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Es scheint ein ganz normales Tagebuch zu sein, das Lucas Wilkins nach dem Tod seiner Großmutter in ihrem Haus findet. Doch das ist es nicht. Mit jedem neuen Eintrag gerät er immer tiefer in die Welt des Unerklärlichen und sogar unter Mordverdacht. Mit Hilfe seiner alten Jugendfreundin Sarah versucht er das Rätzel des Tagebuches zu lösen... Was wäre, wenn du heute schon wüsstest, was morgen passiert?
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Seitenzahl: 493
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Andy Klein
19 TAGE
Impressum
© 2016 Andy Klein
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7418-1122-7
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Der Abschied
Tag 1
Tag 2
Tag 3
Tag 4
Tag 5
Tag 6
Tag 7
Tag 8
Tag 9
Tag 10
Tag 11
Tag 12
Tag 13
Tag 14
Tag 15
Tag 16
Tag 17
Tag 18
Tag 19
DER ABSCHIED
Den Schmerz, den man spürt, wenn man von einem geliebten Menschen Abschied nehmen muss, ist unbeschreiblich. Lucas verbrachte fast seine ganze Kindheit in dem Haus seiner Großmutter. Seine Eltern waren beide berufstätig und hatten, außer gelegentlich am Wochenende, fast nie Zeit für ihn. Sein Vater war Schreiner mit einer eigenen kleinen Werkstatt, die allerdings nicht so viel Geld einbrachte wie erhofft. Deshalb hatte seine Mutter sogar zwei Jobs. Tagsüber war sie im Büro der Schreinerei tätig und abends arbeitete sie in der Spätschicht einer großen Druckerei am Rande der Stadt. Seine Eltern brauchten sich ihm gegenüber nie zu rechtfertigen, dass sie ihr einziges Kind zur Großmutter abschoben, denn er liebte seine Nana über alles…und jetzt war sie plötzlich einfach nicht mehr da.
Das Haus war still und es duftete immer noch nach ihr. Die Sonnenstrahlen erhellten das große Wohnzimmer und die bunten Vorhänge mit ihrem rosa und grünen Blumenmuster leuchteten in all ihrer Pracht. Das alte Sofa, auf dem er als kleiner Junge mit seiner Großmutter kuschelte und ihren spannenden Geschichten lauschte, jedes einzelne Möbelstück, jedes Bild an der Wand, jede dieser kleinen Porzellanfiguren erzählten eine kleine Geschichte. Nichts in diesem Haus würde er verändern, denn jetzt gehörte es ihm. Ziellos schlenderte er durch das Wohnzimmer in die Küche. Er blieb vor dem großen Regal stehen. Alles stand an seinem Platz. Die vielen kleinen und großen Gewürzdosen, dazwischen getrocknete Blumensträuße und wieder diese kleinen kitschigen Porzellanfiguren, die sie so sehr hegte und pflegte. Von der Küche aus ging er in den Flur und warf dort schließlich seine große Sporttasche unter die Garderobe. Er nahm den Aschenbecher von dem kleinen Schuhschränkchen, das neben der Garderobe stand. Er setzte sich auf die erste Stufe der Treppe, die nach oben führte und zündete eine Zigarette an. So viele Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf. Sein Leben verlief nicht immer so wie die eines, sagen wir mal, durchschnittlichen Jungen. Er war so stolz Medizin zu studieren und arbeitete dafür sehr hart bis zum 6. Semester. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Druckerei in der seine Mutter arbeitete wurde, von einem reichen Texaner übernommen. Seiner Mutter kam das gerade recht und so machte sie sich eines Tages einfach mit ihm auf und davon. Das verkraftete wiederum sein Vater nicht besonders gut. Er begann zu trinken. Nach und nach verlor er dadurch wertvolle Aufträge und somit letztendlich auch seine Firma. Nur kurz vor dem Scheidungstermin entschied er sich dafür, seinem Leben ein Ende zu setzten und erhängte sich in seinem Keller. Wie oft hatte er mit ihm gesprochen, wie oft hatte er versucht ihm zu helfen, es waren unzählige Male, aber es war vergebens. Lucas vermisste seinen Vater, denn wenn er sich mal für ihn Zeit nahm, hatten sie auch immer viel Spaß miteinander. Die Schreinerei war ein besonders toller Spielplatz, was seiner Mutter stets ein Dorn im Auge war. Schließlich war er ein kleiner Rabauke, der nur Unruhe in den Laden brachte und mit Unruhe im Laden verdiente man schließlich kein Geld. Sein Vater hinterließ ihnen nach seinem Selbstmord einen riesigen Berg Schulden. Seine Mutter ließ deshalb sein Elternhaus über einen Makler verkaufen, um die Schulden zu tilgen. Lucas war auf sich alleine gestellt, denn seine Mutter kümmerte es weder wo er wohnte, noch unterstütze sie ihn finanziell bei seinem Studium. Wie sollte es anders sein, als dass er damals erst mal bei seiner Großmutter Unterschlupf fand, bevor er dann ein paar Monate später der Arbeit wegen in die Stadt zog. Lucas legte zu dieser Zeit sein Studium erst Mal auf Eis und dabei blieb es auch bisher. Nach vielen kleinen Gelegenheitsjobs arbeitete er jetzt in der Moonville-Klinik als Krankenpfleger, was ihm wirklich sehr großen Spaß machte. Vielleicht würde er ja irgendwann zu Ende studieren, aber das lag in weiter Ferne, denn die ausgefranste blaue Sporttasche unter der Garderobe repräsentierte seine ganzes Hab und Gut.
»Du bist etwas ganz Besonderes, mein Schatz, du brauchst nicht traurig sein, irgendwann kommt deine Zeit«, sagte Nana immer, wenn er bedrückt war und nahm ihn in die Arme. Sie schien immer ganz genau zu wissen, wie es ihm ging, und fand stets die richtigen Worte, um ihn wieder aufzurichten. In diesem Moment blieben ihm nur die Erinnerungen, aber das war nicht dasselbe - sie fehlte ihm so sehr.
Die folgende Nacht war sehr stürmisch. Die große Eiche mit ihren starken Ästen warf dunkle Schatten in sein altes Kinderzimmer, jedes Mal, wenn es blitzte. Lucas konnte nicht schlafen und lauschte dem Regen, der sintflutartig gegen die Fensterscheibe prasselte. Er beobachtete die Schatten der Äste, wie sie sich an der Wand bewegten. Alte Häuser haben ihr Eigenleben. Er hörte den Wind durch die Ritzen pfeifen, das Knacken der Dielen auf dem Dachboden und er dachte an die Beerdigung, die am nächsten Tag stattfinden sollte.
»Oh Nana, das hast du nicht verdient!«
Die Vorstellung, dass ihre Beisetzung bei so einem Sau-Wetter stattfinden sollte, machte ihn sehr wütend. An Schlaf war nicht zu denken, aber das war ihm eigentlich auch egal. Also stand er wieder auf und ging die Treppe hinunter ins
Wohnzimmer. Er erinnerte sich, dass seine Großmutter immer eine Flasche Kräuterschnaps im Wohnzimmerschrank aufbewahrte, den sie stets liebevoll als Medizin bezeichnete. Genau diese Medizin brauchte er jetzt. Er nahm die Flasche, die noch fast voll war, aus dem Schrank, eines der Whiskygläser aus der Vitrine und ließ sich auf dem Sofa nieder. Er schüttete das Glas bis zum Rand voll, nahm einen großen Schluck davon und schüttelte sich.
»Medizin muss immer bitter schmecken, damit sie wirkt.«, hörte er sie in seinen Gedanken sagen.
»Lucas, wach auf! Die Beerdigung ist schon in einer Stunde…«, zischte ihm seine Mutter ins Ohr, während sie ihm die fast leere Schnapsflasche aus dem Arm riss. »…Du möchtest doch mit uns fahren, oder!?«
Blinzelnd öffnete er die Augen. Jeff, mittlerweile ihr neuer Ehemann stand kopfschüttelnd unter dem Türrahmen. Seine Mutter war extra mit ihm aus Texas angereist. Das war ja auch das Mindeste, dass die einzige Tochter bei der Beerdigung ihrer Mutter anwesend war.
»Wie kommst Du denn hier rein…,«, sagte Lucas noch völlig schlaftrunken. »…funktioniert meine Klingel nicht?«
»Soweit ich mich erinnern kann, bin ich in diesem Haus geboren, mein Junge!«
»Ach was - und soweit ich mich erinnern kann, habe ich dich nicht in mein Haus eingeladen, Mutter!«, entgegnete ihr Lucas schroff, stand auf, ging wortlos an den Beiden vorbei und verschwand oben im Badezimmer.
