Abbitte - Ian McEwan - E-Book
Beschreibung

Die Abgründe und die Macht der Leidenschaft und der Phantasie: An einem heißen Tag im Sommer 1935 spielt die dreizehnjährige Briony Tallis Schicksal und verändert dadurch für immer das Leben dreier Menschen.

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EPUB

Seitenzahl:587

Sammlungen



Ian McEwan

Abbitte

Roman

Aus dem Englischen von

Bernhard Robben

Titel der 2001 bei

Jonathan Cape, London,

erschienenen Originalausgabe:

›Atonement‹

Copyright © 2001 by Ian McEwan Die deutsche Erstausgabe erschien 2002 im Diogenes Verlag

Die Übersetzung wurde vom British Centre

of Literary Translation der Universität von East Anglia, Norwich, unterstützt

Umschlagfoto von

Chris Frazer Smith

Für Annalena

Alle deutschen Rechte vorbehalten

Copyright © 2012

Diogenes Verlag AG Zürich

www.diogenes.ch

ISBN Buchvorlage 978 3 257 23380 3 (18. Auflage)

Die grauen Zahlen im Text entsprechen den Seitenzahlen der im Impressum genannten Buchausgabe.

[5]»Liebe Miss Morland, bedenken Sie, wie schrecklich die Vermutungen sind, die Sie da gehegt haben. Wie sind Sie darauf verfallen? Bedenken Sie, in welchem Land und in welcher Zeit wir leben. Bedenken Sie, daß wir in England und daß wir Christen sind. Fragen Sie doch Ihren eignen Verstand, Ihren eignen Sinn für das Wahrscheinliche, Ihre eigne Beobachtung: Wo haben Sie um sich her so etwas erlebt? Werden wir für solche Abscheulichkeiten erzogen? Üben unsere Gesetze Nachsicht dagegen? Könnten sie unentdeckt bleiben in einem Land wie diesem, wo der gesellschaftliche und schriftliche Verkehr so auf der Höhe ist, wo jeder Mann von einer Nachbarschaft aus Amateurspionen umringt ist und wo Reisen und Zeitungen alles und jedes aufdecken? Liebste Miss Morland, was für Gedanken haben Sie da in sich aufkommen lassen?«

Jane Austen:

[7]

[9] Eins

Das Theaterstück – für das Briony Plakat, Programmzettel und Eintrittskarten entworfen sowie einen umgekippten Wandschirm in eine Abendkasse verwandelt und eine Sammelbüchse mit einer roten Kreppmanschette ausgeschlagen hatte – war von ihr in einem zweitägigen Schaffensrausch geschrieben worden, über dem sie sogar ein Frühstück und auch noch das Mittagessen vergaß. Als alles bereit war, sah sie das fertige Werk ein letztes Mal durch, während sie auf die Ankunft ihrer Kusine und der beiden Vettern aus dem Norden wartete. Bis zur Heimkehr ihres Bruders blieb für die Proben nur noch ein einziger Tag Zeit. Bald schaurig schön, bald schrecklich traurig begann die herzergreifende Geschichte mit einem gereimten Prolog, der verkündete, daß jede Liebe, die nicht auf Vernunft basiert, zum Scheitern verurteilt ist. Die unbesonnene Leidenschaft für einen verruchten fremdländischen Grafen stürzt die Heldin Arabella ins Unglück, denn als sie Hals über Kopf mit ihrem Auserwählten in ein Seebad durchbrennt, erkrankt sie an Cholera. Vom Grafen und ihren Lieben verlassen, lernt sie, in einer Dachkammer ans Bett gefesselt, ihr Leid mit Fassung zu tragen. Doch das Schicksal gewährt ihr eine zweite Chance in Gestalt eines verarmten Arztes – in Wahrheit ein verkleideter Fürst, der sein Leben den Elenden und Bedürftigen weiht. Dank seiner Hilfe genesen, trifft Arabella [10] diesmal eine kluge Wahl und wird reich belohnt: Sie versöhnt sich mit ihrer Familie und feiert mit dem heilkundigen Fürsten an »einem windigen, strahlend schönen Tag im Frühling« Hochzeit.

Mrs. Tallis las die sieben eng beschriebenen Seiten der Heimsuchungen Arabellas vor ihrer Frisierkommode im Schlafzimmer, fest umschlungen von der Dichterin, die nicht von ihrer Seite wich. Briony suchte im Gesicht der Mutter nach jeder noch so kleinen Gefühlsregung, und ihr zuliebe sah Emily Tallis bald erschrocken drein, bald kicherte sie vor Entzücken und schenkte zum Schluß ihrer Tochter ein beifälliges Lächeln und ein weises, zustimmendes Kopfnicken. Sie drückte Briony an sich, zog sie auf den Schoß – ach, wie innig vertraut ihr dieser warme, glatte, kleine Körper war, der sich noch nicht von ihr gelöst hatte, noch nicht ganz –, sagte, daß das Stück »phantastisch« sei, und war auf der Stelle damit einverstanden, wie sie dem Mädchen in seine zierliche Ohrmuschel flüsterte, daß Briony genau dieses Wort auf jenem Plakat zitierte, das auf einer Staffelei neben dem Kartenschalter in der Eingangshalle stehen sollte.

Briony konnte nicht ahnen, daß dies bereits der Moment höchster Erfüllung war. Nie wieder sollte sie ihr Vorhaben derart glücklich machen, alles weitere würde bloß Wunschtraum und Enttäuschung sein. Noch aber kam es vor, daß sie sich in der sommerlichen Dämmerung, kaum war das Licht erloschen, ins köstliche Nest ihres Himmelbettes kuschelte und mit pochendem Herzen ihren leuchtenden, schmachtenden Phantasien nachhing, jede für sich ein kleines Theaterstück – und in allen kam Leon vor. In einem [11] Schauspiel verzerrte er sein gutmütiges, großes Gesicht vor Gram, als Arabella in Einsamkeit und Verzweiflung versank, in einem anderen stand er, Cocktailglas in der Hand, in einem vornehmen Lokal der Stadt und prahlte vor seinen Freunden: Ja, meine jüngere Schwester, die Dichterin Briony Tallis, von der habt ihr bestimmt schon gehört. In einem dritten Phantasiestück aber riß er begeistert die Arme hoch, sobald der letzte Vorhang gefallen war – nur daß es leider keinen Vorhang gab, nein, das ließ sich einfach nicht einrichten. Sie hatte dieses Stück weder für ihre Kusine noch für ihre Vettern geschrieben, es war allein für ihren Bruder bestimmt. Es sollte seine Rückkehr feiern und seine Bewunderung wecken, sollte ihn fortlocken von den unbedacht gewählten Freundinnen hin zu jener einen, der passenden Ehefrau, die ihn bewegen würde, aufs Land zurückzukehren, wo die dann Briony allerliebst darum bitten mochte, ihre Brautjungfer zu sein.

Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, daß die Welt genau so und nicht anders zu sein hat. Während im Zimmer ihrer großen Schwester aufgeschlagene Bücher und lose Kleider wild durcheinanderlagen, der Aschenbecher nicht geleert und das Bett nicht gemacht war, glich Brionys Zimmer einem Tempel, ganz dem sie beherrschenden Dämon geweiht: Der Modellbauernhof auf dem breiten Fenstersims enthielt die üblichen Tiere, doch schauten sie alle in dieselbe Richtung – hinüber zu ihrer Besitzerin –, als wollten sie jeden Moment ein Lied anstimmen, ja, selbst die Hennen im Hühnerhof standen adrett in Reih und Glied. Tatsächlich war Brionys Zimmer der einzige Raum im oberen Stock, in dem wirklich Ordnung [12] herrschte. Sogar in ihrem Puppenhaus mit seinen vielen Kammern schienen die Bewohnerinnen mit den steifen Rücken strikte Anweisung erhalten zu haben, sich keinesfalls an die Wände zu lehnen; und die vielen, daumengroßen Figuren – Cowboys, Tiefseetaucher und Menschenmäuse –, die auf der Frisierkommode in Formation standen, ließen unwillkürlich an ein Bürgerheer denken, das seinen Einsatzbefehl kaum erwarten kann.

Die Vorliebe für Miniaturen ist bezeichnend für einen ordnungsliebenden Geist, ebenso aber auch die Neigung zur Geheimniskrämerei: Verschob Briony an ihrem heißgeliebten Lackschränkchen eine quer zur Maserung eingearbeitete Schwalbenschwanzverbindung, öffnete sich ein verborgenes Schubfach, in dem sie ihr mit einer Schließe gesichertes Tagebuch sowie ein Notizbuch aufbewahrte, dessen Eintragungen nach einem selbsterfundenen Kode verschlüsselt waren. In einem Spielzeugtresor, der sich nur durch eine sechsstellige Zahlenkombination öffnen ließ, lagen Briefe und Postkarten. Eine lose Bodendiele unter ihrem Bett diente als Versteck für eine alte blecherne Portokasse. Diese enthielt vier Jahre alte Schätze, die noch von ihrem neunten Geburtstag stammten, aus jener Zeit also, in der sie mit dem Sammeln begonnen hatte: eine mutierte Doppeleichel, Katzengold, einen auf dem Rummelplatz gekauften Regenzauber und einen Eichhörnchenschädel, leicht wie eine Feder.

Doch verborgene Schubfächer, verschließbare Tagebücher und Geheimschriften konnten Briony über eines nicht hinwegtäuschen: über die schlichte Wahrheit nämlich, daß sie keine Geheimnisse hatte. Durch ihre Sehnsucht nach Harmonie und Ordnung blieben ihr die tollkühnen [13] Möglichkeiten der Bösewichter dieser Welt versagt. Chaos und Zerstörung waren für ihren Geschmack zu unordentlich, und grausam zu sein, brachte sie einfach nicht übers Herz. Da sie wie ein Einzelkind aufwuchs und das Haus der Familie Tallis recht abgelegen war, fand sich zumindest in den Sommerferien kaum Gelegenheit zu mädchenhaften Intrigen mit irgendwelchen Freundinnen, weshalb auch in ihrem Leben nichts so interessant oder beschämend war, daß sich ein Versteck dafür gelohnt hätte. Niemand wußte etwas über den Eichhörnchenkopf unter ihrem Bett, und niemand wollte etwas davon wissen. Zur Besorgnis gab es allerdings keinen Anlaß; dieser Eindruck entstand erst im nachhinein, als Abhilfe bereits gefunden war.

