Abschied von Sontamur - Volker Müller - E-Book

Abschied von Sontamur E-Book

Volker Müller

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Beschreibung

Ist es ratsam oder überhaupt zu verantworten, als Helden für einen Roman, der mehrere Epochen der Entwicklung eines Landes beleuchten will, einen Mann zu nehmen, der nichts weniger als blanker Durchschnitt ist? Als Wissenschaftler, Ehemann, Liebhaber, Zeitgenosse, Nachbar, Freund. Andererseits: Lässt sich ein besserer Held denken? Jener mittlere Typ schwebt schließlich nicht himmelhoch über uns, erschlägt uns nicht mit seinen Visionen und Heldentaten, lässt uns nicht vor Neid erstarren, macht uns nicht kleiner, als wir uns ohnehin schon fühlen. Nein, ihm können wir die Hand reichen. Und alles, was sich Gutes über ihn sagen lässt, könnte auch uns zukommen. Außerdem ist es nicht uninteressant, wie sich ein Nicht-Großer oder Nicht-Starker durchs Leben schlägt. Es kann sogar höchst spannend sein. Und dann gibt es ein Drittes zu bedenken: Alles fließt, nichts bleibt, wie es ist. Im Wechsel der Zeiten kann, was einmal als nicht gerade aufregend oder vorwärtsweisend galt, nach und nach geradezu atemberaubend an Statur gewinnen. Das alles wäre zu bedenken, bevor jemand den Stab bricht über Hans Berg, die Hauptfigur in Volker Müllers Dreiteiler „Abschied von Sontamur“, den einst intensiv mit Energiefragen befassten Physiker, der mit seiner Frau Julia nach Jahrzehnten der Hauptstadt Mantribur den Rücken kehrt, eines in den heimatlichen Bergen ererbten Hauses wegen …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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ZUM AUTOR

Volker Müller, geboren 1952 in Plauen, aufgewachsen in Hohndorf bei Elsterberg. 1970 Abitur in Greiz. Studium an der Pädagogischen Hochschule Erfurt/Mühlhausen in der Fachrichtung Deutsch/Russisch. Nach drei Pflichtjahren im Schuldienst bis 1989 vorwiegend als Musiker tätig. Von 1990 bis 1996 Redakteur bei einer Tochterzeitung der „Frankenpost“. Seit 1998 freier Journalist und Autor. Lebt seit 1977 in Greiz, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Bücher über Bach, Fontane, Mozart, Tschechow, Schumann und die Greizer Literaturszene. Außerdem die Prosabände Das Galakonzert, Kormorane und Blondinenrettung, der Roman Corvette Menz, die Lyrikbände Einen Taubenflug groß ist meine Stadt und Vergessene Zentimeter, das gemeinsam mit Peter Zaumseil gestaltete Kunstbuch Lob der Bäume sowie der Stückeband Im wunderschönen Monat Mai und der Essayband Quartett für die Ewigkeit. Der 2008 erschienene Band Das Galakonzert kam 2018 unter dem neuen Titel Bäume malen im November in einer verbesserten Fassung heraus. Zwei Schriftstellerstipendien des Freistaats Thüringen. Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Volker Müller

ABSCHIED VONSONTAMUR

Roman

„Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darin denkt – aber hier und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben; das macht uns diesen Erdengrund erst zu einem bewohnten Garten.“

(Johann Wolfgang von Goethe)

Die in diesem Roman vorkommenden Personen, Orte und Geschehnisse samt aller damit verbundenen Namen und Bezeichnungen sind frei erfunden. Eventuelle Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit möglicherweise tatsächlich existierenden Dingen oder Sachverhalten wären reiner Zufall.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

https://dnb.de/DE/Home/home_node.html abrufbar.

Copyright (2020) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbild: Karsten Schaarschmidt

Autorenfoto: Antje-Gesine Marsch

Lektorat: Dr. Martin A. Völker

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Dieser Roman ist im Besonderen den Mitgliedern der Vogtländischen Literaturgesellschaft „Julius Mosen“ e. V. gewidmet, an deren Spitze seit 2006 Dr. phil. Frieder Spitzner steht.

Die an einer Stelle des Romans zitierten Gedichte stammen von dem Greizer Lyriker Günter Ullmann (1946 bis 2009). Die Aufnahme in das Manuskript erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Geest-Verlags und des quartus-Verlags.

Inhalt

Cover

Zum Autor

Titel

Impressum

Erstes Buch: Berge und Täler

(1) Das Haus am Mittelberg

(2) Farbenpracht am Kahlen Feld

(3) Die Traumfrau aus der Provinz

(4) Ein Sontamurer Husarenstreich

(5) Auf dem Weg zu Wahrheit und Klarheit

(6) Man will hoch hinaus

Zweites Buch: Schattenspiele

(7) Besuch im Gaunerdorf

(8) Ein Fall für die Zeitung

(9) Späte Winterfreuden

(10) Eine Galina ruft sich in Erinnerung

(11) Blick in den Abgrund

(12) Eine Heimsuchung jagt die andere

Drittes Buch: Querfeldein

(13) Gewagte Erkundungen

(14) Spurensuche im Sonnental

(15) Merkwürdigkeiten am laufenden Band

(16) Stunden der Wahrheit

(17) Licht und Schatten in der Trabantenstadt

(18) Ein Finale in Trance

ERSTES BUCHBerge und Täler

(1) DAS HAUS AM MITTELBERG

Hans Berg schloss das Tor hinter sich und ging auf die Straße hinaus. Eine Viertelstunde später stand er auf dem Friedhof vor einem Grab mit einem schlichten Holzkreuz. Er suchte dann noch eine zweite, von einem stattlichen Granit beschirmte Grabstätte auf. Danach steuerte er das „El Salvador“ an.

Vor gut einem Jahr war eins zum andern gekommen. Friedrich Berg, der Onkel, der Sontamur die Treue gehalten hatte, war gestorben. Er hinterließ ein ansehnliches Haus samt Grundstück. Dass nun etwas geschehen musste, lag auf der Hand. Außer Hans Berg gab es noch zwei Cousinen, die aber in einer anderen Ecke des Grünen Berglands lebten, beide zudem schon über achtzig Jahre alt und ohne Kinder. Sein Bruder Edgar hatte sich vor Jahren bereits weit weg im Nördlichen Seenland angesiedelt. Er ließ wissen, bis auf Weiteres auch da bleiben zu wollen. Wer das Erbe in Mantribur antreten wolle, habe seinen Segen. Er beanspruche in diesem Fall keinen Eskapado.

Berg kam der Fall nicht ungelegen. Er fühlte sich schon seit geraumer Zeit in der Landeshauptstadt Mantribur nicht mehr recht wohl. Ohne die Arbeit an der Universität, er war zwei Jahre zuvor in Pension gegangen, kam er sich in der Metropole seltsam verloren und nutzlos vor. Er hatte das lange nicht wahrhaben wollen, hatte gedacht, in einer Stadt wie Mantribur müsse es sich doch ganz gut aushalten lassen. Aber dem war nicht so. Das Gefühl, im Grunde nichts mit dieser Riesenstadt zu tun zu haben, schien mit jedem Tag mächtiger zu werden. Andererseits: Das gut dreihundert Kilometer südlich von Mantribur gelegene Sontamur war tiefste Provinz. Das war zweifellos auch zu bedenken.

Was seine Frau Julia anging, behauptete sie stets, sie sei eigentlich nie richtig in der Großstadt angekommen. Zudem wurde sie nicht müde zu versichern, dass sie seinerzeit überhaupt nur mit nach Mantribur gegangen wäre, weil ihr versprochen worden war, dass man – sofern sie es für nötig erachtete oder sich eine passende Gelegenheit ergab – ohne Umschweife wieder nach Hause zurückkehren könne. Sie hatten fast dreißig Jahre in Mantribur gelebt. Berg konnte sich nicht erinnern, dass Julia einmal auf das Thema zu sprechen gekommen war.

„Mach das, wie du denkst, mir soll alles recht sein. Seit du zu Hause bist, haben wir eh nicht mehr viel von der Stadt“, sagte sie, als er wissen wollte, ob sie sich vorstellen könne, auf Grund der neuen Sachlage der Hauptstadt den Rücken zu kehren. Es kam hinzu, dass ihr Sohn Gerd, der einige Monate zuvor im äußersten Südwesten des Landes endlich eine Stelle bekommen hatte, gerade dabei war, seine Familie dorthin nachzuholen. Die Enkelkinder Anna und Gernot würden also bald weit weg sein. Gab das am Ende den Ausschlag? Wie auch immer: Die Bergs kündigten, nachdem sie das Sontamurer Haus in Augenschein genommen hatten, ihre Wohnung in der Hauptstadt und zogen um.

Das Anwesen in Sontamur lag im Mittelberg-Viertel, zu dem ein Dutzend Einfamilienhäuser, zwei streng voneinander geschiedene Gartenkolonien und ein aus einem Kriegerhain hervorgegangener kleiner Park gehörten. Bei dem Terrain handelte es sich um ein anfangs steil, später eher gemächlich ansteigendes Stück Hang, das sich zwischen der Altstadt und dem Sonnenfeld hinzog, dem großen Neubaugebiet aus der Zeit der Freien Republik Talanta. An der Südseite grenzte der Mittelberg an ein Viertel mit wie geleckt strahlenden Gründerzeitvillen. Im Norden stieß der Stadtteil schon an Wiese und Wald.

