Verlag: Eulenspiegel Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Affenzahn - Dirk Zöllner

Dirk Zöllner kann Songs schreiben, singen und von der Bühne aus das Publikum begeistern, das weiß man. Dass er auch ein begnadeter Geschichtenerzähler ist, hat er in seiner Autobiografie bewiesen. Er selbst bezeichnet sich als "freischaffender Überlebenskünstler". Seine unkonventionellen Ansichten über Kunst und Leben stellt er in den pointierten Kolumnen dieses Buches zur Diskussion. Er lässt die Glocken für "Silly" läuten, bekennt, wie alle Musik-Normalverbraucher fast immer die Best of seines eigenen Lebens zu hören, fragt, was Seelensänger Seal mit einem Eiszapfen will, und hält an unverrückbaren Wahrheiten fest, beispielsweise: "Richtige Bands sind Banden, von pubertierenden Jungs gegründet, die ganz viel Bock auf das Leben und die Mädchen haben."

Meinungen über das E-Book Affenzahn - Dirk Zöllner

E-Book-Leseprobe Affenzahn - Dirk Zöllner

Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet, dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

ISBN E-Book 978-3-359-50071-1ISBN Print 978-3-359-01345-7

© 2017 Eulenspiegel Verlag, BerlinUmschlaggestaltung: Verlag, Karoline Grunske, unter Verwendung eines Fotos von Johanna Bergmann

Die Bücher des Eulenspiegel Verlages erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel.com

Über das BuchDirk Zöllner schreibt über Musik und Musiker, über phantastische Kollegen und auch über »fleißige Musikarbeiter, die Klangwürste am Fließband produzieren«. Er lässt die Glocken für SILLY läuten und verbeugt sich vor den ostdeutschen Exzellenzen, besser bekannt als DIEPRINZEN. Er taucht in ein Chaos von »Momentaufnahmen« seines Musikerlebens ab und hält dabei an unverrückbaren Wahrheiten fest, wie beispielsweise der: »Richtige Bands sind Banden, von pubertierenden Jungs gegründet, die ganz viel Bock auf das Leben und die Mädchen haben.«

Über den AutorDirk Zöllner wurde 1962 in Berlin geboren. Zum Ende seiner Schulzeit sammelt er erste musikalische Erfahrungen, die er während seiner Lehrzeit zum Betonwerker intensiviert. Zwischen 1980 und 1984 finden erste Auftritte in Kirchen und bei Leistungsvergleichen statt. Seine professionelle Laufbahn startet der Autodidakt 1985 – mit seiner Band CHICORÉE. 1986 erfolgt die Einstufung als Berufsmusiker. 1987 gründet er DIEZÖLLNER, mit denen er bis heute unterwegs ist. Zwischendurch startet er Projekte wie »Zöllners Russenconnection«, »die 3HIGHligen«, »Ostende» und »Melancholia«. Nach der Jahrtausendwende übernimmt er Hauptrollen in »Jesus Christ Superstar« und »Fame« in Dresden, München, Pforzheim und Halle. Zu seinem 50. Geburtstag bringt der vielseitige Künstler seine Autobiografie »Die fernen Inseln des Glücks« heraus. Er entwickelt mit »Café Größenwahn« eine eigene Fernsehshow und mit dem »TischKunstKombinat Köpenick« eine Talenteshow im Internet. Unter seinem Namen erschienen elf Studioalben, das letzte unter dem Titel »Dirk & Das Glück« im März 2017.

Inhalt

Über alle Klippen 

Auf Kante 

TischKunstKombinat Köpenick 

Phönix aus der Asche 

Kleiner Horrorladen 

Der Dominoeffekt 

Schwamm drüber 

Verflixte Sieben! 

Falsche Falten 

Herz-Kasper 

25 Jahre auf Bewährung 

Viele Visionen 

Tamara 

Glocken für Silly 

Dirk im Glück 

Der gute König 

Petry Heil 

Verdünnte Götter 

Neue Wege 

In höchsten Tönen 

Müßige Muse 

Laut 

Dumm-ehrlich 

Die Ambivalenz des Lebens 

Lebensklang 

Die Katze im Sack 

Hallo?! 

