Abgelenkt - Adam Wutkowski - E-Book

Abgelenkt E-Book

Adam Wutkowski

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Beschreibung

Sven, die Hauptfigur des Romans, ist ein junger Mann, der zu seinen besten Freunden den Computer und den Fernseher zählt. Und eigentlich, wenn er ehrlich zu sich selbst ist, braucht er auch nicht mehr. Wären da nicht seine Eltern und die Lehrer, die ihm das Leben zur Hölle machen, könnte das Leben für Sven nicht schöner sein. Nach einer Auseinandersetzung mit seinen Eltern und Freunden erkennt Sven, dass er sich in etwas verrannt hat, dass ihn von seiner eigenen Identität abgelenkt hat. Doch was macht die Identität eines Menschen überhaupt aus? Sichtlich überfordert eine ernsthafte Antwort auf diese Frage zu finden, setzt sich Sven zum Ziel, mehr über sich selbst und die Welt zu erfahren. In sieben Kapiteln, die die verschiedenen Lebensabschnitte in Svens Erwachsenwerden repräsentieren, beginnt dieser, die Welt und seine eigene Person zu verstehen. Freunde, Bekannte aber auch Lehrer, Philosophen und vom Schicksal gezeichnete Menschen sowie ein Lächeln eines Kindes tragen dazu bei, dass sich die Welt des Protagonisten immer wieder aufs Neue verändert. Am Ende seiner 16- jährigen Reise erkennt dieser, was jeden Menschen ausmacht und einzigartig macht.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Adam Wutkowski

Abgelenkt

Wer bin Ich?

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1: Verloren in einer fiktiven Welt

Kapitel 2: Wer bin ich?

Kapitel 3: Arthur Schopenhauer

Kapitel 4: Der Mensch

Kapitel 5: Hinter der Fassade

Kapitel 6: Das Produkt der Natur

Kapitel 7: Die Erkenntnis

Glückskind

Impressum neobooks

Kapitel 1: Verloren in einer fiktiven Welt

Abgelenkt

Für meine Frau und meine Kinder

Danke

Impressum

Abgelenkt

Untertitel: Wer bin ich?

von Adam Wutkowski

Text Copyright: © Adam Wutkowski

Cover Copyright: © Karolin Wutkowski

Alle Rechte,

einschließlich des Nachdrucks in jedweder Form,

sind vorbehalten.

Kiel 2015

„Der Mensch scheitert im Leben nicht an anderen Menschen,

sondern an seinen eigenen Vorstellungen

von dem eigenen ich und der Welt.“

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Verloren in einer fiktiven Welt

Kapitel 2: Wer bin ich?

Kapitel 3: Arthur Schopenhauer

Kapitel 4: Der Mensch

Kapitel 5: Hinter der Fassade

Kapitel 6: Das Produkt der Natur

Kapitel 7: Die Erkenntnis

Bonus 8: Glückskind

«Ruhig mein Junge! Du weißt doch, dass du gut bist.»

Langsam und ohne jede Hast schleiche ich mich heran. Die Umgebung verhüllt mich und das ist auch gut so. Stopp! Bis hierhin und nicht weiter. Eine perfekte Position. Das Gelände lässt sich aus dieser Stellung genau überblicken. Das Dickicht zu meiner Linken sowie der Schatten eines nah gelegenen Baumes, erzeugt durch das Mondlicht verhüllen meine Gestalt. Gut! Rechts von mir, auf zwei Uhr, ca. in 200 m Entfernung stehen zwei Gebäude. Das Kleinere besteht aus einem Stockwerk und das Dach ist mit Schilf bedeckt. Früher diente es bestimmt als eine Art Schuppen. Vielleicht auch als Stall. Egal! Nun stellt es den Zufluchtsort für die Zielperson dar. Und das allein zählt! Das große Gebäude daneben, ca. 10 Meter von dem Schuppen entfernt, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit erst vor kurzem errichtet. Darauf lassen die Bau- und Schuttreste in der Nähe schließen. Im Gegensatz zu dem ersten Gebäude besteht dieses aus massivem Stein. Das Gebäude umfasst drei Stockwerke und schließt mit einer Flachdach-Konstruktion ab. Auf dem Dach des Gebäudes ragt eine 5 m hohe Funkantenne in den Himmel. Neben der Funkantenne steht ein kleinerer Aussichtsturm auf dem Dach, in der die Silhouette einer Wache zu erkennen ist. Die Wache stellt jedoch keine Bedrohung bezüglich einer Entdeckung dar. Dafür ist meine Position einfach zu gut gewählt. Soweit so gut. Links vom Gebäude, ungefähr auf elf Uhr, reihen sich mehrere provisorisch aufgebaute Zelte in das Bild des Lagers ein. Dahinter steht ein Schuppen unter dem zwei geländetaugliche Fahrzeuge parken. Die Ladefläche der Fahrzeuge und damit die Ausstattung ist aus dieser Position nicht einschätzbar. Zweitrangig. Im Falle einer Entdeckung habe ich sowieso nicht vor, länger hier zu bleiben als nötig.

Neben dem Schuppen mit den Geländefahrzeugen stehen ein Paar Benzinkanister, Kisten mit Munition sowie weitere Ausrüstungsgegenstände bereit. Im Gegensatz zu dem restlichen Teil des Lagers wirkt das Zentrum aufgeräumt. Alle Gerätschaften, die im Falle einer Landung eines Hubschraubers im Weg stehen könnten, wurden zur Seite geschafft.

Das Haupttor zum Lager besteht aus zusammengehauenen Brettern, versehen mit Stacheldraht. Diese Bauweise spiegelt sich in der Befestigung des Lagers wider. Mit Stacheldraht umwickelte Holzpfähle bilden eine provisorische Umzäunung. Neben dem Haupttor steht ein Wärterhäuschen sowie links davon eine Art Aussichtsturm, ausgestattet mit einer MG. Am Tor sind zwei Wachen postiert. Alles in allem würde ein direkter Angriff mit einem schwer gepanzerten Fahrzeug ausreichen, um diese Verteidigungslinie schnell zu überwinden. Doch darum geht es heute nicht!

Insgesamt kann ich bis dahin fünf Wachposten ausmachen: Zwei am Haupttor, einer auf dem Dach des Gebäudes und zwei weitere Soldaten, die um das Lager patrouillieren. Perfekt. Das Scharfschützengewehr liegt bereit in meiner Hand. Das Zielfernrohr ist eingestellt. Waffe ist geladen und entsichert. Somit ist alles für den Zugriff bereit. Gut! Das Gewehr samt Zielfernrohr ist das Beste, was der Markt zurzeit hergibt. Selbst im schwachen Dämmerlicht sind die Wachen durch das Zielfernrohr zum Greifen nah und jeder Schritt kann genaustens nachverfolgt werden. Sie sind so nah, dass selbst die Gesichtszüge erkennbar sind.

Ich bin bereit! Es fehlt nur noch das Zielobjekt. Ein Blick auf die Uhr. 0200. Das Zielobjekt müsste also, nach den Informationen der Kontaktperson, schon bald herausgeflogen werden.

Da! Erst ganz leise, dann immer stärker. Das Donnern der Rotorblätter kommt immer näher. Meine Aufmerksamkeit gilt nun vollständig dem Schilf bedeckten Gebäude. Doch noch immer ist keine Bewegung auszumachen. Ein hastiger Blick auf den Eingang des dreistöckigen Hauptgebäudes weist auf eine erhöhte Alarmbereitschaft hin. Aus der Eingangstür des Gebäudes treten bewaffnete Soldaten auf den Innenhof. Ein Blick auf das Zielgebäude zeigt immer noch keine Veränderung. Doch da! Plötzlich. Die Tür geht einen Spalt auf, verharrt jedoch in dieser Position. Aus dem Türspalt dringt kein Licht nach außen, so dass das Innere des Gebäudes sich im Schweigen der Dunkelheit hüllt.

Im Briefing wurde die Zielperson als klein und korpulent beschrieben. Das auffälligste Merkmal an der Zielperson ist jedoch das zum Teil fehlende linke Ohr. Codename: Mittelsmann.

Das Donnern der Rotorblätter kommt immer näher, während die Person oder die Personen hinter der Tür keine Anzeichen machen, herauszukommen. Nur noch ein wenig mehr Geduld! Der Hubschrauber wird gleich zur Landung ansetzen. Das Fernrohr des Scharfschützengewehrs visiert weiter das Zielgebäude an. Plötzlich öffnet sich die Tür und eine große, schlanke Person tritt aus dem Gebäude in das helle Mondlicht hinaus. Ein Augenblick später erscheint im Rahmen der Tür eine weitere Person, die es jedoch vermeidet ganz aus der schützenden Dunkelheit des Hauses herauszutreten. Nach der Silhouette zu urteilen, handelt es sich hierbei um die Zielperson. Den Finger am Abzug, zum Schießen bereit …

Grade als ich dabei bin, meine Mission erfolgreich abzuschließen, geht die Tür zu meinem Zimmer auf und reißt mich aus meinem Einsatz heraus. Aus der Dunkelheit des Flurs tritt meine Mutter in ihrem gestreiften Pyjama in mein Zimmer. Sichtlich überrascht, mich vor dem Computer zu sehen, richtet sie schließlich das Wort an mich: «Wieso bist du noch wach? Es ist kurz vor 1 Uhr nachts! Du musst doch morgen zur Schule. Mach den Computer sofort aus und geh ins Bett!» befehlt sie.

