Ahasvers Wanderung - Hermann Selchow - E-Book

Ahasvers Wanderung E-Book

Hermann Selchow

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Beschreibung

„Du wirst gehen.“ Mit diesem schlichten Satz beginnt in "Ahasvers Wanderung" eine Reise, die nicht nur durch Länder führt, sondern durch Jahrhunderte und durch die unbequemen Fragen, denen man normalerweise ausweicht. In Jerusalem, zwischen römischer Besatzung und religiöser Ordnung, klammert sich der Schuster Ahasver an Regeln, weil Ordnung für ihn das einzige Gegengift gegen das Chaos ist. Doch als er einem Verurteilten Wasser verweigert, wird aus seiner Sicherheit ein Urteil und aus einem Menschen ein Wanderer, der nie ankommt. Was folgt, ist ein atmosphärischer Epochenroman voller intensiver Szenen: Ahasver wird in neue Zeiten „geworfen“, erlebt, wie „Ordnung“ plötzlich Uniform trägt, wie Glauben zum Schlachtruf wird, wie Fortschritt nach Ruß schmeckt und wie moderne Kampagnen mit Frames, Bildern und Schuld arbeiten, um Menschen zu lenken. Dabei wird klar: Das eigentliche Thema ist nicht das Gehen, sondern das Sehen. Und die Frage, die alles durchzieht: "Was macht meine Gewissheit mit dem anderen?" Hermann Selchow, bereits bekannt für seine nuancierten philosophischen Texte, erzählt "Ahasvers Wanderung" mit klarer, eindringlicher Sprache und einem Blick für die moralischen Risse hinter großen Ideen. Aus den Stationen einer scheinbar endlosen Reise entsteht ein Roman über Angst und Zugehörigkeit, über Ideologie und Verantwortung und über die unscheinbaren Entscheidungen, an denen sich Menschlichkeit oft zeigt: ob man stehen bleibt, ob man hinsieht, ob man einem anderen Wasser reicht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ahasvers Wanderung

Erzählung

© 2026 Hermann Selchow

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Ahasvers Wanderung

Erzählung

Inhaltsverzeichnis:

Kapitel 1

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Kapitel 2

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Kapitel 3

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Kapitel 4

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Kapitel 5

Szene 1

Szene 2

Szene 3

Kapitel 1

Szene 1

Es gibt Tage, an denen Jerusalem klingt, als würde es sich selbst festnageln: das Klacken der Sandalen auf Stein, das Rufen der Händler, das gleichmäßige Schnauben der Tiere. An solchen Tagen atmet die Stadt in einem Rhythmus, den man kennt. Und alles, was man kennt, kann man aushalten. Ich habe mir angewöhnt, auf Rhythmen zu achten.

In meiner Werkstatt ist jeder Gegenstand dort, wo er hingehört. Nicht aus Eitelkeit. Aus Notwendigkeit. Ordnung ist kein hübsches Tuch über dem Alltag, Ordnung ist das Holzgerüst darunter. Ohne sie bricht alles ein.

Die Römer verstehen das. Man muss sie nicht lieben, um das zu sehen. Ihre Regeln sind hart, ihre Strafen härter, aber sie sind berechenbar. Und Berechenbarkeit ist das Einzige, was zwischen uns und dem Abgrund steht, den man Chaos nennt. Gottes Gesetz ist älter, tiefer, es geht nicht nur um Steuern und Wege, sondern um die Welt selbst: was rein ist, was unrein, was trägt, was verdirbt.

Ich halte mich daran, weil ich weiß, was passiert, wenn man anfängt, Ausnahmen zu machen.

Leder ist geduldig. Es nimmt den Abdruck des Fußes an, egal ob der Fuß ein Römer ist oder ein Jude, egal ob er gewaschen oder voller Staub ist. Aber der Mensch ist nicht geduldig. Der Mensch sucht Schlupflöcher, weil er glaubt, er sei größer als das, was ihn hält.

Ich zog den Faden durch die vorgestochenen Löcher, zog fest, bis die Kanten sich fanden. Eine saubere Naht ist eine kleine Entscheidung gegen das Auseinanderfallen.

