ABENTEUER LASS NACH - Scott Meyer - E-Book

ABENTEUER LASS NACH E-Book

Scott Meyer

5,0

Beschreibung

Seit Martin Banks und seine Computerfreak-Freunde entdeckt haben, dass die Wirklichkeit nichts weiter als ein Computerprogramm ist, das nur darauf wartet, gehackt zu werden, reisen sie fröhlich in der Zeit hin und her und geben sich als mittelalterliche Zauberer aus. Dabei erleben sie die Art epischer Abenteuer, von denen andere Nerds nur träumen können. Aber selbst in ihren wildesten Träumen hätten sie sich nicht ausmalen können, dass sie eines Tages der Gnade ihres ehemaligen Lehrlings ausgeliefert sein würden, den sie wegen groben Magie-Missbrauchs und ganz allgemein bösen Verhaltens ins Gefängnis gebracht hatten. Wer hätte gedacht, dass der rachgierige Todd entkommen würde, um dann ein Computerspiel voller Wölfe, Weibsbilder, Wüstenei und anderer grauenhafter Gefahren heraufzubeschwören—und seine unglückseligen ehemaligen Freunde darin gefangen zu halten? Ihrer magischen Kräfte beraubt, müssen sich die Möchtegern-Zauberer schrecklichen Gefahren, technischen Pannen und der Gesellschaft ihrer Freunde stellen. Werden sie jemals ihr Zuhause im mittelalterlichen England — und ihre Lieblings-Science-Fiction-Filme auf VHS — wiedersehen? Werden unsere Helden dieses Magical-Mystery-Martyrium überstehen? Oder wird es sie und ihre spitzen Hüte nur noch weit größeren Gefahren aussetzen?

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Abenteuer, lass nach!

MAGIC 2.0 3

Scott Meyer

übersetzt von Sascha Zupancic

This edition made possible under a license arrangement originating with Amazon Publishing, www.apub.com

Text copyright © 2015 Scott Meyer All rights reserved.

No part of this book may be reproduced, or stored in a retrieval system, or transmitted in any form or by any means, electronic, mechanical, photocopying, recording, or otherwise, without express written permission of the publisher.

First published by 47North, Seattle www.apub.com

Dieses Buch stellt eine kurzweilige, amüsante Science-Fiction/Fantasy-Geschichte dar. Jede Ähnlichkeit zwischen den beschriebenen Ereignissen und der Art und Weise, wie die reale Welt tatsächlich funktioniert, ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: AN UNWELCOME QUEST Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Sascha Zupancic

ISBN E-Book: 978-3-95835-258-2

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

Abenteuer, lass nach!
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Danksagungen
Über den Autor

Prolog

Es war ein bedeutsamer Tag in Camelot. Nicht so bedeutsam wie der Tag, an dem ein zeitreisender Computerfreak namens Philip erschienen war, sich als Zauberer vorstellte und Fähigkeiten demonstrierte, bei denen es sich tatsächlich um wahrhaftige Magie zu handeln schien. Nicht so bedeutsam wie der Tag, an dem ein anderer Zauberer, der sich selbst Merlin nannte, den König dazu überredet hatte, seinen ältesten Sohn fortan in Arthur und die Stadt London in Camelot umzubenennen. Und ganz sicher nicht so bedeutsam wie der Tag, an dem die Bauarbeiten an der ungeheuer riesigen, vergoldeten Burg im Herzen Camelots abgeschlossen worden waren.

Möglich machte all diese Dinge eine Computerdatei, auf die Philip, Jimmy, Merlin – oder, wie er ursprünglich hieß und eines Tages auch wieder heißen würde –, und all die anderen Zauberer gestoßen waren. Die Datei war der Beweis dafür, dass die Realität lediglich ein Konstrukt war, das von einem Computerprogramm gesteuert wurde. Veränderte man die Datei, so konnte man damit die Realität selbst verändern, durch die Zeit reisen und sonstige Dinge hervorbringen, die, kurz gesagt, magisch waren. Dinge wie die Initiation eines neuen Zauberers, jenes bedeutsame Ereignis, welches an diesem Tag geplant war.

Niemand wusste, dass dies zugleich der Tag sein würde, welcher den Zauberern von Camelot zum ersten Mal einen Grund dafür liefern würde, einen Zauberer zu verstoßen und ihn zurück in seine eigene Zeit zu verbannen. Es war, wie wir bereits festgestellt haben, ein bedeutsamer Tag.

Alle Zauberer Europas waren in der großen Festhalle von Burg Camelot versammelt. Sie labten sich an gutem Essen, welches nicht gut für sie war, genossen sehr gute Drinks, welche überhaupt nicht gut für sie waren und unterhielten sich auch ansonsten sehr gut, weil eine Initiationszeremonie nun einmal genau so ablief. Außerdem sorgten die Kräfte, die ihnen die Computerdatei verlieh, dafür, dass das Essen und die Drinks ihnen nicht wirklich etwas anhaben konnten, weswegen sie die Party umso mehr genossen.

Etwa 20 Zauberer saßen um eine Tafel, die jeden halbwegs großen Raum ausgefüllt hätte, sich aber in der Weite der enormen Halle fast verlor. Die Halle bestand, soweit das Auge reichte, aus poliertem Marmor und Gold. Die Zauberer waren alle in wallende Gewänder gekleidet und trugen spitze Hüte. Die meisten hatten ihre Stäbe an den Tisch gelehnt oder hinter sich auf dem Boden abgelegt. Einige besaßen kurze, handliche Zauberstäbe. Schließlich gibt es in jeder Gruppe ein paar Unangepasste. Egal, welche persönliche Vorliebe sie für magisches Zubehör hatten, alle beendeten gerade ihr Mahl.

»Also Gary, wie hat es dir gefallen, einen Lehrling zu haben?«, fragte Philip, bevor er einen Schluck Bier aus seinem großen Steinkrug nahm.

Gary fuhr zusammen. Witzigerweise hatten die meisten Leute, die Gary kannten, so reagiert, als ihnen zu Ohren gekommen war, dass er an der Reihe war, einen Lehrling auszubilden.

»Ich weiß nicht«, antwortete Gary. »Es war ganz cool, schätze ich.«

Es folgte ein Schweigen, das als Aufforderung an seine Zuhörer gedacht war, ihn nach weiteren Einzelheiten zu fragen. Philip schwieg ebenfalls, um Gary zu ermuntern, er möge weiterzählen.

»Wir, ähm, wir sind nicht so richtig warm miteinander geworden«, fuhr Gary kopfschüttelnd fort. Er war ein großgewachsener, spindeldürrer Mann mit schlaff herabhängendem, schwarzem Haar, in einer schlaff herabhängenden, schwarzen Robe. Wenn er seinen Kopf schüttelte, flogen seine Haarspitzen umher wie die Quasten am Kleid eines Showgirls.

Tyler fragte: »Was meinst du damit? Hattet ihr Streit?«

Tyler und Jeff waren die anderen beiden Mitglieder der Abordnung aus der kleinen Stadt Leadchurch. Tyler war einer der wenigen Schwarzen, die jemals auf die Datei gestoßen waren und sie dazu genutzt hatten ins mittelalterliche England zu reisen, anstatt zum Beispiel ins antike Marokko. Jeff war ein zierlich gebauter Mann mit schwarzem Haar und genialem Verstand. Vor der Entdeckung der Datei war er als Ingenieur erfolgreich gewesen. Jeff und Tyler waren gute Freunde von Philip und noch bessere von Gary. Sie hingen für gewöhnlich ziemlich viel mit Gary ab, weil man Spaß mit ihm haben konnte. Sein Zuhause war eine Art Partyhaus oder besser gesagt eine Partyhöhle in Form eines Totenschädels. Sie hatten ganz bewusst ein wenig Abstand von ihm genommen, nachdem Gary sein Lehrling zugeteilt worden war.

»Wir haben uns nicht gestritten. Das ist es nicht«, erwiderte Gary. Er sah zum anderen Ende der Tafel hinüber. Der Lehrling, der heute in ihren Kreis aufgenommen wurde, saß am Kopf der Tafel. Wie es der Brauch verlangt, wurde er vom Vorsitzenden der Zauberer, Merlin, einer leichten Gehirnwäsche unterzogen. Die Zauberer aus Leadchurch saßen am anderen Ende der Festtafel, wo Philip regelmäßig seine Unterhaltung unterbrach, um Merlin einen finsteren Blick zuzuwerfen, sein Gesicht eine Fratze des Abscheus und der Verachtung. Auch dies entsprach ihren Bräuchen.

»Es ist nur…«, mühte sich Gary, »sein und mein Sinn für Humor haben nicht so richtig zusammengepasst.«

Jeff sagte: »Er fand dich also nicht witzig. Keine große Sache. Geht mir genauso. Meistens.«

»Nein«, widersprach Gary, »»es geht nicht darum, dass er mich nicht witzig fand, sondern dass er an den falschen Stellen meinte, ich sei witzig. Immer wenn ich etwas gesagt oder getan habe, das ich witzig fand, war er einfach nur verwirrt. Aber hin und wieder habe ich etwas Ernsthaftes gesagt und darüber hat er dann gelacht.«

»Zum Beispiel?«, fragte Philip.

»Als ich ihm erzählt habe, wir seien in der Lage dafür zu sorgen, weder Luft noch Wasser zu brauchen, hätten aber keine Möglichkeit gefunden, das Verlangen danach abzustellen, da meinte er, das sei das Witzigste, das er jemals gehört habe. Ich entgegnete, das sei furchtbar und er hat gesagt: ›Dann machen wir das nicht bei uns selbst. Heben wir uns das einfach für jemand anders auf.‹ Er hat sogar ein kurzes Makro geschrieben, nur um zu beweisen, dass es geht. Es macht dich außerdem unsichtbar. Er nennt es vergeistern.«

»Ich kann verstehen, dass dir das Unbehagen bereitet«, bestätigte Philip.

