Alex, Martha und die Reise ins Verbotene Land - Ross Montgomery - E-Book

Alex, Martha und die Reise ins Verbotene Land E-Book

Ross Montgomery

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Beschreibung

Seit Jahrhunderten versuchen Menschen herauszufinden, was im Zentrum des Verbotenen Landes liegt. Bisher sind alle Expeditionen gescheitert. Doch nun kommt Alex! Eigentlich ist Alex nicht der Typ für Abenteuer. Doch als sein Vater untertaucht, gerät sein Leben aus den Fugen. Plötzlich sind der böse Davidus Kyte und seine Handlanger hinter ihm her, denn Davidus hat den Verdacht, dass Alex und sein Vater heimlich eine neue Expedition vorbereiten. Es beginnt eine völlig verrückte Verfolgungsjagd. Nur gut, dass Alex nicht allein ist: Martha mit den falschen Zähnen und der Hund mit der Augenklappe, mit denen ihn eine tiefe Freundschaft verbindet, sind auf seiner Seite.

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Seitenzahl: 330

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Seit Jahrhunderten versuchen die Menschen herauszufinden, was im Zentrum des Verbotenen Landes liegt. Bisher sind alle Expeditionen gescheitert. Doch nun kommt Alex!

ROSS MONTGOMERY

ALEX, MARTHA

UND DIE REISE INS

VERBOTENE LAND

Aus dem Englischen

von André Mumot

Carl Hanser Verlag

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel

Alex, the dog and the unopenable door

bei Faber and Faber Limited, London.

ISBN 978-3-446-25033-8

© Text Ross Montgomery 2013

Alle Rechte der deutschen Ausgabe:

© Carl Hanser Verlag München 2015

© Innenillustrationen S. 6–13: Marc Ecob 2013

Umschlag: Eva Schöffmann-Davidov, Augsburg

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Wangen im Allgäu

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

www.hanser-literaturverlage.de

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Für meine Familie:

Was gibt es noch zu sagen, angesichts von

sechsundzwanzig Jahren Liebe, Unterstützung,

Rat und Verständnis (bis jetzt).

Danke.

PROLOG

CLOISTERS-INTERNAT FÜR JUNGEN

Jährlicher Aufsatzwettbewerb

THEMA: Ein bedeutender Tag in der Geschichte des Streifens (Maximal 200 Wörter)

NAME: Alex Jennings

ALTER: 12 (fast)

Das 1000-jährige Jubiläum des Ordens vom Schwerte und der Fackel war ein ganz besonders bedeutender Tag unserer Geschichte. In der Geschichte sind viele Tage aus vielen verschiedenen Gründen bedeutend. Manche wegen großer Taten, die an diesen historischen Tagen vollbracht wurden. Aber der Tag des 1000-jährigen Jubiläums des Ordens vom Schwerte und der Fackel war besonders bedeutend. Es war der Tag, an dem der größte Hund der Welt und der kleinste Hund der Welt sich endlich begegnet sind. Und das geschah im Großen Expeditionszentrum, das seinen Sitz bekanntlich im Grenzstreifen hat, den man allgemein »den Streifen« nennt.

Der größte Hund der Welt war eine Deutsche Dogge namens Gibson. Sie war 107 cm groß, was 42 Zoll entspricht und damit so groß ist wie ein 42-Zoll-Fernsehbildschirm. Deutsche Doggen sind wirklich riesig. Einmal habe ich eine gesehen, auf der ich hätte reiten können wie auf einem Pferd – kein Witz.

Der kleinste Hund der Welt war ein Chihuahua-Schoßhündchen namens Boo-Boo, und im Gegensatz zu Gibson war er nur 10,16 cm groß. Ich nehme an, dass er in Gibsons Kopf hineingepasst hätte, auch wenn ich nicht glaube, dass das praktisch möglich wäre. Mathe ist nicht meine Stärke.

Hier ist eine künstlerische Interpretation jenes schicksalhaften Ereignisses:

Diese ruhmreiche Begegnung fand während der Feierlichkeiten am Gründungstag des Ordens statt. Damals verließen seine Mitglieder erstmals den Streifen, um die Gegenden hinter der unsichtbaren Grenze zu erkunden, die das Verbotene Land umgibt. Sie schworen feierlich, dass keiner von ihnen jemals ruhen würde, bis sie die Geheimnisse im Zentrum der unerforschten Region entdeckt hätten und als Helden in den Streifen zurückkehren würden.

Dass diese beiden feinen Vertreter ihrer Rasse im Streifen zusammengebracht wurden, sollte symbolisieren, dass Hunde irgendwie die Grenze überqueren und durch das Verbotene Land laufen können, ohne dass sie von irgendetwas hinausgedrängt werden.

Niemand weiß, warum das so ist, und die Hunde können wir nicht fragen (siehe mein Argument von eben). Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich glaube, dass dies ein bedeutender Tag in der Geschichte gewesen ist.

Der Grund, weshalb ich glaube, dass dies ein bedeutender Tag in der Geschichte gewesen ist, ist der folgende: Manche Leute finden Katzen besser als Hunde. Ich hab dazu keine Meinung, aber wenn man ernsthaft Katzen besser findet als Hunde, dann stimmt doch wohl irgendwas nicht mit einem.

Erlauben Sie mir noch ein weiteres Argument. Es gibt 73 verschiedene Katzenrassen, Britische Kurzhaar, Siamkatzen usw. usw. usw., auch wenn manche Leute behaupten, es seien über 80. Ganz ehrlich kümmert mich das nicht die Bohne. Stellt man Katzen in eine Reihe, sehen sie alle so aus:

Ganz genau: eine wie die andere. Das Fell ist unterschiedlich, manche haben längere Haare und vielleicht etwas größere oder kleinere Ohren, aber das war’s dann auch – sie sehen immer noch aus wie Katzen. Dazu muss man wissen, dass die Familienbezeichnung aller Hauskatzen ›Felis Catus‹ ist. Sie stammen also alle aus derselben Familie, und damit leuchtet auch ein, warum sie alle ziemlich gleich aussehen. Man kann ja nichts dagegen machen, dass man aussieht wie der Rest der Familie, selbst wenn man das nicht will. Alle sagen zum Beispiel, ich sehe aus wie mein Dad.

Aber Hunde gehören auch alle zur selben Familie, Canis Lupus Familiaris. Schlagen Sie’s nach, wenn Sie mir nicht glauben. Der Hundezüchterverband sagt, es gebe über 150 verschiedene Rassen. Aber da liegt ja wohl eine Missunterschätzung vor, weil die ganzen Promenadenmischungen nicht mit einberechnet werden. Manche Leute (mich eingeschlossen) glauben übrigens, dass sie viel toller sind als ihre reinrassigen Brüder.