Berg hätte in dem Haus das meiste am liebsten beim Alten gelassen. Schon aus Achtung vor dem nahen Verwandten. Der Onkel hatte fast vier Jahrzehnte hier gelebt und alles, darüber konnte es keinen Zweifel geben, in einem äußerst soliden Zustand hinterlassen, angefangen vom erst vor drei Jahren neu gedeckten Dach, den bei der Gelegenheit auf Vordermann gebrachten Schornsteinen bis hin zum vor Sauberkeit strahlenden Kellergeschoss und den zwei rechterhand ans Haus gesetzten Garagen. Julia focht das nicht an. Sie hatte jede Menge Änderungswünsche, deren Berechtigung Berg teils einsah, teils einsehen musste. Der Umbau dauerte gut ein Jahr. In dieser Zeit wurde eine moderne Fußbodenheizung installiert, in der ersten Etage ließen sie die Zwischenwände herausbrechen, so dass ein einziger großer Raum entstand, ein neuer, größerer Balkon, zur guten Hälfte überdacht, musste her, in der zweiten Etage, wo sich Arbeits- und Schlafzimmer befanden, wurden die Fensteröffnungen vergrößert und komfortable Thermo-Isomativ-Fenster eingesetzt, die Außenwände nach einem brandneuen Verfahren isoliert und so weiter und so fort. Es war keine leichte Zeit. Die Bergs hausten je nach Baufortschritt bald im Keller, bald auf dem Dachboden. Ihre Sachen hatten sie bei Bekannten untergestellt.

Zwei Dinge ließ sich Hans Berg während des Umbaus trotzdem nicht nehmen. Er besuchte die Konzerte des Philharmonischen Orchesters, das es in Sontamur wie durch ein Wunder noch gab, und er traf sich gelegentlich mit seiner früheren Kollegin Elisabeth Simmens. Mit ihr war er über die Jahre in Verbindung geblieben und die Aussicht, sie nun wieder öfter sehen zu können, war ein Grund mehr gewesen, der großen Stadt Mantribur Valet zu sagen.

Elisabeth und er hatten sich als junge Lehrer kennengelernt. Sie unterrichteten damals im ersten Haus am Platze, der Komplexen Weiterführenden Hauptoberschule, der KWHOS, die den Namen Tassilo Wander trug, eines Pädagogen, der in der unseligen Radara-Periode für seine Überzeugungen mit dem Leben bezahlt hatte.

Es war eine schwierige Zeit, als Elisabeth und er in den Beruf starteten. Berg verfolgte das damals Erlebte bis zum heutigen Tag. Ihm erschien noch immer ab und an im Traum das gelbgestrichene Lehrerzimmer, in dem die Konterfeis der Repräsentanten von Partei und Regierung an den Wänden hingen. In dem Karree musste man sich jedes Wort, ja beinahe jedes Kopfschütteln, Lächeln oder Stirnrunzeln gut überlegen. Nun, Berg versetzte das zu keiner Zeit in Angst und Schrecken. Er fand den permanenten Betrug und Selbstbetrug, an dem auch er tagtäglich – wenngleich in Maßen, wie er meinte – teilhatte, letztlich albern, vor allem aber auch in nahezu jeder Hinsicht kontraproduktiv.

Der irrwitzige Verhaltens- und Beobachtungsdruck zeitigte in der Tat paradoxe Ergebnisse. Die Sinne der Kolleginnen und Kollegen waren am Ende so geschärft, dass gerade das Heikle, nicht Genehme, im Sinne des Systems Anrüchige, das um jeden Preis verborgen bleiben sollte, meist im Handumdrehen ins Auge fiel. In der Folge bildeten sich stillschweigend eisern zusammenhaltende Koalitionen unterschiedlichster Couleur heraus, die von der Leitung der Schule wie oft selbst von übergeordneten Stellen ohne viel Aufhebens toleriert, teils natürlich auch für die Erreichung auf der Tagesordnung stehender Ziele mehr oder weniger geschickt genutzt wurden.

Da gab es die sich unabkömmlich fühlenden, weil immer wieder zur Erfüllung von Sonderaufgaben herangezogenen pädagogischen Wundertäter. Sie pochten, wer hätte anderes erwartet, auf eine strikte Sonderbehandlung. Gleiches beanspruchten jene, die sich als letzte treue Aktivposten einer vorwärtsweisenden, heilbringenden, inzwischen aber von verschiedener Seite mit Gleichgültigkeit, Spott oder gar Häme bedachten Staatsidee fühlten. Zumindest mildernde Umstände erwarteten jene, die still hielten und wenn auch lustlos in aller Form mitmachten, wie auch die gerne das Los der Außenseiter tragenden, sich als gutwillig, aber eben von Natur aus nun einmal unpolitisch beschreibenden Kollegen. Es gab weitere Gruppen sowie jeweils die unterschiedlichsten Subabteilungen, Abzweige und Schattierungen, es war ein irrer Kosmos für sich, dem, als er sich eines Tages mit einem Schlag in Luft auflöste, so mancher fast schon ein wenig nachtrauerte.

Simmens und Berg zählten zu einer Gruppierung, die gar nicht so selten zu finden war, allerdings leider kaum – sieht man von der unglücklichen Endphase jener Ordnung ab, die aus der Erde ein Paradies machen wollte – zu größerer Wirksamkeit gelangte. Sie fanden den Weg, der in ihrem Land eingeschlagen worden war, grundsätzlich gut; mit den angewandten Methoden – und die Schule, in der sie arbeiteten, schien ihnen dafür das beste Beispiel zu sein – vermochten sie sich nicht in gleichem Maße anzufreunden. Sie brachten ihre Bedenken auch dann und wann unmissverständlich zum Ausdruck. Sie befanden sich im Gegensatz zu den meisten der Kollegen in der Lage, das ohne größere Angst tun zu können. Zum einen, weil sie bei aller Aufregung nach außen hin stets einen kühlen Kopf bewahrten, mithin nie jene Grenze überschritten, wo es gefährlich wurde, eine geäußerte Kritik als feindlich oder zerstörerisch gebrandmarkt werden konnte. Das war es aber nicht allein. Hinzu kam: Die beiden nahmen wegen ihrer Väter auch eine Sonderstellung ein.

Elisabeths Vater hatte in der Radara-Zeit die Höhere Humane Lehranstalt Sontamur verlassen müssen, die im gleichen Gebäude untergebracht war, in dem später die Komplexe Weiterführende Hauptoberschule „Tassilo Wander“ ihren Platz fand. Sein althergebrachten, humanistisch geprägten Vorstellungen verpflichteter Unterricht sowie seine strikte Weigerung, in die Radara-Partei einzutreten, waren den Vorgesetzten Grund genug, ihn als mitnichten geeignet zu betrachten, die heranwachsende Generation im Sinne der Radara-Ideen zu erziehen. Da ging es etwa um die Unterteilung der Menschheit in hoch- und minderwertige Rassen wie die offensive Propagierung des Rechts des Stärkeren, geltend auch im Bereich der Völker und Staaten. Im Zuge einer landesweiten ersten sogenannten Lehrkörperbereinigung steckte man ihn für einen Hungerlohn in ein Sonderarbeitskommando zur Pflege der städtischen Grünanlagen. Weil der Vater wenig später auch noch einen von den Radara-Leuten gesuchten Freund Unterschlupf gewährte, war er dann sogar verhaftet und in eines der berüchtigten Umerziehungslager gebracht worden. Er kehrte erst nach dem Krieg als todkranker Mann zur Familie zurück.

Hans Bergs Vater gehörte einer alteingesessenen Unternehmerfamilie an, hatte allerdings mit der Tradition gebrochen, war Dorfschullehrer geworden, hatte sich dann unter den Radara-Herrschaft, als er gleichfalls gefeuert worden war, als Landarbeiter durchgeschlagen. Nach dem Krieg bekannte er sich vorbehaltlos zur neuen Ordnung, die sich friedliche Beziehungen zwischen den Völkern und Wohlstand für alle auf die Fahnen schrieb, und übernahm in diesem Sinne auch Verantwortung. Er leitete lange Zeit eine der neu geschaffenen Landschulen des Kreises Sontamur. Der Name Werner Berg war in und um Sontamur ein Begriff und Hans Berg hatte zweifellos sein Gutes davon. Zudem stand er, der Sohn, im Ruf, in seinen Fächern Mathematik und Physik Außerordentliches zu leisten.

Komisch, dachte Berg, wenn er zurückschaute, ihm war es dreimal besser gegangen als den meisten anderen und, noch einmal, ihn hatte das alles im tiefsten Innern auch kalt gelassen. Da war er sich sicher. Für ihn hatte früh schon auf der Hand gelegen, dass der Albtraum nicht ewig dauern konnte. Druck erzeugt Gegendruck. Und bestimmte Entwicklungen in der Welt lassen sich nun mal nicht aufhalten. Das zu wissen, brauchte man nicht studiert zu haben. Und trotzdem und trotz der Tatsache, dass das alles nun auch schon wieder Jahrzehnte zurücklag; er träumte immer noch und vermehrt, seit er wieder in Sontamur war, von diesem verfluchten Lehrerzimmer mit dem knallgelben Ölsockel und den unausweichlichen Porträts an den Wänden.

Während des Umbaus traf er sich mit Elisabeth Simmens meist im Restaurant des Bergland Congress Centers. So hieß jetzt das frühere Zentrale Veranstaltungshaus des Kreises Sontamur. In dem langgestreckten Gebäudekomplex, dessen Tage gezählt waren, nicht weit davon wuchs ein vieldiskutierter Neubau empor, fanden auch die Philharmonischen Konzerte statt.