Mit elf Jahren schrieb Briony ihre erste Geschichte – ein törichtes, ein halbes Dutzend Volkssagen imitierendes Stückchen, dem es, wie sie erst später begriff, an jener Weltläufigkeit mangelte, die dem Leser unwillkürlich eine gewisse Achtung abnötigt. Doch zeigte ihr bereits dieser unbeholfene erste Versuch, welch ein Quell von Geheimnissen die schöpferische Phantasie ist: Saß sie an einer Geschichte, durfte niemand davon erfahren. Das Erdachte war zu zart, zu empfindlich, zu beschämend, als daß man irgend jemandem davon erzählen durfte. Sie zuckte schon zusammen, wenn sie nur sie sagte oder und dann niederschrieb, und wurde verlegen, wenn sie vorgab, die Gefühle einer bloß erfundenen Person zu kennen. Schilderte sie die Schwächen einer Figur, gab sie notgedrungen etwas Persönliches preis, da der Leser doch zwangsläufig vermuten mußte, daß sie sich selbst beschrieb. Auf welche andere Autorität hätte sie sich sonst berufen können? Erst wenn eine Geschichte [14] fertig war, wenn sämtliche Schicksale bekannt, alle Knoten gelöst waren und das Opus einen Anfang und ein Ende hatte, so daß es wenigstens in dieser Hinsicht allen anderen fertigen Geschichten dieser Welt glich, fühlte sie sich unangreifbar und war bereit, Löcher in den Rand zu stanzen, die Kapitel mit einem Stück Schnur zusammenzubinden, ein Deckblatt zu bemalen und das vollendete Werk ihrer Mutter oder auch ihrem Vater zu zeigen, wenn der ausnahmsweise mal zu Hause war.

Man unterstützte ihre ersten Versuche. Ja, sie wurden sogar freudig begrüßt, als der Familie Tallis aufging, daß ihr Küken eine höchst eigenwillige Phantasie besaß und mit Worten umzugehen wußte. An langen Nachmittagen wälzte sie Lexika und Wörterbücher, was zu Wendungen führte, die auf verblüffende Weise unzutreffend waren: die Münzen, die ein Bösewicht in seinen Taschen verbarg, waren »esoterisch«, ein Gangster, der beim Diebstahl eines Wagens erwischt wurde, weinte in »schamloser Auto-Exkulpation«, die Heldin unternahm auf ihrem Vollblut einen »kursorischen« Ritt durch die Nacht, und die zerfurchte Stirn des Königs wurde zur »Hieroglyphe« seines Mißfallens. Die Familie ermunterte Briony, ihre Geschichten in der Bibliothek vorzulesen, und es überraschte die Eltern und auch die große Schwester, wie unerschrocken dieses stille Mädchen auftrat, um die Zuhörer in den Bann seiner Erzählkunst zu ziehen, wie es mit dem freien Arm gestikulierte, beim Sprechen der Dialoge die Augenbrauen in die Höhe zog und beim Lesen sogar sekundenlang vom Blatt aufschaute, um nacheinander jedem ins Gesicht zu sehen und unverhohlen die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Familie einzufordern.

[15] Doch selbst ohne deren Aufmerksamkeit, ohne ihr Lob und ihre unübersehbare Freude an den Geschichten wäre Briony nicht vom Schreiben abzubringen gewesen. Zumal sie, wie so viele Schriftsteller vor ihr, feststellen mußte, daß nicht jede Anerkennung hilfreich ist. Cecilias Begeisterung zum Beispiel schien ein wenig übertrieben, vielleicht sogar mit Herablassung gepaart, und auch etwas peinlich, wollte ihre große Schwester doch jede gebundene Erzählung katalogisieren, um sie dann zwischen Rabindranath Tagore und Quintus Tertullian ins Regal einzureihen. Falls dies scherzhaft gemeint sein sollte, ließ Briony sich nicht davon beirren. Sie kannte nun ihren Weg und fand Erfüllung auf anderen Ebenen, denn Geschichten drehten sich nicht bloß um Geheimnisse, sie schenkten zudem noch jenen Genuß, den ihr alles Verkleinern bereitete. Auf fünf Seiten konnte sie eine Welt erschaffen, die sie glücklicher machte als ihr Modellbauernhof. Die Kindheit eines verwöhnten Prinzen ließ sich auf einer halben Seite umreißen, für einen Ritt im Mondschein durch verschlafene Dörfer brauchte sie nur einen einzigen rhythmisch betonten Satz, und mit einem Wort – einem Blick – vermochte sie die Liebe zu wecken. War eine Geschichte zu Papier gebracht, schienen die Blätter vor lauter Leben in ihrer Hand zu beben. Selbst ihrer Ordnungsliebe konnte sie frönen, ließ sich mit Worten doch jedes Chaos in geregelte Bahnen lenken. Eine Krise im Leben der Heldin durfte sie mit Hagelschauer, Donner und Sturm untermalen, wohingegen Hochzeitsfeierlichkeiten gemeinhin mit strahlendem Sonnenschein und einer sanften Brise gesegnet waren. Auch die waltende Gerechtigkeit gehorchte ihrem Ordnungssinn, denn Tod und Eheschließung [16] verkörperten die treibenden Kräfte einer jeden Geschichte, wobei ersterer ausschließlich den moralisch fragwürdigen Figuren vorbehalten blieb und letztere als Belohnung bis zur letzten Seite hinausgezögert wurde.

Mit dem Stück, das sie für Leons Heimkehr geschrieben hatte, wagte sie sich erstmals in die Welt des Theaters vor, doch die Umstellung fiel ihr bemerkenswert leicht. Welch eine Wohltat, ohne ein sie sagte auszukommen, nicht mehr das Wetter, den knospenden Frühling oder die Züge der Heldin schildern zu müssen – Schönheit, so hatte sie entdeckt, wandelte auf schmalem Grat; Häßlichkeit dagegen gab es in unbegrenzter Vielfalt. Ein Universum auf das zu beschränken, was in ihm gesagt wurde, entsprach tatsächlich einer außergewöhnlichen, fast bis zur Bedeutungslosigkeit gesteigerten Ordnung, doch wurde dafür jede Äußerung von einem überschwenglichen Gefühl begleitet, für das Ausrufezeichen unverzichtbare Dienste leisteten. Mag sein, daß Die Heimsuchungen Arabellas ein Melodram genannt werden mußte, auch wenn seine Verfasserin dieses Wort noch nie gehört hatte. Das Stück sollte jedenfalls nicht zum Lachen reizen, sondern Furcht, Erleichterung und Erbauung – in ebendieser Reihenfolge – auslösen, und der unschuldige Eifer, mit dem Briony ihr Vorhaben vorantrieb, mit dem sie sich um Plakate, Karten und die Abendkasse kümmerte, machte sie für ein Scheitern besonders anfällig. Gewiß hätte sie Leon ohne weiteres auch mit einer neuen Geschichte begrüßen können, doch die Nachricht, daß ihre Vettern und ihre Kusine aus dem Norden kamen, hatte sie veranlaßt, eine neue Form zu wagen.

[17] Daß die fünfzehnjährige Lola und die neunjährigen Zwillinge Jackson und Pierrot daheim einem erbitterten Ehekrieg entronnen waren, hätte Briony stärker berücksichtigen sollen. Schließlich hatte sie gehört, wie ihre Mutter das impulsive Verhalten ihrer jüngeren Schwester Hermione kritisierte, wie sie die Lage der drei Kinder bedauerte und ihren schwächlichen, feigen Schwager Cecil verurteilte, der nach Oxford ins All Souls College geflohen war. Briony hatte ebenfalls mit angehört, wie ihre Mutter und ihre Schwester die neuesten Geschehnisse und ungeheuerlichen Vorfälle kommentierten, die Klagen und Gegenklagen, und sie wußte, daß der Besuch sich länger, vielleicht sogar bis in die Schulzeit hinziehen konnte. Ihr entging auch nicht, daß es hieß, in diesem Haus sei ohne weiteres Platz für drei weitere Kinder, und die Quinceys dürften so lange bleiben, wie sie wollten, vorausgesetzt, die Eltern – sollten sie sich je gemeinsam hier aufhalten – verschonten die Familie Tallis mit ihren Querelen. In zwei Räumen gleich neben Brionys Zimmer hatte man Staub gewischt, neue Gardinen aufgehängt und Möbel aus anderen Zimmern aufgestellt. Normalerweise hätte Briony dabei geholfen, doch hatte sie gerade ihren zweitägigen Schaffensrausch, und außerdem mußte der Zuschauerraum noch hergerichtet werden. Undeutlich war ihr bewußt, daß jede Scheidung eine ziemlich unangenehme Sache war, nur eignete sich so etwas in ihren Augen kaum als literarisches Thema, weshalb sie auch nicht weiter darüber nachdachte. Eine Verbindung wurde auf profane Weise gelöst, ein unwiderruflicher Vorgang, und deshalb gab eine Scheidung für den Geschichtenerzähler eigentlich nichts her: Sie gehörte in die Gefilde der Unordnung. Allein auf [18] die Ehe kam es an, oder vielmehr auf jene Hochzeit, die in formaler Vollendung die Tugend belohnte, auf das überwältigende Festgepränge, das atemberaubende Bankett und das schwindelerregende Versprechen eines lebenslangen Bundes. Eine gelungene Hochzeit war die uneingestandene Andeutung des zunächst noch Undenkbaren, der sexuellen Wonnen. Unter den beifälligen Blicken der versammelten Familien und Freunde strebten Held und Heldin durch die Gänge dörflicher Kirchen oder städtischer Kathedralen ihrem unschuldigen Höhepunkt entgegen und brauchten danach niemals wieder auch nur einen Schritt zu tun.

