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Der Weg eines Jugenglichen aus dem norddeutschen Nichts ins politische Berlin. Besuch des Abendgymnasiums. Begeisterung für das Medizinstudium und der kommunistischen 68er Studentenbewegung. Tom wird Arzt, promoviert zum Dr. med. und sucht die Selbsterfahrung in der Psychotherapie.
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das leicht Errungene
Das widert mir,
Nur das Erzwungene
Ergötzt mich schier.
Johann Wolfgang von Goethe
Für Ingeborg
Torsten Ewert
Der 68er Student, der Revolutionär und die Lerche
Tom wird Arzt
Roman
Cover
Widmung
Titelblatt
Aufbruch
Jugend
Der Internationale Vietnamkongress
Eintritt in die Universität
Streifzüge durch Westberlin
Eine Werkstatt als Zuhause
Rosi und Rosa
Ein Krankenpflegepraktikum
Vorklinik
Studium und Politik
Ami, ein reaktionärer Kommilitone
Vorphysikum
Ein Job als Verkaufsfahrer
Das Wannseebad
Wissenschaft und Politik
Professoren und Studenten
Reaktionär und revolutionär
Haifischbar
Skandinavien
Doktorand in der Physiologie
Die Zwillingsschwestern Hildegard und Maria
Klinik
Physikum und Klinikum
Die Welt der Klinik
Umzug in die Graefestraße
Politische Arbeit
Maria
Famulatur, Anka und eine Ratte
Neuseeland
Labor und klinische Medizin
Maria wird psychisch krank
Selbsterfahrung
Eine WG in einem Berliner Dorf
Eine psychotherapeutische Schule
Psychodynamischer Intensivkurs in Spanien
Melancholie
Amis böses Erbe
Karibik
Ende
Urheberrechte
Cover
Widmung
Titelblatt
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Urheberrechte
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Die Personen in diesem Roman sind frei erfunden und Ähnlichkeiten rein zufällig
Aufbruch
An einem kalten, aber noch sonnigen Herbsttag im Oktober 1968 hielt Tom die Zusage in den Händen, in die Wissenswelt der Universität aufgenommen worden zu sein. Doch es war nicht an der Zeit, sich dem Studium ausschließlich und mit Freuden zu widmen, denn entschlossene Studenten planten den akademischen Elfenbeinturm zu schleifen. Ein revolutionärer Sturmwind sollte nicht nur vom verstaubten akademischen Ballast befreien, sondern auch die Kraft entfalten, von hier aus beginnend die bestehende bürgerliche Zweiklassengesellschaft zu beseitigen, um eine bessere, kommunistische Welt zu erschaffen, in der alle Menschen gleich sind.
Sieben Jahre später verstummten die hitzigen Parolen. Die Revolution zur Beseitigung des bürgerlichen Staates hatte nicht stattgefunden. Der Arbeiter konnte dafür nicht gewonnen werden, und ohne ihn ging es nicht. Dennoch war es den Studenten gelungen, mit ihrer Kritik, ihren visionären Gedanken und entschlossenem Handeln einen Prozess anzustoßen, der lautete: Alle Macht dem Volke.
Jugend
In seiner Jugend an der wind- und regenumtosten Nordseeküste boten der Überseehafen in Bremerhaven und die Wiesen der Unterweser Tom einsame Zufluchtsorte und Abenteuerspielplätze, inmitten roher Eisen- und Betonstrukturen und in endloser Natur. An der Kaimauer des äußeren Hafens, in der Wesermündung gelegen, zerbrachen die ankommenden Wellen aus der Nordsee mit hoch aufspritzender Gischt. Es war eine gleichmäßige Abfolge, wie das pulsierende Blut, das kraftvoll vom Herzen getrieben gegen Toms Schläfen schlug.
Senkrecht stürzte die graue Betonmauer des Columbuskaje ins abgrundtiefe Wasser hinab. Ein Anlegeplatz mit stählernen Pollern, an denen die größten Passagierschiffe der Welt anlanden konnten, allen voran die stolzen englischen Luxusliner. Das Blaue Band wurde dem Schiff zugesprochen, das den Atlantik am schnellsten, zuletzt in ganz knapp 4 Tagen, überquerte. Der Besuch dieser Schiffe hatte Volksfestcharakter mit staunendem Publikum über die hochherrschaftlichen Gäste.