Natürlich gab es Streit zwischen Nana und seiner Mutter, damals, kurz bevor sie verschwand. Als sie ihr sagte, dass sie sich ein besseres Leben wünscht und dass sie ohne Mann und Kind besser dran sei. Sie wählte einfach ein neues Leben, ohne ihre Familie, denn die war ihr völlig egal. Die logische Konsequenz war nun, dass Lucas das Haus seiner Großmutter erbte. Seine Mutter war wirklich eine hartherzige Frau, eine von diesen Frauen, die über ihren Ehrgeiz und dem Streben nach dem großen Reichtum stets vergessen, was es heißt ein Mensch zu sein. Er konnte nicht verstehen, warum sie so ganz anders war als seine Nana. Sie war so voller Wärme und Güte, und so, wie sie es verdiente, strahlte die Sonne, die sie im Herzen trug, auch am Tage ihrer Beisetzung.
Lucas hatte nicht die geringste Lust gemeinsam mit seiner Mutter und ihrem reichen Sack zur Beerdigung zu fahren. Andererseits, hier am Rande der Stadt, wussten sowieso alle um die Familienverhältnisse. Das war ja schließlich ein richtiger Skandal - damals. Diesen Gefallen, zusammen mit ihr zur Beerdigung zu fahren, des lieben Scheines wegen, hatte seine Mutter ganz und gar nicht verdient, aber er tat es dennoch - für seine Nana.
Die Beerdigung lief wie ein alter Stummfilm an ihm vorbei. Die vielen Menschen um ihn herum, nahm er nur als schwarz-weiße Schatten wahr. Ihre Stimmen hallten wirr, wie kleine Echos in seinem Kopf. Er konnte sich am Abend noch nicht einmal daran erinnern, wer alles auf dem Friedhof war und auch nicht an die vielen Beileidsbekundungen. Es gab in dieser Situation auch keine Worte, die seinen tiefen Schmerz hätten lindern können. Seine Tränen ließen sich auch hinter der großen Flieger-Sonnenbrille nicht verbergen.
Der alte Dachboden mit seinen vielen alten Schätzen war schon ganz schön unheimlich. Die kleine Glühbirne leuchtete den Raum, in dem man gerade so eben stehen konnte, nicht besonders gut aus. Lucas saß auf einer großen alten Truhe, als eine ihm sehr vertraute Stimme zu ihm sprach.
»Das war eine schöne Beerdigung, mein Junge! Du bist mir immer das Liebste gewesen. Sei nicht traurig. Ich werde immer bei dir sein.«
Großmutter streichelte sein Gesicht. Erschrocken und schweißgebadet riss er seine Augen auf. Er drehte den kleinen roten Radiowecker in seine Richtung. Es war 3.22 Uhr. Es war nur ein Traum.
»Schöne Beerdigung, was soll an einer Beerdigung schon schön sein, Nana.«, sagte er laut und warf seinen Kopf wieder auf das Kissen. Die letzten Tage hatten an seiner Kraft gezehrt und in dieser Nacht forderte der Körper auch ohne jegliche Hilfsmittel seinen Schlaf. Er schloss die Augen, drehte sich herum und schlief weiter.
Als Lucas erwachte war es bereits fast Mittag. Er ging in die Küche und kochte erstmal einen starken Kaffee. Zum Glück hatte er ein paar Tage mehr Urlaub bekommen, dachte er. Schließlich gab es ja auch noch einiges zu erledigen.
Er musste noch einmal in sein altes möbliertes Appartement, um es seinem Vermieter zu übergeben. Er hatte richtiges Glück, dass der Neffe seines Vermieters sehr großes Interesse daran hatte direkt dort einzuziehen, so dass er sofort ausziehen konnte. Das Appartement lag mitten im Zentrum der Stadt. Es war gerade mal 20 Quadratmeter groß, dafür aber relativ preiswert und für einen Junggesellen, wie ihn, genau das Richtige. Einen Wagen brauchte er auch nicht, denn die Klinik in der er arbeitete lag nur zehn Gehminuten von ihm entfernt. Das würde sich jetzt auch ändern, von nun an brauchte er mit dem Bus über dreißig Minuten bis in die Stadt. Er saß an dem großen runden Holztisch, während er seinen Kaffee trank und starrte durch das Küchenfenster in den Blumengarten, wo gerade alles anfing zu blühen. Er fühlte sich das erste Mal seit langer Zeit sehr einsam. Doch viel Zeit für seinen kleinen Anflug von Selbstmitleid blieb ihm nicht. Die Übergabe der Wohnung sollte schon in einer Stunde stattfinden. Lucas gönnte sich eine Katzenwäsche und eine nicht besonders gelungene Rasur. Gerade als er die Tür öffnete, um zur Bushaltestelle zu gehen, stand ein Fremder vor der Tür.
»Hi, mein Name ist Victor, Victor Gab, ich bin gestern nebenan eingezogen und wollte einfach mal “Hallo“ sagen. Eigentlich sagte der Makler, dass hier eine nette ältere Dame wohnen würde.«
»Tja, ich bin Lucas und die nette ältere Dame ist gestern beerdigt worden…«, sagte er barsch. »…und ich habe leider keine Zeit, mein Bus fährt gleich.«
»Sie wollen nicht zufällig in die Stadt?«, fragte Victor hektisch, dem die Situation augenscheinlich mehr als nur peinlich war. Lucas blickte ihn an und nickte stumm.
»Ich muss auch in die Stadt, darf ich sie in meinem Wagen mitnehmen?«
Lucas freute sich innerlich über die Mitfahrgelegenheit und sie stiegen in Victors knallroten S-Klasse Mercedes.
Victor Gab war ein eher unscheinbarer Typ, dunkelhaarig mit Halbglatze vorn und er war ein klein wenig dicklich um die Hüften, um es charmant auszudrücken. Lucas schätzte sein Alter auf Anfang vierzig.
»Was verschlägt sie denn hierher aufs Land?«, fragte Lucas, der nun doch auch äußerlich seine Freude darüber zeigte, eine Mitfahrgelegenheit zu haben.
»Weiber! - Ich bin vor meiner Noch-Ehefrau geflüchtet, die sich wohl gerade mit meiner Ex-Freundin überlegt, wie sie mich am besten um die Ecke bringen.«
Lucas musste grinsen, das erste Mal seit dem Tod seiner Großmutter. Der Typ sah nun wirklich nicht gerade wie ein Herzensbrecher aus. Aber das Eis war nun gebrochen und sie unterhielten sich. Er erfuhr, dass Victor Gab ein wohl recht angesehener Rechtsanwalt aus St. Louis war, der sich einfach mal hier auf dem Land eine kleine Auszeit gönnen wollte. Im Gegenzug klärte er ihn über die “ältere Dame“ auf, in deren Haus er nun lebte und entschuldigte sich für sein Verhalten an der Haustür.
»Wir sehen uns, vielleicht trinken wir mal ein Bierchen zusammen.«, sagte Victor und ließ ihn am Stadtpark aussteigen. Von da aus brauchte Lucas nur noch über die Straße und war an seiner alten Wohnung.
»Geht klar - und nochmals danke fürs Mitnehmen.«, antwortete er und verschwand im Park.
Es war schon spät, als er nach Hause kam. Die Wohnungsübergabe verlief völlig unproblematisch. Ein bisschen seltsam war es schon, die kleine Wohnung zu verlassen in der er ja schließlich die letzten drei Jahre verbrachte, aber als sein Vermieter ihm, die im Voraus gezahlte Miete eines halben Monats in bar in die Hand drückte, war auch das wehmütige Gefühl verschwunden, denn er konnte momentan jeden Cent gut gebrauchen. Anschließend traf er sich noch einmal mit seiner Mutter und Jeff in einem kleinen Café. Warum er sich darauf einließ die Beiden noch mal zu treffen, konnte er sich selbst nicht so richtig erklären. Wahrscheinlich, weil sie noch am selben Tag die Stadt wieder in Richtung Texas verlassen wollten und er sich nur vergewissern wollte, dass sie auch wirklich wieder aus seinem Leben verschwinden. Sie redeten nicht besonders viel. Jeff nahm an der Unterhaltung, die man eher als oberflächlich bezeichnen konnte, erst gar nicht teil, sondern stocherte gelangweilt mit seiner Gabel in seinem Stück Apfelkuchen herum. Lucas empfand ihn als äußerst arrogant. Wie er da so saß - in seinem schwarzen Armani Leibchen und mit den mehr als nur auffälligen Cowboyboots aus Schlangenleder an den Füßen. Außerdem, fand er, war seine Nase viel zu groß für sein Gesicht. Wie dem auch sei, es war der übliche Mutter-Sohn Gesprächsstoff, wie „Such dir doch endlich mal eine Frau, die Ordnung in dein Leben bringt“, oder „Kauf dir doch endlich mal was Vernünftiges zum anziehen“, was ja unweigerlich auch etwas damit zu tun hat eine gescheite Frau für sich zu gewinnen. Sie sprachen kein einziges Wort über Großmutter… Er war froh, als sie sich dann endlich auf den Weg zum Flughafen machten.