Bei einem ihrer letzten Treffen fragte Elisabeth, nachdem sie sich zunächst gründlich über jüngste Kapriolen in Politik und Wirtschaft ausgelassen hatten, das Feld gab wie fast immer mehr als genug an Stoff her, unvermittelt: „Was meinst du, was wird einmal aus uns? Ich meine, wenn es zu Ende ist. Hast du darauf eine Antwort? Ich kann zurzeit an nichts anderes denken.“

Er wusste nicht gleich, ja, in solchen Sachen war er wirklich nicht der Schnellste, was sie meinte, und muss in dem Moment ziemlich ratlos ausgesehen haben. Als der Groschen bei ihm endlich fiel, sagte er eine Reihe kluger Dinge. Es sei letztlich eine naturnotwendige, gesetzmäßige Geschichte, an der niemand etwas drehen könne. Das Einzige, was man machen könne, sei, diese letzte Periode in Würde hinter sich zu bringen, in größtmöglicher Würde, bis zuletzt aktiv sein also, sich über jeden Tag freuen und alles so gut es geht noch ein wenig auskosten. Berg wunderte sich selbst darüber, was ihm da so alles über die Lippen kam. Am Ende fiel ihm sogar noch ein, was einer der klugen alten Griechen einmal gesagt oder geschrieben haben soll: Wenn du lebst, geht der Tod dich nichts an. Und wenn du gestorben bist, braucht er dich im Grunde auch nicht zu interessieren.

„Das hast du gut gesagt“, meinte Elisabeth und ergriff seine Hand. „Das hast du wirklich gut gesagt. Man kann es sich nicht oft genug … aber wenn du dann unmittelbar davorstehst … das ist dann doch wieder eine andere Sache.“

Er erschrak, ließ sich aber nichts anmerken, sagte: „Sag doch nicht so was. Du bist doch kerngesund, vor allem schlank. Im Gegensatz zu unsereins. Hm, da fällt mir ein. Ich hatte einen Kollegen, auch Physiker, die spezielle Festkörperphysik war seine Spezialstrecke, also, der war nach einem Zuckerschock mal ein paar Tage bewusstlos. Du, der hat mir von einer Glocke erzählt, die er da im Dunkeln gehört hat, und von einem großen Licht. Seitdem hat er keine Angst mehr vor dem … Ende, hat er gesagt.“

Sie hatte dazu auf ihre feine, versonnene Art gelächelt und das Thema gewechselt. Drei Wochen später fand man sie gegen Abend auf einer Bank im alten Friedhof. Sie hatte in der Äußeren Hangsiedlung, gar nicht weit vom Anwesen der Bergs, eine Freundin besucht und es rückzu nicht mehr bis nach Hause geschafft. Es war ein ziemlich warmer Tag gewesen.

Beim Begräbnis wunderte sich Berg, dass niemand von der Leitung des nach dem Umsturz wiedererstandenen Höheren Humanums zugegen war. Elisabeth hatte schließlich dort noch einige Jahre unterrichtet. Dafür sah er in der Friedhofshalle eine Reihe Kollegen aus jener Zeit, als das stattliche gelbe Gebäude mit den hohen Bogenfenstern und klobigen Sandsteinsimsen noch Komplexe Weiterführende Hauptoberschule hieß, darunter Frauen und Männer, denen Elisabeth das Leben gelegentlich tüchtig schwer gemacht hatte. Sie brachte es fertig, ging es darum, einem Schüler oder einer Schülerin in bestimmten schwierigen Lagen aus der Patsche zu helfen, auch das Privatleben des einen oder anderen Kollegen rigoros mit in die Waagschale zu werfen. Nach dem Motto: Wenn ihr nicht Vernunft walten lasst, dann pack ich aus. Das mach ich, verlasst euch drauf. Wie kam sie jeweils zu dem bösen Wissen? Das war eine Frage für sich. Berg schwante einiges. Doch er dachte nicht im Traum daran, das Thema zu vertiefen. Dass die Kollegin viel zu wagen bereit war, um auch einen Zipfel vom Glück abzubekommen, ging ihn wirklich nichts an …

Warum war heute niemand vom Humanum gekommen? Das fragte er, als alles vorbei war, den neben ihm gehenden Fotografen Wolfram Engelhardt, der früher wie sich Berg zu erinnern glaubte in einem staatlichen Postkartenverlag in der Nachbarstadt Rüdersborn gearbeitet hatte. Seine zwei Söhne waren von Elisabeth unterrichtet worden und hatten ihr allerhand zu danken. Sie standen mehr als einmal aus Fleiß- und Betragensgründen kurz vor dem Abgang aus der „Komplexen“. Elisabeth hatte sich so intensiv um die beiden gekümmert, als wären es ihre eigenen Söhne gewesen.

Engelhardt, der ein steifes Bein und deshalb Mühe hatte, mit Berg Schritt zu halten, winkte nur verächtlich ab und brummte: „Sag ich doch, alles Verbrecher.“

Am „El Salvador“, dem großen, vielleicht sogar etwas zu groß geratenen Café im Zentrum von Sontamur, saß man schon draußen. Nun, es war Ende März und die Sonne hatte in den letzten Tagen merklich zugelegt. Voriges Jahr um die Zeit, dachte Berg, waren sie hier angekommen, begann der verrückte Umbau.

Er bestellte einen Espresso. Die Tische waren nur mäßig besetzt, weshalb er keine Mühe hatte, mit der Bedienung, einer großen Rotblonden, ins Gespräch zu kommen. Sie machen Ihre Sache gut und gern, es sehe für ihn jedenfalls so aus. Die junge Frau zuckte, verlegen lächelnd, mit den Schultern. Danke, danke. Sie überbrücke hier allerdings nur die Zeit bis September. Dann würde sie endlich Kunst studieren können. Drei Jahre hatte sie darauf warten müssen. Sie hatte sich mehrfach vergeblich für ein solches Studium beworben, war einmal auch in einem Losentscheid gescheitert. Ende vorigen Jahres klappte es dann mit Lapinta. Da habe sie es nicht einmal weit. „Meinen Glückwunsch und mein Kompliment. Haben nicht aufgegeben, das ist gut. Kann Ihnen nur das Beste wünschen“, sagte Berg. Kunst studieren, na ja, dachte er. Aber stand es denn um seine Wissenschaft besser? Vermutlich kaum.

Er wollte seinerzeit nicht unbedingt wieder an die Universität zurück. Es hatte eines Anstoßes von außen bedurft, dass es so kam. Als Elisabeth Simmens und er in Sontamur an die Schule mit dem furchteinflößend langen Namen gekommen waren, bestellte sie Direktor Siegfried Bollenhagen nach einigen Wochen zu sich, musterte sie kurz von oben bis unten und sagte mit todernster Miene: „Also, Kollegin Simmens, Kollege Berg, ja, wir müssen über eine Sache mal reden, mal ganz offen reden. Was den Eintritt in die Grundorganisation der Partei angeht, über den ihr euch sicher schon Gedanken gemacht habt, da haben wir im Moment eine besondere Situation, also, ich will gar nicht lange darum herumreden, damit müsst ihr euch, wie es aussieht, noch eine Weile gedulden. Denn es ist so, also, um es einmal so zu sagen: Wir haben in unserem Kreis im Moment eine besondere Situation. Wie ich schon sagte. Also, im Moment geht es vor allem darum, ich will es einmal so ausdrücken, in erster Linie die Rolle der werktätigen Schichten zu stärken und zwar auf allen Gebieten. Da müssen andere Belange, so wichtig und berechtigt sie auch sein mögen, momentan naturnotwendig ein wenig zurückstehen. Ihr versteht, was ich meine? Ja, so ist das nun mal. Die berühmte Einsicht in die Notwendigkeit. Manchmal muss man bereits sein, Opfer zu bringen. Nächstes Jahr um die Zeit kann die Situation schon wieder anders sein, wobei ich mich da jetzt natürlich nicht definitiv festlegen möchte, also, ihr versteht mich, nun dann, ihr wisst Bescheid, wir behalten das auf jeden Fall im Auge, keine Angst, ihr seid nicht vergessen, keinesfalls …“

Sie schütteten sich hinterher vor Lachen aus. „Hast du das gehört? Wir müssen uns noch etwas gedulden. Aber man wird uns nicht vergessen. Er hatte wohl Angst, wir würden anfangen zu heulen.“ Elisabeth hatte vor Lachen Tränen in den Augen.

Nach dem besagten Jahr war die Situation im Kreis Sontamur nicht anders und auch nicht nach dem folgenden Jahr. Die Partei, die vorgab, in erster Linie ein Organ der Arbeiter und Bauern zu sein und sich deshalb eine entsprechende Mitgliederstruktur verordnete, war in ihrem Winkel des Landes nach wie vor nicht an Zustrom aus anderen Schichten interessiert. Einige weitere Jahre gingen ins Land und man hatte offenbar vergessen, dass Simmens und Berg in gewissem Sinne noch vogelfrei waren. Und die zwei taten einen Teufel, von sich aus das Gedächtnis der Schulleitung aufzufrischen. Eines Tages holte sie das Thema aber dann doch wieder ein. Während einer Dienstbesprechung kam von vorn der Hinweis, dass es einige jüngere Kolleginnen und Kollegen gebe, denen es gut anstehen würde, zeigten sie ihre hoffentlich über jeden Zweifel erhabenen staatspolitischen Überzeugungen nun auch dergestalt, dass sie endlich einen bestimmten bedeutsamen Schritt vollzögen. Man erwarte, da nunmehr gewisse Hinderungsgründe, die in der fraglichen Sache zweifellos einmal bestanden hätten, hinfällig geworden seien, dass die Dinge baldmöglichst ihren Gang gehen würden. Als Simmens und Berg nicht wie gewünscht reagierten, die Parteigruppe wartete vergebens auf ein Zeichen von ihnen, hatten sie einzeln bei Bollenhagen anzutanzen. Elisabeth rutschte bei dem Gespräch die Bemerkung heraus, nachdem die Partei so lange ohne sie ausgekommen wäre, bräuchte man es jetzt mit einem Eintritt eigentlich auch nicht sonderlich eilig zu haben. Bollenhagen quittierte das mit einem vielsagenden Kopfschütteln. Das eben wolle er nicht gehört haben. Das sei kein Thema für Scherze. Da seien sie einer Meinung, entgegnete Elisabeth. Eben deshalb mache sie sich die Sache ja auch nicht leicht. Berg reagierte diplomatischer. Er möchte, sagte er, über alles erst noch einmal in Ruhe nachdenken.

