Ablage Mord - Simon Wasner - E-Book

Ablage Mord E-Book

Simon Wasner

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Beschreibung

Mord ist auch nur eine Frage der Übung! Eine schwarzhumorige, absurde Krimi-Komödie für Fans von Karsten Dusse, Ralf Husmann und Tommy Jaud »Er geht um das Auto herum und kommt mit zwei Schaufeln wieder. Oh Mann! Ich hatte gehofft, das sei nur ein Filmklischee, aber anscheinend lassen Mafiosi einen wirklich sein eigenes Grab schaufeln, was, wenn man meine Einstellung zu körperlicher Arbeit kennt, schon irgendwie ganz schön fies ist.« Damit seine Eltern ihn nicht enterben und rausschmeißen, braucht der antriebslose Mittdreißiger Theo dringend einen neuen Job. Dave, sein Kumpel aus Kindertagen, besorgt ihm eine Arbeitsstelle im Call-Center. Was genau er dort tut, weiß Theo zwar nicht so richtig, aber das stört den notorischen Faulpelz wenig. Auch nicht, als sich herausstellt, dass er direkt für das lokale Organisierte Verbrechen arbeitet. Denn wer fürchten muss, dass ihm WLAN und Mamas Mittagessen gestrichen werden, der schreckt auch vor Mord und Totschlag nicht zurück! »Wer die Mischung aus Lokalkolorit, Spannung und Humor schätzt, wird sicherlich seine Freude an Ablage Mord haben!« ((karlsruhepuls.de)) »Einfach ein sehr gelungenes Buch, ich hatte meinen Spaß damit. Würde es auch immer wieder empfehlen.« ((Leserstimme von Netgalley)) »In einem Wohnwagen im elterlichen Garten hat Theo ein wirklich schönes Leben. Nun stellen seine Eltern ihm ein Ultimatum, Arbeit oder man enterbt ihn. Zähneknirschend landet er in einem Callcenter, aber ausgerechnet bei dem organisierten Verbrechen. Wer schräge, skurrile Krimis mag, ist hier richtig.« ((Leserstimme von Netgalley)) »So abstrus dies [die Handlung] klingt, so humorvoll ist der Roman. Ein bisschen wie die ›Achtsam Morden‹-Reihe von Karsten Dusse. Mit derart liebevoller Ironie beschreibt Wasner seinen Helden, dass ein Freund schon fragte, ob er das selber ist. ›Wer weiß: Vielleicht ein heimlicher Teil von mir‹, sagt Wasner ›obwohl ich eigentlich fleißig bin.‹ « ((Badische Neueste Nachrichten)) »Morden mit liebevoller Ironie« ((BNN Karlsruhe)

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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© Piper Verlag GmbH, München 2023

Redaktion: Birgit Förster

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Alexa Kim »A&K Buchcover«

Covermotiv: depositphotos.com (zhat007; YAY_Images; vankad; Leonardi)

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

1 – Kopflos dank Kettensäge

2 – Kaffeekränzchen für Anfänger

3 – Dinner für Spinner

4 – Regenbogen für den Frieden

5 – Arbeitslos und Spaß dabei

6 – Zwergendämmerung

7 – Das Testament

8 – Drei Männer, ihre Frühlingsrollen und ein Plan

9 – Der gefährliche Dan

10 – Frühes Frühstück mit Mama

11 – Das merkwürdigste Vorstellungsgespräch der Welt

12 – Mein erster Arbeitstag seit zweiundzwanzig Jahren

13 – Ein Meeting auf den Malediven

14 –Wir-bringen-dich-um-die-Ecke.de

15 – Der Herr der Donutringe

16 – Wir bringen sie um die Ecke – wörtlich zu verstehen

17 – Abfallentsorgung für Fortgeschrittene

18 – Die Befragung

19 – Die Übernachtungsparty

20 – Kompetenzgerangel de luxe

21 – Time to say Goodbye, Schrottpressen-Edition

22 – Auf zwanzig Zigaretten mit Kippi

23 – Beam mich hoch, Schrotti!

24 – Die Gemeinschaft des einen Rings(in zehnfacher Ausfertigung)

25 – Grilled Cheese Sandwiches

26 – Jedem Tierchen sein Pläsierchen

27 – Gut gewürzt ist halb gekocht

28 – Spiel, Satz und Niederlage

29 – Auf einen Schuss Anabolika mit Ali

30 – Ohne Fleiß kein Preis

31 – Tatortreinigung für Anfänger und Kampfzwerge

32 – Französisch für Anfänger

33 – Letzte Ausfahrt: Paris

34 – Fragen und Antworten

35 – Back to the Tankstelle

36 – Verbrechen lohnt sich doch

37 – Party mit den Jungs

38 – Chop Suey

39 – The Day After

40 – Mexican Stand-Off

41 – Alles ist noch mal so gut, wenn man es mit Freude tut

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Für meinen kleinen Sohn, der immer an seine Träume glauben soll.

1Kopflos dank Kettensäge

»Alles geht noch mal so gut, wenn man es mit Freude tut!«

Großtante Marlies

Christoph, das muss man neidlos anerkennen, sieht selbst in seinem derzeitigen Zustand noch enorm gut aus. Diese strahlenden Zähne, das selbstbewusste Lächeln, die wachen Augen, die kleinen Grübchen um seine Wangen, die grau melierten Surferlocken. Gäbe es Modelwettbewerbe für abgetrennte Köpfe, er würde mühelos unter die Top 3 kommen, ach was, er würde ihn gewinnen. Fast tut es mir ja ein bisschen leid, dass wir gerade dabei sind, ihn in seine Einzelteile zu zerlegen und für immer verschwinden zu lassen. Aber auch nur fast, denn für das, was er getan hat, darf man schon mal amtlich zersägt werden. Entgegen meiner sonst eher phlegmatischen Natur gehe ich heute einmal mit gutem Beispiel voran und schwinge Kettensäge und Axt selbst. Nachdem ich seinen Kopf abgetrennt und zur weiteren Verwertung an Herzinfarkt-Ali weitergegeben habe, mache ich mich jetzt an seinem Körper zu schaffen, nicht ohne zu bemerken, dass ich anerkennende Blicke von meiner Crew kassiere. Michel murmelt sogar, man würde an meiner Schnitttechnik sofort sehen, dass da ein Profi am Werk sei. Das macht mich dann doch ein bisschen stolz, denn mein übersichtliches Wissen über das filigrane Filetieren von Verblichenen habe ich im Wesentlichen aus YouTube-Videos, in denen arbeitslose Osteopathen anhand von Playmobilfiguren zeigen, wie man seinen Bürostuhlrücken in den Griff bekommt. Aber vielleicht stimmt es ja, was Kippi mir schon vor Wochen prophezeit hatte: Vielleicht bin ich einfach ein Naturtalent im Quälen, Ermorden und Zerstückeln von Menschen. Und es macht ja auch Spaß. Alles geht noch mal so gut, wenn man es mit Freude tut, pflegte meine Großtante Marlies bei jeder Gelegenheit zu sagen, und recht hat sie! Denn wenn ich Christoph nicht umgebracht hätte, dann wäre ich heute nicht von Mama Wu zum Technischen Vorstand der Columbus Solutions GmbH ernannt worden. Und dann hätten mir meine Eltern mit ziemlicher Sicherheit das WLAN abgedreht, sodass ich nicht mehr hätte zocken können. Und das, da würde mir sicherlich auch Christophs körperloser Kopf zustimmen, ginge dann doch zu weit.

