Alle glücklich - Kira Mohn - E-Book + Hörbuch

Alle glücklich Hörbuch

Kira Mohn

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Beschreibung

Was ist, wenn man doch glücklich sein sollte, es aber nicht fühlt?

Nina: Mutter, Ehefrau, MTA. Erfüllt alle Rollen, doch daneben gibt es eine, von der niemand etwas weiß.

Alexander: Oberarzt, Ehemann, Vater. Tut alles für seine Familie, opfert sich auf als Arzt – und wer dankt es ihm?

Emilia: Gymnasiastin. Zum ersten Mal richtig verliebt. Sucht ihren eigenen Weg, geht aber den des Freundes.

Ben: Student. Es geht ihm gut. Es geht ihm wirklich gut. Verdammt noch mal, es geht ihm gut!

Nina, Alexander, Emilia und Ben. Eine liebevolle Mutter, ein beruflich erfolgreicher Vater, zwei wohlgeratene Kinder. Doch wenn der Druck steigt, reißt die Fassade auf.

Bestsellerautorin Kira Mohns Roman besticht mit dem scharfen und dennoch liebevollen Blick auf die Psychologie einer Familie.

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Zeit:7 Std. 30 min

Veröffentlichungsjahr: 2026

Sprecher:Anne Sofie Schietzold

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Zum Buch

Was ist, wenn man doch glücklich sein sollte, es aber nicht fühlt?

Nina: Mutter, Ehefrau, MTA. Erfüllt alle Rollen, doch daneben gibt es eine, von der niemand etwas weiß.

Alexander: Oberarzt, Ehemann, Vater. Tut alles für seine Familie, opfert sich auf als Arzt – und wer dankt es ihm?

Emilia: Gymnasiastin. Zum ersten Mal richtig verliebt. Sucht ihren eigenen Weg, geht aber den des Freundes.

Ben: Student. Es geht ihm gut. Es geht ihm wirklich gut. Verdammt noch mal, es geht ihm gut!

Nina, Alexander, Emilia und Ben. Eine liebevolle Mutter, ein beruflich erfolgreicher Vater, zwei wohlgeratene Kinder. Doch wenn der Druck steigt, reißt die Fassade auf.

Zur Autorin

Kira Mohn, 1972 geboren, ist eine deutsche Bestsellerautorin. Bevor sie als freie Journalistin und Texterin arbeitete, hat sie Psychologie und Pädagogik studiert. Heute widmet sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin und lebt mit ihren Kindern in München. »Die Nacht der Bärin« ist ihr bisher persönlichstes Werk.

Kira Mohn

Alle glücklich

Roman

HarperCollins

Originalausgabe

© 2026 by HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von FAVORITBÜRO, München

Coverabbildung von © Anthony Butera. All Rights Reserved 2025 / Bridgeman Images

ISBN 9783749908899

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Für meinen Sohn, den ich immer wieder für seine Reflektiertheit bewundere

Wozu mache ich mir die Mühe überhaupt?

1.

»Emilia! Herrgott, das gibt’s doch nicht! Komm jetzt endlich aus dem Bad! Du musst los! Und du hast noch nicht mal was gegessen!« Nina hämmerte gegen die Tür, ohne ernsthaft darauf zu hoffen, damit etwas zu bewirken. »Außerdem muss ich auch noch mal rein!«

In den letzten fünfzehn Minuten hatte Nina diese Sätze schon einige Male gesagt, und ihr Tonfall war dabei immer schärfer geworden.

»Ich bin ja gleich fertig!«

Die Tatsache, dass unmittelbar darauf der Föhn zu hören war, strafte Emilias Worte Lügen.

»Du kannst deine Haare auch in deinem Zimmer föhnen.«

»Ich versteh dich nicht!«

Für einen Moment schloss Nina die Augen. Ruhig bleiben. Es wurde nicht leichter, wenn sie sich aufregte, im Gegenteil.

»Emilia!« Ein heftiger Schlag mit der flachen Hand gegen die Tür. Das war immer noch besser als das, was sie eigentlich gern getan hätte. »Komm jetzt raus!«

Keine Antwort, nur das Brummen des verfluchten Föhns. Verdammt noch mal!

Nina ging in die Küche. Auf dem Tisch an der Wand standen ein Glas Wasser und ein Teller, darauf ein geschnittener halber Apfel und ein Marmeladenbrot. Emilia würde vermutlich keine Zeit mehr haben, etwas davon zu essen. Geh doch einfach. Soll sie zusehen, wie sie klarkommt.

Aber sie musste ja selbst noch mal ins Bad. Und außerdem würde ihre Tochter dann sicher nichts frühstücken.

»Emilia!«

Die Badezimmertür öffnete sich. »Was ist denn? Ich bin ja schon fertig.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand Emilia durch die gegenüberliegende Tür in ihrem Zimmer. Der Duft von Duschgel und einem süßlichen Parfum stieg Nina in die Nase.

»Was ist mit deinem Brot?«, fragte sie.

»Kannst du das einpacken? Schaff ich jetzt nicht mehr.« Emilia erschien wieder im Flur, den Gurt der Schultasche bereits über der Schulter.

»Ich habe dir schon was für die Pause eingepackt, du solltest aber …«

»Dann lass es einfach stehen, ess ich später.«

Nina lief in die Küche und griff nach den beiden Apfelvierteln. »Iss wenigstens …«

»Mama! Ich renn doch jetzt nicht mit ’nem halben Apfel durch die Gegend.« Emilia stand schon fast im Treppenhaus. »Hab dich lieb! Tschüs, bis nachher!«

»Ich dich …«, die Tür fiel ins Schloss, »… auch.«

Ein paar Sekunden noch stand Nina da, ihr Blick wanderte von der Tür zu den Obststücken in ihrer Hand, dann packte sie seufzend Apfel und Brot in zwei Tupperboxen und stellte beides in den Kühlschrank. Der Teller und das Glas wanderten in die Spülmaschine zu den Tassen von Alex und ihr. Am liebsten hätte Nina sich noch einen zweiten Kaffee gemacht, doch dafür reichte die Zeit nicht mehr.