Wäre die Scheidung der heimtückische Gegensatz zu alldem gewesen, hätte man sie mühelos zu Krankheit, Verrat, Diebstahl, Gewalt und Lüge in die andere Waagschale werfen können, doch kam sie gänzlich unromantisch daher und steckte voller fader Probleme und Streitereien. Wie die Wiederbewaffnung, die Abessinienkrise oder die Gartenarbeit taugte sie schlichtweg nicht für eine Geschichte, und als Briony nach langem Warten am Samstag morgen endlich das Knirschen von Rädern unter ihrem Schlafzimmerfenster hörte, als sie die Seiten zusammenraffte und die Treppe hinunterstürzte, durch die Halle und hinaus ins gleißende Mittagslicht lief, lag es weniger am fehlenden Mitgefühl als am überaus konzentrierten künstlerischen Ehrgeiz, daß sie den verblüfften jungen Besuchern, die da ein wenig verloren mit ihrem Gepäck vor dem Einspänner standen, zurief: »Hier sind eure Rollen. Ich habe alles aufgeschrieben. Morgen ist die erste Vorstellung! Und in fünf Minuten fangen die Proben an!«

Doch ihre Mutter und ihre Schwester durchkreuzten [19] Brionys Pläne augenblicklich mit einem sterbenslangweiligen Programm: Die Besucher – alle drei rothaarig und sommersprossig – wurden auf ihre Zimmer geführt, Hardmans Sohn Danny trug die Koffer hinauf, dann gab es in der Küche ein Erfrischungsgetränk, danach einen Rundgang durchs Haus, ein Bad im Pool, und schließlich sollte im Südgarten im Schatten der Weinstöcke zu Mittag gegessen werden. Emily und Cecilia Tallis schwatzten unentwegt drauflos, was die Gäste zweifellos um ebenjene gute Laune brachte, für die doch eigentlich gesorgt werden sollte. Briony wußte, wie es sie selbst deprimiert hätte, wenn sie zweihundert Meilen zu einem fremden Haus gereist wäre, um muntere Fragen über sich ergehen zu lassen, witzige Bemerkungen und hunderterlei Andeutungen, die besagen sollten, ihr sei es völlig freigestellt, zu tun, was sie wolle. Offenbar war keineswegs allgemein bekannt, daß Kinder am liebsten in Ruhe gelassen wurden. Doch die drei Quinceys bemühten sich redlich, amüsiert oder unbeschwert zu wirken, was ein gutes Omen für Die Heimsuchungen Arabellas sein mochte, besaß dieses Trio doch offenkundig das Geschick, etwas vorzugeben, was nicht der Wahrheit entsprach. Allerdings hatten die Gäste nur wenig Ähnlichkeit mit den Charakteren, die sie verkörpern sollten, weshalb sich Briony noch vor dem Mittagessen in den leeren Probenraum – das Kinderzimmer – stahl, über die gestrichenen Dielen auf und ab schritt und sich überlegte, wie sie ihre Rollen verteilen könnte.

Sehr überzeugend wirkte es nicht gerade, daß Arabella, die so dunkelhaarig wie Briony war, sommersprossige Eltern hatte, daß sie mit einem sommersprossigen Fürsten aus [20] dem Ausland durchbrannte, eine Dachkammer von einem sommersprossigen Wirt mietete, ihr Herz an einen sommersprossigen Fürsten verlor und von einem sommersprossigen Vikar vor einer sommersprossigen Gemeinde getraut wurde. Doch so würde es kommen. Ihre Vettern hatten allzu helle Haut, ihre Gesichter leuchteten geradezu. Wenn Arabella nun die einzige war, die keine Sommersprossen hatte, ließe sich dies vielleicht noch am ehesten als ein Hinweis – eine Hieroglyphe, wie Briony vielleicht geschrieben hätte – auf ihre Besonderheit erklären. Obwohl sie in einer schurkischen Welt lebte, würde niemand an ihrer reinen Seele zweifeln. Blieb noch das Problem mit den Zwillingen, die kein Außenstehender auseinanderhalten konnte: War es möglich, daß der niederträchtige Graf solch verblüffende Ähnlichkeit mit dem hübschen Fürsten hatte und daß beide wiederum Arabellas Vater und dem Vikar so ähnlich sahen? Was, wenn Lola die Rolle des Fürsten übernahm? Jackson und Pierrot wirkten wie zwei eilfertige kleine Jungen, die sicherlich taten, was man ihnen auftrug. Doch würde die Schwester einen Mann spielen? Sie hatte grüne Augen in einem schmalen Gesicht mit markanten Wangenknochen, und ihre spröde Zurückhaltung verbarg ein aufbrausendes Temperament und einen starken Willen. Allein die Andeutung, daß Lola die Männerrolle übernehmen möge, könnte einen Wutausbruch heraufbeschwören. Und würde es Briony wirklich fertigbringen, Lola vorm Altar zur Trauung die Hand zu reichen, während Jackson aus dem Gebetbuch vorlas?

[21] Es war schon fünf Uhr, als es Briony endlich gelang, das Ensemble im Kinderzimmer zu versammeln. Sie hatte drei Stühle in einer Reihe aufgestellt, sich selbst aber zwängte sie in einen alten Kinderhochstuhl – ein unkonventioneller Einfall, der ihr den Vorteil eines Schiedsrichters beim Tennis einbrachte. Die Zwillinge waren nur mit Mühe vom Pool fortzubewegen gewesen, in dem sie drei Stunden ohne Unterbrechung getobt hatten. Sie kamen barfuß und trugen über den Badehosen, aus denen Wasser auf die Dielen tropfte, ärmellose Trikothemden. Aus dem verfilzten Haar rann ihnen das Wasser in den Nacken, und beide Jungen fröstelten und schlackerten mit den Beinen, um warm zu werden. Nach dem langen Bad war ihre Haut schrumpelig und blaß, so daß die Sommersprossen im trüben Licht des Kinderzimmers beinahe schwarz wirkten. Ihre Schwester, die zwischen ihnen saß, gab sich dagegen vollkommen gelassen. Sie hatte reichlich Parfüm aufgetragen und ein grünes Baumwollkleid angezogen, das ihr leuchtendrotes Haar noch unterstrich. Ihre Sandalen ließen ein Fußkettchen und zinnoberrote Zehennägel sehen. Beim Anblick dieser Nägel zog sich etwas in Brionys Brust zusammen. Sie ahnte, daß sie Lola nicht bitten konnte, den Fürsten zu spielen.

Alle saßen nun, und die Dichterin wollte gerade mit ihrer kleinen Ansprache beginnen, den Inhalt des Stücks zusammenfassen und einen Vorgeschmack auf jene Begeisterung heraufbeschwören, die ihnen der Auftritt vor den Erwachsenen morgen abend in der Bibliothek bescheren würde, da sagte Pierrot: »Ich hasse Theater und solchen Kram.«

»Ich auch, und verkleiden tu ich mich schon gar nicht«, erklärte Jackson.

[22] Beim Mittagessen hatte es geheißen, man könne die Zwillinge allein dadurch auseinanderhalten, daß Pierrot ein dreieckiges Stückchen Haut am linken Ohrläppchen fehle, weil er als kleines Kind einen Hund gequält hatte.

Lola wandte den Blick ab.

Briony fragte gefaßt: »Wieso haßt du denn Theater?«

»Alles bloß Angeberei.« Achselzuckend verkündete Pierrot diese selbstverständliche Tatsache.

Briony wußte, daß manches für seine Ansicht sprach. Genau deshalb liebte sie das Theater, zumindest ihre eigenen Stücke: Alle Welt sollte sie vergöttern. Doch wie sie nun die Jungen betrachtete, unter deren Stühlen sich Pfützen sammelten, bis das Wasser schließlich in den Ritzen zwischen den Dielen versickerte, da ahnte sie, daß die beiden ihre ehrgeizigen Ziele niemals verstehen würden. In versöhnlichem Ton fragte sie: »Glaubt ihr wirklich, daß Shakespeare bloß angeben wollte?«

Schüttelspeer? Pierrot blickte über den Schoß seiner Schwester hinweg zu Jackson. Dieser kriegerische Name klang irgendwie vertraut und roch nach Schulmief und erhobenem Zeigefinger, aber die Zwillinge bestärkten sich gegenseitig.

»Das weiß doch jeder.«

»Und ob.«

Als Lola zu reden begann, wandte sie sich erst an Pierrot und fuhr dann mitten im Satz zu Jackson herum. In Brionys Familie hatte Mrs. Tallis beiden Töchtern nie etwas gleichzeitig mitteilen müssen. Briony konnte nun erleben, wie man so etwas anstellte: »Ihr spielt in diesem Stück mit, sonst knallt’s, und dann sag ich’s den Eltern.«

[23] »Wenn du uns eine knallst, dann sagen wir’s den Eltern.«

»Entweder ihr spielt jetzt mit, oder ich sag’s den Eltern.« Daß die Drohung geschickt abgeschwächt worden war, verminderte keineswegs ihre Wirkung.

Pierrot sog an seiner Unterlippe. »Und was sollen wir tun?« gab er klein bei.

Lola hätte ihm am liebsten sein verklebtes Haar zerzaust: »Denkt dran, was die Eltern gesagt haben. In diesem Haus sind wir Gäste, und wir sind – was sind wir? Kommt schon. Was sind wir?«

»Zu-vor-kom-mend«, verkündeten die Zwillinge trübselig im Chor und stolperten dabei kaum über das ungewohnte Wort.

Lola drehte sich zu Briony um und lächelte. »Bitte, erzähl uns doch mehr über dein Stück.«

Die Eltern. Die institutionalisierte Macht, die diesem Plural innegewohnt hatte, sollte bald zerstieben, falls dies nicht bereits geschehen war, doch durfte es im Augenblick noch nicht eingestanden werden, und selbst den Jüngsten wurde Tapferkeit abverlangt. Briony schämte sich plötzlich für ihre selbstsüchtige Haltung. Sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß ihre Vettern und ihre Kusine gar nicht mitspielen wollten, da sie ihr eigenes Drama, ihre eigene Katastrophe durchlebten und sich nur als Gäste des Hauses zum Mitwirken verpflichtet fühlten. Noch schlimmer aber war Lolas Klarstellung, daß sie selbst auch bloß gezwungenermaßen mitmachte. Die empfindsamen Quinceys wurden genötigt. Doch – Briony mußte sich anstrengen, diesen schwierigen Gedanken zu fassen – war es nicht auch Manipulation, wenn Lola die Zwillinge vorschob, um [24] durch sie etwas über sich selbst auszusagen, etwas Feindseliges, Zerstörerisches? Briony spürte, daß sie gegenüber dem älteren Mädchen im Nachteil war, daß ihr zwei Jahre Raffinesse fehlten, die, gegen sie ins Spiel gebracht, das eigene Stück plötzlich kläglich und peinlich wirken ließen.

Und während sie Lolas Blick konsequent mied, umriß sie den Inhalt des Stücks, obwohl dessen Stumpfsinn sie nun zu überwältigen drohte. Sie brachte es einfach nicht mehr über sich, ihren Verwandten die Aufregungen einer Premiere auszumalen.