Aber heute nichts davon, und verlassen in zeitloser Einsamkeit lehnten die leeren Gangways an der langgestreckten Abfertigungshalle, wo Tom sein Fahrrad abgestellt hatte. Er balancierte entlang der Abrisskante zum Meer, verspürte dessen verschlingende Gier und trotzte dieser mit waghalsiger Geschicklichkeit. Im Rhythmus der Gezeiten angehoben und fallengelassen floss die Weser der Nordsee entgegen, ging im Atlantik auf, wo das Wasser verdunstete, um als Regen die Küste wieder heimzusuchen. Kreischend schossen die graugesprenkelten Möwen futtersuchend über das brackige Wasser.
Tom sprang aufs Fahrrad, fuhr zwischen den Gleisen der eisernen Entladekräne entlang, deren Ausleger wie Zeiger ins Unendliche eines blassblauen Himmels wiesen, unaufhörlich von einem melodisch-pfeifenden Wind umtönt.
Er bog in den inneren Hafen ab. Keilförmig stemmte sich hier die Schleuse dem angreifenden Außenwasser entgegen, gab dem Hafen ruhige Sicherheit. Sein Ziel war ein kleines Stück Acker in der Aue vor der drehbaren Eisenbahnbrücke, die bei Bedarf den Schiffen den weiteren Weg freigab. Furche um Furche hatte er hier den modrigen Boden umgestoßen, das grasig verwilderte Oberste zuunterst gewendet, dann die Kartoffelknollen der Reihe nach in die krümelige, braunschwarze, glänzende Scholle gesteckt, aus der jetzt das Kraut spross. Mit den bloßen Händen wühlte er in der Erde, fand eine Frucht, die noch unreif grün war, warf sie ins Hafenwasser, reinigte die Hände an der Hose und fuhr weiter in den Hafen hinein. Dessen Lagerhallen glichen heute erstarrten Reptilien, die jedoch kraftvoll erwachen konnten, um die Ladung der ankommenden Schiffe zu verschlingen. Dann waren die jetzt gleichgültigen Zöllner hellwach, jagten Kaffee- und Zigarettenschmugglern hinterher, suchten nach unverzolltem Gut, beschlagnahmten, verhängten Geldstrafen. Unbehelligt fuhr Tom an ihnen vorbei, hinaus aus dem Hafen, hinauf auf den Deich und hinab zur Weser.
Der schmale Basaltdamm zum gesprengten, sich selbst überlassenen und allmählich verfallenden Weserfort, einst Wächter in der Flussmündung, war bei Ebbe mit leichtfüßiger Geschicklichkeit begehbar. In der Einsamkeit des Wattenmeeres provozierte das Schild Betreten verboten, Lebensgefahr zum Gegenteil heraus und wurde ignoriert. Nicht zum ersten Mal kletterte Tom abenteuerlustig über die Trümmer des zerborstenen Betonklotzes, kroch durch die noch offenen, dunklen und kalten Gänge. Vielleicht fand er ein Relikt aus vergangener Zeit? Ein übersehenes Moniereisen zerriss seine Hose, stach ins Knie. Blut tropfte in den Dreck und direkt auf ein kleines kreisrundes Metallteilchen, das sein Interesse weckte. Er stillte das Blut mit dem Taschentuch, nutze es, den blutbesudelten Fund zu polieren, bis ein goldfarbenes Deckelchen zum Vorschein kam. Die erkennbare Gravur zeigte zwei aneinander grenzende verschnörkelte A inmitten eines Lorbeerkranzes. Der Schmerz war vergessen. Erstmals, zu seiner riesigen Freude, hatte er einen Schatz gefunden, den er in der Hosentasche barg. Die Wunde am Knie war die Opfergabe.
Rechtzeitig, mit sicheren Sprüngen, erfolgte der Rückzug über den mit Algen überzogenen Buhnendamm, bevor die einsetzende Flut ihn unter Wasser setzte und die Rückkehr vereitelte.