Aber sehen Hunde alle gleich aus? Von wegen. Gibson und Boo-Boo sehen sich kein Stück ähnlich. Und sie sind nicht die Einzigen – bitte beachten Sie folgende Aufstellung:

Der Bobtail, der Dackel, der English Pointer und der Pudel, um nur vier Beispiele zu nennen, sehen alle vollkommen unterschiedlich aus. Und das, obwohl sie alle zur selben Familie gehören. Es könnten fast vollkommen verschiedene Tiere sein. Und ich weiß ja nicht, wie’s Ihnen geht, aber ich finde, das ist nicht ohne.

Und damit komme ich zum springenden Punkt. Als die große Deutsche Dogge Gibson an jenem schicksalhaften Tag im Streifen endlich auf das Chihuahua-Schoßhündchen Boo-Boo traf und sie beide erkannten, wie unterschiedlich sie waren – wussten sie da, dass der andere ebenfalls ein Hund war, wie sie selbst? Oder glaubten sie, der andere wäre ein ganz anderes Tier? Eine vielleicht noch wichtigere Frage lautet: Wenn Hunde uns anschauen, sehen sie uns dann als Menschen oder als eine andere Art von Hund?

Lange Rede, kurzer Sinn: Dies ist der Grund, warum das 1000-jährige Jubiläum des Ordens vom Schwerte und der Fackel wirklich ein bedeutsamer Tag in unserer Geschichte gewesen ist.

WÖRTER: 777

NOTE: 6

KOMMENTAR:

Alex, das Wort »Missunterschätzung« gibt es nicht.

Und zum letzten Mal: Es war nicht deine Aufgabe, Illustrationen beizufügen.

Mrs Beaumont

TEIL EINS

DIE

RANDGEBIETE

1

Die Morgensonne schien auf das Cloisters-Internat für Jungen. Sie strengte sich dabei an, wie sie nur konnte, doch es nützte nichts. Kein noch so warmes Sonnenlicht konnte über die Kälte hinwegtäuschen, die an den schwarzen Backsteinen haftete wie uralte Gewänder. Die Sonne hätte ebenso gut auf einen Grabstein scheinen können.

Vom Eingangstor aus betrachtet, hinterließ das Gebäude bei Neuankömmlingen nicht gerade den besten Eindruck. Das Erste, was sie von hier aus zu Gesicht bekamen, war natürlich das schmiedeeiserne Tor selbst, das völlig verrostet war. Nur die Tafel an den Gitterstäben wurde heutzutage noch geputzt, und die darauf eingravierten Worte schimmerten hell im Sonnenlicht:

***CLOISTERS***

INTERNAT FÜR JUNGEN

Erbaut von den hoch verehrten Mitgliedern

Des Ordens vom Schwerte und der Fackel

In dessen glorreichem 500. Jahr

Um die Jugend zu erziehen und vorzubereiten

Auf ihre heilige Verantwortung:

Über den Streifen hinauszugehen

Und schließlich

Den Sieg zu erringen über

Das Verbotene Land

Die Tafel erinnerte schmerzlich daran, wie viele Jahre vergangen waren, seit die Schule errichtet worden war. Damals waren die Randgebiete noch dicht mit Städten und Dörfern besiedelt gewesen, doch sie waren schon vor langer Zeit verlassen worden. Abgesehen von den Stacheldrahtzäunen am Horizont, hinter denen die geheime Welt des Grenzstreifens verborgen lag und die äußersten Bereiche des Verbotenen Landes begannen, stellte die Schule inzwischen meilenweit das einzige Lebenszeichen dar.

Man konnte leicht verstehen, warum Besuchern vor dem schmiedeeisernen Tor der Gedanke kam, dass auch das schwarze baufällige Gebäude schon vor langer Zeit verlassen worden war. Da ringsherum nichts außer kargen Feldern zu sehen war, blieb den Besuchern allerdings gar nichts anderes übrig, als auf das große Eingangsportal zu starren, das am Fuße des höchsten Turms lag. Es war ein erbärmlicher Anblick. Ganz gleich wie oft man vor dem Turm stand, jedes Mal kam es einem so vor, als würde er jeden Moment über einem zusammenkrachen.

Matthew ging es nicht anders. Da war es auch nicht gerade hilfreich für seine Stimmung, dass er an seinem ersten Tag an der Schule eine Stunde zu spät kam und dass er bis auf die Haut von altem Brachwasser durchnässt war. Und es war ganz gewiss nicht hilfreich, dass er ein Sakko trug, das zwei Nummern zu groß für ihn war.

Oder dass er heute seinen ersten Tag als neuer Schulleiter hatte.

»Hallo?«, rief er und schlug mit seiner Aktentasche gegen das Torgitter. »Ähm … kann mich bitte jemand reinlassen?«

Stille. Er wischte sich mit einem viel zu weiten Ärmel die matschverschmierten Brillengläser frei.

»Hallo? Ist jemand da?«

Eine Frau tauchte am dunklen Eingangsportal auf. Ihre Haare waren zu einem strengen Pagenkopf geschnitten, und sie trug einen knallrosa Blazer mit wahrhaft Ehrfurcht erregenden Schulterpolstern. Sie schien nicht sehr glücklich zu sein, ihn zu sehen. Selbst vom Tor aus war er sich sicher, ihre Nasenflügel beben zu sehen.

»Guten Morgen, Mrs Beaumont«, rief er und winkte ihr verlegen zu.

»Na, Guten Tag kommt der Sache wohl näher, Matthew!«, sagte sie wütend. Sie kam die Treppenstufen zu ihm hinuntermarschiert und zog ein Schlüsselbund aus ihrer Tasche. »Wo zum Teufel haben Sie denn gesteckt?«

»Tut mir leid, Mrs Beaumont«, murmelte er. »Ich habe mich in den Randgebieten verirrt.«

Die Frau starrte ihn ungläubig an.

»In den Randgebieten?« Sie schnappte nach Luft. »Sie sind zu Fuß durch die Randgebiete gelaufen? Um Himmels willen, Matthew, das sind über dreißig Kilometer! Ich schlage vor, Sie legen sich ein Fahrrad zu und nehmen in Zukunft den Weg vorbei an den alten Wassergräben …«

»Hab ich gemacht«, sagte Matthew.

Mrs Beaumont stieß das Tor auf und zog misstrauisch ihre Augenbrauen zusammen.

