod der Schauspielerin und Oscarpreisträgerin.

Von Annabell Krüger

 

"Erfolg ist wie ein Schmusekater. Wenn du ihn nicht beachtest, kommt er von ganz allein", sagte Livia Wegener einmal in Cannes. Die Cappuccino-Tasse in der Hand, den Blick in den Kronen der Palmen verloren. Was bei anderen Kinostars nach kalkuliertem Understatement klänge, nach lässiger Selbstinszenierung für Journalisten, klang aus ihrem Mund entwaffnend ehrlich.

Natürlich arbeitete Wegener hart für den Erfolg. Sie bereitete sich akribisch auf ihre Rollen vor. Für Mara Polo lernte sie in drei Wochen fließend kantonesisch. Für Servus, Spiegel machte sie den Pilotenschein. Sie konnte tanzen, fechten und reiten. Neue Fähigkeiten zu erlernen, gehörte für sie zum Handwerk. So näherte sie sich ihren Figuren, spürte ihre Träume und Ängste auf.

Wegener konnte die Essenz eines Charakters destillieren und in klare Blicke und Gesten übersetzen. Ihr gelang das Kunststück, aus Kleinigkeiten großes Kino zu machen. Der aberwitzige "Dialog" mit einer Colaflasche schrieb Filmgeschichte. In Sprung ins kalte Wasser charakterisierte sie die Hauptfigur allein durch die Haltung ihrer Schultern. In Mantra konnte man ihr die Gedanken förmlich von der Stirn ablesen, während ihr Mund etwas völlig anderes sagte.

Talent bleibt nicht unentdeckt. Mit 14 setzte sie sich gegen 400 junge Mädchen durch. Die Rolle der Sarah Sturm in Sturm der Zeit machte sie über Nacht zum Weltstar. Ihre blonden Zöpfe und das verschmitzte Lächeln, wenn sie mit leuchtenden Augen "Auf ins Abenteuer!" rief, brannten sich unauslöschlich in unser kulturelles Gedächtnis ein. Der magische Sextant aus dem kauzigen Lübecker Antiquitäten-Laden führte uns in fremde Welten. Auf Sturm der Zeit folgten Sturm der Zukunft und Sturm der Ewigkeit.

Der Wechsel vom Kinderstar zur Erwachsenenschauspielerin gelingt nicht immer. Zu gerne klammert sich das Publikum an das kleine Mädchen, das den lieb gewonnenen Rollen längst entwachsen ist. Livia Wegener meisterte den Imagewandel wie immer mit Bravour. Zum Teil verdankte sie das Regisseur Gernot Engelhardt, der nach der Sturm-Trilogie den Ruf nach Hollywood ausschlug, um weiter in Europa zu drehen.

Seine federleichten Dramen vereinen deutschen Pragmatismus mit der französischen Nouvelle Vague. Es sind Liebeserklärungen an ein Kino, in dem man Träume statt Popcorn verschlingt. Livia Wegener spielte leidenschaftliche Frauen auf der Suche nach sich selbst. Die Komödie Servus, Spiegel brachte ihr mit 25 Jahren den Oscar als beste Hauptdarstellerin ein.

Niemand überraschte der Erfolg mehr als sie selbst. Überwältigt stand sie auf der riesigen Bühne in Los Angeles und bedankte sich bei ihrer Mutter. Eine Rede hatte sie offensichtlich nicht vorbereitet.

"Livs Unbeschwertheit erstaunt mich immer wieder aufs Neue", sagte Actionstar Majd Al Ferjani auf der Berlinale. "Wenn du mit ihr zusammen bist, hauen dunkle Wolken einfach ab. Liv ist besser als jeder Regenschirm."

Die Hochzeit von Livia Wegener und Majd Al Ferjani beschäftigte die Presse über Monate, obwohl es streng genommen nichts zu berichten gab. Klatsch und Skandale suchte man vergeblich. Das Traumpaar, das nie einen gemeinsamen Film drehte, schuf eine magische Aura, der sich niemand entziehen konnte.

Livia Wegener hatte nie etwas erwartet im Leben und alles bekommen. Die Schmusekater kamen von allen Seiten angerannt. Vielleicht sollten wir ihrem Beispiel folgen.

Nun ist Livia Wegener gestorben. Sie wurde 30 Jahre alt. Doch auf der Leinwand lebt sie ewig weiter.

Donnerstag, 7:26 Uhr

Livia Wegener war nicht tot, nur verwirrt.

Sie versuchte, das Chaos in ihrem Kopf zu sortieren, während Marie mit der Foundation Brush durch ihr Gesicht fegte. Nackte Glühbirnen hockten wie Käfer am Rand des Spiegels und verströmten eisiges Licht.

Normalerweise entspannte Livia im Schminkstuhl, nippte an Maries Weltklasse Espresso, ließ den Alltag zurück und tauchte in die Rolle ein. Wurde zu Annika, der Münchner Modeverkäuferin, die sich gegen Fast Fashion auflehnte, für Fair Trade und Nachhaltigkeit plädierte und schließlich in Bangladesch ihr eigenes Label gründete. Eine Frau auf der Suche nach Bedeutung und der großen Liebe.

Heute war die Rolle meilenweit entfernt. Das zerfledderte Drehbuch mit den winzigen Lesezeichen lag bleischwer in ihrem Schoß.

