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Nicht jeder Leser weiß, wer oder was die "Adventisten" sind. Fragt man, kommt oft die Gegenfrage: "Ist das nicht so eine Sekte?" Das Buch will eine Ortsgemeinde der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten vorstellen, beschreiben und dem Leser vielleicht Lust machen, mehr und tiefer nachzuforschen, ob das mit der "Sekte" stimmt. Es stellt eine Ortsgemeinde der o.g. Freikirche vor, die sich in der Hafenstadt Stralsund (ca. 60.000 Einwohner) befindet und dort 1903 gegründet wurde. Verschiedene freikirchliche Gemeinden und daneben die beiden großen Kirchen gibt es in der Stadt. Aus wenigen Mitgliedern entstand binnen weniger Jahre eine Ortsgemeinde mit einem zweistelligen Mitgliederstand. Auf Grund des Vorhandenseins von Chroniken und anderen Materialien war es möglich, den Werdegang und die heutige Aktivität der Gemeinde zu beschreiben. Ab 1972 standen fast lückenlos alle Jahreschroniken der Gemeinde zur Verfügung, wie sie in einem Silvestergottesdienst Jahr für Jahr verlesen wurden. Außer diesem chronologischen Teil wird im Anfangsteil die Geschichte und die Theologie der Freikirche beschrieben. Der Stand der deutschen Gemeinden in der Zeit des Nationalsozialismus wird gewürdigt wie auch die Reibungsflächen mit dem DDR-Staat. Auch aus der Zeit vor 1972 existieren Zeugnisse ehemaliger Ortsprediger (Pastoren). Da Stralsund stets enge Beziehungen zu den Nachbargemeinden Bergen/Rügen, Greifswald, Demmin u. a. gepflegt hat, wird auch auf diese Ortsgemeinden eingegangen. Auch der Lebensstil der Adventisten und ihr Verhältnis zu anderen Konfessionen wird beschrieben. Die eingefügten Fotografien sollen dem Leser helfen, in alte Zeiten einzutauchen. Zum Schluss werden zwei Fassungen der sog. "Glaubensüberzeugungen der Adventgemeinde" (1875 u. 2005) angeboten. Diese beschreiben das, was Adventisten glauben und leben. Beide Fassungen unterscheiden sich geringfügig, was bedeutet, dass Überzeugungen wachsen und sich gegebenenfalls auch verändern können. Immer aber ist die noch recht junge Freikirche (1863 in den USA gegründet) dem Wortlaut der Bibel verpflichtet und stolz darauf, jeden Teil ihrer praktizierten Frömmigkeit biblisch begründen zu können. Der aufmerksame Leser wird beim Vergleich merken, wo und wie sich doch einiges in der adventistischen Theologie geändert hat. Dennoch: eine "Sekte" sind die Adventisten nicht. Sie sind heute mit insgesamt über 21 Mio. getauften Mitgliedern weltweit präsent.
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Seitenzahl: 665
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Danksagung
Ein herzliches Dankeschön an alle Freunde, Bekannten und Glaubensgeschwister, die mir beim Zusammentragen und Teilen vieler Erinnerungen geholfen haben. Ein ganz besonderer Dank geht an Nicole Küchler aus Rostock, die Frau meines Enkels Friedrich Küchler, die sich in exzellenter Weise um die Umschlaggestaltung und das Layout dieser Chronik gekümmert hat. Danken möchte ich auch meinem Sohn Jörg aus Bad Lausick, der in den letzten Monaten viel Zeit und Mühe in das Projekt investiert hat.
Alle Erlöse aus dem Verkauf dieses Buches werden dem „Förderverein Gemeindezentrum Rügen e. V.” zur Verfügung gestellt.
Mehr über den Förderverein kann auf dessen Homepage nachgelesen werden: http://www.sta-bergen.de/foerderverein/
Vorwort
1.
Geschichte und Theologie
2.
Adventgemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus
3.
Rückblicke ehemaliger Prediger & Pastoren
4.
Nachbargemeinden
4.1 Bergen/Rügen
4.2 Pramort und Barth
4.3 Greifswald
4.4 Demmin, Franzburg, Heringsdorf
5.
Als Adventistenkind an einer sozialistischen Schule
6.
Gemeindeleben einst und jetzt
7.
Demografie der Gemeinden Stralsund und Bergen
8.
Adventistischer Lebensstil und Modefragen
9.
Wir und die anderen
10.
Chronologie der Adventgemeinde Stralsund
10.1 Predigerfamilie Hermann und Hanna Beier (1971 - 1980)
10.2 Predigerfamilie Helmut & Ute Binanzer (1980 - 1992)
10.3 Predigerfamilie Joachim und Annerose Lang (1992 - 2002)
10.4 Predigerfamilie Hugo und Brigitta Tornow (2002 - 2010)
10.5 Pastor Markus Voß (2010 - 2013)
10.6 Pastor Ralf Gelke (2013 - 2018)
10.7 Pastor René Cornelius (ab 2018)
Anhang
I.
Versammlungsstätten der Adventgemeinde Stralsund
II.
Die Ältesten und Ortsprediger der Adventgemeinde Stralsund
III.
Glaubensüberzeugungen der Adventgemeinde (1872 / 2005)
Das Anliegen dieser Schrift ist der Versuch, Zeitgeschichte zu erinnern und festzuhalten, dadurch unseren Nachfahren zu dienen und das Lob unseres Gottes zu mehren, der die Adventgemeinde Stralsund durch Jahrzehnte erhalten und gesegnet hat. Ich möchte das Leben und Wirken einer Ortsgemeinde der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten würdigen, die unter fünf politischen Regimen wirken durfte und bis heute besteht. Es ist meine Gemeinde, in die ich 1955 mit 17 Jahren hineingetauft wurde und die ich liebe. Ich möchte Gott mit diesem Bericht ehren und Personen, die in der Gemeinde Stralsund (und Umgebung) gelebt haben oder noch leben, ein Denkmal setzen und sie vor dem Vergessen bewahren. Ich verwende als Material vor allem vorhandene Jahreschroniken, wie sie Jahr für Jahr in der Jahresschlussandacht verlesen wurden/werden, und die seit 1974 fast lückenlos vorliegen. Zusätzlich verwende ich an einigen Stellen einige markante Protokolle oder andere Schriftsätze aus dem Gemeindeleben.
In dieser Schrift benutze ich die deutsche Sprache so, wie ich sie in der Schule gelernt habe. Ich setze voraus, dass jeder Leser weiß, dass manche Substantive, die Personen im Plural bezeichnen, zwar männlich klingen (z. B. Leser, Teilnehmer, Rentner) aber deshalb nie nur das Maskulinum meinen. Ob dabei Männer, Frauen oder beide gemeint sind, ergibt sich aus dem Zusammenhang. Ich halte es für überflüssig, bei der Verwendung z. B. des Plurals „die Leser“ zu argwöhnen, dass Leserinnen darunter nicht gemeint sind. Deshalb verzichte ich auch auf Wortungetüme wie beispielsweise „Leser/Innen“ oder „Leser*Innen“. Ich verwende die Bezeichnungen Jesus und Christus so, wie ich sie seit den Jahren, in denen ich im Kindergottesdienst gesessen habe, kenne. Ich benutze die Genitiv-Form der beiden Namen in der Form, wie sie auch meine Lutherübersetzung 1984 benutzt, z. B. Matth. 27, 58: „… Josef war auch ein Jünger Jesu.“ , oder Röm. 1,1: „Paulus, ein Knecht Jesu Christi …“ Der Leser verzeihe, dass ich mich nicht an moderne Übersetzungen, die über die Jünger von Jesus oder die Erlösungstat von Christus sprechen, gewöhnen kann.
Ich nenne viele Eigennamen. Wollte ich darauf verzichten, wäre diese Chronik wesentlich informationsärmer, ja blutleer. Da es sich fast ausnahmslos um Personen meiner Kirche handelt, von denen ich keine Proteste gegen ihre Namensnennung befürchte, und weil keine Person in einem ehrenrührigen Zusammenhang genannt wird, verwende ich in den allermeisten Fällen ihre bürgerlichen Namen. In Zweifelsfällen habe ich neben Vornamen nur den Anfangsbuchstaben des Nachnamens angeführt. Die Bezeichnung Bruder (Brd.) bzw. Schwester (Schw.) ersetzt unter adventistischen Gemeindegliedern die Anrede „Herr“ oder „Frau“. Sie ist bei der Anrede grundsätzlich mit dem Du verbunden. Ich verwende sie in dieser Schrift bei unbekanntem Vornamen zur Kennzeichnung des Geschlechts. Die Anrede „Bruder“ und „Schwester“ hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr der Verwendung von Vornamen Platz gemacht. Die Bezeichnungen Prediger oder Pastor haben eine identische Bedeutung und meinen den hauptamtlichen geistlichen Leiter einer Ortsgemeinde, der zu diesem Dienst von der Freikirche gerufen wird.
Am Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in Europa und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika außerhalb der etablierten Kirchen religiöse Bewegungen, in denen Menschen jenseits von kirchlichen Routinen einen persönlichen Glauben an Jesus Christus suchten. Viele Menschen waren unzufrieden mit den Angeboten ihrer Kirchen. Besonders in Nordamerika sehnten sich nicht wenige Menschen nach geistlichem Aufbruch und nach innigerer Gemeinschaft untereinander und mit Gott. Um 1840 kam es in den USA zu einer Steigerung dieser Entwicklung. Heute nennt man diese Bewegung die „Große Erweckung“. Eine besondere Rolle spielte dabei die feste Überzeugung, dass die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorstünde. Auch in anderen Teilen der Welt wurden diese Erwartungen geteilt. So berechnete der deutsche Prälat Albrecht Bengel (1687-1752) die Wiederkunft Christi für das Jahr 1836. In den USA erwartete der Baptisten-Pastor William Miller (1782-1849) dieses Ereignis für das Jahr 1843. Als die ersehnte Wiederkunft Christi nicht eintrat, waren die Gläubigen vielfachem Spott ausgesetzt. Die „Große Erweckung“ brach zusammen.