Ab durch die Mitte! 

Der letzte Ostrocker 

Uferlos 

Die große Abnabelung 

Das Kind mit den grauen Haaren 

Die kleine Abnabelung 

Baby & Büttel 

Und nun? 

Über alle Klippen

Ich setze die SegelIch stehe am RuderIch bin der KapitänIch habe kein ZielHab nur den Weg –Es muss endlich weitergehn!

Eine meiner besten Freundinnen heißt Uge, sie ist gleichzeitig die Mutter meiner Ziehtochter Emma und meines leiblichen Sohnes Egon, der in diesen Tagen zwölf Jahre alt wird. Die drei nennen mich liebevoll spöttisch »Herr Lich«, wenn ich gegenüber den Geschenken des Lebens gerade mal wieder in Begeisterung gerate. Vor allem in der Natur gibt es jede Menge zu entdecken. Ich kann mich aber auch an menschgemachten Herrlichkeiten begeistern. Da sind zuallererst die Kinder! Dann Architektur, Malerei, Schauspiel, Poesie und Tanz. Die Musik.

Am meisten begeistert mich die eigene. Besser gesagt, die der Musiker meiner Band, wenn ich mit ihnen auf der Bühne stehe! Und so ist es kein Selbstlob, wenn ich meiner eigenen Band huldige. Sie ist eine Ansammlung recht extremer Individualisten. Und obwohl sie unter meinem Namen arbeiten, handelt es sich keinesfalls um eine von mir installierte Konstellation. Die heutigen ZÖLLNER haben über eine lange Zeit zusammengefunden, aus Überzeugung und aus einer Verkettung von glücklichen Zufällen. Andere langjährige Arbeitsgemeinschaften werden ja eher durch den stetigen Geldfluss am Leben gehalten, doch davon kann bei uns nicht die Rede sein – es ist ausschließlich die Liebe zur Musik.

Das Fundament wurde von André Gensicke und mir schon im Land vor unserer Zeit gelegt. Ich habe diesen Umstand und die Vorzüge des Tastenmannes an meiner Seite schon oft erwähnt und werde es immer wieder tun, aber da sind auch die anderen Begegnungen, die uns zwei Glückspilzen letztendlich das Privileg verschafften, Steuermann und Kapitän dieses wunderbaren großen Schiffes zu werden, mit dem wir nun bald dreißg Jahre über alle Klippen hinweg segeln.

Der Saxophonist Frank Fritsch, der in Zusammenfassung seines Namens von allen nur Fratsch genannt wird, ist ebenfalls schon seit DDR-Zeiten dabei. Eine große markante Erscheinung, mit derbem Humor und hochsensiblem Musikempfinden. Sein jazzorientierter Stil und der warme, luftige Ton seines Instruments sind wesentliche Bestandteile des unverwechselbaren Sounds unserer Band. Mit seinen Soli verschafft er mir regelmäßig Gänsehäute, und manchmal dringt er so tief in mein Herz vor, dass sogar das eine oder andere Tränchen fließen muss.

Fratsch war es auch, der 1993 den Trompeter David »Skip« Reinhart und den Posaunisten Gerald Meier ins Boot holte. Mit ihnen formierte er Die Zöllnerhorns, die seit Jahr und Tag mit ihren feinnervigen Arrangements und lässigen Showeinlagen überzeugen. Gerald Meier spielt nicht nur die Posaune, er ist bis auf wenige Ausnahmen auch der Erfinder unserer Bläsersätze. Ich sage bewusst Erfinder und nicht Arrangeur, denn Geralds Ideen bilden die harmonische Vertiefung unserer Lieder – in den meisten Fällen kann man von einer Erweiterung der Komposition sprechen. Ich habe den größten Respekt vor seiner Arbeit. Ebenfalls vor seiner Erscheinung, weshalb ich ihn auch seit eh und je mit »Herr Meier« anspreche, was von den Kollegen und Fans allmählich übernommen wurde. Herr Meier philosophiert auf eine konservative, fast schon mathematische Art und Weise über die Musik und das Leben. Und das auch noch im lupenreinsten Hochdeutsch! Er behauptet, die sprachliche Akkuratesse läge an seiner Hannove­raner Herkunft; ich bin mir aber sicher, dass sie seiner zutiefst empfundenen Ästhetik entspringt.

