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Adventmission gibt es seit dem Jahre 1874, als der erste Missionar von der Generalkonferenz, dem höchsten Leitungsgremium der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, von den USA aus nach Europa gesandt wurde. Der erste Missionar war John Nevins Andrews (1829-1883). Er begann seine Tätigkeit in Basel (Schweiz). In Deutschland arbeitete ab 1886 Ludwig Richard Conradi, der von Hamburg aus eine erfolgreiche Arbeit leistete und zu den Gründern von zahlreichen deutschen sowie mittel- und osteuropäischen Gemeinden zählt. Heute unterhält die Adventmission weltweit zahlreiche Krankenhäuser, Schulen, Verlagshäuser und Missionsstationen. Adventisten setzen sich für schnelle Humanitäre Hilfe in Katastrophenfällen ein und engagieren sich in der Entwicklungszusammenarbeit sowie für die Religionsfreiheit. Wie sich adventistische Mission entwickelte und wie sie begründet wurde - darüber erzählt dieses Buch.
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Prolog
Die Berufung zum Missionar erleben
Gibt es eine biblische Zeitrechnung?
Die große Enttäuschung – war sie zu vermeiden?
Anfang einer neuen Mission
Propheten – wo blieben sie?
Siebzig Jahre lang Aufbau einer Gemeinde
Wie aktuell ist Prophetie heute?
»Gehet aus von ihr, mein Volk!«
Exkurs: Der Geist der Weissagung
Nachwort
Die Maschine des Fluges KLM Nr. 563 war schon seit etwa 20 Minuten in der Luft. Der Pilot gab soeben die Flugroute bekannt: In ungefähr 20 Minuten würden wir München überfliegen, dann entlang der Adria, vorbei an Griechenland, direkt über Kreta auf Ägypten zu und über den Sudan zum ersten Stopp nach Daressalam, der Hauptstadt von Tansania, dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika. Unser endgültiges Ziel war Lilongwe, Hauptstadt von Malawi. Diese unglaubliche Strecke bewältigten wir innerhalb von zehn Flugstunden!
Wir hatten als Missionsteam am Morgen auf dem Flughafen von Schiphol eingecheckt und waren auf dem Weg zu einem Einsatz der Advent-Mission in Malawi. Nun saßen wir im Flugzeug nebeneinander und tauschten uns über erlebte Missionserfahrungen in Westafrika aus. Dabei erwähnten wir Namen von einigen uns bekannten Missionaren, als uns plötzlich ein älteres Ehepaar, das vor uns saß, unterbrach und sich als Dr. Steven und Gattin vorstellte. Sie waren mit einigen der erwähnten Missionare bekannt und befanden sich ebenfalls auf der Reise nach Malawi, um dort für drei Monate eine Arztfamilie abzulösen, die einen Erholungsurlaub dringend nötig hatte. Wir waren also nun zu fünft im freiwilligen Missionseinsatz, um die Arbeit von hunderten von Ärzten, Lehrern, Entwicklungshelfern und Pastoren zu unterstützen, die im Auftrag der Adventmission in vielen Ländern tätig sind.
Adventmission gibt es seit dem Jahre 1874, als der erste Missionar von der Generalkonferenz nach Europa gesandt wurde. Sein Name war John Nevins Andrews (1829 – 1883). Er nahm seine Tätigkeit zunächst in Basel (Schweiz) auf. Heute unterhält die Adventmission Krankenhäuser, Schulen, Verlagshäuser sowie Missionsstationen, besonders in Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa. Hinzu kommt die adventistische Hilfsorganisation ADRA (Adventist Development and Relief Agency) und ihr weltweites Netzwerk im Bereich Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Was es mit dieser Mission auf sich hat, soll dieses Buch vermitteln.