Vor dem Spiegel im Bad bürstete sie ihre Haare und knotete sie im Nacken zusammen. Wimperntusche und einen Hauch Lippenstift, nur des Glanzes wegen. Für die Arztpraxis, in der sie arbeitete, reichte das aus. Anschließend stieg sie die Treppe hinauf zum Dachzimmer ihres Sohnes.

»Ben?« Ihr Klopfen fiel um einiges leiser aus als vorhin bei Emilia. Obwohl keine Antwort kam, steckte Nina den Kopf durch den Türrahmen. »Ich bin jetzt weg.«

Ben lag noch im Bett, etwas anderes hatte sie auch nicht erwartet. Es roch muffig, nach T-Shirts, die dringend in die Wäsche mussten, und verschwitzen Laken. Er hatte mal wieder vergessen, über Nacht das Fenster zu öffnen. Nina betrat das Zimmer, um das schnell zu erledigen. Ben würde ohnehin nicht daran denken, selbst wenn sie es ihm jetzt sagte. Viel mehr als seine dunklen Haare waren unter der Decke nicht von ihm zu sehen.

»Ben, hast du gehört? Ich muss los. Mach dir noch ein Frühstück, bevor du gehst, ja? Du kannst dir auch das Brot von Emilia nehmen, es ist im Kühlschrank.«

Ein gedämpftes Geräusch, halb Stöhnen, halb Knurren, war die Antwort.

»Musst du heute nicht zur Uni?«

»Doch«, kam es unwillig. »Aber noch nicht jetzt.«

»Wann warst du denn gestern im Bett?«

»Weiß nicht. Spät.«

Nina hob die Hand, um ihrem Sohn durch die Haare zu wuscheln, überlegte es sich jedoch anders. Benjamin war neunzehn, drei Jahre älter als Emilia, und ließ ihre Berührungen schon seit Jahren nur noch über sich ergehen. Früher hatte er sie oft und lange umarmt, sie vermisste diese innigen Momente. Aber das gehörte wohl dazu, wenn sie erwachsen wurden.

»Dann bis heute Abend. Bist du zum Essen da?«

»Denk schon.«

Warum stellte sie diese Frage überhaupt? Ben war immer da. Sie hätte lieber Emilia fragen sollen. Seit die mit diesem Julian zusammen war, wurde es bei ihr bisweilen spät. Allerdings reagierte Emilia sehr empfindlich auf ihre Überwachung, wie sie es nannte.

»Okay. Hab dich lieb.«

Nina schloss die Tür und ging wieder nach unten. Sie verzichtete auf eine Jacke und Minuten später aus einer Laune heraus auch auf die U-Bahn zum Marienplatz. Obwohl es noch nicht einmal acht Uhr war, begannen die Straßen und Plätze bereits, sich aufzuheizen, doch noch war es nur angenehm warm. Der Sommer mit seiner drückenden Hitze hatte den viel zu kurzen Frühling schon vor Wochen abgelöst, aber in diesem Moment schwebte Magnolienduft in der Luft, und ihre Anspannung löste sich ein wenig. Ein langer Tag lag vor ihr. Bis zwei Uhr würde sie in der Praxis sein, danach fuhr sie mit der S-Bahn nach Obermenzing, um sich dort weitere vier Stunden in einem Supermarkt an die Kasse zu setzen. Es war kein besonders interessanter Job, doch das Geld, das sie dabei verdiente, wanderte nicht auf das Konto, das sie sich mit Alex teilte. Es gehörte nur ihr allein, und sie leistete sich von diesem Geld Dinge, für die sie von dem anderen Konto nichts abheben wollte, seit Alex sie gefragt hatte, wieso sie an zwei aufeinanderfolgenden Monaten beim Friseur gewesen war. Es hatte eine hässliche Diskussion gegeben, die Alex mit seiner mitunter unerträglich jovialen Art abgewürgt hatte.

Nein, dann ist das schon in Ordnung. Dann musste das eben sein. Tut mir leid, dass ich danach gefragt habe.

Nina hatte sich gefühlt wie eine Hausfrau in den 50ern, und dass Alex sich am Abend noch einmal bei ihr entschuldigt hatte, bevor er auf ihre Bettseite gerutscht kam, hatte es weiß Gott nicht besser gemacht. Als würde er mit seinem Es tut mir leid eine Eintrittskarte lösen. Seine Annäherungsversuche nach solchen Zusammenstößen empfand Nina als Zumutung.

Sie war sich sicher, dass Alex kein Verständnis für ihr Bedürfnis nach einem eigenen Einkommen aufbringen würde. Schließlich floss alles, was er verdiente, auf das gemeinsame Konto. Der Unterschied war, dass Nina ihn nicht auf seine Ausgaben ansprach. Wie könnte sie? Es war ja hauptsächlich sein Geld. Und obwohl sie nichts dafür konnte, dass all das, was sie neben ihrer Arbeit in der Arztpraxis zu Hause für ihre Familie tat, niemandem einen müden Euro wert war, fehlte ihr die Energie, eine Diskussion darüber anzufangen.

Anfangs hatte sie Bedenken gehabt, Alex könne über Umwege von ihrem Zweitjob erfahren. Es musste sie ja nur jemand sehen, der sie beide kannte. Doch niemand ihrer gemeinsamen Bekannten kaufte bei Edeka in Obermenzing ein, und Nina hatte die Ausrede, die sie sich zurechtgelegt hatte, noch nie anwenden müssen.

Oh, ich springe nur für eine Freundin ein, als Studentin habe ich häufiger an der Kasse gearbeitet.

