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Als Loser-Truppe und mit einem Hausmeister als Coach ein bundesweites Basketballturnier gewinnen? Das kann nicht funktionieren – dachte Luca jedenfalls, bis sich sein ungleiches Underdog-Team gar nicht mal so schlecht anstellt. Doch kaum beginnt er, ein bisschen an seine Mannschaft zu glauben, ist der Trainer plötzlich verschwunden. Mitten im Turnier. Und das, obwohl es ihm so wichtig gewesen ist. Jetzt müssen sich Luca und seine Teammitglieder nicht nur auf dem Platz beweisen, sondern auch das Rätsel um den Hausmeister lösen. Dabei ahnen sie nicht, mit was für zwielichtigen Typen sie es zu tun bekommen.
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2022
CHRISTOPH SCHEURING
Geht los: Kapitel 1
Is’ klar: Kapitel 2
Frisch im Kopf: Kapitel 3
Hammergeil: Kapitel 4
Geht’s noch?: Kapitel 5
Wie jetzt?: Kapitel 6
Alles anders: Kapitel 7
Wer’s nötig hat: Kapitel 8
Richtig mies: Kapitel 9
Die Rechnung, bitte: Kapitel 10
Du hier?: Kapitel 11
Noch Fragen?: Kapitel 12
Träum weiter: Kapitel 13
Ach du Scheiße: Kapitel 14
Echt gruselig: Kapitel 15
Was geht?: Kapitel 16
Geht gar nicht: Kapitel 17
Brutale Sache: Kapitel 18
So ein Blödsinn: Kapitel 19
Ich war’s nicht: Kapitel 20
Mit Sicherheit: Kapitel 21
Dicke Hose: Kapitel 22
Ich kann das: Kapitel 23
Ist das geil: Kapitel 24
Pech gehabt: Kapitel 25
Na super: Kapitel 26
Großer Sport: Kapitel 27
Wer’s glaubt: Kapitel 28
Nicht zu fassen: Kapitel 29
Nicht möglich: Kapitel 30
Meine Rede: Kapitel 31
Früher, als ich noch klein war, hat meine Mutter immer gesagt: »Wenn du etwas Unangenehmes beichten musst, tu’s lieber gleich. Dann hast du’s hinter dir und musst nicht mehr den ganzen Tag daran denken.« Mit sieben oder acht Jahren hab ich ihr das auch echt noch geglaubt und alles sofort erzählt, aber mittlerweile weiß ich, dass der Spruch ziemlicher Blödsinn ist, weil man ja immer die Chance hat, dass sich das Unangenehme von selbst erledigt. Wenn man nur lange genug wartet damit.
Trotzdem muss ich hier am Anfang erst mal von was Peinlichem reden, weil es nämlich die Ursache ist für die ganze Geschichte. Ohne das Peinliche wäre wahrscheinlich nichts von alldem passiert, und wenn doch, dann wäre es noch ein größeres Wunder, als es eh schon ist, und dann würde mir sowieso keiner mehr die Geschichte glauben.
Also das Peinliche, von dem ich erzählen muss, ist meine Stimme. Ich schätze mal, auf der ganzen Welt gibt es keine Stimme, die noch schrecklicher klingt. Wenn ich telefoniere, zum Beispiel, denken die meisten Menschen, dass ich ein kleines, hysterisches Mädchen bin, was echt übel ist, weil mich meine Mutter auch noch »Luca« getauft hat, wo auch kein Mensch weiß, ob der Name jetzt zu einem Jungen oder einem Mädchen gehört. Dabei finde ich, dass ich eigentlich ganz anders klinge. Eher schrill, aber dann auch wieder quakig, so halb Krähe, halb Kröte, nur etwas quietschiger. Das kann ich ganz schlecht beschreiben hier. Eigentlich hört sich meine Stimme exakt so an wie die alte Tür bei uns im Treppenhaus, die raufführt zum Trockenboden und die niemand ölt, weil sich keiner dafür zuständig fühlt.
Meine Mutter und ich wohnen in dem einzigen Altbau, den der Krieg in unserem Viertel übrig gelassen hat. Sonst gibt es hier nur kilometerlange viereckige Blocks aus rotem Backstein ohne jede Verzierung. Und weil unser Haus der einzige Altbau ist, wohnen hier auch nur die reicheren Leute. Also nicht die wirklich reichen, weil Menschen, die richtig Geld haben in Hamburg, ans Wasser ziehen. Nach Uhlenhorst oder Harvestehude. Oder an die Elbe natürlich. Unser Stadtteil heißt Hamm und ist jetzt nicht die erste Adresse. Trotzdem sind die Leute in unserem Haus noch so reich, dass sie im Treppenhaus immer so tun, als wären sie sich noch nie im Leben begegnet. Zwei Ärzte gibt es hier, direkt unter uns, und darunter wohnt ein Steuerberater, und dann kommt der Filialleiter einer Sparkasse, und im Erdgeschoss wohnen noch eine Lehrerin und ein Typ, der eine Tankstelle hat. Wenn im Treppenhaus mal eine Lampe kaputt ist, dauert es mindestens einen Monat, bis jemand die Birne ersetzt. Und für die Tür zum Trockenboden interessiert sich erst recht keiner von denen, weil sie wahrscheinlich alle einen elektrischen Trockner besitzen.
Nur meine Mutter hängt dort die Wäsche auf, weil wir nicht so viel Geld haben wie die anderen Leute. Deshalb wohnen wir auch ganz oben unter dem Dach, in zwei kleinen Zimmern, was anderes können wir uns nicht leisten. Sagt meine Mutter. Sie arbeitet als Sekretärin bei einer Zeitung, wobei das angeblich jetzt Redaktionsassistentin heißt. Meine Mutter sagt trotzdem immer noch, dass sie Sekretärin ist, wenn sie mal danach gefragt wird.
Natürlich könnte auch meine Mutter die Tür ölen, aber ich glaube, sie weiß nicht einmal, dass man Türen ölen muss, wenn sie quietschen. Meine Mutter findet übrigens, dass meine Stimme überhaupt nicht so klingt wie diese Tür. Und wenn ich sage, dass ich das schließlich hören würde, dann behauptet sie, dass die eigene Stimme für einen selbst immer anders klingt als für die anderen Leute und dass ich mir keine Gedanken machen soll, weil meine Stimme überhaupt nicht furchtbar ist. Selten vielleicht. Aber bestimmt nicht furchtbar.