2Kaffeekränzchen für Anfänger

Drei Monate vorher

»Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.«

Großtante Marlies auf die Frage, warum sie dem Dorfpolizisten den Stinkefinger gezeigt hat, nachdem sie mit ihrem Scooter die Geschwindigkeitsbegrenzung der Spielstraße geknackt hatte.

Ich beende meine Trainingsrunde Ultimate Zombiekill – natürlich mit Bestleistung –, schalte die Playstation aus und strecke mich kurz. Sport kann ganz schön auslaugen, und das gilt natürlich auch für E-Sport. Ich stehe auf, natürlich nicht, ohne die letzten Chipskrümel direkt aus der Packung in meinen Mund rieseln zu lassen, klopfe mir notdürftig den Kapuzenpulli und die grau melierte Trainingshose ab und werfe erst einen Blick auf die Uhr und dann in den Spiegel. Für jemanden, der gerade die Marke zwischen dreißig und vierzig geknackt hat, sehe ich noch ganz schön gut aus: Kaum graue Haare in meinem dichten Straßenköterblond, zum Glück auch keine Anzeichen des väterlichen kreisrunden Haarausfalls. Wenig Falten, straffe Haut. Nur meine Augenringe verraten, dass ich die Nacht durchgezockt habe, aber man muss eben auch Prioritäten setzen, wenn man auf diesem Niveau Ultimate Zombiekill spielt. Ich setze mir meine obligatorische Wollmütze auf, auch wenn die an einem Spätsommernachmittag im September natürlich gar nicht mehr nötig wäre, aber das spart völlig überbewertete Dinge wie Haarekämmen oder gar Stylen. Denn meine Zeit ist kostbar, und es gibt nichts, was ich lieber tue, als sie mit süßem Nichtstun zu verbringen! Ich weiß ja wirklich nicht, warum nicht viel mehr Menschen einfach in einem Wohnmobil auf dem Grundstück ihrer bienenfleißigen Eltern leben und noch nie einer regulären Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Ich kann das auf jeden Fall nur empfehlen! Es gibt drei Mahlzeiten am Tag, gratis Internetzugang, und es kostet nichts, was das Hotel Mama ungefähr zum besten Hotel aller Zeiten macht! Noch ein kurzer Blick auf die Uhr, jetzt schnell über den Hof ins Haus, damit ich nicht zu spät komme. Normalerweise würde ich ja um diese Zeit ein ausgedehntes Nachmittagsschläfchen machen, aber das geht leider nicht, weil wir Besuch zu Kaffee und Kuchen erwarten. Wir, das sind mein Vater Ernst, meine Mutter Gudrun und ich, Theo Baumgartner, der, und ich sage das nicht ohne Stolz, faulste Mensch der Welt. Leider können meine Eltern diesem Lebensstil nicht allzu viel abgewinnen, denn die haben den Fehler gemacht, andere Prioritäten in ihrem Leben zu setzen.

Wie jeder hingebungsvolle Hillbilly hat mein Vater schon früh in seinem Leben eine abgöttische Liebe zu Gartenzwergen entwickelt. Und weil er ein enorm tüchtiger Mensch ist, ist es ihm gelungen, sein liebstes Hobby zu seinem Beruf zu machen. Mein Papa Ernst ist, mit geradezu preußischem Fleiß und protestantischem Ehrgeiz ausgestattet, seit über vierzig Jahren der stolze Besitzer der Ettlinger Frechzwerg-Gartenzwerg-Manufaktur und gleichzeitig deren CEO, Chefdesigner und Human-Resources-Beauftragter, auch wenn er keine Ahnung hat, was diese Begriffe bedeuten, und gegen alles eine ungesunde Abneigung hat, das ihm zu fremdländisch klingt. Außerdem, in aller Kürze, kann er folgende Dinge nicht leiden: Schnorrer, Schwule, Sesselpupser, Schweizer und Spaß, vor allem, wenn sie irgendwie kombiniert daherkommen. Mein Vater ist ein, man muss es ja nicht beschönigen, eher konservativer Geist. Böse Zungen würden ihn auch einfach einen Hinterwäldler nennen, aber das würde ich niemals laut tun, weil er mir dann sicherlich als Erstes mein monatliches Taschengeld streichen würde.

Meine Mama Gudrun, Christin, Hausfrau, Ehefrau, Mutter (in dieser Reihenfolge), bringt den Kirschkuchen aus der Küche und stellt ihn auf den Wohnzimmertisch. Der Besuch dürfte jede Minute kommen, Dave war noch nie in seinem Leben unpünktlich. Der Kuchen, mit frischen Kirschen aus unserem Garten, duftet herrlich, und das muss man alten, spießigen Leuten ja lassen. Egal, wie spaßbefreit sie sind: Backen können die alle! Ich frage mich schon mein ganzes Leben lang, wie meine Mutter, die es nicht einmal schafft, ihre Mundwinkel zu einem Grinsen nach oben zu ziehen, weil sie Angst hat, dann wegen ihres ausschweifenden Lebenswandels direkt in die Hölle zu fahren, solche Gaumenfreuden auf den Tisch zaubern kann. Meine Vermutung ist, dass sie all ihre unterdrückten Triebe und Wünsche und Sehnsüchte in ihre Torten und Kuchen und Pasteten steckt, was mein Therapeut vermutlich als Ersatz für unerfüllte sexuelle Wünsche deuten würde. Wobei man zur Verteidigung meiner Mutter anmerken muss, dass mein Therapeut ein Freudianer alter Schule ist und alles als unerfüllte sexuelle Wünsche deutet. Vermutlich auch die Gartenzwergobsession meines Vaters, aber da will ich lieber nicht so genau drüber nachdenken, weil es mich schon schaudert, wenn er mir und meiner Mutter ein neues Modell vorführt, ihm zuzwinkert, über die Mütze streichelt und dabei schelmisch-anzüglich »Na, du Kleiner« flüstert. Gruselig ist das.