Von einem Augenblick auf den anderen ändert sich plötzlich meine Gefühlswelt. Unvermittelt baut sich Zorn und Wut auf und beginnt, die Kontrolle über mein Handeln zu übernehmen. Mit letzter Willensanstrengung gelingt es mir jedoch, noch einmal ruhig zu bleiben.

Immer kommt sie zur falschen Zeit in mein Zimmer. Fast will ich...

Aber da! Aus heiterem Himmel wird mir bewusst, dass ich bereits seit 18:00 Uhr, seitdem das alltägliche langweilige Abendessen sein Ende nahm, am Computer sitze. Ich war so vertieft, dass ich nicht bemerkt habe, wie die Zeit an mir vorbei ging. Doch noch bevor ich dieser Tatsache weiter Aufmerksamkeit schenken kann, fordert wieder etwas meine Aufmerksamkeit und bringt meine schwer gewonnene Beherrschung wieder zum Bröckeln. Die Mission scheiterte aufgrund meiner Mutter.

«Na super!» höre ich mich in Richtung Computer sagen und schau enttäuscht zu Boden.

Da meine Mutter immer noch keine Anstalten macht, aus meinem Zimmer zu verschwinden, füge ich mich meinem Schicksal, mache verärgert den Computer aus und lege mich ins Bett. Im Dunkel liegend, kreisen meine Gedanken um die Mission. Noch einmal erscheint die Zielperson vor meinem inneren Auge. «Morgen hat dein letztes Stündlein geschlagen.» sage ich leise in die Dunkelheit meines Zimmers hinein. Ich will nach Möglichkeit die volle Punktzahl für die Mission erhalten. Denn ich weiß, ich bin gut. Und ein Blick auf die Punktetafel beweist es mir auch.

Meine Schulkameraden hatten wirklich Recht! Die neue Grafik und Steuerung verschaffen der Umgebung und den Personen soviel Agilität, dass sie schon fast real wirken. Ach. Was für ein Glück habe ich doch, in dieser Zeit leben zu können!

7:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Die Müdigkeit steckt in jedem Winkel meines Körpers. Es fällt mir schwer, mich aufzuraffen. Wieder zur Schule zu müssen. Wie Schrecklich! Wer hat sich bloß die Schule ausgedacht? Na ja. Das einzig Gute an dem heutigen Schultag ist die Tatsache, dass diese nur aus zwei Schulstunden besteht und das bedeutet mehr Zeit zum Spielen.

«Und dieses Mal wird mich keiner aufhalten!» sage ich in mein Zimmer hinein, in Gedanken an den gestrigen Abend.

Immer noch nicht ganz bei Bewusstsein füge ich mich meinem Schicksal, stehe auf und vollführe dieselben morgendlichen Rituale wie immer. Nachdem das, von wenig Aufregung begleitete, morgendliche Frühstück schließlich zu Ende geht, stehe ich vom Tisch auf, nehme das Pausenbrot in die eine Hand, die Schultasche in die andere, öffne die Haustür und mache mich auf den Schulweg.

«Hey Sven.» begrüßt mich, wie jeden Morgen, Johannes auf dem Weg zur Schule.

«Hey Johannes! Du hör mal. Ich hatte gestern wieder etwas Zeit gehabt, „Die Helden des Krieges“ zu spielen. Das Spiel ist ja so was von cool und so authentisch. Ich bin bereits bei der neunten Mission angelangt. Hätte diese auch erfolgreich beendet, wenn nicht meine Mutter in mein Zimmer rein gekommen wäre und mich genervt hätte, von wegen dass ich endlich schlafen gehen soll. Aber Schwamm drüber.» winke ich mit meiner rechten Hand ab und fahre fort. «Aber sag! Bei welcher Mission bist du grade?».

«Ich bin erst bei der Fünften. Hatte gestern nicht so viel Zeit zum Spielen. Mein Vater musste am Computer arbeiten. Ich war wirklich stinksauer, als er mir mitteilte, dass er selbst den Computer braucht, um zu arbeiten. Mein Ärger verflog aber, als ich sah, dass er mir ein neues Spiel vom Supermarkt mitgebracht hatte. „Der Strategische Krieg“ nennt sich das. Ich habe es, nachdem er endlich fertig war, kurz angespielt. Aber ich sag dir: Das Spiel ist der Hammer!», sagt Johannes, breit grinsend meine Neugier weckend. «In dem Spiel geht es um eine Welt, die du mit deinen Armeen erobern sollst. Zu Beginn des Spiels steht dir eine Festung zur Verfügung, auf der du deine Truppen ausbildest. Du bekommst ebenfalls zu Anfang des Spiels einen besonderen Charakter, mit dem du „Quests“ ausführen kannst. Zusätzlich besitzt dieser Charakter die Fähigkeit, Armeen anzuführen und verleiht ihnen somit einen zusätzlichen Bonus im Kampf. Mit den Artefakten, die du durch die „Quests“ bzw. durch siegreiche Kämpfe gegen andere Armeen eroberst, machst du dich und deine Armeen stärker. Ich sag’s dir: So ein cooles Spiel habe ich bisher noch nicht gesehen.»

«Das Spiel hört sich wirklich interessant an.» erwidere ich interessiert.

«Ja, das ist es auch.» sagt Johannes und fügt hinzu, «Das Interessante an dem Spiel ist auch, dass man es gleichzeitig mit bis zu acht Personen spielen kann. Hey! Meine Eltern sind heute Nachmittag nicht da. Wenn du nichts Besseres vorhast, kannst du gern vorbeikommen und dir das Spiel anschauen.» schlägt Johannes vor.

Von Neugier auf das Spiel getrieben, setze ich zum Sprechen an. Doch im gleichen Augenblick verharre ich kurz und versinke für einen Moment in meinen Gedanken. Nach den Erzählungen von Johannes zu urteilen, macht das Spiel einen soliden Eindruck. Doch die Lust „Krieg der Kriege“ weiter zu spielen, meine Mission zu beenden, lässt mich zögern.

Doch zu meiner Freude erscheint mir plötzlich die Lösung für mein Dilemma vor meinem inneren Auge. «Das hört sich gut an!» sage ich und fahre fort, meinen Lösungsansatz umzusetzen. «Lass uns so gegen 15:00 Uhr bei dir treffen. Vorher bin ich leider etwas verhindert, da ich noch ein paar Dinge mit meinen Eltern zu erledigen habe. Aber um 15:00 Uhr sollte ich wieder frei sein. Was sagst du dazu?» frage ich, meine Eltern als Vorwand benutzend, um etwas Zeit für „Die Helden des Krieges“ zu schinden.

«Ja. Super.» erwidert Johannes und setzt mit mir den Weg zur Schule fort.

Der Schultag beginnt genauso zäh wie sonst auch. Während die Lehrer kommen und gehen, bin ich mit meinen Gedanken bei „Die Helden des Krieges“. Die einzige Abwechslung in dem Schultag bringen einzig die Pausen zwischen den Unterrichtsstunden.

„Hast du schon von dem neuen Spiel gehört? In welcher Mission bist du grade? Wie hast du diese oder jene Mission durchgespielt?“ Die Pause wird intensiv genutzt, um die wichtigsten Tipps und Tricks für die bevorstehenden Gefechte am Nachmittag auszutauschen, damit nach Möglichkeit auch die höchste Punktzahl für jede Mission erreicht werden konnte.

Das Läuten der Pausenglocke markiert dabei nicht nur den Beginn einer neuen Unterrichtsstunde, sondern gleichzeitig auch das Ende jeglichen Interesses an der Schule.

Zu meinem immer wiederkehrenden Erstaunen wirkt der Weg von der Schule nach Hause nicht so lästig wie der Hinweg, obwohl diese sich in keinster Weise unterscheiden.

«Also bis später.» verabschiede ich mich von Johannes an der Einfahrt zu der Mietwohnung von meinen Eltern. «Sollte die Sache mit meinen Eltern schneller zu Ende gehen als erwartet, dann komme ich schon früher zu dir als abgemacht!»

«Alles klar. Kein Problem. Ich werde solange die Zeit nutzen und selbst ungestört von meinem Vater, etwas am Computer zu spielen.» erwidert Johannes und lässt für einen Moment den Kopf hängen. «Ich wünschte, ich hätte meinen eigenen Computer. Genauso wie du. Dann würde mich mein Vater beim Spielen nicht ständig nerven.»

Zu Hause angekommen, werfe ich die Schultasche in die Ecke und gehe in die Küche, wo, wie immer, meine Mutter mit dem Essen auf mich wartet.

«Na, wie war die Schule?» fragt meine Mutter wie gewohnt.

So wie immer, völlig Sinn frei. Doch anstelle dessen höre ich mich erwidern: «Gut! Was gibt es zu Essen?»

«Fisch mit Spinat und Kartoffeln.» erwidert meine Mutter, mit sich selbst zufrieden.

Na super! Du sitzt den ganzen Tag von morgens bis abends zu Hause und bringst nur so etwas wie „Fisch mit Spinat und Kartoffeln“ hervor. Egal. Ich habe besseres vor, als mich noch über dieses Essen zu ärgern. In Gedanken schon längst bei „Die Helden des Krieges“ beginne ich, das Mittagessen zu verspeisen.

«Iss doch nicht so hastig! Das ist nicht gesund.» seufzt meine Mutter, wie an jeden anderen Tag beim Mittagessen.

«Sorry, Mama. Aber ich würde gern noch etwas Computer spielen, bevor ich mich nachher mit Johannes treffe. Deswegen muss ich mich jetzt beeilen.»

«Sag mal, Sven! Habt ihr keine Hausaufgaben für die Schule zu machen?»