»Du hast etwas, was kein anderer hat«, sagt sie dann meistens und streicht mir über den Kopf. »Du solltest dich darüber nicht ärgern. Du solltest stolz darauf sein. Ich wette, in deiner Klasse gibt es viele, die dich darum beneiden.«
Daran sieht man schon, dass meine Mutter nicht besonders viel Ahnung hat vom richtigen Leben. Ich schätze, auf der ganzen Welt gibt es keinen einzigen Jungen, der von seinen Freunden beneidet wird wegen der Stimme. Wegen cooler Turnschuhe vielleicht. Oder wegen der neuen Playstation. Aber doch nicht wegen der Stimme.
Das Einzige, um das ich jemals beneidet wurde, ist jedenfalls das Basketballtrikot von LeBron James, das ich besitze. LeBron James ist im Moment so ziemlich der beste Basketballspieler der Welt und auf dem Rücken hat er echt original unterschrieben. Das Trikot hat mir der Freund meiner Mutter geschenkt. Er arbeitet als Sportjournalist bei derselben Zeitung und während der Olympischen Spiele durfte er mal LeBron James interviewen und dabei hat er sich die Unterschrift auf dem Trikot besorgt. Wahrscheinlich hat er gedacht, dass er meine Mutter leichter rumkriegt, wenn er mir so was Wertvolles mitbringt. Hat auch funktioniert am Anfang, aber jetzt ist er lange nicht mehr bei uns gewesen. Ich glaube, meine Mutter hat ihn irgendwann wieder abserviert, weil sie ein bisschen genervt davon war, dass er jedem Menschen zehnmal erzählen musste, dass er den größten Basketballspieler der Welt persönlich kennt. Ich meine, mir hätte er das auch zwanzigmal erzählen können. Ohne dass es mir langweilig geworden wäre. Aber meine Mutter hatte den Namen LeBron James vorher noch nie gehört. Und da war sie natürlich nicht so beeindruckt und hat irgendwann einfach den Stecker gezogen.
Also, bei diesem Trikot hat ein anderer Junge aus meiner Klasse schon mal gefragt, ob er sich das anschauen dürfte. Aber ich hab in meinem ganzen Leben noch nicht gehört, dass jemand gesagt hat: »Kann ich vielleicht noch mal deine Stimme hören?« Nicht mal ich würde so was fragen, dabei würde ich so ziemlich alles hergeben für eine andere Stimme.
Es war vielleicht vor fünf Jahren, in der Grundschule beim Sachunterricht, als ich zum ersten Mal begriff, dass mit meiner etwas nicht stimmt. Ich hatte damals gerade mit meinem Nachbarn ein bisschen geschwätzt, weil wir das Thema »Pferde« beackern mussten, und so was ist ja höchstens für Mädchen interessant. Herr Mauersberger, so hieß unser Lehrer, hat dann irgendwann ganz laut gesagt: »Luca, kannst du nicht endlich mal deine Klappe halten, das ist ja furchtbar mit deiner Stimme, du klingst wie ein löchriger Eimer.«
Damals haben alle Kinder gelacht, und ich bin rot geworden wie eine Erdbeere, nicht nur weil mir die ganze Sache peinlich war, sondern weil ich auch nicht kapiert habe, was er damit meinte. Wie bitte schön klingt denn ein löchriger Eimer?
Wenn er jetzt gesagt hätte: »Dein Gedächtnis ist wie ein löchriger Eimer«, wäre das noch in Ordnung gewesen, weil ich in meinem Leben wirklich alles vergesse: Füller, Radiergummi, Pullover, Hausaufgaben, Schlüssel, Fußbälle, Handys, Geldbeutel. Hab ich alles schon mal verloren.
Einmal bin ich sogar ohne Schuhe von der Schule nach Hause gekommen, aber das lag daran, dass wir in der letzten Stunde »Darstellendes Spiel« in der Aula hatten, und da musste ich barfuß über die Bühne hüpfen und so tun, als wäre ich ein fröhlicher Pelikan. Es ging um ein Theaterstück, das im Urwald spielte, und wir Schüler waren Löwen, Antilopen und Elefanten, und ich war eben der Pelikan. Wahrscheinlich weil ich genauso klinge, auch wenn ich noch nie einen Pelikan gehört habe, aber der komische Hautsack am Schnabel sieht schon so aus, als kämen da nur seltsame Töne raus. Es war der letzte Tag vor der Aufführung damals, und deshalb haben wir alles geprobt und noch mal geprobt und noch mal, obwohl die Unterrichtsstunde längst zu Ende war. Für mich war das ziemlich unangenehm, weil ich eigentlich ganz schnell nach Hause kommen sollte. Hatte meine Mutter gesagt, weil ich nach der Schule noch einen Termin beim Orthopäden hatte.
Also bin ich nach der Probe sofort aus der Aula gerannt und habe erst unten im Treppenhaus gemerkt, dass ich meine Schuhe vergessen hatte. Deshalb wollte ich ganz schnell wieder zurücklaufen, aber da kam mir dann die Direktorin entgegen und fragte, was ich denn barfuß auf der Treppe machen würde, und bis ich ihr das alles erklärt hatte, war die Aula verschlossen und meine Schuhe befanden sich auf der anderen Seite der Tür. Es gab einfach keine Möglichkeit mehr, an die Dinger zu kommen. Sonst hätte ich alles versucht, weil ich genau weiß, wie meine Mutter mich in solchen Situationen anschaut.
Es ist nämlich so, dass sie eigentlich nie richtig schimpft mit mir. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass sie jemals mit mir geschrien hätte. Dafür aber hat sie so einen Dramablick, mit dem sie den dicksten Gletscher der Welt abschmelzen könnte. Da steht sie dann da, erstarrt, mit ganz großen Augen, und seufzt ersterbend, als würde ihr ein Lkw quer über den Brustkorb fahren und das letzte bisschen Luft aus der Lunge pressen. Und dann dreht sie sich irgendwann gequält weg von mir und sagt mit zitternder Stimme: »Luci, ich würde mir so sehr wünschen, dass du wenigstens ein Mal im Leben nachdenkst. Nur ein einziges Mal.«
Das muss man sich mal vorstellen: Sie sagt echt immer noch »Luci« zu mir, und das, obwohl ich dreizehn Jahre alt bin. Von dort ist es dann nicht mehr weit bis »Schnucki« oder »Schatzi« oder so was. Außerdem ist es Blödsinn, dass nachdenken helfen könnte gegen vergessene Schuhe. Wer hat sich bitte schön jemals auf der Straße gefragt, ob er gerade Schuhe trägt? Entweder man hat welche an oder nicht. Das ist eher wie Schicksal.