Mama schneidet den Kuchen schon an und schiebt mit routinierter Hand den Tortenheber unter ein besonders lecker aussehendes Stück. Ich strecke meine Hand nach dem Tortenheber aus, aber Mutter, die beim Essen noch weniger Spaß versteht als sonst, schlägt mir rüde darauf. Ich nicke, ziehe meine Hand zurück und muss anerkennen, dass mir auch mit fünfunddreißig Jahren offensichtlich nicht gestattet ist, mir mein eigenes Stück Kuchen auszuwählen. Mutter zieht ihre Blumenschürze zurecht, schaut nervös auf die Kuckucksuhr an der Wand und sagt: »Wir wollen warten, bis Dave und sein …«, sie schluckt hörbar und ringt um Worte, »also … Wir warten mit dem Servieren, bis Dave da ist.«

Ich kann, obwohl ich vor Hunger sterbe, ein Grinsen nicht unterdrücken. Der Nachmittag wird auf jeden Fall unterhaltsam. Denn zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit kommt mein Sandkastenfreund Dave zurück nach Hause, und er kommt nicht allein. Zum ersten Mal, seit sie zusammen sind, bringt Dave seinen festen Freund Nick mit. Sie sind zwar schon seit zwei oder drei Jahren ein Paar, aber Dave ist selten in der alten Heimat, wie er das in einer Mischung aus Stolz und Großkotzigkeit nennt. Trotzdem ist er immer noch mein bester Freund. Egal, wie lange wir uns nicht gesehen haben, es ist jedes Mal wie immer. Dave ist in unserer Kindheit und Jugend der eine Freund gewesen, den man zum Überleben gebraucht hat, weil man sonst vor Langeweile eingegangen wäre. Derjenige, mit dem ich in Göbelroth, unserem Zweihundert-Seelen-Kaff im Kraichgau, gemeinsam aufgewachsen und durch dick und dünn gegangen bin. Karlsruhe ist zwar nur eine halbe Autostunde entfernt, aber Großtante Marlies hat einmal treffend angemerkt, ab der Ausfahrt zu unserer Gemeinde nehme die Anzahl von »Deppen und Wasserköpfen« enorm zu. Kein Wunder, dass Dave die Biege gemacht hat, sobald er konnte. Er wohnt mittlerweile in Berlin und ist erfolgreicher … irgendwas. Er hat es mir mal erklärt, aber ehrlich gesagt fand ich es langweilig und habe einfach brav genickt und hin und wieder enorm empathische Laute wie »Wow!« oder »Uiuiui!« ausgestoßen, und ich finde, mehr kann man auch von seinem besten Freund nicht verlangen. Ich glaube, er macht was mit Medien. Oder Wirtschaft. Vielleicht auch beides.

Na ja, jedenfalls kommt er gleich, und das wird aus mehreren Gründen interessant: Zum einen halten meine Eltern die allerhöchsten Stücke auf Dave, weil er offensichtlich etwas aus seinem Leben gemacht hat. Er ist in einem internationalen Unternehmen tätig, er hat, zumindest kann man das aus seinem Lebensstil schließen, eine Menge Geld, er trägt tagsüber Krawatte statt Wollmütze, und mehr muss ein erfolgreicher Sohn aus Sicht meiner Eltern eigentlich nicht mitbringen. Das ist für mich in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren immer ein bisschen blöd gewesen, denn Daves Karriere zeigt meinen Eltern natürlich umso deutlicher, dass aus mir nicht wirklich etwas geworden ist, was sie mir mit ihren enttäuschten Blicken und der Reihenfolge beim Kuchenstückverteilen auch nur zu gerne unter die Nase reiben. Persönlich finde ich ja, sie übertreiben. Gut, ich bin nicht Dave. Aber ich bin auch keiner dieser Versager, die mit fünfunddreißig noch in ihrem Elternhaus wohnen. Schließlich parkt mein Wohnmobil im Hinterhof, und der hat eine andere Hausnummer. Leider wissen sie das aus irgendeinem Grund nicht zu würdigen.

Wenn Dave hin und wieder auf Heimatbesuch ist, dann schaut er natürlich auch immer bei uns vorbei, und dann haben meine Eltern eine Woche lang schlechte Laune, was ich immer dann sehe, wenn ich meine Urinkanister ausleere. Ich zocke, schlafe und pinkele ja in meinem Wohnmobil, und ich finde, daran sieht man doch sehr deutlich meine Eigenständigkeit. Ich kann ja nichts dafür, dass die Kanister irgendwann geleert werden müssen. Und dass meine Mutter mir die Wäsche wäscht und ab und an ein Brot schmiert oder täglich das Mittagessen serviert, na ja, das wird doch sicherlich nicht nur bei mir so sein. Die Deutschen arbeiten nicht, um zu leben, sondern leben, um zu arbeiten, heißt es ja immer, und ich finde: Da ist was dran! Und deswegen ist es doch auch nicht verwerflich, dass ich mich dem Hamsterrad der Gesellschaft verweigere und einfach dem süßen Nichtstun fröne, oder? Ich lebe auf jeden Fall prächtig mit elterlichem WLAN, exzessivem Online-Gaming und elend langem Ausschlafen.

Aber ich schweife ab. Wo war ich? Richtig, Dave. Der kommt in fünf Minuten, was ich weiß, weil er immer auf die Minute pünktlich ist, schon immer gewesen. Ich vermute, er war das einzige Baby, das genau zum errechneten Geburtstermin kam. Mein Vater meint ja, das liege daran, dass Daves Eltern aus Thailand kommen, und in seiner beschränkten Weltsicht sind alle Asiaten fleißig, pünktlich und spielen auf Weltniveau Schach, was leider auf Dave auch irgendwie alles zutrifft. Das trägt mein Vater natürlich regelmäßig wie eine Monstranz vor sich her, um zu beweisen, dass er mit allem, was er behauptet, recht hat.