Ob ihr das jemand glauben würde, blieb dahingestellt, und danach würde sie wohl kündigen müssen – aber noch war es nicht dazu gekommen.

Der zweite Teil ihrer Ausrede wäre nicht einmal gelogen. Nina dachte flüchtig darüber nach, während sie an einer Ampel die Straßenseite wechselte, um im Schatten weiterzulaufen. Sie hatte während ihres Studiums tatsächlich in einer Drogerie gejobbt. Genau wie Alex hatte sie Medizin studiert. Er war nur schon sehr viel weiter gewesen als sie, als sie sich kennenlernten. Und kurz vor ihrem ersten Staatsexamen war Ben zur Welt gekommen. Ein Schreibaby. Nina hatte bis dahin nicht gewusst, wie konsequent so ein Kind jede Sekunde an Zeit und jeden Funken an Energie aus einem herauszusaugen vermochte. Alex war keine große Hilfe gewesen, er steckte damals bis über beide Ohren in Prüfungen. Und dann, als sie gerade laut darüber nachgedacht hatte, ihr Studium wieder aufzunehmen, war sie erneut schwanger geworden. Mit zwei kleinen Kindern schien ein paar Jahre später ein Halbtagsjob eine vernünftige Lösung zu sein. Alex verdiente zu diesem Zeitpunkt bereits nicht schlecht, es reichte für ihre kleine perfekte Familie, wie er es nannte. Und es machte ihm nichts aus, im Gegenteil, er war stolz darauf, für sie alle sorgen zu können. Sie hatte das an ihm gemocht. Eine Weile.

Klassische Frauenfalle. Sie war lächelnd hineingetappt, und jetzt fand sie ihren Weg nicht mehr heraus.

Nina erreichte das Gebäude, in dem sich die Hausarztpraxis von Dr. Bernd Schuster befand.

Alex war mittlerweile Oberarzt in der Inneren Medizin.

»Guten Morgen, Nina.«

Bernd war schon da. Nina hatte bisweilen den Verdacht, dass ihr Chef in der Praxis übernachtete.

»Hallo.« Sie ging direkt in die Teeküche, um dort ihre Tasche im Schrank zu verstauen und sich die Hände zu waschen. Bernd hatte Kaffee gekocht, und dankbar schenkte Nina sich eine Tasse ein. »Möchtest du auch noch einen Kaffee?«, rief sie.

»Ja, bitte!«

Ihr Chef saß in seinem Sprechzimmer am Schreibtisch, als sie hereinkam, den Blick auf den Computer gerichtet. Es verpasste ihr einen Stich, ihn zu sehen, im weißen Kittel, die Brauen zusammengezogen, während er sich vermutlich gerade die Akte seiner ersten Patientin für heute durchlas. Im Grunde hätte sie an diesem Schreibtisch sitzen können … Ach, Schluss jetzt. Eindeutig hatte sie es sich auf dem Weg hierher zu lange erlaubt, über vergangene Entscheidungen nachzudenken.

»Danke.«

Er lächelte sie an, als sie die Tasse neben das Foto seiner Frau stellte. Hedwig war vor zwei Jahren gestorben, doch Bernd würde ihr Bild niemals wegräumen.

»Na, dann wollen wir mal, was?«

In weniger als einer Viertelstunde erwarteten sie die erste Patientin. Annegret Dörlitz, eine ältere Dame mit regelmäßigen Terminen – wegen ihrer Osteoporose, aber auch, um ihre Gedanken mit jemandem zu teilen, da waren Bernd und Nina sich einig. Wie viele alte Menschen hatte sie zu selten Leute um sich, die ihr zuhörten. Sie war einsam. Kein Wunder, dass sie so oft zum Arzt ging, und Dr. Bernd Schuster gab sein Bestes, um auch diesem Leiden gerecht zu werden. Das hatte er mit Alexander gemein, und Nina hätte es ebenso gemacht. In einem anderen Leben.

Die Praxis hatte wie jeden Mittwoch und Freitag nur vormittags geöffnet, doch als Nina sich um kurz nach zwei von Bernd verabschiedete, wusste sie, dass er noch ein paar Stunden lang Unterlagen wälzen würde. Sicher auch die von Frau Dörlitz, die heute nicht in erster Linie zum Plaudern gekommen war. Ihre Verdachtsdiagnose hatte sich nach einem Besuch beim Gastroenterologen bestätigt. Später würde Bernd vielleicht auf dem Sofa in der Kammer neben der Teeküche übernachten. Zu Hause wartete ja niemand mehr auf ihn, das hatte er mal zu ihr gesagt.

»Die Kinder sind ausgezogen, und seit Hedwig nicht mehr lebt, verbringe ich meine Zeit doch sinnvollerweise besser hier als allein zu Hause, oder?«

Nina hatte nur genickt. Was sinnvoll verbrachte Zeit anbelangte, war sie nicht die richtige Ansprechpartnerin.

***

In der S-Bahn erreichte sie eine Nachricht von Emilia.

Ich esse heute bei Julian.

Immerhin sagte sie Bescheid. Kurz überlegte Nina, wie der Nachname von Emilias Freund noch einmal lautete. Melzer? Messmer? Sie hatte es vergessen. Bisher hatte sie ihn nur zweimal getroffen, beide Male hatte er Emilia zu Hause abgeholt und Ninas Fragen zwar höflich, jedoch ausgesprochen knapp beantwortet. Alex hatte ihn noch gar nicht kennengelernt.

Emilias Freund war achtzehn, darauf war ihre Tochter beinahe unangemessen stolz, und er besaß sowohl einen Führerschein als auch einen eigenen Wagen. Ein großgewachsener junger Mann mit dunkelblonden Haaren, die ihm gerade so weit in die Stirn fielen, dass er sie mit einer lässigen Bewegung zurückstreichen konnte.