»Augen zu«, befahl Marie und Livia gehorchte. Der Schminkkoffer raschelte. Sie spürte den leichten Druck auf den Lidern, als Marie den Concealer auftrug. Nicht zu viel, es musste natürlich aussehen. Effortless, wie Marie es nannte.

Heute nervte das hektische Herumgewusel, das Klackern der Bürsten und Pinsel auf der Arbeitsfläche, Maries konzentriertes Schnauben. Die rundliche Maskenbildnerin mit den gepiercten Ohren und den pinken Haaren sauste wie ein Tornado durch das enge Schminkmobil, das mit Referenzfotos der Marokko-Szenen tapeziert war. Der schwierigste Teil der Dreharbeiten, die Außenaufnahmen in Staub und Hitze, waren im Kasten. Die anstehenden Studioszenen in Deutschland glichen einem Spaziergang.

Eigentlich.

Livia musste schleunigst den Zugang zu ihrer Rolle finden. Gleich stand sie vor der Kamera.

Der Trailer begann wie ein Schiff zu schwanken, als jemand draußen auf die Trittstufe donnerte und die Tür aufriss. Regisseur Gernot Engelhardt, der mit jedem Film an Ansehen und Gewicht zunahm, walzte zum Schminkstuhl und hätte Livia am liebsten umarmt. Aus Ehrfurcht vor Maries Make-up begnügte er sich damit, ihr mit den fetten Fingern die Schultern zu tätscheln.

»Was denken sich diese Zeitungsfritzen eigentlich? Ich hätte beim Aufstehen fast einen Herzinfarkt bekommen.«

»Hallo, Gernot.« Livia nickte ihm durch den Spiegel zu.

»In der Produktion klingelt pausenlos das Telefon. Team, Presse, einfach alle rufen an. Die Versicherungsfritzen wollten schon den Dreh an sich reißen. Ich musste denen erst einmal erklären, dass du noch lebst und wir ganz normal weiterdrehen. Alles Irre.«

»Nimm dir einen Espresso«, sagte Marie. Ihre verchromte La Pavoni Maschine genoss einen legendären Ruf in der Branche und war neben ihren Schminkkünsten einer der Gründe, warum sie gebucht wurde.

»Lass mal, dann dreht mein Herz erst recht durch. Hast du was Kaltes?«

Marie fischte eine Red-Bull-Dose aus dem Kühlschrank und öffnete sie. Gernot ließ sich in den zweiten Schminkstuhl plumpsen. Er sah aus wie ein Mafiaboss im Ruhestand, der auf die morgendliche Rasur wartete. Sein Hawaii-Hemd hatte Schweißringe unter den Achseln, aus seinen beigen Shorts quollen blasse Beine hervor. Im schütteren weißen Haarkranz, der seine Glatze wie ein Heiligenschein einrahmte, perlte der Schweiß. Gernot war es immer zu warm, in Marokko hätte ihn das Klima fast umgebracht.

»Ich frage mich wirklich, wie es der Artikel in den Druck geschafft hat. Offenbar lesen die nicht mal ihre eigene Zeitung, bevor sie sie drucken.« Mit einem Zug leerte er die halbe Dose.

»Die Online-Ausgabe ist inzwischen offline«, sagte Livia.

»Ach echt?« Gernot zog das zerkratzte Handy aus der Brusttasche. »Verdammt, schon wieder fünf Voicemails. Die drehen alle durch. Lass mal sehen.« Seine Wurstfinger tippten umständlich auf dem Display, bis das Portal von DIE ZEIT erschien. In einem großen schwarzen Kasten entschuldigte sich die Redaktion für die technische Panne. Die Schauspielerin Livia Wegener sei natürlich nicht tot, die Veröffentlichung ihres Nachrufs sei ein Versehen gewesen. Man bitte, die Panne zu entschuldigen.

»Man kann sich nicht selbst für etwas entschuldigen«, blaffte Gernot. »Man kann nur die anderen um Entschuldigung bitten. Haben die Zeitungsfritzen nicht mal Germanistik studiert?«

»Entspann dich. Ist doch nichts passiert.« Livia lächelte Gernot durch den Spiegel an, während Marie ihre Brauen nachzog.

Gernot kippte den Rest runter und knallte die Dose auf den Schminktisch. »Also ich fänds echt makaber, meine eigene Todesanzeige zu lesen.«

»Ich hab sie für einen Prank gehalten«, sagte Livia. »Es kommt doch ständig irgendein Social-Media-Müll daher. Bei den ersten Screenshots dachte ich nur: Was für ein Aufwand für einen so dummen Scherz. Erst später wurde mir klar, dass der Artikel tatsächlich auf der Homepage der ZEIT veröffentlicht wurde.«

»Und gedruckt, vergiss das nicht.« Gernot hob den fetten Zeigefinger. »Es ist etwas ganz anderes, wenn du die gedruckte Zeitung in den Händen hältst. Wir reden hier ja nicht von einem Käseblatt wie der BILD. Die ZEIT spielt in einer anderen Liga. Dachte ich jedenfalls.«

Gernots Sorgen waren einerseits süß, andererseits völlig überzogen. »Wenn ich wirklich gestorben wäre, hättest du es nicht aus der Zeitung erfahren.«