Aber aus der Miller-Bewegung formierte sich eine Gruppe von Gläubigen, die die Erkenntnisse der „Großen Erweckung“ nicht einfach verwarf, sondern kritisch sichtete. Sie organisierte sich 1863 als „Seventh-day Adventist Church“ und gab sich die Form einer Freikirche. Die Siebenten-Tags-Adventisten besannen sich auf Jesu Weisung, dass man niemals ein Datum für die Wiederkunft Christi errechnen sollte (Matth. 24,36), und sie wollten hinfort der Aufforderung Jesu folgen, jederzeit wachsam zu sein und auf ihn zu warten. Sie studierten die prophetischen Aussagen der Heiligen Schrift und begannen, sie neu zu verstehen. Darüber hinaus sahen sie sich als Erben der Reformation. Allein die Schrift sollte Grundlage des Glaubens sein. Mit diesem Grundsatz machten sie ernst. Einerseits wurden Lehren verworfen, die aus nicht-christlichen Quellen in die christliche Kirche eingedrungen waren. Zum anderen aber wurden biblische Lehren wiederentdeckt, die in den Jahrhunderten der Kirchengeschichte verlorengegangen waren. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Wiederentdeckung des Sabbats, den die Israeliten, die Juden und Jesus heiligten. Man begriff, dass nicht der erste Tag, sondern der siebente Tag der Woche Gottes geheiligter Tag ist. Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten trägt diese beiden Kennzeichen (Sabbat und Adventhoffnung) in ihrem Namen. Daneben verkündet sie die Botschaft der „Drei Engel“ aus Offb. 14,6-13 als göttliches Entscheidungsangebot für unsere Zeit. Sie sieht sich als reformatorische Endzeitgemeinde, deren Mitte Jesus Christus ist, fühlt sich aber auch zu praktischer Nächstenliebe, zu medizinischer Hilfe gegenüber Menschen aller Schichten und Weltanschauungen und einer praxisorientierten Erziehungs- und Bildungsarbeit gerufen. Sie ist als Kirche weltweit organisiert und besitzt eine gesunde finanzielle Grundlage, die sie vom Staat unabhängig macht.
William Miller (Wikipedia)
Der erste Missionar, den die junge Kirche von den USA aussandte, John Nevins Andrews (1829 -1883), brachte die Adventbotschaft im Jahre 1874 in die Schweiz. Von dort breitete sie sich für damalige Verhältnisse sehr rasch über ganz Europa aus, woran Jakob Heinrich Erzberger (1843 - 1920) und Carl Ludwig Conradi (1856 - 1939) einen wesentlichen Anteil hatten. Im Jahre 1900 gab es unter den etwa 1,5 Mrd. Menschen der Welt ca. 62.000 Adventisten, heute (2020) sind es etwa 20 Millionen getaufte Mitglieder unter ca. 7,7 Mrd. Erdbewohnern. Auch andere Freikirchen englisch-amerikanischen Ursprungs, so Apostoliker, Baptisten, Methodisten, Mennoniten hatten um die Jahrhundertwende einen großen Zulauf. Im Jahre 1910 gab es in Deutschland in allen Freikirchen zusammen knapp 180.000 Mitglieder - noch im Jahre 1890 waren es nur rund 83.000 (Christoph Ribbat „Religiöse Erregung -Protestantische Schwärmer im Kaiserreich“ Campus-Verlag Frankfurt/New York 1996).
Um die Jahrhundertwende erreichte die Adventbotschaft auch den Norden und Osten Deutschlands. Das volkskirchlich-evangelisch orientierte Pommern galt bei den adventistischen „Kolporteuren“ als hartes Pflaster. Am 5.2.1903 folgte der Prediger Emil Eduard Frauchiger (1865-1947), der als Missionar in verschiedenen Teilen Europas unterwegs war und damals wohl in Berlin wohnte, einer Einladung einer Familie Völzke, die in Stralsund missionierte. Er fand „eine volle Stube interessierter Seelen vor“ („Zions-Wächter“ 20.7.1903). (Lt. Adressbuch der Stadt Stralsund von 1902/03 lebte ein Reinhold Völzke in Stralsund, Barther Str. 22.) Obwohl die Gemeindezeitungen jener Jahre kein ausdrückliches Gründungsjahr der Gemeinde Stralsund nennen, ist der „Adventbote“ vom 1.12.1928 sehr aufschlussreich: „Am 13. Oktober feierte die Gemeinde Stralsund ihr 25-jähriges Bestehen. Zu dieser Feier … war Brd. Janert, unser Vorsteher von der Vereinigung (in Stettin) erschienen.“
Die Zahl der Gemeindeglieder Stralsunds stieg bald an. Drei Stralsunder Zeitungen warnten anlässlich der vom 12.-16. Februar 1913 nach Stralsund einberufenen 2. Konferenz der Odervereinigung vor der „Heerschau der Adventisten“ („Zions-Wächter“ 3.3.1913). Während dieser Konferenz wurde eine Gruppe Pramort (Halbinsel Zingst) mit zehn Gliedern dem Stralsunder Bezirk zugeordnet (siehe Landkarte S. 36).
Die intensive Erwartungshaltung des Kommens Christi in der Zeit um 1844, in deren Ergebnis sich die Kirche gründete, hat sich in den folgenden Jahrzehnten abgekühlt. Dazu trug ein neu gewonnenes Verständnis über den sogenannten himmlischen Heiligtumsdienst Jesu bei. Als Christus 1844 nicht gekommen war, begriffen die Wartenden, dass 1844 nicht die Ankunft Jesu auf dieser Erde geschehen konnte, sondern dass Christus im Himmel einen besonderen Dienst zugunsten seiner Nachfolger begonnen hat.
Viele Adventisten gingen in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zu einer pragmatischen Haltung über nach dem Motto: „Christus kommt bald, aber möglich ist es, dass mein individuelles Ende eher erfolgt als Sein Kommen in den Wolken des Himmels.“ In der Zeit, die dem Menschen zugemessen ist, sollte er sein Leben in Ordnung bringen und in seiner Umgebung für Christus wirken. In meiner Jugendzeit gab es Gemeindeglieder, die fest davon überzeugt waren, dass sie Christi Kommen erleben würden. Die sich verzögernde Wiederkunft war für manchen Adventisten eine Belastung und ein Anlass zum Zweifel. Mir ist aber nicht bekannt, dass jemand deswegen die Gemeinde verlassen hätte.
Die Bedeutung und Rolle der Mitbegründerin der Kirche Ellen G. White (1827-1915) wird von den heutigen Adventisten unterschiedlich bewertet. Viele Adventisten damals und heute sehen in Ellen Gould White das direkte Sprachrohr Gottes („Geist der Weissagung“) und verleihen ihr damit gleichsam einen Heiligenschein. Andererseits weist sie selbst darauf hin, dass sie nur ein „kleines Licht“ ist, das auf das „große Licht“ (die Bibel) hinweisen wollte. Aus ihrer Feder stammt so viel Schrifttum, dass ein Einzelner es selbst bei gutem Willen kaum lesen könnte. Ihre bekanntesten Werke „Der große Kampf“ (heute: „Vom Schatten zum Licht“), „Erfahrungen und Gesichte“, „Patriarchen und Propheten“, „Auf den Fußspuren des großen Arztes“ und „Der Weg zu Christo“ (auch bekannt als: „Der Eine“ oder „Der Messias“) kennen viele Gemeindeglieder. Auch Nicht-STA äußern sich immer wieder beeindruckt. Aber keiner unserer Glaubenssätze entstammt der Urheberschaft von E. G. White. Kritiker bezweifeln insbesondere die göttliche Urheberschaft ihrer Visionen. Diese hatten bezüglich unserer Glaubenslehren immer nur bestätigenden Charakter. Auf der Generalkonferenz in Minneapolis 1888 stellte sich E. G. White auf die Seite derjenigen, die als Grund und Ursache der „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ (Röm. 3,21 ff) das Gnadengeschenk Gottes in Jesus Christus betonten. Die altgedienten Adventisten der ersten Stunde verteidigten damals einen Standpunkt, nach dem das Halten der Gebote die Bedingung und Voraussetzung für die Gabe des ewigen Lebens sei. Ellen Whites Parteinahme verhinderte das Abdriften der jungen Freikirche in die Richtung einer Gesetzesreligion. In der Gemeinde Stralsund gab es wegen E. G. White niemals Kontroversen. Eher konservativ denkende Adventisten sagen oder schreiben gerne: „E. G. White hat gesagt …“. Viele junge Glieder unserer Kirche wissen leider wenig oder kaum etwas über diese Frau, die ganz sicher eine geisterfüllte Prophetin war und uns auch heute noch viel zu sagen hat.
Ellen Gould While (Adventist Digital Library)
Vor einigen Jahrzehnten haben einige Stralsunder Glieder die Gemeinde verlassen, weil sie sich mit dem von der Kirche seit 1931 offiziell vertretenen Trinitätsdogma nicht (mehr) identifizieren konnten. Tatsächlich ist es so, dass noch in meiner Kindheit und Jugend in Predigten und anderen Verlautbarungen der Heilige Geist eher als göttlicher Einfluss oder Kraft gesehen wurde, weniger als Person. Wer biblische Begründungen für den einen oder den anderen Standpunkt finden will, wird sie finden. Im Zuge der Annäherung an die Evangelische Allianz (örtliche Mitgliedschaften) bzw. die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) erfolgte seitens unserer Freikirche eine stärkere Positionierung in Richtung auf die altkirchlichen Bekenntnisse, zu denen auch das Trinitätsdogma gehört. Wären wir ohne das Ja zu dieser Lehre von den anderen Kirchen als vollwertige Christen anerkannt worden?
Im praktischen Gemeindeleben von Stralsund und Bergen spielt der Trinitätsgedanke keine Rolle. Predigten zum Thema hört man kaum. Niemand betet bei uns zum Heiligen Geist. Liedstrophen, die ihn als Gott preisen, werden von manchen Gemeindegliedern nicht mitgesungen. Der interessierte Leser vergleiche zu diesem Thema die 25 „Glaubenspunkte“ in der Fassung von 1872 mit dem Wortlaut der Fassung von 2005 am Ende dieses Buches. (siehe ab S. 304)
Die Gemeinde hat sich daran gewöhnt, dass auch Frauen predigen. Nur wenige Gemeindeglieder haben damit Probleme. Die Ordination von adventistischen Theologiestudentinnen zu Pastorinnen wurde in unseren Breiten seit der Gemeinschaftsgründung geübt. Seit kurzer Zeit gibt es seitens der obersten Kirchenleitung (Generalkonferenz) Bestrebungen, diese Praxis zu beenden. Sie folgt darin der Mehrheit der Adventisten in der südlichen und östlichen Welt. Inzwischen drohen sogar Reglementierungen. Wie diese Kontroverse ausgeht, ist momentan (2020) noch nicht abzusehen. Die Aktivität weiblicher Gemeindeglieder im Gottesdienst kann unterschiedlich beurteilt werden. Wenn „die Frauen (in der Gemeinde) schweigen sollen“, wie Paulus es empfiehlt (1. Kor. 14,34), würde das Gemeindeleben in manchen kleinen Gemeinden zum Erliegen kommen. Die Meinungen und Aussagen unserer weiblichen Gemeindeglieder in den Bibelgesprächsgruppen, in Gemeindeversammlungen und Gemeinderatssitzungen, als Delegierte in Delegierten-Versammlungen auf Landes-, Bundes- oder noch höherer Ebene sind wichtig und wertvoll. Sie werden nicht brüskiert, weil sie von Frauen kommen. Jedoch jeder Feminismus oder gar Gendertrend liegt nicht in unserem Sinn. Möglicherweise sind Frauenquoten, auf die in bestimmten Gremien geachtet wird, unnötig.