Nina starrte ihr Spiegelbild im Schwarz der Fensterscheibe an, bis die Bahn den Tunnel verließ und das Tageslicht es auslöschte.

Natürlich war Emilia bis über beide Ohren verliebt. Julian Melzer-Messmer sah gut aus und hatte nicht nur ein eigenes Auto, sondern auch eine eigene Wohnung.

Ein Sohn reicher Eltern. Kein Achtzehnjähriger könnte sich in München eine Wohnung leisten, schon gar nicht in der Innenstadt.

Nina mochte Julian nicht besonders. Es lag nicht daran, dass das Leben es so unglaublich gut mit ihm gemeint hatte. Jedenfalls nicht nur. Er war auch … wie ließ es sich beschreiben, ohne ungerecht zu werden? Er war vielleicht ein bisschen sehr großspurig. Sie hatte bei beiden Begegnungen mit ihm das Gefühl gehabt, dass er sich hinter seinem angedeuteten Lächeln über sie lustig machte. Über ihre Rolle als Mutter, darüber, dass sie Emilia gefragt hatte, wo sie hinfahren würden und wann sie wieder zu Hause sei. Er hatte nicht direkt gegrinst, das nicht, aber er war … er war einfach …

Die S-Bahntüren öffneten sich zischend, und Nina schoss von ihrem Sitz in die Höhe. Um ein Haar hätte sie ihre Haltestelle verpasst.

Letzten Endes war es egal. Emilia war glücklich, und nur darauf kam es wohl an.

In der Filiale angekommen, zog Nina den Kittel über ihre helle Bluse, und sie war noch damit beschäftigt, ihn zuzuknöpfen, als Agnes, ihre Vorgesetzte, den Mitarbeiterraum betrat.

»Hi, Nina, geht’s gut?«

Neben ihr stand eine junge Frau, Nina streifte sie mit einem flüchtigen Blick. Eine neue Mitarbeiterin. Agnes war darüber sicher erleichtert, der Aushang klebte schon seit Wochen an der Glastür. Sie wartete Ninas Antwort nicht ab.

»Das ist Anastasia Turmalin. Sie arbeitet heute Probe. Kümmerst du dich bitte um sie? Kasse zwei wäre frei, Larissa ist an der Eins.«

»Klar.«

Nina musterte die Frau mit dem außergewöhnlichen Namen ein wenig genauer. Sie war kleiner als sie, dunkle Haare, zum kinnlangen Bob geschnitten, tiefroter Lippenstift und ein Teint, der wirkte, als überstehe er die Sommermonate nur mit sehr viel Sonnencreme. Damit kannte Nina sich aus. Der Rotstich in ihren braunen Haaren ging mit einer äußerst empfindlichen Haut einher.

Anastasia Turmalin. Diesen Namen würde sie ganz sicher nicht vergessen.

»Hallo.« Nina nickte Anastasia zu. »Dann komm mit, ich zeig dir, wo du deine Sachen ablegen kannst. Ich bin Nina Holtstein.«

»Hi.« Anastasia streckte ihr mit einem Lächeln die Hand entgegen, und Nina erwiderte den erstaunlich kräftigen Händedruck. »Ich habe schon in einem sehr viel größeren Laden als Kassiererin gearbeitet, ich denke, ich komm hier schnell rein.«

»Umso besser.« Nina lächelte jetzt ebenfalls. Anastasia versprach eine unkomplizierte Kollegin zu werden, was man von ihrer Vorgängerin, Edwina, nicht hatte behaupten können. Edwina hatte immer leidend ausgesehen, selbst wenn sie behauptete, es gehe ihr gut, und diese Griesgrämigkeit hatten auch die Kundinnen und Kunden zu spüren bekommen. Agnes hatte lange versucht, es zu ignorieren – immer noch besser eine leidende Edwina als unterbesetzt –, an dem Tag allerdings, an dem Edwina einen lautstarken Streit vom Zaun gebrochen hatte, war das Maß voll gewesen. Sie hatte eine Kundin angeschnauzt, weil diese keine Tüte für ihre Möhren verwendet hatte. Daraufhin folgte von deren Seite ein längerer Vortrag über Nachhaltigkeit und eine direkte Beschwerde bei Agnes.

Statt Edwina also jetzt Anastasia Turmalin.

Anastasia hatte nicht übertrieben. Ganz offensichtlich besaß sie Erfahrung, und nach einer kurzen Führung zwischen den Regalen hindurch dauerte es keine zehn Minuten, bevor sie Ninas Platz an der Kasse einnahm, während Nina noch eine Weile lediglich danebenstand. Ein paar Male benötigte sie Unterstützung bei den aktuellen Sonderangeboten, doch ansonsten schob Anastasia die Waren routiniert unter dem Scanner hindurch.

Agnes war entzückt, als Nina ihr später davon berichtete.

»Die Abrechnung war auch in Ordnung«, schloss Nina. »Wir haben sie zusammen gemacht.«

Danach war Anastasia gegangen. Agnes hatte zu ihr gesagt, sie werde sich in den nächsten Tagen melden, doch so wie es aussah, würde sie nicht lange darüber nachdenken müssen, ob Anastasia für den Job geeignet war. Anzunehmen, dass Agnes jede Person eingestellt hätte, die eine Verbesserung zu Edwina zu werden versprach, doch Anastasia schien ein echter Glücksgriff zu sein. Sie hatte nicht nur Erfahrung, sondern prägte sich die Preise auch schnell ein und war ausgesprochen freundlich den Kundinnen und Kunden gegenüber gewesen. Sympathisch. Jemand, mit dem man sicher gut zusammenarbeiten konnte.