Der Trompeter David Reinhart war als amerikanischer Soldat in West-Berlin stationiert, verliebte sich in eine deutsche Frau und gründete mit ihr eine Familie. Vielleicht war aber auch der Anschluss an die Crème der Berliner Musikszene ein Grund seines Bleibens. Davids sowohl druckvolle als auch virtuose Art das Horn zu blasen, machten ihn hier schnell zur Nummer Eins im Rock-, Pop-, Soul- und Jazzbereich. Wegen seines Bewegungsdranges und seiner unbändigen Energie bekam er den Spitznamen Skip verliehen. Leider half der begnadete Trompeter seiner Natur noch ein wenig nach und stand schließlich in den neunziger Jahren derartig unter Strom, dass er fast verglühte. Skip schaffte es irgendwie, sich im allerletzten Moment am eigenen Schopfe aus dem Drogensumpf zu ziehen und spielt weiterhin und nun auch verlässlich und stetig auf höchstem Niveau. Seine Choreografien prägen – in altersgerechter Atti­tüde – nach wie vor das Erscheinungsbild der Zöllnerhorns.

Um eine so große und spezielle Band wie DIEZÖLLNER zu organisieren, bedarf es eines ebenso großen und speziellen Engagements von Seiten des Managements. Künstler sind in ihren Ansprüchen sowieso schon schwer zu händelnde Persönlichkeiten, aber in dieser Verdichtung wird jeder Außenstehende vor eine Herausforderung gestellt. Das Arrangement, der Mix, die Arbeit an einem Song und die Fertigstellung eines ganzen Albums, das alle Seiten einigermaßen zufriedenstellt, ist mit einem extremen Aufwand verbunden. Man kann so ein Produkt nicht mal schnell für ’n Appel und ’n Ei verramschen. Das gehört sich einfach nicht. Mit meinem Bruder Reyk hatte ich bis 1997 einen verständigen Partner und DIEZÖLLNER ein engagiertes Management. Wir haben uns aufgerieben, um unser Herzensprojekt am Laufen zu halten, letztendlich kam es aber leider zum Verschleiß unserer Brüderlichkeit. Das Aus unserer Zusammenarbeit war gleichzeitig der Stillstand für die Band. Es gab eine fünfjährige Flaute und nur noch vereinzelte gemeinsame Konzerte. Ich nahm mehrere Soloalben auf und gründete etliche Projekte, wie Zonaluna, Die 3HIGHligen, Zöllners Russenconnection, Ostende, Zöllner & Band …, mit denen ich wiederum je ein Album veröffentlichte. Alles schön, alles gut – aber eben nicht DIEZÖLLNER!

Die große Band kommt erst wieder in Fahrt, als sich meine Freundin Denise in die Organisation einmischt. Zuerst holen wir André Gensicke zurück. Er ist nun auch bei allen solistischen Aktionen fest an meiner Seite. Wir schrauben wieder gemeinsam an Songs herum, und ich merke, was mir gefehlt hat. Die eigentlichen Auslöser für die Wiederaufnahme der kreativen Bandarbeit sind dann aber zwei Musiker der SÖHNEMANNHEIMS, mit denen André Gensicke und ich um 2009 verschiedene musikalische Begegnungen haben: Andreas Bayless an der Gitarre und Ralf Gustke am Schlagzeug. Die beiden steigen schließlich bei uns ein und bringen mit ihren weltmusikalischen Einflüssen frischen Wind in die Segel. Sie scheinen auf irgendeinem fernen Stern zu wandeln, wenn sie sich in die Musik vertiefen. So, wie ich es auch von Gensi kenne. Keiner hält sich mit irgendwelchen Kopfgeburten auf, es rollt und schwingt auf hypnotisierende Art. Wir improvisieren auf der Grundlage der Ideen, die mein Keyboarder und ich gesammelt haben, es wird alles aufgenommen und die besten Takes bekommen Herr Meier und die Zöllnerhorns zur Veredelung. Mit »Uferlos« entsteht das erste Bandalbum seit Jahren. Ganz langsam. Immer wenn ein wenig Geld da ist, geht es weiter. Das Multitalent Marcus Gorstein wird als Ko-Produzent engagiert und mischt das Album am Ende ab. Zwischendurch bringt Denise unsere gemeinsame Tochter Mimi zur Welt.