Gary sagte: »Ja, nicht wahr?«

»Na, ich würde mir mal keine Sorgen machen“, mischte sich Tyler ein. »Es würde nicht funktionieren.«

Philip blickte zum Kopf der Tafel. Jimmy – alle nannten ihn Merlin, aber für Philip würde er immer Jimmy oder, wenn er ganz ehrlich sein sollte, dieser Schwachkopf Jimmy sein – hatte sich breit lächelnd zum Lehrling hinübergebeugt und kichernd etwas gesagt. Philip war überzeugt, dass es nicht im Geringsten witzig war. Der Lehrling hatte dunkelbraunes Haar und ein Gesicht, das zum überwiegenden Teil von seiner Nase eingenommen wurde. Er trug eine nagelneue schokoladenbraune Robe. Sein Stab, ein lackiertes Stück Holz, so gerade wie ein Zeltpflock, lehnte am Tisch. Die Spitze war gekrönt von etwas, das aussah wie ein roter Pilz mit weißgepunkteter Kappe. Der Lehrling schaute teilnahmslos drein, als Jimmy, dieser Schwachkopf, lauthals loslachte und dem Lehrling auf die Schulter klopfte.

»Wie hieß er noch gleich?«, fragte Philip.

»Todd«, antwortete Gary.

»Wo kommt er her?«

»Phoenix, Arizona. 2005.«

»Wo hat er die Datei gefunden?«, hakte Tyler nach.

»Hat er nie erzählt«, erwiderte Gary achselzuckend.

»Was soll das heißen ›hat er nie erzählt‹?«, wollte Jeff wissen.

»Wenn ich sage, ›hat er nie erzählt‹, meine ich damit, dass er, Todd, es nie erzählt hat. Noch einfacher kann ich es nicht ausdrücken.«

»Ja«, sagte Jeff und verdrehte die Augen. »Das ist mir klar, aber, hast du ihn nicht gefragt? Wie konntest du fast einen Monat mit dem Kerl und seiner Ausbildung verbringen und ihn das nie fragen?«

»Ich habe nie gesagt, dass ich nicht gefragt habe«, erklärte Gary. »Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht gefragt habe. Ich habe nicht nie gefragt. Ich habe nie nicht gefragt.«

»Soll das heißen, du hast gefragt?«, insistierte Jeff.

Gary sagte: »Ich habe jeden Tag gefragt. Ich habe gefragt, wo er die Datei gefunden hat. Ich habe gefragt, warum er hergekommen ist. Ich habe gefragt, ob er in seiner Zeit in Schwierigkeiten gesteckt hat. Teufel noch eins, ich habe gefragt, was er beruflich gemacht hat. Alles was ich jemals aus ihm rausbekommen habe, war, dass er aus Phoenix stammt, aus dem Jahr 2005. Dann hat er immer das Thema gewechselt. Schließlich dachte ich mir, mein Job ist es, ihn auszubilden, nicht seine Biografie zu schreiben.«

Philip blickte wieder zum anderen Ende der Tafel. Todd kicherte. Jimmy schien verwirrt und tauschte einen Blick mit seinem Gehilfen Eddie, dem es offenbar nicht besonders gut ging. Jimmy warf einen Blick in Philips Richtung. Philip beeilte sich, wegzuschauen. Er wollte nicht, dass Jimmy merkte, wie er ihn beobachtete. Philip wäre es furchtbar peinlich, wenn Jimmy glauben würde, es würde ihn kümmern, was Jimmy dachte.

»Was für Sachen haben ihn zum Lachen gebracht?«, fragte Philip.

»Ganz komisches Zeug«, antwortete Gary. »Dinge, mit denen man nicht rechnen würde. Ich habe ihm von all den tollen Streichen erzählt, die man Leuten mithilfe von Teleportation und Zaubersprüchen spielen kann, und er saß einfach nur da. Dann habe ich die Sprüche erwähnt, die uns verboten sind. Auch die Körpermodifikationen und so, du weißt schon, das gefährliche Zeug. Keine Ahnung, anscheinend fand er irgendwas an der Art, wie ich es beschrieben habe, witzig.«

Philip schaute wieder zum Kopf der Tafel. Jimmys Gehilfe Eddie redete gerade. Wie sein Chef hatte er sich einen falschen Namen zugelegt, unter dem er als Zauberer lebte, aber Philip war bereit, in seinem Fall ein Auge zuzudrücken. Eddie war der einzige asiatische Zauberer in Europa und trug deshalb eine Robe in Rot und Gold. Er arbeitete unter dem Namen »Wing Po, mysteriöser Zauberer des Orients.« In diesem Zeitalter hätten die Leute auch mit »Eddie, mysteriöser Zauberer des Orients« nichts anzufangen gewusst. Eddies breiter New Jersey-Akzent bereitete ihnen schon genug Schwierigkeiten. Eddie strahlte übers ganze Gesicht, während er mit Todd, dem Lehrling, sprach. Der starrte ihn hingegen die ganze Zeit ausdruckslos an. Jimmy sah zu Philips Ende der Tafel und blickte Gary durchdringend an, als wolle er dessen Aufmerksamkeit erregen. Ohne Erfolg – deshalb schaute Jimmy jetzt direkt Philip an. Etwas in Jimmys Gesichtsausdruck hielt Philip davon ab, einfach wegzusehen.

Philip war ein wenig unruhig gewesen. Jimmy schien sich unwohl zu fühlen. Das hatte Philip noch nie zuvor erlebt und es verstärkte seine Unruhe immens.

Philip überlegte kurz, dann fragte er Gary: »Sag mal, was für ein Makro wird Todd uns vorführen?«

Ein Makro ist eine Art einfaches Programm, das Computerexperten oft verwenden, um eine Reihe von Befehlen mit einem einzigen Tastendruck anzustoßen. Die Kräfte der Zauberer von Camelot speisten sich aus Computercodes. Deshalb setzten sie Makros zur Erzeugung komplexer magischer Effekte ein, um damit andere Zauberer zu beeindrucken oder die Einheimischen zu verstören.

»Keine Ahnung«, erwiderte Gary. »Er wollte mir nichts darüber verraten. Ich dachte, ich lasse ihm seine Überraschung. Er schien ganz aufgeregt deswegen. Ich denke, es wird etwas halbwegs Öffentliches werden. Er hat mir viele Fragen über die Einheimischen gestellt.«

Philip widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem Kopf der Tafel. Todd lachte gerade herzhaft über etwas. Jimmy und Eddie blickten beide zu Philip. Dann schaute Jimmy kurz zu Todd und wieder zurück zu Philip. Dabei hob er eine Augenbraue, als wolle er eine Frage stellen. Philip wusste nicht, wie die Frage lautete, und konnte sie daher auch nicht beantworten. Also zuckte er mit den Schultern und beendete diese nonverbale Dreieckskonversation, in der genau genommen nur der Umstand kommuniziert worden war, dass keiner von ihnen wusste, was los war.

Jimmy runzelte die Stirn und sagte etwas zu Todd, der aufhörte zu lachen und sich in seinem Stuhl aufrichtete. Dann stand Jimmy auf und räusperte sich. Nach und nach verstummten alle Zauberer.

Jimmy breitete seine Arme aus. Die goldfarbenen Ränder seiner jadegrünen Robe leuchteten im Kerzenschein. Er sprach: »Nun, meine Freunde, ich hoffe, ihr habt alle euer Mal genossen.« Es gab Kopfnicken und zustimmendes Gemurmel.

Philip sagte: »Ich habe es auch genossen«, womit er zu verstehen gab, dass er sich nicht zu Jimmys Freunden zählte. Es war kein besonders geistreicher Zwischenruf, kein Vergleich zum Niveau, das man sonst von Philip gewohnt war. Aus irgendeinem Grund war er nicht mit ganzem Herzen bei der Sache.

Jimmy lächelte gekünstelt und fuhr fort, selbstsicherer als zuvor. Philips Feindseligkeit hatte dafür gesorgt, dass er sich ein wenig heimischer fühlte.

»Wie ihr alle wisst, sind wir hier, um die Ankunft eines neuen Zauberers zu feiern: Todd. Er wurde von Gary ausgebildet und stellt sich morgen seinen Prüfungen.«

Hierbei lächelten alle vor sich hin. Alle am Tisch, mit Ausnahme von Todd, wussten, dass die Prüfungen ein Schwindel waren und die echte Prüfung bereits im Gange war. Nachdem er einige Wochen bei einem Zauberer gelebt hatte und von diesem ausgebildet worden war, verbringt der Zauberanwärter den Abend damit, sich bei Tisch mit Jimmy zu unterhalten; dann fordert man ihn auf, ein paar Worte zu sagen und etwas von seiner eigenen Magie vorzuführen: sein Makro. Die meisten Kräfte der Zauberer stammten aus einem Shell-Programm, das Jimmy und Philip vor vielen Jahren geschrieben hatten. Damit konnte man die Datei, welche die Wirklichkeit steuerte, einfacher und sicherer bearbeiten. Das Makro des Lehrlings bestand üblicherweise aus einigen der Effekte, die bereits in der Shell gespeichert waren, und wurde durch ein simples Programm verknüpft. Es sollte den anderen Zauberer eine Vorstellung davon vermitteln, welche Art Magie sie von dem neuen Zauberer in Zukunft zu erwarten hatten. Danach versammelten sich alle nochmal ohne den Lehrling und stimmten ab. Es war eine Formalität. Bis zu diesem Abend war noch nie jemand abgelehnt worden. Am nächsten Morgen würden sie alles daransetzen, den Lehrling nervös zu machen. Irgendwann würden sie ihn in die Sache einweihen und dann mit allen Mitteln versuchen, den neuen Zauberer betrunken zu machen.