«Nein!» erwidere ich knapp und hoffe, dass die Sache damit erledigt ist. Aber die Rechnung habe ich ohne meine Mutter gemacht.

«Was ist das für eine Schule, in der ihr nie Hausaufgaben aufbekommt?» hakt meine Mutter nach.

«Ja. Äh. Keine Ahnung. Das ist halt so.» sage ich, wobei mir gleichzeitig auffällt, dass ich überhaupt nicht weiß, ob wir Hausaufgaben nun aufhaben oder nicht.

Um der mühsamen Unterhaltung ein Ende zu bereiten, lege ich schließlich Messer und Gabel hin, stehe auf und sage, «So, Mama. Danke fürs Essen. Aber ich muss jetzt weiter.»

Nachdem der Computer endlich die Mission gestartet hat und ich mich wieder in der gleichen Position befinde wie gestern Abend, fühle ich endlich Entspannung meinen Körper durchströmen.

Der Hubschrauber nährt sich seinem Bestimmungsort. Die Zielvorrichtung des Scharfschützengewehrs visiert die Tür des Gebäudes an, in dem sich die Zielperson befindet. Gleich bist du fällig. Der Finger am Abzug…

Doch genauso wie gestern geht die Tür auf und meine Mutter tritt in den Türrahmen.

«Mann!» sage ich gereizt und schaue meine Mutter an, «Was willst du denn schon wieder!».

«Aber Hallo.» erwidert meine Mutter, wie vor den Kopf gestoßen, während Wut und Ärger meine Gefühlswelt übernehmen. «Nun beruhige dich erstmal. Was ist los mit dir? Hier ist ein Telefonat für dich!» sagt sie und reicht mir den Telefonhörer.

Wer nervt denn jetzt wieder?

Den Hörer am Ohr haltend, werfe ich meiner Mutter einen verärgerten Blick hinterher und sehe, wie sie sich in Richtung des Wohnzimmers aufmacht. Auf ihrem Weg macht sie ihrem Ärger Luft und brabbelt ein wenig vor sich hin. Außer den Bruchstücken „so kann man sich doch nicht benehmen“ und „es wird Zeit, dass sein Vater mit ihm ein Wörtchen spricht“ lässt sich nichts Sinnvolles aus dem ganzen Gefasel heraushören.

Egal. Soll sie doch reden, mit wem sie will.

«Ja!» erwidere ich gereizt in den Telefonhörer hinein.

«Hallo Sven! Hier ist Sebastian.» sagt die Stimme an der anderen Seite der Leitung.

Oh nein, was will der schon wieder?

«Ich wollte fragen, ob du Lust hast, mit mir rüber zum Fußballplatz zu fahren, um ein wenig Fußball zu spielen.» beendet dieser seinen Satz.

«Nee, du. Also ehrlich. Momentan passt es mir gar nicht. Aber vielleicht morgen!» erwidere ich und hoffe inständig, Sebastian so schneller loszuwerden.

«Oh! OK. Dann vielleicht morgen. Falls du es dir doch anders überlegst, dann kannst du jederzeit zum Fußballplatz kommen.» seufzt Sebastian traurig in den Hörer hinein.

«Ja, das mach ich. Also, dann. Bis morgen.» schließe ich das Gespräch ab und lege den Telefonhörer zur Seite, noch bevor Sebastian etwas sagen kann.

Nerv doch jemand anderen!

Also, jetzt noch einmal von vorne. Ein Blick auf die Uhr zeigt 12:00 Uhr. Gut. Noch drei Stunden bis zu der Verabredung mit Johannes. Der Hubschrauber fliegt wieder sein Ziel an….

Zwei Missionen später zeigt die Uhr auf halb drei. Bis zur Verabredung sind es also noch 30 Minuten, die es sinnvoll zu füllen gibt. Ein Blick auf den Bildschirm lässt den Handlungsstrang der nächsten Mission erahnen:

Ein Konvoi aus vier Fahrzeugen…. Bla bla bla. Muss sein Ziel erreichen. Bla bla bla. Sorgen Sie dafür, dass dieser Konvoi unbeschadet seinen Bestimmungsort erreicht. Bla bla bla. Sie sind der MG-Schütze…

Nach dieser kurzen Zusammenfassung ist die Vorfreude auf die nächste Mission so groß, dass ich mich kurzerhand entschließe, noch eine Mission zu spielen, ohne mir über die Spieldauer weitere Gedanken zu machen.

Gegen halb vier klingle ich schließlich an der Haustür von Johannes.

«Da bist du ja endlich. Was hat dich so lange aufgehalten?» fragt dieser, im Türrahmen stehend.

«Ach, meine Eltern wollten noch einmal mit mir über die Schule reden. Nichts Wichtiges!», wiegle ich ab und überlege mir eine Frage, um von dem Thema abzulenken. «Und wie ist das Spiel?».

«Super. Hab grade einen meiner Feinde niedergestreckt. Das Spiel basiert auf einem Rundensystem, d.h. du kannst dir während deines Zugs Zeit nehmen, um deinen nächsten Zug zu planen. Aber komm rein und sieh es dir doch selbst an.» sagt Johannes und macht die Tür für mich frei. Im Zimmer angekommen, setzen wir uns auf die beiden Stühle neben dem Computer.

«Das ist das Spiel.» sagt Johannes und weist auf den Bildschirm des Computers.

Die Grafik des Spiels ist nicht unbedingt auf dem neusten Stand der Technik, aber sie ist auch nicht so schlecht, dass man sich von vornherein mit dem Spiel nicht weiter auseinandersetzen möchte.

Nach diesem ersten Eindruck setzt sich Johannes zu mir und beginnt, das Spiel im Detail zu erläutern.

«Es ist also ein Strategiespiel.» gebe ich begeistert, auf den Bildschirm schauend, von mir. «Du sagtest, dass man das Spiel mit mehreren Personen gleichzeitig spielen kann. Wollen wir vielleicht ein neues Spiel starten, in dem wir zusammen gegen den Computer spielen?»

«Aber sicher.» erwidert Johannes. «Warte. Ich speichere nur schnell einmal ab.»

Während Johannes sein eigenes Spiel absichert und anschließend ein neues Spiel startet, sagt er: «Sebastian hat vorhin angerufen.»

«Ach, ja.» erwidere ich, immer noch auf den Bildschirm schauend. «Und was wollte er?»

«Er fragte, ob ich nicht Lust hätte, Fußball zu spielen?» antwortet Johannes.

«Und was hast du ihm geantwortet?»

«Nun. Ich teilte ihm mit, dass ich keine Lust hätte, Fußball zu spielen. Außerdem sei das Wetter nicht so gut, sagte ich weiter, um ihn abzuwimmeln.» antwortet Johannes. Dreht sich im nächsten Augenblick um und fügt mit einem spöttischen Lächeln hinzu: «Fußball spielen! Wer hat schon Lust raus zu gehen? Außerdem spielen nur noch die Asozialen draußen! So. Das Spiel ist geladen. Du bist dran.» sagt Johannes und schiebt mir die Maus zu, «Such dir dein Königreich aus, mit dem du spielen möchtest. Ich geh uns noch eine Packung Chips holen.»

«Ja, ist gut.» antworte ich und widme mich dem Spiel.

Acht Spielrunden später sind Johannes und ich voll in das Spiel vertieft. Neben dem strategischen Geschick, sind Planung und Logistik die entscheidenden Faktoren, um seinen Gegner zur Strecke zu bringen. Das Einzige, was an dem Spiel stört, ist Johannes. Die Durchführung eines jeden einzelnen Zugs von Johannes nimmt unheimlich viel Zeit in Anspruch. Jedes Mal, wenn dieser am Zug ist, verspüre ich eine gewisse Gereiztheit in mir aufsteigen. Wenn ich bloß das Spiel hätte, dann könnte ich noch gezielter, noch schneller meinen Sieg erringen. «Wo hat dein Vater das Spiel gekauft?» frage ich schließlich genervt Johannes, während dieser sich zum x-ten Mal ein und dieselbe Burg anschaut.

«Das Spiel gibt es im Supermarkt, hier bei uns um die Ecke. Sogar im Angebot. Mein Vater erwähnte etwas von 10 Mark, wenn ich mich recht erinnere.»

10 Mark! Das Geld liegt noch bei mir zu Hause. Es steht also nichts im Wege, das Spiel zu kaufen. Moment. Meine Mutter hat mir doch Geld gegeben, bevor ich das Haus verließ, damit ich Brot kaufen kann. Anstatt das Brot zu kaufen, kann ich gleich zum Supermarkt gehen und das Spiel holen. Und falls jemand zu Hause fragt, wo das Brot ist, dann behaupte ich einfach, dass es ausverkauft war.

Dann kann ich endlich in Ruhe, ohne das Johannes dazwischen funkt, entspannt spielen. Jetzt muss ich aber hier erst einmal wegkommen.

«Du bist am Zug.» sagt Johannes und reißt mich aus meinen Gedanken.

«Oh ja.» sage ich und nehme die Maus entgegen, um meinen Zug auszuführen. «Weißt du, wie spät es ist?»

«Zehn nach fünf.»

«Was. So spät schon? Oh nein.» sage ich in gespieltem Ton. «Ich muss leider gleich nach Hause. Die Deutsch-Hausaufgaben, wenn du verstehst, was ich meine.» antworte ich auf einer bedauernden Art und Weise.

«Aber die müssen wir erst Donnerstag vorzeigen!» erwidert Johannes verdutzt.

