Abflug am frühen Morgen - Patricia Vandenberg - E-Book

Abflug am frühen Morgen E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine exklusive Sonderausgabe – Dr. Norden – Unveröffentlichte Romane Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Kann ich Sie mal kurz sprechen, Katja?« Unüberhörbar hallte die sonore, aber freundliche Stimme von Timo Jacobsen durch das Maklerbüro. Seit sein Vater Peter sich aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend zurückgezogen hatte, genoss der Junior seine neue Position in vollen Zügen. Die diplomierte Immobilienwirtin zuckte zusammen und warf ihrer Kollegin Sandra Schmidt einen fragenden Blick zu. »Du bist gemeint. Willst du nicht gehen und hören, was er dir sagen will?« Sandra lächelte gutmütig. »Vielleicht macht er dir endlich den ersehnten Heiratsantrag. Jetzt, wo du wieder frei bist, ist die Gelegenheit günstig.« Dieser Bemerkung ließ sie einen schwärmerischen Augenaufschlag folgen. Ob sie wollte oder nicht, musste Katja lachen. »Diese Hoffnungen habe ich mir längst aus dem Kopf geschlagen. Timo ist und bleibt eingefleischter Junggeselle. Du wirst schon sehen. Aber wer weiß, vielleicht bekomme ich ja endlich die Gehaltserhöhung, die mir der Senior so lange vorenthalten hat«, flüsterte sie Sandra zu, während sie aufstand und ihren kurzen roséfarbenen Rock glatt strich. »Verdient hättest du es auf jeden Fall. Wenn ich dran denke, wie viel die Krüger verdient und was sie im Gegensatz zu dir leistet, bist du längst überfällig.« »Wir werden gleich sehen, ob Timo derselben Meinung ist.« Während Katja unter den forschenden Blicken der Kollegen durch den großen Raum Richtung Chefbüro ging, plante sie im Geiste bereits, was sie mit dem zusätzlichen Geld, das er ihr gleich anbieten würde, anstellen wollte.

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Seitenzahl: 113

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden – Unveröffentlichte Romane – 26 –Abflug am frühen Morgen

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

»Kann ich Sie mal kurz sprechen, Katja?« Unüberhörbar hallte die sonore, aber freundliche Stimme von Timo Jacobsen durch das Maklerbüro. Seit sein Vater Peter sich aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend zurückgezogen hatte, genoss der Junior seine neue Position in vollen Zügen.

Die diplomierte Immobilienwirtin zuckte zusammen und warf ihrer Kollegin Sandra Schmidt einen fragenden Blick zu.

»Du bist gemeint. Willst du nicht gehen und hören, was er dir sagen will?« Sandra lächelte gutmütig. »Vielleicht macht er dir endlich den ersehnten Heiratsantrag. Jetzt, wo du wieder frei bist, ist die Gelegenheit günstig.« Dieser Bemerkung ließ sie einen schwärmerischen Augenaufschlag folgen.

Ob sie wollte oder nicht, musste Katja lachen.

»Diese Hoffnungen habe ich mir längst aus dem Kopf geschlagen. Timo ist und bleibt eingefleischter Junggeselle. Du wirst schon sehen. Aber wer weiß, vielleicht bekomme ich ja endlich die Gehaltserhöhung, die mir der Senior so lange vorenthalten hat«, flüsterte sie Sandra zu, während sie aufstand und ihren kurzen roséfarbenen Rock glatt strich.

»Verdient hättest du es auf jeden Fall. Wenn ich dran denke, wie viel die Krüger verdient und was sie im Gegensatz zu dir leistet, bist du längst überfällig.«

»Wir werden gleich sehen, ob Timo derselben Meinung ist.«

Während Katja unter den forschenden Blicken der Kollegen durch den großen Raum Richtung Chefbüro ging, plante sie im Geiste bereits, was sie mit dem zusätzlichen Geld, das er ihr gleich anbieten würde, anstellen wollte. Das taubenblaue Abendkleid in der Auslage von Beyerlein lockte sie schon seit zwei Wochen. Ein passendes Paar Schuhe dazu. Und vielleicht diese entzückende, kleine Tasche, ohne die das Kleid nur halb so schön war.