Nachdem weitere Gespräche gleichfalls nicht das erwartete Ergebnis brachten, war absehbar, dass etwas passieren würde. Bald darauf, bei einer Zusammenkunft des Kollegiums, in der es um Planungen für das neue Schuljahr ging, teilte Bollenhagen mit: Zwei rein fachlich hochgeschätzte Angehörige des Lehrkörpers, bei denen jedoch in gewissen grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Fragen derzeit offenbar beträchtliche Unklarheiten beständen, würden gemäß eines Beschlusses der Schulleitung ab September nur noch in den Klassenstufen elf und zwölf unterrichten. Diese seien im Gegensatz zu den neunten und zehnten Klassen staatsbürgerlich so weit gefestigt, dass man eine derartige Verfahrensweise verantworten könne. Allerdings sei davon auszugehen, setzte Bollenhagen hinzu, dass diese Regelung angesichts der wachsenden nationalen wie internationalen Herausforderungen auf politisch-ideologischen Gebiet nur vorübergehenden Charakter haben könne. Der Schulleiter sagte an dem Nachmittag nicht, wen die Einschränkung betreffen sollte. Doch das konnte sich jeder denken.

Während Elisabeth nur die Schultern zuckte und meinte, man habe so viel schon überstanden, da werde man wohl auch mit diesem Unsinn schließlich irgendwie fertig werden, wandte sich Berg an seinen Professor in Mantribur, der ihn schon nach dem Studium am liebsten bei sich behalten hätte, und binnen weniger Tage war klar, dass er Sontamur adé sagen würde. Im September des Jahres stand er nicht vor den höheren Klassen der „Komplexen“, sondern war Wissenschaftlicher Oberassistent an der Gregor-Adler-Universität in Mantribur und machte sich Gedanken über ein Thema für eine Promotion. Als ein lohnendes Arbeitsgebiet gefunden war, sich für ihn mithin eine klar umrissene wissenschaftliche Perspektive abzeichnete, sagte ihm der Professor, nun sei es aber auch an der Zeit, einen gewissen unumgänglichen formalen Schritt zu tun. Er meinte den Eintritt in die Partei. Berg willigte sofort ein.

Als Elisabeth bei einem seiner nächsten Besuche in Sontamur das kleine ovale, goldgelb umrandete Abzeichen am Kragen seines Jacketts sah, lächelte sie mokant und sie hatten sich an dem Tag viel zu erzählen.

Nachdem Berg vier Jahre später seine Dissertation „Zu einigen ausgewählten Möglichkeiten der Transformation von Restwärme und deren potentielle Bedeutung für die Entwicklung der Volkswirtschaft“ mit Bestnote verteidigt hatte, widmete er sich weiter nach Kräften dem darin behandelten Teilbereich der energetischen Physik, der allgemeinen und besonderen Umwandlungslehre. Die damit in Zusammenhang stehenden Technologien wie der gesamte Energie-Spar-Denkansatz verloren später allerdings zunehmend an Bedeutung. So kam es, dass er die letzten Jahre an der Uni nur noch mit halber Kraft arbeitete und nach der Pensionierung auch wenig Lust verspürte, sich weiter mit seinem Fach zu befassen. Julia gefiel das ganz und gar nicht. „Es wäre besser, wenn du weitermachst, wenigstens ein bisschen, damit du halbwegs auf dem Laufenden bleibst“, sagte sie. „Du hast da so viel Mühe und Arbeit reingesteckt. Außerdem könnte es sein, dass du eines Tages nichts mehr mit dir anzufangen weißt. Ich darf gar nicht daran denken. Es war schließlich einmal dein Leben. Man muss doch aktiv bleiben. Das ist … vermutlich … für alle Belange gut.“ Vierzig Jahre Physik reichten ihm, konterte er und versprach, über ein neues Betätigungsfeld nachzudenken. Zu gegebener Zeit natürlich. Jetzt hätte er erst mal andere Sorgen.

Sollte er sich von der Rotblonden noch einen Schoppen Rotwein bringen lassen? In dem Moment sah er Julia aus Richtung Stadtkirche kommen. Sie hatte ihn gleichfalls entdeckt, winkte salopp herüber und dann saß sie auch schon mit am Tisch.

Das zweite, ältere, mit einem Granit geschmückte Grab, das Berg vorhin besuchte, rührte an Erinnerungen anderer Art.

Eines schönen Tages war Paul Brauner an der Komplexen Weiterführenden Hauptoberschule in Sontamur aufgetaucht und hatte auf geradezu unglaubliche Weise Furore gemacht. Es war eine eigenartige Geschichte, die Berg auch nach so vielen Jahren noch manches Rätsel aufgab.

Es war so gewesen: Direktor Bollenhagen überraschte das Kollegium mitten im Schuljahr mit der Nachricht, dass man für die nachmittags anberaumten geistigweltanschaulichen Zusatzseminare demnächst auf tatkräftige Unterstützung rechnen könne. Ein junger Mann aus der Städtischen Allgemeinbibliothek habe sich bereit erklärt, einen Teil der Stunden zu übernehmen. Bollenhagen bat darum, den Kollegen vertrauensvoll aufzunehmen und ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Berg wie auch Elisabeth kam das reichlich seltsam vor. Dergleichen Hilfe leisteten gewöhnlich Leute aus den Schulungsabteilungen der Partei - und Staatsorgane oder Mitarbeiter der expressis verbis mit geistig-weltanschaulichen Fragen befassten nachgeordneten Einrichtungen jener Organe.

Zur nächsten Dienstberatung kam Bollenhagen mit einem schlanken, schwarzhaarigen, einen sorgfältig gestutzten Kinnbart tragenden, den rechten Fuß leicht nachziehenden jungen Mann ins Lehrerzimmer und stellte ihn als Paul Brauner vor, Bibliothekar und Parteimitglied, sagte, das sei die letztens angekündigte Hilfe und Unterstützung und erteilte dem Leichtgewicht nachfolgend selbst das Wort. Berg traute bei den ersten Sätzen des Schwarzhaarigen seinen Ohren nicht. „Mein sehr verehrtes Kollegium, meine Damen und Herren, werte Genossen der Schulleitung, ich bin fast geneigt, zusammenfassend zu formulieren, hochgeschätztes gelehrtes Auditorium, ich danke herzlichst für die nette und über alle Maßen schmeichelhafte Vorstellung sowie für das superbe Vertrauen, das Sie mir hier in diesem Hohen Hause entgegenbringen“, ließ jener Brauner in einem Atemzug vom Stapel und fuhr fort: „Aus eben diesem Grunde möchte ich Ihnen aber auch von Anfang an reinen Wein einschenken. Bedenke das Ende, respice finem, sagt der Lateiner. Liebe Kollegen, liebe Kolleginnen natürlich, also, ich bin nicht Bibliothekar, wie der Genosse Direktor eben sagte, sondern – mit Verlaub – nur Hilfsbibliothekar. Nun, das hat seine tieferen Gründe, über die ich hier und heute nicht viele Worte machen möchte. Vorerst so viel: Nicht jeder Lebensgang verläuft kerzengerade. Man sollte aber auch nie die Hoffnung aufgeben. Es gibt immer einen neuen Tag, der alles oder manches jedenfalls wenden kann. Ich bin gerade dabei, auf dem Weg eines externen Fernstudiums das Versäumte nachzuholen. Darf ich Ihnen jetzt in wenigen Worten darlegen, wie ich mir die Gestaltung der geistig-weltanschaulichen Zusatzseminare denke …“ Es folgte ein halbstündiger Vortrag, in dem jedes Wort saß.

Elisabeth und Berg konnten sich nicht erklären, wie ein Hilfsbibliothekar mit offenbar zumindest in Teilen problematischer Biografie an ihrer Schule in so exponierter Form Fuß fassen konnte. Dass der Mann, der im Übrigen erst Anfang zwanzig war, darüber hinaus offenbar äußerst intelligent, wortgewandt und auf den ersten Blick auch kein schlechter Kerl zu sein schien, machte das Rätsel nur umso größer. Nun gut, jener Brauner, das blieb nicht lange verborgen, stand mit dem Sekretär der Schulparteileitung, Fred Gröger, auf vertrautem Fuß. Aber verwirrte das den Fall nicht noch mehr? Gröger war nicht dafür bekannt, dass von ihm irgendwelche nennenswerten Impulse ausgingen. Dass er sich die Mühe gemacht hätte, für den jungen Mann ein gutes Wort einzulegen, vielleicht gar willens war, Verantwortung zu übernehmen, vermochte sich beim besten Willen niemand ernstlich vorzustellen.