Wir haben Hausaufgaben auf? So ein Mist! «Jaaaa.» erwidere ich, verzweifelt nach einer Ausrede in meinem Kopf suchend. «Da hast du Recht. Aber mein Vater will, dass ich ihn morgen zum Einkaufen begleite.» erwidere ich und ärgere mich im selben Moment über die schlechte Ausrede.

«Wobei sollst du ihm da behilflich sein?» fragt Johannes verwundert.

«Ehrlich. Ich weiß es selber nicht. Aber weißt du was, ich hab irgendwann einfach aufgehört, bei meinem Vater nach dem Sinn für seine Pläne zu fragen! Das erspart viel Zeit und lästige Diskussionen. So!» gebe ich bestimmt von mir und erhebe mich vom Stuhl. «Jetzt muss ich aber los.»

«Ah, bevor ich es vergesse.» sagt Johannes, an der Haustür angekommen. «Ich habe heute in einer Zeitschrift für Computerspiele gelesen, dass nächsten Monat zwei richtig gute Spiele auf den Markt kommen sollen. „Die 6 Armada“ ein Flugsimulationsspiel und „Die dunklen Tore von Hall“ ein Rollenspiel. Beide erhielten eine ausgezeichnete Rezession in den Vorabtests.»

«Wirklich. Das ist ja super. Kannst du die Zeitschrift morgen zur Schule mitbringen, dann kann ich mir im Unterricht die Artikel zu den Spielen durchlesen.»

«Ich kann dir die Zeitschrift auch jetzt mitgeben, wenn du willst?»

«Nee Du. Lass mal. Heute schaffe ich es sowieso nicht mehr, mir die Zeitung anzuschauen. Bring sie einfach morgen mit.»

«Wie du willst.» erwidert Johannes und fügt nach einem Moment hinzu. «Das Spiel, das wir grade gespielt haben. Ich werde es abspeichern, so dass wir es ein anderes Mal zu Ende spielen können.»

«Mach das.» sage ich wohlwissend, dass ich mich hüten werde, dieses Spiel mit Johannes noch einmal zu spielen.

Im Supermarkt um die Ecke stehen verschiedene Computerspiele zum Verkauf, darunter „Der Strategische Krieg“ für den Preis von 10 Mark. Genauso wie Johannes sagte.

Vor der Haustür zu der Wohnung meiner Eltern verstecke ich das Spiel unter dem Pullover und öffne erst dann die Haustür. Kaum dass die Tür auf ist, da raunt auch schon die Stimme meines Vaters durch die Wohnung, «Sven, komm bitte her!»

Dieser Ton verheißt nichts Gutes. «Ja, ich komme sofort.» erwidere ich höflich.

Doch zuerst haste ich in mein Zimmer und verstecke das Spiel in meinem Kleiderschrank. Anschließend mache ich mich auf in das Wohnzimmer. Dort angekommen, sehe ich neben meinem Vater, meine Mutter sitzen und mich mit ernster Miene beäugen.

«Was ist los mit dir?» richtet mein Vater ohne Wenn und Aber das Wort an mich. «Du hast deine Mutter heute angefahren, als sie dir das Telefon gebracht hat. Was sollte das? Hast du kein Benehmen! Verhalten wir uns jetzt wie irgendwelche Wilden?»

«Ach, Papa. Du kennst doch Mama. Sie schaukelt sich gern in etwas herein. Das Ganze war gar nicht so, wie Mama das darstellt. Zugegeben, ich war grade in dem Moment, als Mama in das Zimmer herein kam, etwas aufgebracht. Aber ich war nicht auf Mama wütend, sondern auf den Computer. Mama hat das fälschlicherweise auf sich bezogen.» antworte ich und hoffe, damit die Sache im Keim zu ersticken, bevor die ganze Sache mehr Zeit in Anspruch nimmt als nötig. Schließlich war der Tag heute stressig genug. Auch ohne meine Eltern.

«Das ich nicht lache!» gibt meine Mutter, unglaubwürdig lächelnd zurück. «Du hast mich Wut entbrannt mit zugekniffenen Augen beäugt und angeschrien. Du hast keine Sekunde lang dabei den Computer angeblickt, sondern nur mich. Und so hast du dich auch am Telefon aufgeführt. Schroff und abweisend. Du hättest dich sehen sollen. So geht das nicht. Was ist in letzter Zeit mit dir los? Du gehst nur noch selten raus, sitzt den ganzen Tag vor dem Computer und spielst deine dummen Spiele bis spät in die Nacht.»

Das sind keine dummen Spiele. Du hast doch keine Ahnung. Wieso urteilen Menschen über etwas, dass sie nicht verstehen. Langsam spüre ich, wie die Wut in mir aufsteigt. Mit letzter Willenskraft schaffe ich es noch, mich zu beherrschen. Eine Konfrontation würde nur zu einem langen sinnlosen Gespräch führen. Und das hätte wiederum zufolge, dass ich noch später zum Spielen kommen würde, als ohnehin schon. Es bleibt also, nur noch eins zu tun. Mundhalten und abwarten.

«Wie stellst du dir das vor? Wie soll es hier weiter gehen mit dir?» bringt sich mein Vater wieder ins Gespräch. «Du selbst merkst es vielleicht nicht, aber du hast dich verändert. Wie deine Mutter bereits sagte, du gehst nur noch selten raus. Schottest dich in deinem Zimmer ab und verbringst den ganzen Tag entweder vor dem Computer oder vor dem Fernseher. Stellst du dir etwa so deine Zukunft vor?» fragt er und starrt mich erneut an. «Apropos Zukunft. Deiner Mutter und mir ist aufgefallen, dass wir schon lange nicht mehr gesehen haben, wie du Hausaufgaben machst. Gibt es an eurer Schule keine Hausaufgaben mehr?»

Nicht das Thema schon wieder. «Das habe ich Mama heute Mittag bereits versucht, zu erklären. Wir haben in der letzten Zeit einfach keine Hausaufgaben aufbekommen. Da kann ich doch nichts für, oder?» erwidere ich, mir eines anderen Sachverhaltes bewusst werdend.

Schließlich bin ich in den letzten ein oder zwei Malen durch nicht gemachte Hausaufgaben in der Schule aufgefallen. Das wiederum war aber einfach nur doof gelaufen. Blöder Zufall. Sonst hatte ich immer meine Hausaufgaben gemacht. Aber das erwähne ich an dieser Stelle lieber nicht und fahre statt dessen fort, die Sache schnell zu Ende zu bringen. «Momentan sind nicht viele Jugendliche draußen unterwegs. Und jene die draußen sind, die öden mich an. Es macht also momentan keinen Sinn für mich hinauszugehen, um draußen zu spielen.»

«Ach, so ist das also. Die Menschen draußen auf der Straße öden dich an.» sagt mein Vater in einem gehässigen Ton und fährt fort. «Wer ödet dich noch so an? Wir vielleicht oder die Schule?»

Als ich in deinem Alter war, höre ich plötzlich eine Stimme in meinem Kopf erklingen, und höre so gleich meinen Vater, wie so oft, dieselbe Geschichte vortragen. «Als ich in deinem Alter war, musste ich Verantwortung tragen, Geld verdienen. Wir hatten es nicht so gut wie du! Genug zu Essen, Kleidung und all die Annehmlichkeiten, die du in deinem Leben hast. Ich habe damals Modelle zusammengebaut, Fahrräder aus alten Fahrrädern zusammengebaut und sie immer wieder geflickt. Das Geld für alles musste ich selbst erarbeiten, z.B. durch Flaschen und Schrott sammeln und verkaufen. Und du? Du bekommst von uns Taschengeld und hast sonst nicht viel im Haushalt zu tun. Aber selbst mit diesen wenigen Aufgaben bist du überfordert.»

«Und Respekt hat er überhaupt keinen mehr. Für niemanden.» fügt meine Mutter eilig hinzu, während mein Vater grade Luft holt.

«Ja.» fügt mein Vater, leicht aus dem Konzept gebracht, hinzu. «Und wie stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor? Ich meine deine richtige Zukunft! Dein letztes Zeugnis spiegelte nicht grade den Klassenprimus wieder! Um auf dem Bau schwer zu arbeiten, braucht man kein Grips. Das habe ich dir schon oft genug gesagt. Willst du denn wirklich körperlich schwer in deinem Leben arbeiten, genauso wie ich?» beendet er sein Monolog, mit der Erwartungshaltung eine Antwort von mir zu bekommen.

Mann! Lass mich doch in Ruhe! Kommt Zeit, kommt Rat. Es wird sich schon was finden. Erst einmal muss das erste Halbjahr der 7ten Klasse zu Ende gehen. Danach sehen wir weiter. Ich habe noch genug Zeit.

Die Antwort im Mund zurechtlegend, grade zu einer Antwort ansetzend, nehme ich wahr, wie mein Vater die Fernbedienung in die Hand nimmt und von neuem anfängt zu sprechen.

«Du musst dich langsam entscheiden. Deine Mutter und ich können nicht ewig Entscheidungen für dich treffen. Mir ist es persönlich egal, ob du nachher schwer arbeitest oder auch nicht. Denn du musst später die Konsequenzen tragen. Aber komm dann nicht bei mir an und beschwere dich über dein Los. Ich habe es dir ja schon oft genug gesagt. Nicht nur heute, sondern auch schon mehrmals zuvor. Wer nicht lernen will, der muss später hart in seinem Leben arbeiten und von anderen herumgeschupst werden.» beendet er seinen Satz, während sein Zeigefinger langsam zu dem Einschaltknopf der Fernbedienung wandert.

Das Ende dieses albernen Gespräches ist also zum Greifen nah. Nur noch wenige Minuten Beherrschung trennen mich von einem entspannten Abend mit „Der Strategische Krieg“.