Kaum war sie fertig, sagte Pierrot: »Ich will den Grafen spielen. Ich will der Böse sein.«

Und Jackson erwiderte bloß: »Ich bin der Fürst. Ich bin immer der Gute.«

Briony hätte sie umarmen und ihre kleinen Gesichter küssen können, antwortete aber nur: »Das wäre also geregelt.«

Lola streckte die Beine, strich den Rock glatt und machte Anstalten zu gehen. Mit einem traurigen, aber vielleicht auch bloß resignierten Seufzer meinte sie noch: »Da du das Stück geschrieben hast, nehm ich mal an, daß du selbst die Arabella spielst …«

»Ach was«, sagte Briony. »Nein, stimmt doch gar nicht.«

Sie sagte nein, meinte aber ja. Natürlich spielte sie die Arabella. Sie hatte nur was dagegen, wie Lola »nehm ich mal an« sagte. Schließlich spielte sie die Arabella nicht, weil sie das Stück geschrieben hatte; sie übernahm die Rolle, weil ihr nie etwas anderes in den Sinn gekommen wäre, weil Leon sie als Arabella sehen sollte und weil sie eben Arabella war.

[25] Doch sie hatte nein gesagt, und nun meinte Lola liebenswürdig: »Dann hast du also nichts dagegen, wenn ich sie spiele? Ich glaube, ich eigne mich ideal dafür. Ehrlich gesagt, von uns beiden bin ich …«

Sie ließ den Satz in der Schwebe, und Briony starrte sie an, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen oder ihr Entsetzen zu verbergen. Das Stück entglitt ihr, doch wußte sie nicht, was sie erwidern sollte, um es erneut an sich zu ziehen.

Lola nutzte Brionys Schweigen zu ihrem Vorteil: »Letztes Jahr war ich lange krank, den Teil der Rolle könnte ich also auch gut spielen.«

Auch? Briony gelang es nicht, mit dem älteren Mädchen Schritt zu halten. Das Drama des Unvermeidlichen trübte ihre Sinne.

Einer der Zwillinge sagte stolz: »Außerdem hast du in der Schulaufführung mitgespielt.«

Wie sollte sie ihnen erklären, daß Arabella keine Sommersprossen hatte? Ihre Haut war blaß, ihr Haar schwarz, und ihre Gedanken waren Brionys Gedanken. Aber konnte sie einer Kusine etwas abschlagen, die so fern von daheim war und deren Familienleben in Trümmern lag?

Lola schien ihre Gedanken zu lesen, denn jetzt spielte sie ihre letzte Karte aus, das unschlagbare As. »Bitte sag ja. Es wäre das einzig Schöne, was mir seit Monaten passiert ist.«

Ja. Unfähig, das Wort über die Lippen zu bringen, vermochte Briony bloß zu nicken; sie war so entsetzt, daß ein Kribbeln selbstvernichtender Gefügigkeit über ihre Haut kroch, sich ausbreitete und den Raum zu verdunkeln schien. Sie wollte gehen, wollte sich hinlegen, allein, aufs Bett, mit dem Gesicht nach unten, und das Pikante dieses gräßlichen [26] Augenblicks genießen, die Verästelungen des Geschehens bis zu jenem Moment zurückverfolgen, in dem die Welt noch in Ordnung war. Sie mußte sich mit geschlossenen Augen den ganzen Reichtum dessen ausmalen, was sie verloren, was sie fortgegeben hatte, und mußte sich innerlich auf dieses neue Regime einstellen. Es galt nicht bloß Leon zu bedenken, denn was war zum Beispiel mit dem creme- und pfirsichfarbenen, alten Satinkleid, das Mutter ihr für Arabellas Hochzeit herauslegen wollte? Das würde sie nun Lola geben. Wie konnte ihre Mutter die eigene Tochter übergehen, die sie doch all die Jahre geliebt hatte? Und als Briony sich ausmalte, wie sich das Kleid elegant um ihre Kusine schmiegte, als sie das herzlose Lächeln ihrer Mutter sah, da wußte sie, daß ihr nur noch ein einziger vernünftiger Ausweg blieb, daß sie fortlaufen, unter Hecken leben, Beeren essen und mit keinem Menschen mehr reden würde, bis im Dämmerlicht eines Wintermorgens ein bärtiger Waldschrat sie fand, zusammengerollt am Fuße einer riesigen Eiche, schön, aber tot, mit nackten Füßen, oder nein, lieber noch in den Ballettschuhen mit den rosa Schleifen …

Sie wollte sich nun ganz auf das Selbstmitleid konzentrieren, und nur in der Einsamkeit war sie in der Lage, den schmachvollen Details Leben einzuhauchen, doch kaum hatte sie zugestimmt (wie sehr ein Kopfnicken den Lauf der Welt verändern konnte!), nahm Lola auch schon Brionys Manuskriptbündel vom Boden auf, und die Zwillinge rutschten von den Stühlen, um ihrer Schwester in die Mitte des Kinderzimmers zu folgen, das Briony am Vortag ausgeräumt hatte. Durfte sie ihr jetzt einfach das Feld überlassen? Eine Hand an der Stirn, schritt Lola die Dielen auf [27] und ab, überflog die ersten Seiten des Stücks und murmelte Sätze aus dem Prolog vor sich hin. Dann verkündete sie, daß es nicht schaden könne, am Anfang zu beginnen, und wies gleich ihren Brüdern die Rollen von Arabellas Eltern zu, beschrieb ihnen den Auftakt des Stückes und schien über diese Szene alles zu wissen, was es zu wissen gab. Gnadenlos weitete Lola ihren Einfluß aus und machte jegliches Selbstmitleid der Verfasserin zunichte. Aber vielleicht stand Briony die völlige Auslöschung noch bevor? Sie war nämlich nicht einmal als Arabellas Mutter eingeplant, weshalb jetzt wohl endgültig der Moment gekommen war, sich aus dem Zimmer zu stehlen, sich aufs Bett zu werfen und das Gesicht zu vergraben? Doch Lolas herrisches Vorgehen, ihre rücksichtslose Art, außer den eigenen Interessen alles zu ignorieren, sowie die Erkenntnis, daß ihr niemand eine Träne nachweinen, ja, daß man ihre Empfindungen nicht einmal bemerken würde, all das gab Briony schließlich die Kraft, sich ihrer Kusine zu widersetzen.

In ihrem überwiegend angenehmen und wohlbehüteten Leben hatte sie sich noch nie zuvor gegen jemanden zur Wehr setzen müssen. Und plötzlich verstand sie: Es war, als wollte man Anfang Juni ins Schwimmbecken springen – man mußte sich einfach überwinden. Also zwängte sie sich aus ihrem Kinderstuhl und ging mit pochendem Herzen und stockendem Atem auf ihre Kusine zu.

Sie nahm Lola die Blätter aus der Hand und sagte mit erstickter, etwas fistelig klingender Stimme: »Besten Dank auch, aber wenn du die Arabella spielst, dann bin ich die Regisseurin, und deshalb werde ich den Prolog vorlesen.«

Lola schlug die sommersprossige Hand vor den Mund. [28] »’tschuldigung«, flötete sie. »Ich wollte doch nur endlich anfangen.«

Briony wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte, also wandte sie sich an Pierrot und sagte: »Du siehst aber nicht gerade wie Arabellas Mutter aus.«

Die Kritik an Lolas Rollenverteilung und das Gelächter, das Briony mit ihrer Bemerkung bei den Jungen auslöste, verschob das Kräftegleichgewicht. Lola zuckte demonstrativ mit ihren knochigen Schultern, ging ans Fenster und starrte hinaus. Vielleicht kämpfte sie nun selbst mit der Versuchung, einfach aus dem Zimmer zu stürmen.

Obwohl die Zwillinge anfingen, sich zu balgen, und ihre Schwester fürchtete, Kopfweh zu bekommen, nahm die Probe schließlich doch irgendwie ihren Anfang. Als Briony den Prolog vorlas, herrschte gespannte Stille.

Dies ist der unbesonnenen Arabellas Geschichte, Die mit einem fremdländischen Bösewichte Unerlaubt nach Eastbourne echappierte, Was die Eltern doch sehr konsternierte …

Arabellas Vater stand mit seiner Gattin am schmiedeeisernen Tor des Herrenhauses, flehte erst seine Tochter an, ihren Entschluß noch einmal zu überdenken, und verbot ihr dann in seiner Verzweiflung schlicht und einfach, die Eltern zu verlassen. Ihm gegenüber stand die traurige, doch störrische Heldin, der Graf an ihrer Seite, und die an eine nahe Eiche gebundenen Pferde wieherten und scharrten ungeduldig mit den Hufen. Dem Vater sollte vor lauter zärtlichen Gefühlen die Stimme zittern, wenn er sagte:

[29] Mein Liebes, du bist hübsch und fein, Nur arglos, wenn du meinst, Die Welt läg dir zu Füßen, Doch kann sie sich erheben Und dir auf ebenjene treten …

Briony ließ die Schauspieler Aufstellung nehmen; sie selbst hakte Jackson unter, Lola und Pierrot standen Hand in Hand wenige Schritte vor ihr. Die Jungen prusteten los, als sich ihre Blicke trafen, aber die Mädchen brachten sie zum Schweigen. Ärger hatte es bereits genug gegeben, doch ahnte Briony erst, welche Kluft sich zwischen einer Idee und ihrer Ausführung auftun konnte, als Jackson in monotonem Geleier von seinem Blatt ablas und jedes seiner Worte wie ein Name auf einer Totenliste klang; als er das Wort »arglos« immer wieder falsch aussprach, obwohl es ihm oft genug vorgesagt worden war, und als er die letzte Zeile »Und dir auf ebenjene treten« ein ums andere Mal vergaß. Lola sprach ihren Text zwar korrekt, doch lustlos, und manchmal lächelte sie im unpassenden Moment wie über einen heimlichen Einfall, als wäre sie fest entschlossen, Briony zu zeigen, daß sie mit ihren Gedanken einer fast Erwachsenen ganz woanders war.

Und so machten sie weiter, die Kusine und die Vettern aus dem Norden, eine geschlagene halbe Stunde lang, und richteten Brionys Werk unaufhaltsam zugrunde. Zum Glück kam schließlich Brionys große Schwester, um die Zwillinge zum Baden abzuholen.

[30] Zwei

Weil sie so jung war und der Tag so schön, aber auch weil das Verlangen nach einer Zigarette in ihr aufkeimte, rannte Cecilia Tallis fast, Blumen in der Hand, den Pfad entlang, der vorbei am alten Badeplatz mit seiner moosigen Ziegelmauer dem Flußlauf folgte, ehe er hinter einer Biegung im Eichenhain verschwand. Doch auch die Langeweile der Sommerwochen seit ihrem Schulabschluß trieb sie hinaus, denn daheim schien das Leben erstarrt, und so ein herrlicher Tag wie heute machte sie ruhelos, beinahe unbeherrscht.