»Schon …« Er ließ das Handy in der Hemdtasche verschwinden. »Es fühlte sich nur so echt an im ersten Moment. Ich komme aus einer Generation, die Dinge noch glaubt, wenn sie schwarz auf weiß in der Zeitung stehen. Mehr oder weniger.«

Als Marie den Gummi aus Livias blonden Pferdeschwanz zog, fielen die Haare wie Blütenblätter über die Schultern. Marie zupfte sie mit den Fingern zurecht und verglich sie mit den Marokko-Fotos. »Die Spitzen sind einen Tick zu lang.« Sie griff zur Schere, um sie auszudünnen. »Wir wollen doch keinen Stress mit den Anschlüssen.«

»Nee, ich will überhaupt keinen Stress«, keuchte Gernot. »Mit gar nichts. Das hat mir schon gereicht für heute.« Er drückte sich mit beiden Armen aus dem Stuhl, der unter seinem Gewicht ächzte. »Ich verschwinde zum Set und blocke schon mal die Szene. Wir drehen in einer halben Stunde, okay?«

Sein Blick war so sorgenvoll, dass Livia grinsen musste. »Mir fehlt nichts. Es ist alles bloß ein Missverständnis.«

»Na gut«, sagte Gernot und brachte das Maskenmobil erneut zum Schwanken, als er abzog.

Donnerstag, 8:17 Uhr

»Und bitte!«, rief Gernot. Er fand es einfach nur peinlich, wenn deutsche Regisseure »Action« sagten und damit auf Hollywood machten. Die hochgelobte Traumfabrik wurde seiner Meinung nach grundlos angehimmelt. Ihre goldene Zeit war vor einem knappen Jahrhundert gewesen und ohne deutsche Einwanderer wäre sie nie gegründet worden. Und die neumodischen Streamer drehten nur Schrott.

»Hiermit killen wir das Establishment, Annika.« Babu Patwari fabrizierte einen überzeugenden Dhaka-Akzent. Er zeigte stolz auf einen Flachbildschirm, auf dem nichts als eine grüne Fläche zu sehen war. Die Visual Effects Leute, Gernot nannte sie Trickfritzen, würden später den Webshop des fiktiven Fashionlabels einfügen. Livia alias Annika kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. »No offence, es sieht cool aus …«

Babu verschränkte die Arme vor der Brust und schaute beleidigt auf das grüne Nichts. »Wenn es die Farben sind, die kann ich ändern, Annika.«

»Es ist der falsche Weg«, sagte Livia ohne Pathos. Trotzdem hatten ihre Worte Gewicht. Sie war jetzt Annika, die Modedesignerin, die gegen Unterdrückung, Kapitalismus und die großen Modelabels kämpfte. Eine Frau mit der Mission, die Welt zu verändern.

Die Barriere, die sie im Trailer verspürt hatte, war verschwunden. Babus Spiel versprühte Energie, die Kulisse half ebenfalls. Fleißige Bühnenmaler hatten die ehemalige Maschinenhalle aus DDR-Zeiten liebevoll mit Wasserflecken, Ruß und bengalischen Schriftzeichen übersät. Hundert Komparsinnen in bonbonfarbenen Gewändern saßen an langen Tischen über antiquierte Singer-Nähmaschinen gebeugt. Die Geräte waren so präpariert, dass sie sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben. Bei dem Geratter echter Nähmaschinen hätte man alles nachsynchronisieren müssen. Und das ging nach Gernots Meinung auf die Qualität. Es musste einfach O-Ton sein.

»Vergiss den Shop. Vergiss das Netz«, rief Livia, den imaginären Krach der Singer Maschinen übertönend. »Wir müssen sie in der echten Welt fighten.«

Auf Gernots Zeichen schwebte der Kamerakran in die Totale, um das Heer der Näherinnen einzufangen. Livia ergriff ein rotes Tuch, sprang auf einen Tisch und schlang es sich um die Hüften. »Wir müssen nach Paris!«

Crewmitglieder schoben die zweite Kamera auf Schienen den Tisch entlang, den Livia wie einen Laufsteg abschritt. Die Komparsinnen setzten sich aufrecht, eine nach der anderen. Gernot verfolgte jede Bewegung auf dem Monitor. In seinem Kopf spielte bereits die Filmmusik.

Babu ließ ehrfürchtige Tränen in die Augen schießen. »Das ist eine schöne Vision, Annika. Aber wie willst du das anstellen?«

Livia ließ die Jeanne d’Arc Pose einen Moment wirken, bevor sie den Mund öffnete, um ihm die Antwort entgegenzuschmettern.

Diebin!

Das Wort donnerte wie eine Pistolenkugel durch ihren Kopf. Es stand nirgends im Drehbuch und ergab überhaupt keinen Sinn. Annika war keine Diebin. Sie kämpfte für das Gute, zog gegen einen skrupellosen Pariser Modekonzern ins Feld, der Kinder versklavte und das Klima zerstörte.

Im Augenwinkel blickte Gernot von seinem Monitor auf. Livia musste sich zusammenreißen, sonst war der Take ruiniert.

»Wie willst du das anstellen?«, fragte Babu noch einmal. Manchmal half es, bei einem Hänger einfach frisch anzusetzen.