„Zions-Wächter“ vom 06.04.1914
Wohl jede christliche Denomination besitzt eine Gemeinde- oder Kirchenzeitung. In Deutschland begann es einmal mit dem „Zions-Wächter“ als zentraler Gemeindezeitschrift. Es folgte im Jahre 1922 „Der Adventbote“, dessen Herausgabe kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges eingestellt wurde. Erst 1949 wurde der „Adventbote“ in Westdeutschland wieder gedruckt. In den Jahren des Sozialismus haben wir in der DDR lange auf eine Gemeindezeitschrift verzichten müssen.
Erst 1980 kam die Monatszeitschrift „Adventgemeinde“, die im Jahre 2010 von dem jetzigen Zentralorgan „Adventisten heute“ abgelöst wurde. Dieses wird kostenlos abgegeben und enthält in seinem Mittelteil seit September 2005 die weltweit verbreitete „Adventist World“ in der jeweiligen Landessprache. Der für uns im deutschsprachigen Bereich bestimmte Teil (etwa die Hälfte der insgesamt 60 Seiten der Monatsausgabe) wird von einer deutschen Redaktion beim Adventverlag in Lüneburg redigiert.
Am 12. Oktober 1903 wurde in Stralsund eine Ortsgemeinde der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten (STA) gegründet. Stralsund war um die Wende zum 20. Jh. Sitz eines preußischen Regierungsbezirks. Zu ihm gehörten die Landkreise Stralsund-Land, Franzburg, Grimmen, Greifswald und Rügen. In 14 Städten, 191 Dörfern und auf 668 Gütern lebten damals 216.340 Menschen. In Stralsund selbst wohnten im Jahre 1900 31.150 Bürger. Städtisches Eigentum waren die Güter Grünhufe, Grünthal, Langendorf, Lüssow und Prohn. Die Stadt war bis 1872 durch ihren Festungsgürtel eingeschnürt. Durch eine großzügige „Entfestung” wurde ihr ein Wachstum nach draußen ermöglicht. Leider ging das nicht ohne eine Zerstörung großer Teile der Stadtmauern, Stadttore und Festungswerke. Der Stralsunder Bahnhof existierte schon. Von Süden kommende Züge wurden über den Strelasund und weiter nach Schweden trajektiert. Durch die Barther Straße dampfte die Kleinbahn von und nach Barth. Die größten Industriebetriebe der Stadt waren die Zuckerfabrik, die Pommersche Eisengießerei und Maschinenfabrik AG und die Vereinigte Stralsunder Spielkarten-Fabriken-AG. Stadtgas wurde seit 1894 in die Haushalte geliefert. Seit 1895 wurde elektrischer Strom erzeugt. Zwar gab es in Stralsund einen traditionellen Schiffbau, aber die Stralsunder Werft baute und reparierte nur Holzboote. Immerhin waren in Stralsund zu dieser Zeit noch 5,7% der preußischen Handelsflotte zu Hause. Stralsund wurde seinerzeit von einer großen Anzahl von Gutsbesitzern, Lehrern, Ärzten, Beamten und Offizieren bewohnt. Das Militär machte 5% der Bevölkerung aus. Die Stadt besaß damals 600 Handwerks- und kleine Gewerbebetriebe (139 Schuhmacher, 54 Schneider, 53 Friseure, 48 Fleischer und 42 Bäcker). Vor den Küsten der Stadt erwarben 124 Fischer ihren Lebensunterhalt. Ihre Zeesboote lagen an der Hafeninsel, die damals noch nicht die markanten großen Speicher trug, welche heute Teil der Stadtsilhouette sind. Politisch gesehen war Stralsund ein Zentrum der Sozialdemokratie. Die Arbeitsbedingungen in den Stralsunder Fabriken waren katastrophal. Es wurde 12 Stunden und mehr gearbeitet. Die Tagelöhne der Männer betrugen 1,70 Mark, die der Frauen unter 1 Mark.
Hier hielt der Prediger Frauchiger einer Familie Balfanz Bibelstunden. Er schreibt im „Zions-Wächter” von 1903: „In derselben Nacht, als ich dort war, starb das Kind der Geschwister Völske im Alter von zwei Monaten; wenn auch nicht ohne Schmerz, so gaben sie es williglich dem Herrn, der es gegeben hat, in der Hoffnung, es bald wiedersehen zu dürfen.” Brd. Frauchiger schickte den Reiseprediger W. Schwenecke in die Stadt, um die Arbeit fortzusetzen. Ab 12.4.1903 hielt dieser öffentliche Vorträge in der Stadt. Am 29.6. wurde im Ergebnis dieser Arbeit ein Ehepaar Däbritz getauft. Am 12.10. folgten Schw. Balfanz, Mutter Benzmann und Schw. Lemke. Diese sieben Geschwister wurden durch Brd. Frauchiger als Gruppe organisiert. Dieser Tag gilt deshalb als Gründungstermin der Stralsunder Adventgemeinde. Aus dieser Zeit gibt es eine Anfrage des Stralsunder Polizeipräsidenten an die höhere Dienststelle in Hamburg, was denn Adventisten für Leute seien. Man muss wissen, dass die Etablierung von Religionsgemeinschaften ausserhalb der beiden Großkirchen fast unmöglich war. Deshalb organisierte man sich damals als „eingetragener Verein”. Die Gottesdienste mußten ein wenig die Form von Vereinsversammlungen besitzen. Es sei daran erinnert, dass erst mit der Reichsverfassung von 1918 die Rechtsstellung der Religionsgemeinschaften in Deutschland begründet wurde, deren Artikel 4 die Freiheit des Glaubens, des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sowie der ungestörten Religionsausübung garantiert. Vor 1918 war die Gemeinde gezwungen, sich den Status eines eingetragenen Vereins zu geben, um eine erträgliche soziale und gesetzeskonforme Akzeptanz zu erlangen. Die Gottesdienste trugen deshalb bis 1918 den Charakter von „Mitgliederversammlungen”. Aus dieser Zeit stammte die über Jahrzehnte gepflegte Gewohnheit, in jedem Gottesdienst einen „Bericht” über die vergangene „Versammlung” zu verlesen. Diese Sitte verschwand erst etwa 1970. Heute ist unsere Freikirche eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und genießt die damit verbundenen Rechte und Pflichten.
Barther Straße 22
Bei einer Taufe (1903) in der Ostsee bei Wieck/Greifswald waren fünf weitere Stralsunder dabei: Schw. Buchholz, Brd. Balfanz, Schw. Wruch und das Ehepaar Carl und Frieda Jäckel. Am 10.1.1904 wurde in Stralsund das erste Abendmahl gefeiert. Ein Jahr nach Gründung der Gruppe gab es damit zwölf Stralsunder Adventgläubige. Diese Gruppe schrumpfte jedoch in den folgenden Jahren arg zusammen. Geschw. Völzke zogen nach Grimmen (evtl. aus missionarischen Gründen?), Schw. Lemke nach Barth, Schw. Balfanz nach Greifswald (war ihr Mann verstorben?) und Brd. Däbritz ging nach Afrika. Neben Greifswald waren auch in Demmin, Anklam, Pasewalk und Ducherow inzwischen Gemeinden entstanden. Schw. Benzmann verstarb 1928. Ihr Name blieb noch Jahrzehnte in der Stralsunder Gemeindeliste. Eine Schwiegertochter ihres Enkels ist bei der 50-Jahrfeier dabei gewesen. Sie war zu dieser Zeit mit ihren Töchtern nach Leipzig verzogen und nahm von dort noch viele Jahre lebhaften Anteil am Stralsunder Gemeindeleben. Auch die 75-jährige Schw. Balfanz war 1953 noch als Ehrengast dabei.
Schw. Iduna Schröder, die Ehefrau des späteren langjährigen Ältesten der Gemeinde Stralsund erinnerte sich, dass sie 1909 in Stralsund zur Gemeinde kam. Damals sei nur eine kleine Gruppe von vier Geschwistern vorhanden gewesen. Der erste hauptamtliche Prediger in Stralsund dürfte Brd. Amelung ab 1907 gewesen sein. Er wird im „Zions-Wächter” vom Februar 1908 als Prediger in Barth und Stralsund genannt. In kurzer Folge werden als Prediger sodann G. W. Schubert (1909), die Brüder Rohne und Erzberger sowie Brd. Minck (1910) erwähnt. 1909 versammelte sich die Gruppe in einem kleinen Stübchen bei einer Schw. Hoffmann im Katharinenberg, sodann in weiteren Privatwohnungen in der Mühlen- und Fährstraße. Im Winter 1910/11 hielt Brd. Minck Vorträge in Stralsund. Die „Arbeit erregte den heftigsten Widerstand von seiten der Geistlichkeit, doch hat der Herr die Arbeit in Pommern auch reichlich gesegnet („Zions-Wächter” von 1910).” Interessant ist, dass schon damals die Vortragsarbeit durch Lichtbilder unterstützt wurde. Seinen Seelsorgebezirk nannte Brd. Minck „Greifswald-Stralsund-Anklam”. Die Vortragsarbeit wurde durch die Bibelarbeiterin Hermine Ehehalt (siehe Foto S. 18) unterstützt. Sie schreibt im „Zions-Wächter” von 1910, dass „bei gutem Besuch der Vorträge bald 15 Seelen getauft werden konnten. Auch wurde ... ein neues Lokal eingerichtet.” Von der Einweihung am 4.10.1912 berichtet Brd. Fr. Hambrock im „Zions-Wächter”, dass „70 Personen in einem herrlich geschmückten Saal zugegen waren” (Alter Markt 5). Auch ein „Jugendbundfest” am 22.12.1912 fand statt. Bis zu seinem Weggang wohnte Brd. Hambrock in der Ravensberger Straße 2. Im Jahre 1911 ist die Mutter von Brd. Friedrich-Karl Zinow im Strelasund getauft worden. Sie hatte die Adventbotschaft von einem Ehepaar Hoffmann, das in der Marienstraße im „Kaland” wohnte, kennengelernt. Gemeindeältester war zu dieser Zeit Brd. Gollasch. Brd. Hambrock erinnerte sich 1973 noch an eine Schw. Beier mit Tochter, einen Brd. Hermann Schmidt, der Harmonium spielte und später Prediger und Lehrer auf dem Gymnasium Marienhöhe in Darmstadt gewesen ist.