Dave war und ist fast genauso eng mit meinen Eltern, wie er mit mir ist. Seine Eltern arbeiten viel, sein Vater ist Dozent an der Heidelberger Uni, seine Mutter ist Chefärztin am Klinikum in Karlsruhe, und deswegen war er früher nach der Schule fast jeden Tag bei uns zu Hause. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, warum solche Leute freiwillig nach Göbelroth gezogen sind, aber wahrscheinlich haben sie das Grundstück hinterhergeworfen bekommen, auf dem heute ihr Luxusbungalow steht. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Dave ist der Sohn, den meine Eltern gerne gehabt hätten. Sie lieben ihn abgöttisch, und jeder Besuch von ihm ist für sie wie Ostern und Weihnachten zusammen, was mich ein bisschen kränkt, weil sie meistens nicht besonders euphorisch wirken, wenn ich so gegen Mittag aus meinem Wohnmobil komme, um mich an den Frühstückstisch zu setzen. Früher haben wir an den Wochenenden tatsächlich oft zu viert etwas unternommen, weil seine Eltern auch am Wochenende arbeiteten, während Gartenzwergen offensichtlich der heilige Sonntag noch etwas bedeutete. Und wenn wir dann auf einer unserer Wanderungen (denn wir gingen immer wandern) Angestellten oder Bekannten von meinem Vater begegneten, dann sagte er gerne mit stolzgeschwellter Brust: »Das ist mein Sohn Theodor – und das ist mein kleiner Chinese Dave.« Ein echter Mann von Welt eben. Ich wäre dann immer gerne vor Scham im Boden versunken, aber Dave nahm seine mangelnden geografischen Kenntnisse plus die Empathiefähigkeit eines im Käfig gehaltenen Rottweilers schon immer mit einer großen Portion Humor. Manchmal machte er sich auch einen Spaß daraus, ihm selbsterfundene Fakten über China zum Besten zu geben. Dave war für ihn eben einfach »der Sohn, den ich nie hatte«, und um ehrlich zu sein, konnte und kann ich damit ganz gut leben. Immerhin ist sein angeblich chinesischer Ziehsohn ja denkbar erfolgreich, was vermutlich den Frust über sein eigen Fleisch und Blut etwas abmildern könnte.

Es klingelt. Ich werfe einen Blick hinauf zur Küchenuhr: Eine Minute zu spät. Das bedeutet, dass er nervös ist. Kein Wunder: Heute stellt Dave meinen Eltern Nick vor – und das bedeutet, dass meine stockkonservativen Erzeuger (schließt sich das nicht eigentlich aus?) erfahren, dass ihr heißgeliebter Quasisohn schwul ist.

3Dinner für Spinner

»Das Denken soll man den Pferden überlassen, sie haben die größeren Köpfe.«

Großtante Marlies, jedes Mal, wenn man sie nach ihrer Meinung zu etwas gefragt hatte.

»Wer will noch ein Stück Kirschkuchen?«

Und zack! Kaum ausgesprochen, landet das Stück schon auf meinem Teller. Mama hat jedem von uns in den letzten fünf Minuten ungelogen drei neue Stücke aufgeladen, sobald ein Teller auch nur den Anschein erweckt hat, ein bisschen leerer zu werden. Wahrscheinlich hastet sie gleich in die Küche und backt in Rekordgeschwindigkeit einen neuen, damit sie nur immer nachfüllen kann. Oder, Gott bewahre, sie würde womöglich sogar etwas aus dem Gefrierschrank auftauen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie wirklich so weit gehen würde oder ob das gegen ihre Hausfrauenehre verstoßen würde.

Derweil stopft mein Vater sich beide Backen voll wie ein Hamster, der sich auf die drohende Apokalypse vorbereitet, aus seinen Mundwinkeln quillt schon die Sahne. Eine billige, durchschaubare Taktik, weil jeder am Tisch weiß, dass er mit vollem Mund nicht sprechen kann, das wäre ja unhöflich. Was auf sein aktuelles Verhalten natürlich in keinster Weise zutrifft, denke ich und grinse. Das wiederum veranlasst meine Mutter aus irgendeinem Grund, mir ein neues Stück Kuchen auf den Teller zu laden, wobei ich seinen Vorgänger noch nicht mal angerührt habe. Aber so unterschiedlich ihre Taktiken auch sein mögen, eines haben meine Eltern gerade mehr als gemeinsam: Beide starren den armen Nick an, als wäre er ein rothaariges Alien.

Nachdem er sich durch die kleine Verspätung einen Hauch von Nervosität erlaubt hat, geht es Dave mittlerweile geradezu prächtig. Er fährt sich lässig durch seine sonst so streng gescheitelten schwarzen Haare, hat die Krawatte gelockert und das Sakko abgelegt. Offensichtlich genießt er das ganze Theater ein bisschen. Sosehr er meine Eltern auch liebt, so sehr liebt er es auch, sie wohldosiert zu ärgern. Während sein Freund Nick, neben ihm etwas verloren wirkend, sein Kuchenstück mit der Gabel in winzige Krümel zerteilt, hat Dave sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und lässt die beiden ein bisschen schmoren. Mutti will Nick ein neues Stück Kuchen auf sein abstraktes Kunstwerk hieven, muss aber mit Erschrecken feststellen, dass die Platte leer ist. So muss man sich als Actionheld fühlen, wenn man sein ganzes Magazin leer geballert hat und merkt, dass ein Gegner überlebt hat, denke ich.

»Soll ich noch geschwind einen Kuchen backen?«, fragt sie jetzt allen Ernstes und fährt sich nervös durch ihre Dauerwelle. Man muss der Frau für ihre Verdrängungskünste ja durchaus irgendwie Respekt zollen. Wenn mir mein Psychologiestudium etwas gebracht hat, dann eine aufrichtige Bewunderung dafür, auf wie viele wundersame Arten Menschen völlig Banane sein können. Sie denkt gerade allen Ernstes, dass sie durch amokartiges Backen die Tatsache verdrängen kann, dass Dave auf Männer steht. Für diese Frau ist ein guter Kuchen die Lösung für alles. Ich glaube, diese aktive Form der Realitätsverweigerung würde sie wirklich immer durchziehen. Wenn irgendwann mal Polizisten vor unserer Tür stehen und ihr eröffnen, dass mein Vater in Wahrheit einen weltweiten Gartenzwerge-Fetisch-Sexring betreibt und seit zwanzig Jahren von Interpol gesucht wird, dann würde ich Geld darauf verwetten, dass ihre erste Reaktion wäre: »Wer will erst mal ein schönes Stück Kuchen?«

Zehn Minuten später. Noch immer herrscht großes Schweigen am Tisch. Nick nestelt nervös an seiner Krawatte herum, denn auch er kam völlig overdressed im Businessanzug. Ich kenne ihn von Fotos, muss aber sagen, dass er im echten Leben ein bisschen ungesünder aussieht, wenngleich er im Gegensatz zu mir offensichtlich kein Gramm Fett zu viel am Körper hat. Seine Haut, ohnehin schon hell, wirkt blass, und unter den blondroten, kurzen Haaren bilden sich dicke Schweißperlen. Vermutlich liegt das aber alles an der Gesamtsituation.