So weit die Bandgeschichte, wie sie die Leser meiner Autobiografie »Die fernen Inseln des Glücks« bereits detailliert kennen. Doch die Geschichte geht weiter, und ich möchte sie hier wenigstens anreißen.

Dumme SehnsuchtSüßer GlaubeGierige ZauberfeenIch bin gefallenIch bin gekommenVielleicht war’s noch nie so schön

Der Kampf um die Fertigstellung des Albums ­»Uferlos« und die Arbeit an meinem Buch kosten mich 2012 die Liebe von Denise. Ich falle erst mal ins Bodenlose, und die Band steht erneut ohne Management da. Mein alter Freund und ehemaliger Schlagzeuger Matthias Mantzke kümmert sich erst mal das Nötigste, er betreut die Band bei den zu erfüllenden Verträgen, hilft mir bei der persönlichen Kontoführung und Lebensbewältigung. Auch meine engsten Freunde stehen mir zur Seite. Bei den Thüringer Pateneltern meiner Tochter Mimi – dem Gitarristen Tobias Hillig und seiner Freundin, der Sängerin Steffi Breiting – finde ich vorübergehend Asyl. Sie kochen für mich und hören wochenlang und geduldig den Themen all meiner Ausführungen zu: Denise, Denise und Denise.

Eine ebenso große Hilfe erfahre ich von Marcel Wicher, dem Toningenieur meiner Band. Er ist schon 2011 zu uns gestoßen, die Begegnung mit ihm war für mich Liebe auf den ersten Blick. Er beschützt mich. In ihm habe ich meinen großen Bruder gefunden, in seinem Sound ein sicheres Zuhause.

Ich verarbeite mein Dilemma in neuen Songs, und Marcel stellt mir sein Studio kostenlos zur Verfügung. Dazwischen liege ich auf der Couch bei seiner Frau Nicoletta. Sie hört mir stundenlang zu und nimmt mich unter ihre mütterlichen Fittiche. Sie geht mit mir schwimmen, ins Kino und wir fahren mit dem Fahrrad durch die Gegend. Sie begleitet mich auch auf den Konzerttouren und übernimmt den Verkauf der Platten und Bücher. Von der Plattenfirma ist nicht viel zu erwarten, und wir promoten unser neues Album hauptsächlich durch Livemitschnitte unserer Konzerte. Man kann etliche davon unter dem Titel »Café Größenwahn« bei YouTube einsehen.

Die Schlagzeugposition bleibt vakant; neben Ralf Gustke spielten in den letzten fünf Jahren mindestens genauso viele Drummer bei den ZÖLLNERN. Aber der Gitarrist der SÖHNEMANNHEIMS, Andreas Bayless, ist sowohl musikalisch als auch menschlich bei uns hängengeblieben. Ein ständiger Pendler zwischen Mannheim und Berlin, was in seinem Fall kein leichtes Unterfangen darstellt, da er wegen mehrfachen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz jedwede Legitimation zur Führung eines Personenkraftwagens einbüßte. Wahnsinn und Genie gehen Hand und Hand – ein liebenswerter Chaot!

Ebenso dabei geblieben ist der Mitproduzent unseres Comebackalbums, Marcus Gorstein. Er stieg nach Fertigstellung von »Uferlos« als Multiinstrumentalist und Backgroundsänger fest bei den ZÖLLNERN ein.

Lass mich losLass mich freiEs muss endlich weitergehen!Ich habe kein ZielIch hab nur den WegIch werde dir widerstehen:Auf der Reise – ganze egal wohin!