Auf jeden Fall ist dieser Blick meiner Mutter so schwer zu ertragen, dass ich freiwillig versuche, an ganz vieles zu denken, nur damit sie nicht diesen Blick aufsetzt. Damals bei den Schuhen aber hat sie gar nichts gemerkt, weil ich meine Schuhe immer vor der Tür ausziehen muss, damit die Wohnung nicht schmutzig wird. Deshalb stehen alle meine Schuhe im Treppenhaus, und ich konnte oben einfach ein anderes Paar anziehen, bevor ich geklingelt habe, und dann sind wir auch gleich wieder weitergegangen zum Arzt. Der hat sich danach zwar gewundert, warum meine »Knick-Spreizfüße« aussahen wie Kohlebriketts und schwarze Abdrücke auf seinen weißen Kittel gestempelt haben. Aber gesagt hat er nichts, und meine Mutter hat auch nicht geschimpft, obwohl ihr das Blut in den Kopf gestiegen ist, von unten nach oben, wie wenn man Kirschsaft in einen Becher mit Bananensaft kippt. Zum Schluss sah ihr Gesicht aus wie eine dunkelrote Laterne. Ich habe ihr dann erklärt, dass der Schmutz daher kommt, dass wir unser Theaterstück barfuß einüben mussten, was ja nicht mal gelogen war. Und am nächsten Tag habe ich dann die vergessenen Schuhe wieder unbemerkt vor unsere Tür gestellt, womit bewiesen ist, dass es manchmal schlauer ist, das Peinliche zu verschweigen, weil es sich nämlich von selbst erledigt.
Bei meiner Stimme ist es natürlich anders. Da erledigt sich überhaupt nichts von selbst.
Also, meine Geschichte, die ich erzählen muss, beginnt auf einem Basketballplatz. Dieser Platz liegt ungefähr fünfhundert Meter entfernt von unserer Wohnung und ist der coolste Fleck im ganzen Viertel. Hier treffen sich wirklich alle Freaks, und damit meine ich die Großen, die schon einen richtigen Dunking können, und Kleinere, die so gut sind, dass sie bestimmt in einer Hamburger Auswahl spielen, und natürlich sind immer auch ein paar Angeber da, die so bescheuert reden, als kämen sie gerade aus dem amerikanischen Getto: »Alles glatt? … Yo, Mann … cool, Mann, was geht.« So reden sie und schwanken dabei mit ihren Oberkörpern von rechts nach links, als wären sie Boxer, die gerade irgendwelchen Schlägen ausweichen müssen. Die meisten von denen haben enge Unterhemden an und Hosen, die viel zu groß sind für Basketball, oder sie tragen massive Ketten bis zum Bauchnabel, als wären sie richtige Gangster. Sind sie aber nicht. Zumindest einer von denen ist Lehrling bei der Bäckerei um die Ecke. Habe ich selbst gesehen, als dort die Tür zur Backstube einmal offen stand. Ich schätze, diese Typen sind gar nicht wegen des Basketballs hier. Sondern wegen der Mädchen, die öfter mal zuschauen.
Und Jungs wie mich gibt es auf dem Platz natürlich auch richtig viele, aber wir müssen spätestens am Nachmittag Platz machen, wenn die älteren Spieler kommen. Behaupten die jedenfalls, und bisher ist mir auch noch kein cooles Argument dagegen eingefallen, wobei es mit den Argumenten generell nicht so einfach ist, wenn man sich nicht mal traut, den Mund aufzumachen.
Also gehe ich eigentlich lieber direkt nach der Schule zum Basketballplatz, wenn noch niemand da ist, und übe ein bisschen. Das hat zwei große Vorteile. Der erste ist, dass ich meiner Mutter sagen kann, dass ich noch mit einem Freund gespielt habe. Dann freut sie sich, weil sie immer Angst hat, dass ich überhaupt keine Freunde habe und deshalb die ganze Zeit vor meinem Computer hocke und später mal Amok laufe oder Drogen nehme oder so was. Und der zweite Vorteil ist, dass ich eigentlich wirklich keinen Freund habe. Jedenfalls keinen, der mich fragen würde, ob wir uns mal am Nachmittag verabreden wollen.
Ich schätze, das liegt daran, dass ich seit Herrn Mauersberger auch mit keinem mehr rede. Weder im Unterricht noch in den Pausen oder sonst irgendwo. Anfangs hat das niemand so richtig gemerkt, aber nach einem Jahr wurde meine Mutter zum Schulpsychologen zitiert, und ich musste mich untersuchen lassen. Hat aber nichts bewirkt, weil meine Stimme ja dadurch nicht besser geworden ist.
Irgendwann haben sich die Lehrer dann daran gewöhnt, dass in ihrem Unterricht ganz hinten links ein Schweiger sitzt. Ich falle nicht auf, weder angenehm noch unangenehm, als wäre ich gar nicht da. Ich melde mich nicht, und die Lehrer nehmen mich auch nicht dran, und wenn meine schriftlichen Noten in Ordnung sind, geben sie mir mündlich eine Vier minus, sodass meine Versetzung nie wirklich gefährdet ist. Das heißt, ein paarmal war es ein bisschen knapp, aber knapp geschafft ist immer noch besser als ganz gescheitert.
Wobei sitzen bleiben für mich jetzt auch keine Katastrophe wäre. Ein Jahr mehr oder weniger in der Schule ist nicht so schlimm, finde ich, und wenn man in der eigenen Klasse keine Freunde hat, gibt es auch nichts, was man verlieren könnte.
Das mit den Freunden mache ich aber keinem zum Vorwurf. Ich würde es auch zäh finden, mit jemandem wie mir befreundet zu sein. Eine Runde gemeinsames Schweigen bitte? Spätestens bei der zweiten Verabredung hätte ich was anderes vor.
Wahrscheinlich denken jetzt viele, dass ich ein trauriges Leben führe. Tue ich aber nicht. Eigentlich ist es nur beim Sport etwas blöd. Ich meine, ganz allein auf dem Fußballplatz zu stehen und auf ein leeres Tor zu schießen, sieht schon ziemlich dämlich aus. Und Tennis oder Volleyball oder so geht sowieso nicht ohne andere Leute. Nur beim Basketball ist es völlig okay, wenn man allein auf den Korb wirft. Alle machen das so. Sogar die Profis. Und die können so viele Freunde haben, wie sie nur wollen.
Deshalb also gehe ich seit ein paar Jahren nach der Schule immer auf diesen Basketballplatz. Außerdem liegt er genau zwischen meiner Schule und unserer Wohnung, sodass ich gar keinen Umweg machen muss. Dieser Platz gehört eigentlich zu einer anderen Schule, die seit fünf Jahren Carl-Günter-Malsch-Schule heißt. Nach Carl-Günter Malsch, der offiziell in Immobilien und Aktien macht und angeblich der reichste Mann unserer Stadt ist. In Deutschland liegt er auf Platz zwölf oder so. Stand mal in der Zeitung von meiner Mutter. Inoffiziell soll er aber auch auf St. Pauli eine ganz große Nummer sein. Clubs, Glücksspiel, Drogen und so. Stand auch in der Zeitung. Vielleicht wollte er deshalb seinen Namen mal in eine freundliche Umgebung rücken.