Aber der verdammte Text wollte ihr nicht einfallen. Sie hatte ihn gelernt wie immer. Stur hatte sie einen Tennisball an die Wand geworfen und ihn im Takt aufgesagt wie einen Rap. Sie hatte ihn bei der Gartenarbeit gesummt, vor dem Einschlafen mit imaginären Buchstaben an die Zimmerdecke geschrieben. Sie hatte ihn auf ihr Smartphone gesprochen und beim Work-out gehört, bis er tief in ihr Unterbewusstsein eingesunken war. Damit er, wenn sie ihn brauchte, von selbst über ihre Lippen kam.

Aber er war weg. Sie spürte, wie sich eine Schweißperle von ihrer Schläfe löste und allmählich die Wange herabrutschte.

»Schnitt!«

Das Team schob die Kameras zurück in ihre Ausgangspositionen. Kostümbildner und Requisiteure zupften Details zurecht. Marie tupfte Livias Gesicht trocken und ließ die feinen Bürsten herumwirbeln.

»Alles okay?«

»Bloß ein Hänger.«

»Kommt vor.«

Gernot wuchtete sich aus seinem durchgesessenen Regiestuhl und kam zu ihnen herüber.

»Brauchst du eine Pause, Liv?«

»Ach was.«

»Sollen wir es lieber in kleinen Stücken drehen?«

»Sei nicht albern.« Sie kannte Gernots Liebe für lange Kameraeinstellungen. Hitchcock hatte es in ›Cocktail für eine Leiche‹ vorgemacht und Livia schätzte sie inzwischen ebenfalls. Man wurde nicht ständig im Spiel unterbrochen, es fühlte sich beinahe wie Theater an.

Gernot stampfte zu seinem Platz zurück, das verschwitzte Hawaiihemd klebte ihm am Rücken, und bat um den nächsten Take.

»Hiermit killen wir das Establishment, Annika.« Babu zeigte auf den grünen Bildschirm.

»No offence, es sieht cool aus …« Livia sank erneut in die Rolle, spürte Annikas Kampfgeist, wollte es dem geldgeilen Modekonzern zeigen. Sie vergaß die Kamera und das Team. Sie fühlte die drückende Hitze Dhakas, hörte die ratternden Nähmaschinen. Sie reagierte intuitiv auf Babus Worte und Gesten. Der Dialog floss mühelos.

Sie sprang auf den Tisch, wickelte das rote Tuch um ihr blau-weißes Kleid und stolzierte über die Nähmaschinen. »Wir müssen nach Paris!« Der Geist der Revolution verlieh ihr Stärke, ließ ihre Brust anschwellen. Nichts auf der Welt konnte sie aufhalten.

»Das ist eine schöne Vision, Annika. Aber wie willst du das anstellen?«, fragte Babu.

Du bist eine Diebin!

Livia erstarrte. Die Komparsinnen klebten an ihren Lippen, während die Singer Nähmaschinen lautlos weiter ackerten und die Kameralinsen wie Reptilienaugen lauerten. Die Crew verharrte auf den ausgelegten Teppichstücken, die ihre Tritte dämpften. Die Kommandogesten, mit denen sie kommunizierten, gefroren in ihren Händen.

Es war unnatürlich still in der Halle. Kein Tuscheln, kein Husten. Kein Atmen.

Sie werden es erfahren!

Warum spuckte ihr Kopf einen solchen Unsinn aus? Das hatte er noch nie getan.

Sie machte einen Schritt auf Babu zu, um die Schockstarre zu brechen. Doch das rote Tuch verfing sich in einer der stummen Nähmaschinen. Livia rutschte auf dem Tisch aus, verlor das Gleichgewicht und knallte der Länge nach auf das Holz. Hätte eine Komparsin ihren Sturz nicht mit den Armen gebremst, wäre sie mit dem Kopf gegen eine Singer geschlagen.

»Schnitt!«

Gernot lief zu ihr. »Bist du verletzt?« Livia rappelte sich auf dem Tisch hoch. Der Unfall war mehr peinlich als schmerzhaft gewesen. Er würde im Blooper-Reel der Blu-Ray landen, natürlich mit lustiger Musik untermalt, und dann für immer im Internet.

»Es tut mir leid, Gernot. Ich weiß nicht, was heute mit mir los ist.«

»Du fährst jetzt nach Hause und ruhst dich aus.«

»Nein, wir müssen doch die Szene drehen. Ich pack das schon.«

»Bitte, Livia, ruh dich aus.« Er half ihr vom Tisch. »Keine Widerrede, das ist eine Regieanweisung.«

Livia nickte. Die besorgten Gesichter der Crew beschämten sie.

»Mach dir keine Gedanken«, sagte Gernot. »Ich drehe jetzt das Material für die Montage-Sequenz mit den Näherinnen. Du weißt, wie sehr ich Montagen liebe. Wenn du wieder fit bist, wiederholen wir deinen Part in Nullkommanichts.«

Donnerstag, 11:33 Uhr

Livia schlich in ihren luxuriösen Trailer und schloss die Tür ab. Was für ein Desaster, dachte sie, als sie aus dem verschwitzten Kleid stieg und es zusammen mit den Sandalen in Paulinas Wäschesack stopfte. Die Kostümfrau würde es waschen und auf eine Stange mit identischen Kleidern hängen. Beim Film gab es alles doppelt und dreifach.

Sie streifte die Unterwäsche ab und zwängte sich in die enge Duschkabine. Der Wasserdruck war wieder die reinste Katastrophe. Das lauwarme Geplätscher schaffte es nicht annähernd, ihre verspannten Schultern zu lockern. Livia würde nie verstehen, wieso Menschen freiwillig zum Campen fuhren. Es war einfach nur trostlos.

