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Endlich wieder Daheim… Nach vielen Jahren des Studiums kehrt Glinda North als frisch gebackene Forensikerin und Doktor der Psychologie nach Florida zurück. Kaum zu Hause angekommen, bittet sie ihr Onkel, der örtliche Sheriff, um Hilfe. Es geht um Kindes-Entführung, wie sie grausamer nicht sein könnte… und es kommt noch viel schlimmer. Mit ihren eigenen Worten schildert Glinda, ihre mysteriöse und besessene Jagd nach einem scheinbar unsichtbaren Psychopathen.
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Seitenzahl: 360
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Andy Klein
ICHTHYS
One
Impressum
© 2016 Andy Klein
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7418-7608-0
Printed in Germany
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Hallo, mein Name ist Glinda
Endlich wieder Daheim
Die Akte
Lynwood und die neon-gelbe Badehose
Alpträume
Das Böse
Psycho-Spielchen
Köpfe werden rollen
Leviathan
Der Anfang vom Ende
Hallo, mein Name ist Glinda
Unser Gehirn - Ist es wirklich im Stande mehr zu leisten, als viele Wissenschaftler vermuten? Schlummern in uns ungeahnte Kräfte weit jenseits unserer Vorstellungskraft, oder sind wir von ihnen einfach nur umgeben?
Ich sage immer: "Glauben heißt nicht Wissen und Theorien sind keine Beweise".
Oh, wie unhöflich von mir. Ich sollte mich ihnen doch erst einmal vorstellen.
Mein Name ist Glinda North und ich bin Privatdetektivin. Als Tochter eines Self-Made-Millionärs und einer Kellnerin, erblickte ich vor 27 Jahren das Licht der Welt. Meinen Nachnamen verdanke ich meinem Dad. Mein Vorname allerdings geht auf die Kappe meiner Mom. Sie liebt das Märchen der "Zauberer von Oz" und hielt es wohl für besonders witzig, mich passenderweise nach der guten Hexe des Nordens zu benennen. Ich sag's ihnen, auch die besten Privatschulen schützen da vor Mobbing nicht. Meinen Spitznamen können sie sich daher ganz sicher denken...
In meinem Leben habe ich schon unglaublich viel gesehen und erlebt. Schon als Kind bereiste ich mit Mom die ganze Welt, während Dad völlig in seiner Arbeit aufging und das Familienvermögen mit Immobiliengeschäften ständig vermehrte. Nicht dass sie denken, dass meine Mom so eine typische Millionärsgattin ist, die Pelze trägt, sich in der High Society bewegt und die nobelsten Orte der Welt bereist. Nein, ganz im Gegenteil. Sie ist überzeugte Peta-Aktivistin und Umweltschützerin und sie hat ihrem alten Freundeskreis nie den Rücken zugekehrt und ich sag's ihnen, da sind so einige Früchtchen dabei. Ich denke, dass die Liebe meiner Eltern bis zum heutigen Tag so stark ist, liegt wohl daran, dass jeder so sein kann wie er ist und dass er das, was er liebt auch völlig kompromisslos ausleben darf.
Aber ich schweife mal wieder ab...
Also, ich erinnere mich noch ganz genau. Ich war gerade erst 8 Jahre alt, als ich mit Mom am Ufer des Loch Ness saß und wir gemeinsam stundenlang auf das Wasser starrten in der Hoffnung das Monster zu entdecken. Das heißt, Mom hoffte es, ich war Monstern gegenüber nicht gerade positiv gesonnen. Aber wer ist das schon in dem Alter. Schließlich lauern die unter fast jedem Bett, oder auch im Schrank und warten geduldig darauf dass man einschläft, damit sie einem das Leben aussaugen können, oder um einen gleich ganz zu verspeisen. Warum also sollte das Loch Ness Monster da eine Ausnahme sein und sich nicht einfach vom Ufer weg die kleine Glinda schnappen, um sie dann im See zu verspeisen. Glücklicherweise tauchte das Monster nicht auf. Zwei Jahre später besuchten wir Stonehenge. Dort warteten wir auf den Einbruch der Dunkelheit. Der Sonnenuntergang war wirklich traumhaft und hat sich bis heute tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich lauschte den Geschichten und Theorien meiner Mom, die bis zum heutigen Tag fest davon überzeugt ist, dass der große Zauberer Merlin irgendwo dort ein geheimes Portal geschaffen hat, das ins Jenseits führt. 12 Jahre war ich alt, als ich die Nordlichter sah. Es war so unglaublich kalt auf diesem Schiff, aber bis heute sage ich, es ist das schönste Naturschauspiel, das ich je in meinem Leben gesehen habe.
Ja, ich glaube, ich habe so ziemlich jeden bekannten mystischen Ort auf dieser Welt gesehen. Mom ist wirklich mehr als nur esoterisch angehaucht und sie ist bis heute ständig auf der Jagd nach Beweisen für ihre teils sehr wilden Theorien. Sicher fragen sie sich gerade, wie kommt eine Frau aus solch guten Verhältnissen dazu als Privatdetektivin zu arbeiten? An meinen allgemeinen Fähigkeiten lag es glücklicherweise nicht. Ich hätte sogar in Harvard oder Yale studieren können, ja das hätte ich, aber ich entschied mich für die Boston State Universität. Ist ja auch nicht gerade die schlechteste Universität. Meinen Eltern tat es zwar in der Seele weh, dass ich Florida für das Studium verließ, aber so wie sie sich gegenseitig respektierten, so unterstützten sie auch mich in all meinen Entscheidungen. Und meine Entscheidung war es forensische Pathologie und Psychologie zu studieren. Ich weiß was sie jetzt denken… Psychologie studiert doch nur einer, der selbst einen an der Waffel hat. Man vermag es ja nicht immer selbst zu beurteilen, aber ich glaube ich bin eigentlich ziemlich normal. Obwohl, was bedeutet es eigentlich "normal" zu sein und wer legt die Regeln dafür fest? Mal ehrlich, das liegt doch immer im Auge des Betrachters, oder?
Nein, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich im Menschen selbst Antworten auf die vielen offenen Fragen, die mein bewegtes Leben aufwarfen, suchen sollte. Nun ja, das erklärt noch immer nicht, weshalb ich mit einem Doktortitel in der Tasche als Privatschnüfflerin arbeite.
Dazu komme ich etwas später.