Jimmy sprach weiter: »Wie es Brauch bei uns ist, wird Todd nun ein paar Worte sagen; dann wird er uns sein Makro vorführen.«

Jimmy nahm wieder Platz. Todd atmete einmal tief durch, dann stand er auf und richtete sich an die Anwesenden. Er war weder ein großer noch ein gut aussehender Mann. Und dennoch war es nicht leicht, seine Augen von ihm abzuwenden. Irgendwann später würde Philip feststellen, dass es seine Augen waren. Etwas an seinen Augen zog die Aufmerksamkeit auf sich. Es war schwer, nicht hinzusehen, so schwer, wie bei einer Unterhaltung mit einem Polizisten, nicht dauernd auf dessen Waffe zu schielen.

»Ich bin kein Typ, der leicht neue Freunde findet«, begann Todd.

Dies war eine hervorragende Eröffnung. Man gelangte nicht an diese Tafel, ohne zuvor über eine sehr gut versteckte Computerdatei gestolpert zu sein. Das bedeutete, dass man zuvor viel Zeit damit verbracht hatte, auf Computern herumzutippen. Auf Partys verschwenden Leute selten Zeit, um auf Computern herumzutippen. Jeder seiner Zuhörer hätte dasselbe über sich sagen können. Bei Todds Geständnis nickten Köpfe still, beinahe unwillkürlich.

Todd fuhr fort: »Nach dem, was ich darüber weiß, nach dem, was wir alle hier darüber wissen, wie die Welt wirklich funktioniert, bin ich froh, dass ich es gar nicht erst versucht habe.«

Rundherum hörten die Köpfe still und leise auf zu nicken. Einige drehten sich leicht zur Seite.

»Denn jetzt finde ich mich hier wieder«, sagte Todd, »mit Euch allen. Ihr seid alle sehr nett gewesen und habt mich in Eurer Mitte aufgenommen.«

Dies beruhigte sein Publikum ein wenig. Philip konnte spüren, wie sich im Raum Entspannung breitmachte.

Todd lächelte. »Ich fühle mich hier wie zuhause, bei Euch allen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie schrecklich es mir gehen würde, solltet Ihr Euch gegen mich stellen, wie alle anderen es getan haben.« Seine Stimmung schien sich ebenso zu verfinstern wie die aller anderen Anwesenden.

»Doch ich hoffe, das wird nicht passieren“, kam Todd zum Ende. »Das wäre bedauernswert.«

Nach einer langen Pause stand Jimmy auf und klatschte in die Hände.

»Sehr schön“, kommentierte er mit gezwungen wirkender Fröhlichkeit. »Und jetzt, Todd, führ uns bitte dein Makro vor.«

Todds Miene hellte sich augenblicklich auf. Er verließ seinen Platz am Kopf der Tafel und stellte sich in den freien Raum daneben. Die Hälfte der Gruppe, die die ihm am nächsten saß, drehte sich um, um die Vorführung besser verfolgen zu können. Der Saal war riesig, dreißig Meter hoch und hundert Meter lang. Er war mehr als groß genug für alles, was Todd geplant haben könnte, aber er entfernte sich nur etwas mehr als fünf Meter weit vom Tisch.

»Ich weiß«, begann Todd, »dass die meisten von Euch ihr Makro als eine Art Begrüßung benutzen. Ihr holt es raus, wenn Ihr jemand Neues kennenlernt, um Eure Kräfte zu demonstrieren. Wie ich hörte, bedeutet das meist große Mengen umherfliegenden Feuers und Rauch.«

Eine Welle wohlwollenden Gelächters wogte über die Tafelrunde, als wolle die Gruppe gemeinschaftlich zum Ausdruck bringen: »Schuldig im Sinne der Anklage.«

Todd lächelte und lachte, aber es lag keine Freude darin. Es war das Lachen eines Mannes, der sich deinen Witz angehört hat und sich darüber amüsiert, dass du dumm genug bist zu glauben, er würde ihn lustig finden.

»Das ist doch nicht wirklich eine Demonstration magischer Kraft, oder? «, fragte Todd. »Nein. Ich meine, es zeigt, dass du Kräfte besitzt, doch es zeigt nicht, was diese Kraft ist, nicht wahr? Es beweist gar nichts. Es ist wie bei einer richtig coolen Explosion. Sicher, der Feuerball und der Riesenlärm erregen Aufmerksamkeit, doch in Wahrheit sind es der Krater und die zerstörte Kindertagesstätte, die Eindruck hinterlassen.“

Die anwesenden Zauberer kannten die Bedeutung jedes seiner Worte, wussten aber nicht, wie sie das Gesagte verstehen sollten.

Todd fuhr fort: »Ich werde es anders machen. Mein Makro deutet meine Kraft nicht bloß an, mit etwas Großem und Auffälligem. Es zeigt sie ganz deutlich, mit etwas Kleinem, aber Unmissverständlichem.«

Todd schwenkte seinen Stab über dem blanken Marmorboden neben ihm und sagte: »Tartesay Akromay.«

Geheimsprach-ay, dachte Philip. Das fängt ja toll an.

Es gab eine Explosion, die einen hellen Blitz erzeugte, ein dumpfes Geräusch und einen kleinen, schmuddeligen Rauchpilz. Als der Rauch sich verzogen hatte, stand Todd neben einer blauen Plastikplane, die ganz eindeutig um einen großen, menschlichen Körper gewickelt war.

Todd kicherte und rieb sich die Hände. Er bückte sich und ergriff eine Ecke der Plane mit seiner freien Hand und hielt seinen Pilzstab mit der anderen in die Höhe.

Er verkündete: »Leute, lasst mich Euch zeigen, wie wahre Macht aussieht.« Er riss die Plane ab und warf sie in schwungvollem Bogen davon. Die Plane ging in Flammen auf, kaum dass er sie losgelassen hatte. Das lenkte die Zauberer mehr von Todds Vorführung ab, als er vorgehabt hatte, da er sie aus Versehen genau in ihre Richtung geworfen hatte, und sie sehr viel langsamer abbrannte als erwartet. Die brennende, flatternde Plane landete mitten auf der Festtafel und legte sich über mehrere Stühle und zwei Zauberer, die etwas zu langsam reagiert hatten und ihr nicht mehr ausweichen konnten. Die Zauberer fluchten und schlugen um sich, bis sie außer Gefahr waren. Dann sahen sie der Plane zu, die noch einige Sekunden weiterbrannte; erst jetzt widmeten alle ihre Aufmerksamkeit wieder Todd.

Ein hochgewachsener Mann, der einen ganzen Kopf größer und an den Schultern fast doppelt so breit war wie Todd, stand regungslos neben diesem. Er wirkte beunruhigend selbstzufrieden. Viele der Zauberer zogen sogleich den Schluss, Todd habe das Bild eines Menschen erschaffen und läge bei den grundlegenden Größenverhältnissen schwer daneben. Die Zauberer aus Leadchurch wussten es jedoch besser. Leadchurch war ein zu kleiner Ort, als dass jemand so Großes wie Kludge unbemerkt geblieben wäre.

Kludge war der zweitgrößte, zweitstärkste und zweitgewalttätigste Mensch in Leadchurch. Die Tatsache, dass die größte, stärkste und gewalttätigste Person der Stadt eine Frau namens Gert war, hatte dazu geführt, dass Kludge mit Abstand zum wütendsten Bürger der Stadt geworden war.

Gary, der seinem Lehrling unmissverständlich klargemacht hatte, dass Nichtzauberer beim Bankett nicht zugelassen waren, stellte die Frage: »Was macht der denn hier, Todd?«

»Was immer ich will«, quietschte es beinahe aus Todd hervor, »und nur, was ich will. Er kann keine Bewegung machen, solange ich ihn nicht bewege. Ich habe ihn völlig unter Kontrolle.«

»Wenn du ihn also nicht bewegst, wird er bis zu seinem Tod einfach nur so dastehen?«, wollte Philip wissen.

»Er würde auch noch länger so dastehen. Er wird an Ort und Stelle gehalten, von unsichtbaren Kraftbändern an mehrere Stellen seines Körpers. Selbst wenn er völlig erschlaffen sollte, würde er in Habachtstellung bleiben, doch das wäre nicht sonderlich lustig, nicht wahr?« Todd murmelte etwas Unverständliches, fasste in seinen Hut und zog einen Gegenstand hervor, den Philip noch nie zuvor gesehen hatte. Es war ein seltsam geformtes Plastikteil. Damit es aussah wie Metall, war es, wenig überzeugend allerdings, lackiert worden. Es besaß zwei Hebel und war mit Schaltern, Tasten und Knöpfen bedeckt.