»Ach ja?«, sagte sie. »Und wo ist dann Ihr Fahrrad?«

»In einem Graben«, sagte Matthew. Er hielt eine Plastiktüte mit durchnässter Kleidung hoch. »Ein Bauer hat mir sein Sonntagssakko geliehen.«

Mrs Beaumont warf ihm einen Blick tiefster Verachtung zu.

»Matthew«, sagte sie beherrscht. »Das darf nicht noch einmal passieren. Der neue Schulleiter von Cloisters kann nicht eine Stunde zu spät kommen.«

»Ich weiß, Mrs Beaumont«, sagte er entschuldigend. »Aber es war nicht meine Schuld, ehrlich! Ich bin so schnell geradelt, wie ich konnte, nur um pünktlich hier anzukommen, und dann sprang mir dieses kleine Mädchen ganz plötzlich in den Weg, und ich hab versucht, ihm auszuweichen und …«

»Seien Sie still, Matthew«, seufzte Mrs Beaumont. »Tun Sie mir den Gefallen und schauen Sie mal nach oben, bitte.«

Sie deutete zur Spitze des höchsten Turms hinauf. Matthew drehte sich anstandslos um und kniff gegen die grelle Morgensonne die Augen zusammen.

Auf dem Dach des Glockenturmes erhob sich eine steinerne Statue, die mindestens doppelt so groß sein musste wie er selbst. Sie stellte einen Ritter in voller Rüstung dar. In der einen Hand hielt er eine große brennende Fackel. Mit der anderen reckte er ein gewaltiges Schwert, dessen Spitze gen Horizont gerichtet war. Von seiner Höhe aus, das wusste Matthew, konnte man beinahe über die Stacheldrahtzäune, die die Landschaft durchschnitten, hinwegsehen und die entfernte Grenze erkennen, die die Randgebiete vom Verbotenen Land trennte.

Zu Matthews Zeiten schlichen sich die Kinder immer in den Pausen auf das Dach des Glockenturms hinauf und versuchten, einen Blick auf die sagenumwobene Welt zu erhaschen, die jenseits der Grenze begann. Dann stellten sie sich vor, bis zu ihrem Zentrum schauen zu können – an jenen Ort, den noch kein Mensch jemals betreten oder auch nur gesehen hatte.

Matthew bezweifelte, dass den Jungs heutzutage noch etwas an solchen Dingen lag. Wenn sie sich tatsächlich auf den Turm hinaufstahlen, dann vermutlich nur, um einen Blick auf das zu erhaschen, was unmittelbar hinter den Zäunen lag: auf den riesigen Ring des Grenzstreifens, dessen Wachtürme und Sicherheitsanlagen das Verbotene Land umgaben und jeden davon abhielten, näher als anderthalb Kilometer an die Grenze heranzukommen. Niemand wusste, was dort vor sich ging – vermutlich nicht einmal die Statue. Matthew schaute sie sich genau an. Ihr Kopf war schon vor langer Zeit abgefallen und durch eine Wetterfahne ersetzt worden.

»Dieser Mann«, sagte Mrs Beaumont feierlich, »symbolisiert alles, wofür diese Schule einst erbaut wurde. Ein Ziel, das bedeutender ist als jeder Einzelne von uns, eines, auf das so viele hingearbeitet haben und für das so viele gestorben sind. Ein Ziel, das vor über tausend Jahren gesetzt wurde – ein Ziel, dem Ihr Vater sein gesamtes Leben gewidmet hat, Matthew: junge Menschen darin zu unterrichten, wie sich erkunden lässt, was hinter dem Streifen liegt, und schließlich einen Weg ins Herz des Verbotenen Landes zu finden – ganz gleich, was es kostet.«

Matthew hatte diesen Vortrag bereits Hunderte Male gehört. Es waren dieselben Worte, mit denen sein Vater Jahr für Jahr seine Rede anlässlich des Cloisters-Jubiläums eröffnet hatte. Auch zu Beginn ihres jährlich stattfindenden Vater-Sohn-Gesprächs waren sie stets gefallen, Wort für Wort. Dabei hatte es dann allerdings einen eigens auf ihn zugeschnittenen Schlussteil gegeben. Leiter des Cloisters-Internats zu sein, ist nicht bloß ein Job, Matthew, sagte sein Vater dann und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Es ist eine Verantwortung. Eine schwere Verantwortung, die man tragen muss. Und eines Tages, Matthew, wirst du an der Reihe sein, sie zu übernehmen.

»Verstehen Sie, Matthew?«, fragte Mrs Beaumont.

Matthew nickte. »Natürlich, Mrs Beaumont. Es wird nicht noch einmal vorkommen.«

Mrs Beaumont machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zurück durch das gewaltige Portal. Matthew huschte hinter ihr her, wobei seine Schuhe laut auf dem grauen Steinboden quietschten. Nervös schaute er sich um. Der Korridor im Inneren war breit und kühl.

»Wow«, sagte Matthew und ließ seine Blicke wandern. »Es sieht … genauso aus wie zu meiner Zeit, Mrs Beaumont.«

»Ihr Vater hat hier alles gut in Schuss gehalten während der letzten vierzig Jahre«, entgegnete sie stolz und marschierte voran. »Wie geht es ihm denn? Inzwischen besser, hoffe ich?«

»Ähm …«, sagte Matthew. »Ja, ich denke schon. Ihm dauert es nur viel zu lange, er kann nicht schnell genug aus dem Krankenhaus herauskommen.«

»Ich bin mir sicher, Sie werden seine Aufgaben bis zu seiner Rückkehr hervorragend erledigen«, sagte Mrs Beaumont, auch wenn Matthew das Gefühl beschlich, dass sie es keineswegs so meinte. »Besonders, da die Feierlichkeiten zum Einschulungstag gerade in vollem Gange sind.«

»Ach ja«, seufzte Matthew wehmütig. »Der erste Schultag. Daran erinnere ich mich gut. Hecken die Jungs zur Feier des Tages immer noch Streiche aus?«

»Noch nichts Außergewöhnliches in diesem Jahr«, sagte Mrs Beaumont, während sie durch die Flure schritt. »Wie üblich hat jemand versucht, den Cricket-Pavillon in Brand zu stecken.«

»Ach ja, ein Klassiker«, sagte Matthew.