Der Dreh nagte an ihr. Natürlich wurden Szenen ständig verpatzt, das war normal. Besonders schlimm waren Lachkrämpfe. Vorgestern war Babu ständig über das Wort Rikscha gestolpert. Selbst wenn er es mal korrekt hinbekam und nicht Ritscha sagte, hatte einer von ihnen losgeprustet. Je mehr man sich darauf konzentrierte, ein ernstes Gesicht zu machen und den Take nicht zu versauen, desto schwieriger wurde es. Gernot hatte mitgelacht und nach 57 Takes war die Szene schließlich im Kasten gewesen und die Crew hatte applaudiert.

Genau so sollte es sein: leicht und unbeschwert. Sie stand gerne vor der Kamera. Sie genoss das aufregende Prickeln im Bauch, spürte das Feuer bis in die Zehen hinab. Wenn sie eine Figur mit dem gesamten Körper wahrnahm, sich bis zu ihren Gefühlen vorgetastet hatte, ging alles ganz leicht. Tränen flossen ohne Anstrengung, Lachen kam aus tiefstem Herzen. Die Rolle bestimmte ihre Körperhaltung und übernahm ihre Stimme. Es war pure Magie.

Livia seifte sich ein und fuhr mit der Brause ihren Körper entlang. Das Wasser plagte sich mit dem Schaum ab, als wäre es Beton. Zentimeter um Zentimeter rutschte die weiße Masse ihre Beine herab und sammelte sich im Ausguss wie ein Berg Schlagsahne.

Irgendetwas hatte heute nicht gestimmt. Die gesamte Crew hatte es gespürt. In 16 Jahren hatte Gernot sie noch nie vom Set geworfen. Genau das war es gewesen, ein Rauswurf. In fluffige Watte gepackt, damit es nicht wehtat, aber Gernot hatte gewusst, dass sie die Szene heute nicht mehr hinbekam.

Eine unnatürliche Kälte ergriff Livias Knochen. Als sie die Dusche heißer stellte, gurgelten die Kunststoffrohre und spuckten noch weniger Wasser aus als zuvor.

Vielleicht hatte sie die Magie über Nacht verloren. Wer garantierte ihr, dass es morgen besser lief? Vielleicht verpatzte sie von nun an jede Szene und wurde zur Königin der Blooper-Reels. Vielleicht war sie für den Job einfach nicht mehr gut genug. Vielleicht war sie wirklich eine Diebin – im übertragenen Sinne natürlich –, die den Produzenten durch ihre Unfähigkeit das Geld stahl und den Zuschauerinnen ihre Zeit.

Sie drehte das Wasser ab, trat zitternd aus der Dusche und rubbelte sich mit dem riesigen Handtuch trocken. Kühle Luft strich ihr über die Haut und holte sie in die Realität zurück. Erleichtert stellte sie fest, dass die Verspannungen in ihren Schultern nachgelassen hatten. Nachdem sie in frische Unterwäsche geschlüpft war, betrachtete sie ihr Spiegelbild. Nur Trailer von Filmstars verschwendeten kostbaren Platz mit Ganzkörperspiegeln und waren wie glamouröse Hotel-Suiten eingerichtet.

Sie formte den Mund zu einem O und riss die Augen auf. Ungefähr so musste sie bei ihrem Hänger ausgesehen haben. Na wenn schon, halb so schlimm. Man konnte es mit Selbstgeißelung auch übertreiben. Sie war weder eine Göttin noch eine Maschine. Sie war Livia Wegener, eine Frau aus Fleisch und Blut, die auch mal einen schlechten Tag haben durfte. Versöhnlich lächelte sie ihr Spiegelbild an.

Fette Sau!

Das Lächeln erstarb. Diese negativen Gedanken mussten aufhören. Sie waren destruktiv und falsch. Ja, ihre Hüften waren etwas breiter geworden seit dem Dreh in Marokko, was an dem guten Catering lag. Aber es war kein Drama und von fett konnte überhaupt keine Rede sein.

Sie griff zu ihrem Handy, um Paulina anzurufen. Sie sollte ihr ein neues Kleid holen. Regieanweisung hin oder her, sie würde jetzt zum Set gehen und die beschissene Szene so lange spielen, bis sie im Kasten war. Und wenn es sie 200 Takes kostete, egal. Sie durfte nicht zulassen, dass Ängste, die ihr bis zum heutigen Tage nie in den Sinn gekommen waren, ihr Denken bestimmten.

Sie drückte die Powertaste des Handys und das Gerät erwachte zum Leben. Beim Dreh ließ sie es grundsätzlich ausgeschaltet, um sich besser auf die Rolle zu fokussieren. Außerdem traute sie der Lautlosfunktion nicht. Wer einen Take durch Klingeln ruinierte, wurde von Gernot höchstpersönlich vor die Tür geprügelt. Der O-Ton war heilig.

Sie werden es erfahren!

Es gab nichts zu erfahren, dachte sie. Sie wollte die Zweifel beiseitewischen, doch sie hatten längst Besitz von ihr ergriffen. In dem riesigen Spiegel wirkte Livia auf einmal schrecklich verloren. Der Kampfgeist verschwand aus ihrem Gesicht, die Schultern sanken herab, als hätte jemand die Luft herausgelassen. Die Aura des Stars, der mühelos auf Tischen herumsprang und seitenlange Texte rezitierte, verblasste. Sie sah aus wie die Zweitbesetzung einer Theater-AG.