Obwohl ich eigentlich auf dem Campus wohnen wollte, ließ ich mich von meinen Eltern dazu überreden in ein kleines Appartement zu ziehen. Das kleine Appartement, welches mein Vater schließlich für mich organisierte, entpuppte sich allerdings als etwas größer. Es war 210 Quadratmeter groß und eine Penthouse-Suite. Mom war der Meinung, dass sie ja schließlich auch etwas Platz brauchen würde, wenn sie mich besuchen kommt und mir sollte es doch an nichts fehlen. Selbst eine Putzfrau war schon organisiert. Ich habe nie ein großes Aufheben um meine Person gemacht. Zu keiner Zeit wäre es mir auch nur im Entferntesten in den Sinn gekommen ein Leben als ein sogenanntes "It-Girl zu führen. Das wäre wahrscheinlich auch das Einzige gewesen, das meine Eltern nicht hätten akzeptieren können. Eigentlich war es ja auch ganz angenehm - so mit Putzfrau. So konnte ich mich nur auf das Wesentliche konzentrieren und das war nun einmal mein Studium.
Meine Studienzeit war wirklich entspannt. Hier und da mal eine kurze Romanze, aber nie etwas wirklich Ernstes.
Dafür hatte ich auch keine Zeit, denn ich war eine äußerst lernbesessene Studentin. Ich gehörte keiner Studentenverbindung an, denn Gruppenzwang,… Nähhh - Das war noch nie mein Ding. Ich traf mich oft mit Natalie, eine Kommilitonin, mit der ich aus einer Lerngruppe heraus Freundschaft schloss. Ab und zu war Mom zu Besuch. Manchmal brachte sie auch Ihre beste Freundin Jessica mit. Bei Dad sah es etwas anders aus, denn immer, wenn er einen Flug nach Boston gebucht hatte, kam ihm etwas dazwischen. Kaum zu glauben, aber er war kein einziges Mal während meines Studiums in Boston. Aber da es mich in den Ferien und zu den Feiertagen immer wieder nach Hause in die Wärme Floridas zog, war die gegenseitige Sehnsucht immer wieder gestillt.
Endlich wieder daheim
Acht lange Jahre war ich von zu Hause fort. Ich weiß es noch ganz genau, es war an einem Mittwoch, als ich endlich wieder den Boden Floridas unter meinen Füßen spürte. Es war ein so unbeschreibliches Gefühl, als ich das Flughafengebäude in Fort Myers verließ und mir in diesem Moment bewusst wurde, dass ich nicht mehr nach Boston zurückkehren würde. Diese feuchtwarme Meeresluft zu atmen und die heiße Sonne auf meiner Haut zu spüren… - Ich war endlich wieder dort, wo ich sein wollte - Zuhause.
Mom, die mich abholte, verdrückte ein paar Tränen der Freude. Sie drückte und küsste mich wie verrückt, bevor sie mir einen meiner Koffer abnahm und wir zum Auto gingen.
»Wow, was für ein schöner Wagen. Ist der von Onkel Bob?«
»Ja, ja - Komm steig ein.«
Schnell luden wir mein Gepäck in den brandneuen schwarzen Jeep Wrangler und fuhren los. Der Fahrtwind zerzauste meine Haare, während Mom mir gefühlte 1000 Mal erklärte, wie stolz sie auf mich war. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ein Einzelkind bin? Nein? Meine Mom war einfach nur froh, dass ich nun endgültig wieder zu Hause war. Uns verbindet mehr als nur eine typische Mutter -Tochter Beziehung. Sie ist auch meine Freundin und Vertraute. Jedenfalls brauchten wir nicht sehr lange, bis wir endlich zu Hause angekommen waren. Unser Familienanwesen befindet sich etwas außerhalb von Bonita Springs. Wenn sie schon mal den Film "Vom Winde verweht" gesehen haben, dann können sie sich in etwa vorstellen, wie unser Haus aussieht. Als ich noch klein war, wohnten wir in einem kleinen Einfamilienhaus in Naples, dort, wo sich auch noch heute Dad’s Büro befindet. Dann ließ er heimlich dieses wunderschöne, weiße Traum-Haus erbauen. Er überraschte uns damit, als ich 7 Jahre alt war. Mom weinte vor Freude. Sie müssen wissen, Mom und Dad küssten sich das erste Mal im Kino. Sie waren in einer Nostalgie-Vorstellung. Um welchen Film es sich handelte, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht mehr zu erwähnen.
Na jedenfalls, als wir auf unser Grundstück abbogen und unser Haus immer näher kam, stach mir ein riesengroßes Banner in die Augen… "Willkommen zu Hause - Doc North."
Es hing quer über vier der prächtigen weißen Säulen, die das ganze Haus umringen. Mom parkte den Wagen direkt vor dem Eingang.
»Komm', um dein Gepäck kümmern wir uns später. Ach so, das hätte ich fast vergessen,…hier für Dich mein Engel!«
Mom warf mir den Autoschlüssel zu und sie genoss es sichtlich mein erstauntes Gesicht zu betrachten. Sie trat um den Wagen herum auf mich zu, während ich noch mit offenem Mund, abwechselnd auf die Schlüssel und den Wagen starrte. Sie legte Ihren Arm um meine Schultern.
»Das ist unser Geschenk für dich, Doktor Glinda North. Den hast du dir mehr als verdient!«, und sie küsste mich auf die linke Wange.
Ich war sprachlos, denn dieser Jeep war wirklich ein absoluter Traum. Seit ich den Führerschein besaß, wünschte ich mir immer ein Cabriolet und nie bekam ich eins. Stattdessen bekam ich so einen hässlichen weißen Toyota Prius. Tja, Mom versucht bis heute die Welt zu retten. Nun können sie sich erst recht vorstellen, wie erstaunt ich wirklich war. Für diesen Wagen sprang sie mehr als nur über ihren Schatten - Ihren Ökoschatten, sozusagen. Arm in Arm gingen wir zur Eingangstür, die sich auch sogleich öffnete. Conzuela, unsere mexikanische Haushälterin umarmte mich in ihrer so typischen herzlichen Art. Ist ihnen schon mal aufgefallen, dass in den meisten Filmen und Serien die Haushälterinnen oder Reinigungskräfte immer Conzuela heißen? Als Teenager machte ich mir bei jeder Gelegenheit einen Spaß daraus und rief sie jedes Mal, wenn ich eine Conzuela im Fernseher entdeckte. Oft saß sie auch neben mir und verdrehte die Augen, wenn dieser Name fiel. Solange ich denken kann, ist sie schon bei uns. Mein Dad hatte damals nicht nur unser Haus auf diesem Grundstück erbauen lassen. Etwas weiter abseits steht Conzuela's Haus, das sie zusammen mit ihrem Mann Pedro bewohnt, der seinerseits unser Gärtner und Handwerker zugleich ist. Kinder haben die Beiden nicht. Nach einer Fehlgeburt, noch bevor sie bei uns arbeitete, war es ihr nicht mehr vergönnt eigene Kinder zu bekommen.