»Katja?« Timo Jacobsen schob seiner Mitarbeiterin einen Stapel Unterlagen über den Tisch. »Könnten Sie das hier für mich durcharbeiten und eine Bewertung der aufgeführten Grundstücke und Objekte erstellen? Bei ein, zwei Posten bin ich mir nicht sicher, ob die Stadt nicht irgendwelche Auflagen zur Bebauung gestellt hat. Bitte kümmern Sie sich darum und nehmen das in die Objektbeschreibungen mit auf.«

Katja bemerkte, wie das freudige Lächeln auf ihrem Gesicht erstarb. Keine Gehaltserhöhung. Von einem Heiratsantrag ganz zu schweigen.

»Ist alles in Ordnung?« Besorgt beugte sich Timo Jacobsen nach vorne und betrachtete seine Mitarbeiterin.

»Ja, ja, alles bestens«, kam die schwache Antwort.

»Dann ist es ja gut.« Er lächelte zufrieden, als er dem Stapel Papier eine kleine Karte hinterherschickte. »Sie sollten übrigens bis morgen mit der Durchsicht der Unterlagen fertig sein. Es befinden sich ein, zwei Objekte darunter, die für einen gewissen Niklas von Rehbach infrage kommen.«

Auf einmal wurde Katja hellhörig. Dieser Name klang sehr vielversprechend.

»Wer ist das?«

»Ein Klient, der auf der Suche nach einem Alterswohnsitz für seine Eltern ist. Ich habe morgen Nachmittag um drei Uhr einen Termin mit ihm. Leider ist mir etwas dazwischen gekommen. Deshalb wollte ich Sie bitten, das für mich zu übernehmen.«

Katja unterdrückte ein frustriertes Seufzen und überlegte, ob sie nicht rasch an einem Grippeanfall leiden sollte. Oder an spontan auftretenden, unerträglichen Kopfschmerzen litt. Doch dann verwarf sie diesen Gedanken wieder. Sie hatte sich in letzter Zeit schon zu oft unter allen erdenklichen Vorwänden aus dem Büro gestohlen. Besonders ihren Hausarzt Dr. Norden hatte sie öfter als einmal erwähnt, ohne ihn je wirklich besucht zu haben.

»Natürlich erledige ich das. Sie können sich ganz auf mich verlassen.« Katja schickte Timo ein süßes Lächeln.

»Das wusste ich. Deshalb habe ich ja auch Sie gefragt und niemand anderen. Sie sind eine meiner fähigsten Mitarbeiterinnen.« Er erwiderte ihr Lächeln, um sich gleich darauf seinem Computer zuzuwenden.

Katja wusste, dass das Gespräch damit beendet war. Eine unerklärliche, abgrundtiefe Traurigkeit senkte sich über sie, während sie, bepackt mit dem Stapel Unterlagen, an ihren Schreibtisch zurückkehrte. Die mitleidigen Blicke von Sandra ignorierte sie vorsichtshalber.

*

Es war ein lauer Abend, wie gemacht für ein Glas Weißwein auf der herrlichen Dachterrasse ihrer neuen Wohnung. Katjas Glück hätte perfekt sein können. Wäre da nicht der Stapel Geschäftsunterlagen gewesen, der drohend auf dem Wohnzimmertisch lag und immer noch darauf wartete, durchgearbeitet zu werden.

»Das willst du heute noch alles erledigen?« Katjas beste Freundin Sophie List stand vor dem Wohnzimmertisch und sah zweifelnd hinunter.