Auf jeden Fall war die Carl-Günter-Malsch-Schule früher die Pestalozzi-Gesamtschule gewesen und hatte keinen Basketballplatz. Sie hatte auch keine Turnhalle. Dafür hatte sie plötzlich Asbest, sodass keiner mehr das Gebäude betreten durfte. Da spendierte Carl-Günter Malsch zwölf Millionen Euro für asbestfreies Lernen, eine neue Turnhalle und einen neuen Pausenhof, mit Fußballtoren, einem Bambus-Biotop und den Basketballkörben. Unter der Bedingung, dass die Schule seinen Namen bekam.
Deshalb heißt sie jetzt also Carl-Günter-Malsch-Schule und der Basketballplatz ist bei uns nur noch der »Günni«. Er besteht aus zwei Feldern und vier Körben, mit richtigem Tartanboden und Plexiglasbrettern und Metallnetzen, die nicht kaputtgehen können. Es gibt zwei Bankreihen hier, auf denen man sitzen kann wie auf einer kleinen Tribüne, und dort ist sogar eine Steckdose, sodass man eine Boombox oder so was anschließen kann. Das Ganze ist eingezäunt mit Maschendraht, der mindestens vier Meter hoch ist, aber weil die Maschen sehr breit sind, ist es nicht sonderlich schwer, über den Zaun zu klettern. Irgendwann hat dann jemand ein Loch in den Zaun geschnitten – das ist jetzt bestimmt schon zwei oder drei Jahre her – und seitdem wird hier auf dem Platz jeden Abend gespielt. Dabei haben Schulen normalerweise einen Hausmeister, der schon Alarm schreit, wenn man nur einen Kaugummi unter eine Türklinke klebt. Und solche Hausmeister schmeißen auch jeden vom Hof, der nicht direkt zur Schule gehört.
Aber irgendwie ist der Günni-Hausmeister anders als alle anderen, die ich kenne. Er hat noch nie jemanden vom Platz gejagt, der einen Ball in den Händen hielt. Sondern im Gegenteil: Als irgendwann das Loch im Zaun war, hat er sogar eigenhändig die Ecken vom Maschendraht umgebogen, damit sich niemand daran verletzt. Habe ich selbst gesehen.
Manchmal bleibt der Hausmeister auch stehen, wenn er die Wege fegt, und schaut ein bisschen zu, wie wir spielen. Das heißt, eigentlich fegt er sogar ziemlich häufig den Weg. Mindestens zwei- oder dreimal die Woche. Dann steht er da, auf seinen Besen gestützt, bewegt sich nicht und sagt kein einziges Wort. Ich glaube sogar, ich habe ihn bisher überhaupt noch nie reden hören. Vielleicht hat er ja auch so eine Stimme wie ich und traut sich nicht, den Mund aufzumachen. Habe ich schon mal gedacht. Auf der anderen Seite gehört Schüler-Anmeckern bei Hausmeistern irgendwie auch zur Jobbeschreibung. Das muss man schon können in dem Beruf.
Aber wie gesagt, der hier ist anders. Unter den Jungs auf dem Court gibt es ein paar, die glauben, dass er nicht ganz dicht ist im Kopf, weil er nie etwas sagt, aber Respekt haben sie trotzdem vor ihm. Bei denen heißt er heimlich »die Sichel«, weil er immer genau so dasteht: steife Beine und den dürren Körper darüber nach vorne gekrümmt und die Schultern hochgezogen, dass der Kopf fast dazwischen verschwindet. Ich glaube aber, das liegt nur daran, dass er so groß ist und aufrecht durch keine Tür passt. Er hat auch riesige Hände und riesige Füße und ein Gesicht, das aussieht, als wäre es festgefroren. Tiefe Falten, eisgraue Augen, dunkle Tränensäcke und so eine graue, blutleere Haut. Sogar die Haare sind graue Borsten, die wirr in alle Richtungen stehen. Wie so ein Untoter in einem Zombiefilm. Finde ich. Und die anderen sehen das ganz bestimmt auch so, weil jeder hier kleinlaut wird, wenn der Hausmeister sich vor ihm aufbaut. Selbst die, die sich für die größten Gangster des Universums halten.
Vielleicht ist er aber auch nur krank, weil ich neulich beim Arzt in einer Zeitschrift gelesen habe, dass es so eine Krankheit gibt, bei der im Blut die roten Blutkörperchen aufgefressen werden. Dann bekommen die Menschen so eine graue Haut. Könnte ja sein, dass er diese Krankheit hat und deshalb immer so traurig dasteht, weil er schon abgeschlossen hat mit seinem Leben. Allerdings sah er vor drei Jahren schon ganz genauso aus. Und da müsste die Krankheit doch längst zugeschlagen haben, wenn er sie hätte. Denke ich mal.
Am Anfang – so ungefähr vor drei bis vier Jahren, als ich noch wie ein Einbrecher über den Zaun klettern musste – hat er mir auch immer richtig Angst gemacht. Und wenn es irgendwo in den Büschen geraschelt hat, bin ich sofort in das Biotop gehechtet. Wie die Erdmännchen in unserem Zoo. Und auch beim Werfen musste ich mich jede Minute mindestens zweimal umschauen, ob der Typ vielleicht irgendwo lauert. Aber das hatte sich dann ein paar Monate später gelegt.
Seitdem gehe ich wirklich entspannt hierher. Meistens mach ich es so, dass ich mir auf YouTube anschaue, was die großen NBA-Stars an Tricks beherrschen, und das übe ich dann auf dem Günni: die Bewegung beim Jumpshot oder irgendwelche Moves unter dem Korb oder die besten Fakes beim Dribbling. Das mache ich dann so lange, bis die Größeren mich verscheuchen. Nur ganz selten fragt mal jemand, ob ich vielleicht mitspielen will. Aber dann renne ich auch nur die Linien rauf und runter und bekomme fast nie den Ball. Also weiß ich nicht, ob meine Tricks funktionieren. Und wie gut ich überhaupt beim Basketball bin.
