Agnes betet - Raya Mann - E-Book

Agnes betet E-Book

Raya Mann

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Beschreibung

Serenus glaubt an die Psychiatrie. Seine Sucht führt ihn in eine Privatklinik, wo mit neuartigen Substanzen experimentiert wird. Sorglos schließt er den diabolischen Pakt mit der Pharmazie. Agnes glaubt an Gott. Vor ihrer traumatischen Kindheit flüchtet sie sich von Klinik zu Klinik. Sie ist gewillt, ihr Leben zu beenden und sucht einen Sterbebegleiter. Als die 25-jährige dem doppelt so alten Serenus begegnet, keimt in ihr der Wunsch, getötet zu werden. In einem mysteriösen Kloster finden die beiden die Reliquie der Heiligen Agnes. Die Tötung der Märtyrerin, ein Messerschnitt durch ihre Kehle, fesselt die Phantasie der beiden. Als die Dramen in der Klinik anfangen sich zu überstürzen, gibt es kein Zurück mehr. Raya Mann erzählt von seelischen Wunden und ihrer Heilung, im Spannungsfeld von klinischem Irrglauben und tiefer Spiritualität. Das Lektorat besorgte Nina Eisen.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Agnes betet

Roman von Raya Mann

Lektorat Nina Eisen

Die allerletzte Flasche

Serenus verließ die Autobahn bei Vicenza. Er fuhr durch die Ebene in nördlicher Richtung weiter. Es war später Nachmittag, als er den Ort erreichte. Er stellte den Wagen in der Straße ab, die zur alten Holzbrücke führte. Im Städtchen gab es zwei Destillerien; sie hießen Nardini und Poli. Ihre Läden lagen am anderen Ende der alten Holzbrücke. Heute war Sonntag. In Bassano waren die meisten Läden am Sonntag geöffnet. Zwischen heute und dem übernächsten Sonntag lagen fünfzehn Tage – oder fünfzehn Flaschen Grappa. Mit drei Sechserkartons im Kofferraum fuhr Serenus die letzten zwei Kilometer bis zum Hotel. Er schaffte das Gepäck auf sein Zimmer und nahm eine Dusche. Zuoberst im Koffer lagen die frischen Kleider. Um neunzehn Uhr begann er die erste Grappaflasche zu leeren.

Er war es gewohnt, sich abends zu betrinken und anderntags früh aufzustehen. Er begann den Morgen mit italienischem Kaffee und fuhr los. Gegen Abend kehrte er ins Hotel zurück und wandte sich Nardini und Poli zu. Vor dem Essen legte er sich eine Stunde aufs Ohr. Nach dem Essen trank er weiter, bis die Flasche leer war. Um Mitternacht schlief er bereits. Nach zwei Wochen hatte er halb Venetien besichtigt – vor allem die berühmten Villen und Paläste aus dem sechzehnten Jahrhundert mit ihren wunderbaren Fresken. Er hatte so viel gesehen, dass er die Städte, Museen und Baudenkmäler nicht mehr auseinanderhalten konnte. An die Namen der Renaissance-Maler konnte er sich nicht mehr erinnern. Oben auf dem dunklen Holzschrank standen in zwei Reihen sechzehn leere Grappaflaschen. Heute war der erste Sonntag im Juni.

Als er gegen Abend mit Packen fertig war, trank er die vorletzte Flasche aus. Die allerletzte Flasche leerte er auf der Autofahrt zum Bodensee. Um sechs Uhr früh kam er auf dem Parkplatz vor der Klinik an. Er kauerte sich auf der Rückbank zusammen und schlief sogleich ein.

Sternenstaub statt Supernova

Pünktlich um zehn Uhr betrat er das Haus Jupiter. Die Rezeptionistin wies auf die Sitzgelegenheiten und bat ihn, zu warten. Ein Pfleger – er sah müde und freudlos aus – trug die Hälfte des Gepäcks durch den Park bis zu dem neuen Bettenhaus im entlegensten Teil des Areals. Hier war die Entzugsstation untergebracht. Das Gebäude hieß Mars. Serenus bekam ein Einzelzimmer mit Bad und einem Balkon mit Blick auf den Park. Der Pfleger führte ihn weiter zum Untersuchungsraum. Zuerst musste Serenus eine Urinprobe abgeben, danach wurde ihm Blut abgezapft und in verschiedene Röhrchen gefüllt. Die Messung des Blutdruckes ergab hohe Werte: 104 / 168, und sein Puls lag bei hundert Schlägen pro Minute. Schließlich brachte der Pfleger das Gerät für die Atemluftprobe und Serenus musste blasen. Seine Lunge schied jedoch bereits keinen messbaren Alkohol mehr aus. Auf der Anzeige stand 0,00 in leuchtendem Rot.