»Was heißt hier wollen? Timo hat es mir draufgedrückt.«

»Du bist wirklich Wachs in seinen Händen. Warum hast du nicht abgelehnt? So toll bezahlt er dich immerhin auch wieder nicht.«

»Mein Gehalt hängt doch im Wesentlichen davon ab, wie viele Objekte ich an den Mann bringen kann«, verteidigte sich Katja und mühte sich weiter mit dem Korkenzieher ab. »Und du weißt doch, dass ich ein guter Mensch bin, der anderen keine Bitte abschlagen kann.«

»Zu gut für diese Welt, wenn du mich fragst. Das hat man zuletzt an Andreas gesehen. Der Kerl hat dich nach Strich und Faden ausgenutzt«, urteilte Sophie streng über Katjas jüngste gescheiterte Beziehung.

»Stimmt doch gar nicht«, verteidigte sich Katja schwach. Gleichzeitig ertönte ein wohlklingendes »Plopp«. Der Korken hatte endlich nachgegeben und war aus der Flasche gerutscht.

»Natürlich stimmt das. Oder warum hast du ihm ungefragt beim Umziehen geholfen, ihm deinen Wagen geliehen, in den er auch noch eine Beule gefahren hat, seine Wände gestrichen? Nur um ihn ein paar Tage später in der Stadt händchenhaltend mit einer anderen zu erwischen.«

»Ach, das war doch nur ein Missverständnis«, setzte sich Katja zur Wehr und schenkte die beiden Gläser großzügig voll. »Er hat mir doch erzählt, dass das seine Stiefschwester war, die er viele Jahre nicht gesehen hat.«

Sophie lachte ungläubig und schüttelte den Kopf. Sie nahm die beiden Weingläser und ging voraus auf die Dachterrasse.

»Ach, und ich bin der Weihnachtsmann. Kannst du mir bitte mal erklären, warum er dann mit dir Schluss gemacht hat?«

Katja, die eine Schüssel Erdnüsse mit nach draußen brachte, zuckte mit den Schultern.

»Er hat viel Stress in der Arbeit, dass er erst jetzt erkannt hat, dass er die Trennung von seiner früheren Freundin nicht verkraftet hat. Er braucht eine Auszeit, um sich über seine Gefühle klar zu werden«, erklärte sie allen Ernstes.

Fassungslos ließ sich Sophie in einen der bequemen, hochmodernen Lounge-Sessel fallen.

»Das glaubst du doch selber nicht.«

»Warum nicht?« Schmollend verzog Katja die schönen Lippen. »Ich finde es nur fair von ihm, dass er mir nichts vorspielt.«

»Seltsam, dass ihm das erst eingefallen ist, nachdem du ihm so uneigennützig geholfen hast«, kam Sophie nicht umhin, Katja die Augen zu öffnen.

Doch die wollte die Wahrheit gar nicht sehen und winkte lächelnd ab.

»Gib dir keine Mühe. Ich weiß es besser. Erzähl mir lieber, wie es mit Gregor läuft?«

Wie erwartet seufzte Sophie bei diesem Thema tief auf.

»Wenn ich das so genau wüsste. Er holt mir die Sterne vom Himmel, tut alles für mich. Es ist auch schön, wenn wir zusammen sind. Trotzdem weiß ich einfach nicht, ob ich ihn liebe«, gestand sie zögernd und steckte eine Erdnuss in den Mund.

Katja betrachtete sie ungläubig.

»Wenn ich einen solchen Mann wie Gregor an der Angel hätte, würde ich ihn sofort an Ketten legen und nie wieder laufen lassen«, erklärte sie voller Überzeugung.

Sophie lachte amüsiert.

»Du würdest dich vom ersten Moment an tödlich langweilen, glaub es mir. Ich kenne dich gut genug. Wenn da einer wäre, der all das für dich tut, was du für deine Männer machst, wäre er uninteressant für dich. Du bist nicht der Typ Frau, der sich gerne verwöhnen lässt. Du spielst lieber die Mutter.«

»Und du?«, fragte Katja herausfordernd. Ein amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Irgend-was stimmt doch mit dir auch nicht, wenn du keinen Mann lieben kannst, der dich auf Händen trägt.«

Sophie lachte laut auf.