In diesem Jahr ist dann aber etwas passiert, was alles geändert hat. Es war am Tag nach den Pfingstferien, das erinnere ich noch genau, weil ich nämlich in den Ferien meine Oma besucht hatte und eine ganze Woche lang jeden Tag Memory oder Stadt, Land, Fluss spielen musste, weil das angeblich gut ist für das Gedächtnis. Eine ganze lange Woche hatte ich keinen einzigen Ball in der Hand gehabt und deshalb bin ich auch fünf Minuten nach meiner Rückkehr runter zum Günni gelaufen. Meine Mutter bekam zwar gleich wieder ihren Dramablick, weil sie zur Begrüßung mein Lieblingsessen gekocht hatte – Nudeln mit Gulaschsoße ohne Fleisch –, aber ich muss zugeben, dass mein Verhalten für Mütter auch nicht ganz so leicht zu verstehen ist.
Vor dem Günni, direkt neben dem Loch im Zaun, hing dann dieses Plakat: »Night Move« stand darauf in riesigen roten, graffitimäßigen Buchstaben. Und darunter hieß es, dass der Night Move ein bundesweites Basketballturnier für Zwölf- bis Vierzehnjährige war und vom Familienministerium organisiert wurde, weil die deutschen Kinder zu dick wären und sich viel mehr bewegen müssten. Gesponsert wurde das Ganze von einer Limonadenmarke, woran man schon sieht, dass Politiker nicht ganz frisch im Kopf sind, wo doch in einer Flasche Limonade vierzig Stück Zucker sind. Das hat jedenfalls mal unser Biologielehrer behauptet.
Genauso bescheuert war, dass die Turniere – wie der Name schon sagte – nachts stattfinden sollten, weil Eltern wahrscheinlich Protest anmelden, wenn man als Dreizehnjähriger erst um drei Uhr morgens nach Hause kommt.
Anmeldungen würden übrigens in jeder Schule entgegengenommen, stand noch auf dem Plakat. Und dass das Siegerteam nach Amerika reisen und ein Basketballcamp besuchen dürfte bei den Profis der Philadelphia 76ers.
Besser wären natürlich die Dallas Mavericks oder die Cleveland Cavaliers gewesen, weil die 76ers nicht gerade das Mörderteam sind, aber trotzdem war das ein richtiger Hammerpreis. Bestimmt würden sich mindestens hunderttausend Mannschaften für dieses Turnier bewerben. Trainieren mit echten NBA-Profis. Und noch in Amerika. Mit Flug und Hotel und allem. Auch auf unserem Platz gab es an diesem Tag kein anderes Thema.
Alle redeten davon. Ganz besonders der Junge, der Robin heißt und hier so eine Art Mannschaftskapitän bei den Jüngeren ist. Nicht dass ihn jemand dazu gewählt hätte. Aber er benahm sich so, und die anderen akzeptierten das auch, weil er beim Spiel immer fast alle Punkte machte.
Robin geht auf dieselbe Schule wie ich. Er hat sogar einen ähnlichen Heimweg, und ein paarmal hab ich auch versucht, dass er mich anspricht, und bin extralangsam gegangen, wenn er von hinten kam, aber er ist jedes Mal einfach an mir vorbeigelaufen. Ohne ein einziges Wort zu sagen. Nicht mal »Hey, wie geht’s?« oder so. Deshalb habe ich all meinen Mut zusammengekratzt und selbst mal »Hallo« gesagt. Aber er hat so getan, als hätte er nichts gehört. Seitdem finde ich, dass er eigentlich eine arrogante Socke ist. Auch wenn er leider ein paar Gründe hat, sich so zu benehmen.
Robin ist ganz bestimmt der beste Basketballspieler in meinem Alter, den ich jemals gesehen habe. Fast einen Kopf größer als ich und trotzdem irrsinnig schnell, und dazu kann er noch wahnsinnig gut von außen werfen, und sein Ballhandling ist sowieso perfekt bei all den Tricks, die er beherrscht. Und das alles macht er mit einer Eleganz, dass ihn wahrscheinlich auch noch alle Mädchen bewundern. Er hat blonde Haare und immer die neusten und lässigsten Klamotten und ist meistens braun gebrannt, weil seine Eltern richtig viel Geld haben und er während der Ferien immer in Urlaub fährt: Karibik oder Florida oder Kalifornien und so. Sein Vater macht irgendwas mit Chemie, hat mal jemand gesagt, und seine Mutter besitzt zwei Parfümerien und riecht auch so, wenn sie ihn nach der Arbeit manchmal hier abholt. Das ist dann wirklich der einzige Punkt, um den ich ihn nicht beneide. Jeden Tag zu Hause so einen Stinkefinger vor der Nase zu haben, muss eine echte Prüfung sein.
Ansonsten aber muss Robin irgendein Organ besitzen, mit dem er aus der Luft Glück herausfiltern kann. So wie Fische, die mit offenem Maul durchs Wasser schwimmen, und an den Kiemen bleibt dann der Sauerstoff hängen. Ich muss dagegen schon jubeln, wenn ich auf dem Rummel mal einen Kugelschreiber gewinne. Wobei das Ding dann am nächsten Tag garantiert nicht mehr funktioniert.
Meine Mutter sagt dann immer, dass ich mich darüber nicht ärgern soll und dass »es ist, wie es ist« und dass es keinen Sinn macht, neidisch zu sein. Aber es macht auch keinen Sinn, jemanden zu mögen, der ein Arschloch ist.
Trotzdem wäre ich wahrscheinlich noch mal bereit gewesen, ihn cool zu finden, wenn er mich gefragt hätte, ob ich in seiner Mannschaft spielen will bei diesem Night Move. Hat er aber nicht. Deshalb musste ich meine Meinung über ihn auch nicht ändern. Das war aber auch das einzig Positive an dieser Geschichte.
Der Rest war echt peinlich für mich. Ich meine, so richtig peinlich. Mindestens zwanzig Spieler in meinem Alter waren an diesem Tag nach den Ferien auf den Platz gekommen und draußen auf den Bänken saßen sogar ein paar Mädchen und alle redeten durcheinander. Von den USA und der NBA und den Charlotte Bobcats. Das heißt, ich redete natürlich nicht, aber die anderen. Stattdessen probierte ich so lässig wie möglich ein paar von den Moves, die ich mittlerweile beherrsche, und mit einem Auge schielte ich immer rüber, in der Hoffnung, dass ich Robin damit beeindrucken könnte. Aber er hat nur irgendwann zu einem anderen Jungen gesagt: »Von denen hier brauchen wir keinen mehr in unserem Team, das ist sowieso nur noch Schlamm. Die kannst du alle vergessen.«
Für eine Millisekunde fühlte sich das so an, als würde etwas in meinem Kopf explodieren. Ich konnte überhaupt nichts mehr denken und mich auch absolut nicht mehr bewegen, so lange, bis Robin mir in die Rippen stieß.