Wir hatten einen sehr angenehmen Flug. Kurz bevor wir in Daressalam landeten, machte uns der Flugkapitän auf den großartigen Blick auf den Kilimandscharo, den höchsten Berg Afrikas, aufmerksam. Es bot sich uns ein majestätischer Anblick: Die kraterförmige, schneebedeckte Kuppe des Berges ragte aus einem Wolkenmeer wie ein mächtiger Riese hervor. Nach einem kurzen Aufenthalt ging der Flug weiter nach Lilongwe, der Hauptstadt von Malawi. Bei der Ankunft wurden wir vom afrikanischen Leiter der dortigen Adventmission herzlich begrüßt. Zoll- und Einreiseformalitäten wurden schnell und höflich abgeschlossen, und dann befanden wir uns auch schon auf dem Landweg zur adventistischen Zahn- und Augenklinik in Lilongwe. Während der Fahrt staunten wir über die großzügig angelegten Straßen der Hauptstadt und ihre Gebäude.
In der Klinik arbeitete ein junger Augenarzt, der schon vor einigen Monaten in Afrika seine Arbeit begonnen hatte. Dr. Gary Petersen entstammte einer Baptistenfamilie in Los Angeles. Seine Eltern nahmen es allerdings mit ihrem Glauben nicht sehr genau. Ganz im Gegensatz zur Großmutter, der Nana, die selbstlos und fleißig alles für ihre Familie tat. Nana war tiefgläubig und gehörte den Presbyterianern an. Ihr religiöser Einfluss war groß und erweckte in ihren Enkelkindern die Liebe zu Christus. Leider starb sie, als Gary zwölf Jahre alt war. Von dieser Zeit an verlor der Junge seinen religiösen und familiären Halt: Er kam in schlechte Gesellschaft, wurde Mitglied einer Jugendbande, die Marihuana rauchte, herumlungerte und kräftig Alkohol konsumierte.
Eines Nachts träumte er, dass er mit einigen Kumpels spät abends in einem offenen Auto in Los Angeles auf dem Sepulveda-Boulevard entlangraste. Als sie an der Kreuzung am Santa-Monica-Boulevard bei Rot anhalten mussten, sah er auf der rechten Straßenseite ein großes, hell erleuchtetes gelbes Schild, auf der eine Warnung zu lesen war, die ihn erschreckte. Er rief seinen Freunden zu: »Seht dorthin! Seht ihr das Warnschild? Was bedeutet das?« Doch die Freunde lachten nur. Ihnen bedeutete die Warnung nichts. Als Gary sie noch einmal las, schnürte lähmende Angst ihm die Kehle zu. Schweißbedeckt wachte er auf. Er suchte nach dem Lichtschalter, nahm sein Schreibzeug, um das Geträumte niederzuschreiben. Aber er konnte sich nicht mehr an den Wortlaut der Warnung erinnern. Das Einzige, was er noch wusste, war, dass es ein großes, gelbes Schild war, mit schwarzen Buchstaben geschrieben, und dass es auf der rechten Straßenseite aufgestellt war.
Nach einiger Zeit ging Gary zum College, wo er verschiedene naturwissenschaftliche Fächer belegte. In der Folgezeit bemühte er sich, Versäumtes nachzuholen, vor allem in den Fächern Physik und Chemie. Aber innerlich war er hin- und hergerissen. In die Kirche ging er schon lange nicht mehr. So befand er sich in einer inneren Krise: Einerseits hatte er allen Glauben an eine übernatürliche Kraft aufgegeben, selbst den Glauben an die Existenz Gottes – andererseits spürte er aber auch das Verlangen, wieder zur Kirche zu gehen, um inneren Frieden zu finden.
Eines Tages hielt er an einer kleinen Kapelle, aus der gerade die Gottesdienstbesucher ins Freie traten. Es waren Farbige. Als er ihre glücklichen Gesichter sah, erfüllte ihn Sehnsucht. Es war ihm bekannt, wie Schwarze in ihren Gottesdiensten ihre Begeisterung zeigen und ihre Lieder voller Kraft und Überzeugung singen. All dies schien er jetzt zu spüren, als er die aus der kleinen Kapelle kommenden Menschen sah. Er spürte den Wunsch, selbst auch zu solch einer Gemeinde zu gehören. Doch gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass es lauter Schwarze waren. Wie konnte er sich als einziger Weißer unter ihnen zurechtfinden? Er dachte bei sich: In diese Kirche würde ich bestimmt gehen – aber nur, wenn mich jemand einladen würde. Vielleicht ist dies die Gemeinde, in der ich Frieden finden könnte. Wer sollte ihn aber schon einladen?