»Lass dich mal sehen, Junge.«, sagte seine Mutter und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die linke Wange.
»Das glaube ich kaum, Mutter!«, entgegnete ihr Lucas.
Jeff gab ihm wortlos die Hand, setzte seinen überdimensional großen beigefarbenen Stetson Cowboyhut auf und die Beiden verschwanden schnell in einem Taxi. Erleichtert schaute er ihnen noch kurz hinterher und machte sich anschließend auf den Weg zum Supermarkt, schließlich war der Kühlschrank zu Hause leer.
Die Leute im Bus schüttelten den Kopf, als er mit den ganzen Tüten einstieg und dort für ordentlichen Tumult sorgte, weil er zwei Tüten fallen ließ und deren Inhalt sich der Länge nach im ganzen Bus verteilte. Aber das war ihm egal.
Im großen Supermarkt in der Stadt konnte man eben am günstigsten einkaufen. Acht große vollgepackte Einkaufstüten schleppte Lucas schließlich in die Küche.
»Mist, ich hätte ja auch schon mal den Kühlschrank anmachen können.«
Er steckte den Stecker ein und begann damit die Tüten auszupacken. Beim Einkaufen hatte er noch ganz schön Hunger, hatte er doch heute lediglich Kaffee und Zigaretten konsumiert und überhaupt hatte er auch in den letzten Tagen nicht besonders viel gegessen. Aber selbst jetzt, wo der große, runde Küchentisch so voller Lebensmittel stand, griff er doch nur nach dem Bier. Er nahm das Six-Pack und ging hinüber ins Wohnzimmer. Aufräumen konnte er ja schließlich auch noch später und der Kühlschrank war eh‘ noch nicht auf Temperatur. Er schaltete den Fernseher ein, öffnete eine Dose Bier, ließ sich in das Sofa fallen und legte die Beine auf den kleinen antiken Couchtisch. Mit der Fernbedienung schaltete er dann von Programm zu Programm, bis er bei Casablanca landete und sich entschied den Film, der gerade erst angefangen hatte, anzuschauen.
»Spiels noch einmal, Sam«, sagte Ingrid Bergmann und Lucas war schon wieder auf dem Sofa eingeschlafen.
Als er seine Augen wieder öffnete lief der Fernseher noch immer und der Inhalt einer halben Dose Bier war auf seinem Hemd ausgelaufen. Er stand auf und ging an seine große Tasche, die zwar schon geöffnet war, aber noch immer im Flur lag. Er zog das Hemd und sein T-Shirt aus, kramte ein altes AC/DC T-Shirt heraus und zog es über. Nun trottete er in die Küche, denn schließlich wollten ja noch ein paar Lebensmittel in den Kühlschrank gelegt werden. Mittlerweile war es schon fast Mitternacht und Lucas war wieder hellwach. Angesichts der Tatsache, dass es Freitagnacht war und er Montag wieder arbeiten musste, wäre es sicher vernünftiger gewesen sich schlafen zu legen. Aber jetzt, wo auch die letzte Packung Makkaroni mit Käse im edlen Mikrowellendesign im Schrank verstaut war, erinnerte er sich an den Traum mit seiner Großmutter und er beschloss daraufhin sich mal auf dem Dachboden umzusehen.
Die alte klappbare Hühnerleiter die hinauf zum Dachboden führte knackte laut, als er vorsichtig hinaufstieg. Oben angekommen war es stockfinster und er hatte sichtlich Mühe, den an der Glühbirne herunterhängenden Lichtschalter zu finden. Vorsichtig tastete er sich in Richtung Dachbodenmitte, lief mit dem Kopf genau vor die Glühbirne und schaltete sie dann auch sogleich ein. Seltsam, es war genauso wie in seinem Traum. Die kleine Birne leuchtete den Raum wirklich nicht besonders gut aus. Aber was er dann entdeckte, weckte in ihm viele schöne Erinnerungen. Der Dachboden war voller alter Schätze, allerdings waren diese mehr von ideellem Wert. Alte Lampenschirme, alte Öl-Gemälde und jede Menge Bücher.
»Oh«, da lag sein altes Twister Spiel und Bernie, der Teddybär mit nur einem Auge, ohne den er als Kind nie einschlafen konnte. Er fragte sich, wie lange es wohl her war, seit er zum letzten Mal auf dem Dachboden war, denn so wie es aussah, hatte seine Großmutter seine gesamte Kindheit hier oben verstaut. Aber intuitiv suchte er ja etwas Bestimmtes und er fand es auch schließlich unter einem großen Sack mit alten Vorhängen und umringt von Kisten mit altem Porzellan.
Da war sie nun, die alte schwarze Ledertruhe, die mit ihren silberfarbenen Beschlägen aussah, als würde sie noch aus der Zeit der Piraten stammen. Er erinnerte sich erst jetzt daran, dass diese alte Truhe ja früher unten in seinem Kinderzimmer stand, randvoll gefüllt mit Spielzeug. Lucas kniete nieder und öffnete ganz langsam die Truhe. Aber statt seiner alten Spielsachen fand er ein in Folie verpacktes Brautkleid. Vorsichtig nahm er es heraus. Es war ein prachtvolles altes mit Perlen besticktes Brautkleid und als er es so hochhielt, fiel sein Blick noch einmal in die Truhe. Er sah auf den Boden der Truhe und entdeckte einen hellblauen Umschlag und etwas, das so aussah wie ein Tagebuch. Er legte das Kleid behutsam beiseite und nahm den Umschlag und das Tagebuch aus der Truhe. Irgendwie war ihm das alles auf einmal ziemlich unheimlich, denn auf dem Umschlag stand in großen Buchstaben:
“Für Lucas“
Er stand auf und ging wieder in die Mitte des Dachbodens, um sich direkt unter die Glühbirne, die noch immer leicht hin und her schaukelte, zu setzen. Langsam und tief durchatmend öffnete er den Umschlag und schaute hinein. Er zog ein kleines Bündel mit Geldscheinen heraus.
»Oh Mann!«, das waren auf den ersten Blick mindestens dreitausend Dollar. Er legte das Geld neben sich auf den Boden, denn er entdeckte auch noch einen Briefbogen. Vorsichtig nahm er den Brief heraus und las.
Mein lieber Lucas!
Wenn Du das hier liest, dann weißt auch Du, dass es an der Zeit war für mich zu gehen. Ich danke Dir von ganzem Herzen für Deine Liebe und Fürsorge, die Du mir geschenkt hast. So traurig das auch klingen mag, aber Du warst das Beste, was meine Tochter je zustande gebracht hat und für mich eine unbeschreibliche Bereicherung in meinem Leben. Die schönsten Momente meines Lebens nach dem Tod Deines Großvaters verdanke ich Dir. Du bist ein ganz besonderer Mensch, genauso wie er es war. Du hast wirklich viel von ihm. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder ein paar Dollar für Dich beiseitegelegt. Es ist nicht sehr viel, aber für ein Auto, das Du nun brauchen wirst, um in die Stadt zu kommen, wird es hoffentlich reichen. Ich werde Dich vermissen, mein Schatz! Ich küsse und umarme
Dich!
In Liebe Deine Nana
Lucas wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch.
»Ich vermisse dich auch Nana!«
Die Bilder der vergangenen Tage tanzten in seinem Kopf. Wie er sie fand nach ihrem schweren Schlaganfall, die Fahrt ins Krankenhaus, das sie jedoch nicht mehr lebend erreichte. Lucas war völlig durcheinander, so etwas hatte er noch nicht erlebt. Tote, die einem im Traum Hinweise geben, das war einfach zu verrückt und unrealistisch. Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Hatte sich dort drüben etwa der alte braune Lampenschirm, der auf dem Boden lag, bewegt? Ihn überkam ein mulmiges Gefühl, gefolgt von Gänsehaut. Schnell nahm er das Geld, den Brief, das Tagebuch und sprang auf.
»Autsch«, er stieß sich den Kopf an der Dachschräge, aber ignorierte den kurzen Schmerz, stieg die Leiter hinunter und schloss die Luke zum Dachboden so schnell er konnte.
»Das ist doch verrückt.« Lucas schüttelte den Kopf.
Er ging hinunter in die Küche und setzte sich an den Tisch
»Das glaubt dir doch kein Mensch!«
Er legte das Geld, den Brief und das Tagebuch auf den Tisch und ging zum Kühlschrank. Eigentlich war es noch nie seine Art in Stresssituationen zum Alkohol zu greifen, doch jetzt brauchte er dringend ein Bier. Er öffnete es, trank einen großen Schluck und setzte sich an den Tisch. Dann nahm er das Tagebuch in die Hand und betrachtete es von allen Seiten. Es war schwarz und mit goldenen Leisten an den Kanten verziert. Der Stoff mit dem es von außen bezogen war, war feinster Samt. Lucas schlug die erste Seite auf und las:
Das Begehren das Unabänderliche zu verändern,
liegt in der Natur des Menschen.