Jeff fragte: »Ist das ein Nintendo Wavebird?«

»Ja«, antwortete Todd. »Gutes Auge. Nie wurde ein besserer Controller gebaut.« Todd legte einen Schalter um und ein kleines Lämpchen am Controller begann zu leuchten. Er hielt ihn mit beiden Händen. Seinen Stab hatte er sich unter den Arm geklemmt. Todd schaute Kludge an, kicherte kurz, dann drückte er den kleinen Joystick mit seinem linken Daumen nach vorne. Kludges rechter Fuß ruckte vorwärts, als wäre er urplötzlich besessen vom unwiderstehlichen Drang, einen Käfer zu zertreten. Für einen Moment stand er regungslos da; dann schnellte sein linker Fuß vor und stampfte mit markerschütternder Wucht nieder. Wieder ruckte sein rechter Fuß vor, gefolgt von seinem linken, und dieser Ablauf wiederholte sich, während er unaufhaltsam auf die Zauberer zulief. Nach einigen ungelenken Schritten schwenkte er langsam auf eine Kreisbahn ein und er begann um Todd herumzulaufen. Jeder Schritt ein mächtiges Stampfen, als wollte er mit seinen Absätzen den Boden zu Staub zermahlen. Oberhalb der Taille jedoch blieb Kludge stocksteif, als wäre seine untere Hälfte ein Gefährt, das seinen Oberkörper herumkutschierte.

»Ich weiß, der Bewegungsablauf muss noch verfeinert werden«, räumte Todd ein, während Kludge ihn weiter umkreiste, »aber ihr müsst zugeben, es ist ein guter Machbarkeitsnachweis. Und das ist noch nicht alles. Ich kann auch seine Arme steuern.«

Todds rechter Daumen bewegte einen weiteren, kleineren Joystick nach links, woraufhin Kludges beide Arme in die gleiche Richtung schnellten, so als würde er den aggressivsten Hula der Welt tanzen wollen. Todd bewegte den Stick nach rechts und Kludges Arme reagierten entsprechend.

Todd drehte den Stick, und Kludge wedelte über Kopf mit seinen Armen, während er weiter stampfend seine Kreise um Todd herumzog.

Todd kündigte an: »Ich kann auch seinen Kopf drehen.“ Schon verrenkte Kludge seinen Kopf erst nach links, dann nach rechts, nach hinten und nach vorne. Dabei fuchtelte er weiter herum und stapfte seine Runden um seinen Gebieter ab.

»Halt ihn an!«, schrie Philip. »Halt ihn sofort an!«

»Auch das geht«, meinte Todd. Er nahm seine Finger und Daumen von der Steuerung und Kludge kam auf der Stelle zum Stehen. Todd blickte in die fassungslosen Gesichter der anderen Zauberer. An Jimmy gewandt sagte er: »Herr Vorsitzender, möchten Sie es sich genauer ansehen?«

Jimmy trat vor. Philip folgte ihm, auch wenn die Einladung nicht ihm gegolten hatte. Als sie sich dem jetzt regungslosen Kludge näherten, konnten sie sehen, dass er zwar unnatürlich steif vor ihnen stand; seine Augen jedoch waren äußerst lebendig, blinzelten heftig und rollten wild umher.

Jimmy fragte Todd: »Ist er wach?«

»Ja«, erwiderte Todd.

»Warum?«, wollte Jimmy wissen.

Todd schnaubte. »Wahrscheinlich ist er nicht müde.«

»Aber, ich dachte, du hättest gesagt, dass du ihn völlig unter Kontrolle hast«, sprudelte es aus Philip hervor.

»Habe ich auch«, entgegnete Todd. »Ich habe totale Kontrolle über seine Bewegungen.«

»Aber nicht über seinen Verstand«, stellte Jimmy fest.

Todd zuckte mit den Schultern. »Gut, ja, du hast mich erwischt. Nein, ich kann sein Gehirn nicht steuern, aber ich bin mir ziemlich sicher, ich weiß, was er denkt.«

Philips blickte hinauf in die Augen des großen Mannes, der wütend auf ihn hinabstarrte und dachte: Ja, ich glaube das weiß ich auch.

Jimmy fragte: »Kann ich mit ihm sprechen?«

Todd sagte: »Tu dir keinen Zwang an.«

Jimmy und Philip tauschten wieder Blicke aus; dann erkundigte sich Jimmy: »Wird er mit seinen eigenen Worten antworten oder mit deinen?«

Todd verkündete: »Er selber kann nichts sagen, aber ich kann ihn sprechen lassen. Schaut euch das mal an.«

Todd drückte einen Knopf und Kludges Mund wurde aufgerissen, bis an die Grenze dessen, was seine Kiefermuskulatur auszuhalten im Stande war. Dann schloss sich der Mund schlagartig wieder, nicht ganz synchron mit den Silben einer Aufnahme von Todd, der mit tiefer, bedrohlicher Stimme zu vernehmen war: »Hallo Welt! Ich bin Todds Sklave! Ist das nicht großartig?

Eine Welle unbehaglichen Gemurmels lief durch die Reihen der Zauberer. Philip und Jimmy schauten sich an, beide äußerst beunruhigt. Philip wusste, was er selbst von Todds Werk hielt, und er hatte eine klare Vorstellung davon, was Jimmy darüber denken sollte. Aber bei Jimmy konnte man sich nie ganz sicher sein. Vielleicht sollte ich etwas sagen. Ganz offen sein, dachte Philip. Es würde diejenigen bestärken, die wissen, dass das hier inakzeptabel ist, und vielleicht die wenigen Unentschlossenen umstimmen. Jedenfalls hoffe ich, dass es nur wenige Unentschlossene gibt.

»Todd«, sagte Philip, »das ist furchtbar.«

Todd klang jetzt verärgert: »Langsam, langsam, ich weiß, was du denkst. Na gut, die Lippen bewegen sich nicht synchron und der Riesenklotz bewegt sich irgendwie ungelenk. Aber du musst zugeben, es hat Potenzial. Ich habe Euch noch nicht mal alles vorgeführt, was er kann. Hier. Moment mal. Seht euch das an.«

Todd drückte eine Tastenkombination, zu schnell für Philip, um sie genau nachvollziehen zu können. Kludges Arme schnellten vor, die Handflächen voraus. Sein Mund schnappte auf, und eine höhnische Aufnahme von Todds Stimme rief: »Doppel-High-Five!«

Erneut warfen sich Philip und Jimmy einen Blick zu. Jimmy zuckte mit den Achseln und wollte der Aufforderung gerade nachkommen, als Todd einen Finger hob und sagte: »Sekunde.«

Einen Moment später ertönte die Aufnahme: »Komm schon, Alter! Lass mich nicht hängen!« Kludge hatte die Augen geschlossen, als ob er sich selbst davon zu überzeugen versuchte, dass nichts von alledem wirklich passierte. Doch sein Mund folgte weiterhin den Worten der Tonaufnahme wie bei einer widerwilligen Bauchrednerpuppe.

Jimmy schüttelte den Kopf, dann hob er seine Arme hoch, um Kludges Hände abzuklatschen. Gerade als sich ihre Hände berührten, sauste Kludges rechter Arm in einem blitzschnellen Bogen abwärts und traf Jimmy mit solcher Wucht in den Unterleib, dass es ihn von den Füßen hob.

Jimmy torkelte rückwärts, fiel zu Boden und rollte schmerzverkrümmt auf den Rücken. Einige Zauberer liefen zu ihm, um ihm zu helfen. Philip schlenderte an seine Seite, um ihn sich anzusehen. Jimmy schaute hoch zu Philip. Der Ausdruck in seinen Augen ließ bei Philip jegliche Zweifel schwinden, die er über Jimmys Meinung zu Todds Makro gehegt hatte.

Philip betrachtete Kludge, der in seiner Tiefschlagpose verharrte. Er hatte die Augen immer noch geschlossen. Philip sah eine einzelne Träne, die langsam Kludges Wange hinunterkullerte. Philips Blick wanderte hinab zu Kludges Hand. Offenbar war Todd nicht in der Lage, dessen Finger zu steuern. Folglich hatte er Kludge nicht dazu bringen können, eine Faust zu ballen, weshalb mindestens zwei seiner Finger böse gebrochen zu sein schienen.

***

Am nächsten Morgen war Philip wieder zurück in Leadchurch und stand in einem kleinen Nebenraum in dem bleigedeckten Gotteshaus, welches der Ortschaft seinen Namen gab. Er sah auf den schlafenden Kludge hinab, der mit dicken Lederriemen auf einem schweren Eichentisch festgeschnallt worden war. Drei Finger seiner rechten Hand waren mit Holzstöcken geschient, seine Arme und die Stirn waren mit dunklen Blutergüssen übersät. In gewisser Hinsicht könnte man sagen, Kludge habe sich die Blutergüsse selbst zugefügt, weil er gegen Todds Kraftfelder angekämpft hatte. Philip vermutete, dass es überall an Kludges Körper noch mehr davon gab. Das würde er aber nicht überprüfen.