Gehörte damals die Gemeinde Stralsund zum Seelsorgebezirk Rostock? Brd. Hambrock nennt in einem Brief an die Stralsunder Jubiläumsgemeinde im Jahre 1978 den Rostocker Prediger Willi Hoffmann seinen „Bezirksältesten”. Die Gemeinde Stralsund gehörte damals zur „Oder-Vereinigung” mit den Regierungsbezirken Stettin, der Uckermark, der Priegnitz, Mecklenburg-Strelitz und Mecklenburg- Schwerin. Vereinigungsvorsteher war Brd. J. Seefried mit Büro in Stettin.
Interessante Einzelheiten vermittelt der Grußbrief eines ehemaligen Stralsunder Gemeindemitglieds mit Namen Walter Schmidt. Dieser Bruder gehörte von 1911 bis 1916 zur Gemeinde Stralsund, wohnte aber in Sellin. Er erinnert sich, dass er nur alle Vierteljahre zum Abendmahl in Stralsund sein konnte oder „wenn die Jugend eine Feierstunde hatte”. Er erwähnt als weitere Gemeindeglieder die Brüder Spaude, Böttcher, Seltrecht, Lehmann und Schröder. Brd. Seltrecht war viele Jahre Ältester der Gemeinde.
Vom 24. - 28.1.1912 gab Brd. J. Seefried auf der ersten Konferenz der Oder-Vereinigung in Cottbus bekannt, dass nach Taufe von 138 Seelen gegenwärtig 700 Gemeindeglieder in 31 Gemeinden und Gruppen zur Vereinigung zählen. Zur 2. Konferenz der Oder-Vereinigung vom 12. - 16.2.1913 in Stralsund kamen 138 Delegierte. Die drei Stralsunder Zeitungen hatten eine Warnung vor der „Heerschau der Adventisten” („Zions-Wächter” 3. März 1913) gebracht! Am Sabbat wurde die „Sabbatschule” in 21 Klassen gehalten. Die Gaben betrugen 84,49 Mark. Während dieser Konferenz wurde eine Gruppe Pramort (Halbinsel Zingst) mit 10 Gliedern dem Stralsunder Bezirk zugeordnet (siehe Landkarte auf S. 36).
Nichts wissen wir über einen von 1913 bis 1916 in Stralsund wirkenden Prediger Brd. Selle.
1916 übernahm Brd. Kapitz den Stralsunder Bezirk. Schw. Margarete Hermann, die 1894 geboren wurde, ist von ihm 1919 getauft worden. Sie, ihre Schw. Irma Rosenmeyer und die Mutter der beiden, besuchten die öffentlichen Vorträge von Brd. Kapitz in der Mönchstraße, die sehr gut besucht waren. Neben den dreien wurden am gleichen Tage noch Schw. Kaßburg, Brd. Heuck, Schw. Eichmann und Schw. Hoth getauft. In der Zeit der Wirksamkeit von Brd. Kapitz erfolgte die Abtrennung der Gruppen Pramort und Saßnitz. Nur kurze Zeit (1921/22) wirkte in Stralsund ein Brd. Näther. 1922 übernahm Brd. Derlath die Gemeinde. Ab diesem Jahr bekam die Gemeinde in der Bleistraße 6 einen neuen Gemeindesaal. Er befand sich über einem Automobilgeschäft und war über eine Außentreppe erreichbar. Als Kuriosum aus dieser Zeit ist zu vermerken, dass ein Brd. Otto Schmidt an einem Sabbat während des Gottesdienstes durch ein im Fußboden befindliches Fenster in den darunter liegenden Automobilverkaufsraum gefallen ist. Er landete unversehrt auf einem Autodach.
Bleistraße 6, Haus mit Torweg
Im Predigtamt folgte 1928 Brd. Jäger. Er gab 1928 für den „Adventboten” vom 1.12.1928 einen Bericht anläßlich des 25. Gemeindejubiläums, wonach die Feier am 13.10.1928 in „unserem festlich geschmückten Versammlungsraum” begangen wurde. Von der Vereinigung in Stettin war Brd. Janert erschienen. Die Gliederzahl wird in diesem Zeitungsbericht mit 117 angegeben. Brd. Jäger standen der Buchevangelist Schwabe, der Gemeindeälteste Brd. Schröder, die Bibelarbeiterin Schw. Soyk und der Hilfsprediger Brd. Meier zur Seite. Brd. Jäger hat auch in Barth und Zingst öffentliche Vorträge gehalten. Er war dazu von der Besitzerin des Zentral-Hotels in Zingst aufgefordert worden. In den dreißiger Jahren mag es gewesen sein, dass Stralsunder Geschwister mit adventistischen Traktaten auf Gütern des Landkreises, aber auch in der Eisenbahn missioniert haben (so berichtet von Schw. M. Hermann).
von rechts: G. Spaude, Möller,?,?, Schmidt, M. Hermann, I. Rosenmeyer, Wulf (ca. 1925)
„Nach dem schnellen Verbot der Gemeinschaft am 26.11.1933 und der kurz darauf am 6.12.1933 erfolgten Verbotsaufhebung war die Gemeinschaftsleitung peinlich bemüht, auf allen erdenklichen Wegen weiteres Konfliktpotential mit dem Staat zu vermeiden und diesem seine uneingeschränkte, treue Ergebenheit deutlich zu machen, um der Gefahr eines erneuten Verbotes entgegenzuwirken. Hatte man sich anfangs mit politischen Stellungnahmen sehr zurückgehalten, so veröffentlichten adventistische Zeitschriften in Deutschland nun häufiger Artikel zum Nationalsozialismus, die wiederum von einem durchweg positiven Tenor geprägt waren.” (M. Scheel in „Schuldverarbeitung und Schuldbekenntnisse der Freikirchen nach dem Dritten Reich”, 2007)
In den zwölf Jahren seiner Herrschaft betrachtete der NS-Staat die christlichen Kirchen und Gemeinden zunehmend mit Misstrauen, lief doch die Lebensphilosophie der Christen derjenigen des Nationalsozialismus diametral entgegen. Dennoch waren die meisten Deutschen damals Hitler gegenüber loyal, kritische Geister beugten sich als gehorsame Staatsbürger unter alle behördlichen Maßnahmen. Der Hitlergruß wurde zumindest in der Öffentlichkeit geleistet. In der Wohnung meiner Kindheit hing eine Hitlerbüste. Ob Gemeindeglieder zugleich Mitglieder der NSDAP gewesen sind, kann ich nicht sagen. Der Einziehung zum Militärdienst mussten die jungen Männer folgen. Es gab eine kleine Gruppe von sogenannten „Reformadventisten”, die sich dem Wehrdienst widersetzten und bereit waren, dafür Martyrium zu erdulden. Zu ihnen gehörten z. B. die Eltern bzw. Großeltern der Geschw. Warkenthin aus Duvendiek bei Stralsund.
Im Jahre 1933 kam Brd. Wilhelm Gauger mit seiner Frau Hanna nach Stralsund. Er wohnte zunächst in der Tribseer-Siedlung und bezog später diejenige Wohnung im Tribseer-Damm 67, die bis 1971 von Stralsunder Predigern bewohnt wurde.
Schwedenschanze Stralsund, ca. 1935 v. re.: P. Hermann, Schwabe, Möller, Kaßburg, Roge; oben v. li.: G. F. Schröder,?, Günter Schmidt; Mitte v. re.: H. Gauger, M. Hermann,?, I. Rosenmeyer, Spaude
Brd. Helmut Lingel wirkte als „Außenschüler” des Friedensauer Seminars von 1934 bis 1936 in Stralsund.
1939 kam Brd. Fritz Leskin als Prediger in unsere Stadt. Zu seiner Zeit wurde nach der Taufe der Rügener Geschw. Knaak und Draak die Gemeinde Bergen selbstständig. Brd. Leskin hat der Gemeinde Stralsund bis 1952 gedient. Während seiner Dienstzeit bei der Wehrmacht und in der Gefangenschaft hat Schw. Leskin segensreich an Stelle ihres Mannes in der Gemeinde gearbeitet. Die Frau des Ältesten, Schw. Iduna Schröder erinnerte sich: „Es war zu Hitlers Zeit, da wollte uns der Böse einen Streich spielen. An einem Sabbatnachmittag kam ein Geheimpolizist zu uns und brachte uns die Nachricht, dass wir uns nicht mehr versammeln dürften. Wir mussten ihm die Gemeindebücher und -gelder mitgeben. Aber der Teufel war auch hier wie immer der Dumme, denn wo der Herr ist, da ist auch der Sieg. Wir beteten ernstlich, und ehe der nächste Sabbat kam, hatten wir die Bücher und Gelder wieder zurück und auch die Erlaubnis, unsere Versammlungen wieder abzuhalten.”
Helmut Lingel
Elisabeth und Fritz Leskin
Im Oktober 1940 ging uns der Saal Bleistraße 6 durch nationalsozialistische Beschlagnahmung verloren. Zwischenzeitlich bezog die Gemeinde ein Domizil in den Räumen der früheren Guttemplerloge im „Hotel Bismarck” (Mühlenstraße), später als Klubhaus „John Schehr” besser bekannt. Brd. Leskin schreibt in einem Brief, dass „die Gemeinde sich dort allerdings nicht recht heimisch fühlte”. Auch dieser Raum wurde uns von den Nazis weggenommen. Die Gemeinde war gezwungen, sich in drei Gruppen zu versammeln. Das geschah in den Wohnungen von Schw. Leskin, bei Geschw. Schröder in der damaligen Tribseerschulstraße 6a (jetzt Wolfgang-Heinze-Straße) und bei Geschw. Hermann in der Mühlenstraße 44. Die Wortverkündigung wurde in dieser Zeit von den Brüdern Rooks, Rebensburg und W. Müller (Stettin) sichergestellt. Der damals erst seit kurzer Zeit verfügbare Rundfunkempfang war für die Nazis ein willkommenes Mittel der Propaganda. Während der Kriegsjahre wurden jedoch auch von meiner Mutter manchmal „Feindsender” gehört. Der Verdunkelungspflicht der Fenster in der Nacht kamen selbstverständlich alle nach. Bei Bombenalarm begab man sich in die zugewiesenen Schutzräume. Hatte das eigene Wohnhaus keine Kellerräume, so waren entsprechende Schutzräume in Nachbarhäusern zugewiesen.