Aufmerksame Beobachter könnten jetzt zu Recht einwerfen, dass ich als bester Freund von Dave helfen sollte, die Kuh vom Eis zu holen. Aber wie holt man die Kuh vom Eis, wenn das Eis schon bei der kleinsten Bewegung zu brechen droht und noch dazu schwer homophob ist? Wenn ich jetzt irgendetwas Falsches sage, dann mache ich die Situation nur noch schlimmer, und das will ich Dave und Nick natürlich auch nicht antun. Also versuche ich mich an einer anderen Taktik. Ich ermuntere meinen für seine hervorragenden Small-Talk-Skills bekannten Vater, sich am Gespräch zu beteiligen, indem ich ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein trete. Zuerst registriert er es gar nicht, also trete ich noch mal nach. Entgeistert schaut er mich an, immer noch beide Backen voll mit Kuchen. Ich nicke in Daves Richtung, so unauffällig ich kann, und mache ein murmelndes Geräusch, von dem ich hoffe, dass er es richtig interpretiert. Erst sieht er mich an wie ein Güterbahnhof, aber irgendwann scheint es klick zu machen, er nickt, schluckt runter, spült mit einem Kaffee nach, den er, weiß der Geier, warum, gurgelt, tupft sich den Mund mit der Serviette ab und erhebt dann seine allväterliche Odinstimme.

Ich klopfe mir im Geiste auf die Schulter. Gut gemacht, Theo, denke ich, saubere Leistung. Mag ja sein, dass meine Eltern aus einer anderen Generation und auch irgendwie einer anderen Galaxie stammen und ein bisschen sehr verklemmt sind. Aber egal, wie sie zu Daves Sexualität stehen, ein bisschen Small Talk à la Also Nick, wo kommen Sie denn her? Oder Wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt? wird ja wohl selbst mein Alter Herr hinkriegen. Pustekuchen. Stattdessen entschließt er sich, folgenden mitfühlenden Satz rauszuhauen: »Also, stimmt es eigentlich, dass ihr warmen Brüder die ganze Welt verschwulen wollt?«

Es ist jetzt nahezu mucksmäuschenstill, das einzige Geräusch im Raum ist meine Kaffeetasse, die mir vor Schreck aus der Hand fällt und auf dem Boden in tausend Stücke zerspringt, was sicher noch ein Nachspiel haben wird, weil es die gute mit dem Porzellanpuppenmotiv war. Porzellanpuppen, das muss man wissen, werden in diesem Haus fast so hochgehalten wie Gartenzwerge.

4Regenbogen für den Frieden

Ich habe ja nie viel von der frömmelnden Religiosität meiner Eltern gehalten. Aber wenn es doch so etwas wie Wunder gibt, dann bin ich gerade Zeuge davon geworden. Die Liebe meiner Eltern zu Jesus und zünftiger Volksmusik wird nur von ihrer Liebe zu Dave überstrahlt. Deswegen kann er sich auch alles erlauben, und sie verzeihen es ihm oder rücken es so lange zurecht, bis es in ihren Augen etwas nicht nur Akzeptables, sondern sogar Mustergültiges geworden ist. Und Dave kennt da auch nichts – weil er weiß, dass für ihn ohnehin keine Grenzen existieren, testet er die beiden gerne. Ich vermute, dass er sich schon sehr lange auf diesen Moment gefreut hat, während es dem armen Nick sichtlich unangenehm ist, was da gerade passiert.

»Oh, sicher«, antwortet Dave nach sekundenlanger Stille mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen, »es existieren schon lange geheime Pläne, um alle Menschen mit radioaktiver Strahlung zu verschwulen.«

Mein Vater nickt triumphierend in Mamas Richtung, die vermutlich im Kopf gerade alle ihre Kuchen- und Tortenrezepte durchgeht, in der Hoffnung, ein besonders schnelles zu finden.

»Ich wusste es«, sagt er und legt die Hände auf seinem dicken Bauch ab, »ich hab’s ja schon immer gewusst. Und wie stellt ihr das an?«

»Da gibt es eine ganze Menge Tricks«, antwortet Dave und schenkt sich seelenruhig noch eine Tasse Kaffee ein. »Heimliche Lehrplanänderungen in Schulen, Bestechung von Politikern, Guerilla Christopher Street Days, Bubble-Tea-Vergiftung des Grundwassers. Aber am effektivsten sind eigentlich pinkfarbene Homo-Strahlen, die wir per Satellit auf die Erde schießen.«

Nick schämt sich offensichtlich, weil Dave so viel Spaß daran hat, die Alten zu veräppeln, und schlägt die Hände über dem Gesicht zusammen. Mein Vater sieht Dave sowohl entgeistert als auch fasziniert an, und irgendwo in seinem Hirn, darauf würde ich wetten, entsteht zu dieser Szenerie gerade ein absurd regenbogenfarbener Weltraumgartenzwerg. Selbstredend hat er auch schon vor Jahren ein recht erfolgreiches Modell aufgelegt, das von Dave inspiriert ist. Cheng, der chinesische Computerspezialist stammt zwar direkt aus der Rassismushölle, erfreut sich aber in süddeutschen Gartencentern nachhaltiger Beliebtheit. Außerdem kennt mein Vater beim Thema Gartenzwerge weder Scham noch Moral. Es gibt nichts, was ihn nicht zu einem Gartenzwerg inspirieren würde. Fast nichts, muss ich anmerken, denn von mir existiert leider noch kein Alter Ego, was mir, trotz meiner natürlichen Aversion gegen Gartenzwerge, dann doch irgendwie wehtut.

Aber noch gibt es keinen gayfriendly Gartenzwerg, noch sitzt Dave hier einem Mann gegenüber, der ihn zwar liebt, aber auch seit sechzig Jahren homophob ist, sodass keiner wissen kann, wie die Sache ausgehen wird. Ich selbst bin so gespannt, dass ich den Atem anhalten muss, was anstrengend ist, weil ich sportlich nicht aktiv bin, ungesund lebe und hin und wieder rückfällig werde und zu Zigaretten greife. Keine idealen Voraussetzungen also, aber zum Glück erlöst mich mein Vater und bricht relativ schnell in schallendes Gelächter aus. Dave stimmt in das Lachen mit ein, schließlich ich, dann Mama, sogar Nick, weil jetzt klar ist, dass sogar mein Vater den Scherz verstanden hat und nicht, oder zumindest nicht nur, an eine schwule Weltverschwörung glaubt. Er steht auf, umrundet den Tisch, stellt sich zwischen Nick und Dave, und etwas für mich vorher Unvorstellbares geschieht: Er klopft ihnen beiden auf die Schulter.

»Dave, Dave, Dave. Da wolltest du mir einen ganz schönen Bären aufbinden. Aber glaub mir, mich kannst du nicht so leicht aufs Glatteis führen. Geänderte Lehrpläne an den Schulen«, sagt er lachend, »so ein Unsinn!«

Ironischerweise findet er das also absurd, denke ich, während er die pinkfarbenen Laserstrahlen mit keinem Wort erwähnt, aber gut, man soll ja nicht kleinlich sein. Sogar Mama ist so hin und weg, dass sie mich noch gar nicht wegen der zerbrochenen Tasse ausgeschimpft hat und sich tatsächlich zu der Bemerkung hinreißen lässt: »Unter den Schwulen gibt es ja auch ganz patente Leute.«

Wieder folgt allgemeines herzliches Gelächter, und das war’s. Zusammengerechnet über hundertzwanzig Jahre an Homophobie und Hinterwäldlertum wie weggeblasen. Schon erstaunlich, denke ich mir, was Dave bei den beiden alles schafft, denke ich. Ich glaube, er könnte auch jemanden erschießen und wäre trotzdem ihr gefeierter Held.