Philip fragte: »Wie geht es ihm?«

Bischof Galbraith, der mürrische, bärbeißige Herr der bleiernen Kirche, antwortete: »Er hat es bequem und ruht sich aus.«

Philip schüttelte den Kopf. »Diese Riemen sehen nicht sehr bequem aus.«

»Vielleicht nicht für ihn«, wandte Bischof Galbraith ein, »aber ich fühle mich besser damit. Ohne die Fixierung wäre ich nicht gern in seiner Nähe sein, wenn er aufwacht und ihm wieder einfällt, was ihr alles mit ihm angestellt habt.«

»Natürlich. Bitte richtet den Schwestern meinen Dank aus, weil sie sich um ihn gekümmert haben. Ich möchte, dass Sie wissen, Eure Exzellenz, nicht wir alle haben ihm das angetan. Es war das Werk eines einzelnen Zauberers.«

Der Bischof hob eine Hand und erwiderte: »Ich vertraue darauf, dass Ihr Euch darum kümmern werdet. Macht Euch nicht zu viele Gedanken über diesen Einfaltspinsel. Es ist nicht halb so schlimm, wie manche der Dinge, die er in seinem Leben schon anderen Leuten angetan hat. Einige der Dorfbewohner könnten sogar eine bessere Meinung von Zauberern kriegen, sollte sich das hier herumsprechen. Ich würde Euch allen allerdings empfehlen, Kludge in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Vergeben und vergessen, gehört nicht zu seinen Fähigkeiten.«

»Da müssen Sie sich keine Sorgen machen«, versicherte Philip. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeiner von uns nachlässig genug sein wird, sich von ihm überrumpeln zu lassen.«

»Und was ist mit demjenigen unter Euch Heiden, der ihm das angetan hat?«

»Es war ein Lehrling.«

Dem Bischof entfuhr ein Pfiff. »Ein Lehrling war das? Wer war sein Meister? Wer wäre so unverantwortlich, so etwas direkt vor seinen Augen geschehen zu lassen?«

Philip sagte: »Sein Meister war der Nekromant von der Schädelschlundhöhle.«

»Ah«, bemerkte Galbraith. »Das passt. Was habt ihr für den Lehrling vorgesehen?«

»Wir werden sicherstellen, dass er nie wieder jemanden etwas antun kann.«

Bischof Galbraith sagte: »Jawohl, keine einfache Sache, aber ihn zu töten, ist wahrscheinlich die einzige Möglichkeit.«

»Was? Nein. Tut mir leid, Ihr habt mich missverstanden. Wir werden ihn nicht töten.«

Der Bischof schüttelte den Kopf. »Nun, ich verstehe den Drang, nachsichtig zu sein. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn Ihr es nicht tut, Kludge selbst den Lehrling abmurksen wird, sobald er wieder auf den Beinen ist. Und das wird weit weniger sauber ablaufen, als wenn Ihr es tun würdet.« Der Bischof warf Philip einen Seitenblick zu und grinste. »Oder ist das Euer Plan? Ihr dürft Gnade zeigen, der Lehrling bekommt seine gerechte Strafe, und Kludge bekommt seine Rache. Philip, ich hätte nicht gedacht, dass du so ausgefuchst bist.«

»Das ist nicht unser Plan«, widersprach Philip.

»Oh«, sagte Galbraith. »Okay. Gut zu wissen, dass ich richtiglag.«

»Damit, dass ich nicht ausgefuchst bin?«, wollte Philip wissen.

»Ja, Philip«, antwortete der Bischof, ein wenig langsamer, als es nach Philips Meinung nötig gewesen wäre.

»Keine Sorge, Eure Exzellenz. Während Ihr und die Schwestern Euch um Kludges Wunden gekümmert habt, haben wir die ganze Nacht einen Plan geschmiedet, wie wir mit dem Mann verfahren werden, der das hier getan hat. Wir werden ihn an einen Ort schicken, an dem er vor Kludge sicher ist, und alle sicher vor ihm sind. Wir haben dafür gesorgt, dass er nie wieder zurückkehren kann.«

»Was habt ihr im Sinn? Eine Art Kerker?«

»Schlimmer«, sagte Philip. »Viel schlimmer. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass er den Rest seines Lebens an einem Ort verbringen wird, den viele Leute schlimmer finden würden als den Tod.«

Kapitel 1

Sieben Jahre in Florida, überlegte Todd. Waren das wirklich nur sieben Jahre?

Todd hatte wie die meisten Amerikaner, ein klares Bild davon, wie das Leben in Florida aussah. Ein Bild, geprägt von Werbespots für Freizeitparks und alten Miami Vice-Folgen. Seine persönlichen Erfahrungen mit Florida sahen hingegen wie bei den meisten Amerikanern auch, völlig anders aus. Größtenteils lag dies daran, dass die Leute in der realen Welt lebten, in welcher sie essen und zur Arbeit gehen mussten, und in der sie keinen offenbar kugelsicheren Ferrari fuhren. Bei Todd lag es daran, dass er seine gesamte Zeit in Florida damit verbracht hatte, in einer Einzelzelle eines höchst geheimen Bundesgefängnisses der höchsten Sicherheitsstufe zu sitzen.

Das Leben in einem klimatisierten Käfig aus Betonziegeln hatte Todds Wahrnehmung dieses Bundesstaates geprägt. Hätte man ihn aufgefordert, Florida mit drei Worten zu beschreiben, er hätte gesagt: »Grau, kühl und trocken.«

Den Großteil seiner Zeit in der »Einrichtung« (der einzige Name, mit dem dieses Gefängnis je bezeichnet worden war), hatte er in Einzelhaft verbracht. Nicht etwa, weil er etwas besonders Schlimmes angestellt hatte. Sondern weil keiner der anderen Insassen etwas derart Schlimmes angestellt hatte, wodurch er es verdient gehabt hätte, mit ihm zusammengesperrt zu werden. Es lag nicht daran, dass seine Gesellschaft derartig unangenehm war. Jedenfalls lag es nicht nur daran. Die Hauptursache war, dass, aus Gründen, die nur sehr wenige Menschen kannten, elektronische Geräte in seiner Nähe nicht funktionierten. Keine Fernseher. Keine Radios. Keine Computer. Nichts. In der Nähe von Todd Douglas zu sein, bedeutete, nichts zu haben, das einen vom Umstand ablenken konnte, in der Nähe von Todd Douglas zu sein. Nach einhelliger Meinung stellte dies eine ungewöhnlich grausame Bestrafung dar.

Seit Jahren rottete Todd in seinem Käfig vor sich hin. Zu seiner Unterhaltung standen ihm nur Lösungsbücher für Videospiele zur Verfügung, welche er aus der Gefängnisbibliothek bezog. Er liebte Videospiele. Etwas über sie zu lesen, ohne dass er sie spielen konnte, war zwar eine Quälerei, aber es war zumindest ein kleines bisschen weniger quälend, als gar keine Lektüre über sie zu haben. Todd war kurz davor gewesen, jegliche Hoffnung zu verlieren, als aus dem Nichts ein Beamter des Finanzministeriums namens Murphy mit einer Nachricht von Merlin aufgetaucht war. Er nannte sich jetzt Jimmy, war aber immer noch einer der Bastarde, die Todd seine Kräfte genommen und ihn völlig grundlos hierher in die Gegenwart verbannt hatten.

Dabei habe ich gar nichts gemacht, dachte er oft. Ich habe nur jemand anderes etwas machen lassen.

Mit dieser einen Nachricht hatte Jimmy Todd gleich drei große Gefälligkeiten erwiesen.

Er hatte Todd wissen lassen, dass er nicht allein war. Andere hatte das gleiche Schicksal ereilt wie ihn selbst. Mindestens einer von denen, die ebenfalls verbannt worden waren, war einer der Zauberer, die zuvor an Todds Verbannung mitgewirkt hatten.

Er zeigte Todd, dass ein Entkommen möglich war, dass man seine Kräfte wiedererlangen konnte. Es war machbar. Man musste nur jemanden finden, der dumm genug war, einem zu helfen.

Und zu guter Letzt hatte Jimmy dadurch, dass er den Brief persönlich von einem der Finanzbeamten hatte überbringen lassen, Todd gleich noch mit jemandem bekannt gemacht, der tatsächlich dumm genug war.

Todd war nicht überrascht gewesen, als der Finanzbeamte und sein Partner später noch mal mit Merlin (alias Jimmy) aufgekreuzt waren. Sie hatten es nie ausgesprochen. Aber ihr Schweigen zu diesem Thema sowie der Umstand, dass sie Todds Hilfe benötigten, um ein Exemplar der Datei aufzuspüren und nicht zuletzt ihre übergroße Vorsicht im Umgang mit Todd, waren deutliche Hinweise dafür, dass Jimmy seine Kräfte wiedererlangt hatte und entkommen war.

Dass ihm das gelungen war, erschwerte es Todd natürlich, sie zu überlisten, ihm seine Freiheit zu schenken. Doch Todd wusste, früher oder später würde sich eine Gelegenheit bieten.

Es war spät. Die Beamten Miller und Murphy waren an diesem Tag schon vor längerer Zeit in ihre Einzimmerwohnung zurückgekehrt, die das Finanzministerium für sie gemietet hatte, als ihr Aufenthalt für unbestimmte Zeit in Florida absehbar geworden war. Todd saß auf seinem Bett und las zum wiederholten Male das Lösungsbuch für ein Spiel, welches er selbstredend noch nie gespielt hatte. In dem Spiel ging es um einen Glücksritter, der exotische Schauplätze erforscht, die Welt bereist, Abenteuer erlebt und mit wunderschönen Frauen schläft. Todd schloss die Augen und träumte von einer Zukunft, in der er aus diesem Gefängnis entfliehen und, mit etwas Glück, dieses Spiel spielen würde.

Todd war so mit seiner Träumerei beschäftigt, damit, sich die Spielkonsole vorzustellen, den Controller in seinen Händen zu spüren, dass er die Schritte, welche sich seiner Zelle näherten, zunächst gar nicht bemerkte. Ihre Suche nach der Datei ging für gewöhnlich so vonstatten, dass einer der Finanzbeamten in der Nähe der Zelle stand und Anweisungen von Todd erhielt. Der andere saß hinter der nächsten Ecke an einem Computer, der sich außerhalb der Reichweite von Todds Magnetfeld befand, führte die Anweisungen aus und meldete zurück, was er sah. Doch all das geschah nur während der Öffnungszeiten. Sobald die Beamten Feierabend gemacht hatten, wurde Todd von niemandem mehr belästigt, außer wenn man ihm seine Mahlzeiten brachte. Todd legte sein Lösungsbuch beiseite und setzte sich auf. Er fragte sich, wer der Besucher sein könnte. Einer der Beamten? Der Gefängnisdirektor vielleicht?