Im Türrahmen stand Ruben, der Krämer, und rieb sich mit zwei Fingern die Nase, als könnte er damit den Geruch der Straße aus seinem Kopf wischen. Draußen hing schon am Vormittag diese Mischung aus warmem Stein, Dreck und süßem Obst, das zu lange in der Sonne gelegen hat.

„Ahasver“, sagte er, und ich hörte, dass er nicht wegen einer neuen Sohle gekommen war.

„Ruben.“

Er trat nicht gleich ein. Er blieb an der Schwelle stehen, da, wo man schnell wieder weg kann, wenn die Worte nicht gut laufen.

„Du hast gestern meinen Jungen zurechtgewiesen“, begann er.

„Ich habe ihn erinnert.“

Ruben verzog den Mund. „Er sagt, du redest, als stündest du neben Gott und den Römern zugleich.“

Meine Hände arbeiteten weiter. Ich ließ mir Zeit, weil Hast die Mutter falscher Stiche ist. „Wenn man zwischen beiden lebt, sollte man beide hören.“

„Er ist jung“, murmelte Ruben, und in seiner Stimme lag dieses nachsichtige Weiche, das ich nie verstand. „Er will… Luft.“

Luft. Ein Wort, das Menschen benutzen, wenn sie keine Grenze wollen. „Zu viel Luft lässt Feuer wachsen“, sagte ich. „Und Feuer frisst zuerst das, was am leichtesten brennt.“

Ruben wollte widersprechen, doch in dem Moment schob sich ein anderer Schatten in den Türrahmen.

Ein Junge, nicht aus unserem Viertel. Das sah man an der Art, wie er sich bewegte: nicht vorsichtig, nicht mit dem Blick nach unten, wie man es lernt, wenn man weiß, dass die Welt einen jederzeit anhalten kann. Er kam herein, als wäre ihm der Raum versprochen worden.

„Du bist Ahasver“, sagte er. Kein Gruß. Kein Respekt. Nur Feststellung, als prüfte er eine Ware.

„Man nennt mich so.“

Sein Blick glitt über das Werkzeug, blieb an der Ahle hängen, am Messer, am Pech. An Dingen, die trennen, verbinden, halten. Dann sah er auf die Sandalen, die auf der Bank lagen, fertig und ordentlich, wie Soldaten vor der Inspektion.

„Ich brauche neue Schuhe“, sagte er. „Aber nicht so. Nicht so schwer. Nicht so… fest.“

Das Wort „fest“ sprach er aus, als wäre es eine Beleidigung.

Ich spürte, wie sich in mir etwas zusammenzog. Nicht Wut zuerst. Eher dieses scharfe Misstrauen, das sich meldet, wenn jemand am Rand eines Abgrunds tanzt und so tut, als wäre es ein Spiel.

„Fest ist gut“, sagte ich. „Fest bedeutet: du fällst nicht.“

Er lächelte. Es war ein Lächeln ohne Scham. „Vielleicht will ich ja fallen.“

Ruben stieß hörbar die Luft aus, als hätte der Satz ihn getroffen. Ich aber hörte dahinter etwas anderes: dieses neue, gefährliche Denken, das sich in der Stadt ausbreitet wie Unkraut in einer Mauerfuge. Erst sind es nur kleine grüne Spitzen. Dann bricht der Stein.

„Du willst fallen“, wiederholte ich, ruhig. „Dann sei wenigstens ehrlich und sag: Du willst, dass andere mitfallen. Denn so ist es immer. Einer lockert die Schnur, der Nächste löst den Knoten, und am Ende wundert man sich, dass nichts mehr hält.“

„Du tust ja gerade so“, sagte der Junge, „als wäre jeder Schritt eine Sünde.“

„Jeder Schritt hat Folgen.“

Er trat näher, und ich roch ein fremdes Öl, süß, aufdringlich. Ein Geruch, der nicht nach Arbeit roch, sondern nach Bedeutung. Er beugte sich über die Bank, als gehörte sie ihm.

„Ich will Sandalen, die mich nicht verraten“, sagte er.

„Verraten?“ Ich hob den Blick. „Wem?“

Er zögerte einen Herzschlag lang. Da war ein kleines Flackern in seinen Augen, etwas wie Angst, die schnell eine Maske bekommt. „Den Falschen.“

Da war es wieder: dieses Spiel mit den Kategorien, als könne man selbst entscheiden, wer falsch ist und wer richtig. Als gäbe es keine Ordnung, nur Launen.