Jeder Tag wird durch sein Denken und Handeln
neu geschrieben.
M. L., 1849
Er klappte das Tagebuch wieder zu und betrachtete es ganz genau - von allen Seiten.
»1849, so alt kannst du doch noch nicht sein und wer zum Teufel ist M. L.?«, fragte er sich laut, denn das Tagebuch sah aus, als wäre es nagelneu.
„Na ja, vielleicht nur ein Zitat einer berühmten Person.“, dachte Lucas. Er öffnete das Tagebuch wieder und blätterte eine Seite weiter…
Liebes Tagebuch!
Heute Morgen hat mich Mimi aus dem Schlaf gerissen. Sie klingelte Sturm, um mir Ihren heiß begehrten Käsekuchen zu bringen. Sie blieb etwa eine Stunde und ich musste morgens um 10.00 Uhr Käsekuchen frühstücken. Sie ist ganz schön mitgenommen. Als sie ging habe ich mich erst noch mal aufs Ohr gelegt und habe ganze drei Stunden lang geschlafen. Mir war kotze-schlecht, deshalb bin ich etwas spazieren gegangen und habe Sarah getroffen. Wie hübsch sie doch ist und wie lange habe ich sie nicht mehr gesehen. Sie ging mit zu mir, wir aßen Mimis Käsekuchen und unterhielten uns den ganzen Abend lang. So gegen 23.00 Uhr ging sie dann nach Hause. Ich bin so froh, dass sie wieder hier ist!!!
Moonville, 17. März 2007
Lucas schaute auf den großen Kalender, der gleich neben der Küchentür hing. Heute war der 16. März 2007. Aber das war doch ihre Handschrift. Er kannte doch die Handschrift seiner Nana!
»Nana, da warst du ja wohl doch schon ganz schön durcheinander!«
Er nahm den Brief noch mal in die Hand. Ohne jeden Zweifel - das war die Handschrift seiner Nana. Neugierig blätterte er weiter, aber was folgte waren nur noch leere Seiten. Er klappte das Tagebuch zu und fragte sich, warum ihm nicht aufgefallen war, dass seine Großmutter in der letzten Zeit schon etwas zerstreut war. Aber es gab auch nicht den leisesten Hinweis darauf. Vielleicht hatte sie sich aber auch einfach nur im Datum geirrt. Sie war körperlich wie auch geistig eigentlich voll auf der Höhe, bis zum letzten Tag. Schließlich konnte sie ja auch noch mit ihren 79 Jahren auf den Dachboden klettern, um das Tagebuch und den Brief mit dem Geld in der Truhe zu deponieren. Vielleicht hätte er die Sachen erst in ein paar Jahren gefunden, wenn er nicht zufällig davon geträumt hätte. Und
warum legte sie überhaupt das Tagebuch zum Abschiedsbrief, wo nur lediglich ein einziger Eintrag zu lesen war.
Trotz der vielen Fragen und wirren Gedanken forderte sein Körper Ruhe. Lucas nahm das Geld ohne es zu zählen und steckte es zusammen mit dem Brief zurück in den Umschlag. Den Umschlag legte er dann in das Tagebuch und ging ins Wohnzimmer, um sich auf das Sofa zu legen. Ein letzter Gedanke ließ ihn den Schlaf noch ein paar Minuten besiegen.
War Sarah wirklich wieder in der Stadt?
TAG 1
»Lucas, ich hab’ hier etwas Schönes für dich, mein Junge!« Mimi drückte pausenlos den Knopf der Klingel.
»Oh Mann! Ja, ja, ich komme ja schon!«
Schlaftrunken wankte er zur Tür und öffnete sie.
»Mimi, es ist doch noch mitten in der Nacht.«
»Ach was, es ist doch schon 10.00 Uhr und schau mal was ich hier für dich habe.«
Mimi streckte ihm ihren leckeren selbstgebackenen Käsekuchen entgegen und sogleich drängelte sie sich durch die Tür, an ihm vorbei und steuerte geradewegs in die Küche.
»Du bist doch jetzt ganz alleine und einer muss sich doch jetzt um dich kümmern.«
Mimi war die beste Freundin seiner Großmutter und wohnte in dem kleinen alten Haus genau gegenüber auf der anderen Seite der Straße. Die beiden alten Damen waren seit vielen, vielen Jahren unzertrennlich, wie zwei sich liebende Schwestern. Mimi begann den Tisch zu decken und Kaffee zu kochen.
»Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst! Clara fehlt mir so sehr…!«
Mimi begann zu schluchzen, während sie das Wasser in die Kanne laufen ließ.
»Mimi, setz dich, ich mach das schon.«
Lucas, noch immer schlaftrunken, nahm ihr die Kanne aus der zitternden Hand.
»Was mache ich denn jetzt bloß ohne sie?«
»Ich weiß was wir jetzt machen, wir essen jetzt erstmal ein leckeres Stück Kuchen.«
Ein Lächeln huschte über Mimis Gesicht, bevor sie es in ein großes Stofftaschentuch vergrub und sich voller Inbrunst ihres Naseninhaltes entledigte. Lucas setzte sich an den Tisch und strich ihr sanft über den Kopf.
»Mir fehlt sie auch, Mimi, mir fehlt sie auch…«
»Hast du auch noch das Gefühl, dass sie noch da ist?«, brachte Mimi schluchzend hervor und Lucas nickte schweigend. So saßen die Beiden beieinander, aßen Kuchen und begannen damit sich alte Geschichten zu erzählen. Das ist immer so, dass trauernde Menschen sich an die schönen und lustigen Momente mit ihren Liebsten erinnern.
Und als Lucas so überlegte, dann gab es eigentlich auch nur schöne Erinnerungen an seine Großmutter.
»Huch, es ist ja schon fast halb zwölf. Jetzt muss ich aber rüber! Du weißt ja, wenn Hank nicht pünktlich sein Mittagessen auf dem Tisch stehen hat, dann ist er für den Rest des Tages unausstehlich… Du bist ein guter Junge.«
Mimi kniff ihm in die linke Wange, verließ das Haus und verschwand schnell im Haus gegenüber.
Eigentlich wollte Lucas duschen, er hätte es auch mehr als dringend nötig gehabt, aber ihn überkam wieder diese unglaubliche Müdigkeit. Er ließ in der Küche alles stehen und liegen und trottete wieder ins Wohnzimmer auf das Sofa. Irgendwie fühlte er sich dort am wohlsten. Kaum lag er auf dem Sofa, war er auch schon eingeschlafen.
Die Sonne blendete sein Gesicht, als er am Nachmittag wieder aufwachte. Völlig durchschwitzt schleppte er sich in die Küche, öffnete den Kühlschrank und nahm die Milch heraus. Er war furchtbar durstig und trank die halbe Plastikflasche leer. Als das Duftgemisch von Schweiß und Bier seine Nase erreichte, war es nun wirklich an der Zeit zu duschen. Er ging hinauf ins Bad und verließ die Dusche erst, als seine Füße und Hände total schrumpelig waren. Irgendwie fühlte er eine innere Übelkeit in sich aufsteigen, als er seine Haare mit dem Handtuch trocken rubbelte. Die eiskalte Milch war wohl doch nicht so der richtige Durstlöscher und so beschloss er sich schnell anzuziehen und ein wenig frische Luft zu schnappen. Lucas atmete tief durch. Er fühlte sich nach einigen Schritten schon ein kleines bisschen besser und wanderte ziellos durch den kleinen Vorort von Moonville. Ohne es so richtig zu registrieren, stand er plötzlich vor dem Eingang zum Friedhof. Und wo er schon einmal da war, beschloss er auch mal nach dem Rechten zu sehen. Er ging den schmalen Pfad entlang, vorbei an den zum Teil sehr, sehr alten Gräbern. Aus der
Ferne sah er, dass jemand Blumen auf das Grab seiner Großmutter legte.
»Sarah!«
Dort stand sie und hatte einen großen Strauß mit Sonnenblumen auf das Grab gelegt. Unbemerkt ging er auf sie zu.
»Sarah.«, flüsterte er leise von hinten in ihren Nacken.
Erschrocken drehte sie sich blitzschnell um.
»Lucas!«, sie umarmten sich und er ließ ihre Füße in der Luft schweben.
»Lucas, ich habe es erst heute Morgen erfahren, es tut mir so leid!«
»Schön dass du wieder da bist.«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie hielten sich eine Weile schweigend fest. Zu lange hatten sie sich nicht mehr gesehen. Mehr als zwei Jahre waren mittlerweile verstrichen, aber ihm kam es vor wie eine halbe Ewigkeit. Sarah hatte vor einigen Jahren einen Studienplatz in Kalifornien erhalten, auf der anderen Seite des Kontinents und war in den letzten Jahren, wenn überhaupt nur zu Weihnachten in der Stadt. Auch ihre Familie hatte so einige Probleme und so musste sie sehr hart arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren.