Todd war überrascht, als ein Wachmann, den er noch nie zuvor gesehen hatte, um die Ecke gebogen kam. Der Wachmann musterte Todd und schien wenig beeindruckt von dem, was er sah. Schließlich sagte er: »Ich weiß, wer du bist.«

»Wirklich?«, fragte Todd.

»Ja«, erwiderte der Wachmann. »Du bist Todd Douglas, der Gefangene, der Miller und Murphy hilft. Und jetzt wirst du mir helfen.«

»Wirklich?«, fragte Todd.

»Ja«, versicherte der Wachmann und blickte Todd mit zusammengekniffenen Augen an, auf eine Weise, die wahrscheinlich durchtrieben wirken sollte. »Ich weiß nicht was du getan hast oder wie es ihnen geholfen hat, aber das hat es, und du wirst mir alles darüber erzählen.«

Todd stand auf und näherte sich den Gitterstäben seiner Gefängniszelle. Er lehnte sich gegen die Gitterstäbe und sagte: »Ist das so?«

»Ja«, antwortete der Wachmann.

Es folgte eine lange Stille, dann hustete der Wachmann und fuhr fort. »Sieh mal, als sie anfangs hier aufgetaucht sind, haben wir alle auf Miller und Murphy herabgeschaut. Oh Mann, sie haben uns irgendwie sogar leidgetan. Murphy jedenfalls. Sie hatten ganz offensichtlich einen beschissenen Auftrag, aus Kalifornien hierher verfrachtet, dazu verdonnert, sich den ganzen Tag mit dir zu unterhalten und das jeden Tag. Ihr Leben war ätzend.« Der Wachmann bemerkte den Ausdruck in Todds Gesicht und sagte: »Oh, äh, tut mir leid. Ist nicht böse gemeint.«

»Wirklich?«, fragte Todd.

Der Wachmann redete weiter. »Ich will damit nur sagen, sie wirkten so niedergeschlagen. Doch dann, ganz plötzlich, sind sie obenauf.«

Es stimmte. Mithilfe der Fähigkeiten, die es Todd ermöglicht hatten, die ursprüngliche Datei zu hacken, und neuer Erkenntnisse, waren sie vor zwei Tagen auf eine frische, bis dahin unentdeckte Version der Datei gestoßen. Zuvor hatten die Beamten Miller und Murphy, als sie ihre Notizen durchgegangen waren, Muster aus der Zeit entdeckt, in der sie mit Jimmy auf der Suche nach verschiedenen Varianten der Datei gewesen waren. Die neue Version war nicht von denjenigen gesperrt worden, die versuchten, die Macht der Datei für sich zu behalten.

Sie hatten seitdem ihre Arbeitszeit damit verbracht, die Datei zu untersuchen. Miller und Murphy wirkten geradezu enthusiastisch und stellten viele Fragen, die Todd zu beantworten versuchte, während sie unter seiner Anleitung seinen eigenen Dateieintrag als Vorlage verwendeten.

Der Wachmann erzählte: »Einige der Jungs sagen, sie hätten Miller und Murphy reden hören. Sie behaupten, die richten sich ein neues Hauptquartier für ihre Sondereinheit ein. Bekommen ein Büro. Stellen Mitarbeiter ein. Schlagen ihre Zelte auf. Scheint so, als hätten sie einen Weg gefunden, mit was auch immer du ihnen erzählt hast, dem Finanzamt eine ordentliche Finanzspritze herauszuleiern.«

Todd lächelte und fragte: »Wirklich?«

»Ja, wirklich!«, schrie der Wachmann. »Wirklich, klar?! Wirklich!«

»Schon gut, klar. Tut mir leid«, beschwichtigte Todd. Er hatte sofort den Verdacht, diese Geschichte sei ein Ablenkungsmanöver. Das Finanzamt war erklärtermaßen überaus knauserig. Eine der simpelsten Anwendungen der Datei bestand darin, unbegrenzte Mengen an Bargeld zu erzeugen. Es war sehr viel wahrscheinlicher, dass Miller und Murphy ihr neues Büro und dessen Mitarbeiter dazu benutzten, auf irgendeine Weise das Geld, welches sie mithilfe der Datei erzeugten, zu verstecken und zu waschen. Vermutliche redeten sie sich ein, sie würden das Geld zur Finanzierung ihrer Bemühungen im Kampf gegen das Verbrechen verwenden. Früher oder später jedoch würden sie vor lauter Machtbesessenheit durchdrehen. So wie jeder, der die Datei entdeckte.

Jeder außer mir, dachte Todd. Sie haben mir den Zugang weggenommen, bevor ich die Gelegenheit dazu hatte.

»Was hat denn das alles mit dir zu tun?«, erkundigte sich Todd.

Der Wachmann entgegnete: »Ganz einfach, ich hasse diesen Ort.«

Todd sagte: »Es ist ein Gefängnis.«

»Ja, das weiß ich, aber Mann, du verstehst das nicht. Ich will hier wirklich raus.«

»Es ist ein Gefängnis und ich bin ein Gefangener. Ich verstehe den Drang, hier rauskommen zu wollen.«

»Nicht meinen«, stellte der Wachmann richtig.

»Da könntest du recht haben«, stimmte Todd zu, der mehr Beherrschung an den Tag legte als üblich.

»Dann wirst du mir helfen?«

»Helfen, wobei?«, stammelte Todd. »Beim Abhauen? Ich kann hier selber nicht raus! Du schon! Spaziere einfach den Gang runter. Falls dir eine Tür im Weg sein sollte, öffne sie. Gehe weiter, bis du draußen ankommst. Ich verstehe nicht, was du von mir willst.«

»Ich weiß, du bist ein Gefangener und ich ein Wachmann, aber ich sitze genauso in der Falle wie du.«

»Nein, tust du nicht! Du gehst jeden Abend nach Hause!«

»Ja«, bestätigte der Wachmann, »aber jeden Morgen muss ich wieder herkommen. Ich muss aus dem Haus, in mein Auto steigen, das ich noch abbezahle, muss mein Benzin verfahren, um hierher zu kommen, in dieses Gefängnis. Jeden Tag. Ihr Insassen verschwendet nie einen Gedanken daran, wie schrecklich das für uns Wachleute ist, stimmt‘s?«

»Nein«, gab Todd zu. »Du hast recht. Tun wir nicht.«

»Du wirst mir also helfen?«

Todd sagte: »Ich kapier es immer noch nicht. Du hast deinen Job. Na und? Wie kann ich dir da helfen? Brauchst du ein Empfehlungsschreiben? ›Von allen Wachleuten, die mich bewacht haben, hat er mich am besten bewacht‹?«

Der Wachmann lächelte. »Du bist tatsächlich auf der richtigen Spur. Sieh mal, du hast recht. Ich hasse meinen Job. Das Problem ist, sie werden mich nicht befördern. Das haben sie mir klargemacht. Aber ich kriege woanders keinen Job, weil ich in einem Geheimgefängnis arbeite. Das kann ich ja wohl kaum in meinen Lebenslauf schreiben, oder? Wenn ich eine Bewerbung schreibe, wird es so aussehen, als wäre ich die letzten zehn Jahre arbeitslos gewesen.«

»Verstehe. Das könnte ein Problem sein«, entgegnete Todd.

»Genau. Aber Miller und Murphy richten eine neue Dienststelle ein. Ich gehe davon aus, dass die wahrscheinlich Hilfe brauchen werden. Und mich kennen die beiden bereits, warum also sollte ich nicht für sie arbeiten?«

»Hast du diesen Gedanken den beiden gegenüber mal erwähnt?«, fragte Todd.

»Ja.«

»Und nachdem du gerade mit mir sprichst, gehe ich davon aus, es lief nicht so gut.«

»Sie haben gesagt, sie würden darüber nachdenken.«

»Was normalerweise so viel heißt wie nein.«

»Ja«, stimmte der Wachmann zu. »Aber ich dachte mir, wenn du mir erzählst, was du ihnen verraten hast und was das Finanzministerium derartig begeistert hat, dann könnte ich damit vielleicht einen Job bekommen. Du weißt schon, sie mit meiner Tatkraft beeindrucken.«

»Oder sie erpressen, mit der Drohung, damit zu einer anderen Behörde zu gehen. Oder an die Presse.«

Der Wachmann zuckte mit den Schultern. »Klar, vielleicht, kommt drauf an, was es ist, und wie vernünftig sie sein wollen.«

»Schön und gut«, meinte Todd. »Aber, warum sollte ich dir helfen?«

Der Wachmann lächelte. »Tja, das ist es ja. Wenn du es nicht tust, heißt das, ich bleibe hier, hier bei dir. Nur dass du, wie du selber gesagt hast, ein Gefangener bist. Ich bin ein Wachmann. Du hast nicht viele Möglichkeiten, mir das Leben zu versauen. Aber ich habe viele Möglichkeiten, dir das Leben zu versauen.«

Ich saß sieben Jahre in Einzelhaft, dachte Todd. Was will er tun, das noch schlimmer wäre? Die Klimaanlage verstellen?

Todd äußerte das nicht laut. Stattdessen täuschte er einen ängstlichen Blick vor und sagte: »Ich habe schon verstanden.« Todd wusste, dass dies seine Chance war. Dieser Mann war mit der Absicht hergekommen, Todd zu seiner Marionette zu machen. Ihm war nicht klar, dass man die Schnüre auch von der anderen Seite ziehen konnte. In vielerlei Hinsicht saß der Puppenspieler am kürzeren Hebel. Während die Marionette tanzt und den Applaus erntet, macht der Puppenspieler die ganze Arbeit.