Das Mittagessen nahm er auf seinem Zimmer ein, denn er stand unter Beobachtung und durfte den Mars bis auf Weiteres nicht verlassen. Aber er durfte auf dem Balkon rauchen. Am Nachmittag kam seine Psychiaterin, eine fröhliche Mittvierzigerin, die aussah wie dreißig. Sie begrüßte ihn, begann ihn auszufragen und machte sich Notizen auf einem Block.

„Warum haben Sie sich für unsere Klinik entschieden?“

„Sie wurde mir von verschiedenen Seiten empfohlen.“

„Was hat Sie denn besonders überzeugt?“

„Dass Sie hier unkonventionelle Methoden anwenden.“

„Was meinen Sie genau?“

„Sie arbeiten mit neuen Medikamenten – und zwar außerhalb der Zulassung.“

„Warum spricht Sie das an?“

„Weil ich weder depressiv noch psychotisch bin.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich wurde schon einmal behandelt.“

„Mit Medikamenten?“

„Ja. Mirtazipin – 45 Milligram.“

„Hat es Ihnen nicht geholfen?“

„Doch.“

„Sie nahmen ein starkes Antidepressivum ein und es wirkte?“

„Ja, aber ich setzte es nach drei oder vier Monaten wieder ab, ohne weitere Folgen. Das war vor zwölf Jahren. Zuerst zerbrach meine Ehe, dann starb meine Mutter und schließlich verlor ich meine Stelle. Mein damaliger Arzt nannte es Anpassungsstörung.“

„Und zwölf Jahre später leiden Sie an etwas ganz Anderem?“

„Jedenfalls nicht an einer Depression. Ich leide nicht an gedrückter Stimmung oder Antriebslosigkeit. Ich bin weder müde noch unkonzentriert. Ich stehe morgens ausgeruht auf und freue mich über jeden neuen Tag. Appetit und Libido sind auch in Ordnung. Ich fühle mich weder wertlos noch schuldig, und der Wunsch zu sterben kommt erst bei der zweiten Flasche Whisky.“

Die Ärztin lächelte.

„Haben Sie sich in dieser Form auch über Psychosen kundig gemacht?“

„Ja. Über Psychosen. Und über den ganzen Rest. Auch über Alkohol und Drogen.“

„Und welche Schlüsse ziehen Sie?“

„Ich werde niemals Antidepressiva oder Neuroleptika einnehmen. Diese Sorte Pillen hat mit meinem Problem nichts zu tun.“

Wieder lächelte die Ärztin, stellte ihm aber keine neue Frage.

„Die letzten zehn Jahre verbrachte ich mit Arbeit und Alkohol. Nein, falsch. Mit Arbeit oder Alkohol. Ich trank zwischen sechs Uhr abends und Mitternacht. Nie am Morgen, nie während der Arbeitszeit. Ich hatte keinen einzigen Fehltag, verpasste nie einen Termin, war immer pünktlich.“

„Sie waren nur mit Hilfe von Alkohol leistungsfähig? Meinen Sie das?“

„Genau!“

„Warum wollen Sie dann darauf verzichten?“

„Ich begann vor zehn Jahren mit ein, zwei Whiskys pro Abend – maximal einem Deziliter, wenn es hochkam. Ich bin heute bei einer Flasche täglich angelangt.“

„Sie meinen, es müsste eine bessere Lösung für Ihr Problem geben?“

Serenus sah sie verblüfft an. Sie hatte ins Schwarze getroffen. Er selber hätte es nicht so auf den Punkt bringen können.

Die Ärztin war nachdenklich geworden. Sie sprach langsam und halblaut weiter, so als ob sie mit sich selber spräche.

„Mit einem niedlichen Belzebübchen den Teufel austreiben? Dreihundert Gramm reinen Alkohol mit dreihundert Wundermolekülen substituieren? Sternenstaub statt Supernova?“

Sie wandte den Blick wieder auf ihn.

„Welche Störung haben Sie denn mit Whisky behandelt? Beziehungsweise, welche Störungen?“

„Meine Krankheit wurde bisher noch nicht klassifiziert. Es ist eine vielschichtige Sache.“

Die Ärztin schlug die vollgeschriebene Seite um.

„Wie alt sind Sie?“

„49.“

„Ihre Größe und Ihr Gewicht?“

„190cm, 112kg.“

„Haben Sie – neben Ihrer Abhängigkeit und deren Ursachen - noch andere Beschwerden?“

„Übergewicht, Schlafapnoesyndrom, Restless Legs Syndrom, Somnambulismus, erhöhter Augendruck, Bluthochdruck. Zum Schlafen benütze ich ein Atemgerät. Gegen meine Zappelbeine und für das Glaukom habe ich Medikamente.“

„Okay. Während des Entzugs bekommen Sie alle Medikamente von uns. In den ersten Tagen nehmen Sie zur Nacht einen Tranquilizer gegen innere Unruhe. Gegen den Bluthochdruck werde ich nur eine Reserve verordnen. Sie müssen mit der Nachtwache reden, wenn Sie sie brauchen. Die Vitamine und alles andere erledigen wir morgen, wenn die Laborwerte vorliegen. Damit Ihnen nichts Schlimmes passiert, bekommen Sie heute noch ein EKG und ein EEG.“

Die Ärztin zeigte auf sein Notebook.