»Und Laurence Davy ist beim Versuch erwischt worden, mit einem Drahtbügel die Autos des Personals aufzubrechen. Wieder einmal.«

»Oh«, sagte Matthew. »Das ist neu …«

»Und Jeremy Butterworth hat Stubenarrest bekommen, weil er Alex Jennings zum Eimern gezwungen hat.«

»Ähm …«

»So nennen sie es, wenn sie jemanden einen Eimer Wasser auf einer Stange balancieren lassen«, erklärte Mrs Beaumont. »Eine falsche Bewegung und der Eimer stürzt herunter. Anschließend haben sie den armen Alex in der Kapelle eingeschlossen. Die ganze Nacht war er da drin. Zehn Stunden! Der Organist fand ihn heute Morgen, wie er um Hilfe getrötet hat. Sie hatten ihm nämlich ein Waldhorn an die Lippen geleimt, wissen Sie. Es wird Sie freuen zu hören, dass wir das Instrument konfisziert haben.«

Matthew schluckte. »Nun, vielleicht hat sich seit meiner Zeit doch das ein oder andere verändert …«

»In der Tat, Matthew«, sagte Mrs Beaumont. »Heutzutage bewegen sich die Jungs in kriminellen Dingen wie Fische im Wasser. Man muss ihnen die Schlechtigkeit mit harten Strafen austreiben.«

»Du liebe Zeit«, sagte Matthew. »Und ich hab den Jungs auch noch Muffins mitgebracht …« Er zog eine kleine Tüte mit leicht zerdrückten Klumpen in Frischhaltefolie aus seiner Tasche. »Ach, möchten Sie vielleicht einen? Es sind Leinsamen drin.«

Mrs Beaumont ignorierte ihn. Sie blieb vor einer vertraut wirkenden Tür stehen und wandte sich ihm wieder zu.

»Das Büro des Schulleiters«, sagte sie. »Jetzt natürlich Ihr Büro.«

Matthew schluckte erneut. »Natürlich.«

»Oh, und Matthew«, sagte sie. »Noch ein letzter Rat.« Sie machte einen Schritt auf ihn zu, und er musste sich zwingen, nicht vor ihr zurückzuweichen.

»Sie müssen sich hier durchsetzen, ein Exempel statuieren, und zwar auf der Stelle. Schlagen Sie hart und schnell zu. Keine Gnade. Ein Zeichen von Schwäche und das ganze System bricht auseinander. Haben Sie das verstanden?«

Matthew nickte stumm.

»Viel Glück«, sagte Mrs Beaumont.

Plötzlich ertönte eine Glocke, hoch und schrill und durchdringend.

Matthews Augen weiteten sich. »Erste Pause – schon?«, rief er. »Du lieber Himmel … Ich muss mich umziehen! Sie dürfen mich doch so nicht sehen …!«

Mrs Beaumont war bereits verschwunden. Matthew stand allein im Dunkeln vor der Bürotür. Er atmete tief durch und trat ein.

Das Büro sah genau so aus, wie sein Vater es verlassen hatte. Hinter dem alten Holzschreibtisch stand sein Armstuhl. Er war zur Wand gedreht, sein fahles Grün erinnerte an eine kranke Kröte, und er wirkte so abweisend wie ein Sarg. Darüber hing das riesige Porträt eines streng aussehenden Mannes. Es war leicht nach vorn gekippt, und von der Tür aus wirkte es beinahe so, als starre der Mann drohend auf einen herab, und genau das war natürlich auch der beabsichtigte Effekt. Matthew schaute zu den vertrauten kalten Augen seines Vaters hinauf.

»Eines Tages, Matthew, wirst du an der Reihe sein«, seufzte er. »… Und ich hoffe, dass du mich diesmal nicht enttäuschst, wie du es sonst immer tust.«

»Mit wem sprechen Sie?«, fragte eine Stimme.

»Aaaaargh!« Matthew schrak zurück.

Der fahlgrüne Sessel wurde herumgedreht. Ein Junge saß darin. Matthew griff sich an die Brust, sein Herz hämmerte.

Der Junge lächelte erfreut und musterte Matthew von Kopf bis Fuß. »Sie müssen sich verlaufen haben. Dies ist das Büro des Schulleiters, und ganz unter uns: Sie sehen aber nicht gerade aus wie ein Schulleiter.«

2

Wütend starrte Matthew den Jungen an. Er trug einen sehr weiten handgestrickten Pullover in einer Farbe, die Matthew beim besten Willen nicht beschreiben konnte, und eine Schulkrawatte, die sich der Junge irgendwie mit einer Art Seemannsknoten um den Hals gebunden hatte. In seinen Händen hielt er ein hölzernes Klemmbrett, als wäre es ein Tablett mit Keksen. Der Ausdruck auf seinem Gesicht zeigte, dass er nicht im Traum darauf gekommen wäre, hier nicht willkommen zu sein.

»Was hast du hier zu suchen?«, schnaufte Matthew. »Es ist dir nicht erlaubt, ins Büro meines Va… ich meine, in mein Büro zu kommen, ohne vorher …«

»Wer sind Sie?«, fragte der Junge.

»Ich … ich …« Matthew rang nach Atem. »Ich bin der Schulleiter! Es ist dir nicht erlaubt …«

»Wo ist Mr Price?«

»Mr Price ist nicht mehr da.« Matthew schaute ihn finster an. »Ich bin … Mr Price. Ich übernehme seine Stelle, bis er zurückkehrt. Also …«

»Dann sind Sie genau genommen bloß der stellvertretende Schulleiter«, sagte der Junge. »Und nicht der Schulleiter.«

»Ja, genau genommen ist das so«, stammelte Matthew und lief rot an. »Und jetzt mach um Himmels willen, dass du aus diesem Sessel herauskommst!«

Der Junge glitt rasch vom Sitz und kam schlurfend hinter dem Schreibtisch hervor. Er war sehr klein, selbst für sein Alter. Der Pullover reichte ihm fast bis zu den Knien.

»Tut mir leid, Sir«, murmelte er leise und blickte zu Boden.

Matthew schaute ihn wütend an. »Wer bist du denn überhaupt?«, fragte er barsch. »Was bildest du dir eigentlich ein, dich einfach in mein Büro hineinzu…«

»Ich bin Alex Jennings, Sir«, sagte der Junge.

Matthew erstarrte und blickte ihn an.

»Alex Jennings«, wiederholte er.

Der Junge nickte.

»Der Junge, den man zum Eimern gezwungen hat«, sagte Matthew. »Das warst du?«

Alex nickte. »Ja, Sir.«

»Oh«, sagte Matthew. »Und … jetzt geht es dir gut?«

Alex zuckte mit den Schultern. »Ja, ich denk schon.«

»Ah«, sagte Matthew. »Das ist doch erfreulich.«

Die beiden standen einander einen Moment lang schweigend gegenüber.

»Also?«, sagte Matthew.