»Na gut, schön. Aber ich kann dir nicht sagen, was es ist. Du würdest es mir nicht glauben. Ich muss es dir irgendwie vorführen«, sagte Todd und hob den Zeigefinger. »Geh und schau, ob der Computer an ist.«

Der Wachmann ging um die Ecke, wo Todd ihn nicht mehr sehen konnte.

Todd wusste, am Ende des zehn Meter langen Ganges, hinter einem verschlossenen Tor, befanden sich ein Computer, eine Art Schreibtisch und ein Stuhl. Er lauschte, während der Wachmann dorthin lief. Einige Sekunden herrschte Stille, dann machte der Wachmann kehrt und kam zurück. Als er Todds Zelle erreichte, meldete er: »Ja, der ist an.«

Damit hatte Todd gerechnet. Seit sie die Datei gefunden hatten, hatten alle Angst davor, sie im Notfall nicht noch einmal aufspüren zu können. Murphy hatte jeden einzelnen ihrer Schritte dokumentiert, sodass er sie ohne Todds Hilfe erneut durchführen konnte. Dennoch ließ er für alle Fälle den Computer mit der geöffneten Datei laufen. Natürlich bestand so die Gefahr, dass jemand den Computer fand und an der Datei herumpfuschte. Aber der Rechner befand sich hinter einer Reihe verschlossener Tore, im Inneren eines streng geheimen Hochsicherheitsgefängnisses, isoliert in einem Gang, in der Nähe eines Gefangenen, den die Wachen mieden. Darum schätzten sie dieses Risiko als ziemlich gering ein.

»Gut«, sagte Todd. »Was ist auf dem Bildschirm zu sehen?«

Der Wachmann ging zurück zur Ecke, spähte den Gang hinunter und rief: »Ein Haufen Wörter und Zahlen.«

»Ja«, sagte Todd, »schon klar. Welche genau? Schau nach meinem Namen. Todd Douglas. Scrolle ein Stück nach oben, wenn nötig, aber verändere nichts.«

Miller und Murphy waren sehr interessiert daran gewesen zu sehen, welchen Einfluss der Dateieintrag einer Person auf dessen physische Erscheinung hat, waren aber zu feige gewesen, sich ihre eigenen Einträge anzusehen. Es war sehr viel sicherer, in Todds Eintrag herumzustochern. Nun zahlte sich ihre Feigheit, wie es bei Feigheit so oft der Fall war, ausgerechnet für die Person aus, der sie als letztes hätten helfen wollen.

Der Wachmann nickte und ging um die Ecke. Todd durchsuchte seine Zelle, so schnell er konnte, ohne Lärm zu machen, nach einem ganz bestimmten Buch. Es war das Lösungsbuch für ein Computer-Rollenspiel. Rasch hatte er es gefunden und schlug den Abschnitt auf, in dem sich die Karten der unterschiedlichen Level und Schauplätze des Spieles befanden. Außerhalb der Begrenzungen der Karten gab es viele leere Felder, in die Todd fieberhaft Notizen gekritzelt hatte, wann immer er nicht von Miller gestört gewesen war.

Der Wachmann rief: »Hab‘s gefunden.«

Todd sprang in die Ecke seiner Zelle, die dem Computer am nächsten lag. Es brachte ihn nur wenige Meter näher ran, aber Todd war zu aufgeregt, um klar zu denken. »Okay«, plärrte er, »gibt es irgendwo auf dem Bildschirm ein Feld, auf dem ›Suche‹ steht?«

Einige quälende Sekunden später antwortete der Wachmann: »Ja. In der rechten oberen Ecke. Ist es das?«

»Ja, ja, genau«, bestätigte Todd. »Ich möchte, dass du den ganzen Abschnitt Wörter und Zahlen, der meinen Namen beinhaltet, nimmst und ihn auswählst. Du wirst durch einige Seiten scrollen müssen, das passt so, aber du musst die ganze Passage markiert haben, alles klar?«

Der Wachmann rief zurück: »Mach ich.«

Todd wartete. Er hörte den Wachmann fluchen, und ihm blieb fast das Herz stehen.

»Was?!«, wollte Todd wissen. »Was ist passiert?!«

Sollte der Wachmann das Programm aus Versehen geschlossen haben, würden sie es wahrscheinlich nicht vor Morgengrauen wiederherstellen können. Wenn Murphy es entdeckte, wäre ihm klar, dass jemand sich an dem Computer zu schaffen gemacht hatte. In dem Fall könnten er und Miller möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass sie Todds Hilfe nicht weiter benötigten. Dann wäre Todd geliefert.

»Oh Mann«, rief der Wachmann, »ich habe nicht alles markiert bekommen. Es fehlt ungefähr eine halbe Zeile. Ich fange noch mal an.«

»Nein!«, verlangte Todd. »Nicht! Ist okay! Das tut‘s auch. Alles gut. Alles gut.«

Nachdem sie der Datei auf die Spur gekommen waren, hatte Miller seinen Posten an der Ecke von Todds Zelle verlassen und Murphy über die Schulter geschaut, während sie ihre Entdeckung besprachen. Todd hatte angestrengt versucht, ihr Gespräch zu belauschen, und mitbekommen, wie sie sein verfluchtes Magnetfeld erwähnt hatten. Dem hatte er entnehmen können, dass es auf die gleiche Weise modifiziert worden war wie bei Jimmy. Jetzt gab er dem Wachmann Anweisungen, wo die Eigenschaften seines Magnetfeldes zu finden waren und wie er sie zu verändern hatte.

Das Klappern der Tastatur war zu hören, dann blieb es lange still. Todd nahm wahr, wie der Wachmann aufstand und zurück zur Zelle kam.

»Hast du es gemacht?«, fragte Todd. Er versuchte, seine Aufregung zu verbergen.

Der Wachmann antwortete: »Ja. Was habe ich denn gemacht? Was hätte passieren sollen?«

Todd sagte beiläufig: »Keinen Plan. Sag mal, ist das eine Digitaluhr?«

Der Wachmann bejahte.

»Wie viel Uhr ist es?«

Der Wachmann sah auf seine Uhr und meinte: »Hä, das ist ja komisch.«

Todd erkundigte sich: »Ist sie kaputt?« Er versuchte, seine Enttäuschung zu verbergen.

Der Wachmann sagte: »Ja«, und hielt seinen Arm ausgestreckt, sodass Todd die Anzeige der Uhr selbst sehen konnte. »Es blinkt einfach nur die Zwölf.«

Todd schaltete sofort. Er hatte sich bemüht, seine Enttäuschung nicht zu zeigen, jetzt versuchte er, sein Entzücken zu verbergen. Sich in seiner Nähe zu befinden, bevor sein Magnetfeld zurückgesetzt worden war, hatte offensichtlich zu einem Neustart der Unruhe geführt. Doch jetzt funktionierte sie wieder. Das sinnlose Blinken der Zwölf auf der matten, grauen Anzeige der billigen Digitaluhr war das Schönste, was Todd je gesehen hatte.

Dem Wachmann entging offenbar nicht, was für ein bedeutender Augenblick dies für Todd zu sein schien. »Wie lange bist du schon hier drin? Hast du noch nie eine Digitaluhr gesehen?«

»Doch, ich habe schon jede Menge Digitaluhren gesehen«, erwiderte Todd. »Das ist nur eine besonders schöne. Die wirkt, als sei sie aus richtig gutem, ähm, Plastik.«

Der Wachmann blickte nicht ohne Stolz auf seine Uhr. »Ja, tja, Casio weiß eben, wie‘s gemacht wird. Sieh mal, ich habe getan, was du gesagt hast, und nichts ist passiert. Zumindest nichts, das ich am Computer sehen konnte. Was hätte passieren sollen?«

Todd versuchte, sich schnell etwas auszudenken. »Das kann ich dir nicht sagen. Das haben sie mir nicht verraten. Ich weiß nicht, was hätte passieren sollen. Ich weiß nur, dass sie meine Hilfe bei der Suche nach der Datei brauchten und genau das machen wollten, was wir gerade gemacht haben.«

Der Wachmann war neugierig: »Wieso brauchten sie deine Hilfe, um sie zu finden?«

»Weil ich sie schon mal gefunden habe.«

»Woher wussten die das?«

»Deswegen sitze ich doch im Gefängnis«, seufzte Todd, der jetzt improvisierte. »Sieh mich an, sehe ich aus wie ein Verbrecher? Ich bin auf die Datei gestoßen, und was immer darin ist, es war wichtig genug, dass sie mich ins Gefängnis geworfen haben.«

Der Wachmann war sichtlich verwirrt und versuchte, das Rätsel mittels der altehrwürdigen Methode des Stirnrunzelns zu entwirren. Schließlich sagte er: »Nun ja, es ist das, was du ihnen gezeigt hast. Und es hat ihnen ihre Finanzspritze und ihre schicke neue Dienststelle verschafft. Vielleicht reicht es, wenn ich es beiläufig erwähne, um sie entweder soweit zu beeindrucken oder soweit einzuschüchtern, dass sie mir einen Job anbieten. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was das alles bedeutet.«

Todd kommentierte: »Möglich. Was aber, wenn nicht? Was, wenn du etwas falsch gemacht hast, irgendwie, und sie fragen dich, was eigentlich hätte passieren sollen, und du hast keine Ahnung?«

»Ich habe es so gemacht, wie du es mir gesagt hast. Hast du mir etwas Falsches gesagt?«, fragte der Wachmann.