Einige Zeit später brach Gary sein Studium ab. Er hatte einen verrückten jungen Mann kennengelernt, der aus Florida kam und davon träumte, Komponist zu werden und mit einer eigenen Firma Schallplatten zu produzieren. Mit ihm freundete sich Gary an; er empfand ihn wie einen älteren Bruder, den er selbst nie gehabt hatte. Durch diese Freundschaft vertrödelte Gary vier Jahre seines Lebens, außerdem 7000 Dollar.
Nach wenigen Tagen eröffnete ihm der neue Freund, dass er mit einem Medium in Verbindung stehe. Doch da Gary nicht an übernatürliche Kräfte glaubte, nahm er das nicht ernst und tat es als Spinnereien ab.
Eines Tages lud dieser Freund ihn zu einer spiritistischen Sitzung ein, und da Gary gerade nichts zu tun hatte, ging er aus Neugier mit. Für alle Fälle steckte er sich einen Kassettenrecorder mit Mikrofon ein, falls sich etwas Interessantes ereignen sollte, wollte er es aufnehmen können. Wie überrascht war er, keinen düsteren Raum mit einer kartenlegenden Zigeunerin vorzufinden. Stattdessen fand er sich in einem Gebäude wieder, das einer Kirche ähnelte. Über der Eingangstür hing ein Schild: »Kirche des Meisters des Universums«. Die dort bereits versammelten Menschen sangen christliche Lieder, was die Neugier Garys verstärkte. Beim Betreten des Innenraums wurde ihm sofort bewusst, dass ihn eine unerklärliche Atmosphäre umgab. Die Luft schien mit Energie geladen zu sein. Er konnte nicht unterscheiden, ob diese unheimliche Kraft gut oder böse war. Er spürte sie lediglich. Garys bisherige Zweifel an übernatürliche Kräfte waren wie weggefegt. Gleichzeitig erfasste ihn eine Ungewissheit über sein Verhältnis zu Gott, und er begann, über sein Seelenheil nachzudenken. Er hatte das Empfinden, dass er dafür etwas tun müsste.
Es wurden Zettel verteilt. Jeder Anwesende wurde aufgefordert, eine Frage an einen ihm bekannten Verstorbenen zu richten. Gary erinnerte sich an seine tote Großmutter und schrieb folgende Frage auf seinen Zettel: »Nana, habe ich in meinem Leben etwas Wichtiges vergessen? Gary.« Er meinte damit, ob er Gott vergessen habe; Nana würde ihn schon verstehen. Inzwischen ließ er den Recorder laufen und stellte das Gerät unter seinen Stuhl.
Dann kam das Medium in den Raum: eine durchaus vertrauenserweckende Frau. Nach einigen stimmungsvollen Liedern begrüßte sie die Anwesenden und brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass jeder eine befriedigende Antwort auf seine Frage erhalten werde. Die Zettel wurden auf das Podium geschüttet, und Evelyn – so hieß die Frau – begann, eine Frage nach der anderen zu beantworten. Ohne die gefalteten Zettel zu öffnen, beschrieb sie die Szenen, die ihr als Medium gezeigt wurden, und zitierte die Stimmen, die sie sprechen hörte. Zu Garys Freund, der einen verstorbenen Popsänger befragt hatte, sagte Evelyn: »Du musst alles genauso machen und die gleichen typischen Bewegungen zeigen wie Elvis (Presley)«. Nun kam Gary an die Reihe: »G.P., wenn ich diese Botschaft berühre, stelle ich die Verbindung mit jemand aus der Geisterwelt her, die Luise heißt, außerdem mit jemandem am selben Ort mit Namen Tom. Wenn ich von Tom rede, wird mir bewusst, dass er schon vor vielen Jahren verstorben ist. Was die Person betrifft, die diesen Zettel an jene Luise geschrieben hat, so habe ich den Eindruck, dass sich der Schreiber Gedanken darüber macht, etwas im Leben vernachlässigt oder vergessen zu haben. Aber der Geist versichert mir: Nein, du hast wirklich nichts versäumt oder vernachlässigt. Ich kann dir bestätigen, Gary, du hast wirklich nichts vergessen oder außer Acht gelassen«.