Die Gesichtserkennung des Handys erwartete ihr Lächeln. Doch Livia schaltete das Gerät wieder aus. Zum ersten Mal in ihrem Leben fragte sie sich, ob sie der Herausforderung gewachsen war.

Donnerstag, 11:55 Uhr

Livia hatte sich auf die Rückbank der dunklen VW-Limousine verkrochen, die zur Flotte der Produktion gehörte, und verschanzte sich hinter dem Drehbuch von ›LifeStyle‹. Ihr war nicht nach einem Plausch mit Adrian, ihrem Lieblingsfahrer, der sie jeden Morgen um sieben Uhr zu Hause abholte und erstklassigen Caramel Latte und einen göttlichen Rhabarbermuffin mitbrachte.

Der Wagen quetschte sich an der ehemaligen Maschinenhalle entlang, die von Trucks mit Licht- und Kameraequipment umzingelt war. Am Notausgang rauchten ein paar Crewmitglieder und schauten der Limousine nach. Livia rutschte tiefer in den Sitz, obwohl es überhaupt nicht ihre Art war, sich zu verstecken. Sie benahm sich schon so neurotisch wie eine ihrer Rollen. Frauen, die mit inneren Dämonen rangen und über ihre eigenen Schatten sprangen. Bisher hatte Livia weder mit Schatten noch mit Dämonen zu tun gehabt.

»Nur damit du vorgewarnt bist: Die Torwächter brechen heute alle Rekorde.« Adrians blaue Augen blickten sie im Rückspiegel an.

Er sprach von den Fans. Seit der Drehort vor zwei Wochen in den sozialen Netzwerken durchgesickert war, belagerten sie das Tor der ehemaligen Fabrik. Sie pilgerten von überall her, um einen Blick auf ihr Idol zu werfen. Ein Autogramm – besser noch ein gemeinsames Foto – bedeutete ihnen so viel, dass sie die Uni oder die Schule schwänzten oder Urlaub einreichten. Meistens nahm Livia sich ein paar Minuten Zeit für sie. Immerhin kauften sie ihre Kinotickets. Dank ihnen durfte sie noch auf der großen Leinwand auftreten und musste nicht gleich zu Netflix. In dem Punkt war sie genauso nostalgisch wie Gernot.

»Jetzt? Ich dachte, die sind nur morgens und abends hier.«

Adrian lachte. »Nicht seit du tot bist.«

»Fahr einfach an ihnen vorbei. Ich lege mich auf die Rückbank.«

»Ähhhm … Daraus wird nichts.« Adrian hielt vor dem blauen Stahltor an und drehte sich zu ihr um. »Es sind hunderte. Die Presse ist auch da. Ich muss ganz langsam durch sie durch. Wenn du willst, kehren wir um und ich schmuggele dich in einem Van raus.«

Sie seufzte. »Nein, bringen wir es hinter uns. Wie sehe ich aus?« Sie warf ihm das einstudierte Fotografenlächeln zu.

»Perfekt wie immer.«

»Dann los.«

Ein bulliger Osteuropäer, auf dessen dunklem Blazer in weißen Buchstaben ›Set Security‹ stand, öffnete einen Flügel des Tors, das irgendwann einmal für industriellen Frachtverkehr gebaut worden war.

Der Empfang war überwältigend. Überall reckten mit Handys und Profikameras bewaffnete Menschen die Hälse. Die Menge teilte sich, als die Limousine die Auffahrt entlang kroch. Finger ertasteten den polierten Lack, Hände pressten gegen die Fensterscheiben und gaben sie nur widerwillig auf, als sich der Wagen an ihnen vorbeischob.

Livia musste an die Blitzlichtgewitter der Filmpremieren und Festivals denken, wo sie im Abendkleid auf hohen Absätzen über rote Teppiche stolziert war. Heute trug sie Jeans und Sneaker.

»Liv!«, schrie jemand. »Welcome back!«

Es war absurd. Die Menschen feierten die belanglose Tatsache, dass sie nicht gestorben war. Dabei hatte sie weder einen Unfall überlebt noch eine schwere Krankheit überstanden. DIE ZEIT hatte einen Fehler gemacht, das war alles. Doch die Freude der Fans, die Livia als beste Freundin, Familienmitglied oder Nachbarin betrachteten, war tief bewegend. Livias Blick wurde unscharf, als Tränen ihre Augen füllten.

»Halt an«, sagte sie.

Adrian stoppte den Wagen. Behutsam öffnete Livia die Tür, damit die Menschenmasse sicher zurückweichen konnte. Beim Aussteigen blickte sie in ein Meer aus Augen und Kameralinsen.

»Welcome back! Welcome back!«

Sie nahm einer jungen Rothaarigen das Smartphone aus der zitternden Hand und schoss ein gemeinsames Foto. Sie griff nach dem nächsten Handy und dem nächsten. Mit jedem Klick stieg ihre Stimmung. Was für ein Privileg, von so vielen Menschen geliebt zu werden.

»Wirst du DIE ZEIT verklagen?« Ein Journalist mit dichten Locken reckte sich auf Zehenspitzen zwischen den Fans und streckte ihr das Diktiergerät entgegen.