„Wenn du fürchtest, erkannt zu werden“, sagte ich, „dann machst du etwas, das nicht gesehen werden will. Und was nicht gesehen werden will, hat selten einen guten Grund.“

Sein Kiefer spannte sich. „Du klingst wie ein Römer.“

„Die Römer haben Regeln“, sagte ich. „Und Gott hat Regeln. Regeln bedeuten: morgen ist nicht völlig anders als heute. Regeln bedeuten: man kann arbeiten, sparen, ein Haus bauen, Kinder großziehen. Ohne Regeln ist alles nur…“ Ich suchte nach dem Wort und fand das, vor dem ich seit Jahren die Hände sauber halte: „…ein Unfall.“

Er lachte kurz, aber es war kein Lachen. „Du hast Angst.“

Das traf näher, als ich es ihm gönnen wollte. Nicht, weil es unwahr war, sondern weil er es so leicht aussprach. Als wäre Angst etwas, das man einem Mann wie mir einfach hinwerfen darf.

Ich zog den Faden fest, bis das Leder knirschte. „Angst ist ein Werkzeug“, sagte ich. „Sie erinnert dich daran, dass du sterblich bist. Dass deine Welt zerbrechlich ist. Ein kluger Mensch benutzt sie, statt sie zu verspielen.“

„Und ein feiger Mensch nennt es klug“, zischte er.

Ruben machte eine Bewegung, halb nach vorn, halb zurück, als wüsste er nicht, ob er mich schützen oder den Jungen hinausdrängen sollte. Genau das ist Chaos: wenn selbst gute Leute nicht mehr wissen, wo sie stehen.

Draußen kam plötzlich ein anderes Geräusch über die Straße gerollt, wie ein Schwarm, der die Richtung wechselt. Stimmen. Viele. Dicht. Nicht das Marktrufen, nicht das übliche Streiten, sondern etwas, das nach Zug klang, nach Bewegung, nach Menge, die sich selbst anheizt.

Der Junge erstarrte einen Moment, drehte den Kopf zur Gasse. Sein Gesicht verlor die Überheblichkeit, wurde für einen Atemzug nackt.

„Sie kommen“, murmelte Ruben.

„Wer?“

Ruben antwortete nicht sofort, als würde er den Namen nicht in meiner Werkstatt haben wollen. Dann sagte er ihn doch, hastig, leise: „Ein Prediger. Einer, dem die Leute hinterherlaufen.“

„Leute laufen immer“, sagte ich. „Wenn einer laut genug ist.“

Aber der Lärm war anders. Er hatte diesen Sog, den eine Masse entwickelt, wenn sie glaubt, sie müsse etwas sehen, etwas erleben, etwas bezeugen, um später sagen zu können: Ich war dabei.

Und dabei zu sein ist gefährlich. Dabei verlieren Menschen die eigene Hand am eigenen Arm.

Der Junge wich zurück, beinahe unauffällig. Er sah mich noch einmal an, als wolle er etwas sagen, etwas, das vielleicht nicht nur Trotz ist. Doch dann presste er die Lippen zusammen.

„Mach meine Sandalen nicht“, sagte er leise. „Du würdest sie so schnüren, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin.“

„Vielleicht“, erwiderte ich, „weißt du es dann zum ersten Mal.“

Er war draußen, verschluckt von der Gasse, von dem anwachsenden Geräusch, von den Körpern, die wie Wasser an Steinen vorbeiströmen.

Ruben blieb im Türrahmen stehen. Sein Blick war glasig geworden, als sähe er schon vor sich, wie Dinge aus den Fugen geraten.

„Bleib drin“, sagte er. „Wenn die Menge einmal läuft, tritt sie alles nieder. Dann ist egal, wer du bist.“

Ich sah auf meine Werkbank. Auf die Naht. Auf das Leder, das fest zusammenhielt, was getrennt gewesen war. Ich dachte an das, was ich besaß: die Werkstatt, den Ruf, die Gewissheit, dass ich durch Regel und Fleiß einen Platz in dieser Welt hatte. Ich dachte an das, was ich verlieren konnte, wenn die Menschen anfingen, sich über Gesetze zu erheben – Gottes wie römische.