„Wie lange brauchen Sie, um für mich eine Beschreibung Ihrer Krankheit zu verfassen?“

„Bis heute Abend. Der Text steht in meinem Kopf.“

„Sie können mir eine Mail schicken. Und wenn Sie nicht einschlafen können, dann stehen Sie wieder auf. Sie sollten das Schlagwort ‚Mood Stabilizer‘ googeln.“

„Alles weitere morgen?“

„Ich schaue gegen Abend nochmals vorbei. Für alle Fälle.“

Dopamin, Serotonin, Melatonin, Glutamat, Noradrenalin

Nach zwei Wochen Renaissance-Exkursionen und Grappa-Eskalationen war gegen Stubenarrest nicht viel einzuwenden. Der Himmel war blau, die Luft warm. Auf dem Balkon stand ein Sonnenschirm, darunter ein Tisch mit einem Aschenbecher. WLAN gab es auch. Der ausgebrannt wirkende Pfleger vom Vormittag brachte ihm einen Stundenplan für die laufende Woche und begleitete ihn zum EKG und EEG. Die ungestörte Zeit verbrachte er halbstundenweise schreibend am Notebook. Um fünf Uhr schaute der Oberarzt vom Mars nur mal schnell herein, sorry, morgen habe er dann Muße für ein richtiges Gespräch. Um sechs Uhr kam das Abendessen. Um sieben Uhr wurde wieder Blutdruck gemessen. Um acht Uhr, Serenus hatte sie bereits vergessen, erschien nochmals seine Ärztin. Alle Untersuchungen und alle Resultate seien wunderbar, lachte sie. Nur die Leberwerte seien leicht erhöht, aber noch fast im Normbereich. Um neun Uhr kam der Nachtpfleger für die Nachtwache und brachte ihm die Medikamente. Er vergewisserte sich, dass Serenus sämtliche Pillen und Kapseln einnahm und verschwand wieder. Um zehn Uhr wurde Serenus schläfrig.

Er lag schon im Bett, als ihn ein absurder Schock ereilte. Ihm fiel ein, dass er ja kaum noch Bargeld und nur noch zwei Schachteln Zigaretten besaß. Er war auf dem Mars interniert. Wie und wo sollte er Geld aus einem Automaten ziehen? Gab es überhaupt einen erreichbaren Kiosk? Er setzte sich im Bett auf. Das Zimmer schimmerte vom Bildschirm des Notebooks. Ob man im Internet Zigaretten kaufen konnte?

Es war noch dunkel, als er erwachte. Der Nachtpfleger war dabei, ihm die Armbinde des Messgerätes umzulegen. Der Blutdruck war immer noch hoch, aber nicht mehr kritisch. Der Tranquilizer und der Tiefschlaf hatten gewirkt. Erstaunt vernahm er, dass der Pfleger ihm in der Nacht zweimal den Blutdruck abgenommen hatte. Serenus habe geschlafen wie ein Murmeltier. Die Thermoskanne auf dem Tisch sei mit frischem Kaffee gefüllt.

Serenus war ausgeschlafen und stand auf. Der anhaltende Benzo-Rausch benebelte und störte ihn. Als er im Badezimmer fertig war, setzte er sich mit Kaffee und Zigaretten auf den Balkon. Nach einer Weile holte er eine zweite Tasse und das Notebook. Er nahm sich den Text von gestern, die Beschreibung seiner Krankheit, noch einmal vor.

Ich lebe meine Affekte und Impulse nicht aus, sondern richte sie nach innen, gegen mich selber. Mein Innenleben ist auf einem hohen Erregungsniveau immer in Bewegung. Meine Reizschwellen sind niedrig und meine Filter grobmaschig. Kleinigkeiten bringen mich in Rage und ich brauche Stunden, um mich wieder zu beruhigen. Es vergeht kein Tag ohne solche Missstimmungen. Ärger, Wut und Zorn treten am häufigsten auf, oft auch Verachtung und Ekel, gelegentlich sogar Hass. Enttäuschung, Verletzung und Schmerz kommen an zweiter Stelle, gefolgt von Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühlen. Die ganz schrecklichen Gefühle – Angst und Panik, Neid und Eifersucht, Traurigkeit und Verzweiflung – habe ich weitgehend aus meinem Leben verbannt.

Das Verrückte an meinen Affekten und Missstimmungen besteht darin, dass sie nichts Sichtbares auslösen, also nicht zu Handlungen und Konflikten führen. Wie ein Vulkan, der öfter mal raucht und stinkt, aber nur alle hundert Jahre ausbricht.