Evelyn hatte den genauen Namen von Garys Großmutter – Luise – genannt, ohne dass dieses Wort auf Garys Zettel stand. Außerdem gebrauchte sie beim Zitieren des Geistes jene Ausdrücke, die Garys Großmutter benutzte. Auch der Tonfall war genauso, wie Nanas Aussprache, Akzent und Rhythmus ihrer Stimme gewesen waren. Als Gary später seiner Mutter die Kassette vorspielte, bestätigte sie dies. Auf Garys Frage, wer jener Tom gewesen sei, erklärte die Mutter, dass es sich um Nanas älteren Bruder handelte, mit dem sie sehr verbunden war, der jedoch schon lange vor ihr gestorben war. Die Mutter war völlig davon überzeugt, dass es tatsächlich Nana war, die Gary jene Botschaft zukommen ließ. Aber Gary glaubte es nicht. Er fand zwar keine Erklärung dafür, wie eine solche Kommunikation zustande kommen konnte, aber eines wusste er ganz sicher: Die Botschaft konnte nicht stimmen, weil seine Großmutter niemals die Art und Weise seines bisherigen Lebens gutgeheißen hätte.
Dieses Erlebnis brachte Gary zum Nachdenken, und je länger je mehr schämte er sich deswegen und versuchte, alles zu vergessen. Zunehmend wurde er von dem Gedanken begleitet, dass, wenn es Jesus wirklich gebe, er ihn retten würde – einerlei, wie sein Leben bisher auch gewesen sei, und ein Verlangen nach Jesus wurde in ihm wach.
Einige Zeit später erhielt er von seinem Freund ein Buch von Hale Lindsay mit dem Titel: »Der verstorbene Planet Erde«, das Prophezeiungen der Endzeit und das zweite Kommen Jesu Christi beschreibt. Dies waren völlig neue Gedanken für Gary, die aber für sein weiteres Leben entscheidend werden sollten. Er erinnerte und wunderte sich zugleich, dass er noch nie eine Predigt über das zweite Kommen Jesu gehört hatte. Durch dieses Buch angeregt, fing er an, die Bibel, besonders das Neue Testament, zu studieren. Lindsay beschreibt in seinem Buch eine geheime Entrückung der Gläubigen: Die Christen von allen Enden der Erde würden eines Tages plötzlich in der Luft entschwinden. Danach komme eine große Trübsal über die Erde. Obwohl Gary bis dahin die Bibel nicht gelesen hatte, schien ihm die Ansicht Lindsays falsch zu sein. Aber die Wiederkunft Christi hielt sich in seinem Kopf und beschäftigte ihn sehr. Es veranlasste ihn, mehr über sein bisheriges Leben nachzudenken.
Damals nahm Gary in einem Hospital Arbeit im Nachtdienst an. Gleichzeitig arbeitete er tagsüber für seinen Freund, indem er Texte vertonte und Tonaufnahmen machte. Der Freund war sich inzwischen gut etabliert, hatte geheiratet und bewohnte eine Villa in den Bergen am Pazifischen Ozean. Wenn immer möglich, verbrachte Gary seine Freizeit am Strand, rauchte Marihuana und nahm Kokain. Jedoch – das Verhältnis zu seinem Freund verschlechterte sich zusehends, und Gary lief Gefahr, seine Investitionen im Geschäft des Freundes zu verlieren.
Eines Tages fuhr er mit seinem Auto den Sepulveda-Boulevard entlang, er erreichte die Kreuzung Santa-Monica-Boulevard – genau dort, wo er vor Jahren im Traum jene Warntafel gesehen hatte. Die Ampel zeigte Rot an; er musste anhalten. Da fuhr plötzlich ein schwarzer Kombi neben ihm in die rechte Spur. An der Rückseite des Fahrzeugs war ein großes gelbes Schild angebracht, auf dem in schwarzer Blockschrift die Worte zu lesen waren: »Bereite dich vor, deinem Gott zu begegnen!« Gary wusste schlagartig, dass dies jene Warnung war, die er Jahre zuvor im Traum gesehen hatte.