Ich möchte das Lamento um meine verlorene Liebe nicht ausweiten, denn unterm Strich habe ich dadurch die Möglichkeit erhalten, meine Lebenssichten zu überdenken und zu korrigieren. Es läuft auch ohne den Druck weiter, den ich mir und anderen zumute. Vielleicht sogar besser. Ja, ich habe die Dinge laufen lassen, und es ist trotzdem eine weitere Platte entstanden. Auf dem Album »In Ewigkeit« habe ich meine Lebenskrise verarbeitet. Souffliert von Andreas Hähle, den ich mir als Ko-Autor an die Seite holte. Für die Musik haben Gensi und ich Marcus Gorstein hinzugewonnen, der mit seinen Kompositionen den altbewährten Zöllner-Sound auffrischt. Neuen Input bekommt die Band auch vom Dresdner Bassisten ­Oliver Klemp, den ich bei einer Session kennenlernte und der mir daraufhin ein unwiderstehliches Angebot unterbreitete: Er ist zur Stelle, wann immer ich rufe! Und so ist es. Er kommt sogar aus dem Urlaub angereist, wenn ein Zöllner-Konzert anliegt. Egal, ob es dafür Geld gibt oder nicht. Sein Stil ist einzig­artig. Er heftet sich wie eine Krake ans Schlagzeug und unterstützt mit seinen Blindnotes noch die feinsten ­Finessen der Hi-Hat. Er ist mein Lieblingsbassist. Und ein weiterer Lieblingsmensch!

Überhaupt ist mir die Liebe hold. In all meiner emotionalen Umnachtung wich sie mir nicht von der Seite. Sie ist zweiundzwanzig Jahre jünger als ich, heißt Johanna, und ich habe sie anfänglich gar nicht so richtig wahrnehmen können. Sie ist stiller als all die Kriegerinnen, denen mein Herz in der Vergangenheit zu Füßen lag. Sie hat mich gelehrt, dem Klang der Stille zu folgen, das Große im Kleinen zu entdecken. Und ich bin mit ihr in Köpenick gelandet und habe gelernt, zurück zu lieben. Das Happy End heißt Ludwig. Unser kleiner, gemeinsamer Sohn.

Vor etwa zwei Jahren habe ich auch wieder angefangen, Geschichten zu schreiben. Es sind hauptsächlich Momentaufnahmen, die ich bei Facebook und als Kolumnen in der »Freien Presse« veröffentlichte. Einige davon habe ich in dieses Buch eingefügt.

Auf Kante

Ich bin vierundfünfzig Jahre alt, freischaffender Überlebenskünstler, und wenn meine jüngste Tochter volljährig ist, gehe ich in Rente. Das heißt, ich bekomme dann dank meiner lebenslänglichen Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse um die 600 Euro Almosen im Monat. Das wird wohl nicht ganz reichen für eine weitere Mitgliedschaft im Leben!

Einige Leute sagen, ich wäre ein ganz passabler Sänger und Geschichtenerzähler, doch ich sage euch: Mein eigentliches Talent ist das Geldausgeben. Da ist bei mir leider so gar nichts auf der hohen Kante hängengeblieben. Schon jetzt hindern mich meine ausgelutschten Bandscheiben am kontinuierlichen Geldsammeln. Wenn ich also im fortgeschrittenen Alter zum Rollator-Mann werde, hätte ich ein weiteres akutes Kantenproblem. Es wäre mir unmöglich, Woche für Woche die hohe Kante einer Bühne zu erklimmen.

Nun übe ich also vorsorglich die Arbeit am heimischen Schreibtisch, denn bei Wasser und Brot will ich meinen Lebensabend nicht verbringen. Ich will Rotwein und Brot, ich will mir die Kante geben. Ich muss mir die Kante geben! Denn wenn der Rotwein fließt, fließen auch die Gedanken. Diese ganze eckige Misere lässt sich nicht überwinden. Von wegen die Welt ist rund!