Der kühle, tiefe Schatten der Bäume war eine Wohltat, das scharf konturierte Geflecht der Äste verzauberte sie. Durch das eiserne Schwingtor – vorbei am Rhododendron beim Grenzgraben und quer durch eine offene Parklandschaft, die als Kuhweide an einen Bauern aus dem Dorf verkauft worden war – gelangte sie zum Tritonbrunnen, einer verkleinerten Ausgabe von Berninis Brunnen auf der Piazza Barberini in Rom.

Der muskulöse Meeresgott, der da so gelassen auf seiner Muschelschale hockte, vermochte allerdings – so schwach war der Wasserdruck – bloß einen knapp zehn Zentimeter hohen Strahl durch sein Schneckenhorn zu blasen, weshalb ihm das Wasser auf den Kopf plätscherte und durch die Steinlocken und die Furche des mächtigen Rückgrats rann, um dort einen schimmernden dunkelgrünen Fleck zu [31] hinterlassen. In diesem fremden nordischen Klima war der Triton weit fort von heimatlichen Gefilden, doch bot er einen schönen Anblick in der Morgensonne, genau wie die vier Delphine, die jene Muschel mit gewelltem Rand trugen, auf der er saß. Sie betrachtete die Schuppen, die auf den Delphinen und den Schenkeln des Meergottes eigentlich nichts zu suchen hatten, und sah dann zum Haus hinüber. Am schnellsten käme sie über den Rasen und durch die Terrassentür in den Salon zurück, aber ihr Spielgefährte aus Kindertagen und einstiger Studienfreund Robbie Turner lag vor der Rosenhecke auf den Knien, um Unkraut zu jäten, und sie hatte keine Lust, sich mit ihm zu unterhalten. Jetzt jedenfalls noch nicht. Seit der Universität hatte er sich aufs Gärtnern verlegt, doch war neuerdings auch die Rede von einem Medizinstudium, was ihr nach einem Abschluß in Literatur etwas hochgegriffen schien, aber auch ziemlich anmaßend, da ihr Vater schließlich dafür bezahlen mußte.

Sie wässerte kurz die Blumen, tauchte sie noch einmal ins tiefe, kalte Wasser des – originalgroßen – Brunnenbeckens und machte einen Bogen um Robbie, indem sie rasch zum Haupteingang eilte – eine Gelegenheit, dachte sie, um noch einige Augenblicke länger im Freien bleiben zu können.

Keine Morgensonne und auch sonst kein Licht konnten darüber hinwegtäuschen, wie häßlich der Landsitz der Familie Tallis war: Gerade mal vierzig Jahre alt, klotzig, mit hellroten Ziegelsteinmauern, durchbrochen von wuchtigen, neogotischen Bleiglasfenstern, sollte er eines Tages in einem Artikel von Pevsner höchstpersönlich (vielleicht aber auch von einem seiner Mitarbeiter) als eine »Tragödie vertaner Gelegenheiten« und von einem jüngeren Anhänger der [32] modernen Schule als »schrecklich geschmacklos« bezeichnet werden. Noch um 1880 hatte an seiner Stelle ein Haus im Stil der Gebrüder Adam gestanden, das einem Brand zum Opfer gefallen war. Geblieben waren nur ein künstlich angelegter See mit einer Insel, über die mittels zweier steinerner Brücken die Zufahrt führte, sowie am Ufer ein verfallener stuckverzierter Tempel. Cecilias Großvater, aufgewachsen über einem Eisenwarenladen, hatte mit einer Reihe von Patenten für Vorhängeschlösser, Riegel, Schnappschlösser und Schließbänder den Grundstock fürs Familienvermögen gelegt und dem neuen Haus seine Vorliebe für alles Solide, Sichere und Praktische vermacht. Kehrte man aber dem Eingang den Rücken zu, sah die Auffahrt hinunter und ignorierte die Holsteiner Kühe, die schon jetzt den Schatten der wenigen Bäume suchten, war die Aussicht gar nicht so übel, vermittelte sie doch nach wie vor einen Eindruck von zeitloser, ereignisloser Ruhe, was Cecilia erst recht darin bestätigte, daß sie möglichst bald wieder von hier fortmußte.

Sie ging ins Haus, eilte durch die schwarzweiß geflieste Eingangshalle – das Echo der Schritte so vertraut, so unangenehm laut – und blieb vor der Tür zum Salon stehen, um wieder zu Atem zu kommen, während kühle Tropfen von den Blumenstengeln auf ihre Füße fielen. Der Anblick der Purpurweidenzweige und wilden Schwertlilien hob ihre Stimmung. Die Vase, nach der sie suchte, stand auf einem amerikanischen Kirschholztisch gleich neben der spaltbreit geöffneten Terrassentür, die nach Südosten zeigte und morgendliches Sonnenlicht einließ, das in hellen Parallelogrammen über den taubenblauen Teppich wanderte. Cecilias [33] Atem beruhigte sich, und ihr Verlangen nach einer Zigarette wuchs, doch zögerte sie noch und blieb einen Moment an der Tür stehen, wie gebannt von dem harmonischen Anblick, der sich ihr bot: die drei abgewetzten Chesterfields um den noch fast neuen Kamin im gotischen Stil, in dem ein winterliches Büschel Riedgras stand, das ungestimmte Cembalo, auf dem nie gespielt wurde, der ungenutzte Notenständer aus Rosenholz und die schweren, von einer blauorangefarbenen Kordel locker zurückgehaltenen Samtvorhänge, die den Blick auf den wolkenlosen Himmel und die gelbgrau gesprenkelte Terrasse freigaben, in deren Fliesenritzen Kamille und Mutterkraut wuchsen. Einige Stufen führten zum Rasen hinab, der sich bis zum knapp fünfzig Meter entfernten Triton-Brunnen erstreckte und an dessen Einfassung Robbie immer noch arbeitete.

Daß sie gerannt war – was sie in letzter Zeit nur noch selten tat –, und den Fluß und die Blumen, die feine Maserung der Eichenstämme, die hohe Zimmerdecke, den geometrischen Lichteinfall, den Pulsschlag in den Ohren, der langsam der Stille wich: All dies genoß sie, weil es das Vertraute in etwas angenehm Fremdes verwandelte. Zugleich aber hatte sie ein schlechtes Gewissen wegen der Langeweile, die sie hier zu Hause plagte. Sie war mit der vagen Annahme aus Cambridge zurückgekehrt, ihrer Familie eine längere Zeit der Anwesenheit zu schulden. Doch ihr Vater blieb in der Stadt, und wenn ihre Mutter nicht gerade an einer Migräne laborierte, wirkte sie abwesend, sogar unfreundlich. Gelegentlich brachte Cecilia ihr den Tee auf das Zimmer – in dem ein ebenso sensationelles Durcheinander herrschte wie in ihrem – und hoffte, sich in aller Ruhe mit ihr [34] unterhalten zu können, doch Emily Tallis wollte nur die kleinlichen Sorgen um den Haushalt mit ihr teilen. Oder sie trank ihre Tasse Tee in mattem Schweigen und ließ sich mit einer Miene, die im Dämmerlicht nicht zu entschlüsseln war, in die Kissen sinken. Briony aber verlor sich in Schreibphantasien – was zunächst nur eine Laune gewesen zu sein schien, hatte sich zu einer hartnäckigen Obsession entwickelt. Cecilia hatte ihre Schwester am Morgen auf der Treppe gesehen, wie sie die erst gestern eingetroffene Kusine und die beiden Vettern, diese armen Tröpfe, ins Kinderzimmer brachte, um dort das Stück mit ihnen einzuüben, das am Abend zur Ankunft von Leon und dessen Freund aufgeführt werden sollte. Es blieb nur wenig Zeit, und jetzt hielt Betty auch noch einen der Zwillinge wegen irgendeiner Lappalie in der Spülküche fest, aber Cecilia dachte nicht daran, helfend einzugreifen – dafür war es einfach zu heiß; außerdem würde das Unterfangen ohnehin in einer Katastrophe enden, weil Briony einfach zuviel erwartete und weil niemand, vor allem aber die Vettern nicht, ihren übertriebenen Ansprüchen genügen konnte.

Cecilia wußte, daß sie ihre Tage nicht länger im Kuddelmuddel ihres unaufgeräumten Zimmers vertrödeln, nicht länger in Zigarettenqualm gehüllt auf dem Bett liegen konnte, das Kinn in die Hand gestützt, ein Kribbeln im eingeschlafenen Arm, um in Richardsons Clarissa zu schmökern. Sie hatte halbherzig angefangen, einen Stammbaum zu erstellen, doch blieben die Vorfahren väterlicherseits bis zu dem Tag, an dem ihr Urgroßvater seinen bescheidenen Eisenwarenladen eröffnete, im Morast ewiger Bauernarbeit versunken, wobei die Männer verdächtig oft die Namen [35] gewechselt hatten, was Cecilia ziemlich verwirrte, und manche Gewohnheitsehe war gar nicht erst im Kirchenregister verzeichnet worden. Sie konnte nicht länger bleiben, sie wußte, sie sollte Pläne für ihre Zukunft schmieden, doch sie tat nichts dergleichen. Möglichkeiten boten sich durchaus, nur durfte sie sich mit allen Zeit lassen. Auf ihrem Konto war genug Geld angespart, um davon ein Jahr bescheiden leben zu können. Leon hatte sie immer wieder aufgefordert, mit ihm einige Zeit in London zu verbringen. Studienfreunde erboten sich, eine Stelle für sie zu finden – nichts Besonderes, sicher, aber sie wäre unabhängig. Mütterlicherseits besaß sie zudem interessante Onkel und Tanten, die sich stets freuten, wenn sie vorbeischaute, etwa die wilde Hermione, die Mutter von Lola und den Jungs, die in ebendiesem Augenblick mit einem Liebhaber, der beim Rundfunk arbeitete, in Paris weilte.