Alex schaute auf. »Ja, Sir?«

Matthew seufzte. »Was hast du hier zu suchen, Alex?«

Die Augen des Jungen leuchteten auf. »Ach ja!«

Ohne einen weiteren Moment zu zögern, sprang er vor und schwang sein Klemmbrett wie ein Steuerrad.

»Mögen Sie Hunde, Mr Price?«, begann er voller Begeisterung.

»Nein«, sagte Matthew.

»Nun, viele Leute mögen Hunde«, entgegnete Alex wie aus der Pistole geschossen. »Mich eingeschlossen. Ich liebe Hunde, aber meine Mutter sagt, wenn ich jemals wieder einen ins Haus schleppe, bringt sie mich um. Daher möchte ich den Antrag stellen, dass jeder Schüler hier im Internat einen Hund bekommt, der mit ihm in seinem Schlafraum leben darf. Jeder liebt Hunde, deshalb ist das auch finanziell gesehen eine vernünftige Investition.«

Matthew ließ die Information sacken.

»Ähm …«, begann er.

»Nur fünfundzwanzig Prozent aller Hunde in Tierheimen finden jemals ein Zuhause«, fuhr Alex fort. »Und das ist noch optimistisch geschätzt. Indem wir diesen Hunden ein neues Zuhause geben, würden wir der Gesellschaft einen Dienst erweisen und der Schule die Möglichkeit geben, Profit zu machen.«

Matthew schaute ihn an.

»Mit Hunden«, sagte er.

»Ja, Sir«, erwiderte Alex. »Sie sind intelligente und edle Tiere und man kann ihnen Tricks beibringen. Wir könnten sie während der Unterrichtsstunden die Post und die schmutzige Wäsche einsammeln lassen. Noch besser: Wir könnten ihnen Kunststücke beibringen und bis zum Frühjahr eine Hundeshow auf die Beine stellen.«

Er hielt ein buntes handgemaltes Plakat hoch, auf dem ein Hund mit Zylinder aus einer Kanone gefeuert wurde.

Matthew betrachtete erst das Plakat und dann Alex.

»Hunde«, sagte er.

»Fünfhundert, um genau zu sein, Sir.« Alex grinste. »Hunde, die Saltos durch Reifen schlagen, Feuer schlucken, was immer Sie wollen. Ein Fest für alle Sinne. Und ich habe auch schon über vierzig Unterschriften von Mitschülern gesammelt, die dafür sind.« Alex drückte Matthew das Klemmbrett in die Hand. »Das genügt ganz offiziell, um die Zustimmung des Schulleiters einzuholen, oder die des stellvertretenden Schulleiters, und der sind in diesem Fall Sie.«

Matthew brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Er schaute auf das Klemmbrett hinab und dann wieder zu Alex, der ihm aufmunternd zunickte.

»Hunde«, wiederholte er.

»Manche sagen, der beste Freund des Menschen, Sir«, fügte Alex mit einer theatralischen Handbewegung hinzu.

Matthew wandte seinen Blick wieder dem Klemmbrett zu und musterte dann erneut den Jungen.

»Nun, Alex«, begann er, »einen Hund zu halten, ist eine große Verantwortung. Eine, die man nicht unüberlegt auf sich nehmen sollte.«

»Ja, genau«, sagte Alex und nickte begeistert.

»Vom Schulbudget ganz zu schweigen«, fuhr Matthew fort, »das gewöhnlich für Gehälter und neue Computer und derartige Dinge fest verplant ist. Ich muss dir sagen, dass dein ambitionierter Plan, von jetzt auf gleich fünfhundert Hunde hier unterzubringen und zu Show-Hunden auszubilden, die logistischen Möglichkeiten der Schule übersteigen dürfte – und dann hätten wir noch nicht einmal die moralische Frage abgewogen, ob man Tiere wirklich solch gefährliche Kunststücke ausführen lassen sollte.«

»Hmmm, ja, ich verstehe«, sagte Alex, ohne mit dem Nicken aufzuhören. »An dem Punkt können wir noch arbeiten.«

»Davon abgesehen«, fuhr Matthew fort, »sind die meisten der Namen auf dieser Petition frei erfunden.« Er hielt das Klemmbrett hoch. »Ich glaube nicht, dass es einen Schüler an dieser Schule gibt, der ›Zieh Leine, Alex‹ heißt. Und dies hier ist bloß eine Zeichnung, wie du von einem Rottweiler zerfleischt wirst.«

Alex nickte.

»Der Plan musste sich gegen einige Widerstände durchsetzen«, räumte der Junge ein. »Aber mal ganz ehrlich, Mr Price: Nennen Sie mir einen bedeutenden Plan, über den man sich zu seiner Zeit nicht lustig gemacht hätte. Außerdem kommt die meiste Lästerei von Jeremy Butterworth, der, ganz unter uns, ein Idiot ist und dessen Waldhorn ich übrigens hier abholen soll.«

Alex zeigte auf den schwarzen Koffer auf Matthews Schreibtisch. Jemand hatte Tipp-Ex benutzt, um ihn über und über mit Schimpfworten zu beschmieren.

»Ach, er will sein Horn zurück?«, fragte Matthew. »Und warum holst du es für ihn, Alex?«

»Wir teilen uns einen Schlafraum«, erwiderte Alex.

Matthew schnaufte. »Er kann hierherkommen und selbst mit mir darüber reden, wenn er es so dringend haben will.«

»Ich weiß das zu schätzen, Sir«, sagte Alex. »Aber er ist gerade gebeten worden, als Ersatzspieler an einem auswärtigen Konzert teilzunehmen, und sein Bus kommt in weniger als einer Stunde hier an. Ich finde es natürlich furchtbar, ihm das Ding zu bringen – es hat ja die ganze Nacht an meinem Gesicht festgeklebt –, aber wenn ich nicht tue, was er sagt, benutzt er mich die ganze nächste Woche als Punchingball.«

Matthew fiel die Kinnlade herunter. »Das ist doch nicht dein Ernst, Alex.«

»Oh doch«, sagte Alex mit einem Schulterzucken. »Ich werde sowieso zu Brei geprügelt, egal ob ich nun tue, was er sagt, oder nicht. Die andern haben mich so oft eimern lassen, dass ich darin inzwischen schon ziemlich gut bin.«

»Du … du nimmst das einfach so hin?«, fragte Matthew.

»Eigentlich schon«, erwiderte Alex und nickte. »Außerdem scheint es dieses Jahr für mich bergauf zu gehen – ich habe in der Stadt einen Hundesitter-Service angefangen und werde deshalb in der Haupt-Eimer-Zeit gar nicht vor Ort sein. Möchten Sie eine Geschäftskarte von mir haben?«

Er griff in seine Tasche und reichte Matthew seine Karte. Matthew schaute sie sich an. Alex Jennings: Hundebetreuer in allen Lebenslagen.