Ich lass es raus, mein Leid. Bei euch. Das Leid meines herbstlichen Lebens. Zeige mich mit all meinen Ecken und Kanten. Und ich möchte mit euch auch die schönen Augenblicke teilen, denn im Angesicht der Vergänglichkeit erscheint das Leben kostbarer denn je. Mit dem Wissen um die Endlichkeit. Als ich jung war, also bis vor etwa vier Jahren, habe ich die eigene Sterblichkeit angezweifelt. Immer voll auf Verschleiß gelebt. Ich habe meinen eigenen Körper malträtiert und oft genug auch die Seelen der mir nahestehenden Menschen. Ich hatte viel Glück, war verwöhnt und wusste es nicht besser. Den Applaus, den ich auf Bühnen entgegennehmen durfte, wollte ich auch am heimischen Tisch. Vor vier Jahren wurde mir der Applaus nicht nur verweigert, sondern die Mutter meiner kleinen Tochter verließ von einem Tag zum anderen meine launige Show. Das hat mich auf der Erde ankommen lassen.

Wie schön es hier ist!

TischKunstKombinat Köpenick

Manchmal, wenn ich in meinem hohen, altersgerechten Boxspringbett erwache, flimmert und funkelt es im ganzen Zimmer. Es sind die Reflexionen des Wassers – direkt vor meiner Haustür fließt die Dahme vorbei! Aus allen Fenstern kann ich auf den Fluss und die gegenüberliegende Silhouette der Altstadt von Köpenick schauen. Obwohl die Wohnung nicht sehr groß ist, so ist es doch die schönste, in der ich jemals gewohnt habe. Ein absoluter Glückstreffer.

Bei der Besichtigung vor etwa drei Jahren stehen mindestens hundert Bewerber neben mir auf der Matte. Ich warte zwei Stunden, bis sich der Pulk verflüchtigt hat, nehme all meinen Mut zusammen und spreche die Abgesandte der Hausverwaltung direkt an: »Ich will die Wohnung unbedingt haben! Ich bin Musiker, mein Name ist Zöllner, Dirk Zöllner!«

Mir schießt das Blut in den Kopf. Unter normalen Umständen würde ich so etwas niemals tun, aber das hier ist Liebe auf den ersten Blick. Uff, die Dame kennt mich!

Ich bekomme eine Frist von drei Tagen, um alle erforderlichen Unterlagen nachzureichen, und den ersten Termin beim Hausbesitzer – vor allen anderen Bewerbern! Er möchte sich persönlich einen Eindruck von den Mietern seiner Wohnungen machen. Der wird bestimmt aus Bayern oder Baden-Württemberg kommen, so wie die meisten Hausbesitzer in Ostberlin! Da kann ich dann wohl nicht darauf hoffen, dass er schon mal irgendwas von einem Zöllner gehört hat. Geschweige denn davon, dass es sich bei diesem um einen im Osten leidlich bekannten Musiker handelt. Musiker sind bei Vermietern nicht beliebt, und ein unbekannter Musiker bekommt bei Wohnungsvergaben garantiert keinen Bonus, denn es wird mit Recht davon ausgegangen, dass er ganz viel üben muss, damit aus ihm mal ein bekannter Musiker wird. Ich beschließe trotzdem, die Karten auf den Tisch zu packen, und nehme bei der Vorstellung auch Mimi mit, sodass gleich alle möglichen Lärmquellen offengelegt sind. Schöne Wohnung hin und her, man muss ja auch darin leben können! Bei Wein, Weib und Gesang! Ich habe es schon oft erlebt, dass mir die Nachbarschaft eine schöne Wohnung vergällt hat.

Der Hausbesitzer wohnt im selben Haus, ganz oben, mit Frau und Kindern. Seine alte Mutter und ihr Freund sitzen ebenfalls in der Prüfungskommission, auch sie haben hier ihre Wohnungen. Die anfängliche Beklommenheit löst sich schnell in Luft auf, denn Mimi dockt sofort an. Die Töchter der Familie sind nur unwesentlich älter als sie. Es kommt Kuchen und Wein auf den Tisch, und ich fühle mich wohl. Und Björn, der Hausbesitzer, kommt aus dem Osten, meine Musik ist ihm vertraut, und ich bekomme den Zuschlag. Halleluja!

Jeden Tag danke ich dem Herrn