»Wahrscheinlich sind wir alle ein bisschen verrückt«, stellte sie fest und prostete ihrer Freundin zu. Wieder einmal waren sie sich einig, dass es nichts Schwierigeres im Leben gab als die Beziehung zwischen Männern und Frauen. Und dass es vermutlich gerade dieser Umstand war, der das Leben mit dem anderen Geschlecht so aufregend und spannend machte.

*

Als Katja am nächsten Morgen aus einem ohnmachtsähnlichen Schlaf erwachte, fühlte sie zunächst nichts als Schmerz.

»Oh je, warum mussten wir unbedingt noch die zweite Flasche Wein aufmachen?«, fragte sie sich stöhnend, als sie sich mühsam im Bett aufrichtete und die dunklen Haare aus dem Gesicht strich. Ihr Mund war trocken, die Lippen gesprungen. In ihrem Kopf hämmerte ein dumpfer Schmerz.

»Ich sollte Dr. Norden anrufen und mich krankschreiben lassen. Nur diesen einen Tag«, führte sie ihr Selbstgespräch weiter, während sie barfuß und nur mit einem großen Männerhemd bekleidet über den dunklen Laminat-Fußboden tappte. Sie öffnete den Kühlschrank und nahm eine Flasche Orangensaft heraus. Einen Moment lang sah sie sich suchend um und versuchte, sich zu erinnern, wo die Gläser untergebracht waren. Als es ihr nicht einfallen wollte, setzte sie die Flasche kurzerhand an die Lippen.

»Ah, das tut gut.« Katjas Blick wanderte durch den Wohn-Essbereich ihrer neuen Wohnung. Und blieb am Wohnzimmertisch mit den Unterlagen ihres Chefs Timo Jacobsen hängen. »So ein Mist! Die muss ich ja noch anschauen, bevor ich auf den Termin gehe«, entfuhr es ihr erschrocken. Beinahe sofort erfüllte sie eine abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit.

»Aber nein, das hat ja doch keinen Sinn. Das schaffe ich nie und nimmer. Am besten, ich melde mich wirklich krank. Oder ich sage, meine Mutter braucht mich dringend zu Hause für ihre Geburtstagsvorbereitungen. Oder noch besser, ich soll meine Oma zum Friseur fahren.«

Unruhig wanderte Kaja durch die Wohnung, die Saftflasche in der Hand und erfüllt von Panik. Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Ärgerlich nahm sie ab. Wer wagte es, sie in aller Herrgottsfrühe zu stören?

»Was wollen Sie um diese Uhrzeit?«, fauchte sie in den Hörer. Gleichzeitig presste sie die Finger gegen die pochende Schläfe.

»Entschuldigen Sie vielmals. Hier ist Niklas von Rehbach. Ich habe Ihre Nummer von Herrn Jacobsen und soll Sie in seinem Auftrag daran erinnern, dass wir in einer Stunde einen Termin haben.«

»In einer Stunde?« Vor Schreck wäre Katja beinahe der Hörer aus der Hand gefallen.

Tatsächlich. Es war bereits fast zwei Uhr. Nachmittags!

»Oh mein Gott, das ist unmöglich«, keuchte sie entsetzt.

»Bitte? Was haben Sie gesagt? Ist Ihnen nicht gut?« Der fürsorgliche Ton, der in Niklas’ aufreizend samtiger Stimme lag, sorgte bei Katja für weiche Knie.

Sie lehnte sich kraftlos an die weiß gestrichene Wand und versuchte, sich zu beruhigen.

»Alles in Ordnung. Alles bestens. Ich habe mich schon eingehend über die Objekte informiert, die für Sie infrage kommen«, versicherte sie hastig.

»Ich suche ein Haus für meine Eltern«, erinnerte Niklas sie sanft.