In den Weserwiesen stiegen die Lerchen mit schnellen Flügelschlägen tirilierend aus dem hohen Gras steil empor, hinein in den blauen Himmel, um hier minutenlang mit wechselndem Gesang zu kreisen, bevor sie sich im Sturzflug mit hochgestellten Flügeln wieder der Erde näherten und verstummten. Tom fühlte sich diesen kleinen erdfarbenen Geschöpfen verbunden, die im melodischem Sing- und eindrucksvollem Schauflug ihr Zuhause bekundeten.
Der Heimweg zurück führte ihn in die Wirklichkeit. Verschmutzt, verletzt und mit zerrissener Hose brach die verzweifelte Wut der Mutter über ihn herein mitsamt der Strafe eines Dunkelarrests im stinkigen Hühnerstall. Seine unbeaufsichtigten, ausschweifenden Streifzüge überforderten sie. Er wusste dies, tat es dennoch. Tapfer lebte sie in einfachen Verhältnissen, dem Nachkriegsalltags nicht immer gewachsen. Der Krieg hatte sie der verwöhnenden Geborgenheit und Sorglosigkeit auf einem Landsitz Ostpreußens entrissen. Geblieben war ihr Bedürfnis, sich die einstige Würde zu erhalten, ihre Schönheit durch elegante Kleidung zu unterstreichen und den Tag, wenn möglich, mit Freundinnen zu verbringen und zu verschwatzen. Tom liebte sie, entzog sich aber ihrer Hoheit.
Für den Vater, Flugzeugingenieur und einst stolzer Pilot, gab es nach dem Krieg keine angemessene Arbeit. Von Abenteuerlust getrieben fand er diese in Bagdad und schraubte dort Baufahrzeuge zusammen, deren Räder spielend einen Mann überragten. Bilder von dort zeigten einen groß gewachsenen, schlanken Mann mit scharf geschnittenen Gesichtszügen, mal im Straßenkreuzer, mal bei der Antilopenjagd in der Wüste. Doch da ihm die Familie fehlte, brach er die Zelte im Orient ab und beendete die Trennung. Für Tom folgte eine spürbare Einschränkung seiner bisherigen Herumtreiberei, die der Vater nicht billigte. Mehr jedoch machte ihm dessen bald darauf folgender beruflicher Ortswechsel zu schaffen, weg aus dem herben und gradlinigen Norden mit Verlust des Vertrauten und Gewohnten, hinein ins ungewohnte Leutselige einer bergisch-rheinischen Kleinstadt. Hier waren Beziehungen alles. Man kannte einander, suchte die gesellige Bestätigung und fühlte sich gegenseitig verpflichtet.
Nichts von alledem war Tom zu eigen, weder in die Gesellschaft noch in die Schule vermochte er sich zu intrigieren. Er schloss mit der Mittleren Reife ab, wollte wie der Vater Ingenieur werden und zunächst eine technische Lehre machen. Doch auch hier fand er keinen Halt. Die Welt an der Werkbank, nach industriellen Normen von nüchternen Technokraten entworfen, vollbracht unter den wachsamen Augen von Vorarbeitern, ausgeführt in lärmender Fabrikhalle und kontrolliert von der Stechuhr führte mehr denn je ins Leere, die auch Zigaretten, Bier, Urlaub oder Fußball nicht auszufüllen vermochten.
Sein Versuch, mit einem Motorrad gelegentlich dem Alltag zu entfliehen, scheiterte zuletzt nach einem Unfall mit Totalschaden der Maschine. Glücklicherweise blieb er unverletzt.
In dieser ausweglosen Lage gab es nur eine Chance, sich wie einst Münchhausen mit aller Kraft am eigenen Schopfe zu packen und aus der Misere zu ziehen. Er brach entschlossen die Zelte im verhassten kleinbürgerlichen Milieu ab und bestieg zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug, das ihn in die Weltstadt Berlin brachte. Hier waren eine einfache Bleibe und eine Fabrikarbeit schnell gefunden. Das Ziel war jedoch das Peter-A.-Silbermann-Abendgymnasium. Hier sprach er beim Rektor vor, gab Vorwissen an und schrieb an Ort und Stelle einen Aufsatz. Schon ein paar Tage später wurde ihm die Zusage gemacht, seine schulische Laufbahn genau an dem Punkt fortsetzen zu dürfen, wo sie seinerzeit aufgehört hatte. Er war der glücklichste Mensch auf der Welt und noch einmal genauso glücklich, als ihm im Mai 1968 nach bestandenem Abitur das Zeugnis der Reife übergeben wurde.