Der Rest des Nachmittags verläuft über alle Maßen gut. Nachdem Mama mir wortlos ein Kehrblech in die Hand gedrückt hat, anstatt mich übertrieben auszuschimpfen, löchern die beiden Dave und Nick mit allerlei Fragen über ihre Arbeit, wo sie sich kennengelernt haben und ihr Privatleben, wobei die Frage im Vordergrund steht, wann sie denn endlich zu heiraten gedenken und ein niedliches Baby adoptieren könnten. Ein bisschen Konservatismus erlauben sie sich dann doch noch. Nick und Dave haben sich, so viel wusste ich schon, im Uni-Wohnheim in Frankfurt kennengelernt und haben sich mittlerweile eine Eigentumswohnung in Kreuzberg gekauft, wo sie zusammen leben. Mindestens die Hälfte von dem, was Nick und Dave als sogenannte Agile Coaches in einem internationalen Konzern tun, verstehen meine Eltern nicht und, wenn ich ehrlich bin, ich auch nicht. Sie beraten irgendwen zu irgendwas, und ihr Unternehmen hat mal irgendwas hergestellt und jetzt was anderes. Anscheinend kriegen sie einen Haufen Geld dafür, was bei meinem Vater im Prinzip schon ausreicht, um den Job gut zu finden. Ich persönlich finde ja, das Geld überschätzt wird und dass man auch mit Arbeitslosengeld und einem großzügigen elterlichen Taschengeld gut über die Runden kommen kann, aber da scheine ich in der Runde, neben dem übergewichtigen Kater Karl der auf der Eckbank liegt und schnarcht, eine Ausnahmeerscheinung zu sein. Papa ist am Schluss sogar so euphorisch, dass er Nick in seine »heiligen Hallen« in der Laube einlädt und ihm die aktuelle Kollektion seiner Gartenzwerge vorführt.

Gegen 18 Uhr verabschieden sich Dave und Nick, weil sie noch zum Abendessen mit seinen Eltern im Shanghai Garden, dem einzigen brauchbaren Restaurant in der näheren Umgebung, verabredet sind, dürfen aber erst gehen, nachdem Mama ihnen das Versprechen abgenötigt hat, dass sie bald wieder vorbeikommen und sie für ihre Hochzeit eine Torte backen darf. Die zwei Alten sind wie besoffen vor Glück, dass Dave nun endlich auch privat das große Los gezogen hat, wie Papa es formuliert, und als er die Tür hinter sich schließt, nachdem er den beiden einen letzten, sehnsüchtigen Blick hinterhergeworfen hat, ist klar, dass es mir jetzt gleich an den Kragen gehen wird.

5Arbeitslos und Spaß dabei

»Jedem Tierchen sein Pläsierchen!«

Großtante Marlies auf die Frage, warum sie nie in Erwägung gezogen hat, für ihr Geld zu arbeiten oder sonst etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzufangen.

An dieser Stelle der Geschichte ist es wichtig, dass ich von Großtante Marlies erzähle, denn sie war es, die mich zu meiner Art zu leben inspiriert hat. Großtante Marlies lebte bei uns, seit ich mich erinnern kann. Sie war arbeitsscheu, faul, gerne grantig gegenüber anderen und extrem generös gegenüber sich selbst. Kurz gesagt: Sie war klasse! Es hat mir das Herz gebrochen, als sie vor zehn Jahren von uns ging, und mir war direkt klar, dass es an mir war, ihr Erbe der Arbeitsverweigerung anzutreten.

Warum Großtante Marlies ihr halbes Leben im Obergeschoss unseres Hauses gewohnt hat, kann ich, ehrlich gesagt, nicht mit Bestimmtheit sagen. Seit ich mich erinnern kann, war sie immer da, und wenn man von ihrem körperlichen Verfall absah, tat sie seitdem zwanzig Jahre immer das Gleiche, nämlich nichts. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob sie meine echte Großtante war, denn nicht nur meine Eltern, sondern auch der Rest des Dorfes nannte sie genauso. Für jeden Menschen in Göbelroth war sie einfach nur Großtante Marlies. Irgendwann hat sie wohl mal einen Mann gehabt, der, je nachdem, wer die Geschichte erzählte, entweder im Krieg verschollen war oder beim Zigarettenholen die Biege gemacht hat. Weil ihr Haus verpfändet wurde oder sie es mit einem selbst konstruierten Kaminofen abgefackelt hatte, auch hier gibt es unterschiedliche Versionen, lebte sie auf jeden Fall seit Mitte der Neunziger bei uns. Ich nehme schon an, dass wir eine Art Verwandtschaftsverhältnis zu ihr hatten, denn sonst hätten meine Eltern, christliche Gutmenschen hin oder her, sie auf keinen Fall aufgenommen. Denn wenn Großtante Marlies eines war, dann das genaue Gegenteil meiner Eltern.

Schon seit meiner Kindheit war ich von ihrer Art zu leben fasziniert: Sie schlief immer bis um die Mittagszeit, kam dann aus ihrem Schlafzimmer im Obergeschoss, setzte sich an den immer noch gedeckten Frühstückstisch und brachte es trotzdem fertig, sich über irgendwas zu beschweren, während sie mit ihren fleischigen Armen nach Kaffee und kleinen Pastetchen griff. Dann stand sie nach dem Essen auf, nicht ohne einen ordentlichen Saustall zu hinterlassen, klopfte meiner armen Mutter auf die Schulter, die das Frühstück danach abräumte, und sagte: »Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.« Wenn ich von der Schule kam, dann spielte sie oft mit mir oder lag einfach nur im Gras und beobachtete die Wolken, bis sie zu ihrem zweiten oder dritten Nachmittagsschläfchen wegdämmerte. Dabei strahlte sie immer, selbst wenn sie sich über irgendetwas aufregte, eine heitere Seelenruhe aus, die ich bis heute bei keinem anderen Menschen kennengelernt habe. Kein Zweifel: Für sie war der Verlust von Mann und Haus der Jackpot gewesen, weil er sie in ein mehr als penibel gemachtes Nest gesetzt hatte! Mit den Jahren wurden ihre Arme noch weicher und fleischiger, ihre Dauerwelle wechselte von Grau zu Schneeweiß, und weil sie nicht mehr so mobil war, legte sie sich einen Elektroscooter zu (Höchstgeschwindigkeit: 8 km/h), den sie höchstpersönlich tunte und so dafür sorgte, dass sie in der örtlichen Spielstraße regelmäßig geblitzt wurde, wenn sie von einem ihrer Sauftrips zurückkam.