»Und, meine Schöne, bist du jetzt Veterinärmedizinerin?«
»Ja, ich hab es geschafft!«
Er drückte sie noch einmal ganz fest, und ließ sie dann wieder sanft zu Boden.
»Sis, ich bin so froh, dass du wieder da bist…«, er blickte ihr tief in ihre dunkelbraunen Augen. »…Du glaubst gar nicht, wie sehr wir dich vermisst haben, Nana und ich.«
Sarahs Augen füllten sich mit Tränen.
»Ich wünschte, ich hätte mich noch von ihr verabschieden
können!«
Lucas legte seine Hände sanft an ihre Wangen, wischte ihre Tränen zärtlich mit seinen Daumen aus dem Gesicht und nahm sie gleich darauf wieder in seine Arme.
»Jetzt bist du ja da.«
Sie hielten sich noch eine Weile schweigend fest.
»Komm, wir gehen ein bisschen.«, sagte Lucas schließlich. Er nahm ihre Hand in seine und sie verließen den Friedhof. Ziellos schlenderten sie durch den kleinen Ort, der wie immer wie ausgestorben wirkte. Sie hatten sich so viel zu erzählen. Und es war plötzlich so, als wäre sie nie fort gewesen. Sie erzählte von ihrem Studium, von ihrer gescheiterten Beziehung, von den Tieren, von ihrem Job als Kellnerin, von ihren Ängsten und er - er hörte einfach nur zu. Schließlich standen sie vor seiner Tür.
»Komm, geh noch mit rein. Mimi hat mich heute Morgen mit ihrem Käsekuchen überfallen, der möchte auch von dir gegessen werden.«
»Hmm, Mimis Käsekuchen, nah, wer kann dazu schon nein sagen!«
Auch Sarah verband mit dem Haus ihre Kindheit, weshalb sie erst mal durch die unteren Zimmer ging. Währenddessen räumte Lucas schnell die Küche auf und deckte den Tisch neu ein.
»Hier hat sich gar nichts verändert. Ich habe das Gefühl, dass Nana gleich die Treppe herunterkommt und mich begrüßt.«
Lucas schluckte.
»Komm, der Kaffee ist fertig.«
Sie unterhielten sich den ganzen Abend lang. Lucas erzählte ihr von seiner Arbeit im Krankenhaus, wo er auf der chirurgischen Station arbeitete.
»Wie sieht es denn jetzt bei dir aus, steht Paul noch zu seinem Wort?« fragte er schließlich.
Paul Stone war ein mittlerweile schon älterer Herr mit einer kleinen Tierarztpraxis hier am Rande von Moonville.
Er war ein liebenswürdiger Mann, der ihr, als sie die Stadt verließ, einen Job in seiner Praxis anbot, wenn sie ihr Studium erfolgreich zu Ende bringen würde.
»Oh ja, ich bin ein echter Glückspilz. Paul braucht sogar dringend Unterstützung. Schon allein die Oldfield-Farm hält ihn ordentlich auf Trab. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste.«
Lucas schaute sie an und war so unglaublich froh, dass sie wieder ganz in seiner Nähe war. Der Abend verging wie im Flug und als Sarah auf die Uhr sah, war es schon fast 23.00 Uhr.
»Willst du nicht hier bleiben?«
»Tante Betty wartet sicher noch auf mich. Wie wäre es mit Mittagessen, ich koch uns morgen was Leckeres, hier bei Dir.«
Lucas war einverstanden und die Beiden verabredeten sich für den nächsten Tag, um 13.00 Uhr. Er war so glücklich, seine beste Freundin und Vertraute wieder in der Stadt zu haben. Er ging zum Kühlschrank, nahm eine Dose Bier heraus, ging ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen.
»Autsch!«
Lucas setzte sich genau auf das Tagebuch, mit dem er in der Nacht zuvor, eingeschlafen war. Er zog es hervor und ärgerte sich darüber, dass er vergessen hatte es Sarah zu zeigen. Mit einer Hand ließ er die Seiten durch seinen Daumen gleiten und da war noch der Umschlag mit dem Geld. Er nahm den Umschlag mit dem Geld heraus, um es zu zählen und bemerkte, dass er anscheinend das folgende beschriebene Blatt im Tagebuch übersehen haben musste.
Liebes Tagebuch!
Heute hat sich mein neuer Nachbar zum Essen eingeladen und er hat Sarah ganz schön angemacht. Er ist doch ein sehr merkwürdiger Typ. Sis kann noch immer nicht kochen, aber wir haben uns nichts anmerken lassen. Es war zwar ganz witzig, doch dieser Gab ist mir doch irgendwie unheimlich. Ich werde heute früher schlafen gehen müssen, denn morgen geht die Arbeit wieder los.
Moonville, 18. März 2007
Lucas schlug das Tagebuch zu.
»Ruhig…, gaaanz ruhig..!«
Er atmete tief durch. Dafür musste es doch eine rationale Erklärung geben. Klar, jemand war in das Haus geschlichen und erlaubte sich einen üblen Scherz mit ihm. Aber wer? Sein Körper war übersäht von Gänsehaut. Es musste jemand sein, der ihn gut kannte. Er schlug das Tagebuch wieder auf. Die Schrift! Die Schrift war wieder die seiner Großmutter. Kein Problem, die kann man fälschen, aber wer zum Teufel machte so etwas? Eigentlich war er sich absolut sicher, dass es gestern diese Seite noch nicht gab. Doch jetzt zweifelte er. Vielleicht hatte er die Seite doch übersehen. So sehr sich Lucas auch anstrengte, er konnte sich diesen Eintrag nicht erklären, er war doch nicht blöd. Gab war ja erst vor drei Tagen in das Haus nebenan eingezogen, wieso stand hier etwas über ihn im Tagebuch. Vielleicht wohnte er aber auch schon länger dort. Nein, der protzige rote Mercedes wäre ihm sicher ins Auge gefallen.
»Jetzt drehst du völlig durch!«, sagte Lucas laut und griff nach der Flasche Kräuterschnaps, die vor ihm auf dem Wohnzimmertisch stand. Er setzte die Flasche an seinen Mund und ließ den letzten Rest auf Ex in seinen Rachen gleiten. Dann betrachtete er das Tagebuch noch einmal von allen Seiten. Er schlug es auf und las den ersten Eintrag nochmals durch. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er gestern bereits gelesen hatte, was er an diesem Tag erlebte.
Mimi und ihr Kuchen, ihm war schlecht und er traf Sarah. Lucas stand auf und ging in die Küche. Er holte seine Zigaretten und die Flasche Jack Daniels, die ebenfalls Bestandteil seines Einkaufs war. Er ließ sich wieder in das Sofa fallen und trank den Whisky in vollen Zügen direkt aus der Flasche. Er nahm das Tagebuch in seine Hand.
»Prost…, vielleicht kannst du mir ja mal die Lottozahlen aufschreiben!...«, sprach er zum Tagebuch und nahm wieder einen großen Schluck Whisky. »…Luci, du hast Halluzinationen…«
Er schaute auf die Flasche und sah, dass er bereits in Rekordzeit die Hälfte der Falsche geleert hatte. »…Und jetzt bist du auch noch breit!«
Er legte sich auf das Sofa. Jetzt bemerkte er, dass nicht nur seine Gedanken wie verrückt in seinem Kopf kreisten, sondern auch das Wohnzimmer. Morgen würde er Sarah das Tagebuch unbedingt zeigen, sie würde ihn schon nicht für verrückt halten, dachte er und schlief völlig betrunken ein.
TAG 2
Als der Durst und das dringende Verlangen sich seines Blaseninhaltes zu entleeren ihn am nächsten Morgen weckten, war die Sonne noch nicht aufgegangen. Nach seinem Besuch im Bad ging er in die Küche, öffnete den Kühlschrank und griff nach der Flasche Milch, die er kurz ansah, dann jedoch gleich wieder in den Kühlschrank zurückstellte. Stattdessen trank er lieber Leitungswasser direkt aus dem Hahn. Nachdem der erste Durst gestillt war, ging er zurück ins Wohnzimmer. Er ließ sich auf das Sofa fallen, nahm seine Zigaretten und zündete Eine an. Nachdenklich starrte er auf das Tagebuch, wollte es jedoch in dem Moment nicht in die Hand nehmen. Stattdessen griff er nach dem Umschlag mit dem Geld. Er zählte es und es war vielmehr darin, als er auf dem ersten Blick vermutete. 4700 Dollar hielt er in seinen Händen. Er legte das Geld beiseite und las noch einmal den Abschiedsbrief seiner Großmutter. Seine Augen füllten sich wieder mit Tränen. Er lehnte sich zurück und atmete den letzten Zug aus seiner Zigarette tief ein. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Er schloss aber die Augen und ließ die Bilder der letzten Tage abermals an sich vorbei ziehen. Als er die Augen wieder öffnete, beäugelte er skeptisch das Tagebuch.