Niemand hielt Cecilia auf, niemanden kümmerte es sonderlich, ob sie ging oder blieb. Sie litt auch nicht an Apathie – manchmal war sie regelrecht wütend vor lauter Ruhelosigkeit –, doch hätte sie es gern gesehen, daß man sie von ihrer Abreise abhielte, daß sie gebraucht würde. Gelegentlich redete sie sich ein, sie bliebe Briony zuliebe oder um ihrer Mutter zu helfen oder weil sie nie wieder so lange daheim sein würde, weshalb sie bis zum Ende durchhalten wollte. Doch in Wahrheit fand sie die Aussicht, einen Koffer zu packen und den Morgenzug zu nehmen, nicht besonders verlockend. Abschied um des Abschieds willen? Gelangweilt, doch komfortabel daheim herumzulungern glich einer lustvollen Selbstbestrafung, zumindest aber blieb ihr noch die Hoffnung auf ein wenig Abwechslung; ginge sie [36] doch fort, könnte etwas Schreckliches geschehen oder, schlimmer noch, etwas Schönes, etwas, das sie keinesfalls verpassen durfte. Und dann war da noch Robbie, der sie verrückt machte, indem er sie auf Abstand hielt und seine großartigen Pläne ausschließlich mit ihrem Vater besprechen wollte. Sie kannten sich, seit sie sieben waren, sie und Robbie, und es irritierte Cecilia, wie verkrampft sie neuerdings miteinander redeten. Natürlich war das vor allem seine Schuld – ob es ihm zu Kopf gestiegen war, daß er seinen Abschluß mit Auszeichnung bestanden hatte? –, trotzdem wußte sie, daß sie ihr Verhältnis zu Robbie ins reine bringen mußte, bevor sie an eine Abreise denken konnte.

Durch die offene Tür drang der schwache Ledergeruch von Kuhmist, der außer an den kältesten Tagen immer in der Luft hing und nur von jenen wahrgenommen wurde, die länger fort gewesen waren. Robbie hatte die Hacke beiseite gelegt, um aufzustehen und sich eine Zigarette zu drehen, eine Marotte aus seiner Zeit als Kommunist – eine Phase übrigens, die, wie sein Faible für Anthropologie und die geplante Wanderung von Calais nach Istanbul, bald wieder in Vergessenheit geraten war. Ihre eigenen Zigaretten waren oben im zweiten Stock in einer von vielen Taschen.

Sie trat ins Zimmer und stopfte die Blumen in die Vase, die früher Onkel Clem gehört hatte. An seine Beerdigung – vielmehr an die zweite Bestattung gegen Ende des Krieges – konnte sie sich noch gut erinnern: die Lafette, die auf den ländlichen Friedhof fuhr, der Sarg unter der Regimentsflagge, die zum Salut erhobenen Degen, der Fanfarenstoß am Grab und – beeindruckender als alles andere für eine Fünfjährige – der weinende Vater. Außer Clem hatte er [37] keine Geschwister gehabt. In einem der letzten Briefe, die der junge Leutnant nach Hause geschrieben hatte, stand die Geschichte, wie er in den Besitz der Vase gekommen war. Man hatte ihn dem Französischen Sektor als Verbindungsoffizier zugeteilt. Kurz bevor die ersten Bomben fielen, veranlaßte er in letzter Sekunde die Evakuierung einer kleinen Stadt westlich von Verdun. Etwa fünfzig Frauen, Kinder und alte Menschen konnten so gerettet werden. Später führten der Bürgermeister und andere Honoratioren Onkel Clem zur Museumsruine. Zum Dank überreichte man ihm die Vase aus einer zerstörten Vitrine. Er konnte sie unmöglich ablehnen, auch wenn es noch so unangenehm sein würde, mit Meißner Porzellan unterm Arm Krieg zu führen. Einen Monat später wurde die Vase dann sicherheitshalber in einem Bauernhaus zurückgelassen, doch Leutnant Tallis holte sie sich wieder, durchquerte bei Hochwasser einen Fluß und kehrte um Mitternacht auf demselben Weg zu seiner Truppe zurück. Als er während der letzten Kriegstage Wache schieben mußte, gab er die Vase in die Obhut eines Freundes. Später gelangte sie dann auf Umwegen zum Regimentshauptquartier und wurde einige Monate nach Onkel Clems Beerdigung bei der Familie Tallis abgegeben.

Es war völlig sinnlos, Wildblumen arrangieren zu wollen. Sie ordneten sich von selbst, und es würde die Wirkung verderben, wenn man die Schwertlilien und Purpurweiden zu gleichmäßig verteilte. Minutenlang brachte Cecilia hier und da kleine Korrekturen an, damit der Strauß einen möglichst natürlichen Anblick bot, und fragte sich dabei, ob sie nun zu Robbie hinausgehen sollte. Dann müßte sie nicht extra [38] nach oben laufen. Aber irgendwie war ihr nicht wohl in ihrer Haut, außerdem war sie verschwitzt und hätte gern ihr Äußeres in dem großen vergoldeten Spiegel über dem Kamin geprüft. Wenn Robbie sich aber umdrehte – er stand mit dem Rücken zum Haus und rauchte –, würde er direkt ins Zimmer blicken. Endlich hatte sie ihr Werk vollendet und trat einen Schritt zurück. Paul Marshall, der Freund ihres Bruders, würde jetzt bestimmt glauben, daß man die Blumen mit der gleichen Unbekümmertheit, mit der sie gepflückt worden waren, auch in die Vase gestellt hatte. Sie wußte, es brachte nichts, Blumen zu ordnen, wenn noch kein Wasser in der Vase war, aber was machte das schon? Sie konnte einfach nicht anders, und nicht alles, was Menschen taten, war logisch und korrekt, vor allem dann nicht, wenn sie allein waren. Ihre Mutter hatte sich Blumen im Gästezimmer gewünscht, und Cecilia tat ihr nur zu gern diesen Gefallen. Wasser gab es in der Küche. Doch Betty bereitete das Abendessen vor, und sie war schrecklich schlecht gelaunt. Jackson oder Pierrot, einer der kleinen Jungen jedenfalls, verkroch sich vor lauter Angst, und die Aushilfe aus dem Dorf hätte es ihm am liebsten gleichgetan. Selbst im Salon konnte man gelegentlich ein gedämpftes Schimpfen oder das Scheppern einer Pfanne hören, die ungewöhnlich heftig auf die Herdplatte gesetzt wurde. Wenn Cecilia jetzt in die Küche ging, würde sie zwischen den vagen Instruktionen ihrer Mutter und der energisch hantierenden Betty vermitteln müssen. Da war es doch vernünftiger, sie ging nach draußen und füllte die Vase am Brunnen.

[39] Irgendwann vor Cecilias zwanzigstem Geburtstag hatte ein Freund ihres Vaters, ein Mitarbeiter des Victoria and Albert Museums, jene Vase untersucht und für echt erklärt. Sie war tatsächlich aus Meißner Porzellan und das Werk des großen Künstlers Höroldt, der sie 1726 bemalt hatte. Höchstwahrscheinlich hatte sie einst König August dem Starken gehört. Die Schätzung ergab, daß sie wertvoller war als alle übrigen Stücke im Haus – zumeist von Cecilias Großvater gesammelter Trödel –, doch wollte Jack Tallis, daß die Vase in Erinnerung an seinen Bruder ganz normal benutzt wurde. Sie sollte nicht in irgendeiner Glasvitrine eingesperrt sein. Wenn sie den Krieg überstanden hatte, würde sie auch die Familie Tallis überdauern. Seine Frau hatte nichts dagegen einzuwenden, denn wenn die Vase auch noch so wertvoll war und noch so viele Erinnerungen daran hingen, gefiel sie Emily Tallis eigentlich nicht. Die kleinen gemalten Chinesen, die sittsam im Garten um einen Tisch versammelt waren, die Zierpflanzen und phantastischen Vögel fand sie kitschig und deprimierend, wie sie überhaupt alle Chinoiserie langweilte. Cecilia hatte dazu keine bestimmte Meinung, nur fragte sie sich manchmal, was eine Versteigerung der Vase bei Sotheby’s wohl einbringen würde. In der Familie hielt man die Vase aber nicht deswegen in Ehren, weil Höroldt so meisterlich mit polychromer Glasur umzugehen, verschlungenes Blätterwerk zu zeichnen oder blaugoldene Bandverzierungen aufzutragen gewußt hatte, sondern wegen Onkel Clem, der Leben gerettet und nachts einen Fluß durchquert hatte und kaum eine Woche vor dem Waf-fenstillstand gefallen war. Blumen, vor allem aber Wildblumen, schienen da ein angemessener Tribut zu sein.

[40] Cecilia hielt das kühle Porzellan in beiden Händen, verlagerte ihr Gewicht auf einen Fuß, um mit dem anderen die Terrassentür weit aufzuschieben, und trat hinaus in die blendende Helligkeit. Wie eine freundliche Umarmung hüllte die von den Steinen aufsteigende Wärme sie ein. Zwei Schwalben schwirrten über dem Brunnen; im trägen Dunkel einer riesigen Libanonzeder durchschnitt der Gesang eines Zilpzalps die Luft. Die Blumen bogen sich in der leichten Brise und kitzelten Cecilias Gesicht, als sie vorsichtig die drei zerborstenen Stufen zum Kiesweg hinunterbalancierte.

Als Robbie sie kommen hörte, drehte er sich überrascht um. »Ich war in Gedanken«, erklärte er.

»Würdest du mir eine deiner bolschewistischen Zigaretten drehen?«

Er warf seine eigene Zigarette fort, griff nach der Blechdose, die auf seiner Jacke auf dem Rasen lag, und folgte Cecilia in Richtung Brunnen. Eine Weile schwiegen sie.

»Schöner Tag«, sagte sie mit einem Seufzer.

Er betrachtete sie mit amüsiertem Mißtrauen. Irgendwas war zwischen ihnen, und selbst Cecilia mußte zugeben, daß ihre unverfängliche Bemerkung über das Wetter ziemlich abwegig klang.

»Und wie ist Clarissa?« Er schaute seinen Fingern zu, die den Tabak rollten.

»Langweilig.«

»So was sagt man doch nicht.«

»Wenn sie bloß endlich einen Zahn zulegen würde.«

»Tut sie schon noch. Und dann wird’s besser.«

Sie gingen langsamer und blieben schließlich stehen, während er die Selbstgedrehte fertig rollte.

[41] Sie sagte: »Fielding würde ich allemal lieber lesen«, und ahnte gleich, daß sie etwas Dummes geäußert hatte. Robbie ließ seinen Blick über den Park und die Kühe zu dem Eichenhain im Flußtal schweifen, durch den sie am Morgen gelaufen war. Bestimmt vermutete er hinter ihren Worten irgendeine verschlüsselte Bedeutung und glaubte, sie wolle ihm ihre Vorliebe fürs Sinnliche und Vollblütige zu verstehen geben, was natürlich völliger Unsinn war. Irritiert fragte sie sich, wie sie ihm diesen Gedanken wieder ausreden könnte. Seine Augen gefielen ihr, dieses unvermengte Nebeneinander aus Grün und Orange, das im Sonnenlicht noch körniger als sonst wirkte. Und ihr gefiel, daß er so groß war. Eine interessante Kombination für einen Mann, kraftvoll und doch intelligent. Cecilia hatte die Zigarette genommen, und er zündete sie ihr an.