Mühlenstraße 44, v. re.: P. und M. Hermann, 5 von links: evtl. Prediger Brandt
ca. 1941 v. li.: E. Leskien,?, Soldat Prediger Räcker, vorn: A. Wietrzichowski mit Sohn Heinz, dahinter M. & P. Hermann/I. Rosenmeyer (Hindenburg-Ufer)
Fliegeralarm kündigte sich an durch einen an- und abschwellenden Sirenenton. Glücklicherweise waren in Stralsund fast alle Alarme nicht von Bombenabwürfen gefolgt. Aber selbst die in großer Höhe einfliegenden feindlichen Flugzeugstaffeln, die ihr Ziel weiter im Inland aufsuchten, wurden als potenzielle Gefahr gemeldet und gefürchtet. Mein Vater war im Jahre 1941 zusammen mit anderen Männern der Gemeinde als Soldat eingezogen worden. Nicht Soldat zu werden brauchte Paul Hermann, von dem ich Fotos gesehen habe, die ihn in der Uniform eines Schutzpolizisten zeigen. Mein Vater war zuerst Mitglied der Technischen Nothilfe, später dann Sanitäter. Seine Einsatzgebiete waren Frankreich, später Südosteuropa, die Ukraine und zuletzt Norditalien, wo er dann in Gefangenschaft geriet. Von Einbindung in direkte Kampfhandlungen berichtete er auf seinen Fronturlauben und nach seiner Heimkehr nichts. Noch im Alter war mein Vater davon überzeugt, dass Hitler nicht den Krieg begonnen hatte, sondern dass Deutschland von den Russen, Franzosen und Engländern überfallen worden war. Ob den Mitgliedern der Stralsunder Gemeinde die Existenz von Konzentrations- und Vernichtungslagern bekannt war, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir ist auch nicht bekannt, ob es in der Stralsunder Gemeinde getaufte Juden gegeben hat.
Stralsund nach dem Bombenangriff vom 6.10.1944 (Ostsee-Zeitung)
Der verheerende Bombenangriff am 6.10.1944 auf unsere Stadt wurde von mir als Kind schon bewusst miterlebt. Obwohl unser damaliger Wohnort (Spielhagenstraße 17) von Frankenvorstadt und Stadtzentrum, wo die meisten Bomben fielen, etwa einen Kilometer entfernt lag, empfand ich die Einschläge als entsetzlich laut und die Situation grauenvoll. In unserer Stadt wurden etwa 700 Todesopfer gezählt und mehr als 14.000 Frauen, Männer, Kinder wurden binnen einer Nacht obdachlos. Aus der Gemeinde kamen Berta Kracht (Kleiner Plauderberg 12) sowie das Ehepaar Carl und Frieda Jäckel (Mühlenstraße 12), die Schwiegereltern meines Onkels Walter, ums Leben. Das in der Tischlerwerkstatt von Walter Wietrzichowski in der Heilgeiststraße zwischengelagerte Gemeindeinventar verbrannte. Nur das Klavier bei Geschw. Schröder und das Harmonium bei Schw. Leskin blieben erhalten. Im März 1946 kam Brd. Leskin gesund aus der Gefangenschaft zurück. Auch alle anderen Brüder kehrten gesund wieder, lediglich Brd. Braun blieb vermisst.
Nach 1945 hätte die Gemeinde den verlorengegangenen Raum in der Bleistraße zurückverlangen können. Schließlich waren wir ja „Opfer des Nationalsozialismus”. Das wurde versäumt. Durch die Bemühungen von Brd. W. Müller (Stettin) gelang es, bei der Baptistengemeinde in der Frankenstraße 41 Gastrecht zu finden. Das war ab dem 7.4.1945 der Fall. Im Juni 1949 bekamen die Baptisten einen größeren Versammlungsraum in der Langenstraße. Es bereitete große Probleme, als Hauptmieter in der Frankenstraße zu bleiben, aber am 23. 7. 1949 wurde der Saal nach intensiver Renovierung eingeweiht. Dabei hat sich der damalige Erste Diakon Brd. Wevers sehr verdient gemacht. Während der achtwöchigen Bauphase versammelte sich die Gemeinde in der Gaststätte „Heinzelmanns Garten” im Carl-Heydemann-Ring 1. Am 19.12.1948 verstarb der langjährige Älteste Brd. G. F. Schröder im 83. Lebensjahr. Er war 1920 in diesen Dienst gewählt und 1928 eingesegnet worden. Sein Nachfolger im Ältestenamt wurde Brd. Willi Schmidt. 1949 wurden erstmalig nach dem Krieg öffentlichen Vorträge gehalten. Voraussetzung war, dass es gelang, „einen kleinen Ofen für den Saal zu kaufen”. Dieser wurde vor Beginn von Veranstaltungen durch Schw. Kaßburg (siehe Foto S. 13) geheizt. Mit einem langen Schlepprohr erwärmte er den schlauchförmigen Saal notdürftig.
G. F. Schröder
Um das Gemeindeleben in den vergangenen Jahrzehnten zu beschreiben, lassen sich Erinnerungen von Pastoren verwenden, die in Stralsund Dienst getan haben und die zu besonderen Anlässen (meist Jubiläen) der Gemeinde Grüße sandten. Zusätzlich füge ich manchen Jahren einige zeitnahe Einzelheiten ein. Die Begriffe „Prediger” und „Pastor” haben grundsätzlich dieselbe Bedeutung. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sprach man in den Adventgemeinden grundsätzlich von „Predigern”, später dann immer häufiger von „Pastoren”, was (gewollt oder ungewollt?) eine gewisse Imageverbesserung darstellte.
Emil Frauchiger (E. G. White Estate)
Emil Frauchiger (1903 - 1907) erinnerte sich: „... am 5. Februar 1903 kam ich zum ersten Mal nach Stralsund auf Einladung der Geschw. Völzke, die für jenen Abend eine ganze Anzahl Leute zu einer Bibelstunde eingeladen hatten … Hierauf bestellte ich Brd. Schwenecke von Greifswald nach Stralsund zu kommen, der dann mit Vorträgen begann, wobei ich ihm ... geholfen habe. In meiner Korrespondenz finde ich, dass ich dem Brd. Däbritz am 8. Juni gratuliert habe, dass er den Mut hatte, den Anfang zu machen, dem Herrn in seinen Geboten nachzuwandeln. Er meldete sich für die Kolportage an. Im Monat Juli ist er wohl getauft worden. Es war dies eine Taufe mit nicht wenig Hindernissen … Die Frau, die zuerst dafür war, stellte sich nun, wie er ernst machte, ganz entschieden dagegen. Sie versteckte ihm Hut und Kleider, womit sie ihm die Taufe verunmöglichen wollte. Nach langem Warten kam Brd. Däbritz ohne dieselben. Wir halfen ihm damit aus. Er hatte aber einen schweren Kampf mit seiner Frau zu bestehen. Er war Direktor für landwirtschaftliche Güter ... Aus dem Tagebuch entnehme ich noch, dass ich am 10. Januar 1904 in Stralsund & Greifswald das Abendmahl hielt, und am 7. Mai 1904 habe ich fünf Seelen in Wieck bei Greifswald in der Ostsee getauft; darunter waren die Geschw. Carl und Frieda Jäckel, Brd. Balfanz, Bertha Buchholz und Frieda Wruch ... Wie groß würde wohl unser Volk sein, wenn alle, die den Bund eines guten Gewissens mit Gott gemacht haben, treu geblieben wären! ... Euer Bruder im Herrn E. Frauchiger, 5.10.1928”
Der „Adventbote” (S. 361) berichtete über die „Gemeindegedenkfeier in Stralsund” vom 13.10.1928, bei der Vereinigungsvorsteher Brd. Janert aus Stettin besonderer Gast war: „Brd. Frauchiger, der damals als eingesegneter Prediger diesen Bezirk bediente … organisierte die erste Gruppe von sieben Seelen.” Die Ostdeutsche Vereinigung wurde 1912 umgebildet zur Oder-Vereinigung mit ihrem neuen Vorsteher Johannes Seefried. Im Jahre 1920 wurde daraus die Pommersche Vereinigung, die zeitweise auch brandenburgische und östlich der Oder gelegene Gemeinden verwaltete. Der letzte Vorsteher der Pommerschen Vereinigung war F. Rebensburg. 1948 wurde die Mecklenburgische Vereinigung gegründet, deren erster Vorsteher Otto Haase war. Josef Schor und Bruno Schulz folgten im Amt. Die Mecklenburgische Vereinigung bestand bis 1992.
1. v. li. hinten: Bibelarbeiterin Schw. H. Ehehalt, 3. und 4. v. re.: Iduna & G. F. Schröder
Es folgten als Ortsprediger Brd. Amelung (1907 - 1909), Brd. G. W. Schubert, Brd. Erzberger (1909 - 1910), die Bibelarbeiterin Schw. Hermine Ehehalt, Brd. Adolf Minck und der Missionshelfer Rohne (1910 - 1913).
Adolf Minck (1910 - 1911) schrieb uns: „... Über meine Tätigkeit in Stralsund ist nicht viel zu sagen, denn ich habe nur kurze Zeit die Botschaft dort verkündigt und der Gemeinde gedient. Mit dem Wohnsitz in Greifswald hielt ich im Herbst und Winter 1910/11 auch in Stralsund öffentliche Vorträge. Sie waren … recht gut besucht. Zu meinen ständigen aufmerksamen Besuchern gehörte der damalige Postsekretär Schröder, der später dem Beispiel seiner Frau folgte und sich taufen ließ. Viele Jahre hat Brd. Schröder dann später der Gemeinde als Ältester in großem Segen gedient. - Vor meiner Tätigkeit in Stralsund hatte die Bibelarbeiterin Schw. Ehehalt eine gute und erfolgreiche Arbeit getan, durch die eine Anzahl Seelen der Gemeinde hinzugetan werden konnte, ... Bereits im Winter 1911 vertauschte ich meinen Wirkungskreis Stralsund- Greifswald-Anklam mit Swinemünde-Ducherow-Wolgast. Die Arbeit und Pflege der Gemeinde in Stralsund wurde von dem dort wohnenden Missionshelfer Brd. Rohne fortgeführt ... A. Minck, 30. August 1953”.
Fritz Hambrock (1912 - 1913): „... Du hast recht, dass ich vom August 1912 bis Juni 1913 in Stralsund und Greifswald gearbeitet habe ... Ich besinne mich nur darauf, dass wir damals den Gemeindesaal Am Markt, es war wohl Nr. 5 (siehe Foto), einrichteten. In der Gemeinde haben wir versucht, geistliches Leben und geschwisterliche Gemeinschaft zu pflegen, und ich denke, dass es uns auch gelungen ist. Dabei (ge)denke ich gern des rührigen Ältesten Brd. Gollasch, seiner Familie, wie auch (der) Familie Schröder und anderer lieber Geschwister ... Euer Bruder im Herrn F. Hambrock, 28.9.1953”.
Brd. Selle (1913 - 1916): Aus seinen Wirkungsjahren sind mir keine Berichte oder Einzelheiten bekannt.