In den darauffolgenden Wochen spürte er immer deutlicher, dass er die Gedanken und Ideale seines Musikfreundes nicht mehr teilen konnte, während sie doch beide meinten, Christen zu sein, und dass Jesus sie schon retten würde, weil sie an ihn als Sohn Gottes glaubten. Garys Freund plante, in der Wüste ein Stück Land zu kaufen, wo er sich einen Bunker bauen wollte, um in der sich anbahnenden Zeit der Trübsal zu überleben und das Ende der Welt abzuwarten. Er prahlte oft und gerne mit irrealen Zukunftsplänen, träumte von großem Reichtum und Erfolg als Musiker. Gary dagegen hörte mehr und mehr auf die Stimme seines Gewissens.
Als der Freund sich eines Tages wieder in Prahlereien erging, geschah es, dass Gary bei allem, was der Freund vorbrachte, in seinem Inneren einen Bibeltext als Antwort hörte. Dies passierte künftig öfter, sodass Gary anfing, in seiner Bibel die ihm ins Bewusstsein gedrungenen Texte zu suchen. Er konnte sich an jeden einzelnen erinnern, obwohl er sie nie auswendig gelernt hatte. Sie kamen ihm Wort für Wort ins Gedächtnis zurück wie zum Beispiel: »Ihr seid's, die ihr euch selbst als gerecht hinstellt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen ...« (Lukas 16,15); oder: »Suchet, was droben ist, da Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes« (Kolosser 3,1); oder: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen« (Matthäus 6,33).
Die Ergebnisse beeindruckten Gary so stark, dass er innerhalb von zwei Wochen sämtliche Drogen aufgab. Er fühlte sich vom Verstand her mit Gott versöhnt, aber er hatte noch nie zu Gott gebetet. Er spürte deutlich: Wenn es einen Gott gibt, dann wird er auch sein Gebet erhören. Zunächst setzte er sein begonnenes Bibelstudium fort. Besonders stark beschäftigte ihn das zweite Kommen Jesu. Er hatte das Empfinden, dass diese Lehre in den Kirchen, die er früher besucht hatte, gar nicht beachtet wurde. Nachts arbeitete Gary weiter im Hospital, tagsüber nahm er sich Zeit, seine Bibel zu lesen. Das Studium der Offenbarung faszinierte ihn, und er begann, sie hier und da stückweise zu begreifen. Hilfreich war für ihn ein früher an der Universität absolvierter Kurs in europäischer Geschichte. Er erinnerte sich an Vorlesungen über die Inquisition und wie das päpstliche Rom Jahrhunderte hindurch die Könige Europas kontrollierte. Ihm wurde der Zusammenhang bewusst, dass die einfachen Menschen die lateinisch verfassten Schriften nicht lesen und verstehen konnten und ihnen dadurch das Verständnis der Bibel verschlossen blieb. Nun verstand er die Bedeutung der Reformation durch Martin Luther und deren Auswirkungen auf das alltägliche Leben der Menschen. Jedoch – wie alle diese Ereignisse zusammenhingen und wie sie sich zur Endzeit hin entwickeln sollten, blieb ihm unklar. Er war an die Grenze seines Denkvermögens gelangt.
Ihm wurde schmerzlich bewusst: Ich brauche eine Kirche, in der ich mit allen meinen Fragen gut aufgehoben bin – aber welche? Das war die wichtige Frage. Es gab so viele Kirchen und Gemeinden! Gleichzeitig erkannte er immer deutlicher, wie töricht er in vielen Entscheidungen seines Lebens gehandelt hatte. Da kam ihm im Blick auf seine Bibel ein Gedanke: Gottes Wort ist trotz vieler Kriege und Verfolgungen erhalten geblieben. Menschen Gottes wurden ins Gefängnis geworfen, gemartert und sogar getötet, aber sie bewahrten bis zuletzt sein Wort und ihren Glauben. Sollte Gott nicht in der Lage sein, ihn zu Menschen zu führen, die ihm mehr über Gottes Wahrheit sagen konnten? Er ging in seinem Zwiegespräch noch weiter: So wie Gott sein Wort bewahrt hat, wird er Gläubige erhalten haben, die die volle, ursprüngliche Wahrheit erkannt haben. Gary war überzeugt davon, dass Gott, der ihm jenen Traum gegeben hatte, in dem das Warnungsschild an der Kreuzung vom Sepulveda-/Santa-Monika-Boulevard zu sehen war, mit ihm einen Plan hatte. Er müsste nur selbst dazu bereit sein, sein Leben Gott zu übergeben.