»Was passiert hier?«
Er nahm es in die Hände und las die beiden Einträge noch einmal. Wie war das bloß möglich? Misstrauisch schaute er sich die Widmung an. M.L. 1849. Die Initialen konnte er mit keinem der klassischen Dichter, den er kannte in Verbindung bringen und so sehr er sich auch anstrengte, er konnte sich auch nicht daran erinnern das Tagebuch jemals in den Händen seiner Großmutter gesehen zu haben. Aber es musste ihr gehören, denn dass sie es ihm zusammen mit dem Brief hinterließ, stand für ihn außer Frage. Wie konnte es sein, dass seine Erlebnisse in dem Tagebuch standen, bevor sie überhaupt passierten? Lucas beschloss sich nun erst einmal unter die Dusche zu stellen, bevor er weiter versuchen würde, etwas aus seiner Sicht Unerklärliches zu erklären. Außerdem fühlte er sich doch ganz schön verkatert. Er blieb fast eine halbe Stunde in der Dusche und als er sie verließ, sah er, dass die Sonne gerade aufging. Langsam ging er hinunter in die Küche und räumte den Esstisch auf, während der Kaffee, der durch die Maschine lief, einen wunderbaren Duft verbreitete. Er hatte das erste Mal seit ein paar Tagen wirklich richtigen Hunger und schmierte sich ein dickes Käse-Schinken Sandwich. Er schaltete das kleine alte Radio ein und hörte den Oldie Sender, den seine Großmutter leidenschaftlich gerne hörte. Er erinnerte sich daran, wie sie immer mit Elvis im Duett sang. Er versuchte das Thema Tagebuch zu verdrängen, denn er kam mit seinen Gedanken sowieso keinen Schritt weiter. Sarah würde ihm schon dabei helfen eine plausible Erklärung dafür zu finden. Mit diesen Gedanken und Elvis mit Return to Sender im Hintergrund, aß er sein Sandwich und trank seinen Kaffee. Anschließend zog er sich an und begann damit im Wohnzimmer und in der Küche aufzuräumen.
Er merkte erst wie schnell die Zeit verflogen war, als Sarah vor der Tür stand und klingelte.
»Hey Sis, komm rein!«
»Hier, ich wusste nicht, ob du was im Kühlschrank hast. Ich hab aus Tante Bettys Kühltruhe ein paar T-Bone Steaks mitgehen lassen.«
Sarah kam herein, ging in die Küche und legte einen Gefrierbeutel mit 5 riesigen Steaks auf die Spüle.
»Ich hoffe Du hast Hunger und irgendwas an Beilagen im Kühlschrank!«
Lucas grinste, während Sarah den Kühlschrank öffnete und den Inhalt genauestens inspizierte. Sie nahm eine Plastikdose mit fertigem Krautsalat heraus.
»Hast du Kartoffeln?«
»Nicht wirklich.«, antwortete er.
»Ich lauf mal eben zu Mimi rüber und organisier uns welche.«, sagte sie und so schnell wie sie verschwand war sie auch schon wieder da.
»Wusstest du eigentlich, dass du gegenüber einen Supermarkt hast?«, fragte sie grinsend, während sie die Tüte mit den Kartoffeln in die Spüle stellte.
»Hm?«
»Mimi hat für ihren Hank das alte Zimmer von Steven zum Supermarkt umfunktioniert!«
Steven war Hank und Mimis Sohn, der mit einer wunderschönen Mexikanerin verheiratet war und mit ihr auch in Mexiko lebte.
»Na, das passt ja.«
Lucas musste auch grinsen, denn er hatte das Bild von Hank in seinem Kopf. Dieser wog so schätzungsweise mindestens 280 Pfund und war dabei von nur recht durchschnittlicher Größe.
»So, was möchtest Du? Kartoffelpüree oder Bratkartoffeln?«, fragte Sarah.
Er entschied sich für die Bratkartoffeln und Sarah machte sich an die Arbeit. Währenddessen erzählten sie sich alte Geschichten. Zum Beispiel, wie Lucas als Kind von der großen Eiche fiel und sich einen Arm brach, oder als Sarah in Rogers Garten beim Gemüse klauen erwischt worden war.
»So ein Mist!«
Sarah bemerkte, dass Ihre Steaks nicht nur anzubrennen drohten.
»Komm, lass mich das machen, Steaks sind Männersache!« Lucas, nahm ihr die Gabel aus der Hand und drehte die Steaks um. Die Steaks sahen auf einer Seite schon ziemlich schwarz aus, aber er sagte nichts und schaltete den Herd
ein paar Stufen herunter. Plötzlich klingelte es an der Tür.
»Ich geh schon.«
Sarah lief schnell zur Tür.
Kurze Zeit später kam sie in Begleitung zurück.
»Lucas, wir haben noch einen Gast mehr zum Essen.«
Sarah schob seinen neuen Nachbarn zur Küche herein.
»Eigentlich wollte ich mich nur auf eine Tasse Kaffee bei ihnen einladen.«
Lucas verzog das Gesicht, denn er wäre lieber mit Sarah alleine gewesen. Er drehte sich aber sogleich um und begrüßte ihn freundlich.
»Mr. Gab«, sagte er, während er ihm die Hand mit einem gequälten Lächeln im Gesicht reichte.
»Meine Freunde nennen mich Vic und da wir ja jetzt Nachbarn sind…«
»Okay - Vic, setz dich doch!«, sagte Sarah forsch und wies ihm einen Stuhl zu.
Sie bemerkte, dass Lucas nicht gerade von seinem Besuch begeistert war, aber jetzt konnte sie ihn ja auch schlecht wieder ausladen. Außerdem war ja mehr als genug zu essen da. Sarah deckte den Tisch und als Lucas die Steaks auf den Tellern verteilte, legte er Vic unauffällig das verbrannteste Stück Fleisch von allen auf den Teller.
»Hm, das sieht aber lecker aus.«
Vic schnitt sich ein dickes Stück ab, um es zu probieren.
»Tut mir leid, mir ist nicht gerade der Kochlöffel in den Schoß gefallen, aber ich gebe mein Bestes.«, bemerkte Sarah und Vics Blick fiel auf Lucas.
»Nein, nein, die Steaks habe ich versaut.«, sagte Sarah.
»Nicht versaut, nur knusprig eben, wie ich es mag.«, sagte Lucas, während er sich auch eines der Steaks auf den Teller legte.
»Nein, schmeckt super!«, sprach Vic, der sichtlich Probleme hatte das Fleisch zu kauen, aber es geschickt zu verbergen vermochte.
Lucas wusste in diesem Moment, dass er entweder verrückt war oder er tatsächlich ein unglaubliches Buch nebenan auf dem Sofa liegen hatte. Er fühlte sich wie in einem Déjà-vu, dass aber keines war. Der letzte Eintrag im Tagebuch wurde ihm erst jetzt bewusst - jetzt, wo sie verbrannte Steaks auf dem Teller liegen hatten. Sie aßen in aller Ruhe und Victor Gab erzählte von seinem Job. Dass er verheiratet war und keine Kinder hatte. Dass er aber auch eine Geliebte hatte, erwähnte er in Gegenwart von Sarah natürlich nicht. Dann redete er über seine Arbeit. Er erzählte von einem Ehepaar, das er vertrat, die zur Eheberatung gingen um Selbige zu retten. Allerdings waren die Beiden mit dem Therapeuten so unzufrieden, dass sie ihn gemeinsam im Park nackt an einen Baum banden, mit einem Schild um seinen Hals auf dem geschrieben stand: Ich bin nackt und rede dummes Zeug. Er erzählte lauter solche abstrusen Geschichten. Der hatte aber auch Geschichten auf Lager. Teilweise unglaublich, teilweise nachvollziehbar. Solche Geschichten liegen ja schließlich immer im Auge des Betrachters. Lucas und Sarah amüsierten sich sichtlich über die verrückte Welt der Straftaten, allerdings versteinerte sich zwischendurch Lucas Gesichtsausdruck. Nämlich immer dann, wenn Gab Sarahs Hand tätschelte, oder sie mit seinen Blicken zu verschlingen schien. Lucas achtete peinlich genau auf jede Kleinigkeit. Für ihn hatte er plötzlich etwas Hinterhältiges in den Augen, was aber in völligem Widerspruch zu seinem gesamten Wesen stand. Aber so fühlte er nun einmal. Sarah war für ihn wie seine kleine Schwester, die er immer beschützte, von Kindesbeinen an. Er verstand aber auch, dass Sarah nun eine attraktive junge Frau war und nicht mehr die kleine Rotznase, mit den langen schwarzen Indianerzöpfen.