»In der Stadt?«, wiederholte Matthew. »Alex, das ist eine Stunde mit dem Bus.«

Alex nickte. »Genau genommen braucht man zwei Busse.«

Matthew betrachtete die Geschäftskarte und schaute dann wieder auf.

»Alex, hast du viele Freunde?«

Alex fummelte an seinem Pullover herum. »Ich nehme an, Sie meinen Freunde, die keine Hunde sind?«

Matthew nickte.

»Dann nein«, erwiderte Alex. »Ich mag bloß Hunde.«

»Ich verstehe«, sagte Matthew.

Eine verlegene Stille machte sich breit. Matthew schaute den Jungen an. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was er sagen sollte.

Schließlich wagte er ein »Muffin?«

Alex schaute verständnislos zu ihm auf. Matthew griff in seine Tasche und holte einen leicht eingedrückten Klumpen in Klarsichtfolie heraus.

»Muffins«, sagte Matthew. »Bitte. Nimm dir einen.«

Alex streckte seine Hand aus, doch Matthew zog den kleinen Kuchen rasch zurück. »Leinsamen verträgst du doch, oder?«

Alex schaute ihn begriffsstutzig an. »Was sind Leinsamen?«

»Ach, egal.«

Alex nahm den Muffin, musterte ihn und steckte ihn in seine Tasche. Eine weitere peinliche Stille entstand.

»Möchtest du vielleicht darüber sprechen?«, fragte Matthew schließlich.

Alex schaute ihn verwirrt an. »Über den Muffin?«

Matthew runzelte die Stirn. »Über das Mobbing, Alex.«

»Oh«, sagte Alex. »Nein, vielen Dank, Sir. Lieber nicht.«

»Ist in Ordnung, Alex«, entgegnete Matthew freundlich.

Langsam streckte er seine Hand aus und legte sie dem Jungen auf die Schulter. »Weißt du, Alex«, sagte Matthew warmherzig, »du teilst deinen Namen mit einer sehr bedeutenden Persönlichkeit. Mit jemandem, der Hunde liebte … nun, womöglich sogar mehr als du.« Er lächelte. »Hast du jemals von Alex J. Jennings gehört?«

Alex wurde blass.

»Vor vielen Jahren«, begann Matthew, »vermutlich noch bevor du geboren wurdest, machte ein Mann namens Alex J. Jennings von sich reden.«

»Sir …«, warf Alex mit schwacher Stimme ein.

»Er war ein bedeutender und berühmter Entdecker«, fuhr Matthew fort, ohne ihn zu beachten. »Vermutlich der bedeutendste auf der ganzen Welt. Er bestieg Berge, die vor ihm noch niemals jemand bestiegen hatte, und er erschloss Dschungel, in die sich noch niemand zuvor gewagt hatte. Als der Orden vom Schwerte und der Fackel sich also entschloss, eine neue Expedition über die Grenze ins Verbotene Land zu entsenden, entschied man, dass er der ideale Leiter sein würde. Sie ernannten ihn zum offiziellen Expeditionsbeauftragten. Hast du je davon gehört, Alex?«

Alex blieb stumm.

Matthew zuckte mit den Schultern. »Nein, ich vermute, das hast du nicht«, sagte er. »Eure Generation hat ja überhaupt noch keine Gelegenheit gehabt zu erleben, wie eine Expedition entsandt wird, oder? Nun, ich kann dir sagen, das ist eine sehr wichtige Aufgabe, Alex. Die vertraut man nicht einfach irgendjemandem an. Ich war selbst noch ein kleiner Junge, als Alex J. Jennings den Auftrag annahm, und das war seinerzeit eine echte Sensation. Du musst bedenken, dass es damals seit Jahren niemand mehr gewagt hatte, einen Fuß auf die andere Seite der Grenze zu setzen – ach, was sag ich: seit Jahrhunderten!«

Matthew wandte sich der gewaltigen Landkarte zu, die hinter ihnen an der Wand hing. Sie zeigte das Schulgelände, die Rugby-Felder und die Laufstrecken, die sich weit bis in die trostlosen Randgebiete erstreckten. Die Straße zur Stadt schlängelte sich vom unteren Ende der Karte an der Schule vorbei und auf den riesigen Umriss zu, der den oberen Bereich dominierte. Dort – als wäre beim Drucken der Karte ein Fehler passiert – hörten die kargen Felder ganz unvermittelt auf, als ob ein großer weißer Papierkreis auf die Karte geklebt worden wäre.

»Das Verbotene Land«, sagte Matthew. »Der einzige Ort, der niemals erkundet werden konnte. Zu dem Zeitpunkt, als Jennings die Aufgabe übernahm, hatten die Leute schon alles Menschenmögliche ausprobiert, um die Grenze zu überqueren und herauszufinden, was dahinterliegt. Und ich meine wirklich alles Menschenmögliche! Sie hatten sich spezielle Stelzen umgeschnallt, waren mit enormen hölzernen Flügeln in die Luft aufgestiegen, hatten sich aus Kanonen abfeuern lassen … sie hatten sogar einmal versucht, einen riesigen Pier zu bauen, der sie hinüberführen sollte.

»Natürlich«, fuhr Matthew fort, »war nichts davon erfolgreich. Es hatte keinen Zweck. Wie du weißt, gelten andere Naturgesetze, wenn man einmal die Grenze überschreitet. Seit Menschengedenken hat kein Mann, keine Frau und kein Kind es jemals geschafft, die Grenze ins Verbotene Land zu überqueren, ohne gegen den eigenen Willen und unabänderlich zurückgestoßen zu werden.«

Matthew streckte die Hand nach der Karte aus und zog einen Zeitungsausschnitt herunter, der an der Seite festgesteckt gewesen war.

»Doch Alex J. Jennings war der erste Mensch, dem aufgefallen ist, dass Hunde von der besonderen Macht des Verbotenen Landes unberührt bleiben«, fuhr er fort. »Hunde waren seit Jahrhunderten über die Grenze gelaufen, ohne gewaltsam zurückgestoßen zu werden. Es ist, als würden sie von einem Magneten ins Zentrum gezogen werden. Warum sollte man sie also nicht benutzen?«

Matthew hielt den Zeitungsausschnitt hoch. Er zeigte die verblichene Skizze eines Mannes in einem altmodischen metallenen Taucheranzug, von dessen Helm eine Art Röhre aufragte. Er saß auf etwas, das aussah wie ein riesiger Metallthron auf einem Schlitten, und vor diesem Schlitten befand sich ein Rudel angeschirrter Hunde.