Brd. Kapitz (1916 - 1921): Weil wir aus seiner Hand keine Angaben über sein Wirken in Stralsund besitzen, sei folgender handschriftlicher Bericht des Gemeindegliedes M. Hermann (1894 - 1999) hier zitiert; er wirft einiges Licht auf diese Zeit: „Ein Streiflicht, wie wir Drei (die Schwestern Irma und Margarete Rosenmeyer sowie ihre Mutter) Adventisten wurden: In der Zeitung waren zwei Vorträge angekündigt, einer vom (evangelischen) Pastor Wittenberg, ein anderer von Pastor Kapitz, am selben Tage. Beide wollten wir hören, aber wie? Wir einigten uns: Einer geht in die Kirche, der andere zum Hotel „Brandenburg” (Mönchstraße): „Throne rollen, Tyrannen stürzen”… drei interessante Vorträge. Am nächsten Tag meldete die Zeitung „Pastor Wittenberg erkrankt. Der Vortrag wird später gehalten.” Nun konnten wir alle zu Pastor Kapitz gehen. Der Saal konnte nicht alle Hörer fassen. Wie die Vorträge zu Ende waren, wurden wir … in die Wasserstraße geladen. Dort waren (zu)erst wenige Hörer. Brd. Seltrecht war damals Ältester (der Stralsunder Gemeinde in der Marienstraße 5). Brd. Kapitz gab uns dann Bibelunterricht bis zur Taufe, die am 19. 3. 1919 in Greifswald stattfand. Wir waren sieben Täuflinge - sechs Frauen und ein Mann. Wir waren gute Kirchen-Christen, aber auch mit den Spiritisten bekannt. Der Gegner wollte die Taufe von mir verhindern, doch der liebe Gott verhinderte das Teufelswerk, indem ein Axtschlag ins Leere traf - nicht meinen Kopf. Der Mann, der seine unbedeckte Axt über seine Schulter warf, hätte mich genau über den Kopf getroffen. Ich sprang zur Seite. Meine Mutter sagte: „Nun hätte es dich beinahe getroffen!” Brd. Leskin erzählte mal, als er einen Vortrag gegen die Spiritisten gehalten hatte, dass er, als nach Hause kam und seinen Hut ablegte, dieser paarmal auf der Ablage getanzt habe.”
Am Markt 5
Irma Rosenmeyer/Margarete Hermann 1955
W. Derlath (1922 - 1928) schrieb an Prediger Bruno Schulz: „... im Herbst 1922 übernahm ich den Bezirk Stralsund, und im Sommer 1928 wurde ich nach Stolp versetzt, in dieser Zeit konnte ich mit Gottes Hilfe 128 liebe Seelen taufen und aufnehmen, davon allein 48 liebe Seelen in Stralsund. In der Zeit konnten wir nach harten Kämpfen einen neuen Saal mit Jugendheim ausbauen. Wir verlebten gemeinsam mit der Gemeinde, Jugend und Kinderschule segensreiche Stunden, die heute noch lebhaft in meiner Erinnerung sind. Dein Brd. im Herrn W. Derlath Freiberg/Sachsen, 9. 10. 1953”
W. Derlath
Margarete und Paul Hermann, ca. 1950
Der „1. Europäische Kongress der Adventjugend” fand 1928 in Chemnitz unter dem Motto „Gerettet, um zu dienen” mit etwa 2.000 Jugendlichen aus ganz Europa statt. Stimmen von damals berichten: „... In einer Zeit wachsender politischer und wirtschaftlicher Spannungen demonstrierten sie christliche Einheit.“ Ein Chemnitzer Journalist notierte, beeindruckt vom großen Waldgottesdienst und der Parade durch die Innenstadt: ‚Jedem Anwesenden drängte sich unwillkürlich die Erkenntnis auf: Hier sind Menschenkinder versammelt, verschieden durch Sprache, Sitte und Abstammung, aber vereint durch gleiche Weltanschauung, Arbeit und gleiches Lebensziel.’ (Gemeinschaft der STA, 2004: Chronik der Siebenten-Tags-Adventisten: Vom Beginn in Deutschland bis zur Gegenwart 1875 - 2004. Hamburg: Grindeldruck, S. 51) Die Stralsunder Jugendlichen (siehe rechts) brachten zu diesem Anlaß eine Spende in Höhe von 25 Reichsmark mit, die sie durch Verkauf von Erntedank-Zeitschriften eingenommen hatten, eine kostete damals 0,50 RM. Vom zur Stralsunder Delegation gehörenden Instrumentenbauer und Fotografen Paul Hermann stammt höchstwahrscheinlich nebenstehendes Foto. 1933 heiratete Paul Hermann seine zehn Jahre ältere Margarete Rosenmeyer. Sie wurden im Gemeindesaal in der Bleistraße 6 von Prediger Kapitz getraut.
Emil Jäger
Emil Jäger (1928 - 1933) schrieb: „... auf die Feier des 25-jährigen Jubiläums der Gemeinde Stralsund kann ich mich nicht mehr genau besinnen. Meine Tätigkeit im Stralsunder Bezirk erstreckte sich über einen Zeitraum von 4 Jahren, und zwar von 1928 - 1933. Die Gemeinden Stralsund, Greifswald, Saßnitz und Pramort waren zu betreuen ... G. F. Schröder war Gemeindeältester (siehe Foto S. 16), er war ein guter Hirte. Brd. Schwabe (siehe Foto S. 13) tat als Buchevangelist seine Pflicht. Eine Versammlungsbesucherin brachte uns eines Tages den bösen Geist in die Gemeinde. Brd. Götting, unser Jugendsekretär, und ich, wir versuchten, den unsauberen Geist aus der Frau auszutreiben, jedoch ohne Erfolg; aber ich bekam seine Macht zu spüren. Bei Gelegenheit unserer Bezirksversammlung in Stralsund, als ich einen Lichtbildervortrag halten sollte, ließ mich mein Gedächtnis im Stich. Es war mir gerade, als wenn ein eiserner Ring um meine Stirn gezogen wäre, und ich blieb vollständig machtlos. Auf dem Nachhauseweg, 1 Std. später, wurde ich von dem Druck frei und konnte wieder klar denken. Zugegen waren bei dieser Versammlung: die Oberin der Schwesternschaft in Berlin, Elfriede Schröder, die langjährige Oberschwester in Liechtenstein, sowie die ganze Stralsunder Gemeinde und viele auswärtige Geschwister. Der Gemeindeälteste G. F. Schröder hat mir in allen diesen Schwierigkeiten treu zur Seite gestanden, er gab vor der Gemeinde später eine Erklärung ab, und das Vertrauen war
Ausflug ca. 1927 v. li.: I. Rosenmeyer (2), Emil Wietrzichowski( 3), M. Hermann (6), Schw. Möller (8), 3. von rechts W. Derlath
1. Europäischer Jugendkongress 1928 in Chemnitz
Stralsunder Delegation in Chemnitz, unten v. li.: Irma & Margarete Rosenmeyer (2)/(3) , Brd. W. Derlath (6)
wiederhergestellt ... In Stralsund hat es der Herr an seinem Segen nicht fehlen lassen. Schw. Soyk hat mir in der Bibelarbeit treu zur Seite gestanden; später wurde Brd. Meier mein Mitarbeiter. Euer Bruder in Christo Emil Jäger und Familie, Herbst 1953.” Die Gliederzahl der Stralsunder Gemeinde betrug 1928 117 Seelen („Adventbote” vom 1.12.1928).
Über die Dienstjahre von Hilfsprediger Brandt (1933 - 1935) sind mir keine Einzelheiten bekannt. Von 1934 bis 1936 wurde die Gemeinde durch den Hilfsprediger Helmut Lingel unterstützt (siehe Foto S. 14). Er war 1978 als Gast bei der 75-Jahrfeier zugegen.
Wohlfahrtssammlung 1929 Frankfurt/Main
Zu missionarischen Zwecken verkauften Adventisten damals in Gaststätten Briefmarken. Auch Hanna Gauger, Frau von Wilhelm Gauger, Prediger in Stralsund 1933 - 1939, beteiligte sich. Schriften wurden in D-Zügen, die von Skandinavien über Stralsund nach Deutschland kamen, angeboten. Eine Missionsschrift kostete 3 Reichsmark oder 1 Schwedische Krone. Beteiligt war auch Schw. Gertrud Spaude, geb. Rittaler.
Wilhelm Gauger mit Frau Hanna und den Söhnen Konrad und Berthold
Wilhelm Gauger (1935 - 1939) bezog als erster die Wohnung Tribseer Damm 67, in der nach ihm alle Stralsunder Prediger bis 1971 wohnten. Es war eine Drei-Zimmer-Wohnung ohne Bad aber mit Innen-WC. Sie lag im Parterre an der verkehrsreichen Straße Tribseer Damm. W. Gauger grüßte die Gemeinde Stralsund zum 50. Jubiläum: „… obwohl zwischen dem Strelasund und den Thüringer Bergen (hier Wartburg) eine große Strecke liegt, wird sie doch vom
Erntedankfest, ca. 1936 in der Bleistraße 6, li.: Schw. H. Gauger mit Sohn Berthold, Brd. W. Gauger hi. mittig, re. hi.: Brd. H. Lingel, li. daneben I. Rosenmeyer
Geiste überbrückt. Darum gedenke ich im Geist an die Gemeinde, in deren Mitte ich vier Jahre weilen konnte. Gedenke all der lieben Geschwister und vor allem auch der schönen geselligen Stunden öffentlich und sonderlich ... Noch einmal fünfzig Jahre weiter werden wir wohl nicht kommen, dann mag schon längst ein anderes Jubelfest in der himmlischen Heimat stattgefunden haben. In herzlicher Verbundenheit, H. u. W. Gauger, 16.11.53.”
Fritz Leskin, 1939
Fritz Leskin (1939 - 1952): Er war der Ortsprediger mit der längsten Wirkungszeit in unserer Stadt. Verheiratet war er mit Elisabeth Leskin (siehe Foto S. 14). Das Ehepaar war kinderlos. Fritz Leskin schrieb: „Am 1. April 1939 kam ich nach Stralsund. Der Gemeindesaal befand sich damals in der Bleistraße 6. Er war geräumig, jedoch schwer heizbar, und da der Winter´39 recht kalt war, versammelte sich die Gemeinde im anschließenden kleinen Saal, der sich leicht erwärmen ließ. Diesen schönen Raum verlor die Gemeinde durch die NSDAP, die ihn beschlagnahmte. So war die Gemeinde gezwungen, einen anderen Raum zu suchen und fand ihn in der früheren Guttemplerloge in der Mühlenstraße ... als auch dieser Raum beschlagnahmt wurde, wurde die Gemeinde zum Gottesdienst in drei Gruppen geteilt. Eine Gruppe kam in der Wohnung des Predigers, Tribseerdamm 67 zusammen, die zweite bei Geschw. Hermann in der Mühlenstraße 44 und die dritte beim Ältesten der Gemeinde, G. F. Schröder in der Tribseerschulstraße 6a ... Durch die Bemühungen von Brd. W. Müller, damals Stettin, gelang es nach Kriegsende, bei der Baptistengemeinde Unterkunft zu finden. Nachdem diese für sich einen größeren Raum herrichten konnte, übernahm unsere Gemeinde deren Gottesdienstraum in der Frankenstraße 41. Dank der Hilfe des Verbandes konnte der jetzige Raum entsprechend hergerichtet werden, sodass die Gemeinde heute ihren schönen Gottesdienstraum besitzt. Im Juli 1949 konnte er eingeweiht werden, nachdem die Gemeinde sich für ein Vierteljahr mit einem Saal bei Heinzelmann (Gasthaus C. Heydemann-Ring) behelfen konnte ... 1940 verlor die Gemeinde nicht nur den Saal, sondern auch den Prediger durch Einberufung zum Heeresdienst. Der fast 80-jährige Älteste stand nun allein da, bis der Prediger Br. Rooks aus Stettin die Gemeinde bediente ... Mit herzlichem Gruß, Dein Fritz (Leskin), 1953.”