»Ich weiß, was du meinst«, sagte er, als sie fast am Brunnen angelangt waren. »Es steckt mehr Leben in Fielding, aber dafür ist er psychologisch oft viel unschärfer als Richardson.«

Sie stellte die Vase neben den rauhen Stufen ab, die zum Steinbecken anstiegen. Auf eine Grundsemesterdebatte über die Literatur des achtzehnten Jahrhunderts hatte sie nun wirklich keine Lust. Außerdem fand sie Fielding keineswegs unscharf, und Richardson hielt sie auch nicht gerade für einen überragenden Psychologen, aber sie wollte sich gar nicht darauf einlassen, wollte nicht definieren, parieren oder attackieren. Davon hatte sie genug, und Robbie konnte schrecklich logisch sein.

Also sagte sie: »Hast du schon gewußt, daß Leon heute abend kommt?«

[42] »Ich hab so was läuten hören. Freust du dich?«

»Er bringt seinen Freund mit, diesen Paul Marshall.«

»Den Schokoladenmillionär? Herrje, und für den hast du Blumen gepflückt?«

Sie lächelte. Tat er eifersüchtig, um zu verbergen, daß er tatsächlich eifersüchtig war? Sie verstand ihn nicht mehr. In Cambridge hatten sie sich auseinandergelebt. Alles andere wäre auch zu schwierig geworden. Sie wechselte das Thema. »Der alte Herr sagt, du willst Arzt werden?«

»Ich habe drüber nachgedacht, ja.«

»Das Studentenleben scheint dir zu gefallen.«

Wieder wandte er den Blick ab, doch diesmal nur kurz, kaum eine Sekunde lang. Als er sich wieder umdrehte, meinte sie, einen Anflug von Ärger zu erkennen. Hatte sie zu abfällig geklungen? Erneut schaute sie in seine Augen, sah die grünen, die apfelsinenfarbenen Sprenkel wie in einer Kindermurmel. Doch war er die Freundlichkeit selbst, als er erwiderte: »Ich weiß, Cee, daß du nicht viel davon hältst. Aber wie soll ich sonst Arzt werden?«

»Eben. Aber noch mal sechs Jahre? Und warum das alles?«

Er war nicht beleidigt. Sie war es, die zuviel in seine Bemerkungen hineininterpretierte, die in seiner Gegenwart ganz hibbelig wurde, und das ärgerte sie.

Er nahm ihre Frage ernst. »Weil mir kein Mensch jemals Arbeit als Landschaftsgärtner geben wird. Unterrichten will ich nicht, und Beamter mag ich nicht werden. Aber Medizin interessiert mich …« Er verstummte, als wäre ihm etwas eingefallen. »Hör mal, ich habe mit deinem Vater vereinbart, daß ich alles zurückzahle. So ist es abgemacht.«

[43] »Daran habe ich doch überhaupt nicht gedacht.«

Es überraschte sie, daß er glaubte, sie hätte das Thema Geld angeschnitten. Wie kleinlich von ihm. Robbies Ausbildung war von Anfang an von ihrem Vater finanziert worden, und nie hatte sich jemand deswegen beschwert. Fast hatte sie schon geglaubt, es sich nur einzubilden, aber offenbar war Robbie in letzter Zeit tatsächlich ziemlich schwierig. Er legte es darauf an, sie sooft wie möglich bloßzustellen. Vor zwei Tagen hatte er zum Beispiel geklingelt – was an sich schon merkwürdig war, da er sonst kam und ging, wie es ihm gefiel. Als man sie rief, stand er draußen und fragte mit lauter, kühler Stimme, ob er sich ein Buch ausleihen dürfe. Der Zufall wollte es, daß Polly auf den Knien die Fliesen der Eingangshalle schrubbte. Also zog Robbie umständlich die Schuhe aus, die überhaupt nicht dreckig waren, und anschließend, als wären sie ihm erst nachträglich eingefallen, auch noch die Socken, um dann wie ein Clown auf Zehenspitzen über den nassen Boden zu kaspern. Ständig legte er es darauf an, sich von ihr zu distanzieren. Er gab den Sohn der Putzfrau, der eine Besorgung im Herrenhaus zu erledigen hat. Sie ging mit ihm in die Bibliothek, und als er sein Buch gefunden hatte, bat sie ihn, doch auf einen Kaffee zu bleiben. Stotternd schlug er ihre Bitte aus, aber das war nur Theater – sie kannte kaum jemanden, der so selbstsicher war wie Robbie. Sie wußte genau, daß er sich über sie lustig machte, als er ihr einen Korb gab. Sie ging nach oben, legte sich mit Clarissa aufs Bett, las, ohne ein Wort zu verstehen, und spürte, wie sie immer ärgerlicher und verwirrter wurde. Er machte sich über sie lustig, oder sie wurde bestraft – und sie wußte nicht, was schlimmer war. Bestraft, [44] weil sie sich in Cambridge in anderen Kreisen bewegt hatte, weil ihre Mutter keine Zugehfrau war und weil sie so schlecht abgeschnitten hatte – dabei bekamen Frauen doch sowieso kein richtiges Abschlußzeugnis.

Sie hob die Vase auf und stellte sie – etwas unbeholfen, weil sie die Zigarette noch in der Hand hielt – auf den Beckenrand. Sicher wäre es vernünftiger gewesen, erst die Blumen herauszunehmen, aber sie war einfach zu durcheinander. Mit heißen, trocknen Händen drückte sie das Porzellan gegen den Körper. Robbie sagte nichts, aber sie sah seinem Gesicht an – seinem gezwungenen, angespannten Lächeln, bei dem sich kaum die Lippen verzogen –, wie leid ihm seine Worte taten, was sie jedoch keineswegs beruhigte. So war es in letzter Zeit nämlich immer, wenn sie sich unterhielten: Stets hatte einer von beiden etwas Falsches gesagt und wollte die letzte Bemerkung wieder ungeschehen machen. Ihren Gesprächen fehlte jede Leichtigkeit und Verläßlichkeit; man konnte sich dabei nicht entspannen. Statt dessen immer bloß Sticheleien, Fallenstellerei und verlegenes Schweigen, was sie sich selbst beinahe ebensosehr zum Vorwurf machte, obwohl sie keinen Moment daran zweifelte, bei wem die Schuld zu suchen war. Schließlich hatte sie sich nicht verändert, ganz im Gegensatz zu ihm. Er stellte diesen Abstand her zwischen sich und der Familie, die so völlig offen zu ihm gewesen war und ihm alles gegeben hatte. Da sie aber damit rechnete, erneut einen Korb von ihm zu bekommen, und weil sie wußte, wie sehr sie sich darüber ärgern würde, hatte sie ihn nicht zum Dinner eingeladen. War schließlich sein Problem, wenn er sich unbedingt absondern wollte.

[45] Vier Delphine trugen auf ihren Schwanzflossen die Muschel, in der der Triton hockte; und dem Delphin, der Cecilia am nächsten war, quollen Moos und Algen aus seinem weit geöffneten Maul. Die kugelförmigen steinernen Augenballen, groß wie Äpfel, schimmerten grünlich. Auf den nordwärts gewandten Flächen hatte die ganze Statue eine blaugrüne Patina angesetzt, so daß der muskelbepackte Triton, wenn man sich bei dämmrigem Licht aus einem bestimmten Winkel näherte, hundert Faden tief im Meer zu stehen schien. Gewiß hatte Bernini sich vorgestellt, daß das Wasser fröhlich aus der breiten Muschel mit ihren gewellten Rändern in das Becken plätscherte, doch war der Druck zu schwach, weshalb das Wasser lautlos über die Unterseite der Muschel rann, von der schmarotzender Schleim in tropfenden Fäden herabhing wie Stalaktiten in einer Kalksteinhöhle. Das Becken selbst war gut einen Meter tief, das Wasser klar, der Grund aus fahlem, cremefarbenem Stein, auf dem sich weißrandige Rechtecke aus gebrochenem Sonnenlicht wellten, einander überlappten und sich wieder teilten.

Sie hatte vorgehabt, sich über die Brüstung zu lehnen, die Blumen in der Vase zu lassen und das kostbare Stück seitlich einzutauchen, doch in ebendiesem Augenblick wollte Robbie etwas wiedergutmachen und beschloß, ihr zu helfen.

»Gib her«, sagte er und streckte eine Hand aus. »Ich füll sie für dich, wenn du so lange die Blumen hältst.«

»Danke, ich schaff das schon.« Sie hielt die Vase bereits über das Becken.

Aber er sagte: »Guck, ich hab sie schon«, und hielt den Rand der Vase fest zwischen Daumen und Zeigefinger. »Paß auf, deine Zigarette wird naß. Komm, nimm die Blumen.«

[46] Mit dieser Aufforderung versuchte er, ihr seine männliche Autorität aufzudrängen, doch erreichte er damit bei Cecilia nur, daß sie noch fester zupackte. Sie hatte keine Zeit und auch überhaupt keine Lust, ihm zu erklären, daß sie sich, wenn sie die Vase zusammen mit den Blumen eintauchte, davon ebenjenen Eindruck unverfälschter Natürlichkeit erhoffte, den sie mit ihrem Arrangement hervorrufen wollte. Also verstärkte sie ihren Griff und wandte ihm zugleich den Rücken zu, doch ließ Robbie sich nicht so leicht abschütteln. Mit einem Geräusch, als bräche ein trockner Ast, splitterte ein Teil vom Vasenrand ab und zerbrach in zwei dreieckige Stücke, die aus seiner Hand ins Wasser fielen und synchron in Zickzackschwüngen zu Boden sanken, wo sie sich in einigen Zentimetern Abstand im gebrochenen Licht zu krümmen schienen.