»Endlich - Endlich, bist Du wieder ganz da!...«, rief Conzuela und drückte mich mit ihrem voluminösen Körper fest an sich. »...Komm rein, komm rein.«
Wir betraten unser Haus und Mom hatte eine richtig große Willkommensparty für mich organisiert. Dad kam als Erster auf mich zu. Er küsste und drückte mich.
»Gut gemacht, Shorty!«
Dad zerstrubbelte mir anschließend mit der rechten Hand mein Haupthaar. So, wie er es immer tat, wenn er stolz auf mich war. Alle meine Freunde waren da, auch einige Verwandte und die besten Freunde meiner Mom, mit denen ich ja schließlich auch aufgewachsen war. Eine riesengroße Torte hatte Mom organisiert, auf der ebenfalls "Willkommen zu Hause - Doc North" stand. Der Abend war wirklich sehr schön, aber auch sehr, sehr anstrengend. Einige von unseren Gästen hatte ich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen, ja und bis auf meine Eltern fragte mich ausnahmslos jeder, was denn nun meine Pläne für die Zukunft wären. Aber ich wusste nicht wirklich darauf zu antworten. Einen Plan gab es noch gar nicht. Natürlich hatte ich mir ab und zu mal Gedanken gemacht, ob ich eine Praxis eröffne oder in die Forschung gehe. Aber um ehrlich zu sein, wusste ich nicht wirklich, was ich nun mit meinem weiteren Leben anfangen sollte. Meine innere Stimme sagte mir immer, dass sich schon irgendetwas ergeben wird. Und so war es ja dann auch. Ich war zu dem Zeitpunkt einfach nur froh wieder ganz daheim zu sein.
Irgendwann neigte sich die Party dem Ende zu und meine beste Freundin Melissa verließ als Letzte das Haus.
»…Und denk' dran - Wir müssen dringend was mit deinen Haaren machen.«, sagte Mel und fuhr mit ihren Händen wild durch meine Haare.
»Mal sehen, vielleicht komme ich morgen mal bei dir vorbei.«, antwortete ich und wir verabschiedeten uns.
Passenderweise war meine beste Freundin die Tochter von Jessica. Sowas muss ja nicht zwangsläufig so sein, aber in unserem Fall waren wir Gleichgesinnte. Nicht nur, dass wir in etwa gleich alt waren und quasi zusammen aufgewachsen sind, nein, auch vom Intellekt her waren wir auf einer Wellenlänge. Obwohl sie, genauso wie ich, auf eine gute Universität hätte gehen können, entschied sie sich für das Haareschneiden. Das wunderte mich nicht besonders, denn ich war schon mein ganzes Leben lang ihrer Frisiersucht hilflos ausgeliefert. Mittlerweile führt sie einen gut laufenden Friseursalon in Naples. Sogar Stars und Sternchen, die dort ansässig sind oder ihren Golfurlaub dort verbringen, lieben sie. Sie ist wirklich eine Künstlerin. Ich winkte ihr noch nach, als der Wagen des Sheriffs vorfuhr.
»Onkel Bob!«, rief ich voller Freude.
Onkel Bob, also eigentlich Onkel Robert, ist der ältere Bruder meines Dads und von all' den zum Teil recht eigenartigen Verwandten, die man sich ja bekanntlich nicht aussuchen kann, mein Allerliebster. Onkel Bob kam auf mich zu und hob mich hoch.
»Shorty - Es tut mir leid, ich bin spät dran... Du weißt schon...Verbrecher fangen und so...!«, sagte er auf seine unnachahmlich trockene Art und ließ mich wieder runter.
»Ach Onkel Bob, immer dasselbe mit dir.«, erwiderte ich dann auf meine eigene trockene Art, aber um sogleich zu grinsen und ihn nochmals herzlich zu umarmen.
Dad und Onkel Bob stehen sich wirklich sehr nahe. Sie verbindet eine ziemlich üble Kindheit mit meinem alkoholabhängigen und kriminellen Großvater Jim. Alles was sie erreichten in ihrem Leben, haben sie sich selbst schwer erarbeitet und das erforderte bedingungslosen Zusammenhalt. Ich habe immer gesagt, dass falls ich jemals in meinem Leben heiraten sollte, dann müsste er so sein wie mein Dad, oder wie Onkel Bob.
»Und, was hast du jetzt vor?«, fragte auch Onkel Bob, während er sich genüsslich ein großes Stück Torte einverleibte.
»Ich glaube, ich mache erstmal ein bisschen Ferien - Hier zu Hause. Zum Strand fahren, ein gutes Buch lesen und einfach die Seele baumeln lassen.«
»Das hast du dir auch redlich verdient, mein Schatz!«, sagte Mom und drückte mir mal wieder einen dicken Kuss auf die Wange.
So langsam ging mir dann doch die Kraft aus. Die Anstrengungen des Tages schlugen mir quasi ins Gesicht. Das bemerkte auch Onkel Bob, der sich dann auch recht zügig mit den Worten "Ich muss mich jetzt mal wieder auf den Weg machen. Ich schau‘ in Ruhe am Wochenende nochmal vorbei" verabschiedete.
»Mom, Dad,… vielen, vielen Dank für den tollen Empfang und für das Wahnsinns-Auto! Ihr seid wirklich die Allerbesten, aber ich muss jetzt schlafen, ich bin todmüde.«
Ich gab ihnen einen Gute Nacht Kuss auf die Wangen und ging die Treppe hinauf.
Mein Zimmer lag auf der linken Seite ganz am Ende des Flurs. Als ich die Tür öffnete war ich mehr als nur irritiert, denn in meinem Zimmer stand ein riesengroßer Pokertisch. Eine kleine Bar befand sich genau an der Stelle, wo eigentlich mein Bett stand und ein riesiger Flachbild Fernseher genau gegenüber, zierte fast die ganze Wand. Eine Sitzgruppe mit dicken braunen Sesseln aus Leder und einem kleinen runden Teakholztisch standen links neben der Bar. Als ich mich orientierungslos in meinem Zimmer drehte, bemerkte ich, dass meine Eltern im Türrahmen standen und meine Verwirrung mit einem breiten Lächeln sichtlich genossen. Dad streckte mir mit seiner rechten Hand einen Schlüssel entgegen.
»Hier Shorty, Du wohnst ab heute im Pool Haus.«
»Pool Haus?«, fragte ich ungläubig, denn eigentlich besaßen wir kein richtiges Pool Haus, nur so eine Art Geräteschuppen.