An jenem Abend geschah noch etwas anderes. Es wurde Gary bewusst, dass sich in seinem Haus Dinge befanden, die ein Christ nicht haben sollte. Er machte sich unverzüglich daran, alles wegzuwerfen, was er als Christ nicht mehr besitzen wollte: Statuen und antike Götter-Figuren, die er zur Dekoration genutzt hatte. Danach betete er zum ersten Mal in seinem Leben, bekannte alle seine Sünden und bat Gott um Vergebung. Auch betete er darum, dass ihn Gott eine Gemeinde finden lassen möge, in der er geistlich wachsen und Gott aufrichtig dienen könne. Mit einem Gefühl großen inneren Friedens und Gottvertrauens begab er sich an diesem Abend zu Bett. Seinen Zustand beschrieb er später mit folgenden Worten: »Ich hatte ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung, das ein wenig damit zu vergleichen ist, als würde mir mein vor Monaten gestohlenes Auto von der Polizei wohlbehalten wiedergebracht. – Ich war mir sicher, dass Gott mein Gebet erhören werde«.
Am folgenden Abend war Gary im Hospital. Er hatte die Aufsicht über den Nachtdienst. Gegen 22:00 Uhr bereiteten sich die Schwestern auf den Schichtwechsel vor. Da trat eine junge Schwester mit Namen Jemima (sie stammte aus Westindien) an Gary mit folgenden Worten heran: »Herr Petersen, könnte ich Sie einen Augenblick sprechen?« Er antwortete: »Sicher, was kann ich für Sie tun?« Gary war auf alles gefasst, nur auf das nicht, was jetzt kam: »Ich möchte Sie einladen, morgen mit mir zur Kirche zu kommen, aber ich weiß nicht ...« Sie stockte. »Ja, klar«, antwortete er, »ich komme gern«. An sein Gebet vom vorhergehenden Abend dachte er in dem Moment aber nicht. »Was für eine Kirche ist es denn?«, wollte er noch wissen. Sie antwortete: »Siebenten-Tags-Adventisten«. Gary dachte einen Augenblick nach. Es war Freitagabend und morgen würde Samstag sein. Da erinnerte er sich verschwommen daran, dass Adventisten den Samstag, den siebenten Tag der Woche, feierten, wusste aber nicht, warum. In seiner Nachbarschaft im Westen von Los Angeles befand sich eine japanische Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Unter der englischen Beschriftung standen große japanische Schriftzeichnen. Gary vermutete in diesem Gebäude große Buddha-Statuen oder Ähnliches. Darum fragte er Jemima: »Sind Siebenten-Tags-Adventisten eigentlich Christen? Und warum feiern sie ihren Gottesdienst am Samstag?« »O ja«, antwortete Jemima, »Gott gebot uns, den Sabbat, den siebten Tag der Woche, zu halten, wie es in den Zehn Geboten geschrieben steht. Aber die katholische Kirche verlegte den Tag der Anbetung, den biblischen Sabbat, auf den Sonntag.« Dies war für Gary gänzlich neu, er hatte nie etwas davon gehört. Doch er begriff sofort, worum es hier ging: Die Zehn Gebote waren ursprünglich dem jüdischen Volk gegeben worden, darum hielten sie das vierte Gebot, den Sabbat. Er wusste auch, dass die katholische Kirche außerdem viele Dogmen, die nicht mit der Bibel übereinstimmten, den Christen aufgezwungen hatte. Gary stellte noch mehr Fragen über die Gemeinde der Adventisten. Jemima erzählte bereitwillig. Sie erwähnte auch, dass die meisten Adventisten Vegetarier seien und ein überdurchschnittliches Gesundheitsniveau haben. Je mehr Gary hörte, umso spannender wurde es für ihn.