Neben diesem ständigen Auf und Ab von Eindrücken und Irritationen nimmt das Gefühl innerer Leere ebenso viel Raum ein. Die Dauererregung sättigt und erfüllt nicht, sondern höhlt aus. Um wieder zu mir zu kommen, brauche ich Stimulation. Die bekomme ich tagsüber während der Arbeitswoche in meinem Beruf. Er erfüllt mich und gibt mir das Gefühl, jemand zu sein. Abends und an den Wochenenden muss ich mich um die Stimulation bemühen. Das funktioniert meistens mit Internetauktionen, mit Chatrooms, mit YouTube, mit Motorrad- und Autofahrten sowie mit Hardrock- und Heavy Metal-Konzerten. Am heilsamsten wären zwar die sozialen Stimulationen, aber sie sind im Hinblick auf Missstimmungen auch am gefährlichsten.

Denn mein größtes Problem besteht darin, das Gleichgewicht von Nähe und Distanz, von Symbiose und Autonomie zu finden. Früher waren das meine Ideale:

A. Ich teile mein Leben – jede Sekunde davon – mit einem einzigen Menschen. Beide wären wir von unendlicher, nie endender gegenseitiger Zärtlichkeit und Anbetung erfüllt.

B. Ich verbringe mein Leben – jede Sekunde davon – als Einsiedler am Fuße eines Felsens erfüllt von der Größe des Firmamentes und von der Bedeutungslosigkeit meines Seins.

Heute kommen mir die beiden Pole vor wie Alpträume. Beides bringt mich zum Wahnsinn, die Zweisamkeit ebenso wie die Einsamkeit.

Ich lebe von der „Liebe auf den ersten Blick“. Das gilt nicht nur für die Liebe, sondern für alle Arten von Bekanntschaften und Freundschaften, sogar für meinen Chef und meine Mitarbeiter. Schon bei der ersten Begegnung beginne ich mit der Idealisierung einer Person. Ich bin geduldig und großzügig, erwarte umgekehrt eine verbindliche und dauerhafte Verfügbarkeit. Aber wenn mich eine wichtige Person enttäuscht, dann verwandelt sich die Idealisierung in Ablehnung und Entwertung. Aber damit es so weit kommt, muss eine – von mir subjektiv empfundene – krasse Illoyalität vorliegen.

In meinem Leben kam es immer wieder vor, dass ich bis zur Verzweiflung alles unternahm, um eine Zurückweisung, einen Verrat, eine Trennung abzuwenden. Ich glaube, dass man jedes Unglück verhindern kann, wenn man es nur frühzeitig genug erkennt. Ich bin wie ein Seismograph und messe die frühen Signale, die die Katastrophe ankündigen. Diese Alarmbereitschaft wirkt sich ungünstig auf meine Affektivität und mein Erregungsniveau aus. Meine Freundin erlebt sie womöglich als Bedrohung. Richtig kritisch wird es dann, wenn ich so sehr unter Druck gerate, dass ich Dampf und Schwefel von mir gebe, wie der erwähnte Vulkan. Dann neige ich zu verbalen Attacken, zu Bitterkeit, Sarkasmus und zu ungerechter Anklage.

Die Affekte und die Missstimmungen haben nicht nur destruktive Folgen für die Beziehungen zu andern, sondern auch für mich selber. Ich denke dabei in erster Linie an den Alkohol, an Autofahren in betrunkenem Zustand, an das Schlafwandeln und die regelmäßigen Alpträume.

Per Email schickte er das Dokument an seine Ärztin. Dann googelte er „Zigaretten bestellen“. Er fand schnell einen Web-Shop und orderte gleich zwei Stangen, die er per PayPal bezahlte. Die Ware würde ihm schon am nächsten Tag zugestellt werden.

Dieses Problem war also gelöst und er nahm sich nun seinen Wochenplan vor. Die tägliche Gesprächsgruppe von elf bis zwölf war obligatorisch, ebenso die Arztvisite nach der Mittagspause. Vor dem Abendessen gab es wahlweise Entspannungs- oder Bewegungstherapie. Aber heute würde vor dem Abendessen der Leiter der Kunsttherapie zum Vorgespräch auf sein Zimmer kommen. Von neun bis elf Uhr vormittags war Freiraum für stille Beschäftigungen. Das bedeutete heute Recherche in Sachen „Pharmakologie“.

Für Serenus waren Nervensystem und Gefühlsleben so etwas wie Synonyme. Gleichzeitig verband er damit ganz naive Vorstellungen. Auf einem Gewirr von Autobahnen fuhren gute Autos und schlechte Autos. Und beide Sorten von Autos besaßen Gaspedal und Bremse. Im günstigsten Fall drosselte man die schlechten Autos und gab den guten Autos freie Fahrt. Im schlimmsten Fall war es umgekehrt. Wenn es mit der Seele nicht gut lief, musste man mit den guten Autos Gas geben oder die schlechten Autos bremsen. Wenn beides machbar war – umso besser!