Meine Liebe zu ihr war schon als Kind enorm gewesen, zumal sie sich oft mit mir beschäftigte, wenn mein Vater auf der Arbeit war und meine Mutter Haus und Garten in Schuss hielt. Aber als Teenager wurde es noch besser: Wir heizten auf ihrem Scooter über die Landstraßen, kifften heimlich in meinem Zimmer und spielten mit Dave endlose Runden GTA auf der Playstation. Meine Eltern versuchten zwar immer wieder, ihren Einfluss auf mich einzuschränken und mir vorzuleben, wie klasse ein absolut freudloses, aufopferungsvolles Dasein ist, aber merkwürdigerweise hat das nicht so richtig funktioniert. Ich war immer ein guter Schüler gewesen, nach Dave sowohl in der Grundschule als auch im Kreisgymnasium der mit dem besten Abschluss, aber ihre Saat war da schon längst aufgegangen: Ich wusste nach der Schule bereits, dass ich unter keinen Umständen so enden wollte wie meine Eltern. Ich schrieb mich zwar noch in Heidelberg für ein Psychologiestudium ein, aber spätestens nach zwanzig Semestern dämmerte wohl auch meinen Alten Herrschaften, dass das mit ihrem Theo nichts mehr geben würde, zumal im zehnten Semester Großtante Marlies von uns ging, als sie im zarten Alter von fünfundachtzig Jahren mit zu viel Koks intus auf ihrem Scooter den großen Bebelrother Berg runterrauschte.

Danach hatten meine Eltern stillschweigend akzeptiert, dass ich zu ihrem uneingeschränkten Nachfolger geworden war. Zumindest dachte ich das. Zwar gab es immer mal wieder Streit und leere Drohungen, aber das versandete dann auch immer schnell. Uns allen war klar, dass aus mir nichts werden würde – außer vielleicht einem professionellen E-Sportler. Bis zu jenem verhängnisvollen Kaffeekränzchen mit Dave und Nick.

6Zwergendämmerung

»Warum bist du eigentlich so ein Versager?«

Ich kenne diese Diskussion, weil wir sie in schöner Regelmäßigkeit führen, und um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, dass ich mich heute davor drücken könnte. Daves Besuche sind zwar immer schön, und ich freue mich ja auch für ihn, dass er Nick gefunden hat. Dummerweise gibt es aber auch immer einen Haken: Jedes Mal, wenn er uns seine Aufwartung macht, führt er meinen Eltern vor, wie sie sich einen erfolgreichen Sohn vorstellen. Dazu gehören offensichtlich teure Anzüge, ordentlicher Haarschnitt, vorzeigbares Auto, Masterabschluss in Internationalem Management, prestigeträchtiger Job in Berlin. Feste Partnerschaft mit Aussicht auf Hochzeit und Kinder, neuerdings nicht mehr zwingend hetero. Kein Plazet bekommen hingegen Bürgergeld, ehemals Hartz IV, zwanzig Studiensemester Psychologie ohne Abschluss, verwaschene Kapuzenpullover, temperaturunabhängig eine Wollmütze über den verwuschelten Haaren und ein rostiges Wohnmobil im Hinterhof, das nicht bewegt werden darf, weil es seit fünf Jahren keinen TÜV mehr hat. Ich versuche zwar regelmäßig darauf hinzuweisen, dass das auch besser für die Umwelt ist und dass ich nichts dafürkann, dass mein Studiengang abgeschafft und ich exmatrikuliert wurde, bevor ich auf die Zielgerade einbiegen konnte, aber das lassen sie unfairerweise nicht gelten.

Sosehr ich mich also freue, wenn Dave unser Kaff Göbelroth mit seiner Anwesenheit beehrt, so sehr hasse ich die anschließenden Diskussionen mit meinen Alten darüber, wie ich mein Leben verschwenden würde. Dabei haben sie das Wesentliche dabei ja gar nicht verstanden. Aus ihrer Sicht bin ich ein Versager, der mehr wie eine blonde Heteroversion von Dave sein soll (wobei ich mir da nach heute auch nicht mehr so ganz sicher bin). Damit unterstellen sie mir ja insgeheim auch, dass ich eigentlich selbst so sein wollte wie Dave, aber einfach zu antriebslos wäre und den berühmten Tritt in den Arsch bräuchte. Den mein Vater übrigens hingebungsvoll in der letztjährigen Sommerkollektion der Landschaftswichtel im Modell »Sich neckende Lederzwerge« verewigt hat, und man muss nun wirklich kein Tiefenpsychologe sein, um darin einen ausgeprägten SM-Fetisch zu erkennen. Aber ich schweife ab.

Ich sitze immer noch am Wohnzimmertisch, den Kopf gesenkt wie ein beim Kiffen erwischter Teenager (oder eine beim Kiffen erwischte Großtante), und höre mir die ewig gleiche Litanei an, während die Kuckucksuhr im Hintergrund schon 19 Uhr schlägt. Dass ich ja so viel Potenzial hätte, wie traumhaft meine Noten gewesen wären, der Stolz des ganzen Kreisgymnasiums, Stipendium, Perlen vor die Säue, ich kann das mittlerweile auswendig. Was die beiden leider einfach nicht verstehen wollen, ist, dass ich ja nichts aus mir machen will. Dass ich mordsglücklich bin in meinem Hinterhofwohnmobil, in dem mich die Welt in Ruhe lässt und ich einfach nur ich sein kann. Ich bin ein sehr genügsamer Mensch. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein: Ausschlafen können. Mamas hausgemachte Käsespätzle. Kein Stress. Keine Krawatten, dafür Jogginghosenpflicht vom Aufstehen bis zum Einschlafen. Keine Chefs, die ständig irgendwas von einem wollen. Papas monatliches Taschengeld, das zusammen mit meinem Arbeitslosengeld völlig ausreicht, um über die Runden zu kommen. Der Stromanschluss in meinem Wohnmobil, der den WLAN-Repeater und die Playstation am Laufen hält. Die allabendlichen Matches mit meinem Squad bei Ultimate Zombiekill, dem angesagtesten Online-Shooter der Saison, ein herrlich hasserfüllter Ballerspaß für Jung und Alt.