»Alter«, sagte er, »kannste vielleicht mal vom Platz schieben? Wir trainieren jetzt hier.«
»Selber Schlamm«, piepste ich, aber an seiner Reaktion konnte man sehen, dass er absolut keine Ahnung hatte, warum ich das sagte. Mit gesenktem Kopf schlich ich zur Bank und quetschte mich zwischen die Mädchen, die jetzt wahrscheinlich die Typen anhimmelten, die zu Robins Mannschaft gehörten.
Die meisten Mädchen kannte ich schon vom Sehen. Aber geredet hatte ich noch mit keiner. Logischerweise. Auch nicht mit der, die jetzt hinter mir saß und lang und flach war wie eine Leiter. Sie war öfter schon da gewesen und meistens sogar mit einem Basketball in der Hand, auch wenn sie nur selten spielte. Manchmal war sie auch in Begleitung einer Freundin, die schon rauchte und pinkfarbenen Lippenstift trug und immer viel zu laut lachte, wenn die Gangster einen auf dicke Hose machten.
Die Dünne aber schien keinen Blick zu haben für die Styler. Sie sprach nicht mit ihnen und schaute nicht einmal richtig hin, sondern blickte immer nur ganz ernsthaft aufs Feld, wenn dort jemand übte. Als würde sie sich wirklich für das Spiel interessieren. Sie war vermutlich nicht viel älter als ich, und ganz sicher war sie das schönste Mädchen, das mir jemals begegnet ist. Zumindest denke ich das, seit sie mir das erste Mal in die Augen geschaut hat, und damit meine ich, länger als nur die übliche Zehntelsekunde. Es war sogar so lange, dass ich echt verlegen geworden bin und wegschauen musste und ganz froh war, dass ich einen Ball hatte, mit dem ich mich beschäftigen konnte.
Nach diesem Blick setzte mein Herz jedes Mal ein paar Schläge aus, wenn ich sie auf dem Günni sah. Meistens spielte dann um ihren Mund so ein spöttisches Lächeln, dass ich mir fast sicher war, dass sie mich voll durchschaut hat. Wahrscheinlich wusste sie sogar, dass ich heimlich ein Lied von Karel Gott hörte, seit ich rausgekriegt hatte, dass sie mit Vornamen Jana heißt.
Dieses Lied ist überhaupt das schlimmste Lied, das es gibt, aber leider heißt der Refrain:
»Jana, Jana, ich lass dich nie wieder gehn.
Jana, Jana, das Leben wird wunderschön.«
Also lief es bei mir eine Zeit lang auf Endlosschleife. Immer wenn ich alleine war. Alles andere wäre zu gefährlich gewesen, weil ich meistens mitsinge, wenn ich Kopfhörer über den Ohren habe, und meistens vergesse ich dabei auch, dass ich singe, und wenn das Lied dann jemand anders hört, wäre das oberpeinlich. Meine Mutter hat mich jedenfalls schon mal gefragt: »Wer ist eigentlich diese Jana?«
»Ich kenn keine Jana«, habe ich damals möglichst lässig gesagt, aber ich vermute mal, dass sie mir nicht geglaubt hat.
Das mit »Jana« weiß ich übrigens, weil ihre Freundin sie so genannt hat, als ich einmal direkt neben ihr auf der Bank gesessen habe.
»Guck mal, Jana«, hatte die Freundin damals gerufen und mit dem Finger auf Robin gezeigt, der mal wieder aussah, als wäre er direkt aus dem Katalog gehüpft: Lila Basketballschuhe. Weiße Jordan-Hose. Und ein lila T-Shirt mit der Aufschrift »You are not that bad, I’m just so awesome«.
»Der ist ja sooo süüüß«, sagte die Freundin.
»Der ist ein Idiot«, sagte Jana.
»Aber süß ist er trotzdem.«
»Kauf dir ein Eis, wenn du was Süßes willst«, antwortete Jana.
Das fand ich natürlich cool. Einerseits. Andererseits sagen meine Tanten, also die Schwestern meiner Mutter, auch immer, dass ich ein süßer Junge sei, und das ist so ziemlich das einzig Nette, was ich überhaupt je zu hören kriege. Also wäre es vielleicht schon ein kleiner Vorteil gewesen, wenn Jana auch auf süße Jungs gestanden hätte. Ein bisschen wenigstens. Tat sie aber wahrscheinlich nicht, weil »süß« auch nicht das Wort ist, das mir zu ihr einfällt. »Hammer« vielleicht. Oder »mies«, was ja noch mal eine Steigerung zu »Hammer« ist. Aber nicht süß. Hundebabys sind süß. Nicht ein Mädchen wie Jana.
Dazu ist sie, wie gesagt, auch viel zu groß. Außerdem hat sie einen Mund, der so breit ist, dass sie ihre Pommes quer essen könnte. Und sie hat ganz lange, schmale Finger mit kurz geschnittenen Nägeln, und ihre Augen sind grau und riesengroß, sodass der Blödmann von Bäckerlehrling mal behauptet hat, sie hätte Glubschaugen und würde aussehen wie eine Kuh. Dafür habe ich ihm dann eine Tüte Mehl in den Lüftungsschlitz seines Autos gekippt, sodass er alles im Inneren eingenebelt hat, als er das nächste Mal die Heizung angestellt hat. Danach ist er durch die Gegend getobt und hat geschrien, dass er den erwürgen würde, der für die Sauerei verantwortlich war.
»Ich reiß dem Penner den Kopf ab«, hat er geschrien, »mit meinen eigenen Händen, ich schwör’s.«
Zum Glück hat er den Täter unter seinen Arbeitskollegen vermutet. Wegen des Mehls wahrscheinlich. Und ich habe mich dann auch nicht freiwillig melden wollen, obwohl solche Aktionen keinen richtigen Spaß machen, wenn man sich nicht zu erkennen gibt.
Das alles war aber an diesem Tag nach den Ferien längst vergessen. Ich hockte auf der Bank und fühlte mich, als hätte ich am ganzen Körper einen eitrigen Ausschlag. Ich meine, ich hatte noch nie eitrigen Ausschlag, aber ich denke, dass dann alle Menschen einen anstarren und so weit abrücken wie möglich, und wenn man näher kommt, sagen sie: »Hau bloß ab, du, mit deiner Seuche.«
Trotzdem tippte mir Jana an diesem Tag auf die Schulter.
»Warum trainierst du nicht mit?«, fragte sie. »Oder hast du keine Lust auf den Night Move?«
Es waren überhaupt die ersten Worte, die sie mit mir gesprochen hat, aber in meiner Situation gab es auf die Frage einfach keine coole Antwort. Also sagte ich lieber nichts und zuckte nur mit den Schultern und schaute weiter starr auf den Boden, obwohl Schulterzucken und Auf-den-Boden-Starren bei einer Oder-Frage noch uncooler ist als jede andere Antwort.