Er surfte durch den wissenschaftlichen Cyberspace und versuchte sich die Automarken einzuprägen: Dopamin, Serotonin, Melatonin, Glutamat, Noradrenalin waren die einfacheren Namen. Die komplizierten lauteten Monoaminooxydase und Gammaaminobuttersäure. Aber es gab Dutzende davon. An diesem Vormittag auf seinem Balkon des Mars verstand Serenus, dass jede Automarke gut oder schlecht sein konnte. Als Psychiater musste man den einzelnen Menschen und seine Krankheit zuerst untersuchen und richtig beurteilen. Bei manchen depressiven Patienten musste man die Dopamin-Autos fahren lassen. Aber bei anderen depressiven Patienten musste man die Dopamin-Autos anhalten. Ein Spitzensportler konnte nicht genug herumrasende Noradrenalin-Autos in sich haben. Aber ein Epileptiker konnte von seinen eigenen Noradrenalin-Autos umgebracht werden. Es war Serenus nicht wichtig, ob diese Vergleiche zutrafen oder nicht. Er wollte eigentlich nur wissen, warum die Autos auf seinen Autobahnen so viel Sprit verbrauchten.

Vulkan-Therapie

Endlich fand er den Gruppenraum und darin zwanzig Menschen, die auf Stühlen sitzend einen Kreis bildeten. Er nahm den letzten freien Platz und sah sich um. Das waren also seine Mitpatienten. Er unterdrückte ein Lachen. Hier war er der Einäugige unter den Blinden. Er hörte gar nicht hin, als der Psychologe den Neuen den Zweck und die Regeln der Gesprächsgruppe erklärte, sondern betrachtete die kranken Gestalten. „Es war doch elf Uhr vormittags“, dachte Serenus, „warum sind sie nicht angekleidet? Bewegung und Entspannung finden doch erst abends statt!“ Die meisten trugen Sportklamotten, schlabbrige Trainerhosen oder Shorts, übergroße T-Shirts, Turnschuhe oder Badeschlappen. Andere waren im Homedress oder sogar in Pyjama und Bademantel gekommen. Er musterte ihre Mienen und erblickte überall gerunzelte Stirnen, misstrauische Blicke, unruhige Münder. Alle saßen schief und zusammengesunken auf ihren Stühlen. Einige zitterten, anderen lief der Schweiß über das Gesicht.

Der Psychologe fragte mehrmals nach, über welches Thema die Gruppe heute zu sprechen wünsche. Tatsächlich entwickelte sich mit der Zeit eine Art Diskussion und der Psychologe sagte nichts mehr. Die Patienten schienen miteinander ein Gespräch zu führen, aber Serenus konnte nicht nachvollziehen, auf welche Aussage und auf welchen Vorredner sie sich dabei jeweils bezogen. Er versuchte zu erraten, worüber sie sich eigentlich unterhielten. Einige beharrten darauf, dass sie „etwas machen“ wollten. Andere lehnten dies ab, beklagten sich aber gleichzeitig darüber, dass sie dazu gar keine Möglichkeit oder Erlaubnis hätten. Allmählich verstand er. Die unausgesprochenen Themen hießen „Langeweile“ und „Antriebslosigkeit“. Serenus äußerte sich nicht, sondern hing seinen Gedanken nach. Die tägliche Gesprächsgruppe, Arztvisite, Entspannungs- oder Bewegungstherapie waren bestimmt nicht als Unterhaltungsprogramm gedacht und die Mahlzeiten im Einzelzimmer waren wohl auch nicht jedermanns Sache. Andererseits verfügten alle über eigenes TV, DVD-Player und WLAN. Auf dem Mars gab es einen Leseraum mit Bibliothek, Zeitungen und PC-Arbeitsplätzen. Es war zudem ausdrücklich erlaubt, sich gegenseitig auf dem Zimmer zu besuchen. Plötzlich war die Stunde um und der Psychologe bedankte sich für die rege Beteiligung.

Die fröhliche, jung wirkende Ärztin kam mit einem Ausdruck in der Hand auf sein Zimmer. Sie hatte seinen Text mit Markierungen und Notizen versehen. Serenus las in ihrem Gesicht, dass sie etwas im Schilde führte. Mit schalkhaftem Blick fragte sie:

„Wie viel Whisky und andere Spirituosen haben Sie in den letzten zehn Jahren getrunken?“

„Nicht zu wenig. Auch nicht zu viel. Aber genug. Ich habe es nicht ausgerechnet.“

„Es ist ganz einfach. Bei einem Deziliter haben Sie angefangen und bei neun Dezilitern sind Sie angelangt. Eins plus neun durch zwei. Im Durchschnitt einen halben Liter pro Tag – während zehn Jahren oder 3650 Tagen. Das ergibt 1800 Liter oder 2600 Flaschen.“

„Und welche Frage drängt sich Ihnen als Ärztin auf?“, fragte Serenus mit gespieltem Gleichmut.