Er sah sich wie die Lerche aus der Niederung aufsteigen, um zum Höhenflug anzusetzen.
Der Internationale Vietnamkongress
Berlin war Toms neue Heimat geworden. Hier unternahm er ausgedehnte Spaziergänge im Zentrum Westberlins. Vom Bahnhof Zoo, dem städtischen Zoo unmittelbar anliegend, durchwanderte er den Großen Tiergarten und wurde mit deutscher Geschichte konfrontiert. Mitten im Park, auf der breiten Straße des 17. Juni, in Erinnerung an den Volksaufstand in der DDR 1953 und dessen Zerschlagung durch die sowjetische Armee mit diesem Datum bedacht, stand die Siegessäule mit der prächtigen, vergoldeten Victoria, die Preußens Sieg und Gloria verkündete. Die Berliner nannten sie schnodderig nur die Goldelse.
Einen kleinen Fußmarsch weiter auf das Brandenburger Tor zu, zur Linken, lag das sowjetische Ehrenmal, eine zur Straße hin nach innen gewölbte Pfeilerreihe mit einem zentralen größeren Pfeiler als Sockel für die 8 Meter hohe Bronzestatue eines Rotarmisten mit geschultertem Gewehr, vor dem tagtäglich eine sowjetische Eskorte paradierte. Nicht das Heroische, sondern das Grauen des Krieges wurde hier gemahnt und der gefallenen sowjetischen Soldaten im Kampf gegen Nazideutschland und dessen Vernichtung gedacht.
Die daraufhin erfolgende politische Teilung Deutschlands in West und Ost wurde unübersehbar direkt vor dem Brandenburger Tor anschaulich. Eine halbmondförmige umschließende, rechts und links weiter verlaufende, übermannshohe Mauer um des Brandenburger
Tor versperrte den weiteren Weg. Eine Plattform ermöglichte es, in den Osten hineinzuschauen, auf einen Todesstreifen und Wachtürme. Direkt hinter dem Tor in Ostberlin lag die berühmte Allee Unter den Linden, das einstige lebhafte Zentrum Berlins, jetzt weltverlassen. Genauso fast menschenleer war das Gebiet um den verwaisten Reichstag an der Spree, zur Linken auf der Westberliner Seite.
Zurück ging Toms Weg entweder durch den Park oder südlich davon vorbei an nur noch von einstiger diplomatischer Vergangenheit zeugenden, verlassenen, einst prunkvollen Botschaftsgebäuden. Die nördliche Route führte zur neuerbauten Kongresshalle hin, von den Berlinern als Schwangere Auster verhöhnt. Es folgten Schloss Bellevue und im Anschluss daran das moderne, architektonische Vielfalt aufweisende Hansaviertel mit seinen extravaganten Hochhäusern. Am Ende seiner Tour gelangte Tom an die Technische Universität, verweilte dort in den einladenden Buchläden mit der riesigen fächerübergreifenden Auswahl, bevor er nach kurzem Fußmarsch wieder den Bahnhof Zoo und den quirlig belebten Kurfürstendamm erreichte.
Hier war eine zunehmende unruhige politische Atmosphäre unverkennbar. Flugblätter wurden verteilt, kleine Gruppen fügten sich spontan zusammen, diskutierten, häufig lauthals und erregt.
„Was wollt ihr Studenten? Wofür demonstriert ihr? Wollt ihr die Gesellschaft verändern, um sozialistische Verhältnisse wie in der DDR zu schaffen? Wollt ihr die Demokratie untergraben?”
„Nein, wir wollen die Bevormundung und die selbstherrliche, verkrustete Autorität von Politik, Presse und gesellschaftlichen Institutionen beenden, Selbstbestimmung erlangen, frei von Zwängen sein. Alle Menschen sind gleich. Dafür kämpfen wir.”
So stießen die Meinungen aufeinander. Auch Tom brachte sich ein, noch zögerlich, fühlte sich den rebellierenden Studenten verbunden, wollte Stellung beziehen.