Nina packte noch ein paar Lebensmittel zum Mitarbeiterrabatt in den Stoffbeutel, den sie immer in ihrer Tasche mit sich herumtrug, dann machte sie sich auf den Heimweg. Heute Abend würde es Artischocken geben, Alex würde sich freuen. Er liebte Artischocken, im Gegensatz zu den Kindern, doch Emilia war ja ohnehin nicht zu Hause, und für Ben würde sie zusätzlich Schupfnudeln anbraten, um sein potenzielles Gemecker zu umgehen. Vielleicht noch eine Paprika. Er brauchte Vitamine. Wenn Ben irgendwann mal auszog, würde es bei ihm vermutlich nur noch Chips und belegte Brote geben, doch noch konnte sie auf die Gesundheit ihres Sohnes einwirken, wenn auch in einem geringeren Maße als früher. Früher hatte sie nicht nur mehr Einfluss auf seine Ernährung gehabt, sie hatte ihn auch bei gleich zwei Sportvereinen angemeldet. Es sollte kein Stubenhockerkind aus ihm werden. Tja, das war wohl schiefgelaufen. Eine Weile hatte es gut ausgesehen, vor allem das Volleyballspielen hatte er geliebt, doch mit der ersten Playstation im Kinderzimmer war es bergab gegangen. Nina hatte sich schon oft dafür verflucht, auf Bens Gebettel hin irgendwann nachgegeben zu haben. Die Spielekonsole besaß er immer noch, und darüber hinaus inzwischen einen aus einzelnen Komponenten selbst zusammengebauten Rechner, samt sündhaft teurem Monitor. Das Geld dafür hatte er sich an den Geburtstagen und zu Weihnachten gewünscht, auch sein Taschengeld hatte er hineingesteckt. Mittlerweile saß er nahezu ausschließlich in seiner Gaming-Höhle, und hätte er sich nach dem Abi nicht wenigstens an der Uni eingeschrieben, würde Nina sich ernsthafte Sorgen um ihn machen. Noch mehr als ohnehin schon. Er sollte mehr Freunde haben, er sollte mehr ausgehen, er sollte …

Die S-Bahn hielt, und Nina quetschte sich zusammen mit mehreren Leuten auf den Bahnsteig hinaus.

Er sollte ein bisschen mehr wie Emilia sein und Emilia dafür ein bisschen mehr wie Ben. Etwas mehr Offenheit und Lebensfreude für den einen, mehr Reflektiertheit und Besonnenheit für die andere, und beiden Kindern wäre geholfen.

Schon nach halb acht. Nina beschleunigte ihre Schritte. Zu spät sollte es mit dem Abendessen nicht werden.

Liebt er mich? Ich meine, so richtig?

2.

Manchmal fragte Emilia sich, warum Julian sich ausgerechnet für sie entschieden hatte. Es war nicht so, dass ihr Selbstvertrauen schwach ausgebildet gewesen wäre, und dennoch … Jedes Mädchen an ihrer Schule hätte sich über seine Aufmerksamkeit gefreut. Und sie war erst sechzehn, nach den Sommerferien kam sie in die elfte Klasse – er hätte jedes ältere Mädchen haben können, doch er hatte sich für sie entschieden. Wieso?

Selbst ihre Freundinnen hatten es anfangs nicht wirklich verstanden, auch wenn keine es allzu deutlich ausgesprochen hatte. Na ja, bis auf Ella, aber Ella war auch keine enge Freundin. Sie hatte gemeint, Julian verarsche sie nur. Emilia hatte mit den Schultern gezuckt und die Augen verdreht, insgeheim jedoch hatte sie in den ersten Wochen darauf gewartet, dass Ellas Prophezeiung sich erfüllen würde. Doch mittlerweile waren sie schon fast drei Monate zusammen, die Aufregung in ihrem Umfeld darüber hatte sich gelegt, und selbst Ella sagte nichts mehr.

Julian hatte sich eben in sie verliebt. Warum denn auch nicht? Bei der Theateraufführung sei sie ihm aufgefallen, und danach habe er sie nicht mehr aus dem Kopf gekriegt. Immer wenn Emilia an dieses Geständnis dachte, dankte sie im Geiste Alina, ihrer besten Freundin, die sie quasi in die Theater-AG gezwungen hatte. Hätte Emilia sich nicht breitschlagen lassen – sie mochte gar nicht daran denken.

In diesem Moment stand Julian am Herd und kochte für sie. Er kochte für sie! Das musste man sich mal vorstellen. Julian war einfach etwas Besonderes.

»Antipasti?«

Julian servierte eine Platte mit Mozzarella, getrockneten Tomaten, eingelegten Oliven, kaltem gegrillten Gemüse und luftgetrocknetem Schinken. Das meiste davon hatten sie vorhin auf dem Viktualienmarkt gekauft, es war unglaublich teuer gewesen, aber Julian hatte bezahlt, ohne eine Miene zu verziehen.

Jetzt nahm er eine Olive, in deren Öffnung eine Mandel steckte, und schob sie Emilia in den Mund. Direkt danach küsste er sie auf die geschlossenen Lippen, lächelte und wandte sich wieder dem Herd zu, auf dem es in einem hohen Topf vor sich hin köchelte.

»Die Artischocken sind auch gleich fertig, zehn Minuten noch.«

An sich mochte Emilia keine Artischocken, genauso wenig wie Oliven, doch während sie kaute, überdachte sie ihre bisherigen Glaubenssätze noch einmal. Es schmeckte … interessant. Eigentlich gar nicht schlecht. Irgendwie … erwachsen.

Emilia musste grinsen. Es schmeckte, weil Julian es für sie zubereitet hatte, ganz einfach. Vermutlich würde sie auch gleich die Artischocken mögen.

Julian stellte ein Holzbrett mit zwei gerösteten Fladenbroten auf den Tisch – auch vom Viktualienmarkt – und setzte sich zu ihr. Die knusprige Kruste zerbrach mit einem appetitlichen Knistern, als Julian zwei Stücke davon abriss und ihr eines davon auf den Teller legte.

