Allein unter Wasser - Nils Hünerfürst - E-Book

Allein unter Wasser E-Book

Nils Hünerfürst

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Beschreibung

Ein schwarz-weißes Video. Zwei Gestalten mit Opernmasken. Ein Fall, der alles verändert. Es hätte ein gewöhnlicher Tag für die beiden Polizisten Jaxon Patel und Barrett Gabditt werden sollen. Ein einfaches Gespräch mit einem ehemaligen Polizisten. Doch plötzlich sind sie mittendrin in einem kranken Spiel, das für unschuldige Frauen mit dem Tod endet.

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Für meine Frau und Kinder.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

EPILOG

VORWORT

Es war ein sehr eigenartiges Gefühl. Schon der zweite Roman, geschrieben auf einem Laptop der bereits zehn Jahre alt war, damals von einem anderen Ich gekauft. Einer Version meines Selbst, welches nie geglaubt hätte, überhaupt ein einziges geschriebenes Werk zu verkaufen. Niemals!

Das wiederbelebte Selbstbewusstsein des kreativen Schreibens verdanke ich nämlich nicht den intellektuellen Germanistikakademikerinnen, die mir meine eigene Muttersprache madig lehrten, sondern vielmehr dem schwierigsten Kampf, den man überhaupt führen kann: das Überwinden des eigenen Selbstzweifels. Und natürlich einer gehörigen Menge Disziplin, denn nur, wer konsequent an einem Projekt arbeitet und natürlich auch mal daran scheitert, hat überhaupt die Möglichkeit, sich selbst darin zu verbessern.

Durch die vielen sozialen Netzwerke unserer Zeit und die weltweite Vernetzung habe ich sehr schnell von Menschen, die mit dem geschriebenen Wort ihr täglich Brot verdienen, mitbekommen, dass das kreative Schreiben aus zehn Prozent Tasten tippen und aus neunzig Prozent Unsicherheit gepaart mit einer regelrechten Verkrampfung des alles und allwissenden Hirnstammes zusammengesetzt ist.

Der wichtigste zentrale Knotenpunkt in unserem Schädel, dieser Hirnstamm. Man unterschätzt ihn sehr. Großhirn, Kleinhirn, Frontallappen – alles weitbekannte Gehirnregionen, nicht so der Hirnstamm.

Er liegt bei jedem menschlichen Wesen genau auf Augenhöhe, im Zentrum jedes Kopfes, und dort bildet er das Ende von Nerven, die noch aus der Wirbelsäule hochragen. Unser drittes Auge. Ein wahrer Endgegner also.

Man kämpft beim Tippen auf die Tasten stets gegen diesen allmächtigen Widersacher. Faule Tricks werden gegen uns eingesetzt, um unser motiviertes, kreatives Ich vom Schreiben abzuhalten.

In vielen Ratgebern, die sich mit der unmöglichen Aufgabe, der Formulierung einer Definition für die Kreativität, befassen, wird immer derselbe Tipp für das Durchbrechen einer Schreibblockade empfohlen.

Einfach anfangen, damit eine Kaskade der Aktivität ausgelöst wird. Und das stimmt leider auch so.

Diese Verkettung von Prozessen, der strömende Wasserfall, beginnt bei jedem von uns. Dessen bin ich mir sicher. Sobald man sich hinsetzt und zehn Minuten seine Gedanken in eine fiktive Welt versinken lässt, dabei die Konzentrationsplaylisten in den Shuffle-Modus geschaltet hat, können die Finger mit den eigenen Gedanken schneller nicht mehr Schritt halten, als man jemals hätte erahnen können.

Leider ist es ungemein schwierig, überhaupt standhaft zu bleiben.

»Jeden Tag, und zwar mindestens 30 Minuten lang«, das sagte ich mir für mehr als zehn Monate. Egal wo und egal wann. Ich schrieb auf Parkbänken im Winter, während schon die Finger vor Kälte schmerzten, ich schrieb auf jeder U-Bahnfahrt, auch wenn sie nur acht Minuten lang war. In einer Höhe von 44.000 Fuß und neben einem zehn Zentimeter aufgespreizten Brustkorb mit Blick auf zwei verschleimte und vernarbte Lungenflügel machte ich mir Notizen für dieses Buch. Daria, eine Schulfreundin, half mir, einen besseren Einblick in meine Protagonistin zu bekommen. Meine Frau, die mich stets dabei unterstützte, wenigstens meine halbe Stunde pro Tag einhalten zu können, stand immer hinter mir. Danke.