Irritiert nahm ich den Schlüssel entgegen und Mom nahm mich an die Hand. Zusammen gingen wir wieder hinunter. Durch die Terrassentür im Wohnzimmer ins Freie gelangt, standen wir vor unserem Swimmingpool. Dann entdeckte ich es. Zwischen neu gepflanzten Palmen und Sträuchern, sah ich auf der rechten Seite schemenhaft ein kleines Licht flackern. Noch nicht einmal die neu gepflanzten Palmen waren mir an diesem Abend aufgefallen, obwohl ich vorher auch auf der Terrasse das eine oder andere Gespräch geführt hatte. So fiel mir auch nicht der kleine Weg auf, den mich meine Eltern nun entlang führten. Schließlich standen wir vor dem neuen Pool Haus. Dass Dad in kurzer Zeit ein Haus aus dem Boden stampfte, wunderte mich eigentlich nicht besonders... Na ja, jedenfalls viel erkennen konnte ich in dem schummrigen Licht nicht. In der Dunkelheit und von dieser Seite aus gesehen, wirkte es wie eine von tropischem Urwald umgebene Holzhütte. Zwei große Laternen mit dicken Kerzen baumelten an dicken Ketten links und rechts vom Vordach des Eingangs.
»Na los, worauf wartest du noch? Schließ' schon auf.«, sagte Dad und das tat ich dann auch sogleich.
Und was ich dann sah, raubte mir buchstäblich den Atem. Ich stand in einem riesengroßen Raum. Rechts vom Eingang befand sich die Küche. Ich mag ja sehr jung sein, aber einrichtungstechnisch und musikalisch gesehen, war ich schon immer ein absoluter Fan der 50er Jahre. Mom und Dad hatten mir eine absolute Traumküche eingerichtet, ganz im Stil eines Diners aus dieser Zeit. Ich war völlig sprachlos und zu Tränen gerührt. Ein Küchentraum in glänzendem Mint und Chrom mit einer langen Theke, inklusive Spüle und von innen beleuchteten Schränken. Selbst an das Neonschild mit dem Wort "Open" hatten sie gedacht.
»Jetzt müssen wir nicht immer im Denny's frühstücken.«, meinte Mom und lächelte.
Links, vom Eingang aus gesehen blickte ich in ein riesiges Wohnzimmer, an dessen Ende sich eine große Glaswand inklusive Terrassentür befand. Ein traumhaftes Mega-Sofa in mint grün mit passenden Sesseln, ein offener Kamin... Ich wusste gar nicht, wohin ich als erstes schauen sollte. Meine Eltern führten mich weiter. Durch eine Tür vom Wohnbereich aus gesehen, stand ich in einem langen Gang, auf dessen linker Seite sich mehrere Türen befanden. Die Erste führte in ein Gäste-Bad und die zweite Tür führte mich in mein altes Zimmer. Es war unglaublich, aber alles befand sich exakt an der gleichen Stelle. Selbst mein Bad, mein Bett und meine Gardinen, einfach alles. Ich war so gerührt, dass nun so richtig die Tränen kullerten.
»Schh..., du brauchst doch nicht zu weinen!«, sagte Dad, nahm mich in die Arme und streichelte mir sanft über den Kopf.
»Ich… Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll...«, brachte ich schluchzend hervor. »...Erst das Auto und dann auch noch das hier...«
»Ich schlage vor, du gehst jetzt erstmal schlafen und morgen reden wir, okay?«, sagte Mom und ich antwortete mit einem leisen "okay".
Meine Eltern gaben mir noch einen Kuss und verließen gleich darauf das Pool Haus. Ich hörte noch meine Mutter sagen: "Hast du ihr Gesicht gesehen?...", und Dad sagte auch noch etwas, was ich aber nicht mehr verstehen konnte und dann lachten sie laut. Ich warf mich auf mein Bett, streifte meine Sneakers ab und war sofort eingeschlafen.
Klirrendes Geschirr und der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, ließen mich am nächsten Morgen sanft erwachen. Ich setzte mich auf, streckte mich und musste mal wieder feststellen, dass man doch nirgends besser schläft, als in seinem eigenen Bett. Mein erster Weg führte mich ins Bad, wo ich mich kurz erfrischte. Dann schlüpfte ich in meine grüne Lieblingsshorts und zog ein frisches Top an.
»Hey… Guten Morgen, Engel. Ich dachte mir, wir weihen direkt mal deine neue Küche ein. Geh' doch schon mal raus, wir haben den Tisch auf der Terrasse gedeckt. Heute ist so ein schöner Tag.«
Ich begrüße Mom und Conzuela, die mir auch sogleich einen großen Becher Kaffee in die Hand drückte.
»Wo ist denn Dad?«
»Ach, du kennst ihn doch. Er musste mal wieder zu einem dringenden Termin nach Miami. Er kommt aber heute Abend wieder.«
Dad ist eigentlich immer irgendwie unterwegs und ich hoffte, dass er sich wenigstens dann am Wochenende mal ein bisschen Zeit für mich nehmen würde. Ich muss gestehen, als ich meine neue Bleibe nun das erste Mal bei Tageslicht wahrnahm, da blieb mir wieder die Spucke weg und als ich dann die Terrasse betrat erst recht.
»Ihr seid ja total verrückt!«, rief ich durch das ganze Haus.
Da hatten meine Eltern doch tatsächlich für mich einen zweiten Swimmingpool bauen lassen. Das Ganze wirkte wie eine kleine Oase mitten im Urwald. Umringt von Palmen und Büschen stach dieser Pool einem direkt in die Augen. Rechts war ein kleiner, künstlicher Felsen angelegt, aus dessen oberen Ende Wasser, wie aus einer Quelle sprudelte und sich wie ein kleiner Wasserfall in den Pool ergoss.
»Also, wenn du schon gleich nebenan wohnst, dann solltest du wenigstens etwas Privatsphäre mit dem zukünftigen Vater meiner Enkelkinder haben.«, sagte Mom und grinste, während sie ein voll beladenes Tablett auf den großen, runden Holztisch platzierte.
Conzuela kam mit einem zweiten Tablett gleich hinterher. Als erstes stellte ich meinen Kaffeebecher auf den Tisch und nahm stattdessen ein Glas mit frisch gepresstem Orangensaft in die Hand. Nirgendwo auf dieser Welt gibt es besseren Orangensaft als hier im Sonnenschein-Staat. Conzuela und Mom leerten die Tabletts und platzierten die köstlichen Schweinereien, wie Pfannkuchen, Speck und Rührei auf dem Tisch.
»Und mein Engel, fährst du denn heute zum Strand? «, fragte Mom.