»Iss. Und sag mir, was du am liebsten magst.«

Dich, dachte Emilia. Dich mag ich am liebsten.

Sie angelte sich eine eingelegte Paprika von der Platte, mit den Fingern, weil Julian es auch so machte. Es schmeckte ölig und leicht rauchig, einfach fantastisch. Julian grinste sie an, während er sich erst ein Stückchen Schinken und dann eine der kleinen Mozzarellakugeln in den Mund steckte. Emilia liebte seinen Mund. Während er jetzt erzählte, wie irgendeine seiner Lehrerinnen sich heute vor dem versammelten Leistungskurs blamiert hatte, hing Emilias Blick an seinen Lippen, die so weich waren und sich beim Küssen genau richtig anfühlten. Vor Julian hatte sie Küssen, um ehrlich zu sein, als ein wenig überbewertet empfunden, aber wenn Julian sie küsste …

Eine Hitzewelle breitete sich in ihrem Brustkorb aus, ganz langsam, wie zähfließende Lava. Sie könnte Julian ständig küssen, doch sie hielt sich zurück, weil sie wusste, dass Jungs Mädchen, die an ihnen klebten, nicht sehr spannend fanden. Man musste sich immer ein bisschen rar machen, sich etwas geheimnisvoll geben. Nicht jedes Mal Zeit haben, wenn sie einen fragten. Vielleicht könnte es bei Julian anders werden, Emilia hoffte es, doch noch waren sie nicht lang genug zusammen, als dass sie sich in dieser Hinsicht sicher gefühlt hätte.

»Und?«, unterbrach er ihre Gedanken. »Was schmeckt dir am besten?«

»Das gegrillte Gemüse.«

»Mhm, gute Wahl.« Er stand auf. »Mag ich auch am liebsten. Vor allem die Aubergine. Nimm dir die letzte. Und probier das Öl mit dem Fladenbrot.«

Er schaltete den Herd aus und goss die Artischocken ab. Emilia wischte mit dem Fladenbrot über die Platte und musste Julian recht geben – wie hatte sie Antipasti jemals ablehnen können?

»Was trinken wir eigentlich? Bleibst du bei Wasser?« Julian drehte sich zu ihr um. »Wir könnten auch einen Wein …« Er unterbrach sich, schüttelte den Kopf. »Nein, Wasser ist auch okay, denke ich.«

Emilia atmete aus. In ihrem ganzen Leben hatte sie erst zweimal Wein probiert und ihn beide Male scheußlich gefunden. Fast so widerlich wie Bier. Das war noch ekliger. Schmeckte so, wie Kotze roch. Trotzdem war Emilia hin- und hergerissen zwischen Dankbarkeit, weil Julian auf ihr Alter Rücksicht nahm, und Ärger darüber, dass es hier und jetzt eine Rolle spielte, ihr Alter.

»Vielleicht ein kleines Glas?«, schlug sie vor.

Julian lachte leise. »Nein, lass mal. Vielleicht darfst du nachher mal an meinem Grappa riechen.«

Emilia streckte ihm die Zunge heraus, insistierte jedoch nicht weiter, und Julian stellte ein Schälchen mit einer senfgelben Soße auf die beinahe geleerte Antipasti-Platte, beugte sich über den Tisch, umfasste ihren Kopf und öffnete seinen Mund, während Emilias Puls in die Höhe schoss. Er schmeckte salzig und scharf, weil er beinahe alle Peperoni-Oliven allein gegessen hatte, und er küsste sie mit einer Intensität, die Emilia aufseufzen ließ. Sie konnte spüren, wie er lächelte, sie noch einmal sehr viel sanfter küsste und sich dann aufrichtete.

»Das passiert, wenn du mir die Zunge rausstreckst«, warnte er sie, und Emilia hätte es am liebsten gleich noch einmal getan, doch sie hielt sich zurück. Immer ein wenig Abstand wahren, sie wusste genau, wie dieses Spiel funktionierte.

Die Artischockenblätter wurden abgezupft und mit dem dickeren Ende in die Senf-Vinaigrette getaucht. Dann musste man sie über die Zähne ziehen, um den weichen, fleischigen Teil abzunagen, und allein das war ein kleines Abenteuer. Es schmeckte überhaupt nicht nach den säuerlichen Dingern aus dem Glas, die ihr Vater gern auf seiner Pizza mochte. Nicht einmal das Herz der Artischocke. Das Herz der Artischocke. Das klang sogar schön, wie ein Buchtitel.

»Ich habe noch nie etwas so Leckeres gegessen«, sagte Emilia und meinte es auch so. Es schmeckte himmlisch, einfach alles.

»Warte aufs Dessert«, erwiderte Julian.

»Es gibt auch noch Nachtisch?«

»Na klar.«

Sie hätte nicht so viel Fladenbrot in die Vinaigrette dippen sollen.

»Das hättest du mir besser gleich gesagt – jetzt bin ich schon satt.«

Emilia verwarf diese Aussage unmittelbar wieder, nachdem Julian die kleine weiße Schachtel öffnete, die er aus einem der Küchenschränke geholt hatte. Pralinen. Winzige Pralinen, und keine sah aus wie die andere. Es gab helle und dunkle, runde und eckige. Manche waren gezuckert, andere mit Krokant bestreut, es gab welche, die aussahen wie Erdbeeren oder Blätter, und manche waren sogar rosa.