Die Ärztin fixierte ihn.

„Wie halten Sie es mit Risiken?“

„Mit Risiken? Sie meinen das Risiko nicht zugelassener Medikamente? Mindestens mittleres Risiko... würde ich sagen.“

„Das könnte reichen.“

„Erklären Sie es mir!“

„Wir arbeiten sehr eng mit der Pharmaforschung zusammen. Die Firma Dicius ist auf Epilepsie spezialisiert. Sie produzieren keine Medikamente, sondern verkaufen Patente. Seit einem Jahr stellt uns Dicius einen neuen Wirkstoff zur Verfügung. Er heißt – bis jetzt wenigstens - Donoramatin.“

„Donoramatin klingt gut“, kommentierte Serenus. „Wo liegt das Problem?“

„Wir wissen nicht genau, wie es wirkt, sondern nur, dass es wirkt.“

„Warum sagen Sie ‚nicht genau‘? Sie können nur einen Teil der Mechanismen erklären?“

„Ja, das trifft zu. Wir sind ziemlich sicher, dass Donoramatin die Synapsen verändert. Bestimmte Enzyme können offensichtlich ihre Abflusskanäle nicht mehr benützen. Die Konzentration dieser Enzyme erhöht sich um ein Vielfaches. Es sind alles Enzyme, die verschiedene Stresshormone blockieren.“

„Aber Sie wissen nicht, ob nur die Stresshormone blockiert werden oder ob auch ganz andere Nervensubstanzen unwirksam werden.“

„Die Leute von Dicius haben Hinweise gefunden, dass der Spiegel von Dopamin, Noradrenalin und Glutamat deutlich gesenkt wird. Sehr wahrscheinlich wird der Stoffwechsel von Serotonin und Melatonin gar nicht tangiert. Aber alles andere ist noch zu klären.“

„Es gibt also Nebenwirkungen, die nichts mit Stressabbau zu tun haben...?“

„Ja. Wir stehen vor einigen Fragezeichen. Das Medikament beschleunigt, vertieft und verkürzt den Schlaf, hilft beim Aufstehen und erhöht die Wachheit. Es steigert bei beiden Geschlechtern sämtliche sexuellen Funktionen. Ebenso stark ist die Wirkung als Appetitzügler. Und es unterdrückt alle Arten von Schmerzen. Es ist also nebenbei eine Schlaf-Aufputsch-Libido-Diät-Schmerz-Tablette. Entwickelt wurde es in erster Linie für psychiatrische Zwecke. Falls es die Zulassung bekommt, wird es ganz sicher das meistverkaufte Medikament der Welt. Kaufen Sie ja rechtzeitig Dicius-Aktien.“

„Bei welchen psychiatrischen Störungen waren Sie denn mit Donoramatin erfolgreich?“

„Das ist nicht die richtige Frage. Wir hatten bei den unterschiedlichsten Diagnosen gute Erfolge damit. Die deutlich beste Wirkung hatten wir bei Gewalttätern und bei hochgradig agitierten Patienten. Fast so gut war die Behandlung während suizidalen Episoden.“

„Und was haben Aggression, Erregung und Selbstmord mit mir zu tun?“

„Wozu wären Sie fähig, wenn Ihr Vulkan explodierte? Wenn Sie ihn nicht mehr mit Alkohol ruhig hielten?“

„Meine neue Vulkan-Therapie wird also Donoramatin heißen...“

„Und meine Autos werden gar keinen Sprit mehr brauchen“, dachte Serenus.

„Ich möchte heute mit dem Einschleichen des Wirkstoffes anfangen, wenn Sie einverstanden sind“, schloss die Ärztin.

In der Türe drehte sie sich noch einmal um. „Übrigens, ich bin jetzt definitiv die fallführende Psychiaterin für Sie. Ich trage die Verantwortung für Ihre Behandlung und für Ihre Akte. Wenn Ihr Entzug vorbei ist, werde ich den Bericht für den Übertritt schreiben. Bis später.“

Innere Leere

Am späten Nachmittag klopfte es und ein älterer Herr mit einem runden Gesicht kam herein. Er lachte schon, bevor er überhaupt zu sprechen anfing. „Wir verlassen den Mars und ich zeige Ihnen Uranus.“

Früher war Uranus ein stattliches Bauernhaus gewesen. Seit dem Umbau diente es als Zentrum für Kunsttherapie. Der Hausherr führte Serenus lachend durch die verschiedenen Disziplinen: Entspannungsraum, Tanzwerkstatt, Musiksaal, Tonstudio, Text-Bild-Büro, Theaterbühne. Als sie die Treppe ins Dach der ehemaligen Scheune hochstiegen, hielt der Mann den Zeigefinger an den Mund.