Im März 1946 kehrte Fritz Leskin aus der Gefangenschaft zurück und diente der Gemeinde bis in den Sommer 1952. Er wirkte also 13 Jahre in Stralsund. Er wurde während seiner Stralsunder Zeit durch den Ältesten G. F. Schröder unterstützt, der der Gemeinde fast 30 Jahre lang mit großer Treue gedient hat.
Zum 70-jährigen Bestehen der Gemeinde Stralsund schrieb Elisabeth Leskin folgenden Gruß: „Zu Eurem Festtag möchte ich im Namen meines 1958 verstorbenen Mannes recht herzliche Grüße übermitteln. In den 13 Jahren unseres dortigen Wirkens von 1939 bis 1952 haben wir schöne und auch schwere Jahre zusammen mit der Gemeinde durchlebt. Durch den zweiten Weltkrieg musste die Gemeinde für 6 Jahre ihren Hirten hergeben, dazu auch den Gemeindesaal, auch drei Glieder der Gemeinde durch den Bombenangriff, und ein Bruder blieb im Kriege. Dankbaren Herzens gedenke ich all der Seelen, die durch Gottes Segen in den 13 Jahren der Gemeinde zugetan werden konnten. Möge die Gemeinde in Stralsund, vom Wasser umgeben, noch mancher Seele Wegweiser zum Lebenswasser sein! In herzlicher Verbundenheit, Eure Schw. in Christo Elisabeth Leskin.”
Fritz Leskin hat in der Zeit seines Wirkens in Stralsund 43 Täuflinge in die Gemeinde geführt.
Schwedenschanze, v. li.: Karl Kruse, Wilhelm Kracht (Vater von R. Wendler), Emil Wietzichowski, Irma Rosenmeyer, Brd. Schwabe, Magdalene Kracht, Irene Schmidt, Schw. Roge; v. re.: G. F. Schröder, Willi Schmidt (4), M. Hermann (6)
ca. 1975 Minna & Willi Schmidt
1948 starb der Gemeindeälteste G. F. Schröder. Sein Nachfolger wurde Willi Schmidt (Foto links mit Frau).
Heinz Starke
Reinhold Paul
Im Jahre 1940 wurde die Gruppe Bergen als selbständige Gemeinde organisiert und damit von der Gemeinde Stralsund abgetrennt. Die Betreuung der Gemeinde Stralsund (mit den Gruppen Franzburg, Barth, Pramort, Trent, Bergen, Saßnitz) war aufwendig. Sie wurde in der Dienstzeit des nächsten Predigers Bruno Schulz (1952 - 1958) leichter, dem die Hilfsprediger Siegfried Wixwat, Reinhold Paul und 1957 Heinz Starke zur Seite gestellt waren.
Bruno Karl Schulz kam mit Ehefrau Inge und den Kindern Wolfgang, Renate und Ursula aus Eberswalde zu uns. Er besaß ein Motorrad Marke „Fichtl & Sachs”, mit dem er beweglich war. Er geigte, Tochter Uschi auch, Renate und Wolfgang spielten Klavier. In Stralsund begann eine Zeit der Kammermusik. Auf allen Gemeindeveranstaltungen wurde Musik gemacht. Der damalige Jugendsekretär der Vereinigung, Karl Götzinger, unterstützte diese Arbeit sehr. Das Ehepaar Schulz öffnete sein Heim in vorbildlicher Weise der damaligen Jugendgruppe; jahrelang fand die Jugendstunde am Samstagnachmittag in der Predigerwohnung Tribseer Damm 67 statt. Die Dienstzeit von Prediger Schulz war auch gekennzeichnet durch die Gestaltung von vielen Jugend- und Kinderbibelwochen und anderen Veranstaltungen, so in Groß Stresow (Rügen), Drönnewitz bei Demmin und Grabowhöfe bei Waren. Ich selbst wurde 1955 von Bruno Schulz in Greifswald getauft (Gemeindesaal Wollweberstraße). Bruno Schulz wurde im Jahre 1958 nach Rostock versetzt. Zur 70. Jubiläumsfeier 1973 war er als Gast anwesend. Er verstarb 1994.
Bruno Schulz links unten, Siegfried Wixwat rechts unten
Siegfried Wixwat schrieb: „... Wir fühlten uns unter Euch recht wie zu Hause, ganz gleich, ob im großen oder kleinen Kreis, wie in der Wohnung unseres Bezirksältesten oder im Hause Mühlenstraße 44 oder sonst wo bei Geschwistern. Viel Liebe habt Ihr uns entgegengebracht und mir als Anfänger im Predigtdienst hilfreich zur Seite gestanden und Geduld bewiesen. Auch als Prediger im Bezirk hatten wir untereinander und mit den Brüdern der Nachbarbezirke ein sehr herzliches Verhältnis. Ich denke noch besonders gern an unsere Jugendbibelwoche in Groß-Stresow (Rügen), die Kinderbibelwochen in Drönnewitz und unsere evangelistischen Unternehmungen in Franzburg und auf Rügen ... In herzlicher Verbundenheit grüßen Euch Eure Geschwister in Christo Marlene und Siegfried Wixwat und Kinder, Pirna, 30.10.1973.”
Berthold Gauger 4.7.1963
Berthold Gauger (1958 - 1964) erinnerte sich: „Stralsund weckt besondere Erinnerungen in mir. Einen Teil meiner Kindheit verlebte ich hier, 1935 - 1939. Meine Schulzeit begann in der Tribseer Straße. In der Gemeinde war Tante Rosenmeyer unsere liebe Kindertante. Vater war hier Prediger. Zunächst wohnten wir in der Tetzlaw-Straße, später auf dem Tribseer Damm. Auch meiner Frau war von Kindheit an Stralsund vertraut durch Besuche bei den Großeltern Geschw. Carl Jäckel. Einige Jahre wohnten sie in Pramort, anschließend bis zum Luftangriff auf Stralsund (6.10.1944) in der Mühlenstraße 12 gegenüber von Geschw. Hermann. Als wir dann 1958 nach Stralsund versetzt wurden, kamen wir also in eine uns lieb gewordene Stadt. Wir zogen sogar in die ehemalige Wohnung meiner Eltern auf dem Tribseer Damm. Zum Seelsorgebezirk gehörten damals die Gemeinden Stralsund, Bergen, Saßnitz und Zingst sowie die Gruppen Trent und Richtenberg/Franzburg. Schon am Freitag fuhr ich mit dem Bus nach Trent. Nach dem abendlichen Gottesdienst ging es am nächsten Morgen mit der Bimmelbahn nach Bergen. Besonders im Winter war dies ein Abenteuer. In den Abteilen standen Kanonenöfen, die während der Fahrt mit Kohlen oder Holz gefüttert werden mussten. Die Fahrt dauerte lange, denn an vielen Haltepunkten wurden Milchkannen für die Molkerei in Bergen zugeladen. Vormittags Gottesdienst in Bergen, nachmittags in Saßnitz und abends dann die Heimfahrt. Stralsund war eine missionsfreudige Gemeinde. Zur Tradition gehörte es auch, nach dem Bezirksgottesdienst am Sonntag gemeinsam an den Strand nach Binz zu fahren. Dort verlebten wir auch mit den Gastrednern frohe Stunden. In der Stralsunder Zeit konnte ich mein erstes Auto, einen Trabant 500, erwerben. Für den Religionsunterricht konnte ich nun die Kinder einsammeln und nach Duvendiek mitnehmen. Dazu gehörten: Elke und Franz Schreiber, Maritta Hübner, Martin Zinow, Günther Kohls und Gunter Gauger. Es war eine fröhliche Fuhre. Nachdem Brd. Alfred Mietz in der Frankenstraße 41 das Taufbecken wiederhergestellt hatte, konnten wir in vertrauter Umgebung Taufen feiern. Sechs Jahre waren wir in Stralsund, und es war eine schöne Zeit, an die wir gerne zurückdenken.”
Berthold und Ingrid Gauger leben in Ludwigsfelde.
Konrad Edel mit Sohn Matthias
Konrad Edel (1964 - 1971): „1964 wurde ich von Radeberg nach Stralsund versetzt. Wir zogen in eine Parterre-Wohnung im Tribseer Damm, die uns wegen des Verkehrslärms allerdings keine Freude machte. Erst 1971, als meine Versetzung nach Schwerin feststand, konnten wir eine Wohnung im Diebsteig eintauschen, indem wir zwei Wohnungen zum Tausch anboten. Das war möglich, weil Schw. Ising ins Altersheim nach Friedensau aufgenommen wurde. In der Gemeinde Stralsund haben wir uns sehr wohl gefühlt. Die öffentlichen Vorträge im Frühjahr und im Herbst in unserem Saal in der Frankenstraße 41 waren Höhepunkte - die Gemeinde stets rege beteiligt. Gern erinnere ich mich an den Bibelkreis mit den Schw. Ida Gromm und Christel Mommertz und an den Bibelkreis in Kummerow-Heide. Schön waren auch die Ausflüge an die See, die wir als Geschwister hin und wieder unternahmen. Stralsund sehe ich immer noch in Verbindung mit der Insel Rügen. Dort begann der Gottesdienst für mich Freitagabend in Trent. Ich übernachtete bei der alten Schw. Wosseng und wurde morgens von ihrer Haushälterin mit den Worten geweckt: „Herr Pastor, de Klock schlägt halb acht.” Sabbatvormittags war dann Gottesdienst in Bergen und am Nachmittag in der Gruppe Saßnitz. Damals gab es in vielen Teilen Rügens noch keine festen Straßen. Einmal blieb ich mit dem Motorrad stecken und brach die Fußraste ab. Als ich einen Trabant hatte, ließ ich ihn an der Straße stehen, zog Gummistiefel an, und ging übers Feld zum Religionsunterricht nach Lüßmitz, weil der Ort nur mit Traktoren, aber nicht mit meinem Fahrzeug zu erreichen war. Rügen war in jeder Beziehung Romantik pur. Als der Prediger in Greifswald ausfiel, war ich für eine Zeit „Pastor” beider Inseln: Rügen und Usedom. Schon weil zwei unserer Kinder in Stralsund geboren wurden, werden wir diese interessante Stadt nicht vergessen.” K. Edel war noch unser lieber Gast beim Gemeindejubiläum 2003. Er verstarb 2010; seine Frau Ursel (88) lebt in Berlin und wir sind in Kontakt.