Als Elisabeth Brauner auf den Kopf zu fragte, wie er es denn fertiggebracht habe, so ohne weiteres in die berühmt-berüchtigte moralische Anstalt zu Sontamur vorzudringen, konterte der mit gewollt kalt blitzenden Augen: „Nun, wer es auf sich nimmt zu fragen, soll Antwort bekommen. Nur beherzt kommunizierenden Menschen kann geholfen werden. Eine Grunderfahrung allen menschlichen Seins und Wesens. Ich bin – um es mit wenigen, freilich prominenten Worten zu sagen – die Kraft, die Böses will und Gutes schafft“, lachte heiser und zitierte dann weiter ellenlang aus dem talantesischen Nationalepos „Des Meisters Höllenfahrt.“

Während Elisabeth schnell einen Draht zu Brauner fand und auch eine Zeit lang zu seinen uneingeschränkten Bewunderern zählte, hielt Berg eisern Abstand. Für ihn war der junge Mann ungeachtet seines betont höflichen Auftretens, seines imponierenden Wissens und Könnens, ohne dass er im einzelnen hätte sagen können warum, vom ersten Augenblick an der Scharlatan und Bruder Leichtfuß par excellence, der „uns“ gerade noch gefehlt habe, wobei mit „uns“ sowohl Elisabeth und er, die Schule in Sontamur als auch Staat und Gesellschaft gemeint waren. Damals dachte man - es ging oft gar nicht anders - für alle und jeden.

Als der Jüngere ihn einmal direkt ansprach, wurde seine Meinung keinesfalls besser. Ganz im Gegenteil.

Brauner fing Berg ab, als er gerade dabei war, nach getaner Abeit den Physikraum abzuschließen. Berg zog, wenig begeistert von dem Aufenthalt, den Schlüssel wieder aus dem Schloss. Drinnen teilte ihm Brauner im Flüsterton mit, eine Schülerin aus seiner, Bergs Klasse habe ihm selbstverfasste Gedichte zu lesen gegeben. Darunter seien einige politisch ziemlich bedenkliche Sachen gewesen. Er, Brauner, halte es für angebracht, ihn das als Klassenlehrer wissen zu lassen, vor allem im Interesse des Mädchens natürlich. Er möge nun tun, was er für richtig halte. Von ihm, Brauner, das sei hoch und heilig versichert, würde niemand etwas erfahren.

Berg räumte seelenruhig noch zwei Messingspulen vom Vorbereitungstisch in die unglaublichen Tiefen des noch aus Kaiserzeiten stammenden Wandschranks und meinte dann kühl, er werde gar nichts tun. Die Geschichte sei allein seine, Brauners Angelegenheit. Schließlich habe das Mädchen ihm und nicht ihrem Klassenlehrer die Gedichte anvertraut. Als Brauner widersprechen wollte, unterbrach ihn Berg mitten im Satz und erklärte kurz und knapp, möglicherweise auch ein wenig von oben herab, dass er bei seiner Meinung zu bleiben gedenke und nicht die geringste Lust habe, den Fall weiter zu diskutieren. Als sein Gegenüber daraufhin keine Anstalten machte, das Feld zu räumen, setzte er hinzu, dass er – falls der andere es noch nicht mitbekommen habe - das Gespräch als beendet betrachte. Brauner wurde knallrot, rang nach Luft, zischte etwas Unverständliches und suchte, den rechten Fuß noch ein Stück stärker als sonst nachziehend, das Weite. Elisabeth wusste sich wie Berg auf den Vorfall auch keinen rechten Reim zu machen, meinte allerdings, dass er um des Mädchens willen Brauner vielleicht doch nicht gar so brüsk hätte abfertigen sollen. Berg zuckte dazu nur die Schultern. Die Angelegenheit verlief im Sande. Er hörte nie wieder etwas von jenen angeblich bedenklichen Gedichten.

Als vor einiger Zeit eine Journalistin, die an einem Buch über den später noch zu trauriger Berühmtheit gelangten Brauner arbeitete, Berg in der Sache als Sontamurer Gewährsmann befragte, kam er auf diese Episode zu sprechen. Er hatte alle Mühe, der jungen Frau zu erklären, warum er damals so und nicht anders reagiert hatte.

„Ich musste in Sekundenschnelle eine Entscheidung treffen, musste, wissen Sie, hundert Dinge auf einmal abwägen. Ich wollte, verstehen Sie, niemandem schaden, musste aber auch darauf bedacht sein, dass ich mich nicht selber in irgendeiner Form ans Messer lieferte.“ Als die Journalistin ihn daraufhin fragend ansah, fügte er hinzu: „Na klar. Sie waren damals ja fast noch ein Kind. Also, es war so: Ich hatte zu überlegen, ob dieser Brauner ein ehrlicher Kerl war, ob er mich also aus wirklicher Sorge um das Mädchen ansprach oder ob er – was gleichfalls gut hätte sein können - im Auftrag der Schulleitung oder vielleicht sogar der bewussten Besonderen Organe handelte, ich also gewissermaßen getestet werden sollte. Ja, lachen Sie nicht. Damals musste man mit allem rechnen. War das Letztere nicht der Fall, meinte er es also ehrlich, wusste man wiederum nicht, ob er dichthalten kann beziehungsweise wie klug oder unklug er sich in nächster Zeit aufführen würde. Gehörte er zu den in dieser Beziehung glücklosen Zeitgenossen, verstehen Sie, wäre dem Mädchen kaum geholfen gewesen. Es hätte im Gegenteil unter Umständen alles noch viel schlimmer kommen können. Je mehr damals über eine Sache – und sei es in bester Absicht - geschwafelt wurde, umso schwieriger wurde es. Nichts sagen, die Klappe halten, sich notfalls ein bisschen dumm stellen, war unter Umständen immer noch das Beste. Gut, ist heute schwer zu verstehen. Aber es gab Leute in der Partei und sonst wo, die handelten nur, also griffen nur durch, verstehen Sie, wenn es für sie eine triftige Veranlassung gab. Wenn sie nichts erfuhren, jedenfalls offiziell, machten sie nichts oder taten nur das Nötigste. Zurück zu Brauner. Wenn er es nicht ehrlich meinte, also im Auftrag von XYZ handelte, war es wiederum so: Wenn ich da auch nur einen Anschein von Sorge um das Mädchen erkennen ließ, bedeutete das nicht nur, dass ich wenn schon nicht ein heimlicher Feind des Staates so doch zumindest ein unsicherer Kantonist sein könnte; es bedeutete darüber hinaus auch, dass ich das Mädchen für fähig hielt, bedenkliche Dinge zu Papier zu bringen. Das war die Crux, verstehen Sie? Es hätte ja sein können, dass die Geschichte mit den Gedichten nur erfunden oder ganz harmlos war. So weit alles klar? Ja? Gut. Gut, ich hätte sagen können, ich wolle erst mal mit dem Mädchen reden. Doch da hätte ich mich auch in die Bredouille gebracht. Denn: Hätte sie tatsächlich derartige Gedichte fabriziert, hätte ich mich entscheiden müssen. Ich hätte es in irgendeiner Form weitergeben, melden müssen, wodurch ich garantiert mindestens die halbe Klasse gegen mich aufgebracht hätte. Und das Mädchen wäre vermutlich erledigt gewesen. Hätte ich es nicht gemeldet, na da erst, da wäre ich sozusagen zum Komplizen geworden und Brauner hätte mich ohne weiteres ans Messer liefern können. Und das Mädchen natürlich auch. Ja, in diesen Sekunden ging es um einiges. Da hieß es, den besten von zehn schlechten Wegen zu gehen. Es ging nicht anders. Jetzt habe ich aber viel geredet, tut mir leid.“

„Nein, nein, das ist alles interessant, mehr als interessant. Hm, und das, was Sie gemacht haben, war das Richtige?“, wollte die Journalistin wissen. Berg lächelte generös: „Ja. Natürlich. Sehen Sie: Indem ich nicht reagierte, indem ich nichts machte, kam ich nicht in Zugzwang. Brauner war derjenige, der handeln musste, und er war es auch, der womöglich am Ende vor Schülern und Eltern als Übeltäter dastand. Mir konnte im Grunde nichts weiter passieren, als dass man mir hätte vorwerfen können, einer Schülerin zu sehr vertraut zu haben. Das hätte ich gerne auf mich genommen. Hatte in der Richtung schon einiges einstecken müssen. Ich war, das darf ich sagen, für dergleichen ‚Untaten‘ an der Schule mittlerweile schon bekannt. Und das ließ man in der Regel auch durchgehen. Gerade noch jedenfalls … Aber halt, ich will ganz ehrlich sein, auch wenn … also ich gebe zu, ich will Ihnen keinen blauen Dunst vormachen, es war andererseits auch so: Man war ja schon einige Jahre Lehrer. Ich konnte mir nebenbei bemerkt auch nicht vorstellen, dass die betreffende Schülerin tatsächlich ein Problemfall war oder werden könnte. Bei einer solchen Sachlage, nun, da hätte ich mich vielleicht sogar anders verhalten, hätte mit dem Mädchen gesprochen und wir hätten uns was einfallen lassen, wie wir die Staatsgewalt sozusagen milde stimmen oder ein wenig an der Nase herumführen könnten. Falls das Mädchen willens war, zu Kreuze zu kriechen. Im andern Fall wäre guter Rat teuer gewesen. Wollen lieber gar nicht daran denken. Ich habe übrigens, um die verflixte Story abzurunden, mit meiner Lesart der Geschichte richtig gelegen. Gute Frau, das Mädchen hat brav Ökonomie studiert und es später immerhin zur stellvertretenden Leiterin eines großen Chemiekombinats gebracht.“

Die Journalistin klappte an der Stelle das Notizbuch zu, schien einen Moment nachzudenken und sagte dann: „Also, mal nur so für mich: So ging das damals wirklich zu, das war sozusagen normaler Alltag, dieses ständige Überlegen und Abwägen, ob und wie man es richtig macht? Da konnte man ja verrückt werden.“

Berg wurde wenigstens einen halben Kopf größer: „Ja, klar. Das war so. Und soll ich Ihnen was sagen? Wenn Sie es für sich behalten: Manchmal hat es sogar Spaß gemacht. Manchmal. Hammer oder Amboss. Das war die Frage.“

Nach dem Vorfall mit den Gedichten sah sich Berg in seinem wenig günstigem Urteil über Brauner bestätigt. Dessen Retourkutsche ließ im Übrigen nicht lange auf sich warten. Berg bekam von Kollegen zugetragen, dass jener mehr als einmal sacht anklingen ließ, der allseits beliebte Physik- und Mathematiklehrer Hans Berg sei in Wahrheit ein beschränkter Spießer, ein Untertan, wie er im Buche stehe. Er wäre zu feige, für eine Schülerin, die um ein Haar in eine schwierige Lage geraten wäre, einzutreten etc.