»Ach was. Dann hätte ich das hier nie erlebt.« Sie breitete die Arme aus und blinzelte die Tränen weg. »Mir war nie klar, dass ich so viele echte Freunde habe. Ich liebe euch. Ihr seid toll.«

Es war keine Koketterie. Livia fühlte eine Woge der Dankbarkeit, saugte die Kraft auf, die die Menge versprühte. All diese Menschen waren ihretwegen gekommen. Ihr vermeintlicher Tod hatte sie so schwer getroffen, dass sie in ein staubiges Industriegebiet gepilgert waren, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass sie in Ordnung war.

Wenn du stirbst, wird niemand zu deiner Beerdigung kommen! Du wirst sehen!

Der Gedanke war hässlich und gemein. Er ließ ihren Puls rasen und schnürte ihr den Hals zu. Natürlich würden sie kommen. Hübsch in Schwarz gekleidet mit roten Rosen und weißen Kerzen in den Händen.

»Welcome back! Welcome back!«

Ihr Lächeln bekam Risse. Sie durfte jetzt nicht ans Sterben denken. Sie durfte sich nicht den glänzenden schwarzen Luxussarg vorstellen, auf dem sich üppige Blumen-Bouquets türmten. Durfte sich nicht die dunkelgrünen Totenkränze ausmalen, an denen Schleifen mit goldenen Kondolenzfloskeln flatterten. An den Leichenwagen und die Sargträger, einer von ihnen Majd mit versteinerter Miene.

Aber die Bilder in ihrem Kopf waren so plastisch wie die Wirklichkeit. Auf einmal ertrug sie die vielen Menschen nicht, die den Wagen umzingelten und gierig die Arme nach ihr ausstreckten. Wie eine Horde Zombies, die sie in Fetzen reißen wollte, um ein Stück von ihr als blutige Trophäe mit nach Hause zu nehmen. Ein Stück Hollywood im Einmachglas.

Als jemand sie an der Schulter packte, schrie sie auf. Doch es war nur Adrian, der sie zurück ins Auto schob.

»Wir sollten fahren«, flüsterte er. »Du siehst aus wie eine Leiche.«

Donnerstag, 20:07 Uhr

Schälchen mit Meeresfrüchten, Seetang, Kimchi und anderen Köstlichkeiten standen kreuz und quer auf dem Tisch verteilt. Livia stocherte in ihrem Bibimbap herum. Ihr Ehemann Majd Al Ferjani löffelte dampfende Fischsuppe.

»Mein Gott, ist das Zeug scharf«, sagte er.

»Zu krass für den harten Actionstar?«

Majd nahm einen Löffel Reis, um die Schärfe zu mildern.

»Geht schon. Ist nur schwer gut auszusehen, wenn dir der Chili die Tränen in die Augen treibt.«

Natürlich wussten sie beide, dass an seinem Look nichts auszusetzen war. Die kurzen schwarzen Locken waren perfekt zurückgestylt. Er trug einen sorgsam gestutzten Dreitagebart, sein dunkler Teint schimmerte wie Seide im diffusen Licht der Lampions. Unter dem dunkelblauen Longsleeve zeichneten sich wohl definierte Muskelberge ab, für die er hart trainierte.

Sie aßen im ›Seuta‹, einem der Top-Ten-Szene-Restaurants Berlins, das koreanisches Streetfood für Leute servierte, denen die Straße zu ungemütlich war. Man hockte auf dunklen Holzbänken, die Wände waren mit exotischen Verkehrsschildern aus Asien zugepflastert.

Majd hatte auf den Fensterplatz bestanden, den die Paparazzi im Blick hatten. Sie hielten sich zurück, verzichteten auf Statements und Posen. Aber ihre Objektive kreisten in der Dunkelheit wie die Schwanzflossen hungriger Haie. Gerade zog wieder eins vorbei.

Instinktiv hob Majd das kantige Kinn.

»Sie haben es auf mich abgesehen, Schatz.« Livia scheuchte ein winziges Stück Tofu durch ihre Schüssel.

»Deswegen wollte ich ja, dass wir herkommen. Damit sie sich höchstpersönlich davon überzeugen können, dass du in Ordnung bist.«

Livia seufzte. »Ich bin aber nicht in Ordnung.«

Er nahm ihre Hand in seine und streichelte ihren Daumen. »Ich kann mir vorstellen, dass das alles ziemlich verwirrend ist, aber wenn du die Geschichte nicht einfach weglächelst, machen sie eine große Sache draus.«

Majd hatte recht. Sie hielt seine Hand fest, beugte sich vor und küsste ihn. Hinter der Glasscheibe schnappten die Verschlüsse der Kameras. Livia verweilte einen Moment länger als nötig auf seinen Lippen. Nicht wegen der Fotografen, sondern weil Majd ihr den Tag über so sehr gefehlt hatte. Zumindest fühlte es sich so an.

Dabei waren sie Trennungen gewohnt. Dass sie gerade gleichzeitig in Berlin drehten, war eine seltene Ausnahme. Als Actionstar war Majd ständig unterwegs. Er sprang in Acapulco von Klippen, erschoss Bösewichte in China oder hing in Australien an Helikoptern. Livia fand, dass er härter als sie arbeitete, aber nur einen Bruchteil der Anerkennung bekam, den sie einheimste. In den Augen des Feuilletons blieb Action eben billiger Schund.