Chaos bedeutet nicht nur Lärm. Chaos bedeutet: Der Boden unter deinen Füßen ist plötzlich kein Boden mehr.

„Wer sich an die Ordnung hält“, sagte ich, und ich merkte, wie sehr ich an jedem Wort zog wie an einem Faden, „hat nichts zu fürchten.“

Draußen schwoll das Geräusch an und kam näher, als hätte die Stadt selbst beschlossen, heute ein Chaos zu begründen.

Szene 2

Jerusalem hat verschiedene Arten von Lärm. Den Lärm des Marktes, der nach Münzen klingt. Den Lärm der Kinder, der nach Zukunft klingt. Und den Lärm der Soldaten, der nach Ende klingt.

An diesem Tag kam der Soldatenlärm wie eine Klinge um die Ecke. Erst das metallische Klirren, dann die harten Tritte, gleichmäßig, als hätten die Füße nichts mit Menschen zu tun. Ein Ruf auf Latein, kurz, abgehackt. Danach das Gemurmel der Menge, dieses hungrige Summen, das entsteht, wenn viele sich gegenseitig bestätigen: Es passiert etwas. Es passiert jetzt. Und wir wollen nicht die sein, die es verpassen.

Die Werkstatt war noch offen. Zu früh, um zu schließen, zu spät, um so zu tun, als sei die Straße nur Straße.

Ruben war nicht mehr da. Vielleicht hatte er sich weggewunden, bevor das Unheil einen Namen bekam. Die, die schnell sind, nennen es Klugheit.

Der Schatten der Menge füllte die Gasse. Köpfe, Schultern, Hände, die nach oben zeigten, als ließe sich das Geschehen mit einem Finger festhalten. Zwischen den Körpern schoben sich Römer, Keile aus Rüstung. Der Geruch änderte sich. Weniger Obst, weniger Gewürz, mehr Angst, mehr Schweiß, mehr Eisen.

Und dann – in der Mitte, nicht stolz, nicht aufrecht, eher wie etwas, das man aus der Ordnung gestoßen hat – kam der Mann.

Kein König. Kein Held. Ein Körper unter zu viel Holz. Ein Gesicht, das nicht mehr nach Gesicht aussah, weil Blut und Staub ihm andere Linien gegeben hatten. Die Dornen – man sah sie nicht als Krone, man sah sie als Spott. Die Art, wie ein Mensch einem anderen sagt: Wir machen dich klein, bis du in unsere Welt passt.

Ein Soldat stieß ihn mit dem Speerknauf vorwärts, nicht brutal, eher gelangweilt. Genauso tritt man ein Tier, das nicht mehr ziehen will.

Die Menge teilte sich an meiner Tür, als wäre sie Wasser um einen Stein. Für einen Moment war da eine Lücke, und die Lücke blickte mich an.

Seine Augen hoben sich. Nicht flehend. Nicht dramatisch. Eher, als würde er mich prüfen.

„Wasser“, sagte er heiser. Das Wort war kaum ein Wort, mehr eine Spur. „Nur… Wasser.“

Ein Teil von mir wollte automatisch nicken. Nicht aus Mitleid, dieses Wort tat ich mir selten an, sondern aus Reflex: einem Durstigen gibt man Wasser. So einfach ist das. So ist die Welt gemacht, wenn man sie nicht mutwillig verdreht.

Der andere Teil, der größere, der geübtere, sah sofort die Folgen, wie sie sich ausbreiten: Ein Schritt über die Schwelle, ein Tropfen in den Mund, und schon steht meine Tür nicht mehr nur mir, sondern der Menge offen. Dann kommt der Nächste. Dann kommen Fragen. Dann kommen die Römer. Dann kommt das Gerede. Und Gerede ist wie Staub: Es legt sich überall ab, frisst sich in Holz und Stoff, und selbst wenn man schrubbt, bleibt ein Schatten.

„Weiter“, sagte ich, ohne die Stimme zu heben.

Der Mann blinzelte, als hätte er nicht verstanden. Vielleicht hatte er das Wort „weiter“ zu oft gehört, vielleicht war es für ihn längst zu einem einzigen Geräusch geworden, wie Regen an einem Dach.