Eine Gruppe von Patienten arbeitete schweigend an großformatigen bunten Bildern. Das Atelier war taghell beleuchtet und bestand aus zwei weiß verkleideten Dachschrägen und zwei dreieckigen Fensterfronten. Serenus zählte drei große Maltische, drei Kojen mit Staffeleien und eine mit zwei Töpferscheiben. Schrankwände unterteilten eine Fläche von etwa sechshundert Quadratmetern. Der Mann öffnete eine Tür nach der anderen und zeigte ihm den Vorrat an Künstlerbedarf. „Leeres Gebinde und unbrauchbares Werkzeug legen Sie in diesen Korb, damit der Artikel ersetzt wird. Auf dieser Stundentafel sehen Sie, wann das Atelier mit Therapien belegt ist. Außerhalb dieser Zeiten steht es rund um die Uhr offen. Sie bekommen eine eigene Schublade im Planschrank für Ihre angefangenen und fertigen Arbeiten. Im anderen Planschrank finden Sie Papiere und Kartons.“ Er deutete auf die große Uhr: „Ich lasse Sie hier eine Stunde lang alleine. Anschließend bringe ich Sie zum Mars zurück.“

Er dachte: „Eine Stunde. Nicht zu wenig. Auch nicht zu viel. Aber genug.“ Er suchte sich ein Blatt Papier heraus, das schwerste und größte, das er fand. Er holte drei Flaschen Gouache – Schwarz, Ultramarin, Zitronengelb – und nahm Farbroller und Plastikbecken mit. Er grundierte die ganze Fläche, abgesehen von einem schmalen weißen Rand, dick mit Schwarz. Das Blatt begann sich zu wellen und an den Rändern einzurollen, so dass er es auf einem großen Holzbrett festpinnen musste. Er gab blaue Farbe in das Plastikbecken und griff zum groben Plüschroller. Es entstand ein feines Muster mit schwarzen und blauen Nuancen. Das sah aus wie unruhiger Nachthimmel. Beim Gipsermaterial hatte er Hühnerdraht gesehen. Er schnitt ein passendes Stück von der Rolle ab und bestrich die Maschen dick mit Farbe. Vorsichtig platzierte er das gelbe Gitter auf dem Nachthimmel, legte ein zweites Blatt und ein weiteres Holzbrett darauf. Er stieg auf den Tisch und stellte sich auf das Brett. Die Gruppe der malenden Patienten hielt inne und beobachtete ihn.

Serenus wusch in einem der Spülbecken das Werkzeug, räumte alles wieder weg und stellte das Brett mit dem Blatt auf eine freie Staffelei. Der Abdruck des Gitters war unvollständig und unregelmäßig, spannte so ein feines Netz von glitzernden Irrlichtern über die Finsternis. Er fand einen Bleistift und schrieb auf den weißen Rand: INNERE LEERE. Das Bild war noch feucht.

Der Kunsttherapeut trat neben ihn und begann wieder zu lachen: „Mein Lieber! Sie sind mir ja einer! Beeindruckend – im wahrsten Sinne des Wortes. In nur einer Stunde schaffen Sie ein ganzes Werk und das wird auch noch sehr gut. Wissen Sie, wie ‚narzisstische Abwehr‘ funktioniert? Die narzisstische Verarbeitung belastender schmerzhafter Gefühle? Glauben Sie, dass Sie mit diesem Bild Ihre innere Leere verständlich gemacht haben? Wundern Sie sich, wenn Sie von niemandem eine Antwort bekommen? Wollen Sie uns überhaupt in ein Gespräch verwickeln? Nein und nochmals nein. Sie haben uns beeindruckt und wortlos gemacht.“

Suchtverlagerung

Serenus aß sein Abendbrot auf dem Balkon und dachte dabei über Malerei und narzisstische Abwehr nach. Der kalte Fischteller war lecker. Seine Psychiaterin setzte sich zu ihm und sagte: „Guten Appetit. Lassen Sie sich nicht stören. Ich werde Ihnen heute keine Fragen stellen. Stattdessen halte ich Ihnen einen Vortrag. Sie sollen verstehen, wie wir Donoramatin verabreichen und weshalb.

Punkt 1: Es wird sehr schnell aufgenommen und im Blut verteilt. Innerhalb von nur zehn Minuten ist der maximale Spiegel erreicht. Dabei spielen Nüchternheit oder Sättigung keine Rolle. Sie können es zwischen oder mit den Mahlzeiten einnehmen.

Punkt 2: Die Dosis gelangt fast vollständig ins Blut. Sie schlucken zum Beispiel 100 Mikrogramm. Nach zehn Minuten sind 95 Mikrogramm im Blut verfügbar. Das ist schon sehr erstaunlich. Nicht einmal reiner Traubenzucker schafft das.