Der Internationale Vietnam-Kongress Westberlin wurde vom 17.bis 18.Februar 1968 an der Technischen Hochschule von sozialistischen und kommunistischen Organisationen sowie Gleichgesinnten ausgerufen.
Der 18. war Toms Geburtstag und schien ihm geeignet, diesen inmitten von Genossen und Revolutionären zu verbringen.
Der Veranstaltungsort, das Audimax der Technischen Universität am Ernst-Reuter-Platz, war brechend voll; nur auf den Treppenstufen hatte Tom noch Platz gefunden. Auf dem Podest versammelt: die führenden Köpfe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, SDS, und verwandte revolutionäre Agitatoren.
Das Thema hieß Der Kampf des vietnamesischen Volkes und die Globalstrategie des Imperialismus.
In drei Foren postierten sich die Redner, hielten schonungslose Analysen und Referate über Bedeutung und Notwendigkeit der vietnamesischen Revolution und die Revolution in der Dritten Welt, riefen auf zum antiimperialistischen und antikapitalistischen Kampf.
Eine weltweite Solidarität wurde gefordert. Der siegreiche Kampf des vietnamesischen Volkes gegen den US-Amerikanischen-Imperialismus nährte die Hoffnung auf eine erneute Sozialistische Internationale, um den globalen Imperialismus zu zerschlagen.
„Errichtet die Revolution im eigenen Land” (Ho Chi Minh), schafft „zwei, drei, viele Vietnams” (Che Guevara), das waren die Maximalforderungen. Eine radikale Jugend- und Studentenbewegung träumte davon, war bereit, in den Straßen der Metropolen ihre Meinung auszutragen, trachtete, das Proletariat für die Revolution zu gewinnen, und zwar möglichst rasch.
„Genossen. Wir haben nicht mehr viel Zeit”, entschlossen rief es Rudi Dutschke der Versammlung zu, „lasst uns den neuen Menschen in einer neuen Gesellschaft erschaffen.”
In seinem folgenden Referat legte er die geschichtlichen Bedingungen für den internationalen Emanzipationskampf dar. Einem Maschinengewehr gleich feuerte er, ohne Luft zu holen, die Endsilben missachtend, seine Ausführungen ins atemlos schweigende Publikum, schilderte das historisch-ökonomisch Versagen des Spätkapitalismus, beschwor die antifaschistische und antiautoritäre Einheitsfront, verlangte die direkte Herrschaft der Produzenten über die Produktionsmittel, wünschte die Globalisierung der revolutionären Kräfte, schloss mit den Sätzen:
„Die Revolutionierung der Revolutionäre ist die entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen. Es lebe die Weltrevolution und die daraus entstehende freie Gesellschaft freier Individuen.”
Lang anhaltender, tumultartiger Beifall brauste auf, eine schwarze Haarsträhne fiel ihm in die bleiche Stirn, ein entschlossenes, fanatisches Gesicht, allmählich erleichtert und zufrieden.
Weitere sozialkritische Referate folgten.
Ernest Mandel forderte nichts Geringeres als „antikapitalistisches Bewusstsein und den antikapitalistischen Kampf …, um die Unfreiheit des Arbeiters und Angestellten an dem Arbeitsplatz selbst, seiner grundlegenden Entfremdung und Verdinglichung im Arbeitsprozess zu beenden … Es lebe die internationale Solidarität … es lebe die sozialistische Weltrevolution.” Die hochgereckte Faust unterstützte seine markigen Weckrufe.
Zwei junge Amerikaner verbrannten ihre Einberufungskarten zum Militärdienst. Wieder brauste begeisterter Applaus auf. Weitere Solidaritätserklärungen aus allen Herren Länder wurden verlesen.
Einzelne, zumeist kurzgehaltene Gegenstimmen verhallten bedeutungslos, wurden mit Gegenstimmen unterbrochen, trotz Dutschkes Ermahnung, auch abweichende Meinungen zu ertragen. Insbesondere ein unscheinbarer kleiner Mann, Typ tadelnder Grundschullehrer, abgetragene Kleidung, fiel auf, der sich ans Katheder stellte, vor ihm die Schulklasse, die es zu maßregeln galt. Im Gegensatz zu seinem Erscheinen, ertönte eine kraftvolle Stimme, die das allgemeine Geraune übertönte.