„Nur einen Moment“, brachte er hervor. „Ein Schluck.“

Hinter ihm bellte ein Soldat etwas, lachte kurz. Die Menge rückte nach, drängte. Ein Kind weinte. Irgendwo schrie eine Frau seinen Namen, oder den Namen eines anderen, das war nicht mehr zu unterscheiden.

Die Ordnung, die sonst in den Gassen lag wie eine gespannte Schnur, war an diesem Punkt dünn geworden.

„Wenn du Wasser willst“, sagte ich, und mein Ton klang plötzlich wie in der Werkstatt, wenn jemand um einen Preis feilscht, „dann frag bei denen, die dich führen.“

Er sah über die Schulter, als müsste er sich erinnern, wer ihn führt. Dann wieder zu mir. In seinen Augen war etwas, das mich ärgerte, weil es nicht passte: Ruhe. Keine Unterwerfung, keine Auflehnung. Ruhe.

„Du hast eine Tür“, sagte er. „Eine Hand. Ein Gefäß.“

Die Worte waren schlicht, fast naiv. Und gerade diese Schlichtheit war wie ein Stein gegen Glas: Sie ließ keine Ausflucht.

„Eine Tür ist keine Einladung“, fauchte es aus mir heraus, schneller als gedacht. „Und meine Hand ist nicht für Ketzer bestimmt.“

Das Wort „Ketzer“ schmeckte nach Schutz. Es schob ihn auf die andere Seite einer Grenze, auf die Seite, wo man keine Verpflichtung mehr hat, weil man sich einredet, die Pflicht würde unrein werden.

Ein Murmeln ging durch die Leute in der Nähe. Manche nickten, als hätten sie darauf gewartet, dass jemand das Richtige sagt. Andere verzogen das Gesicht, als hätte ich eine Nuance verletzt, die sie heimlich mochten: das Spektakel darf grausam sein, aber bitte nicht zu nah.

Der Mann senkte den Blick kurz, als würde er die Schwelle sehen, nicht als Holz, sondern als Grenze. Dann hob er ihn wieder.

„Du fürchtest dich“, sagte er.

Das traf mich härter als jeder Fluch. Nicht, weil es neu gewesen wäre, sondern weil er es so aussprach, als sei Angst kein Makel, sondern eine Tatsache, die man anerkennen kann wie Hunger.

„Ich fürchte mich nicht“, sagte ich. Die Menge war auf einmal sehr still in meinem Kopf, als hätte jemand die Welt angehalten.

„Doch“, sagte er. „Du fürchtest, dass alles, woran du dich hältst, zerbricht.“

Die Römer hinter ihm schoben. Ein Riemen knarrte. Holz schabte über Stein. Sein Körper schwankte, fing sich, als hielte ihn etwas, das nicht Holz war.

„Was ich halte“, stieß ich hervor, „hält mich. Gottes Gesetz. Die Ordnung. Selbst die Römer, so verhasst sie sind, halten die Stadt zusammen. Ohne sie gäbe es nur…“

Der Satz blieb hängen, weil das Wort, das ich dachte, so groß ist, dass es einem den Mund austrocknet: Untergang.

„Ohne sie gäbe es Freiheit“, sagte eine Stimme aus der Menge spöttisch.

Lachen. Kurzes, gefährliches Lachen. Freiheit ist ein Wort, das jeder mag, bis er merkt, dass es auch bedeutet, dass niemand seine Tür schützt.

Der Mann atmete schwer. Er stand zu nah. Seine Nähe roch nach Blut und Staub und diesem metallischen Etwas, das man im Mund hat, wenn man sich geschnitten hat.

„Gesetz“, murmelte er, und es klang nicht wie Verachtung, eher wie Trauer. „Du machst aus dem Gesetz einen Stock. Aber es war nie dafür gemacht, Menschen zu schlagen.“

„Du weißt nichts“, zischte ich. „Du bringst nur Unruhe. Du redest von einem Reich, das keiner sieht, und die Menschen verlieren den Boden. Sie folgen Worten, weil Worte leichter sind als Arbeit.“

Ein Soldat stieß ihn erneut. Er knickte ein, ein Knie auf Stein. Die Dornen ruckten. Ein Laut, nicht Schmerz, eher der Laut eines Körpers, der nicht mehr weiß, wohin mit sich.