«So, du wirst dich bei deiner Mutter entschuldigen und dich in Zukunft etwas beherrschen. Ansonsten nehme ich dir deinen Computer weg. Hast du das verstanden!» sagt mein Vater bestimmend und dreht im nächsten Augenblick sein Gesicht zum Fernseher.

Nein. Alles, nur nicht meinen Computer.

«Alles ist für den Menschen da.» höre ich meine Mutter ergänzen. «Man muss nur damit vernünftig umgehen. Also spiel nicht so viel, sondern kümmere dich auch um das Drumherum.»

Der Fernseher geht an.

«Wo ist das Brot?» fragt mein Vater, das Gesicht dem Fernseher zugewandt.

«Es gab kein Brot im Supermarkt.» sage ich abwesend, immer noch von der Angst erfüllt, meinen Computer weggeben zu müssen.

«Dann geh in den Supermarkt und hol Brötchen!» fügt mein Vater hastig hinzu.

«Ja. Kein Problem. Mit dem Fahrrad ist das in null Komma nichts erledigt.» erwidere ich beschwichtigend.

«Und übrigens,» sagt mein Vater, das Gesicht vom Fernseher wegdrehend, «du könntest dein Fahrrad wieder mal putzen. Es sieht wie Sau aus.»

«Ja. Das habe ich mir für morgen vorgenommen.» erwidere ich demütig und gleichzeitig froh, dass dieser Disput ein Ende genommen hat.

In meinem Zimmer angekommen, öffne ich die Schublade, in der ich mein Taschengeld aufbewahre. Doch im Gegensatz zu meiner Erwartungshaltung ist die Schublade leer. «So ein Mist. Wo ist das Geld?» frage ich, in die leere Schublade hineinschauend. Doch im gleichen Moment, in dem ich die Worte sage, fällt mir ein, dass ich das Geld letzten Monat für „Die Helden des Krieges“ ausgegeben habe.

Plötzlich überfällt mich Panik. Die Angst meinen Eltern beichten zu müssen, dass ich sie angelogen habe und das Geld für ein Computerspiel ausgegeben habe, sitzt tief. Hinzu kommt, dass der Moment nach dem eben geführten Disput mehr als ungünstig ist. Doch was nun?

Einfach behaupten, dass ich das Geld verloren habe. Die Idee ist nicht grade die Beste. Sicherlich würde es auch Konsequenzen nach sich ziehen. Aber was bleibt mir schon anderes übrig? Die Wahrheit zu sagen, kommt nicht in Frage. Mein Vater würde mir sofort den Computer wegnehmen. Und das ist inakzeptabel.

Grade als ich mich ins Wohnzimmer aufmache, um meinen Eltern die Geschichte mit dem verlorenen Geld aufzutischen, dringen plötzlich Wortfetzen von meiner Mutter in den sonst stillen Flur. «So geht das nicht weiter mit dem Jungen. Vielleicht solltest du mit ihm noch einmal unter vier Augen reden. Ich verstehe das nicht. Wir machen so viel für ihn und er schätzt das einfach nicht.»

«Du bist viel zu sanft zu ihm.» ertönt die Stimme meines Vaters, «Das habe ich dir schon öfters gesagt. Ein Paar Züchtigungen mit dem Gürtel bringen viel mehr, als dieses leere Gerede. So jetzt ist aber genug. Ich möchte mich noch etwas entspannen. Sei still und genieß den Fernsehabend!»

Nach dem eben Gesagten wird mir bewusst, dass für Fehler heute kein Platz mehr da ist. Ohne recht zu wissen, was ich machen soll, ziehe ich mich in aller Ruhe an und verlasse leise die Wohnung.

Draußen angekommen, nehme ich das Fahrrad aus der Halterung und setze mich drauf. Im selben Moment, in den ich mich auf das Fahrrad setze, bemerke ich, dass das Fahrrad nicht wirklich einen gepflegten Eindruck macht. «Morgen nach der Schule kann ich es wieder mal in Schuss bringen.» Doch dieses Problem gilt es, morgen zu lösen.

Auf dem Weg zum Supermarkt kreisen die Gedanken um das Geschehene. Der Gürtel als Mittel zur Züchtigung. Erinnerungen an längst vergangene Züchtigungen dringen in das Hier und Jetzt. Diese Art von Züchtigung, und das schwöre ich mir, werden keinen Einlass in meine Erziehung haben.

Doch noch mehr beherrscht mich in diesem Augenblick die Furcht, den Computer zu verlieren. «Ansonsten nehme ich dir deinen Computer weg!» raunt die Stimme meines Vaters durch meinen Kopf. Das darf nicht geschehen, um keinen Preis der Welt. Er tut immer das, was er sagt. Er spricht niemals leere Worte aus. Das weiß ich mittlerweile.

Einen Augenblick später stehe ich vor dem Supermarkt. Doch was nun?

Im selben Moment, als ich mir die Frage stelle, taucht auch schon eine Antwort auf.

Du hast es schon mal getan. Du wolltest es eigentlich nicht noch einmal machen. Aber die Situation verlangt es. Außerdem ist der Moment günstig. Es ist bereits dunkel. Nur noch dieses eine Mal und dann nie wieder.

Fest entschlossen mache ich einen großen Bogen um den Supermarkt herum auf die Rückseite, an der das Leergut aufbewahrt wird. Das Fahrrad im Dickicht eines angrenzenden Wäldchens liegend, schleiche ich mich an den Zaun, hinter dem das Leergut steht. Das Tor zum Leergutlager ist verschlossen. Gut. Sie werden also heute hier nicht mehr Leergut packen. Weit und breit ist auch niemand zu sehen. An derselben Stelle wie schon mal, quetsche ich mich in das Leergutlager, nehme eine Kiste mit Plastikflaschen und vollführe dieselben Züge wie einst. Dabei immer achtend, ob jemand kommt. Nachdem alles erledigt ist, zwänge ich mich wieder an derselben Stelle ins Freie hindurch, sammle das Leergut ein und mache mich leise auf den Weg zu meinem abgestellten Fahrrad.

«Kein Wunder, dass die Idioten ständig beklaut werden, wenn sie den Zaun so dämlich aufstellen.» sage ich, bevor ich mich auf mein Fahrrad setze und auf Umwegen wieder zum Supermarkt fahre.

Im selben Supermarkt, aus dem ich das Leergut habe, gebe ich es schließlich ab, kassiere das Geld und erledige die Einkäufe.

Gegen 18 Uhr liegen die Brötchen auf dem Küchentisch. Nach einem hastigen Abendbrot nehme ich Platz vor dem Computer und installiere das neue Spiel. Während der Computer das Spiel startet, warte ich geduldig bis mein Handeln gefragt ist. Bald erscheint auf dem Bildschirm die Aufforderung, den Benutzernamen einzugeben.

«Ist doch klar.» sage ich in die Richtung des Bildschirms. «Es gibt nur einen Namen, der hier in Frage kommt: Kane.»

Seitdem ich angefangen habe, Computerspiele zu spielen, erstelle ich immer den ein und selben Benutzernamen. Niemals ist dieser Sven gewesen. Nein, das ist kein Name, der hier etwas zählt. Hier gibt es nur Kane, der Kämpfer und jetzt: der Stratege.

Nach etwa einer gefühlten Stunde geht die Tür zum Zimmer auf. Eine rasch wachsende Wut wird mit Beherrschung in die Schranken gedrängt, als meine Augen meinen Vater in der Tür erblicken.

«Es ist kurz vor 22 Uhr. Wir gehen jetzt schlafen. Mach dich bitte ebenfalls bettfertig und pack deine Schultasche für morgen.» sagt mein Vater bestimmend.

«Ist gut.» antworte ich, meinen Vater anschauend. Daraufhin dreht sich dieser um und geht. Er lässt aber die Tür offen, um mir bewusst zu machen, dass er mich im Auge behält.

Einen Blick auf den Computerbildschirm verdeutlicht die aussichtslose Lage meines Widersachers.

«Glück gehabt Königreich Morg. Aber deinem Schicksal kannst du nicht entkommen. Morgen hat dein letztes Stündlein geschlagen.» sage ich. Nach dem Sichern des Spielstandes wird der Computer heruntergefahren. Als ich schließlich im Bett liege, sehe ich aus den Augenwinkeln, meinen Vater im Türrahmen stehen.

«Gute Nacht.» sagt dieser und verschwindet in Richtung Schlafzimmer.

Gegen 8:00 Uhr morgens klingelt der Wecker. Nach der vorangegangenen Nacht erzielt der lange Schlaf in dieser Nacht seine erholsame Wirkung.

Der heutige Schultag besteht wieder nur aus zwei Schulstunden. Diese Tatsache allein sorgt für ein angenehmes Wohlbefinden. Nach der üblichen Morgenroutine erwartet mich in der Küche meine Mutter. Aus ihrem Verhalten zu schließen, ist der Zwischenfall von gestern für sie immer noch nicht erledigt. Nach einem kurzen Moment, in dem die Vorteile und Nachteile einer Entschuldigung gegen einander abgewogen werden, überwiegen schließlich die Argumente für eine Entschuldigung. Auch wenn hierfür die Entscheidung nicht auf der Überzeugung, etwas Unrechtes getan zu haben, ruht. Die Vorfreude im Gegenzug später entspannter Computer spielen zu können, überwiegt alles.

Nachdem ich mich schließlich bei meiner Mutter noch einmal für mein Verhalten entschuldige, nehme ich meine Schultasche und mache mich auf den Weg zur Schule. An diesem Morgen ist weit und breit kein Johannes in Sicht.