Danach passierte lange Zeit gar nichts. Nur dass sie neben mir stand und von einem Fuß auf den anderen trat. Mehr konnte ich von ihr nicht sehen, weil ich ja auf den Boden schaute.
»Ich heiße Jana …«, meinte sie nach einer halben Ewigkeit. Aber da war der Kloß in meinem Hals schon so schwer wie ein Traktorreifen, den auch kein Mensch alleine wegrollen kann.
»Na ja«, sagte sie schließlich, »muss ja auch nicht …«, und setzte sich wieder zu ihrer Freundin, und ich hockte noch eine gefühlte Stunde auf der Bank und spürte, wie sich ihr Blick voller Verachtung in meinen Rücken bohrte. Irgendwann schaffte ich es, mich noch einmal umzudrehen. Da war sie aber überhaupt nicht mehr da. Immerhin konnte ich jetzt auch wieder nach Hause schleichen.
Im Wohnzimmer wartete dann meine Mutter am Tisch vor kalten, verklebten Nudeln und einer Soße, die mittlerweile aussah wie der trocken gefallene Schlamm im Wattenmeer. Ich sagte, dass ich überhaupt keinen Hunger hätte, und verschwand in meinem Zimmer, aber das war natürlich nicht fair, weil sie in solchen Momenten immer glaubt, dass mein Verhalten etwas mit ihr zu tun hätte. Nach einer halben Stunde klopfte sie an meine Tür und öffnete sie einen Spalt.
»Hab ich was falsch gemacht, Luca?«, fragte sie. »Wir haben uns doch so lange nicht mehr gesehen. Was ist denn, mein Junge?«
»Mama, ich habe nur keinen Hunger, sonst nichts«, antwortete ich.
»Aber dich drückt doch was.«
»Nein, Mama, mich drückt überhaupt nichts.«
»Dann ist gut«, meinte sie. »Wenn du wieder Hunger kriegst, sag einfach Bescheid. Dann wärme ich das Essen auf. Wird ja nicht schlecht, so auf die Schnelle.«
Das ist das Tolle an meiner Mutter. Sie kann wirklich so tun, als ob sie mir glaubt, auch wenn sie ganz genau weiß, welchen Unsinn ich rede. Und sie kann mich sogar in Ruhe lassen, wenn sie eigentlich vor Neugierde platzt, was ich bestimmt nie im Leben hinkriegen würde. Deshalb bin ich dann doch wieder aus meinem Zimmer gekommen. Wir haben gemeinsam die verklebten Schlammnudeln gegessen, und ich habe erzählt, wie Oma bei Stadt, Land, Fluss in der Spalte »Berg/Gebirge« echt »Großer Onkel« geschrieben und geschworen hat, es wäre ein »Höhenzug in den Alpen«. Vom Night Move und von Jana musste meine Mutter ja nicht unbedingt etwas wissen.
Die nächsten Tage traute ich mich erst einmal nicht auf den Günni, aber irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und machte nach der Schule noch einen Schlenker. Es war ein warmer, windstiller Tag. Die Dönerläden hatten ihre Plastikstühle nach draußen gestellt und die harten Jungs saßen in der Sonne mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen und den hochgekrempelten Muscle-Shirts. Ich bin dann lieber auf die andere Straßenseite gewechselt. Nicht wegen der Typen, sondern weil meine Augen ziemlich empfindlich sind. Deshalb hat meine Mutter mir bestimmt auch schon dreißig Sonnenbrillen gekauft. Aber spätestens nach einer Woche war jede wieder verschwunden. Selbst wenn ich mir vorgenommen hatte, total darauf aufzupassen. Vielleicht verfolgt mich ja jemand und klaut die Dinger, wenn ich nicht hinschaue, hab ich schon mal gedacht. Konnte aber auch nicht sein. Die Brillen, die meine Mutter kauft, sehen nie so aus, als würde sie jemand freiwillig klauen.
Auf dem Günni waren nur wenige Jungs zu sehen, die alle auf dem vorderen Platz trainierten. Also packte ich meinen Ball aus, den ich immer in meinem Rucksackranzen mitschleppe, und übte auf dem hinteren Platz an meinem Wurf. War aber ein mieser Tag, weil kein einziger Ball fallen wollte. Und die meisten waren nicht einmal knapp. Egal, von welcher Position ich es versuchte.
»Ist doch ein Scheiß«, murmelte ich, obwohl ich das Wort »Scheiße« eigentlich nicht in den Mund nehmen darf. Sagt meine Mutter.
In diesem Moment hörte ich hinter mir eine Stimme. Sie war so dicht an meinem Ohr, dass ich vor Schreck den Ball fallen ließ und noch einmal »Scheiße« sagte. Aber wirklich nicht absichtlich.
»Du musst werfen höher«, sagte die Stimme. Sie klang angenehm warm und dunkel, wie bei Männern, die richtig laut reden können und bei denen deshalb alles so selbstverständlich und lässig klingt, weil sie sich dabei nicht mal anstrengen müssen. Es war die Sichel. Er hatte irgendeinen leichten Akzent, mit verdrehter Satzstellung, Polnisch vielleicht oder Russisch oder Bulgarisch oder was anderes aus dem Osten. Jetzt stand er direkt hinter mir. Zombiemäßig wie immer.
»Flache Ball, kleine Ring«, sagte er. »Hohe Ball, große Ring.«
»Versteh ich nicht«, antwortete ich.
Zum Glück fing er nicht sofort an zu lachen. Wie immer zeigte sein Gesicht keine Regung. Wie festgefroren. Nicht mal ein Zucken auf seinen Lippen.
»Ist Physik«, sagte er. »Wenn du willst, ich erklär dir später.«
»Wann später?«
»Zuerst wir beide müssen was klären.«
Mir rutschte das Herz in die Hose, weil »was klären« eigentlich immer heißt, dass irgendeine Katastrophe passiert ist und ich dafür verantwortlich bin.
»Hast du gesehen Plakat, vorne am Zaun?«, fragte die Sichel. »Ich denke, hier laufen viele Talente rum auf dem Freiplatz. Viel mehr als nur ein einziges Team. Also, ich habe auch Team gemeldet. Und du sollst mein Pointguard sein!«
»Wow«, sagte ich, und danach konnte ich erst einmal gar nichts mehr sagen, weil ich ungefähr tausend Mal geträumt hatte, dass so was passiert. Andere Menschen stellen sich vielleicht abends im Bett beim Einschlafen vor, wie sie im Lotto gewinnen und was sie dann mit dem Geld alles einkaufen können. Ich stelle mir immer vor, wie das ist, wenn man als Pointguard in einer berühmten Mannschaft vor zehntausend Leuten spielen darf. Der Pointguard ist beim Basketball nämlich die geilste Position überhaupt. Wenigstens in meinen Augen. (»Geil« ist übrigens auch so ein Wort, das ich nicht benutzen soll, sagt meine Mutter, aber das hier war ja nicht nur geil, sondern mindestens obergeil oder hammergeil oder so was.)