»Also, wenn ich hier meine kleine Oase sehe, dann weiß ich nicht, ob ich mich heute von den Sandflöhen beißen lassen sollte. Andererseits steht vorne ein Traumwagen, der meinen Namen ruft. Mel wird sicher auch böse, wenn ich heute nicht in ihrem Laden auftauche.«
»Nimm Dir aber bitte morgen Abend nichts vor. Jessica und ich haben ein paar Leute eingeladen und wir wollen das gute alte Ouija-Brett mal wieder auspacken.«
»Oh, lustig. Wer kommt denn?«
»Ach, nur ein paar neue Leute, die wir kennengelernt haben. Lass dich überraschen, sie werden dir gefallen.«
»Du willst mich doch nicht schon wieder mal verkuppeln, oder?«
»Nein, nein, keine Angst. Du bist ja gerade erst angekommen. Darum kümmere ich mich später.«
Mom lachte und ich brachte darauf nur ein "Ach Mom" heraus. In der Vergangenheit hatte sie schon mal öfter den Versuch gestartet mich mit irgendwelchen "netten" Männern zu verkuppeln. Aber ihr Talent als Partnervermittlerin ließ doch stark zu wünschen übrig. Na, auf jeden Fall begann dieser Tag wirklich traumhaft. Kein Wölkchen war am Himmel zu entdecken. Während des Frühstücks dankte ich Mom tausendmal für alles. Sie winkte jedes Mal ab und ermahnte mich, nicht wie ein Spatz zu essen. Ich hatte so unglaublich gut geschlafen und war trotzdem noch immer erschöpft. Mein Körper hätte sich gerne in die Hängematte gelegt, die zwischen zwei Palmen hing, doch mein Kopf wollte unbedingt mit diesem verdammt tollen neuen Wagen fahren. Mom verabschiedete sich nach dem Frühstück. Sie wollte mit Conzuela für den morgigen Abend schon ein paar Dinge einkaufen. Also beschloss ich mich dann auch gleich auf den Weg zu machen.
Der warme Fahrtwind auf meiner Haut und in meinen Haaren… Was war mir nur all' die Jahre ohne Cabriolet entgangen. Die Luft duftete herrlich nach salzigem Meer. Eigentlich habe ich ein kleines, unberührtes Stück Strand nicht allzu weit von unserem Haus entfernt, das ich immer aufsuche, aber an diesem Tag entschied ich mich nach Naples zu fahren. Nicht nur, dass ich zu Mel in den Friseursalon wollte, nein, dort befindet sich ein Stückchen öffentlicher Strand, den nur wenige Touristen besuchen. Nicht, dass ich etwas gegen Touristen hätte, nein ganz im Gegenteil. Ich habe schon viele tolle Gespräche mit Touristen aus aller Herren Länder geführt. Aber seien wir mal ehrlich, es gibt doch nichts Schöneres als ein einsamer Strand, statt wie die Ölsardinen dicht gedrängt beieinander zu liegen. Also bog ich schließlich auf den kleinen Parkplatz ein und warf ein paar Viertel-Dollar-Münzen in die Parkuhr.
»Hi Carl.«, begrüßte ich den Inhaber des kleinen Imbissstandes am Strand.
»Hey! Na, wen haben wir denn hier!«
Carl kam hinter seiner Verkaufstheke hervor auf die kleine Terrasse und umarmte mich herzlich. Er ist mittlerweile so um die 60, Afroamerikaner und ein herzensguter Mensch. Immer, wenn sein Neffe William in der Hochsaison als Aushilfe beim ihm arbeitet, dann holt er seine uralte Gitarre hervor. Ich kann ihnen sagen, dieser Mann hat den Blues im Blut und eine dermaßen tiefe Stimme, die einem selbst bei 40 Grad im Schatten eine fette Gänsehaut beschert. Er ist der Grund, weshalb ich auch zu den Ferienzeiten gerne ab und an auf meine Einsamkeit am Strand verzichte.
»Setz' dich Shorty. Ich bring dir sofort einen großen kalten Eistee.«, und ich setzte mich an einen Tisch, von dem aus ich den ganzen kleinen Strandabschnitt sehen konnte.
Außer meiner Wenigkeit befanden sich noch drei andere Personen am Strand. Zwei Jugendliche spielten Volleyball und ein Mann in einer neon-gelben Badehose, so etwa in meinem Alter, lag auf einem Badetuch am Strand und sonnte sich. Carl brachte mir fluchend meinen Eistee an den Tisch und setzte sich kurz zu mir.
»Verdammter neuer Kühlschrank!...«, sprach er wütend. »...Jetzt muss ich schon wieder diesen Kühlschrank-Reparatur-Idioten anrufen. Der war schon drei Mal hier, kannst du dir das vorstellen!«
»Ach Carl, es gibt doch Schlimmeres, als einen defekten Kühlschrank.«, sagte ich beschwichtigend, doch an seinen pulsierenden Adern an seinen Schläfen erkannte ich, dass er sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht von mir beruhigen ließ.
»Entschuldige mich, ich muss mal telefonieren.«, sagte er mit einem gequälten Lächeln, stand auf und verschwand in seinem aus dunklem Holz erbauten Imbisshäuschen.
Mittlerweile war es ganz schön heiß geworden und ich begann selbst hier im Schatten auf der ebenfalls mit dunklem Holz überdachten Terrasse zu schwitzen. Tja, ich war diese Hitze einfach nicht mehr gewohnt und deshalb fasste ich auch den Entschluss, mich nicht der glühenden Sonne auszusetzten, sondern lieber ein Weilchen im Schatten zu verweilen und genüsslich meinen leckeren Eistee zu schlürfen. Eine ganze Zeit lang starrte ich einfach nur auf das Meer. Dann nahm ich meinen Korb und zog unter dem Badetuch meinen Laptop hervor. Ich lehnte mich zurück, legte meine Beine auf den Stuhl neben mir und öffnete ihn. Vor längerer Zeit hatte ich bereits das Buch "Die Entdeckung der Hexen" heruntergeladen, aber durch die bevorstehende Rückkehr nach Hause und dem damit verbundenen Stress, hatte ich es noch nicht gelesen. Das Rauschen des Meeres, der leichte warme Wind und die vereinzelten Schreie der Möwen... Es hätte in diesem Moment wirklich keinen schöneren Ort geben können, um ein gutes Buch zu lesen. Doch wie üblich stand ich mit meinem Laptop auf Kriegsfuß. Der Bildschirm war mal wieder eingefroren.
»Blödes Ding!«, und ich drückte, wie immer in dieser Situation, völlig unwillkürlich sämtliche Tasten.
»Ich würde noch die Z-Taste drücken, die hast du vergessen.«
Plötzlich stand der Typ mit der auffälligen gelben Badehose, der sich eben noch am Strand sonnte, grinsend hinter mir.