Am nächsten Morgen nahm Gary sein Auto und holte Jemima und ihre Schwester Rachel zum Gottesdienst ab. Sie mussten etwa zwölf Kilometer fahren und kamen in die Gegend, wo Gary vor Jahren das College besucht hatte. Er traute seinen Augen nicht, als er die kleine Kirche erblickte, zu der die beiden jungen Frauen ihn führten. Es war dieselbe Kirche, die er vor sechs Jahren bewundert hatte. Damals hatte er sich gewünscht, jemand möge ihn einladen, sie zu besuchen und am Gottesdienst teilzunehmen. Nun stand er davor und hegte nur einen Gedanken: Gott hatte ihn nicht vergessen, sondern seinen einstigen Wunsch ernst genommen und erfüllt.
Alles, was nun folgte, war für Gary sehr beeindruckend: die Schlichtheit des Gottesdienstes, das hohe geistliche Niveau, die Freundlichkeit der Gemeindemitglieder – und vor allem das Thema der Bibelschule im ersten Teil des Gottesdienstes. Es wurde gerade über die Offenbarung, das letzte Buch der Bibel, gesprochen Gary erkannte, dass Gott ihn nicht nur zu seiner Gemeinde geführt hatte, sondern es zeitlich so fügte, dass er gerade das zu hören bekam, was er am dringendsten brauchte. Allerdings nahm er nicht alle Lehren kritiklos hin, obwohl er in seinem Inneren überzeugt war, von Gott persönlich geführt zu werden. Er wollte unbedingt sichergehen, dass er sich nicht täuschte.
Vieles war für Gary völlig neu, aber interessierte ihn brennend. Er nahm sich die einzelnen Texte vor und verglich das Bibelschulheft mit den Texten in der Bibel. Dazu brauchte er mehrere Monate.
Für das Verständnis der Offenbarung wurde das Bibelstudienheft für ihn eine große Hilfe. Ebenso kamen ihm seine Geschichtskenntnisse zustatten. Als ihm eines Tages jemand das Buch »Der große Kampf« von Ellen G. White zu lesen gab und er sich darein vertiefte, waren viele Zweifel in ihm beseitigt. Er erkannte: Gott hatte ihn Schritt für Schritt zu seiner Gemeinde geführt. Gary wurde am 12. Juni 1980 getauft, gerade eine Woche vor seinem 25. Geburtstag. Es ist nicht verwunderlich, dass Gary in der Gewissheit, von Gott geführt zu werden, sich entschloss, nach Abschluss seiner medizinischen Ausbildung als Missionsarzt nach Malawi zu gehen. Er selbst erzählte uns seine Geschichte, als wir ihn in der adventistischen Klinik in Lilongwe kennenlernten. Diese Klinik ist ein Bestandteil der adventistischen Missionsarbeit, über deren Entstehung die folgenden Kapitel berichten sollen.
Ägypten ist das Traumland vieler Reisender, besonders solcher, die an Weltgeschichte interessiert sind. In diesem alten Kulturland betritt man geschichtlichen Boden, wo immer man hinkommt.
Da ist die Hauptstadt Kairo, die sich am Nil-Delta entlang erstreckt; die Pyramiden von Gizeh – Grabdenkmäler der Pharaonen, die sich auf diese Weise den Übergang ins Jenseits sichern wollten. Das sogenannte Jenseits war für sie mystisch. Kairo ist eine Stadt der Kontraste, wo Mercedes, Peugeots, Toyotas und Ladas die Straßen verstopfen und anhalten müssen, um Eselskarren Platz zu machen, die unbekümmert ihr Straßenrecht wie vor 2000 Jahren beanspruchen. Kairo ist auch die Stadt der 1000 Moscheen, von denen bereits um vier Uhr in der Frühe die Imame zum Gebet rufen – heute durch Lautsprecher verstärkt –, die dafür sorgen, dass niemand die Zeit verschläft.