Der Pointguard bringt also den Ball nach vorne, sagt die Spielzüge an und spielt den Pass zu den freien Leuten. Wie der Zehner beim Fußball, ungefähr. Und manchmal muss er auch selbst zum Korb ziehen oder von außen werfen, und deshalb braucht ein Pointguard nicht nur einen guten Blick für seine Mitspieler, sondern muss auch schnell sein und gut dribbeln können und über einen sicheren Wurf verfügen. Ich dagegen hatte in den vergangenen zwanzig Minuten kaum einen Ball versenkt.
»Wieso denn ich?«, flüsterte ich, als ich meine Sprache wiedergefunden hatte.
»Was glaubst du?«, fragte die Sichel.
»Keine Ahnung, hier auf dem Platz sind doch die meisten besser als ich.«
»Ich habe dich beobachtet«, meinte die Sichel. »Viel öfter, als du bemerkt hast. Du hast gutes Ballhandling. Und gute Übersicht.«
»Aber ich spiele doch nie. Und wenn, dann kriege ich von den anderen eigentlich nie den Ball.«
»Du läufst richtige Wege. Du siehst freie Räume. Aber noch wichtiger: Du forderst nicht Ball, wenn anderer besser steht. Du schreist nicht gegen andere. Du willst Erfolg für Team und nicht nur Erfolg für dich.«
In Wahrheit traute ich mich nur nicht, den Mund aufzumachen. Einen Augenblick überlegte ich, ob ich das jetzt klarstellen sollte, weil ich mich wie ein Hochstapler fühlte, aber genau genommen hatte ich gar nicht hochgestapelt, sondern die Sichel hatte nur etwas nicht richtig kapiert. Deshalb beschloss ich diesmal, den Mund zu halten. Nicht so wie vor ein paar Wochen im Supermarkt.
Da hatte ich mal mit einem Zehneuroschein gezahlt, aber das Wechselgeld auf zwanzig Euro zurückbekommen. Also hatte ich das Geld so schnell wie möglich in die Tasche gesteckt und gehofft, dass der Typ nichts merkt, aber meiner Mutter hab ich dann alles erzählt, und die hat mich danach sofort wieder zurück zum Kassierer geschickt. Und der hat das Geld einfach nur eingesackt und mir nicht mal einen Lolli spendiert dafür.
»Das passiert mir nicht noch mal«, hab ich mir da geschworen, »dass ich so blöd bin und alles erzähle.«
»Wir treffen uns morgen um drei auf dem Platz«, sagte die Sichel an diesem Tag noch. »Dann beginnt unser erstes Training. Wer eine Minute nach drei kommt, darf wieder nach Hause gehen.«
Am nächsten Tag peilte ich dann schon eine halbe Stunde früher durch das Loch im Zaun, um mich nicht zu verspäten. Außer mir war noch überhaupt niemand da. Deshalb schlenderte ich noch ein paar lässige Runden um den Block. Musste ja nicht jeder sehen, dass ich es mal wieder nicht abwarten konnte. Langsam trudelten dann immer mehr Leute ein. Als die Sichel den Platz betrat, kletterte auch ich durch die Lücke.
»Alle zusammenkommen«, rief die Sichel und stellte die Jungs der Reihe nach vor. Bei mir sagte er: »Das hier ist Luca, unser Pointguard.«
Ich hatte keine Ahnung, woher er meinen Namen kannte, aber eigentlich war es mir auch egal, Hauptsache, ich musste nicht selbst den Mund aufmachen.
Von den anderen Spielern kannte ich die meisten vom Sehen. Drei oder vier Türken waren dabei und einer, der Murat hieß, und Karim, der aus dem Senegal kam. Dann gab es einen Koreaner oder Japaner oder so was Ähnliches, der aber in akzentfreiem Deutsch sagte, dass er »Francis« hieß und »erst seit einem Jahr Basketball« spielte. Ein deutscher Junge gehörte auch noch dazu, zumindest glaubte ich das, weil er Heinrich hieß. Und ein Spanier oder Brasilianer oder so was war auch noch dabei, aber der war wahrscheinlich nicht ganz richtig im Kopf, weil er sich selbst »El Maestro« nannte. Vielleicht war er auch wirklich ein Meister. Zumindest war er der Einzige, den ich nicht schon vom Günni her kannte.
Von den anderen aber, die ich hier schon mal gesehen hatte, war keiner eine ganz große Nummer. Keiner hatte einen herausragenden Wurf. Keiner konnte explosiv zum Korb ziehen und alle waren mindestens zehn Zentimeter zu kurz. Im Vergleich zu Robins Team waren wir eine Gurkentruppe.
»Einen Center bekommen wir noch«, sagte die Sichel, als er meinen skeptischen Blick bemerkte.
Bis dahin erzählte er, dass wir ihn »Coach« nennen sollten, obwohl er wüsste, dass er bei uns nur »die Sichel« hieß.
»Und wie heißen Sie in echt?«, fragte Karim.
»Coach«, sagte er.
»Und weiter?«
»Nur Coach, mehr ist nicht nötig.«
»Haben Sie selbst mal gespielt?«, fragte Francis.
»Natürlich«, antwortete der Coach. »In der NBA?«
»Natürlich nicht.«
»Dann in der Bundesliga?«
»Ihr seid auf Platz zusammen, nicht ich«, sagte der Coach. »Besser fragt euch selber.«
So richtig verstehen konnte ich nicht, warum er aus sich so ein Geheimnis machte. Vielleicht hatte er seine Gründe, aber eigentlich hätte ich die schon gerne gewusst. Ich meine, nicht nur die Gründe, sondern auch alles andere: wo er gespielt hatte und auf welcher Position, wieso er jetzt Hausmeister war und nicht Trainer und warum er sich um so eine Verlierertruppe kümmerte. Und nicht zum Beispiel um die Mannschaft von Robin.
Beinahe hätte ich ihn sogar gefragt, aber dann bog plötzlich Jana um die Ecke, und da schnürte sich bei mir sofort wieder die Kehle zu.
Jana kam direkt auf uns zu und hatte ein hellgrünes T-Shirt an und eine hellblaue Basketballhose und ihre ewig langen Beine steckten in ziemlich peinlichen Stoffturnschuhen.