Vielleicht ist er krank? Vielleicht auch nicht? Der Gedanke an Johannes wird aber schnell von den Gedanken an das Königreich Morg verdrängt. Die Streitkräfte dieses Königreiches waren bereits durch mehrere große Auseinandersetzungen stark dezimiert. Ein geschickter Vorstoß hinter die feindlichen Linien und schon wird der Untergang nur noch eine Formsache sein. Super Idee. Ebenfalls könnte ich eine Armee über den Seeweg genau im Rücken des feindlichen Königreiches landen lassen, um dort die feindlichen Burgen zu übernehmen. Wie auch immer. Ob nun die eine oder die andere Strategie. Eines ist sicher. Das Schicksal des Königreich Morg ist besiegelt.

An der Schule angekommen, bemerke ich, dass draußen vor der Eingangstür zum Klassenzimmer keine Jacken auf den Kleiderhaken hängen. Der Dezember dieses Jahres, im Vergleich zu den vorangegangenen, ist eher Milde ausgefallen. Diese Tatsache erklärt aber nicht den vorgefundenen Sachverhalt. Des Weiteren kommt hinzu, dass das Klassenzimmer abgeschlossen ist.

«Was ist das für ein Mist?» sage ich, allein vor dem Klassenzimmer stehend.

«Auch zu spät?» höre ich, eine Stimme hinter mir sagen.

Ein Blick nach hinten gibt der vertrauten Stimme ein Gesicht.

«Wie ich sehe, bin ich nicht der Einzige, der zu spät ist.» stellt Johannes fest.

«Der Unterricht hätte schon vor zwei Minuten beginnen müssen.» sage ich an Johannes gerichtet, während mein Blick auf die Uhr um mein Handgelenk fällt. «Aber das erklärt nicht die verschlossene Tür.»

«Die Tür ist verschlossen?» wiederholt Johannes unglaubwürdig.

«Ja.» sage ich und frage weiter. «Hast du eine Idee, was hier vor sich gehen könnte?»

«Nee du. Keine Ahnung. Ich bin genauso verwirrt wie du.» erwidert Johannes, ein wenig in Gedanken verloren zu sein. «Ach doch. Ja, natürlich. Jetzt fällt es mir wieder ein. Heute findet eine außerordentliche Hauptversammlung in der Sporthalle statt. Was der Grund dieser Versammlung ist, kann ich dir aber auch nicht sagen!»

«Bist du dir sicher? Ich habe nichts von einer Versammlung mitbekommen.» erwidere ich.

«In der Schule habe ich davon auch nichts mitbekommen. Habe aber vorgestern beim Einkaufen zufällig Franziska getroffen. Wir haben uns kurz unterhalten und dabei erwähnte sie nebenbei die Versammlung. Es muss mir aber wieder entfallen sein. Na ja, bis jetzt! Muss mir wohl beim Computerspielen entfallen sein.» erwidert er mit einem leichten Schulterheber.

Auf dem Weg zu den Sporthallen treffen wir auf Frank.

«Na.» begrüßt Johannes Frank, «Du scheinst wohl die Hauptversammlung auch vergessen zu haben. Was?»

«Hauptversammlung? Was für eine Hauptversammlung?» fragt Frank verdutzt.

«Na die, die grade stattfindet. Frag mich aber nicht, worum es geht!» erwidere ich grinsend.

«Also von einer Hauptversammlung habe ich nichts mitbekommen. Naja. Egal. Aber ich muss euch etwas Wichtiges erzählen. Ich habe gestern einen coolen Zombiefilm gesehen. Der war so der Hammer, dass ich ihn mir sogar zweimal hintereinander reinziehen musste. Ein wirklich cooler Streifen. In dem Film spritzt das Blut nur so vor sich hin. Das haben die Filmemacher schon richtig genial gemacht.» erzählt Frank, von einem Glitzern in den Augen begleitet.

«Du bist einfach nur ein Freak.» sagt Johannes und fügt hastig hinzu. «Ein Zombie Freak!»

«Der Film ist, nehme ich wieder mal an, ab 18 oder?» frage ich.

«Was denkst du denn!» erwidert Frank. «Alles andere ist Kinderkram und kommt mir nicht ins Haus.»

«Und was sagt deine Mutter zu deiner Leidenschaft?» frage ich weiter.

«Was soll sie schon sagen. Die Welt ist schon brutal genug! Da machen hier und da ein paar Blutspritzer nichts mehr aus.» antwortet Frank. «Außerdem achtet sie auch nicht wirklich drauf, was ich im Fernseher oder auf Video schaue. Ich meine, welche Eltern tun das schon? Etwa deine?» fragt Frank seinerseits.

«Meine? Nein. Die sagen zwar, ich soll nicht solange Fernsehen schauen, aber achten, geschweige denn kontrollieren, tun sie mich dabei nicht.» antworte ich. «Aber jetzt wo wir davon reden, fällt mir auf, dass ich wirklich gar keinen kenne, den die Eltern beim Fernsehen kontrollieren. Oder kennst du jemanden?» frage ich Johannes.

«Also, ich kenne niemanden. Und bei mir zu Hause achten meine Eltern auch nicht drauf, was ich bzw. meine Schwestern im Fernseher schaue.» erwidert Johannes. «Ich meine vorher, als ich noch keinen Fernseher in meinem Zimmer hatte, dann haben meine Eltern schon das Programm bestimmt bzw. mich und meine Schwestern schlafen geschickt, wenn es an der Zeit war. Irgendwann aber, als meinen Eltern die ständigen Diskussionen über das Programm überdrüssig wurden, da kauften sie uns unsere eigenen Fernseher, damit wir Ruhe gaben. Seitdem heißt es vielleicht, schau nicht so lange fern. Mehr aber auch nicht.»

«Es wäre auch noch schöner, wenn uns unserer Eltern kontrollieren würden.» gibt Frank von sich und fügt hastig hinzu. «Wartet! Wir sind aber auch blind! Natürlich kennen wir jemanden. Sebastian. Seine verklemmten Eltern erlauben ihm erst ab einer bestimmten Zeit Fernsehen zu schauen. Außerdem, schauen darf er nur das, was sie grade für richtig erachten.»

«Also denen haben wir es zu verdanken, dass Sebastian hinter dem Mond lebt und uns ständig mit seinen Anrufen belästigt, von wegen wir sollten draußen spielen. Na vielen Dank!» sagt Johannes und verdreht spielerisch die Augen, woraufhin alle plötzlich anfangen, zu lachen.

Am Eingang zur Sporthalle steht eine Lehrerin und empfängt die Nachzügler mit einem grimmigen Gesichtsausdruck.

«Ihr seid zu spät.» begrüßt uns die Lehrerin. «Die Versammlung hat bereits angefangen. Ihr müsst euch ein wenig besser organisieren. Ihr seid nun auf dem besten Weg, erwachsen zu werden.»

Dein Gerede interessiert doch keinen, schießt es mir durch den Kopf. Spar dir doch deine Worte. Aber so denken wohl auch Frank und Johannes, denn ein paar Meter weiter, immer noch in Hörweite der Lehrerin, sagt plötzlich Frank. «Habt ihr eine Ahnung, was die eigentlich von uns wollte?»

«Nee, du? Keine Ahnung.» antwortet Johannes, «Aber sie schien sehr zufrieden, überhaupt mit jemanden reden zu können. Einfach nicht beachten, nett grinsen und weiter gehen!»

Nach diesen Worten beginnen wir von neuem an zu lachen und führen unseren Weg zum Eingang der Sporthalle fort.

Um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich durch unser verspätetes Erscheinen auszulösen, benutzen wir den hinteren Eingang zur Sporthalle. Anschließend schleichen wir uns zu unseren Klassenkammeranden und nehmen möglichst unbemerkt Platz auf dem Boden.

«Hast du die Computerzeitschrift mit?» flüstere ich Johannes zu.

«Ja, warte.» antwortet Johannes. Holt die Zeitschrift aus seinem Rucksack heraus und reicht sie mir herüber.

«Du solltest lieber zuhören, anstatt dich wieder mit etwas anderem zu beschäftigen!» meldet sich Franziska zu Wort und schaut mich an.

«Hast du nichts Besseres zu tun? Kümmere dich um deinen eigenen Kram.» erwidere ich gereizt. Man was will die schon wieder. Die hat es wohl in der letzten Zeit auf mich abgesehen.

Unverhofft schaltet sich Frank in das Geschehen ein. «Halt bloß dein Mund und steck deine Nase nicht in Dinge, die dich nichts angehen!»

Die von Franziska verursachte Unterhaltung bleibt zu meiner Verärgerung nicht ungehört, denn plötzlich meldet sich meine Klassenlehrerin zu Wort. «Ruhe! Erst kommt ihr zu spät und dann besitzt ihr noch die Frechheit, diese Versammlung zu stören. Dafür gibt es einen Klassenbucheintrag. Und wenn ich nur noch ein Wort von euch höre, dann werde ich mich mit euren Eltern in Verbindung setzen. Habt ihr das verstanden?» fragt sie mit verärgertem Gesichtsausdruck.

«Ja, ja. Dein Eintrag ins Klassenbuch interessiert doch sowieso keinen. Und die Eltern rufst du doch sowieso nicht an. Also spiel dich doch hier nicht so auf.» fügt Johannes flüsternd hinzu, nachdem unsere Klassenlehrerin ihren Blick von uns abgewendet hat.

Einen Augenblick später kehrt wieder Ruhe ein und alle Köpfe wenden sich den Sprechern der Hauptversammlung zu.