Elisabeth stand dem jungen Mann eine Zeit lang recht nahe, was Berg nicht zuletzt auch mit ihren Fächern, sie unterrichtete Sprachlehre und Literatur, in Verbindung brachte. Der Bursche schien außerordentlich belesen zu sein und schrieb wohl selbst auch. Elisabeth räumte ein, Brauner gegenüber manchmal fast schon Komplexe zu haben. Im Vergleich zu ihm, sagte sie, klebe sie viel zu sehr an dem, was in den Lehrbüchern stehe. Sie bete im Grunde nur nach, was andere vor tausend Jahren schon herausgefunden hatten. Berg wollte das mitnichten so sehen, gab aber auch nicht alles preis, was er dachte. Die Kollegin hatte auf dem Terrain wohl schon einige Reserven Er sagte: „Ach was. Du dramatisierst das alles wieder mal maßlos. Soll ich dir sagen: Der Kerl hat das an Selbstbewusstsein zu viel, was du zu wenig hast. Leider. Und ich sag dir: Das wird dem Burschen noch gewaltig auf die Füße fallen. Und unabhängig davon, was er auf dem Kasten hat: Ich trau ihm nicht. Ich sag dir: Mit dem Knaben stimmt was nicht. Ich will niemandem zu Unrecht etwas anlasten. Aber nimm nur seinen Blick, da ist etwas Unruhiges, Flackerndes drin. Er ist, das sage ich dir auf den Kopf zu, in Wahrheit ein Halunke allererster Güte. Gerade die ganz Schlauen, Superintelligenten, die – aber das willst du ja immer nicht wissen – die sind oft in Wahrheit die größten Hundesöhne …“

Berg hegte schließlich sogar den Verdacht, dass sich zwischen seiner Kollegin und dem zehn Jahre Jüngeren etwas angesponnen hatte, was Züge einer Liaison trug. Zuzutrauen war das der Kollegin, die kein Geheimnis daraus machte, dass sie nach wie vor auf der Suche war. Als sich abzeichnete, dass Brauners Zeit bei Elisabeth vorbei war, niemand erfreute sich in der Regel – was gleichfalls kein Geheimnis war - ihrer Zuneigung länger als ein, zwei Monate, fragte Berg, als er sie nach dem Unterricht zum Parkplatz begleitete, halb im Scherz, wer in Sachen Simmens & Brauner möglicherweise bei wem abgeblitzt sei. Elisabeth angelte aus ihrer Mappe ihre Sonnenbrille hervor, setzte sie betont lässig auf, griente frech und zitierte einen Klassikervers, der in besagte, dass wer in dieser Welt irgendwie oder irgendwo auf plausible Antworten hoffe, ein unverbesserlicher Narr sei. Von der Zeit an, glaubte sich Berg zu erinnern, begann sie den eloquenten Bibliothekar nur noch kurz und schmerzlos „Brauni“ zu nennen.

Der Geheimnisumwitterte verschwand zwei, drei Jahre später unter seltsamen Umständen aus Sontamur. Es hieß, er habe im Zug irgendwelche kreuzgefährlichen Flugblätter verteilt, sei deshalb für eine Weile ins Gefängnis gekommen und danach in einer Kreisstadt hoch oben im Norden gelandet, wo er angeblich als Dramaturg an einem kleinen Theater sein Glück versuchte.

Berg sah Brauner nach gut zehn Jahren in Mantribur wieder. Er stand ihm eines Tages an der Straßenbahnhaltestelle vor der Universität gegenüber, hatte einige graue Strähnen im Haar, schien aber ansonsten ganz der Alte zu sein. Er war nach wie vor ein gutes Stück vom Wohlgenährten entfernt, hielt sich wie gehabt leicht gebückt und lächelte wenigstens so aufreizend wie seinerzeit in Sontamur. Er war es auch, der als Erster die Sprache fand: „Na, das ist aber eine Freude, Berg, hehrer, hochgeschätzter, vom edlen Geist der Kritik und Selbstkritik erfüllter Freund aus besseren Sontamurer Tagen. Ja, das mein ich ernst. Aber lassen wir das Nostalgische, ein bei aller séduction, Verführung, letztlich sehr fragwürdiges Lebenselelixier. Wir sind doch ganze Kerle, oder? Im Übrigen: Muss ich jetzt schon Herr Professor sagen? Ja, es hat sich sogar bis in meine bescheidenen Plebejer-Kreise rumgesprochen, dass Sie sich in einem kühnen Entschluss aus der Provinz fortgegeben haben und im Zuge dessen wie es aussieht gewaltig nach oben gefallen sind. Vom gar artigen Schulmeisterlein – pardon, ein kleiner Scherz, petit plaisir – zum graduierten Physikus. Fleißig, fleißig. Fleißig muss man heutzutage schon sein und auch ein wenig beflissen natürlich. Gratuliere Ihnen dennoch von Herzen. Das ist hier zwar alles in allem, verglichen mit den wirklichen Metropolen dieser Welt, auch nur ein Nest, aber es ist schon ein ziemlich großes. So weit, so gut. Was soll ich noch sagen. Besuchen Sie mich doch mal, Sie haben doch sicher noch Kontakt zu Elisabeth. Würde mich freuen, wieder etwas über sie und auch dieses und jenes andere aus dem Land der sanften Berge zu hören. Glauben Sie’s nur, so hieß der Winkel da unten. Hab ich seinerzeit bei meinen historischen Studien rekognosziert. Man hat’s nur nicht glauben und hören wollen. Nun, was mich betrifft, ich habe die Hände seither auch nicht in den Schoß gelegt, wahrlich nicht, war unausgesetzt unterwegs auf diesem bemitleidenswerten Planeten und bin natürlich auch jetzt ziemlich eingespannt. Angelegenheiten, die keinen Aufschub dulden. Bei schwerer Strafe. Die Geschichte, wie wir wissen, kann unerbittlich sein. Aber nun gut. Freunde, nicht diese Töne … aber dass sich heute unsere Erdenwege gekreuzt haben, das ist … ist schon was, wir alten Sontamurer … müssen doch zusammenhalten oder nicht? Ach, Sontamur, wenn ich das mal so sagen darf, war schon nicht das Schlechteste, obwohl na ja, wir wollen es mal nicht mit dem wirklichen Leben verwechseln, ha ha ha …“

Berg, der vor Schreck und Unmut kaum die Hälfte verstanden hatte, zog ein Gesicht und fragte – etwas Besseres fiel ihm nicht ein: „Was machen Sie denn hier?“

Der andere reckte das Kinn vor, fuhr sich mit der rechten Hand geziert durch den wie ehedem fein gestutzten Bart, ließ die Augen ganz wie in jenen bewussten besseren Tagen bedeutungsvoll blitzen und warf leicht näselnd hin: „Nun was so mancher letztlich wohl vergeblich auf die Welt gekommene erwählte Geist eben so macht. So gut wie nichts, jedenfalls nichts Bedeutendes. Unser aller Schicksal. Bin seit geraumer Zeit sozusagen Privatier, freier Übersetzer, Schriftsteller und Historiker. Ich bin … ach, am besten, ich wiederhole mich gern, Sie besuchen mich mal, das kann man nicht in wenigen Sätzen erzählen … ich muss jetzt auch weiter … man erwartet mich, wie ich schon sagte, in dringenden Angelegenheiten, ja es tut sich schließlich was in der Welt … halt, ich wohne, das ist leicht zu merken …“ Er nannte eine Adresse am Trossenfeld, dem selbst in den kreuzbraven, penibel reglementierten Zeiten der Freien Republik Talanta schon berühmtberüchtigten, von ernsthaften Naturen strikt gemiedenen Künstlerviertel der Hauptstadt.

Berg, der es tunlichst bleiben ließ, dort aufzukreuzen, begegnete Brauner, es mochte zwei, drei Jahre vor dem großen Umschwung gewesen sein, noch einmal in Sontamur. Er lief ihm in dem kleinen Park vor dem Bahnhof in die Arme. Brauner, der unruhig um sich blickend wieder mal die Nervosität selbst zu sein schien, deutete nach einem hastigen Gruß an, dass er in besonderer Mission in der Stadt sei, es hänge, soviel dürfe er ungeschützt sagen, mit der neuen politischen Gesamtlage zusammen. Er sei in großer Eile, es komme unter Umständen auf Minuten und Sekunden an, weshalb er gleich in medias res gehen wolle. Wie denkt er, Berg, denn darüber, was da jetzt draußen in der Welt so vor sich geht? Das sei doch phänomenal, nicht? Da komme doch endlich mal was in Bewegung. Brauner spielte, soviel war klar, auf die überraschende Entwicklung in Sarkundien an, dem großen Land im Osten, wo seit kurzem ein Mann an der Spitze stand, der offenbar bereit war, vieles, an dem seine Vorgänger unbeirrt festgehalten hatten, über Bord zu werfen, der mit Volk und Vaterland grundlegend anders, offener und freizügiger, umzugehen gedachte.