»Genau das hat Jennings also getan«, sagte der Schulleiter. »Er hat einen Schlitten auf Rädern gebaut, der von einem Hunderudel gezogen wurde, und hat sich auf einem großen metallenen Sitz daran festgeschnallt. So konnte er nicht wieder zurückgestoßen werden, wenn der Schlitten die Grenze passierte, und es war zugleich unmöglich, dass er versehentlich einen Fuß auf den Grund setzte – natürlich wissen wir alle, wie dieser Versuch ausgegangen ist …«

Matthew hielt Alex den Zeitungsausschnitt hin. Der Junge nahm ihn nicht entgegen. Er hatte den Blick zum Teppichboden gerichtet und rührte sich kein Stück.

Matthew zog den Ausschnitt verlegen zurück. »Nun, ich kann dir sagen: Das waren sehr aufregende Zeiten, Alex. Jeder war davon überzeugt, dass Jennings derjenige sein würde, der endlich ins Verbotene Land vorstoßen und herausfinden würde, was sich in seinem Zentrum verbirgt. Als ich ein Kind war, war Alex J. Jennings mein absoluter Held. Ich weiß noch, wie ich mit der ganzen Familie vorm Fernseher gesessen habe, als er vom Großen Expeditionszentrum aus aufgebrochen ist, festgeschnallt auf dem Stuhl in seinem metallenen Schutzanzug. Für mich war er damals der mutigste Mensch auf der ganzen Welt.«

Matthew seufzte.

»Leider hat die Geschichte kein besonders glückliches Ende«, sagte er. »Wochenlang hörte man nichts mehr von ihm, und als es dann doch so weit war, hatte er die Hunde verloren. Und den Schlitten. Wie sich herausstellte, hatte er das Zentrum des Verbotenen Landes überhaupt nicht erreicht, er hatte lediglich den Verstand verloren. Tatsächlich glaubte er, er wäre selber ein Hund. Man musste ihn wegsperren, glaube ich. Das letzte, was ich von ihm gehört habe, ist, dass er im Koma gelegen haben soll. Ähm …«

Matthews Stimme verlor sich, und er wandte sich wieder dem Jungen zu. Alex starrte noch immer zu Boden, seine Wangen waren tiefrot.

»Aber das ist nicht das Entscheidende«, sagte der Schulleiter mit Nachdruck und legte Alex erneut die Hände auf die Schultern. »Das Entscheidende ist, dass du es niemandem gestatten solltest, mit dir so umzuspringen, wie man mit dir umgesprungen ist. Niemals.«

Alex nickte, aber seine Augen waren fest auf den Teppich gerichtet.

»Und wenn es beim nächsten Mal wieder jemand probiert«, sagte Matthew, »dann möchte ich, dass du dir überlegst, was Alex J. Jennings an deiner Stelle getan hätte. Machst du das, Alex?«

Alex nickte wie wild. »Ja, Mr Price.«

Matthew betrachtete den Jungen, der noch immer den Teppich anstarrte und so sehr an seinem gestrickten Pullover herumfummelte, dass sich dieser in eine einzige Wollmasse aus Löchern und Knoten zu verwandeln schien.

»Hör mal, Alex«, sagte er sanft. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Dieses Mal gebe ich dir das Horn mit. Ich weiß, sich nicht unterkriegen zu lassen, ist … nun, es ist nicht immer so einfach, nicht wahr?« Er hielt für einen Augenblick inne, wandte sich um und schaute zum Ölgemälde seines Vaters hinauf, das drohend über ihnen aufragte. »Nein«, murmelte er wieder. »Es ist nicht immer so einfach.«

Auf dem Schreibtisch klingelte plötzlich das Telefon. Matthew seufzte und gab Alex das Klemmbrett zurück.

»Also, mach dich auf die Socken, Alex«, sagte er. »Bring Jeremy das Horn. Aber wenn er dir das nächste Mal dumm kommt, dann sag mir auf jeden Fall Bescheid.«

»Ja, Mr Price«, murmelte Alex kleinlaut, schnappte sich das Horn und stürzte, so schnell er konnte, zur Tür.

»Hervorragend«, sagte Matthew höchst zufrieden mit sich selbst und drückte sich den Telefonhörer ans Ohr. »Einen schönen Tag wünsche ich dir noch, Alex … Ähm, hallo?«

»Ist dieser verflixte Alex Jennings bei Ihnen?«, ertönte eine angespannte Stimme. Es war Mrs Beaumont.

»Ja, er geht gerade«, erwiderte Matthew und schaute auf. Alex war schon an der Bürotür.

»Lassen Sie ihn nicht weg«, sagte Mrs Beaumont.

Matthew zuckte zusammen. »Ähm … wie bitte?«

»Die Polizei ist hier und will ihn sprechen.«

Matthew schaute auf.

»Die Polizei …?«

»Sein Vater ist aus dem Krankenhaus ausgebrochen«, sagte Mrs Beaumont.

Matthew erstarrte. »Sein Vater …«

»Alex J. Jennings!«, drängte die Stimme ungeduldig. »Alex J. Jennings, der Entdecker.«

Entsetzt starrte Matthew zur offenen Tür. Alex stand da und konnte nicht hindurch, weil sie ihm von zwei hochgewachsenen Polizisten versperrt wurde. Der eine trug einen Schnurrbart und der andere war vollständig kahl, aber sie hatten beide exakt dieselbe Größe, und ihre Münder hatten sich zu identischen Strichen verhärtet. Sie blickten auf den Jungen in dem viel zu großen Pullover herab, dessen Haare so zerzaust vom Kopf abstanden wie bei einem winzigen Hund.

»Alex Jennings«, sagte der Polizist mit dem Schnurrbart. »Wir sind hier, um über deinen Vater zu sprechen.«

3

Alex rutschte auf seinem roten Plastikstuhl zurück, was ein leises Quietschen verursachte.

Quietsch.

Und noch einmal.

Quietsch, quietsch, quietsch.

Er schaute wieder auf. Die zwei Polizisten saßen ihm angespannt auf ebensolchen roten Stühlen gegenüber, drehten Däumchen und ließen ihre Blicke durch den Übungsraum schweifen. Einst hatte er die schuleigene Schlachterei beherbergt, und die Holzbalken des Raumes waren noch immer mit Schnitzereien von Hirschköpfen verziert. Heutzutage kamen die Kinder hierher, um ihre Hausaufgaben zu machen, bevor abends das Licht gelöscht wurde, und der Raum war vollgestellt mit unbenutzten Tischen und winzigen Stühlen. An einem der Geweihe baumelte ein Stundenplan.