»So, jetzt werde ich mich aber mal auf den Weg nach nebenan machen. Ich muss noch ein paar Unterlagen bearbeiten und in meine Kanzlei faxen.«, sagte Gab.
Mittlerweile waren schon wieder drei Stunden vergangen.
»Oh wie schade - Das müssen wir aber unbedingt mal wiederholen!«, sagte Sarah.
»Das nächste Mal koche ich.«, sagte Gab.
»Okay, Deal!«, erwiderte Sarah und Lucas nickte widerwillig zustimmend.
Sie brachten ihn noch zur Tür und schauten ihm nach, wie er in seinem Haus verschwand.
»Na das ist doch ein netter Kerl.«, sagte Sarah.
»Na klar, wenn man auf kleine dicke Glatzköpfe steht.«, antwortete Lucas und grinste.
Sarah gab ihm mit den Worten „Du Blödmann“ einen Boxhieb auf den Oberarm.
»Sis, ich muss dir unbedingt etwas zeigen!«
Lucas wurde ernst, nahm Sarah an die Hand und zog sie mit ins Wohnzimmer. Er nahm das Tagebuch vom Sofa und drückte es ihr zusammen mit dem Brief in die Hand.
»Hier, das musst du dir unbedingt ansehen. Nana hat es mir mit diesem Brief hinterlassen und ich möchte von dir wissen, was du davon hältst.«
Sarah legte das Tagebuch zurück auf den Tisch, nahm zuerst den Brief und las ihn. Anschließend wischte sie sich eine Träne von der Wange.
»Sie war eine wunderbare Frau, Lucas. Du kannst dich wirklich glücklich schätzen sie so lange für dich gehabt zu haben.«
Sarah hatte, ebenso wie er, auch nicht so ein Glück was ein heiles Familienleben betraf. Ihr Vater war unbekannt und
ihre Mutter verschwand eines Tages spurlos. Gerüchten zufolge schenkte sie ihre Liebe einem Zuhälter, der sie dann verschleppte, was aber wie gesagt, nur ein Gerücht war. Ihre überaus strenge Tante Betty zog sie alleine groß, denn es gab auch keinen “Onkel Betty“. Sie legte den Brief auf den Tisch und widmete sich nun intensiv dem Tagebuch.
»Das ist ja ein tolles Tagebuch, aber ist das nicht eher was für Mädchen?«
Sie schlug es auf und Lucas wurde kreidebleich. Alle Seiten waren leer. Sprachlos nahm er ihr das Tagebuch aus der Hand und blätterte es selbst noch einmal durch, doch nichts. Alles war weg, noch nicht einmal die Widmung war noch da. Lucas wurde blass und bemühte sich nun darum sich nichts anmerken zu lassen, dass sich alles um ihn herum zu drehen schien.
»Und, willst du es benutzen?...«, fragte Sarah. »…Falls nicht, kannst du es gerne mir vermachen, ich bin ja schließlich ein Mädchen!«
Sarah lachte und Lucas bemühte sich um ein kleines Lächeln.
»Nein, nein, vielleicht benutze ich es ja doch mal…« Lucas versuchte zu grinsen. »…Irgendwas hat sich Nana ja wohl dabei gedacht!«
»Ja, wahrscheinlich… Komm, wir gehen aufräumen.«
Sarah nahm ihm das Tagebuch aus der Hand, betrachtete es noch einmal mit leuchtenden Augen, legte es auf den Tisch und schob Lucas zurück in die Küche. Sie begannen mit der Aufräumarbeit und Sarah erzählte die ganze Zeit etwas. Er hörte jedoch nicht wirklich zu. Seine Gedanken kreisten um das Tagebuch. Das ergab alles keinen Sinn. Warum war das Tagebuch leer? Hatte er das alles nur geträumt? Vielleicht war es auch der Alkohol. „Verdammter Alkohol“, dachte er.
»Lucas, hörst du mir überhaupt zu?«
Sarah piekte ihn mit einer Gabel, die sie gerade abtrocknete leicht in die Hüfte. Und ihr Blick viel dabei auf die Wanduhr.
»Ups, es ist ja schon fast 17.00 Uhr. Ich muss jetzt langsam los, morgen ist mein erster Arbeitstag und der beginnt um 5 Uhr morgens. Ja und Tante Betty bringt mich um, wenn ich nicht heute noch meine Koffer wegräume und Ordnung in mein Zimmer bringe.«
Sarah legte die Gabel in den Besteckkasten und wendete sich Lucas zu.
»Tut mir Leid Sis, wenn ich heute etwas komisch war, aber ich bin noch ein bisschen durch den Wind!«
Sarah sah ihn mitleidig an und er begleitete sie schweigend zur Tür.
»Wenn etwas ist, du weißt ja, wo du mich finden kannst!«, sagte sie und nahm seine Hände in ihre. Sie zog ihn zu sich herunter und gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange.
»Ich weiß!«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Sie verließ darauf das Haus.
Lucas stand noch eine kleine Weile an der Türschwelle, bis sie vollkommen aus seinem Blickwinkel verschwunden war. Schnell schloss er die Tür und ging geradewegs auf das Tagebuch zu. Er nahm es in die Hand und öffnete es.
Es war unglaublich und er traute seinen Augen nicht, denn alle Einträge waren auf einmal wieder da. Irritiert warf er das Tagebuch auf den Tisch und sich selbst auf das Sofa. Er zündete die letzte Zigarette aus seiner Schachtel an und wurde auf einmal ganz ruhig. Was wäre, wenn das Tagebuch wirklich die Zukunft voraussagen könnte und der Inhalt des Tagebuches nur für ihn bestimmt war? Das war in diesem Moment eine für ihn logische Erklärung, schließlich war ja alles verschwunden, als er es Sarah zeigte. Unlogisch war allerdings die gesamte Existenz dieses Buches, das sich wie von Geisterhand mit Zukunftseinträgen füllte. Lucas war eigentlich immer ein sehr realistischer Mensch, der nie an übernatürliche Dinge glaubte und sich auch immer über andere lustig machte, die von irgendwelchen übernatürlichen Erlebnissen erzählten. Aber jetzt steckte er mittendrin in einem solchen Erlebnis. Er drückte die Zigarette aus und schloss die Augen. Geistig und körperlich völlig überfordert schlief er ein.
»Es wird Zeit!«, hauchte ihm eine tiefe dunkle Männerstimme ins Ohr.
Lucas öffnete die Augen. Das ganze Wohnzimmer war in gleißend hellen Nebel getaucht. Erschrocken blickte er sich um. Am Ende des Sofas entdeckte er den Umriss einer Gestalt. Der Nebel machte es ihm aber unmöglich zu erkennen wer oder was dort stand. Blitzschnell schreckte er hoch, doch der Nebel war verschwunden und mit ihm auch die diese schemenhafte Gestalt. Er hatte geträumt, oder nicht? Er stand auf und ging in die Küche, ließ den Wasserhahn laufen und schüttete sich mit beiden Händen Wasser ins Gesicht. Als er das Gesicht mit dem Geschirrtuch trocknete, mit dem Sarah zuvor noch abgetrocknet hatte, fiel sein Blick auf die große alte hölzerne Küchenuhr. Es war erst 17.20 Uhr. Er hatte das Gefühl, als hätte er ein paar Stunden geschlafen, aber es konnten höchstens fünf bis zehn Minuten gewesen sein, wenn überhaupt. Lucas wurde in seinen Gedanken unterbrochen, denn sein Handy klingelte. Er ging in die Diele und zog das Handy aus seiner Jackentasche.
»Ja, hallo?«
»Shawn hier. Kannst du morgen die Frühschicht für mich übernehmen, ich hab was Dringendes zu erledigen?«
»Hm Okay.«, antwortete er etwas widerwillig.