«Hey. Aufstehen! Die Versammlung ist zu Ende.» sagt Johannes und steht auf. «Hast du dir die Artikel durchgelesen?»

Die Zeitschrift in der Hand haltend, erhebe ich mich vom Boden. «„Die 6 Armada“ und „Die Tore von Hall“. Ich kann nur sagen, ich bin wirklich begeistert. Und wenn man die Vorschau liest, dann kann man nur von Glück sagen, dass wir in so einer coolen Zeit wie dieser leben.» gebe ich begeistert von mir.

«Ja. Wir haben echt Glück.» sagt Johannes mit einem Lächeln auf den Lippen. «Ich wünschte aber, andere hätten auch das Glück!»

«Was meinst du?» hakt Frank nach.

«Gestern hat schon wieder Sebastian bei mir angerufen und wollte mit mir Fußball spielen. Der Typ nervt in der letzten Zeit aber wirklich. Ich wünschte, seine Eltern würden endlich ihren Kopf aus ihren Allerwertesten nehmen und ihm einen Computer zu Weinachten schenken. Aber dafür sind sie zu verklemmt.» antwortet Johannes lächelnd.

Nicht weiter über das eben Gesagte nachdenkend, folge ich, in Gedanken versunken, Frank und Johannes in die Klasse. Während dessen schwirren die in der Zeitung abgebildeten Szenen aus den Spielen durch meinen Kopf und entwickeln ihr Eigenleben.

In „Die Helden des Krieges“ bin ich ein Elitekämpfer. In „Der Strategische krieg“ ein genialer Stratege. Und in „Die 6 Armada“ werde ich bald ein Kampfpilot in der galaktischen Armada sein. Danach werde ich in der Welt von Hall in die Rolle eines Abenteurers schlüpfen, zu dem dann alle aufsehen werden.

Super! Dort kann ich alles sein. Dort kann ich jede Rolle übernehmen.

Zu Hause steht das Essen bereits fertig auf dem Tisch. Schnitzel mit Kartoffeln.

«Ist es in Ordnung, wenn ich am Computer mein Mittagessen zu mir nehme?» frage ich meine Mutter voller Vorfreude auf die kommende Entscheidungsschlacht.

«Nein mein Kind, das geht nicht. Beim Essen hat sich die Familie am Tisch zu versammeln.»

antwortet meine Mutter.

Nicht wirklich von der Antwort meiner Mutter überrascht, verschlinge ich daraufhin mein Mittagessen.

Der anschließende Sieg über das Königreich Morg ist nur noch Formsache. Die am Abend zuvor ausgeklügelten Strategien erfüllen ihren Zweck und zwingen den Gegner schnell in die Knie. Kurz vor Schluss geschieht aber etwas Unvorhersehbares. In dem Kampf um die letzte Zufluchtsstätte des feindlichen Königreichs fällt der Held meiner Armee.

«Nein.» schreie ich vor Wut. «Das kann doch nicht wahr sein. Ich bin zwei zu eins in der Überzahl. Die Armee unter dem Kommando meines Helden hätte nicht verlieren dürfen. So ein Mist.»

Im gleichen Augenblick donnert meine Faust auf den Computertisch.

«Du alter Betrüger!» schreie ich den Computer an. «Du musst schon bescheißen, wenn du nicht weiter weißt. Du kannst wohl nicht anders. Oder? Anscheinend weißt du, dass ich besser bin als du!»

«Was ist hier los?» fragt mein Vater, der plötzlich wie aus dem Nichts an der Tür steht.

«Nichts.» erwidere ich mit zusammen gepressten Zähnen, während ich angestrengt versuche, die Beherrschung wieder zu erlangen.

«Wie lange spielst du schon?» fragt mein Vater, immer noch in der Tür stehend.

Mensch, was willst du denn. Hast du nichts Besseres zu tun? Geh jemanden anderen nerven!

«Nicht lange.» erwidere ich statt dessen, immer noch um Beherrschung ringend. «Vielleicht ein zwei Stunden. Habe erst eben grade angefangen. Wieso fragst du?»

«Weil es schon kurz vor 18:00 Uhr ist.» antwortet dieser.

«Bitte, was?» sage ich unglaubwürdig, während meine Wut plötzlich verschwindet.

Es war doch grade erst 13 Uhr. Wie kann die Zeit so schnell vorbei gehen. Das…

«Deine Mutter hat mir schon öfters erzählt, dass du in deinem Zimmer anfängst zu brüllen. Manchmal sagt sie auch, dass sie Geräusche vernimmt, die sich anhören, als ob etwas gegen die Tür oder Tisch knallen würde.» fährt mein Vater fort und reißt mich aus meinen Gedanken, «Zuerst dachte ich, dass deine Mutter übertreibt, aber da ich nun jetzt selber sehe, wie du dich verhältst, muss ich feststellen, dass alles, was deine Mutter mir gesagt hat, der Wahrheit entspricht.»

Schön für dich!

«Das letzte Mal hat Mama ein Ausschnitt aus einem Kampffilm mitbekommen, den ich etwas zu laut aufgedreht habe.»

«Und wie erklärst du den Knall von vorhin?» lässt mein Vater nicht locker.

«Ach…» antworte ich und überlege hastig. Der Fernseher ist aus. Ihm kann ich also die Schuld nicht in die Schuhe schieben. Es bleibt also nur noch die Flucht nach vorne. «Heute habe ich mich über den Computer geärgert. Über die Unfairness, den Betrug, dem ich zum Opfer gefallen bin. Der Computer hat beschlossen, durch Mogeln mir den Sieg zu verbittern. Hierbei sind wohl die Pferde mit mir etwas durchgegangen. Sorry.» sage ich und hoffe, dass er sich mit der Erklärung abspeisen lässt und endlich wieder verschwindet.

«Es ist immer der Kopf, der Schuld ist und nicht der, der die Instruktionen ausführt.» sagt mein Vater und fügt nach einer kurzen Pause hinzu. «Vielleicht lernst du dich zu benehmen, wenn du heute Abend nicht mehr spielen kannst. Ich möchte, dass du den Computer herunterfährst und zum Abendessen kommst. Außerdem möchte ich, dass der Computer für den restlichen Abend aus bleibt!»

«Du dämlicher Computer. Wegen deinem Bescheißen bekomme ich nun Ärger.» schimpfe ich zwischen zusammengepressten Zähnen, so dass mein Vater mich nicht hören kann.

«Das nächste Mal kannst du den Computer selbst herunterfahren.» verhöhne ich meinen Vater auf dem Weg zur Küche, «Aber du hast ja keine Ahnung von Computern. Du hast ja mit Stöcken und Steinen gespielt, wie die Wilden von denen du so gerne sprichst.»

«Ach übrigens,» wendet sich mein Vater wieder an mich, «wir haben dir den Computer gekauft, damit du auch was lernst und nicht, damit du damit nur spielst. Du erinnerst dich doch noch daran, oder? Und übrigens wolltest du nicht heute dein Fahrrad putzen?»

«Nun ich mach doch viel mit dem Computer für die Schule. Letztens habe ich ein Bild aus dem digitalen Lexikon für mein Referat ausgedruckt. Und was das Fahrradputzen angeht, so habe ich mich mit Johannes aufs Wochenende verabredet. Hat uns so besser gepasst.» antworte ich.

Damit ist die Sache vorerst vom Tisch und das Abendessen verläuft wie üblich. Meine Mutter bemüht sich ein Gespräch aufzubauen, während mein Vater nur knapp bzw. gar nicht auf das Erzählte eingeht. Das hält meine Mutter aber nicht davon ab, den üblich Klatsch und Tratsch, den sie von den Nachbarn aufschnappt hat, wie jeden Abend bis zum Schluss zu erzählen.

«Was läuft heute Abend im Fernseher.» höre ich endlich meinen Vater, einen vollständigen Satz sagen, der meine Mutter mitten im Sprechen unterbricht.

Trotz dieser ruppigen Art und Weise, die mein Vater an den Tag legt, lässt sich meine Mutter nicht aus der Ruhe bringen. Anscheinend ist sie so glücklich, dass überhaupt jemand ein Wort an sie richtet, dass sie sofort auf das Gefragte eingeht, ohne auf das, wo sie gerade unterbrochen wurde, noch einmal einzugehen.

«Hm.» gibt mein Vater von sich, als eine Art Bestätigung auf die Aufzählung des Abendprogramms seitens meiner Mutter und fährt fort. «Seitdem die Privatsender über Antenne zu empfangen sind, laufen wenigstens jeden Abend gute Filme. Schön. So! Jetzt bin ich fertig und kann mich entspannt auf der Couch zur Ruhe setzen.» beendet er offiziell das Abendessen, steht vom Tisch auf, geht zum Kühlschrank, nimmt ein kühles Bier heraus, geht zum Sofa herüber und macht den Fernseher an.

Nach dem Abendessen gehe ich in mein Zimmer, setze mich auf mein Bett und lasse meinen Blick durch das Zimmer wandern, bis schließlich dieser auf den Legos hängen bleibt.

«Ach wie lange habe ich mit denen nicht mehr gespielt? Und leicht verstaubt seid ihr auch schon.» sage ich an die Legos gewandt.