„Diese Veranstaltung ist nichts als leeres Geschwätz feiger Politagitatoren. Wenn ihr Mut habt, kommt mit mir nach Vietnam. Dort tobt der Kampf, an dem ihr teilhaben könnt. Hier geht ihr kein Risiko ein.”
„Wir kämpfen mit Argumenten, bislang, richtige Hilfe für die vietnamesische Revolution wäre nur die im eigenen Land. So weit sind wir noch nicht. In Vietnam wärest du höchstens ein Hindernis für den Vietcong, die müssten mindestens drei Leute für dich abstellen, damit du dich nicht im Dschungel verläufst. Es lebe der SDS. Hau ab!”
Gelächter erschallte.
Die Schlusserklärung wurde verlesen: „Die in Westberlin versammelten Vertreter der sozialistischen Jugend Westeuropas, der amerikanischen Widerstandsbewegung und der revolutionären Jugend der drei Kontinente werden ihren gemeinsamen antiimperialistischen Kampf konkretisieren und zum aktiven Widerstand entfalten. Folgende Aktionen sind zu planen: Materielle Unterstützung des vietnamesische Befreiungskampfes, Wehrkraftzersetzung der US-Armee, Kampagnen gegen die Nato, Einrichtung einer Dokumentationszentrale, Aufklärung der Bevölkerung.
Und wieder wurde dem Publikum die Hoffnung zugerufen: „Es siege die vietnamesische Revolution. Es siege die sozialistische Weltrevolution!”
Eine letzte Aufforderung erklang: „Kommt morgen alle zur genehmigten Demonstration, Sich-Sammeln in Höhe des Olivaer Platz, die Route geht über den Kurfürstendamm zur Deutschen Oper, den Ort des Polizeiexzesses vom 2. Juni, wo Benno Ohnesorg erschossen wurde. Dort wollen wir keine physische Konfrontation, keine Wasserspiele. Denkt daran, zur Revolution gehört auch Geduld und Disziplin. Das Ende der Demonstration ist eine klare politische Aussage gegen den Senat, der momentan allenfalls gewaltlos gestürzt werden kann.“
Tom staunte, hielt Letzteres für eine unsinnige, weil hoffnungslose Vorstellung.
Die Podiumsteilnehmer verließen ihre Plätze, der Saal leerte sich. Ein Teilnehmer drückte Tom eine Mao-Fibel in die Hand, sein erstes Geburtstagsgeschenk.
„Genosse Mao Zedong ist der größte Marxist-Leninist unserer Zeit”, las er und, „Jeder Kommunist muss die Wahrheit begreifen, die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen … Eine Revolution ist kein Gastmahl … ein Kraftakt, durch den eine Klasse eine andere Klasse stürzt.”
Hier hatte Tom heute erlebt, wie mit heftigen Worten gekämpft, auch Waffengewalt beschworen wurde, denn noch keine der bisherigen und gegenwärtigen kommunistischen Revolutionen hatte darauf verzichten können, um zu siegen oder siegen zu wollen. Das hieß in letzter Konsequenz, den Tod in Kauf zu nehmen, auch den eignen.
Am 11. April 1968 schoss Josef Bachmann, ein Gelegenheitsarbeiter aus Peine, am Kurfürstendamm vor dem SDS-Haus dreimal auf Rudi Dutschke, zweimal in den Kopf und einmal in die Brust. Am 24.12.79 ertrank dieser nach einem epileptischen Anfall, als Folge seiner Kopfverletzung, tragischerweise in einer Badewanne.
Nach dem Attentat folgten unmittelbar schwere Ausschreitungen, nicht nur in Berlin, auch in Westdeutschland. Der studentische Kampf eskalierte.