»Wie geht’s dir denn, Alter? Ist bei dir alles in Ordnung? Ich wollte mich ja melden, hab es aber gelassen. Ich dachte mir, du möchtest vielleicht lieber deine Ruhe haben.«
»Ist schon okay Shawn, mir geht’s gut.«
»Ok, wir sehen uns.«
»Gut, bis dann.«
Lucas klappte das Handy zu und legte es auf den Küchentisch. Shawn Jones war vor etwa einem Jahr von Boston hierher gezogen und Lucas hatte sich mit ihm angefreundet. Viele Freunde hatte er ja nicht. Shawn war ein verrückter Typ, deshalb fragte Lucas auch erst gar nicht, warum er für ihn einspringen sollte. Er würde es ihm dann schon erzählen. Sicher steckte wieder eine Frau dahinter. Aber jetzt musste er morgen schon um 6 Uhr morgens in der Klinik sein. Irgendwie passte ihm das gar nicht, aber Shawn war ja schließlich sein Kumpel. Er ging zurück in die Diele und nahm eine neue Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche. Anschließend nahm er auch noch ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Küchentisch. Morgen würde er sich mit Nanas Geld ein Auto kaufen. Seine Nana war die Beste, dachte er und schlussfolgernd konnte auch das Tagebuch nichts Schlechtes sein. Er versuchte mal wieder seine Gedanken um das Tagebuch zu verdrängen. Außerdem verspürte er auch wieder ein leichtes
Hungergefühl und ging an den Kühlschrank. Er nahm die Dose mit dem Krautsalat heraus und ging zurück ins Wohnzimmer, wo er sich wieder auf dem Sofa niederließ. Dann schaltete er den Fernseher ein und aß den letzten Rest direkt aus der Dose, während er zwischen jedem Happen mit der Fernbedienung umschaltete. Eigentlich war er sehr froh, dass er wieder arbeiten gehen konnte, da war es doch auch eigentlich egal, ob Früh oder Spät. Sein Leben wurde in den letzten Tagen vollkommen auf den Kopf gestellt und es wurde wieder Zeit einen geregelten Tag zu haben. Vielleicht hatte ihm das auch die mysteriöse Gestalt im Nebel aus seinem Traum zu sagen versucht. Es wurde Zeit, sich wieder den alltäglichen Dingen des Lebens zu stellen. Denn bei aller Trauer, sein Leben ging weiter. Die Zeit verging, während er ständig umschaltete, hier und da verharrte und sich zwischendurch mit Bier und Kartoffel-Chips versorgte.
»Oh, Men in Black!«
Jetzt hatte er endlich genau die Art von Unterhaltung gefunden, die er brauchte. Der Film fing gerade erst an und so ließ er sich von ihm berieseln. Aber dennoch schaute er immer wieder auf den Tisch, denn auch wenn er es versuchte zu verdrängen, das Tagebuch zog ihn doch immer wieder in seinen Bann.
TAG 3
Als der Film zu Ende war, dachte er daran heute noch mal zu versuchen in seinem alten Zimmer zu schlafen, schließlich konnte er ja nicht ständig auf dem Sofa schlafen. So mit 32 Jahren konnte der Rücken auch schon mal ein bisschen schmerzen, wenn man auf einen viel zu kleinem Sofa schläft. Seine Gedanken schweiften ab. So dachte er an seinen alten Medizinprofessor von der Uni, der so treffend bemerkte:
„Der Mensch ist nur für dreißig Jahre konzipiert, denn ab dreißig setzt der körperliche und geistige Verfall ein.“
Ne, das war vielleicht ein schrulliger Typ. Dann fiel ihm ein, dass er ja… und wieder einmal stockten seine Gedanken. Genauso stand es im Tagebuch. Er setzte sich auf, legte die Tüte Chips beiseite und nahm das Tagebuch in seine Hand. Als er es aufschlug, bemerkte er sofort, dass wieder ein neuer Eintrag da war.
Liebes Tagebuch!
Heute habe ich ein super Schnäppchen gemacht. Einen Dodge Ram Pickup in schwarz für nur 2500 Dollar. Gut für
mich, jetzt habe ich noch eine kleine Geldreserve. Sarah gefällt der Wagen auch, sie hat gleich eine Runde mit ihm gedreht. Es tat gut heute zu arbeiten, auch wenn ich so was von hundemüde war. Miss Keane ist mal wieder auf meiner Station. Hüfte gebrochen. Die alte Dame ist
klasse. Sie erinnert mich ganz schön an Nana!
Moonville, 19. März 2007
Jetzt musste er wieder mal kräftig durchatmen. Er sah sich den Eintrag von gestern noch einmal an. Da er von sich
überzeugt war nicht geisteskrank zu sein, wurde ihm bewusst, dass es nicht den geringsten Zweifel daran gab, dass
ihm seine Großmutter etwas ganz Besonderes hinterlassen hatte. Was ihn allerdings wieder nachdenklich stimmte, war die Tatsache, dass sie es in ihrem Abschiedsbrief aber mit keinem Wort erwähnte. Er klappte das Buch zu und lehnte sich zurück.
In seinen Gedanken reiste er zurück in die Vergangenheit…
Lucas war 6 Jahre alt und gerade mal wieder vor dem “Dicken Dan“ aus der Nachbarschaft geflüchtet. Es war schon sehr spät und die Sonne war schon lange untergegangen. Wieder mal hatte er, wie so oft, die Zeit um sich herum vergessen. Seine Großmutter saß auf der kleinen beleuchteten Veranda in ihrem fröhlichen geblümten Sommerkleid und war damit beschäftigt einen dicken Pullover für ihn zu stricken. Wie ein Wirbelwind lief Lucas auf sie zu und versteckte sich hinter ihr, während der dicke Dan Unschuld heuchelnd und ganz langsam am Haus vorbei schlich.
»Lucas-Schatz, du kannst dich doch nicht immer verstecken.«
»Ja aber der ist so groß und dick, Nana und… und viel, viel stärker als ich. Der wird mich bestimmt zerquetschen!«, antwortete er hastig.
»Ja, ich verstehe schon. Komm mal her zu mir…«, sagte sie, legte ihr Strickzeug zur Seite und hob Lucas auf ihren Schoß.
»…Weißt du mein Engel, manche Dinge regeln sich im Leben von ganz alleine. Du brauchst nur ein klein wenig Geduld. Ich bin mir ganz sicher, dass er dafür schon noch seine gerechte Strafe bekommt.«
»Wirklich Nana? Das muss aber unbedingt noch heute sein, der verkloppt mich nämlich morgen wieder!«
»Nein mein Schatz, heute nicht mehr, aber morgen, vielleicht.«
Sie nahm ihn feste in ihre Arme. Ja, jetzt erinnerte sich Lucas wieder. Am nächsten Tag wurde Dan von einem schweren Lastwagen überfahren und war auf der Stelle tot. Sie musste es gewusst haben, aber wenn sie es gewusst hatte, dann hätte sie den Unfall doch auch verhindern können. Andererseits vielleicht war es nun mal sein Schicksal auf dem Weg zum Schokoladen-Laden überfahren zu werden. Aber Lucas war nun trotzdem der Überzeugung, dass sie das Tagebuch benutzte. Er nahm das Tagebuch, löschte im Wohnzimmer das Licht und ging hinauf in sein Zimmer. Behutsam wie einen Schatz, legte er es auf das Nachtschränkchen, zog sich aus und legte sich ins Bett. Er stellte den Radiowecker auf 4.32 Uhr. Mit den Gedanken an seine Nana schloss er die Augen. In seinen Gedanken hörte er Yesterday von den Beatles und sah seine Großmutter vor seinem geistigen Auge. Wie sie ihm den Kopf streichelte und sagte:
»Schatz, jetzt musst du aber wirklich schlafen!«
Zweimal drückte er die Schlummertaste, als der Radiowecker sich einschaltete. Als der Wecker sich ein drittes Mal einschaltete hörte er die Stimme des Radiomoderators…
»Es wird Zeit, Leute…«
Lucas schreckte auf. Jetzt wurde es aber wirklich Zeit. Ihm blieb nur noch eine knappe halbe Stunde, bis der Bus in Richtung Zentrum abfahren sollte. Schnell stand er auf und sprang unter die Dusche, wo er sich praktischerweise auch gleich rasierte. In der Hektik fügte er sich zwei relativ tiefe Schnittwunden mit dem Rasierer zu. In rasender Geschwindigkeit warf er sich in seine Klamotten und lief schnell die Treppe hinunter. Die Zeit lief ihm davon. In Windeseile zog er seine Lederjacke über, schnappte das Handy und die Schlüssel und rannte zur Tür heraus.
»Mist!«, schrie er nach ein paar Metern, denn er hatte das Geld vergessen.
Schnell rannte er zurück, griff den Umschlag vom Wohnzimmertisch und rannte wieder hinaus. Er schaffte es gerade noch rechtzeitig zur Bushaltestelle und stieg in den Bus ein. Sein Weg führte ihn ganz nach hinten, denn in der letzten Reihe saß er am liebsten. „Puh, das war knapp!“, dachte er und fuhr mit seinen Händen durch seine noch nassen Haare, als der Bus sich langsam in Bewegung setzte. An der nächsten Haltestelle stoppte der Bus. Eine ältere Frau stieg zu und sie setzte sich in die Reihe vor ihm. Die Frau drehte sich auch sogleich zu Lucas um und starrte ihn mit
einem grauenerregenden Gesichtsausdruck an.
»Du darfst das Schicksal nicht herauszufordern, mein Freund!«
»Entschuldigung, was haben sie gesagt?«
»Ich sagte, sie bluten da aber ganz schön im Gesicht!«
Die alte Frau mit ihrem faltigen Gesicht lächelte ihn an und streckte ihm ein schneeweißes Taschentuch entgegen.