»Probier die.« Julian nahm eine Praline heraus, die wie ein Schmetterling geformt war. »Buttercreme mit Karamell.«

Emilia nahm Julian die Praline aus der Hand, biss hinein und stöhnte auf. »Oh mein Gott! Okay, aber jetzt stimmt es: Ich habe noch nie etwas so Leckeres gegessen!«

»Ach, du mochtest also meine Artischocken nicht?«

Ohne nachzudenken, streckte Emilia ihm ein weiteres Mal die Zunge heraus, und sie schmeckte noch sahniges Karamell, als er sie wieder küsste. Er hatte sich nicht zurück auf seinen Platz gesetzt, nachdem er die Pralinen aus dem Schrank geholt hatte, sondern sich neben ihr an die Tischplatte gelehnt, und während er sie jetzt küsste, packte er sie an den Unterarmen und zog sie auf die Füße.

»Gehen wir rüber?«, murmelte er gegen ihre Lippen.

»Mhm.« Emilia konnte nicht antworten, genau genommen konnte sie kaum stehen. Ihre Beine fühlten sich schwach an, seltsam kraftlos, und sie hatte nichts dagegen, dass Julian sie mit seinem Körper durch die Küche dirigierte, den Flur entlang und bis in sein Schlafzimmer, wobei seine Hände unter ihr Top glitten, ihren Rücken, ihre Schultern, ihre zu kleinen Brüste streichelten. Gemeinsam sanken sie aufs Bett, Julian achtete darauf, nicht auf sie zu fallen, obwohl Emilia in diesem Moment auch dagegen nichts gehabt hätte. Am liebsten würde sie ihn überall gleichzeitig spüren, seine Lippen, seine weichen Haare, seine Hände, seinen Atem auf ihrer Haut. Dass etwas so sein konnte, so vollkommen, so perfekt, hatte sie vor Julian nicht einmal geahnt.

»Emmi.« Er flüsterte ihren Namen zwischen zwei Küssen. »Ich würde es gern tun.« Ein kurzes Zögern. »Willst du es auch?«

Etwas Perlendes mischte sich in ihre Gefühle wie Säure, nadelfeine Stiche in ihrem Brustkorb, die unmittelbar darauf zu glühen begannen. Mit Julian schlafen, jetzt und hier. Es wäre ihr erstes Mal, und er wusste das.

Wollte sie es?

Wollte sie?

Er hatte aufgehört, sie zu küssen, sah sie nur an, sein schönes Gesicht über ihr, mit einem fragenden Ausdruck in den Augen.

»Okay.« Emilia flüsterte ebenfalls.

»Ganz sicher?«

Sie nickte.

Das Lächeln, das er ihr jetzt schenkte, erfüllte sie mit Glück, und als er ihr Top nach oben schob, hob sie bereitwillig die Arme, damit er es ihr über den Kopf streifen konnte.

Er hatte sie schon nackt gesehen, und er hatte ihr erklärt, dass es keinen Grund gab, sich für die eigene Nacktheit zu schämen. Keine Decke, die man über die intimen Stellen zog, keine vorgehaltenen Hände.

»Du bist so wunderschön«, sagte er jedes Mal, und inzwischen glaubte sie ihm fast, obwohl sie anfangs noch mit brennenden Wangen gekichert hatte.

Auch sie hatte ihn schon nackt gesehen, natürlich, und er hatte ihr gezeigt, wie sie seinen Penis berühren, wie sie ihn streicheln musste, und das war so völlig anders als bei Daniel gewesen, dem einzigen Jungen, dessen Penis sie ebenfalls schon gesehen hatte. Daniel hatte dabei an die Decke gestarrt, und Emilia war unsicher gewesen, ob er das, was sie da so unbeholfen tat, überhaupt mochte. Bei Julian gab es diese Unsicherheit nicht, er wusste genau, was ihm gefiel, und es war ihm nicht peinlich, es ihr zu zeigen. Alles wurde viel leichter dadurch.

Als er sich jetzt über sie lehnte, hielt er ein Kondom zwischen seinen Fingern. »Better safe«, sagte er, und einer seiner Mundwinkel hob sich dabei.

Emilia konnte nicht antworten. Gleich. Gleich würde es passieren, und sie hatte schon oft gehört, dass es wehtat. Alina hatte es mit Luca getan, einfach so, nur um es mal auszuprobieren. Sie waren nicht einmal zusammen gewesen, Alina hatte nur wissen wollen, wie es sich anfühlte, und danach hatte sie gemeint, es mache vermutlich Spaß, wenn man etwas entspannter dabei sei. Also versuchte Emilia, sich zu entspannen, aber wie sollte sie sich denn jetzt entspannen, das war doch völlig unmöglich …

»Hey. Emmi.« Julian küsste sie, und Emilia schlug die Augen auf.

Er senkte sich auf sie, sie spreizte die Beine, um es ihnen beiden leichter zu machen, fühlte den Druck und presste die Lippen zusammen, während er sich langsam in sie schob. Eine kurze Pause, und dann noch etwas weiter.

»Ah …«

Ein halb geseufzter, halb geflüsterter Laut, es war gar nicht so schlimm. Und als Julian sich jetzt in ihr bewegte, immer noch langsam und unendlich vorsichtig, hätte Emilia am liebsten geweint, sie wusste selbst nicht, warum.

Danach lagen sie eng umschlungen nebeneinander, ihr Rücken an seiner Brust. Mit einem Arm drückte er sie an sich, umschloss ihre Hände, und alles war Geborgenheit und Liebe. Genau so. So musste alles sein.

Bin ich eigentlich … richtig?

3.

Ben wusste, seine Mutter war genervt, weil er sie gefragt hatte, ob er in seinem Zimmer essen könne, und er war genervt, weil sie es nicht erlaubt hatte. In nicht einmal vier Monaten wurde er zwanzig, aber hier saß er, wie ein gehorsamer Zehnjähriger.

»Es ist die einzige Mahlzeit am Tag, bei der wir alle gemeinsam am Tisch sitzen, Ben«, hatte seine Mutter gesagt. Das sagte sie jedes Mal.