»Jetzt iss schon einen Happen, sonst kaufen sie dir die Lebende nicht ab.« Er schaufelte Kimchi in seine Suppe.

»Ich hab keinen Appetit.« Ihr Blick streifte die aufgeschlagene Zeitung, die Majd scheinbar zufällig am Fenster postiert hatte. ›Nachruf auf Livia Wegener: Reise eines Glückskinds.‹

»Die ist für die Fotografen, vergiss sie. Schau nicht hin«, sagte er.

Aber so einfach war das nicht. Der Nachruf hatte etwas mit ihr gemacht. Am Morgen hatte sie ihn noch als Belanglosigkeit abgetan, an dem sich die sozialen Medien abarbeiten konnten. Aber Gernots Reaktion in der Maske hatte sie stutzig gemacht. Er hatte den Nachruf ernst genommen, wenn auch nur für einen Augenblick.

Seitdem war ihr Tag beschissen gelaufen. Jede Minute hatten die gedruckten Worte an Macht gewonnen. Hatten in ihr Selbstzweifel erwachen lassen und ihre Seele aus dem Gleichgewicht gebracht.

»Ich möchte nach Hause. Es geht mir nicht gut.«

»Erst isst du deinen Teller auf.« Sein Lächeln war entwaffnend. »Komm schon, einen Löffel für Majd. Einen Löffel für die Gala, einen für RTL …«

Nein, sie bekam nichts runter. Der schwere Dunst aus Dampf und Gewürzen belegte ihre Lunge. Das Restaurant kam ihr wie eine Opiumhöhle vor.

»Ich habe Angst«, flüsterte sie.

»Lass uns später drüber reden«, sagte er, ohne das Lächeln abzulegen. »Manche da draußen können von den Lippen lesen.«

»Ich meine es ernst. Ich habe auf einmal das Gefühl, dass ich mein Leben nicht mehr im Griff habe. Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Auf einmal kriege ich den Job nicht mehr hin. Ich habe diese Selbstzweifel …«

»Alles wird gut, Liv.« Er pickte das Stück Tofu aus ihrer Schüssel und hob die Stäbchen zu ihrem Mund. Die weiße Masse roch streng. Sie erinnerte sie an das Kimchi-Zeug, das sie niemals runterkriegen würde. Was fand Majd nur an vergorenem Kohl?

»Einen für Majd …«

Artig öffnete sie den Mund und umschloss den Tofu mit den Lippen.

Spuck es aus, fette Sau!

Livia zuckte zusammen. Sie hatte noch nie ein Problem mit ihrem Gewicht gehabt. Im Gegenteil, die leichten Rundungen standen ihr gut und niemanden störten sie. Das war der Vorteil, wenn man einen Oscar in der Tasche hatte.

Du bist widerlich, Diebin. Einfach ekelhaft.

Nein, eklig war der Tofu. Er schmeckte nach saurer Milch. Der Brocken kitzelte ihren Gaumen und sie musste niesen.

Sie bekam keine Luft mehr. Der Brocken steckte in ihrer Luftröhre und versiegelte sie wie ein Stein.

Jetzt bloß nicht in Panik geraten. Es war ein winziges Stück Tofu, ein harmloser Klumpen Sojamilch, der sie nicht umbringen konnte. Nur ihr überdrehter Kopf verwandelte ihn in einen Felsbrocken und entwarf qualvolle Horrorszenarien. Aber sie waren nicht real.

Bye-bye, Diebin. Verrecke daran!

»Liebling?« In Majds Augen flackerte Sorge auf.

Ihr Körper schrie nach Luft. Ihre Brust verkrampfte sich, der Druck drohte ihren Rachen zu sprengen. Sie riss den Mund auf, japste und röchelte und trieb das Stück Tofu tiefer in den Hals hinein.

Ist gleich vorbei!

Am Fenster bewegten sich die Objektive. Weitere kamen hinzu. Die Haie rochen das Blut und schwammen herbei.

Livias Körper begann zu zucken, sie schlug mit den Händen auf die Tischplatte. Fegte glibberige Meeresfrüchte auf den Boden. Winzige Fangarme und bleiche Saugnäpfe schossen in alle Richtungen. Majd sprang auf, war mit zwei Schritten bei ihr und klopfte ihr auf den Rücken. Es half nichts, die Luft blieb weg und der Raum drehte sich wie ein Karussell, als Majd sie herumriss. In seinen Filmen wusste er immer, was zu tun war. Er schnürte zerfetzte Arterien ab, pulte Projektile aus Körpern, brannte Wunden aus und desinfizierte sie mit Wodka. Majd hatte mit Spezialeinheiten der Bundeswehr trainiert, mit Marines und Ex-Fremdenlegionären. Wenn einer sie retten konnte, dann er.

Ihr Körper protestierte gegen das Ersticken. Als er sich verzweifelt aufbäumte, ließ ein Reporter vor dem Fenster das Objektiv sinken. Das war das Schlimmste für Livia, denn es bedeutete, dass sie in Majds Armen starb. Der Todeskampf eines Stars war nicht sendefähig.

Gäste riefen durcheinander. Einige rannten zu ihnen, blieben jedoch hilflos auf Abstand.

---ENDE DER LESEPROBE---