Berg hatte zu dem sarkundischen Parteiführer, dem damals alle Welt zu Füßen lag, ein gespaltenes Verhältnis. Er glaubte im Grunde nicht, dass jener seinen Ankündigungen auch Taten folgen lassen würde. In Sarkundien war schon manches verlautbart worden, was sich hinterher als blauer Dunst erwies. Sollte es dieses Mal wider Erwarten anders sein, war wiederum zu fragen, ob aus einem solchen elementaren Umbruch unbedingt Gutes erwachsen würde. Das Riesenland brauchte nach seinem Dafürhalten keine großen Worte und unbedachte radikale Veränderungen gleich gar nicht, sondern eine in aller Ruhe und Besonnenheit vor sich gehende ehrliche Bestandsaufnahme und ein gründliches Abwägen dessen, was schnell und was wohl erst in ferner Zukunft besser zu machen wäre. Dann ließe sich weiter sehen. Berg hatte keine Lust, sich mit einer dubiosen Figur wie Brauner darüber auf eine Diskussion einzulassen, sondern stellte sich aufreizend dumm. Er wisse nicht so recht, sorry, was der andere meine. Könnte er, Brauner, die Frage noch einmal und wenn möglich ein My präziser wiederholen? Brauner lächelte böse und stieß hervor: Das glaube, wer will. Berg zuckte die Schultern: Doch doch, er beliebe keinesfalls zu scherzen. Im Übrigen, falls das der andere es nicht mehr wissen sollte, interessiere er sich nicht für Politik. Das sei nie seine starke Seite gewesen. Da lief der andere rot an wie seinerzeit während der leidigen Szene im Physikraum der „Komplexen“ und keuchte, er, Berg, der große, so wunderbar über den Dingen stehende Berg, werde diesen Tag und diese Stunde noch bitter bereuen, drehte sich brüsk weg und war verschwunden.

Die Brauner-Geschichte war damit noch nicht zu Ende. Eines Tages sollte Berg sogar noch den Weg in das Mantribuer Hinterhofquartier des Unglücksraben finden. Da war inzwischen freilich allerhand passiert.

Die Freie Republik Talanta, in der Berg großgeworden war und die ihm manche schwierige Stunde beschert hatte, gab es zu der Zeit schon nicht mehr. Die allmächtige Geeinte Sozialistische Arbeiter- und Bauernpartei (GSABP), die jahrzehntelang nach Belieben schalten und walten hatte können, war binnen weniger Wochen – wer hätte gedacht, dass das je sein kann – in der Bedeutungslosigkeit versunken. Es hatte im September jenes Schicksalsjahrs mit kleineren Demonstrationen für Reisefreiheit, eine bessere Versorgung, ein faires Prozedere bei Wahlen, die Zulassung oppositioneller Parteien und anderem angefangen. Die Aufmärsche schwollen an, immer öfter wurden dort jetzt auch Forderungen nach einer neuen staatlichen Ordnung, nach neuen Kräften an der Spitze und einer glasharten Abrechnung mit dem herrschenden Regime laut und - nichts passierte. Zehn, vielleicht sogar noch fünf Jahre zuvor wäre das undenkbar gewesen. Doch es war nun mal so. Polizei oder Militär gegen die aufgebrachten Massen einzusetzen, wagte man nicht mehr. Selbst dem verstocktesten Parteisoldaten schwante wohl, dass das man damit endgültig erledigt wäre. Wenn es überhaupt noch möglich war, die betreffenden Verbände bedingungslos gehorchen würden. Auf Schützenhilfe von außen war angesichts der jüngsten Entwicklung in Sarkundien auch nicht zu hoffen und so wankte und stürzte die Republik, die einmal mit so großen Verheißungen angetreten war. Und es sah ganz danach aus, als ob bald das alte, säuberlich nach Arm und Reich geordnete, von Beamtenklassen, Diensträngen und willfährigen Eliten geprägte Groß-Talanta wiedererstehen würde. Freilich nun unter anderen, demokratischen Vorzeichen. Berg, dem das von Anfang an klar war und der darum nicht so recht wusste, was er von der ganzen Sache halten sollte, staunte nicht schlecht, als er eines Abends zu allem Überfluss auch noch Paul Brauner im Fernsehen sah. Und konnte das sein? Er wurde als zentrale Figur der landesweiten oppositionellen Bewegung vorgestellt. Wie Berg den gertenschlanken, sich leicht gebeugt haltenden, den rechten Fuß nachziehenden Brauner vor Augen hatte, in dem Moment, wurde er später nicht müde zu versichern, sei ihm auch der letzte Rest Freude an den stürmischen Ereignissen vergangen. Er wäre sich von da an sicher gewesen, dass man mit diesem Mann und überhaupt einen Riesenreinfall erleben würde.

Doch danach sah es zunächst nicht aus. Brauner gab in jenen bewegten Herbsttagen pausenlos Interviews und wurde in den Nachrichten an der Seite von Spitzenpolitikern aus den westlichen Nachbarstaaten gezeigt. Ein Staatsmann, der sich um den Frieden auf dem Kontinent in besonderer Weise verdient machte, weil er in mehreren strittigen Grenz- und Vermögensfragen klugerweise nachgab oder für das Finden einvernehmlicher Lösungen eintrat, schloss den Newcomer so ins Herz, dass er ihn zu seinem legitimen politischen Enkel erklärte. Er bescheinigte ihm wie manche andere westliche Galionsfigur in diesen Tagen eine seinesgleichen suchende exzellente Intellektualität und Redegabe.

Als der Frühling nahte und in dem gut vier Jahrzehnte mehr oder weniger – es kommt auf den Blickwinkel an – diktatorisch regierten Land die ersten freien Wahlen vor der Tür standen, kam das böse Erwachen. Manfred Brauner, der Spitzenkandidat der neugegründeten Gemäßigten Sozialen Partei, allgemein schon als sicherer Sieger der Abstimmung betrachtet, wurde in einem Nachrichtenmagazin als jahrelanger Aktivposten jener Geheimen Organe entlarvt, die in der Freien Republik Talanta ein gespenstische Ausmaße angenommenes Spitzelsystem unterhalten hatten. Es gab noch ein wenig Hin und Her, da Brauner zunächst alles leugnete, bis er dank mehrerer eindeutiger Aktenbelege zweifelsfrei überführt war. Als ihn danach die Boulevardblätter aufspürten und mit fortgesetzten abstrusen Unschuldsbeteuerungen zu Wort kommen ließen, dabei nicht vergaßen, genüsslich das vor Schnapsflaschen und prallgefüllten Aschenbechern schier berstende Trossenfelder Hinterhofzimmer ins Bild zu bringen, bekam Hans Berg Anrufe aus Sontamur.

Er traute seinen Ohren nicht. Brauner hatte dort tatsächlich noch Freunde und sie baten ihn, Berg, wenn es irgend ginge, am Trossenfeld nach dem Rechten zu sehen. Sie selbst seien in der Frage machtlos, da Brauner niemand sehen wolle. Allenfalls Prof. Dr. Berg, habe er gesagt, würde er die Ehre erweisen. Wenn er seinen guten Tag habe.

Berg war in der Frage nicht wohl zumute. Zum einen fragte er sich, was ausgerechnet er, der nie einen Draht zu dem Enfant terrible hatte, jetzt bei ihm ausrichten sollte. Außerdem war ihm auch die Zeit zu schade. Er hatte, an der Universität, wo damals alles drunter und drüber ging, genug mit sich selber zu tun. Andererseits wollte er die Sontamurer, es waren Leute, die er ausnahmslos in guter Erinnerung hatte, nicht enttäuschen und so besuchte er Brauner einige Male in dem unwirtlichen Trossenfelder Mansardenzimmer, das zwei schmale Fenster zum Hof hatte, die so ungünstig lagen, dass nur um die Mittagszeit etwas Sonnenlicht hereinfiel.

Brauner, der jedes Mal sturzbetrunken war, lag bei zugezogenen Vorhängen im Bett und machte sich über die Grüße, die der Besucher überbrachte, in verletzender Weise lustig. Einmal war es besonders schlimm. Brauner sprang, kaum dass Berg herein war, aus dem Bett, warf sich seinen verwaschenen, grün-weiß gestreiften Bademantel über und begann mit knallrotem Gesicht hastig auf und abzugehen: „Ach, hören Sie doch auf, Sie neunmalkluger Wanderer zwischen den Welten … das sind doch alles Sentimentalitäten, fatalste Sentimentalitäten, ach diese Tangojünglinge, geborenen Schwachmatikusse, Hoffmannschen Tagträumer, rotzerbärmlichen Flachmannexistenzen. Das ist doch alles ohne Evidenz, von einer wie immer gearteten Konsistenz, ha, ganz zu schweigen. Als ob es jetzt darauf ankommt, wie es einem wie mir geht! Zurzeit, hören Sie, ereignet sich Weltgeschichte. Mann, es geht um Weltgeschichte und was ist? Sie wird von einigen alten Narren gemacht. Wie immer schon. Vraiment diableux. Aber das begreifen diese geborenen Schwachköpfe da unten nicht. Sie, Berg, sind aus einem anderen Holz geschnitzt, in einigen wenigen wahrnehmbaren Teilen zumindest. Wollen es mal nicht gleich übertreiben. Von mir kriegen Sie keine Lobhudelei zu hören. Ich halte es mit der Wahrheit, habe es immer mit der Wahrheit gehalten. Hab es jedenfalls versucht. Nachfolgende Generationen werden das … Sie sind Wissenschaftler, ach, wenn Sie wüssten, wie ich Sie beneide. Physik, ja, das ist etwas Richtiges, da hat man festen Boden unter den Füßen, da kann man nicht einfach kotzfrech über alles und jedes hinwegsülzen wie … in Literatur oder Geschichte, ha, von der scheiß Politik gar nicht zu reden. Da kann man gleich in den Puff gehen. Ach, das ist doch alles zum sich in die Kreissäge werfen, ich weiß wovon ich rede, hab auch mal in einem Sägewerk gearbeitet, nur kurz, versteht sich, bin ja nicht auf den Kopf gefallen, hab einen schöner Bestarbeiter abgegeben, vraiment …“