Punkt 3: Donoramatin wird nicht verstoffwechselt. Es wird über die Niere und mit dem Urin vollständig wieder ausgeschieden, und zwar unverändert. Man könnte es zurückgewinnen, wenn man das wollte.

Punkt 4: Mit vier Stunden ist die Halbwertszeit extrem kurz. Wenn Sie zehn Minuten vor Mitternacht 100 Mikrogramm einnehmen, dann haben Sie um vier Uhr früh noch 47,5 Mikrogramm im Blut verfügbar.“

Sie machte eine Pause. Mit prüfendem Blick versicherte sie sich, dass Serenus aufmerksam zuhörte, dann fuhr sie fort:

„Punkt 5: Es wird gleichmäßig wieder ausgeschieden. Der Blutspiegel sinkt völlig linear. Um acht Uhr morgens ist das letzte Molekül Ihrer Mitternachtsdosis auf dem Weg von der Niere in die Blase.

Punkt 6: Der Wirkstoff ist sehr potent. Wir konnten die maximale Tagesdosis in einzelnen Fällen bis auf 2000 Mikrogramm steigern, ohne dass Kreislauf und Hirnfunktionen strapaziert wurden. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass bei 2000 Mikrogramm auch die maximale Wirkung erreicht ist. Achtzig Prozent der Fälle behandeln wir mit einer Tagesdosis von 800 Mikrogramm beziehungsweise 4 mal 200 Mikrogramm. Bei dieser Dosierung steigt der Blutspiegel nie über 280 und fällt nie unter 80.

Punkt 7: Weil die Kinetik so dynamisch abläuft, müssen wir Donoramatin exakt alle sechs Stunden verabreichen. Fast alle Patienten kommen mit sechs Stunden Schlaf aus. Wir empfehlen, die erste Dosis kurz vor dem Einschlafen zu nehmen. Danach richtet sich der restliche Fahrplan, also zum Beispiel um 6, 12, 18 und 24 Uhr.“

Erneut überprüfte sie, ob er ihr noch aufmerksam folgte, dann setzte sie zum Finale an:

„Punkt 8: Donoramatin wirkt wie eine Droge. Nach der Einnahme erleben Sie einen Flash, der bis zu einer halben Stunde anhält. Er fühlt sich etwa so an wie die Wirkung von zwei Gläsern Champagner. Nach sechs Stunden spüren Sie das Ende der Wirkung und Sie bekommen schlechte Laune. Andere Entzugssymptome traten nicht auf, auch kein Verlangen nach Steigerung der Dosis oder häufigerer Einnahme.

Punkt 9: Man kann das Medikament nicht einfach absetzen, sondern man muss es über mehrere Wochen ausschleichen.

Punkt 10: Wir haben bei Ihnen mit 4 mal 50 Mikrogramm angefangen. Alle zwei Tage erhöhen wir diese Dosis um 4 mal 50 Mikrogramm. Am Freitagabend bekommen Sie den Tranquilizer zum letzten Mal, denn ab Samstag setzt die Wirkung ein. Ab Montag bekommen Sie 4 mal 200 Mikrogramm. Also sind Sie ab nächster Woche eingestellt, wenn nichts dazwischenkommt.“

Mit einem letzten Blick auf ihre Notizen beendete sie ihren Vortrag und sah Serenus erwartungsvoll an.

Nach einer Weile erklärte Serenus: „Wenn das funktioniert, wenn eine Suchtverlagerung auf eine Droge möglich ist, die nicht abhängig macht, dann ist das schlicht genial.“

„Es funktioniert nur dann, wenn die Droge auf Ihre Nerven und Ihre Seele eine ähnliche, vielleicht bessere Wirkung hat als der Alkohol. Ich gehe davon aus und rechne damit, dass Sie schon nach einer Woche auf die Psychotherapiestation wechseln können. Aber darüber sprechen wir ein andermal. Mögen Sie Ihren Nachtisch nicht? Oder heben Sie ihn sich für später auf?“

Code F60.32

Er saß vor seinem Notebook und überprüfte das Geschriebene. Kaum war die Psychiaterin verschwunden, hatte er begonnen, die zehn Punkte ihres Vortrags festzuhalten. Denn am anderen Morgen würde er nur noch eine ungefähre Ahnung davon haben. Neun Uhr war vorbei, als es klopfte. Das musste der Oberarzt vom Mars sein, der sich gestern nur schnell entschuldigt hatte. Wahrscheinlich fand er ausschließlich nachts die Muße für ein richtiges Gespräch.

„Ich bin heute als Bereitschaftsarzt im Dienst. Im Moment ist alles ruhig. Aber es kann sein, dass ich gerufen werde. Wenn nichts vorfällt, werde ich die ganze Nacht mit den insomnen Patienten reden. Ich bin nämlich Dr. Schlaflos. Das ist mein Spitzname. Erzählen Sie mir doch, was Sie in den ersten 36 Stunden bei uns alles erlebt haben!“