Für einen Moment war da etwas in mir, das den Schritt nach vorn machen wollte. Nicht heroisch. Nicht groß. Nur ein Schritt. Ein Becher. Ein Schluck.

Dann sah ich, wie ein Römer den Blick hob und über die Menge hinweg meine Tür fixierte, als würde er sie sich merken. Die Römer merkten sich Türen. Sie merkten sich Gesichter. Und wer einmal im Gedächtnis der Römer stand, stand selten aus guten Gründen darin.

Die Hand blieb am Türpfosten, als müsste sie sich festhalten.

„Steh auf“, sagte ich hart. „Und geh. Mach deinen Aufruhr woanders. Nicht vor meiner Schwelle.“

Der Mann hob den Kopf. Blut lief an seiner Schläfe entlang, langsam, als hätte es Zeit.

„Deine Schwelle“, wiederholte er leise, fast staunend. „Als könntest du sie besitzen.“

Das war es. Das war der Punkt, an dem seine Ruhe zur Provokation wurde. Wer so spricht, tut so, als seien Besitz, Arbeit, Regel, Grenzen nur Illusionen. Als sei alles austauschbar. Als müsse man nichts schützen, weil am Ende irgendeine höhere Hand schon alles richten werde.

„Geh“, sagte ich. „Weiter.“

Der Soldat lachte, zufrieden, als hätte ich ihm eine Arbeit abgenommen. Er zog den Mann am Arm hoch, riss ihn vorwärts. Das Kreuz schwankte, klatschte gegen Rücken, gegen Schulter. Holz auf Fleisch. Welt auf Mensch.

Die Menge setzte sich wieder in Bewegung, wie ein Tier, das kurz gezögert hat und dann doch seinem Instinkt folgt. Köpfe schoben sich vor meine Tür, vorbei an mir, als wäre ich Luft.

Nur seine Augen blieben noch einen Herzschlag lang bei mir.

Kein Hass darin. Keine Bitte. Nur dieses unverschämte, klare Wissen: Du hast gewählt.

Als er fortgerissen wurde, blieb die Gasse nicht leer. Staub hing in der Luft. Ein paar Frauen tuschelten. Ein Mann spuckte, als könne er damit das Geschehene aus seinem Mund bekommen. Ein Kind starrte mich an, offen, unbefangen.

Die Hand am Türpfosten zitterte. Nicht sichtbar. Aber sie zitterte.

In der Werkstatt roch es plötzlich anders, obwohl nichts anders war: Leder, Pech, warmes Holz. Alles an seinem Platz. Und doch fühlte sich die Ordnung an, als hätte jemand einen feinen Riss hinein gekratzt. So dünn, dass man ihn übersehen kann, wenn man will, und so wirklich, dass er weiterläuft, selbst wenn man wegschaut.

Draußen wurde der Lärm kleiner, aber nicht leichter. Er zog weiter, Richtung Stadtmauer, Richtung Hinrichtungsplatz.

Und mit jedem Schritt, den die Menge tat, war da eine Ahnung, die sich nicht mehr zurück in die Fugen drücken ließ: Dass es Dinge gibt, die man nicht mit Regeln festnageln kann. Dass es Worte gibt, die sich in einen setzen, ohne zu fragen, ob man Platz hat.

„Du fürchtest dich“, hatte er gesagt.

Szene 3

Staub ist das Gedächtnis einer Menge. Er legt sich auf Wimpern, auf Zungen, in die Falten der Kleidung, und später, wenn alles vorbei ist, findet man ihn wieder in den Falten der eigenen Hände, als hätte man das Geschehen selbst geformt.

Die Gasse vor meiner Werkstatt leerte sich langsam, aber nicht ordentlich. Menschen lösten sich nicht auf wie Rauch, sie blieben in kleinen Gruppen stehen, redeten, deuteten, wiederholten Sätze, die sie selbst nicht verstanden. Einige schauten noch einmal zu meiner Tür, als sei dort etwas geschehen, das man bewerten müsse. Ein Mann spuckte auf den Stein, halb aus Ekel, halb aus Erleichterung. Eine Frau zog ihr Kind näher zu sich, so, als könnte sie es vor Blicken schützen.