Eine der vielen studentischen Demonstrationen, vorbei am umzäunten Amerikahaus, bewegte sich zur Abschlusserklärung auf den Ernst-Reuter-Platz zu. Wie gewohnt miteinander untergehakt skandierten die ersten Reihen: „USA, SA, SS, Ho-,Ho-,Ho-Chi-Minh”, animierten den Rest, der einstimmte. Rote Fahnen wurden geschwenkt, revolutionäre Parolen auf mitgeführten Transparenten verkündet. Die Technische Universität war zum Schutz vor Beschädigung mit Stacheldraht umzäunt worden. Doch militante Demonstranten rissen eine Lücke hinein und strömten auf das Gelände. Tom mittendrin. Die nachrückende Polizei wurde mit Steinen beworfen, diese setzte Rauchgas ein.
„Schmeiß die kochend heißen Bomben zurück, aber nur mit dem Wollhandschuh”, belehrte ihn ein verwegener Mitstreiter, „Wolle schützt und brennt schlecht.” Wie gesagt nahm dieser die nächste anrollende rauchende Blechbüchse mit bewehrter Hand auf und schleuderte sie zurück.
Doch dem alles entschlossenen Polizeisturm hatten die Eindringlinge letztendlich nichts entgegenzusetzen. Was nützte das Versteck in der Toilette, wenn beißender Qualm jeden zurück ins Freie zwang, geradewegs in die Arme einsatzbereiter Polizisten. Gegenseitige Flüche, Schreie wurden laut, der Gummiknüppel tanzte. Ein am Kopf Getroffener umklammerte diesen mit beiden Händen, krümmte sich vor Schmerzen.
Selber schuld, der trockene Kommentar des Polizisten.
In Reih und Glied wurden alle Aufgegriffenen an der Wand aufgestellt, dann in die Grüne Minna verladen. Eine lange Fahrt in einen Außenbezirk Berlins fand statt, wahrscheinlich Spandau. In einem ehemaligen Kasernengebäude mit Kerkerzellen erfolgten erkennungsdienstliche Maßnahmen der Mitgenommenen: Daumenabdruck, Foto, von vorne, von der Seite, dann die kommentarlose Einsperrung in eine der Zelle. Fragen wurden nicht beantwortet.
Die Nacht brach herein, und weit nach Mitternacht stellte sich für Tom eine unverhoffte Wende ein, der Wachmann forderte ihn auf: „Geh nach Hause.” Orientierungslos stolperte er durch die dunkle Nacht. Dennoch, die frische Luft war Labsal. Endlich erschien ein Wohngebiet, wo nach langem Warten ein erstes öffentliches Verkehrsmittel aufkreuzte, um ihn mitzunehmen.
Eintritt in die Universität
Zögerlich durchstreifte Tom den großflächigen Campus der Freien Universität Berlin in Dahlem, auch er frei, jeglicher Fremdvereinnahmung abhold.
Philosophie, Mathematik, Medizin, Jura, diese archaischen Fächer, jahrhundertelange Herausforderungen, kamen ihm in den Sinn. Wem oder was sollte er folgen, Lust oder Laune, Münzwurf oder Vergabestelle für Numerus-Clausus-Fächer?
Dann, von allen Überlegungen entbunden und womit er am allerwenigsten gerechnet hatte, kaum geglaubt und im Zweckpessimismus von sich gewiesen, war der Brief mit der Zulassung zum Medizinstudium gekommen, neben der Mathematik einer der Favoriten. Seinen aufkommenden Stolz erstickte er in beherrschter Gelassenheit. Es gab niemanden, dem er sich begeistert hätte mitteilen können, außer den Eltern.
Das braune Pappheftchen, Studienbuch der FU Berlin mit fünfstelliger Matrikelnummer und verschnörkeltem Namensschriftzug, beeindruckte ihn trotz nüchterner Schlichtheit, da es das Privileg vermittelte, Student zu sein.
Auf der ersten Innenseite befand sich das eingelochte Passbild eines jungen Mannes: glattes Gesicht, offener Blick, volles, aus der Stirn gekämmtes, gescheiteltes Haar, Jackett, weißes Hemd, gepunktete Krawatte. Darunter ein amtlicher Stempel und seine eigenhändige, zügig davoneilende Unterschrift, von einem zurückschießenden Strich wieder eingefangen. Auf der nächsten Seite folgten Angaben über die Staatsangehörigkeit: Deutsch, die Fakultät: Medizinische, Tag der Aufnahme: 19.11.68, im Wintersemester 1968/69.