»Na ja«, sagte Todd, ein wenig zu laut, »ich meine, du hast nach Anweisungen gearbeitet, die ich dir gegeben habe, ohne den Computer sehen zu können. Vielleicht habe ich an einer Stelle irgendetwas falsch gemacht. Das wäre nur zu verständlich, oder? Und in dem Fall würdest du dastehen wie ein Volltrottel.«

»Ja«, stimmte ihm der Wachmann zu.

»Und das wollen wir doch nicht«, betonte Todd. »Du würdest hier festsitzen und, wie du gesagt hast, mir das Leben zur Hölle machen.«

Der Wachmann bekräftigte: »Ja, das würde ich.«

»Wir können verhindern, dass es soweit kommt. Lass mich einfach einen Blick auf den Computer werfen.«

Der Wachmann schüttelte den Kopf. »Oh, das halte ich für keine so gute Idee.«

»Aber klar doch«, schmeichelte Todd. »Schau, du bist ausgebildeter Wachmann eines Bundesgefängnisses, oder nicht? Ich bin einfach nur irgendein Typ, der die falsche Datei gefunden hat und hinter Gittern gelandet ist. Es ist also einleuchtend, dass du schlauer bist als ich, oder nicht? Ich meine, wenn du das nicht wärst, wäre ich nicht dein Gefangener, oder? Abgesehen davon, wirst du die ganze Zeit dabei sein und mir auf die Finger schauen.«

Eine Minute später hatte Todd seine Zelle verlassen, stand vor einem funktionierenden Computer mit der geöffneten Datei und hatte seinen Eintrag ausgewählt. Todd schob Murphys metallenen Klappstuhl weg vom Schreibtisch, sodass er sich über die Tastatur beugen konnte. Der Wachmann verharrte neben ihm und schaute ein wenig besorgt drein. Jedoch bei Weitem nicht besorgt genug.

»Na gut. Schau genau hin. Ich werde lediglich nach einem bestimmten Zahlensatz suchen«, eröffnete Todd.

Er wählte seinen Datenblock aus und suchte nach seiner gegenwärtigen geografischen Länge und Breite, während der Wachmann ihm dabei zuschaute.

Todds Hände hingen für einen Moment über dem Keyboard, während er überlegte. Er fragte den Wachmann: »He, weißt du, wo Norden ist?«

Der Wachmann zeigte nach links. Todd zeigte nach rechts, nach vorne und hinter sich und murmelte dabei: »Süden, Osten, Westen.« Er ließ seine Hände wieder auf die Tastatur sinken, nahm eine kleine Veränderung vor und war augenblicklich verschwunden.

Der Wachmann starrte mit zusammengekniffenen Augen auf die Stelle, an der sich Todd eben noch befunden hatte. Er war noch mit dem Versuch beschäftigt zu verstehen, was gerade geschehen war, als er ein Geräusch hinter sich vernahm. Der Wachmann drehte sich genau in dem Moment um, in dem ein metallener Klappstuhl in seinem Gesicht landete.

Er lag bewusstlos auf dem Boden. So konnte er nicht hören, wie Todd sagte: »Sieh’s positiv. Sie werden dich wahrscheinlich feuern.«

Kapitel 2

Einige Jahrhunderte früher, im mittelalterlichen England, fand gerade ein Kinoabend für die Zauberer statt, was so verwirrend war, wie es sich anhörte.

Die Zauberer waren allesamt Zeitreisende, und seit vielen Jahren hielten sie sich nun schon an die unausgesprochene Regel, nicht allzu viel von der jeweils eigenen Zeit zu sprechen. Zwei von ihnen konnten aus Zeiten stammen, die bis zu drei Jahrzehnte auseinander lagen. Man war der Meinung, Diskussionen über gesellschaftliche Veränderungen, soziale Konventionen und die Qualität der unterschiedlichen Ensembles von Saturday Night Live würden nur zu unnötigen Konflikten führen. Tatsächlich verweigerten die Zauberer aus den Mittneunzigern oder späteren Zeiten generell jegliche Diskussion über Filme, aus lauter Furcht, Einzelheiten über die zweite Star Wars-Trilogie oder den vierten Teil von Indiana Jones auszuplaudern. Das war eine Sammlung von Werken, über die die späteren Zauberer nur unter dem Oberbegriff Das Missvergnügen sprachen.

Mit der Zeit wurde die Einstellung hierzu natürlich etwas lockerer. Zauberer aus früheren Zeiten wollten mit fortschrittlicherer Hardware spielen, und die Zauberer aus späteren Zeiten wollten den Ausdruck in ihren Gesichtern dabei sehen, sodass dieses System langsam bröckelte.

Irgendwann begannen die Zauberer untereinander ohne Einschränkung Informationen auszutauschen. Sie veranstalteten sogar ein Filmfestival, bei dem die gesamte zweite Star Wars-Trilogie und der vierte Teil von Indiana Jones hintereinander weg gezeigt wurden, um das Thema endlich abhaken zu können.

Seitdem war es für die Zauberer von Leadchurch zu einer lieb gewonnenen Angewohnheit geworden, einen wöchentlichen Filmabend zu veranstalten. Dabei boten sie einander reihum einen Doppelpack eines ihrer Lieblingsfilme (zumeist Science-Fiction) und ihres Lieblingsessens (zumeist Pizza) an.

Philip war an der Reihe die Gastgeberrolle zu übernehmen, und seine Gäste hatten an seiner ersten Auswahl schwer zu kauen. Als der Abspann lief, stoppte Philip sein klobiges Betamax-Gerät und drückte die Rückspultaste.

»Tja, das ist Colossus. Wie findet Ihr ihn?«, fragte er seine Freunde, die es sich überall in seinem Spielzimmer gemütlich gemacht hatten. Ihre Zaubererroben waren aufgeknöpft, sodass ihre T-Shirts, Jeans und Turnschuhe sichtbar waren, die sie alle stets darunter trugen, mit Ausnahme Roys, der aus einer anderen Generation stammte. Er war bekleidet mit einer Stoffhose, Slippern und einem kurzärmeligen Hemd mit verdeckter Knopfleiste. Andererseits hatte er aber auch einen Trenchcoat anstelle einer Robe an und besaß den einzigen Zaubererhut mit Filzkrempe. Sein Stab war, was Billardspieler als »Queuebrücke« bezeichneten.

Martin erhob sich von der verchromten Ledercouch, die er sich mit Tyler und Jeff geteilt hatte. Er streckte sich und ächzte: »Weiß nicht. Es war interessant, aber ich will erst die Fortsetzung sehen, bevor ich ein Urteil abgebe.«

Philip lächelte. »Es gibt keine Fortsetzung.«

Gary, der sich langsam wieder entfaltete, nachdem er die letzten zwei Stunden im Schneidersitz auf dem Boden verbracht hatte, hakte nach: »Was soll das heißen, keine Fortsetzung? War er nicht erfolgreich genug, dass sie keinen zweiten Teil gedreht haben?«

Roy schüttelte den Kopf. Er war der Älteste im Raum, was das physische Alter betraf, weil er sich in seinen frühen Fünfzigern befand und weil er aus dem Jahr 1973 stammte. Außerdem war er ausgebildeter Raumfahrtingenieur und verströmte eine kurz angebundene, verlässliche Kompetenz. »Seht mal, Jungs, zu Phils und meiner Zeit war es so, wenn du einen guten Film gemacht hast, hast du diesen Erfolg genutzt und einen anderen, nicht noch mal denselben Film, gedreht.«

Philip war der Zweitälteste im Raum. Er war Anfang vierzig, stammte aus den Mittachtzigern und verströmte eitle, fehlbare Kompetenz. Er grinste über beide Backen und sagte: »Genau genommen war das zu deiner Zeit so. Zu meiner Zeit hatte die endlose Fortsetzeritis bereits eingesetzt. Dieser Film stammt aus der Zeit davor, und ich glaube nicht, dass jemals eine Fortsetzung geplant war.«

»Aber es gab doch einen Cliffhanger«, insistierte Tyler.

»Nein, gab es nicht«, erklärte Philip. »Das war das Ende der Geschichte.«

»Aber«, stammelte Tyler, »der Supercomputer, der, wie hieß er noch, Colossus, hatte die Weltherrschaft übernommen.«

»Ja«, bestätigte Philip.

»Was? Was ist das denn für ein Film?«, fragte Tyler entrüstet.

Philip kicherte. »Ein Film aus den Siebzigern. Die Kernbotschaft von Science-Fiction war, dass unser aller Schicksal besiegelt ist.«

Jeff schnaubte verächtlich. »Die Botschaft der Siebziger war, dass unser aller Schicksal besiegelt ist.« Jeff stammte aus einer Zeit, die weiter in der Zukunft lag als bei allen anderen Anwesenden. Dennoch verstanden er und Roy sich hervorragend. Der hatte mit Jeff eine Exkursion in die frühen Siebziger unternommen. Jeff war schwer verstört von diesem Ausflug zurückgekehrt, und er weigerte sich, auch nur in Erwägung zu ziehen, dorthin zurückzukehren.

»In der Tat!«, bekräftigte Philip.

»Und die Leute haben Geld bezahlt, um diese Filme zu sehen?«, wollte Jeff wissen.

Philip sagte: »Klar. Ständig. Das war einer der ersten Filme, in den mich mein Vater mitgenommen hat. Er ist der Grund dafür, warum ich Informatiker geworden bin.«

»Um zu verhindern, dass Computer die Welt übernehmen?«, fragte Martin.

»Das. Oder, um im Fall der Fälle auf der Gewinnerseite zu stehen«, erwiderte Philip.

Tyler stand auf und nahm seinen Stab. »Na dann, ist der nächste Film etwas positiver?«, erkundigte er sich.