»Hat irgendwer meiner Mum Bescheid gesagt?«, fragte Alex schließlich.

Der Polizist mit dem Schnurrbart nickte. »Sie weiß alles.«

»Ist sie jetzt auf dem Weg hierher?«, fragte Alex nervös.

Die Polizisten warfen sich einen Blick zu.

»Klar«, sagte der glatzköpfige.

Alex seufzte erleichtert auf. »Gut.«

Wieder entstand eine Pause.

»Mag einer von Ihnen Hunde?«, erkundigte er sich probeweise.

Es klopfte, und im nächsten Moment steckte Matthew vorsichtig seinen Kopf zur Tür herein. Er nickte Alex zu. »Alles okay, Alex?«, fragte er sanft.

Alex nickte. »Ja, danke, Mr Price.«

»Ah. Gut.« Matthew lächelte. Er schaute zu den Polizisten hinüber und hielt eine Plastiktüte hoch. »Sie hatten nur Thunfisch.«

Der Glatzköpfige strahlte und schwang triumphierend seine Faust durch die Luft. Der Polizist mit dem Schnurrbart verdrehte die Augen. Matthew trat ein und legte die Tüte behutsam auf den Tisch.

»Sie sind sich sicher, dass ich sonst nichts für Sie tun kann?«, fragte er die Polizisten.

»Im Moment nicht, mein Junge«, sagte der mit dem Schnurrbart. »Schick einfach den Schulleiter her, wenn er wiederkommt.«

»Ich bin der Schulleiter«, sagte Matthew kläglich.

»Oh«, entgegnete der Polizist. Er schaute voller Mitleid zu Alex hinüber. »Nun, dann nehmen Sie wohl besser Platz.«

Matthew schob einen der winzigen roten Stühle zum Tisch hinüber und setzte sich, woraufhin der Übungsraum in neuerlicher Stille versank. Sie alle sahen zu, wie der glatzköpfige Polizist sein Brötchen aus der Klarsichtfolie wickelte, sich ein gutes Drittel davon in den Mund steckte und anschließend vor Genuss zu schielen begann.

Alex durchbrach die Stille. »Hat eigentlich irgendwer gesehen, wie er aufgewacht ist?«

Es entstand eine Pause. Die Polizisten warfen sich wieder einen Blick zu.

»Das Notizbuch, Duncan«, murmelte der Polizist mit dem Schnurrbart gereizt.

Officer Duncan deutete auf seinen vollgestopften Mund und schüttelte den Kopf.

Sein Kollege murrte leise und zog ein Notizbuch aus seiner Tasche. Er blätterte die Seiten durch.

»Nur eine Person sah, wie es passierte«, sagte er. »Eine der Krankenschwestern machte gerade ihre Runde, als Mr Jennings plötzlich aus dem Koma erwachte. Er war vollkommen desorientiert, wie sie sagte. Er kämpfte gegen ein Dutzend Pfleger, bevor es ihm gelang, aus dem Fenster des zweiten Stockes zu springen und über den Zaun zu klettern.«

Alex machte große Augen. »Das hat mein Vater getan?«

Die Polizisten nickten.

»Warum?«, fragte Alex.

Officer Duncan schluckte einen gewaltigen Bissen. »Wir hatten eigentlich gehofft, du könntest uns das beantworten«, sagte er verlegen.

Wieder klopfte es an der Tür, und alle drehten sich um. Erst tauchten Mrs Beaumonts Schulterpolster auf, dann auch ihr Kopf. Sie schenkte Alex ein Lächeln von echter Warmherzigkeit.

»Hallo, Alex«, sagte sie.

»Hallo, Mrs Beaumont«, antwortete Alex leise.

Mrs Beaumont wandte sich an die Polizisten, und ihr Gesicht sah plötzlich sehr ernst aus. »Er ist hier«, sagte sie.

Die Polizisten wechselten einen nervösen Blick. Alex wurde blass und sank tiefer in seinen Stuhl, während Mrs Beaumont wieder auf dem Korridor verschwand.

»Ich denke, ich gehe jetzt besser«, sagte Matthew, der einen beneidenswert arglosen Eindruck machte. »Alex, ich bin sicher, Officer Mike und Officer Duncan werden gut auf dich aufpassen, bis ich …«

»Wenn’s Ihnen nichts ausmachen würde, Mr Price«, fiel Alex ihm ins Wort, »wär’s mir eigentlich lieber, wenn Sie hierbleiben würden.«

Der Schulleiter blieb wie angewurzelt stehen. Er schaute Alex an.

»Wie bitte?«

Alex fummelte an den Bündchen seines Pullovers herum.

»Ich möchte gerne, dass Sie bei mir bleiben, bitte, Mr Price«, wiederholte Alex. »Wenn Sie nicht zu viel zu tun haben.«

Ein Lächeln huschte über Matthews Gesicht. Er nickte. »Natürlich nicht, Alex«, sagte er sanft und setzte sich wieder hin. »Ich habe alle Zeit der Welt.«

»Ähem.«

Das Räuspern fuhr durch den Raum wie ein kalter Luftzug. Alle drehten sich um. In der Tür stand ein Mann.

Die Polizisten nahmen sofort Haltung an. Officer Duncan ließ das Brötchen unauffällig unter seinen Stuhl gleiten. Matthew spürte, wie sich Alex neben ihm verkrampfte.

Der Mann nahm die gesamte Türöffnung ein. Er trat ins Licht des Übungsraums, und seine Absätze klapperten auf den Dielen. Matthew starrte ihn ungläubig an. Der Mann trug einen Metallhelm, aus dem oben ein gewaltiger Busch von lilafarbenen Federn ragte. Er kam zum Tisch und streckte sich langsam. Erst jetzt erkannte Matthew, dass der Mann eigentlich sehr klein war. Er trug einen eleganten schwarzen Samtfrack.

»Entschuldigen Sie bitte den Helm«, sagte der Mann leise. »Kostümprobe.«

Niemand sprach ein Wort. Der Mann schaute sich im Raum um und wandte sich den Polizisten zu.

»Einen Stuhl!«, zischte er. »Einen normalen Stuhl. Holen Sie drei. Sie sehen lächerlich aus.«

Officer Mike stürzte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, aus dem Raum. Der Mann wandte sich Matthew zu und starrte ihn an. Matthew rutschte beklommen auf seinem Stuhl hin und her. Es war, als würde man von einer Schlange angestarrt.

»Wer sind Sie?«, fragte der Mann.