Vgg.-Konferenz Schwerin 1968 v. li.: G. Spaude, I. Rosenmeyer, L., Timm, M. Hermann, I. Gromm, Brigitte B., Schw. Rettkowski sen., Schw. Zinow, C. Mommertz, E. Rettkowski, F. Zinow, P. Rettkowksi, L. Straßburg, F. & A. Wietrzichowski, G. Singer
Hermann und Hanna Beier, Renate W.
Hermann Beier (1971 - 1980): Hermann und Hanna Beier folgten mit ihren vier Töchtern Heidrun, Helga, Hannelore und Heike im Jahre 1971. Auch sie haben in ihrer Wirkungszeit die Gemeinden Stralsund, Bergen und Barth geprägt. Gemeindeausflüge, Evangelisationsvorträge in Stralsund, Greifswald und Neubrandenburg, Kinderfeste in Barth, die Tierparkeinsätze und viel Pflege von Geselligkeit waren Kennzeichen der neun Jahre Dienstzeit von Familie Beier. Hanna Beier gründete einen Gemeindechor. Hermann Beier hatte als Erster die Vision von einem neuen, würdigeren Gemeindestandort. Er war es, der im Jahr 1972 die Gepflogenheit der jährlichen Gemeindechroniken eingeführt hat. Ihr Vorhandensein erleichterte bzw. ermöglichte das Zustandekommen der vorliegenden Publikation. Er schrieb uns anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums:
„Unsere Dienstzeit als Predigerehepaar im Seelsorgebezirk Stralsund mit den Gemeinden Barth und Bergen betrug neun Jahre. Mit Jubel kamen wir nicht an die Ostsee. Der Grund dafür war, dass unsere Mütter und Großmütter damals im Harz und in Südthüringen wohnten. Das war die längste Entfernung, die es in der DDR gab. Im Rückblick aber möchten wir sagen, es war die schönste Zeit, die wir in einem Arbeitsgebiet erlebt haben. Die harmonische Atmosphäre in den Gemeinden, das Gefühl des Angenommenseins und die gute Zusammenarbeit mit den Gemeinden haben wir stets wohltuend empfunden, und zuletzt fiel uns der Abschied von Stralsund sehr schwer. Unsere Töchter wuchsen in die Kinder- und Jugendgruppe hinein und wurden auch Glieder der Gemeinde.
Es gab in den neun Jahren im Gemeindeleben viele Höhepunkte. Sie alle zu nennen, ist nicht nötig, zumal wir keinen Tätigkeitsbericht schreiben wollen. Wir erinnern uns gern an die Taufgottesdienste im Gemeindesaal, in der Ostsee bei Sellin, Zingst und an der Wittower Fähre, an die jährlichen Kinderfeste in Barth, an den Besuch des farbigen Predigers Brd. Henry von der Generalkonferenz, an die sechs Trauungsgottesdienste im Bezirk, an die regelmäßigen Arbeitseinsätze im Tierpark, an die Gemeindeausflüge, Jugend- und Kinderfahrten und manch andere Veranstaltungen. Auch die über 30 Beerdigungen von Glaubensgeschwistern und Freunden müssen erwähnt werden. Am Ende der neunjährigen Dienstzeit blieb nur ein trauriges Empfinden zurück: Es war trotz vieler Bemühungen nicht gelungen, einen besseren Gottesdienstraum zu finden bzw. eine Kapelle zu bauen.
Als Resümee unserer „neun Jahre Stralsund” bekennen wir: Wir sind Gott sehr dankbar, dass wir wunderschöne Jahre am Strelasund verleben konnten, den Gemeinden dienen durften und als Familie viel Freude hatten. Dafür sagen wir … ein herzliches Dankeschön. Eure Hanna und Hermann Beier, 2003” (Anmerkung: Hanna verstarb 2015, Hermann 2017.)
Ute und Helmut Bianzer
Helmut Binanzer (1980 - 1992):„Am Donnerstag, dem 3.7.1980 rollte unser Möbelwagen in Stralsund, Diebsteig 1, ein. Nach dem Ausladen fuhren wir als Familie noch über den Rügendamm und zurück, um einen ersten Eindruck von Wind und Wasser zu bekommen, ehe wir müde und kaputt auf unsere Matratzen fielen. Am Sabbat hatte ich meinen ersten Dienst - Vorbereitung, Bibelschule und Predigt. Dann folgte herzliche Einladung von Familie Wietrichowski und ein erholsamer Sabbatnachmittag. Am Sonntag wurde die Etagenheizung eingebaut, später zwei Fenster, die Elektroleitungen unter Putz gelegt und vier Kachelöfen abgetragen. Wir haben alles gut überlebt, dank liebevoller Hilfe von Geschwistern und der Kraft, die uns unser himmlischer Vater schenkte. Die eigentliche Gemeindearbeit begann nach dem Urlaub mit Religionsunterricht und Bibelstunden, von Br. Hermann Beier übernommen, Erntedankgottesdiensten, Besuchen usw. Wir waren bald wieder »zu Hause«.
Eine Chronik dieser zwölf Jahre zu geben, ist nicht meine Absicht. Ich möchte aber an zwei Dinge erinnern: Eins der wichtigen Projekte der Gemeinde Stralsund während meiner Zeit begann mit einer Jugendevangelisation mit Andreas Schuchardt im November 1982. Im Anschluss daran wagten wir die Einrichtung einer „Tee-Stube” am Montagabend, wobei der Begriff sehr hoch gegriffen war. Im schlichten Gemeindesaal hatten wir mit Leporello-Wänden und Postern einen begrenzten Raum geschaffen, in dem wir uns an Tischen bei Tee und Gebäck mit jungen Leuten über alle aktuellen und geistlichen Themen unterhielten. Jeden Abend hatten wir Gäste, und trotz mancher Schwierigkeiten konnten wir diese Arbeit über einen sehr langen Zeitraum fortsetzen. Aus dieser Arbeit heraus entschieden sich 12 junge Menschen zur Taufe. Gott sei Dank! Ihr Bekenntnis zu Jesus hat auch der Gemeinde gut getan und sie geöffnet für die Bedürfnisse unserer Mitmenschen. Dass auch 10 Jugendliche aus der Gemeinde den Bund mit Jesus schlossen, ist ein Zeugnis für die offene und liebevolle Glaubenshaltung der Gemeinde. Dazu fanden noch 4 Freunde den Weg zu Jesus, so dass wir auf 26 Taufen in dieser Zeit zurückblicken dürfen.
Das zweite, an das ich mich gern erinnere, ist der „Tipp” von Schw. Mietz, doch mal in der Richtenberger Straße 39 nachzufragen, was mit dem Grundstück und der zerfallenden Scheune gedacht ist. Dass die vielen Wege und Verhandlungen zu einem glücklichen Ende führten, könnt ihr ja alle sehen. Mit Stralsund verbindet sich aber auch eine sehr persönliche Erfahrung der Liebe Gottes. Die schwere Erkrankung meiner Ute, die Operation in Wittenberg und die Bestrahlung in Greifswald waren für uns schwere und angstvolle Belastungen. Aber die liebevolle, betende Begleitung der Gemeinde haben Ute, mir und unseren damals noch schulpflichtigen Kindern so gutgetan, und wir sehen es immer wieder als ein Wunder Gottes an, dass es Ute gut geht ... Helmut und Ute Binanzer 2003”. Kurz vor Ende seiner Stralsunder Zeit gelang es H. Binanzer, das Grundstück Alte Richtenberger Straße 39/41 für die Gemeinde zu erwerben, auf dem sich ein baufälliges Bauernhaus befand, in dem eine Frau Mau gewohnt hatte. Heute leben Geschw. Binanzer im Ruhestand in Dresden.
Alte Richtenberger Straße 39/41
Joachim und Annerose Lang
Joachim Lang (1992 - 2002): Im Jahre 1992 kamen Joachim und Annerose Lang mit drei Kindern André, Kathrin und Henryk nach Stralsund. Ihr Sohn Martin wurde in Stralsund geboren. Nachdem die Familie zunächst in Rostock wohnen blieb, konnte sie bald eine komfortable Wohnung im Carl-Heydemann-Ring mieten. Unter der organisatorischen und geistlichen Leitung von Jo Lang entstand in der Alten Richtenberger Straße 41 im Jahre 1994 der lang ersehnte Kapellenneubau. Er wurde von der Grundstücksverwaltung der Freikirche finanziert. Jo Lang erinnerte sich: „Es war Sabbat, der 12. September 1992. Zu verschiedenen Anlässen war ich bereits in Stralsund gewesen. Dies war der Sabbat, an dem Helmut Binanzer in der Gemeinde offiziell verabschiedet und meine Frau und ich als neues Predigerehepaar begrüßt wurden. Viele gute und wichtige Worte wurden damals gesprochen. Ging es doch auch um den Bau der neuen Kapelle.
Heute, bald 11 Jahre danach, kann ich mich an das Gesagte nicht mehr erinnern, aber eins bleibt mir unvergesslich: der Maurerhammer, der mir überreicht wurde. Sicher, er ist ein gutes Bild dafür, Gemeinde zu bauen, aber mit dem Hammer verband sich für mich mehr die Aufgabe, die mich in Stralsund erwartete, nämlich dieses neue Gemeindezentrum zu bauen. Mehr als 10 Jahre stand die Gemeinde damals schon dafür in den Startlöchern, und nun sollte es endlich losgehen! Über Sitzungen und Planungen will ich hier nicht schreiben. Darüber kann die Stralsunder Gemeinde-Chronik viel besser informieren. Es ist eine Begebenheit, die mir als erste einfiel, als ich die Aufgabe bekam, ein paar Zeilen aus meiner Stralsunder Zeit zu schreiben. Als Gemeinde hatten wir uns dazu bereit erklärt, in Eigenleistung die Außenanlagen zu gestalten. Die Gemeinde ging auch mit viel Begeisterung ans Werk. Viel Wildwuchs und Müll mussten beseitigt werden. Eine Menge Erde, Steine, Kies und Beton-
Arbeitseinsatz 6.11.1994