Ja, von wegen. Emilia war nicht da. Und er könnte in diesem Moment gut darauf verzichten, sich mal wieder die Klinikgeschichten seines Vaters anzuhören. Wie sein Mitarbeitergespräch gelaufen war, was sein Chef zu ihm gesagt hatte und dass diese eine Ärztin einfach nie den richtigen Ton in den Gesprächen mit Angehörigen fand – im Gegensatz zu ihm natürlich. Gab es etwas Langweiligeres? Unwahrscheinlich. Könnte er es sich irgendwie leisten, er wäre längst ausgezogen.

»Nimm dir Paprika, Ben.«

Seine Mutter sagte es in ihrem Wir-wollen-jetzt-nicht-streiten-Tonfall, der immer von einem etwas bemühten Lächeln begleitet wurde, und er zog den Teller mit dem Gemüse zu sich heran. Es fühlte sich an wie ein Zugeständnis, und auch darüber ärgerte er sich.

Jasminka hatte heute im Seminar neben ihm gesessen. An einem anderen Tisch, aber neben ihm. Sie hatten sich sogar kurz unterhalten. Okay, man konnte es vielleicht nicht wirklich eine Unterhaltung nennen – sie hatte ihn nach einem Stift und Papier gefragt, weil es ihr trotz vollem Akku nicht gelungen war, ihr Notebook hochzufahren, und er hatte aus einem spontanen Impuls zurückgefragt, ob sie die Helligkeitseinstellungen überprüft habe. Hatte sie nicht. Eigentlich war es doch fast eine Unterhaltung gewesen. Sie hatte überrascht aufgelacht und sich bedankt, und er hatte für den Rest des Seminars darüber nachgedacht, was er noch zu ihr sagen könnte, statt sich auf den pH-Wert, die Kationenaustauschkapazität und den Nährstoffgehalt von Böden zu konzentrieren, während ihr Duft ihm die Sinne vernebelte.

Jasminka Dussmann hatte zu Beginn des Sommersemesters Raum 214 betreten, und seit diesem Tag war kein weiterer vergangen, an dem er nicht an sie gedacht und sich gewünscht hatte, ihm würde irgendetwas einfallen, um sie näher kennenzulernen. Sie hatte dunkle lockige Haare, einen breiten Mund, und wenn sie laut lachte – sie lachte immer laut –, hielt jeder inne, um sie anzusehen. Ben kannte niemanden in diesem Kurs näher, und trotzdem bekam er mit, wie sich seine Kommilitonen über Jasminka Dussmann unterhielten. Sie war eine Zehn von Zehn, sie war intelligent und wunderschön, und sie roch unglaublich gut. Das war ihm schon vorher aufgefallen, es war kein Parfum, vielmehr eine Mischung aus Deo und …

»Benjamin?«

»Was?« Ben fiel aus seinen Gedanken.

Sein Vater musterte ihn. »Ich habe dich gefragt, was du heute so gemacht hast?«

»Nichts.« Ben schob sich eine Gabel Schupfnudeln in den Mund.

»Wie, nichts? Warst du nicht in der Uni?«

»Doch.«

»Ja, und?«

»Was, und?«

Sein Vater hob die Augenbrauen und schüttelte den Kopf, spätestens ab diesem Augenblick war auch er genervt.

»Kannst du nicht einmal eine simple Frage anständig beantworten?«

»Ich hab sie doch beantwortet«, erwiderte Ben gleichmütig.

Eine Weile lag das Schweigen über dem Tisch wie eine schwere Decke. Ben war klar, dass sein Vater es damit nicht auf sich beruhen lassen würde, doch er sah nicht ein, warum er ihm für seine üblichen Vorwürfe auch noch entgegenkommen sollte.

»Du warst also in der Uni. Und sonst?«, nahm sein Vater schließlich einen neuen Anlauf. »Was hast du sonst den ganzen Tag gemacht?«

»Reicht das nicht?«

»Kommt wohl darauf an, wie lange du dort warst.«

»Lang genug.«

»Ich tippe also darauf, dass du heute die meiste Zeit mal wieder in deinem Zimmer herumgesessen hast.«

Da waren sie wieder. Einfach mal ein Abendessen, ohne dass er sich seinem Vater gegenüber rechtfertigen müsste, das wäre doch mal was.

»Ben?«, insistierte der jetzt, weil Ben sich darauf beschränkte, mit gesenktem Blick seinen Teller zu leeren. »Hallo?«

»Ja, was denn noch?« Ben sah auf. »Ich war in der Uni, und ansonsten war ich zu Hause und hab gelernt.«

»Das hat er wirklich«, warf seine Mutter ein, obwohl sie das nicht wissen konnte. »Lass es gut sein, Alex.«

»Ich sag doch gar nichts.« Sein Vater schenkte sich Wasser nach und hob dann den Krug mit einem fragenden Blick in die Runde. Seine Mutter nickte, und er schenkte auch ihr ein.

»Ich frage mich einfach, wie man neunzig Prozent seiner Zeit auf einem Schreibtischstuhl verbringen kann«, fuhr er dann fort. »Du findest doch selbst, dass er es mit dieser Zockerei übertreibt.«

Ben hasste es, wenn sein Vater über ihn sprach, als säße er nicht unmittelbar neben ihm, und er hasste es ebenfalls, wenn er schlichtweg alles, was er tat, unter dem Begriff Zocken zusammenfasste.

Seine Mutter seufzte.

Natürlich teilte sie die Meinung seines Vaters, weswegen sie auch ständig versuchte, ihn zu motivieren, sich mit Henry zu treffen oder mit Paul oder mit irgendeiner Person, die sie aus seiner Schulzeit noch in Erinnerung behalten hatte. Ben rechnete es ihr an, dass sie dennoch versuchte, ihm vor seinem Vater nicht in den Rücken zu fallen.