»Ja, ja, sehr witzig.«, sagte ich, aber ich konnte auch nicht widerstehen und drückte nun auch noch die Z-Taste.
»Lass mich mal sehen.«
Der Typ, nahm mir den Laptop aus den Händen und ich ließ ihn gewähren.
»Du solltest etwas geduldiger mit deinem Laptop sein und ihn erstmal in Ruhe hochfahren lassen.«, sagte er, während er schnell ein paar Tasten drückte und mir den nun wieder voll funktionstüchtigen Laptop auf meinen Schoß legte.
Dann nahm er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, seine Sachen, die er auf dem Nachbartisch abgelegt hatte und ging in Richtung des Parkplatzes. Fasziniert starrte ich ganz kurz auf meinen Laptop, ehe ich wieder aufblickte...
»Hey Mann - Danke!«, rief ich ihm noch laut hinterher, aber er war in dem Nichts verschwunden aus dem er auch aufgetaucht war.
"Was soll's", dachte ich. Nun konnte ich in Ruhe mein Buch lesen.
Ich bemerkte erst wieviel Zeit vergangen war, als Carl's sogenannter Kühlschrank-Reparatur-Idiot eintraf und die Beiden sich lautstark begannen zu streiten. Nun war es auch an der Zeit, dass ich mich so langsam auf den Weg machen sollte. Ich klappte meinen Laptop zu, packte ihn zurück in den Korb und ging zum Tresen. Carl war so sehr damit beschäftigt sich zu streiten, dass er mir lediglich kurz zunickte, als ich das Geld, das ich ihm schuldete auf die Theke legte. Eigentlich war mir, als frischgebackene und hoch motivierte Psychologin danach den Streit zu schlichten, aber so ein Streit hat nun mal auch etwas Befreiendes und verhindert fiese Magengeschwüre. Da ja auch im Vorfeld Carl's Adern in seiner Schläfe pulsierten, entschied ich mich die beiden Streithähne sich selbst zu überlassen. Also ging ich zu meinem Wagen und musste mit ansehen, wie ein Cop gerade einen Strafzettel an meiner Windschutzscheibe befestigte. Er bemerkte in seinen Augenwinkeln allerdings, dass ich geradewegs auf ihn zusteuerte und schaute mich an.
»Hey Tony! Hat man dich wieder zum Geldeintreiben rausgeschickt?«
»Shorty?«
Tony schenkte mir ein breites Lächeln, zog den Strafzettel wieder hinter dem Scheibenwischer hervor und zerknüllte ihn. Ja, es hat schon seine Vorteile die einzige Nichte des Sheriffs zu sein. Aber ich hatte den Strafzettel ja eigentlich auch verdient, schließlich vergaß ich beim Lesen alles um mich herum und somit auch das erneute Füttern der Parkuhr. Tony umarmte mich herzlich.
»Ich hab' schon gehört, dass du jetzt wieder zu Hause bist. Schön dich zu sehen.«
Onkel Bob hat keine eigenen Kinder, ist schon zwei Mal geschieden und somit kannte mich jeder auf dem Revier. Schon als kleines Mädchen nahm er mich oft mit dorthin. Ich fand es immer toll dort. Irgendwie hatte fast jeder immer Süßigkeiten in der Schublade, ganz zu schweigen von den leckeren Donuts...
Tony war zu diesem Zeitpunkt 45 Jahre alt und als ich ihn so ansah, empfand ich ihn als äußerst attraktiv. Er war braungebrannt und seine Shorts, die beim Stranddienst zur Uniform gehörten, brachten seine äußert muskulösen Unterschenkel zum Vorschein. Ich hatte ihn wahrlich schon ewig nicht mehr gesehen...
»Wie geht es Barbara und deiner kleinen Tochter?«
Sein Gesicht versteinerte sich schlagartig.
»Barbara hat mich verlassen und hat meine Kleine mitgenommen. Sie leben jetzt in Dallas bei ihrer Mutter.«
»Oh, es tut mir wirklich leid das zu hören.«
»Du weißt ja wie das ist... Bob kann ja auch ein Liedchen davon singen. Viele Frauen finden es erst aufregend mit einem Cop zusammen zu sein und kommen dann irgendwann doch nicht damit klar.«
Gerade in dem Moment, als ich ihn fragen wollte, ob er seine kleine Tochter noch zu sehen bekommt, weil Dallas ja nicht gerade um die Ecke liegt, da meldete sich eine Stimme auf seinem Funkgerät. Er wurde zu einem 207 gerufen und ich wusste sofort worum es ging. Der Zahlencode 207 steht für Entführung.
»Shorty, ich muss los. Wir sehen uns.«, dann stieg er eilig auf sein Quad und brauste davon.
"Schrecklich", dachte ich. Sicher war Onkel Bob auch schon vor Ort. Dann stieg ich in den Wagen und fuhr zu Mel.
Mel's Laden war wie immer sehr voll. Ein einziger Frisierstuhl, von den vielen, die in ihrem Salon standen, war noch frei. Als sie mich bemerkte, ließ sie alles stehen und liegen und steuerte geradewegs mit offenen Armen auf mich zu.
»Schön, dass du gekommen bist - Du hast es auch bitter nötig.«, und sogleich schob sie mich in Richtung freier Stuhl.
Mel war aber nicht die Einzige, die mich begrüßte. Da war noch eine Kundin, der ich schon öfter in ihrem Laden begegnet war und zwei Mädels, die mit uns die High-School besucht hatten.
»Ich bin gleich bei dir, ich hab' vor dir noch eine Kundin zu verschönern. Was möchtest du trinken?«
»Ein Kaffee wär nicht schlecht.«
Obwohl der Salon angenehm heruntergekühlt war, so war mir innerlich doch noch ganz schön heiß und Hitze sollte man am besten immer mit Hitze bekämpfen.
»Jane! Bringst du Glinda bitte einen Kaffee mit viel Milch und ohne Zucker. Dauert nicht lange, Schatz.«
Mel widmete sich dann den Lockenwicklern einer älteren Dame. Die Türglocke erklang.