»Ja, ja, ich weiß, natürlich. Einen Altersruhesitz. Für Ihre Eltern. Selbstverständlich. Ich habe da ein paar sehr schöne Objekte im Angebot. Sie werden begeistert sein«, stammelte Katja, nach Worten ringend.

Du liebe Zeit, nie zuvor in ihrem Leben war sie in einer derart peinlichen Situation gewesen. Oder höchstens ein Mal. Vielleicht auch zwei Mal. Aber öfter mit Sicherheit nicht.

Niklas lachte ein ungemein angenehmes Lachen.

»Wenn Sie genauso arbeiten wie Sie klingen, dann bin ich mir da nicht so sicher«, scherzte er gut gelaunt.

Katja stockte der Atem über diese Frechheit. Na warte, dem werde ich es zeigen!, dachte sie ärgerlich bei sich, als sie ins Bad eilte, um die verräterischen Augenringe und die ungesunde Blässe aus ihrem Gesicht zu tilgen. Es galt, die schöne erfolgreiche Diplom-Immobilienwirtin hervorzuzaubern, die in der Lage war, einem Eskimo einen Kühlschrank zu verkaufen.

*

»Das darf doch nicht wahr sein!« Obwohl Katja Kistler es mehr als eilig hatte, zu ihrem vereinbarten Termin in der Innenstadt zu gelangen, blieb sie abrupt vor dem Schaufenster des exklusiven Geschäfts stehen und starrte auf das taubenblaue, mit glitzernden Perlchen bestickte Abendkleid. Doch nicht nur das Kleidungsstück war es, das ihr Herz höherschlagen ließ. Schließlich stand sie bereits seit vierzehn Tagen beinahe jeden Tag davor und malte sich aus, wie es sein musste, den glatten, seidig schimmernden Stoff auf der Haut zu tragen.

»Reduziert! Heute ist mein Glückstag!«, jubelte Katja das unübersehbare Schild im Schaufenster an. Sie warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Noch fünfzehn Minuten bis zum Termin. Das musste genügen. Sie machte einen Schritt auf die Ladentür zu und zögerte einen kurzen Moment, ehe sie sie aufdrückte. Diesen bemerkenswerten Augenblick musste sie bis zuletzt auskosten.

»Immerhin kann ich es mir nicht sehr oft leisten, hier etwas zu kaufen«, erklärte sie gleich darauf der Verkäuferin, die ihr freundlich entgegenlächelte.

»Wir haben reduziert«, bemerkte die Dame unnötigerweise.

»Ich weiß. Deshalb bin ich ja hier.« Es gelang Katja kaum, ihre Nervosität in Zaum zu halten. In solchen Momenten mutierte sie wieder zum aufgeregten Teenager und konnte gar nicht glauben, längst erwachsen und eine einigermaßen erfolgreiche Geschäftsfrau zu sein, die sich geschickt und manchmal mit einer kleinen List durchs Leben manövrierte.

»Wollen Sie Ihren Koffer nicht abstellen?«, fragte die Verkäuferin zuvorkommend und deutete auf den stattlichen Aktenkoffer, den Katja mitgenommen hatte, um bei Niklas von Rehbach einen besonders professionellen Eindruck zu hinterlassen.

»Nein danke, es geht schon.« Verlegen wehrte Katja ab. »Ich habe nicht viel Zeit.«

Die Verkäuferin lächelte immer noch. »Wenn ich nicht irre, gefällt Ihnen das Kleid im Fenster besonders gut, nicht wahr?«

Schlagartig errötete Katja.

»Woher wissen Sie das?«, fragte sie beinahe schüchtern.

»Nun, kaum eine Dame steht so oft derart verzückt vor unserem Schaufenster wie Sie in den vergangenen Tagen.«

Erschrocken riss Katja die schönen Augen auf.

»Fällt es wirklich so auf?«

Die Verkäuferin lächelte milde.

»Keine Sorge. Nur mir und das auch nur, weil ich den ganzen Tag hier stehe und genug Zeit habe, mir alles ganz genau anzusehen.«