Welch eine Freude hat mich damals ergriffen, als ich zu Weihnachten mein großes Lego-Raumschiff erhalten habe. Sechs Monate lang, Monat für Monat, habe ich mein Taschengeld zur Seite gelegt, während alle anderen nach Belieben über ihr Taschengeld verfügten. Oft musste ich mir die Fragen gefallen lassen, wieso ich mir den nichts gönne. Selbst bei so Kleinigkeiten wie einer Dose Limonade. Aber am Ende waren all diese Entbehrungen nicht mehr von Bedeutung. Mit meinem Ersparten und dem Teil, den meine Eltern zugelegt haben, wurde mein Wunsch verwirklicht. Unzählige Stunden verbrachte ich mit dem Lego. Neue Raumschiffe und Raumstationen wurden nach Belieben zusammengesetzt und wieder auseinander genommen. Oft kam auch Sebastian vorbei und wir spielten Szenarien durch, die unserer Fantasie entsprungen waren.

Es ist aber schon lange her, seitdem ich das letzte Mal mit ihm gespielt habe. Genauer gesagt ein Jahr. Kurz bevor ich meinen Computer bekommen habe. Schade, denn im Endeffekt hatte ich eine wirklich gute Zeit mit dem Lego und Sebastian. Vielleicht sollte ich mal wieder Sebastian fragen, ob er nicht Zeit und Lust hätte, eine Runde Lego zu spielen.

Grade als ich noch in Gedanken versunken bin, erblicke ich eine Ecke eines Kartons unter dem Bett. Von der Neugier gepackt, ziehe ich den Karton unter dem Bett hervor. Zum Vorschein kommt das Gesellschaftsspiel „Die Helden von Umbar“.

Was für ein Spiel. Johannes, Frank, Sebastian und ich. Zusammen erlebten wir heldenhafte Kämpfe an unserem Esstisch. Aber auch das ist schon etwas länger her. Das Titelbild des Verpackungskartons stellt einen mächtigen Kämpfer dar, bewaffnet mit einem großen Breitschwert. Im Hintergrund stehen kampfbereit mehrere Orks, Zombies und andere Monster, die es zu besiegen gilt. Das Spiel hat schon seine Jahre und auch das Titelbild scheint seine ursprüngliche Farbstärke verloren zu haben. Beim Drüber wischen mit der Handfläche stelle ich jedoch zu meiner Freude fest, dass das Titelbild nicht verblasst ist. Es war bloß getrübt von dem Staub, der sich mit der Zeit draufgelegt hat.

Die eben gewonnene Erkenntnis löst ein zufriedenes Gefühl in mir aus. Auch für dieses Spiel musste ich mehrere Monate sparen. Aber auch hier überwiegte am Ende die Freude über die Entbehrungen im Vorfeld.

«Telefon für dich.» sagt meine Mutter, die wie aus dem Nichts in der Tür erscheint und mich aus meiner Erinnerung reißt.

«Danke.» erwidere ich und nehme das Telefon entgegen. «Sven Lassen am Apparat.»

«Hey Sven, hier ist Sebastian. Na alles klar bei dir? » fragt dieser.

«Hey Sebastian. Ja. Danke der Nachfrage. Ich muss zugeben, dass ich grade an dich gedacht habe. Ich habe nämlich vor ein paar Minuten das Spiel „Die Helden von Umber“ zufällig unter meinem Bett entdeckt und da musste ich an unsere Spielabende denken. Als Johannes, Frank, du und ich uns gemeinsam heldenhaft in den Kampf gestürzt haben. Kannst du dich noch daran erinnern?»

«Aber ja, natürlich.» antwortet Sebastian. «Das waren wirklich schöne Zeiten. Ich habe dich und die anderen beiden mehrmals in der Schule angesprochen, ob ihr nicht wieder Lust hättet, das Spiel zu spielen. Ihr habt mir zwar zu verstehen gegeben, dass ihr ebenfalls Interesse hättet und gerne mal wieder euch auf ein Kampf einlassen würdet, aber danach geschah einfach nichts mehr. Irgendwann hatte ich aber dann keine Lust mehr, euch zu fragen und ließ dann schließlich die Sache auf sich beruhen.»

«Hast du uns wirklich gefragt?» frage ich Sebastian, mich selbst dieses Sachverhaltes nicht mehr bewusst werdend.

«Mehrmals. Ist jetzt aber auch egal.» wiegelt Sebastian ab und fährt fort. «Du, weswegen ich aber anrufe. Heute Abend läuft eine Sportsendung auf dem Privatsender MTL. Könntest du sie mir aufnehmen und morgen zur Schule mitbringen? »

«Aber ja. Kein Problem. Wann fängt sie an?» frage ich.

«Viertel nach acht.» gibt mir Sebastian zu verstehen.

«Ist kein Problem. Mach ich. Aber erzähl doch mal, wie geht es dir? »

«Soweit so gut. Ich war heut mit Tim und Hauke Basketball spielen, unten auf dem Schulsportplatz. In den Pausen zwischen den Spielen kamen wir etwas ins Gespräch und da haben Tim und Hauke sich nach dir erkundigt. Beide fanden es schade, dass du in der letzten Zeit nicht mehr draußen anzutreffen bist. Ansonsten wollten sie wissen, wie es dir sonst so geht.»

«Oh, das ist ja nett. Ich muss zugeben, ich habe die beiden auch schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.»

«Ich habe mich mit ihnen am Samstag auf dem Basketballplatz verabredet. Wenn du Lust hast, kannst du uns gern begleiten.» schlägt Sebastian vor.

«Das ist eine gute Idee.» sage ich. «Samstag passt mir auch sehr gut. Halten wir uns diesen dann frei. So. Jetzt muss ich aber den Videorekorder vorbereiten, damit ich die Sendung aufnehmen kann. Also genieß den Abend und wir sehen uns morgen in der Schule.»

Nachdem sich Sebastian verabschiedet hat, gehe ich herüber ins Wohnzimmer zu dem Videorekorder, um diesen zu programmieren. Im Wohnzimmer sitzen meine Eltern nebeneinander auf dem Sofa und schauen sich das Abendprogramm im Fernseher an. Nachdem die nötigen Einstellungen für die Aufnahme getroffen sind, entscheide ich mich noch aus dem Schrank im Wohnzimmer etwas Süßes für den späteren Abend mitzunehmen.

«Du könntest auch einen Apfel oder eine Birne essen. Da sind wertvolle Vitamine drin.» bemerkt meine Mutter, während ich eine Tafel Schokolade aus dem Schrank nehme.

«Ich bin doch kein Kaninchen.» erwidere ich und frage im Gegenzug. «Außerdem. Seit wann interessieren dich Vitamine?»

«Ich sorge mich halt um dich und mir ist es wichtig, dass du dich gesund ernährst. » antwortet sie.

«Wenn du so an einer gesunden Ernährung interessiert bist, dann mach doch nicht jeden Tag Fleisch zum Essen und koch nicht immer alles auf Schmalz! Wir haben erst kürzlich in der Schule die Folgen der industriellen Fleischerzeugung behandelt und haben dabei gelernt, dass diese erhebliche Folgen für die Umwelt und unsere Gesundheit haben. Wenn dir also so unsere Gesundheit am Herzen liegt, solltest du vielleicht öfters vegetarisch kochen.»

«Oh. Professor Neunmalklug hat sich wieder gemeldet.» höre ich meinen Vater spotten. «Du wirst noch froh sein, so eine Frau wie deine Mutter zu Hause zu haben, die dir noch vernünftig kocht und nicht diesen Fastfood Mist vor die Nase setzt. Außerdem ist Fleisch gut. Jeder der hart arbeitet, muss viel davon essen. Und seit wann hast du so ein Umweltbewusstsein. Fängst du jetzt an wie die Kornfresser. Das sind doch alles Querulanten! Hast du schon gesehen, wie teuer der Sprit geworden ist wegen dieser Sorte von Menschen? Bald kann sich doch kein einfacher Bürger mehr leisten, mit dem Auto zu fahren.»

«Ist doch für unsere Umwelt.» sage ich und wundere mich über meine Worte. Denn eigentlich habe ich keine wirkliche Meinung zu diesem Thema.

«Ich habe einen Katalysator in meinem Auto. Sollen erst die, die keinen haben, dazu verdonnert werden, sich einen einzubauen.» antwortet dieser mit einer merklich erhöhten Stimme.

«Nun reg dich doch nicht auf. Wir reden doch nur.» versucht meine Mutter, die Situation zu beschwichtigen.

«Ach.» bricht es aus meinem Vater heraus. «So ein dummes Gerede kann ich einfach nicht mehr hören. Immer hat er etwas zu meckern. Er sollte froh sein, dass er überhaupt was zu Essen hat. Und was lernt ihr eigentlich heutzutage in der Schule. Habt ihr noch solche Fächer wie Mathematik, Deutsch und Physik? Das sind Fächer, mit denen ihr euch auseinander setzen solltet und nicht irgendetwas über Tierhaltung. 40 Jahre war alles gut und nun soll alles plötzlich schlecht sein? Das verstehe ich nicht. In welchem Fach lernt ihr nur so einen Mist? Was ist das für ein Lehrer? Bestimmt so ein Kornfresser! Oder? Die sollte man alle einsperren mit dem Rest der Verrückten auf dieser Welt!»

«Ach Bernd. Nun rede doch nicht so einen Unsinn.» sagt meine Mutter, womit sie die volle Aufmerksamkeit meines Vaters auf sich zieht.

Die Gunst der Stunde nutzend, nehme ich meine Schokolade in die Hand und verschwinde in meinem Zimmer. In meiner kleinen Welt ankommend, setze ich mich gemütlich auf das Sofa und nehme einen herzhaften Bissen von der Schokolade, während ich mit der rechten Hand den Fernseher anschalte. Die öffentlichen Kanäle wie immer ignorierend, schalte ich auf die privaten Sender um.