Brauner füllte ein weiteres Glas mit dunkelbraunem, nicht gerade vertrauenswürdig ausschauendem Weinbrand, kippte das Quantum hinunter, hielt sich, ins Wanken geraten, bei Berg am Ellbogen fest und stieß hervor: „He, Mann der Wissenschaft, jetzt mal ernsthaft: Sagen Sie, was halten Sie von mir? Berg, nun mal raus mit der Sprache! Was halten Sie von Paul Manfred Flavius Kajetan Brauner, dem Hilfsbibliothekar, Frauenschwarm, Dichter, Geheimverschwörer, Stückeschreiber, Parteiengründer, Revoluzzer, Verfolgten, Gedemütigten, Beleidigten, von Welt und Geschichte durch den Kakao Gezogenen, he, nun reden Sie schon, sagen Sie was, bin ganz Ohr, ausnahmsweise …“

Berg winkte unwirsch ab: „Was ich von Ihnen halte, tut nichts zur Sache. Sie müssen versuchen, jetzt und hier wieder auf die Beine zu kommen, verdammt. Das Leben ist doch noch nicht zu Ende.“

Brauner ließ sich mit einer chevaleresken Geste aufs mitleiderregend quietschende Bett plumpsen. „Ha, ganz der Wissenschaftler, tut alles nichts zur Sache, das Leben bleibt lebenswert, weil man noch ein paar Reagenzgläser schütteln kann, ha, Narr in Christo, Mann ohne Herz, ohne Charakter, ohne Schneid. Ich konnte nicht so sein, ich war ein Esel, ich wollte … und was heißt überhaupt wieder auf die Beine kommen? Mir geht es glänzend! Glänzend! Hören Sie mal: Ich schreibe zurzeit an einem epochemachenden Geschichtswerk. Eine vergleichende Betrachtung der Punischen Kriege und danach mache ich mich an die großen Bauernrevolutionen, ja, da staunen Sie, aber es wird Zeit, dass da mal einer Licht ins Dunkel bringt, ohne eine wirklich detaillierte, sauber fundamentierte Geschichtskenntnis, Historia magna präferenza, ist doch …“

Brauner stockte, strahlte ihn ungut an und sagte: „He, ich weiß, Sie haben nie viel von mir gehalten. War doch so, nicht doch, machen Sie sich mal gefälligst nicht kleiner, als sie sind. Deshalb red ich ja gerade mit Ihnen, nein, mit Ihnen habe ich keine Probleme, ich brauche diesen an Verachtung grenzenden Widerspruch, ich bin der Geist, der stets, ja, derjenige welcher, aber das wissen Sie ja, das hat Ihnen Elisabeth sicher erzählt, Sie können Sie von mir herzlich grüßen … wie sie damals immer geguckt hat, wenn ich ihre Dichter, die sie jahrzehntelang nach allen Regeln der Kunst missverstanden hat, ha, zitiert habe, meterweise, ja das hatt ich drauf, weiß auch nicht wie, überhaupt, was ich schon die ganze Zeit sagen wollte, also die Literatur, wenn es … aber überschätzen sollte man sie nun auch wieder nicht, wir wissen ja alle …“

Berg unterbrach ihn: „Nun machen Sie mal einen Punkt. Sie haben Recht. Ich habe nicht viel von Ihnen gehalten. Sie waren mir von Anfang an total unsympathisch. Geschenkt. Aber hören Sie: Was Sie jetzt mit Ihren Freunden in Sontamur machen, die sich trotz allem, was Sie auf dem Kerbholz haben, um Sie Sorgen machen, die nur das Beste wollen, das ist nun wirklich der Gipfel, reißen Sie sich doch mal zusammen …“

Brauner winkte lässig ab, stand auf, nahm wieder einen tüchtigen Schluck Weinbrand, lachte klirrend und keuchte:

„Hauen Sie ab, Professor, hauen Sie endlich ab, Sie reißen die Welt auch nicht ein, hauen Sie ab, ehe ich es mir anders überlege und Sie in der Luft zerreiße, haach, huuch, raus, aber dalli …“

Hat Brauner ihm gegenüber Näheres über seine Sache, mögliche Motive dafür, Zwänge, denen er vielleicht ausgesetzt war, was auch immer, gesagt? Wurde Berg das später gefragt, beschrieb er, wenn ihm, was nicht oft vorkam, danach war, von den Besuchen in der Mansarde zu erzählen, zwei wechselnde Verhaltensweisen. Entweder stritt der andere alles unverblümt ab, schwadronierte von einer raffiniert eingefädelten Intrige, die in den nächsten Tagen schon aufgedeckt werde, wonach er mit großem Pomp rehabilitiert und es allen heimzahlen würde, tüchtig heimzahlen, nach Strich und Faden, ha, denn nicht er sei ein Verräter, sondern diese ganze Aasbande von alten und neuen Apparatschiks, heute so und morgen so …

Im andern Fall räumte er die Vorwürfe unbenommen ein, fabulierte dann aber von einem geheimen Aufstand gegen Partei und Regierung als Hintergrund, den er mit einigen wenigen Mitverschwörern, die inzwischen alle umgekommen, grausam umgekommen wären, warum, könne man sich denken, geplant habe und der ja schließlich auch, wie mittlerweile alle Welt erfahren hat, zum Erfolg geführt habe. Nur von ihm und seinen treuen Wegbegleitern wolle jetzt niemand mehr etwas wissen …

Berg stellte die Besuche bei Brauner schließlich ein. Er hatte wahrlich anderes zu tun, als sich in der Trossenfelder Mansarde stundenlang im Kreis zu drehen. Es tue ihm leid, ließ er die Sontamurer Freunde wissen, aber der Mann sei in jeder Beziehung am Ende, suche im Grunde nur noch den Tod. Keine Macht der Welt könne da mehr etwas ausrichten. Kurz darauf las er in der Zeitung, dass Brauner in jene nördliche Provinzstadt verzogen sei, in der er Jahre zuvor schon eine Zeit lang seine Zelte aufgeschlagen hatte. Dort werde er, hieß es weiter, von der Frau eines Geistlichen gepflegt. Ein knappes Vierteljahr später meldeten die Abendnachrichten, der seinerzeit als Spitzel enttarnte einstige Hoffnungsträger der Gemäßigten Sozialen Partei Paul Brauner sei im Alter von fünfundfünfzig Jahren an Herzversagen gestorben. Berg wusste es besser. Er hatte sich tot getrunken.

Dieser Mann, dachte Berg, wie er so vor dem „El Salvador“ in der Sonne saß, hat einmal die Komplexe Hauptoberschule und halb Sontamur dazu verrückt gemacht. Bis in den Altenclub war er mit seinen Vorträgen vorgedrungen, das städtische Sinfonieorchester verpflichtete ihn, wenn ein Melodram aufzuführen war, als Sprecher, die staatliche Frauenvereinigung vertraute ihm die Organisation ihrer Bälle an, kurz: Alt und Jung lag ihm zu Füßen. Kein Wunder, dass es ihn nicht lang in der Bibliothek hielt und er in kurzer Folge an verschiedenen Schaltstellen der Jugendorganisation oder des staatlichen Kulturbetriebs zu finden war. Dass er nirgendwo länger blieb, tat seiner Gloriole keinen Abbruch. Selbst erfahrene, als absolut integer geltende Leute wie der in der Radara-Zeit durch schlimme Prüfungen gegangene Parteiveteran Walter Kipp schworen bis zuletzt auf ihn. Und war es denn, als seine Verfehlungen ans Licht kamen, mit der irrwitzigen, keiner rationalen Betrachtung standhaltenden Verehrung zu Ende? Mitnichten. Einflussreiche Sontamurer Anhänger setzten alle Hebel in Bewegung, damit Brauner auf dem hiesigen Friedhof bestattet wurde. Die Menge, die - als es soweit war – dem Mann das letzte Geleit gab, soll kaum zu übersehen gewesen sein.

Berg lehnte sich zurück. Er hatte ihn nie beneidet. Im Gegenteil. Was für ein Gedanke überhaupt …

Vor kurzem war „Ein Doppelleben im Schatten der Macht“ erschienen, das Buch der Journalistin Kerstin Grothe über Paul Brauner. Berg, der zu den Sontamurer Zeitzeugen gehörte, die Grothe zu Rate gezogen hatte, bekam ein Exemplar zugeschickt. Er fand darin in der Tat manches, was diesen verqueren Lebenslauf nicht in Gänze, aber doch zu guten Teilen erklären half. Bereits bei seinem wortgewandten Auftritt vor dem Kollegium in der Komplexen Weiterführenden Hauptoberschule war Brauner danach kaum mehr zu retten gewesen. Sein Unglück rührte schon aus der Kindheit. Nach dem frühen Tod der Mutter kam er ins Heim, war zeitweise auch bei einer Pflegefamilie untergebracht, bei der er sich wohlfühlte. Dann holte ihn der Vater, der wieder geheiratet hatte, nach Hause. Doch auch die neue Frau starb, worauf der Sohn wieder ins Heim musste, von wo aus er erneut zu einer Familie kam. So soll das noch einige Male hin- und hergegangen sein. Unglaublich.