Erwachsen werden? Nein danke! Ich bin der arbeitslose Peter fucking Pan im Niemandsland. Ich bin ein besitz- und bedürfnisloser Buddha. Keine Frage, ich liebe es hier, und ich werde den Teufel tun, irgendwas an meiner Situation zu ändern. Ich bin eine formvollendete Sonnenblume, die nur deswegen so schön ist, weil sie die Zeit und die Muße hat, sich der Sonne zuzuwenden. Wenn ich auch nur einen Tag das tun müsste, was auch immer Dave und Nick in ihrer Firma tun, dann würde ich sofort eingehen. Ich brauche das süße Nichtstun, um glücklich zu sein. Aber um das zu verstehen, sind meine Eltern wahrscheinlich einfach zu spießig.

»Es reicht mir mit dir, Theo«, sagt Papa endlich, und das ist ein gutes Zeichen. Das bedeutet nämlich, dass die Diskussion beendet ist und ich mich in mein Wohnmobil verkrümeln kann, was klasse ist, weil ich so, ich linse auf die Kuckucksuhr, noch rechtzeitig zur nächsten Ultimate-Zombiekill-Runde mit den Jungs komme. Wir müssen immer zeitig anfangen, weil die meisten von ihnen morgen früh zur Schule müssen. Mein Team nennt sich die School Shooters, ich war zwar dagegen, weil ich es pietätlos finde – immerhin bin ich schon längst nicht mehr in der Schule –, konnte mich aber nicht durchsetzen. Mein Onlinename in unserem Team ist übrigens AAS, was für »alter, arbeitsloser Sack« steht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Teamleader das ehrfürchtig meinten, als sie ihn mir verliehen haben. Immerhin teile ich mir die Abschuss-Bestenliste mit DemonSlayer3000, und der zählt nicht, weil seine Eltern ihm trotz seines mauen Achte-Klasse-Zeugnisses einen enorm teuren Gamingstuhl gekauft und extra in sein Internat verfrachtet haben. Damit kann die muffige Bank hinten in meinem Bus dann doch nicht mithalten. Er ist natürlich enorm sauer gewesen, als er letzte Woche von unserem Anführer MylittlePony05 für die kommende Weltmeisterschaft (Zombies Worldwide) auf die Ersatzbank verbannt wurde, aber gegen meine Skills kommt er eben einfach nicht an. Trotzdem merke ich nach jedem Match auf der steifen Lederbank, dass mir von Kopf bis Fuß alles wehtut.

Gut, manchmal wäre ein bisschen mehr Geld wirklich nicht verkehrt – ich träume schon lange von einem richtigen Seniorencamper mit Klimaanlage und allem sonstigen Komfort, aber das wird kommen mit der Zeit. Auch wenn meine Eltern es nicht raushängen lassen, sind sie ziemlich wohlhabend, womöglich sogar stinkreich. Das Haus und das Hinterhaus, natürlich, Papas Firma, dazu ein vermutlich beträchtlicher Haufen Geld, der aufgrund von latenter Freudlosigkeit nie ausgegeben wurde. Und dann natürlich noch der Wald. Meine Familie besitzt seit Generationen ein riesiges Waldstück zwischen unserem Dorf und den Feldern, und auch wenn ich bis heute nicht kapiert habe, warum, ist dieser Wald ein ganz hübsches Sümmchen wert. Mag ja sein, dass meine Antriebslosigkeit auch daher rührt, aber ist das denn wirklich meine Schuld? Meine Schäfchen sind ja praktisch schon seit meiner Geburt in trockenen Tüchern. Und weil ich der einzige, sehr spät geborene Sohn meiner Eltern bin, gibt es auch keinen Streit ums Erbe. Da kann man sich schon mal eine entspannte Grundhaltung zulegen, finde ich.

Ich ziehe mir meine Mütze zurecht und richte meine Jogginghose, bevor ich aufstehe. Schließlich bin ich auch ordentlich, halt nur anders, als die beiden das gerne hätten. Außerdem garantiert harte Arbeit auch keinen Erfolg, das wusste Großtante Marlies, und die ist selbst für meine Eltern so eine Art Nationalheilige. Außerdem kenne ich diese Sorte Streit doch schon zur Genüge: Spätestens morgen früh ist alles wieder vergessen. Doch plötzlich sagt Papa etwas, das mich aufhorchen lässt.

»Du gehst nicht den Weg deiner Großtante, Junge, merk dir das! Wenn es mit dir so weitergeht, Theo, wirst du irgendwann mit leeren Händen dastehen!«

Ich zögere kurz, ob ich etwas erwidern soll, aber mir fällt nichts ein. Ich nicke rasch zum Abschied, schließe dann die hintere Küchentür und gehe zurück in mein Wohnmobil, wo mich schon die Playstation erwartet.

7Das Testament

Obwohl unser Team ziemlich gut ist und unsere Gegner, eine schwedische Pfadfinderinnentruppe, ordentlich vermöbelt, fällt es mir schwer, mich zu entspannen. Vaters letzter Satz will mir nicht aus dem Kopf gehen. Was hat er wohl damit gemeint? Ich verliere mich in meinen Gedanken und kassiere prompt einen Kopfschuss, was aber nicht schlimm ist, weil das Spiel pünktlich um halb neun endet. Unser Scharfschütze bad_ass_muthafucka muss heute zeitig ins Bett, weil er morgen früh in der ersten Stunde eine Lateinarbeit schreibt. Armer Tropf. Einer der großen Vorteile der Arbeitslosigkeit ist, dass man sich seine Zeit frei einteilen kann, weswegen ich noch die ganze Nacht durchzocken könnte, aber leider besteht der Großteil meiner Truppe ja aus Schülern, die nicht das Glück haben, ein eigenes Wohnmobil zu besitzen und somit der elterlichen Kontrolle entkommen zu können.

Ich schalte die Playstation aus und hole mir ein Bier aus meinem Minikühlschrank, trinke einen Schluck und denke nach. Vaters Wortwahl war ungewöhnlich, zumindest hatte er das in unseren vorherigen Post-Dave-Streits nie so gesagt. Ob er das wirklich ernst meint? Und wenn ja, was will er tun? Mich zwingen, mein Wohnmobil nicht mehr auf dem Hof zu parken? Das würde mir wehtun, weil ich es dann vorn auf der Straße stehen lassen müsste und nur mit Verlängerungskabeln Strom und Internet bekäme, aber dieses Problem wäre nicht unlösbar. Das Taschengeld streichen? Auch nicht ideal, aber dann müsste ich eben immer auf den Weihnachtssale im Playstation Store warten, um mich für den Rest der Saison mit Waffen, Skins und Ausrüstung einzudecken. Alles machbar, und er weiß das natürlich auch. Ein waschechtes Faultier kriegt man mit solchen Lappalien nicht aus seinem natürlichen Habitat vertrieben. Also, was meint er dann? Was zur Hölle könnte er …?

Plötzlich bricht mir der Schweiß aus. Ich weiß es.