»Hey, habt ihr schon gehört? Es ist schon wieder ein kleines Mädchen verschwunden.«
Fran, die älteste Mitarbeiterin von Mel betrat mit einer Riesenschachtel von Dunkin-Donuts den Laden. Sie ist Anfang 50, sieht aus wie 30 und ist immer top gestylt. Ihr Mann ist genauso alt wie sie, sieht aber im Gegensatz zu ihr 20 Jahre älter aus. Wir nennen ihn immer den Captain, weil er immer so eine auffällig weiße Seemannsmütze trägt. Wenn man die Beiden nicht kennen würde, dann könnte man meinen, er wäre Millionär und hätte sich eine knackige junge Maus geangelt. Na ja, auf jeden Fall bezeichne ich Fran immer gerne als fleischgewordene Nachrichten. Wenn man über den neusten Klatsch und Tratsch informiert werden möchte, dann lässt man sich hier frisieren. Fran weiß wirklich immer alles. Alle im Laden reagierten ziemlich schockiert auf die Neuigkeiten und begannen wild zu diskutieren. Dass man seine Kinder nicht mehr aus den Augen lassen sollte, solange dieses Schwein nicht hinter Schloss und Riegel sitzt und die eine oder andere stellte Mutmaßungen an, welcher seltsame Typ aus ihrer Nachbarschaft vielleicht als Täter in Frage kam. Ich lehnte mich zurück, trank meinen Kaffee und hörte ihnen eine Weile zu.
»Wie viele Kinder sind denn schon verschwunden?«, fragte ich schließlich in die Runde.
»Das ist jetzt das zweite Mädchen innerhalb eines Monats.«
Fran antwortete schnell und entrüstet und sie erzählte, dass der Entführer auch im neusten Fall den Eltern eine Ton-Figur in den Briefkasten gelegt hatte.
»Was denn für eine Ton-Figur?«, fragte ich.
»Die Figuren sehen ganz genauso aus, wie die Mädchen die verschwunden sind.«
Es erstaunte mich mal wieder, woher Fran das so schnell wusste. Immerhin stand ich vor ca. 20 Minuten noch mit Tony auf dem Parkplatz, als er dann zum Einsatz fahren musste. Alles deutete darauf hin, dass die 207 dem entführten Mädchen galt. Mel war in der Zwischenzeit bei mir angekommen. Auch sie äußerte sich sehr besorgt. Das wunderte mich nicht, denn sie hatte nun mal auch eine kleine Tochter. Sie heißt Sandy und ist 7 Jahre alt. Noch vor ihrer Geburt trennte sie sich von ihrem psychopathischen Freund Marc. Ich bewunderte sie immer dafür, mit welcher Willenskraft sie Kind und Karriere unter einen Hut brachte. Zum Glück gab es da ja auch noch Großmutter Jessica, die alles dafür tat, dass es ihrer Tochter und der Kleinen an nichts fehlte.
»Mom und ich lassen Sandy jetzt mit Sicherheit nicht mehr aus den Augen.«
Mel klang äußerst besorgt. Das ist ganz sicher für jede Mutter ein Alptraum zu wissen, dass ein Kindesentführer, oder gar ein Kindesmörder, in ihrer Stadt umherschlich.
»Das ist ja wirklich gruselig, das mit den Ton-Figuren. Das klingt schwer nach einem Serientäter. Ich gehe jede Wette ein, dass das FBI schon bald hier auftauchen wird...« Mel begann damit meine Haare zu schamponieren. »...Ich werde mal Onkel Bob dazu befragen.«
Wir wechselten anschließend das Thema, was die anderen Frauen im Raum aber nicht davon abhielt weiterhin die wildesten Spekulationen von sich zu geben.
»Was sagst du denn zu deiner neuen Bleibe?«
»Du weißt davon?«
»Natürlich weiß ich davon. Ich war die Einrichtungsberaterin schlechthin, deine Mom hat mich ständig deswegen angerufen.«
Mel und ich hatten während meiner Zeit in Bosten immer unsere Freundschaft gepflegt. Mit E-Mails und regelmäßigen Telefonaten hielten wir uns gegenseitig auf dem Laufenden und natürlich ließ ich mir jedes Mal, wenn ich hier war die Haare von ihr frisieren. Ich wunderte mich, dass Mel so gar nichts verraten hatte - Nicht mal andeutungsweise, was absolut nicht ihrem Naturell entsprach. Normalerweise neigt sie dazu einem mit diversen Überraschungsankündigungen die Nase lang zu machen und sich dann irgendwann zu verplappern. Umso erstaunter starrte ich sie im Spiegel an, während sie mit einem breiten und zufriedenen Grinsen fransige Stufen in meine Haarspitzen schnitt.
»Sandy wird die kleine Pool Oase lieben.«, sagte sie und wir unterhielten uns kurz darüber, welche Ideen von ihr Einfluss auf mein neues Zuhause genommen hatten.
So erfuhr ich auch von Raymond, dem neuen Freund ihrer Mutter, den sie erst vor kurzem kennengerlernt hatte. Mel erzählte mir, dass Ray im Gegensatz zu den anderen Typen, die Jessica im Laufe der Zeit so anschleppte, ein sehr ruhiger und introvertierter Mensch ist. Es gefiel ihr auch, wie er mit Sandy umging. Sie hoffte, dass Jessica endlich mal jemanden gefunden hatte, mit dem sie es etwas länger als nur ein paar Wochen aushalten würde. Vielleicht war es darum auch ganz hilfreich, dass er zu diesem Zeitpunkt als Angestellter eines Schreibwarenherstellers im Außendienst tätig war. Jessica war und ist wie Mom ein Freigeist. Ich vergleiche das gerne immer mit einem Vogel, der dazu verdammt ist ein trostloses Dasein in einem viel zu kleinen Käfig zu fristen. Vergisst man die Käfig Tür zu schließen, fliegt er davon. Wenn ein Mann zu sehr klammerte, oder ihr gar versuchte etwas zu untersagen - Tja, dann war Jessica irgendwann weg.
»So, jetzt bist du wieder schön.«, flachste Mel und zupfte flott noch ein paar Strähnen in die von ihr ersonnene perfekte Position.
»Was hältst du davon, wenn du mit Sandy am Sonntag zum Schwimmen vorbei kommst? Ich hab' die Kleine ja gefühlt schon ewig nicht mehr gesehen.«
Sie freute sich über die Einladung und ganz besonders freute sie sich schon darauf mir Vorort zu erklären, welche Ideen zur Gestaltung meiner neuen Behausung auch noch von ihr stammten.
»Dass du sowas von dicht gehalten hast... Wer bist du Frau?!«
»Mann, du hast ja nicht die leiseste Vorstellung davon, wie schwer das war.«
»Oh doch, hab' ich.«
Wir lachten, verabredeten uns für Sonntagmittag und umarmten uns, bevor ich dann den Laden verließ. Mein Weg führte mich auf direktem Weg nach Hause. Ich fühlte mich doch noch ziemlich erschöpft und der Gedanke daran, den sonnigen Tag mit einem kühlen Getränk in meiner neuen Hängematte ausklingen zu lassen, ließen mich auf der ganzen Fahrt breit lächeln. Als ich ankam waren Mom und Conzuela noch nicht vom Einkaufen zurückgekehrt, was mich in dem Moment aber auch keineswegs störte. Also ging ich zum Pool Haus und steuerte geradewegs auf den Kühlschrank zu, in der Hoffnung dort ein kühles Getränk vorzufinden. Der Kühlschrank war in der Tat prall gefüllt mit all' den Dingen, die ich am liebsten mochte. Ich griff nach einer Flasche Zitronenlimonade und bewegte mich in meine neue Wohlfühloase. Die Hängematte unter den Palmen war so dermaßen bequem, dass es nicht lange dauerte, bis mich das sanfte Schaukeln in den Schlaf wog.