Im Belegblatt trug er eigenhändig die Vorlesungen und Praktika seiner Premierenfächer Physik, Chemie, Zoologie, Histologie und Anatomie ein.
Der große, breitschultrige Bursche neben Tom gab sich mit unverkennbarem Gleichmut der Betrachtung einer Traube aufgeregter Studenten hin, welche an diesem Samstagvormittag die Eingangstür des betongrauen Instituts für Anorganische Chemie belagerten. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen.
„Erstsemester, pass auf, die Büffelherde stürmt gleich den Saal, ein sinnloser Eifer, keiner kommt zu kurz, primitiver Herdentrieb.”
In der Tat, kaum war die Tür geöffnet, ergoss sich rücksichtslos drängelnd die Menge in die Weite eines nüchternen Raumes mit langgezogenen Arbeitstischen, um einander erstaunt, verloren anzusehen.
Die konkrete Aufforderung des Lehrbeauftragten, sich paarweise zu formieren, schuf gesittete Normalität. Tom, von seinem zufälligen Nebenmann beeindruckt, verhielt sich wie dieser lässig abwartend, und nachdem all die anderen zueinander gefunden hatten, ergaben sie als letzte eine neue Zufallsgemeinschaft.
„Siehst du, die ganze Aufregung umsonst.”
Der von den Medizinern nicht gerade beeindruckte Chemiker gab Anleitung und Einweisung, erwartete selbstständige chemische Analysen und vergab Testate für gelungene, häufig genug abgekupferte Ergebnisse. Die allgemeine Anspannung verflog und der Vormittag verstrich. Nächsten Samstag ging es weiter, dazwischen eingebettet erfolgten die theoretische Vorlesungen des Faches.
Seinen Studienbeginn hatte sich Tom ehrwürdiger vorgestellt.
„Siegfried”, stellte sich der neue Kommilitone vor, dessen blaugraue Augen ihn intensiv musterten, „hast du Lust mit mir in die WiSo-Cafeteria zu gehen? Das ist die letzte Chance, Samstagmittag Kaffee und belegte Brötchen zu bekommen.”
Toms Zustimmung war ihm gewiss, auch dessen Neugier. Was bedeutete WiSo? Ganz sicher, hier war jemand, der sich auskannte im Unibetrieb, vertraut auch mit dem Schlendrian. Woher sonst nahm er seine Überlegenheit, die Tom so unbedeutend dastehen ließ?
Institut für Wirtschaft und Soziales stand auf dem Eingangsschild. Ein geschwätziges Stimmengewirr empfing sie, das reichhaltige Buffet und der Kaffeeduft trösteten über die bisherige Nüchternheit hinweg.
Ein paar Semester Jura hatte Siegfried seinem Bekunden nach in den Wind gesetzt.
„Stinklangweilig, endlose Fälle, die sich wie Kaugummi ziehen. Die Medizin ist schneller, effizienter, mit deutlich mehr Fällen.”
Eine durchaus glaubwürdige und einleuchtende Aussage, vorgetragen voller Selbstsicherheit.
„Am Mittwoch sehen wir uns im Seminar Experimentelle Physik für Mediziner wieder. Schulkram, Newtonsche Mechanik, Gas- und Strömungslehre, Optik. Steht auch alles in den Skripten, die Seminare sind Pflicht. Die Vorlesungen kannst du schwänzen.”
Eine glatte Verleumdung des universitären Lehrplans, zwar noch kein Erdbeben für Tom, aber eine Erschütterung. Dieser Siegfried bewies Überlegenheit durch sachkundige Kritik, oder spielte er sich nur auf? Tatsächlich, auch Letzteres lag in seiner Natur. Er reckte sich, strich mit einer Handbewegung über das glatte, in die Stirn fallende Haar, Spott und Lächeln verflogen, stattdessen zeigte sein Gesicht nun ergreifende Ernsthaftigkeit mit geschürzten Lippen.
„Ich wollte Schauspieler werden, habe Monologe gelernt und vorgesprochen, aber mir saßen nur desinteressierte, herzlose Ignoranten gegenüber, die mit sich selber beschäftigt waren. Wie eine Wand.”
Bitternis klang an, verflog rasch, die momentane Zufriedenheit setzte sich durch und prahlerische Überheblichkeit.