Cecilia und Robbie erstarrten mitten im Kampf. Ihre Blicke trafen sich, doch vermochte Cecilia in der giftigen Melange aus Grün und Orange weder Entsetzen noch ein schlechtes Gewissen zu erkennen, höchstens so etwas wie Anmaßung, vielleicht sogar ein Triumphgefühl. Sie war geistesgegenwärtig genug, die beschädigte Vase wieder auf die Stufe zu stellen, bevor sie sich der Bedeutung dieses Vorfalls bewußt wurde. Das Ganze war zu schön, einfach köstlich, denn sie wußte, je schwerer der Schaden, um so schlimmer würde es für Robbie werden: ihr verstorbener Onkel, der geliebte Bruder ihres Vaters, der sinnlose Krieg, die tückische Flußdurchquerung, der Wert der Vase, die mit Geld nicht zu bezahlen war, Heldentum, menschliche Güte und all die Jahre, die diese Vase durch ihre Geschichte verkörperte, eine Geschichte, die bis zu dem Genie von Höroldt [47] und noch darüber hinaus bis zur Meisterschaft jener Alchemisten zurückreichte, die das Porzellan wiederentdeckt hatten.

»Du Idiot! Jetzt sieh doch nur, was du angestellt hast.«

Er schaute ins Wasser, dann blickte er sie an, schüttelte einfach bloß den Kopf und legte eine Hand vor den Mund. Mit dieser Geste nahm er alles auf sich, doch haßte sie ihn dafür, so unangemessen fand sie seine Reaktion. Er blickte ins Becken und seufzte. Einen Moment fürchtete er, sie könnte zurückweichen und gegen die Vase treten, und hob warnend die Hand, sagte aber keinen Ton. Statt dessen begann er, sein Hemd aufzuknöpfen. Ihr war sofort klar, was er vorhatte. Ausgeschlossen. Er war ins Haus gekommen und hatte Schuhe und Socken ausgezogen – nun, sie würde es ihm zeigen. Sie schleuderte die Sandalen von den Füßen, knöpfte ihre Bluse auf und zog sie aus, löste den Rock, streifte ihn ab und trat an den Beckenrand. Er stand da, Hände in den Hüften, und glotzte, während sie in Unterwäsche ins Wasser stieg. Seine Hilfe ausschlagen, ihm keine Möglichkeit zur Wiedergutmachung gönnen, so lautete seine Strafe. Das eiskalte Wasser, ihr Aufkeuchen waren seine Strafe. Sie hielt den Atem an und sank hinab, ihr Haar aufgefächert über dem Wasser. Daß sie sich ertränkte, war seine Strafe.

Als sie einige Sekunden später wieder auftauchte, eine Scherbe in jeder Hand, da wußte er, daß er besser daran tat, ihr nicht aus dem Wasser zu helfen. Die zarte, weiße Nymphe, von der das Wasser weit kräftiger herabströmte als von dem bulligen Triton, legte die Stücke sorgsam neben die Vase. Dann zog sie sich rasch wieder an, streifte mühsam [48] die Seidenärmel über die nassen Arme und stopfte sich die offene Bluse in den Rock, griff nach den Sandalen, klemmte sie sich unter den Arm, steckte die Scherben in die Rocktasche und hob die Vase auf. Ihre Bewegungen waren schroff, und sie wich seinem Blick aus. Er existierte nicht, er war verbannt, das gehörte ebenfalls zu seiner Strafe. Wie betäubt stand er da, als sie barfuß über den Rasen davonging, und sah ihr nach, sah ihr nasses, jetzt dunkleres Haar schwer auf ihre Schultern herabfallen und die Bluse befeuchten. Dann drehte er sich um und suchte das Becken ab, ob nicht ein Bruchstück übersehen worden war, konnte aber kaum etwas erkennen, da sich das Wasser noch nicht wieder beruhigt hatte, fast, als würde es stets aufs neue vom Gespenst ihrer Wut aufgewühlt. Er legte eine gespreizte Hand auf die Oberfläche, als wollte er das Wasser besänftigen. Cecilia war längst im Haus verschwunden.

[49] Drei

Laut Plakat sollte die Uraufführung der Heimsuchungen Arabellas nur einen Tag nach der ersten Probe stattfinden. Doch für die Autorin und Regisseurin war es nicht leicht, genügend Zeit zum konzentrierten Arbeiten zu finden. Wie am Nachmittag zuvor bestand die Schwierigkeit darin, die Schauspieler zusammenzutrommeln. Jackson, Arabellas strenger Vater, hatte in der Nacht ins Bett gemacht, was verängstigten kleinen Jungen fern von daheim manchmal eben passiert. Gängiger Theorie zufolge war Jackson deshalb angehalten worden, Bettwäsche und Schlafanzug in die Waschküche zu bringen, um sie dort selbst auszuwaschen, und zwar von Hand und unter der Aufsicht von Betty, die man angewiesen hatte, sich unnahbar und unnachgiebig zu zeigen. Dies wurde dem Jungen keineswegs als Strafe auferlegt, vielmehr beabsichtigte man, seinem Unterbewußten für die Zukunft beizubringen, daß derartige Vorfälle dieser Art unangenehme und harte Arbeit nach sich zogen. Der Junge dürfte es trotzdem als Bestrafung empfunden haben, dort vor dem riesigen Steinbecken zu stehen, das ihm bis hinauf an die Brust reichte, die nackten Arme bis zu den aufgerollten Hemdsärmeln im Seifenschaum, die nassen Laken schwer wie ein Sack Steine und er selbst vom Gefühl einer Katastrophe wie betäubt. Briony schaute immer mal wieder vorbei, weil sie wissen wollte, wie weit er war. [50] Sie durfte ihm jedoch nicht helfen, und Jackson hatte noch nie in seinem Leben Wäsche gewaschen. Zweimal einseifen, immer wieder ausspülen, dann der beidhändige Kampf mit der Mangel und anschließend die fünfzehn Minuten, die er bebend am Küchentisch hockte, Brot, Butter und ein Glas Wasser vor sich, all das kostete zwei Stunden Probenzeit.

Als Hardman vor der frühen Hitze in die Küche flüchtete, um ein Glas Bier zu trinken, vertraute ihm Betty an, daß es schlimm genug sei, bei diesem Wetter für den Abend einen Braten zubereiten zu müssen, und daß sie persönlich finde, der Junge würde zu hart rangenommen, lieber hätte sie ihm einen scharfen Klaps auf den Po verpaßt und die Wäsche selbst gewaschen. Das wäre Briony ganz lieb gewesen, denn der Vormittag ging unerbittlich dahin. Als dann ihre Mutter nach unten kam, um selbst nach dem Rechten zu sehen, machte sich ein Gefühl der Erleichterung breit, in Mrs. Tallis aber regte sich ein uneingestandenes schlechtes Gewissen, weshalb Emily, als Jackson mit kleinlauter Stimme fragte, ob er jetzt bitte ins Schwimmbecken dürfe, diesem Wunsch sofort nachgab und die Einwände ihrer Tochter so großzügig beiseite wischte, als wäre es Briony gewesen, die dem hilflosen kleinen Burschen die unangenehmen Strapazen auferlegt hatte. Nun wurde also erst einmal gebadet, und danach kam das Mittagessen.

Immerhin waren die Proben ohne Jackson fortgesetzt worden, doch fand sie es deprimierend, daß Arabellas Abschied, diese wichtige erste Szene, noch nicht wie am Schnürchen lief; außerdem sorgte sich Pierrot viel zu sehr um das Schicksal seines Bruders dort unten in den Tiefen [51] des Hauses, um als tückischer fremdländischer Graf viel hermachen zu können, denn was Jackson erlitt, mochte Pierrot noch bevorstehen. Immer wieder lief er zur Toilette am Ende des Flurs.

Als Briony von einem ihrer Ausflüge in die Waschküche zurückkam, fragte er: »Hat’s was gesetzt?«

»Nein, noch nicht.«

Wie sein Bruder besaß Pierrot die Fähigkeit, den Versen jeglichen Sinn zu rauben. Der Reihe nach ließ er die Worte aufmarschieren: »Glaubst-du-denn,-du-könntest-meiner-Gewalt-entrinnen?« Vollzählig und korrekt.

»Das ist eine Frage«, warf Briony ein. »Verstehst du nicht? Am Ende geht’s rauf.«

»Rauf? Wie meinst du das?«

»Da. Jetzt hast du’s gemacht. Du fängst tief an und hörst mit einem höheren Ton auf. Es ist eine Frage.«

Er schluckte schwer, holte tief Luft, machte noch einen Versuch und ließ die Worte diesmal auf einer ansteigenden Tonleiter antreten.

»Am Ende. Der Ton geht nur am Ende rauf.«

Jetzt ließ er wieder das alte monotone Geleier hören, wechselte am Ende aber die Tonlage und jodelte die letzte Silbe in den Raum.

Aufgetakelt wie eine Erwachsene, für die sie sich im Grunde ihres Herzens auch hielt, war Lola am Morgen im Kinderzimmer erschienen. Zu einem kurzärmeligen Kaschmirpullover trug sie eine um die Hüfte weit geschnittene Flanellhose mit Schlag und Bügelfalte. Zusätzliche Zeugnisse ihrer Reife waren ein mit winzigen Perlen besetztes [52] Samthalsband, eine smaragdene Spange, die im Nacken die roten Locken zusammenhielt, drei silberne Armreife, lose am sommersprossigen Handgelenk getragen, sowie die Tatsache, daß sie bei jeder Bewegung einen Hauch Rosenwasserduft verbreitete. Und gerade weil sie sich alle Mühe gab, ihre Überlegenheit nicht zu zeigen, wirkte sie erst recht herablassend. Geduldig ging sie auf Brionys Vorschläge ein, sagte ihren Text, den sie über Nacht auswendig gelernt zu haben schien, mit ausreichender Betonung auf und ermunterte immer wieder ihren kleinen Bruder, ohne je die Autorität der Regisseurin in Frage zu stellen. Es war, als hätte Cecilia, oder nein, als hätte Brionys Mutter sich bereit erklärt, eine Rolle in dem Stück zu übernehmen, um ein wenig Zeit mit den Kindern zu verbringen, fest entschlossen, sich keinesfalls anmerken zu lassen, wie sehr sie sich in Wahrheit langweilte. Von ungehemmter kindlicher Begeisterung war jedenfalls nichts zu merken. Am Vorabend hatte Briony ihren Verwandten den Kartenschalter und die Sammelbüchse gezeigt, und die Zwillinge waren um die publikumswirksamsten Rollen gleich aneinandergeraten, doch Lola hatte bloß die Arme verschränkt und ihrer Kusine mit einem matten Lächeln, das zu undurchsichtig war, als daß darin auch nur ein Anflug von Ironie zu erkennen gewesen wäre, höfliche, erwachsene Komplimente gemacht.

»Wunderbar. Wie klug von dir, Briony, daran zu denken. Und das hast du wirklich alles ganz allein zuwege gebracht?«