»Shorty... pssst...Shorty.«
»Dad? Du bist schon wieder zurück?«
In der Dämmerung erkannte ich Dad. Er stand gebeugt über mir und streichelte zärtlich über mein Haar.
»Mom und ich wollen einen kleinen Happen bei Vito essen gehen. Hast Du Lust? Dann warten wir auf Dich.«
»Na klar.«, murmelte ich noch völlig schlaftrunken.
Wie lange ich wohl geschlafen hatte? Keine Ahnung, war aber auch letztendlich egal. Während ich mich erfrischte und mich anschließend in mein gelbes Sommerkleid warf, musste ich feststellen, dass mein Magen wirklich ziemlich knurrte. Vor lauter Freude und Aufregung hatte ich heute ja nur gefrühstückt. Ich freute mich auf Vito's leckere Peperoni-Pizza. Schon bei dem Gedanken daran lief mir das Wasser im Mund zusammen. Nirgendwo gibt es so eine leckere Pizza. Mom und Dad warteten bereits am Wagen und nach einer kurzen, aber herzlichen Begrüßung stiegen wir in Dad's Hybrid-Mercedes und fuhren los.
»Bella mia, schöne dische zu sehe.«
Vito begrüßte mich herzlich und gab mir links und rechts ein Wangenküsschen. Ich liebe seinen italienischen Akzent. Der hat so etwas Unschuldiges und niedliches und es passte so gar nicht, dass Dad diesen kleinen und absolut liebenswürdigen Mann, wie üblich, als alten Mafioso bezeichnete. Der Abend war wirklich wunderschön, wir hatten uns so viel zu erzählen und wir lachten, dass sich die Balken bogen. Wir teilten uns eine Peperoni-Pizza, die so groß war wie ein Wagenrad und tranken dazu leckeren Chianti.
»Ich muss nochmal im Büro vorbei, es macht euch doch nichts aus, oder? Ich habe da wichtige Unterlagen liegen lassen, die ich heute unbedingt noch durcharbeiten muss.«
"Typisch Dad", dachte ich, als wir gerade aufbrechen wollten. Also fuhren wir zu seinem Büro. Dad fuhr auf seinen Parkplatz und stieg aus. Doch statt dass er auf direktem Weg in sein Büro ging, bat er uns auszusteigen. Zu unserer Verwunderung lotste er uns auf die andere Seite der Straße, nahm einen Schlüssel aus seiner Tasche und wir betraten ein zwei stöckiges Haus, in dessen Untergeschoss sich eine kleine Bücherei befand. So langsam schwante mir, was auf mich zukam und ich sollte mich auch nicht täuschen.
»Shorty, ich weiß, dass du noch nicht so richtig weißt, was du nun mit deinem Leben anstellen willst. Das Büro hier gehört dir, wenn du willst.«
Dann übergab er mir den Schlüssel. Mom, die anscheinend auch nichts davon wusste, fiel Dad um den Hals und küsste ihn. Ja und ich… Ich wusste nicht was ich sagen sollte - Mal wieder. Erst das Auto, dann das Pool Haus und nun auch noch das hier... Meine Augen füllten sich schon wieder mit Tränen.
»Ich möchte dich zu nichts drängen, Shorty. Ich möchte dir einfach nur eine Option bieten. Du kannst damit machen was du willst.«
Nun fiel auch ich Dad um den Hals. In diesem Moment realisierte ich mal wieder, was für ein unglaubliches Glück ich doch hatte, in ein solch liebevolles und wohlhabendes Elternhaus hineingeboren zu sein.
»Danke, Dad - Danke.«, flüsterte ich ihm ins Ohr.
»Kommt, schaut euch doch erstmal um.«
Mom und ich gingen anschließend durch das Büro. Es hatte drei Zimmer und zwei Toiletten. Die Einrichtung war noch komplett vorhanden und die war wirklich sehr, sehr alt. Zwei Schreibtische in dunklem Holz und dazu passenden Schränken und Ablagen zierten zwei der Räume. Der vordere Raum, in dem Dad mir den Schlüssel übergab, war ein Wartezimmer mit ein paar alten Holzstühlen und einem kleinen viereckigen Tisch, auf dem sogar noch ein paar alte Zeitschriften lagen. Neben dem großen Fenster befand sich ein kleiner, aus dem gleichen Holz geschnitzter Empfangstresen.
»Hier war vorher eine kleine Anwaltskanzlei. Mr. McDougal dachte sich, dass man mit fast 80 Jahren dann doch mal in den Ruhestand gehen könnte. Zwei Tage nach seiner Geschäftsaufgabe ist er leider verstorben. Sein Sohn hat mir das ganze Gebäude verkauft... Die Einrichtung müsstest du dann natürlich ändern.«, sagte Dad.
"Wieso sollte ich die Einrichtungverändern?", fragte ich mich.
Diese alten und abgenutzten Möbel versprühten so viel Charme und Wärme.
»Du glaubst doch nicht im ernst, dass unsere Tochter, falls sie das Büro hier nutzen sollte, neue Möbel möchte. Möbelpolitur, die kannst du ihr besorgen und ein paar helle Wandfarben.«
Wie Recht sie doch hatte. Diese alten, aus massivem Holz gefertigten Schätze... Nein, sowas schmeißt man doch nicht einfach weg. Dad schmunzelte und schüttelte leicht den Kopf.
»Dad, wenn diese Antiquitäten hier sprechen könnten, was glaubst du was die hier alles schon erlebt haben.«
Er lächelte und ich wusste genau, was er dachte. Ja, ich war meiner Mutter Tochter. Ich wusste ja auch ganz genau, das Büro hier sowie das Pool Haus, sollten im Grunde genommen nur einem einzigen Zweck dienen. Meine Eltern versuchten mein Schicksal zu lenken, auf ihre so typische, liebevolle Art und Weise. Sie wollten auf keinen Fall, dass ich für einen Job die Stadt verlasse. Und das wollte ich eigentlich auch gar nicht. Ich war ja schließlich gerade erst angekommen.