Es war stets nicht leicht, machte aber jedes Mal wieder Spaß, in die Charaktere einzutauchen, auch wenn die Momente, in denen man sie selber hineinwarf, teilweise doch sehr anstrengend und düster waren.

Ich bin froh, es wieder geschafft zu haben, mit allen Fehlern, die meiner Korrektorin und mir nicht aufgefallen sind, und auch mit den leichten Abweichungen der Schwarz- und Grautöne auf dem Cover, die sich bei jeder gedruckten Ausgabe aufs Neue eingeschlichen haben.

Erschöpft, gleich dem Absolvieren eines ungefähr 304 Tage langen Marathons durch ein bergiges Fließtal im kalten Herbstregen, lege ich die Beine hoch, atme tief ein und erfreue mich neuer Herausforderungen.

Ich schau aus dem Fenster, während die Kamera, die mich beim Trinken meines sechs Kalorien reichen Tees überaus gut in Szene setzt, langsam über mein geöffnetes Fenster hindurch in den abendlichen Sommerhimmel fliegt und eine schwarze Abblende den Prolog einläutet.

PROLOG

»80 £ hast du für so ein Ding bezahlt? Ist doch nicht dein Ernst, oder?«, sagte Barrett zu seinem jungen Constable neben sich, während er im üblichen Montagmorgenverkehr der Londoner Straßen das Lenkrad seines geliebten braunen 1975er Buick Skylark in den Händen festhielt. Barrett Gabditt, der Fahrer dieses von Schwanzträgern erbauten Gefährts und auch nur für ihresgleichen angedachten Käufern, brachte gerne mal Zahlen wie 285 Pfund auf die digitale Waagenanzeige, und das mit einer Körpergröße von 6 Fuß. Kennen Sie diese beeindruckenden Vorher-Nachher-Fotos von Menschen, die mehr als 14 Gallonen Wasser an Masse abgenommen haben?

Auf der linken Bildhälfte das Vorher-Bild. Ein fettes, unglückliches Etwas, meist in unsportlicher Haltung fotografiert.

Auf der linken Seite: Die für jedermann motivierende Geschichte einer Person, welche es innerhalb von nur wenigen Monaten geschafft hat, hunderttausende Adipozyten zu verbrennen und einige davon in wohl genutzte Muskeln zu verwandeln. Bei Barrett Gabditt sahen beide Fotos identisch aus. Er war links fett und rechts fett; wenn das rechte Foto nur eine Woche später aufgenommen wäre sogar noch fetter, aber auch weitaus glücklicher strahlend.

Er war einfach fett und überaus zufrieden mit sich und seinem Körperbild. Wenn ihn jemand als ungesund beleidigte, gab er demjenigen die Aufmerksamkeit, die er gerade wollte, hörte sich die Predigt mit einer ungleichen coolen Miene im Gesicht an und schaltete bei Themen wie soziales Gesundheitssystem oder Gewichtsparadoxon ab. Er hatte schon als übergewichtiger Teenager gelernt, dass ein Appell dieser Natur nie für ihn persönlich bestimmt ist, sondern immer an seine noch fetteren Brüder und Schwestern gerichtet war.

Diese befanden sich, nicht so wie er, in einer depressiven Phase und waren deshalb fett geworden. Barrett war, im Vergleich zu all den anderen fett gewordenen Weicheier, einfach ein glücklicher speckiger Inspector.

In seinem 25. Jahr bei der Metropolitan Police schweiften seine Gedanken immer mehr Richtung Ruhestandstätigkeiten. Während der Autofahrt zu einer rein informell angeordneten Befragung drängte es Barrett sehr oft in das Vorhaben, seine Autositzbänke gegen die eines 1973er Buick Centurion auszutauschen.

Der Centurion war der obere Mittelklassen-PKW und der Letzte seiner Modellreihe und bot auf seinen Sitzbänken viel mehr Komfort für richtig dicke Ärsche. Während Barrett auf die grauen Wolken blickte und auf all die schwerfälligen Stunden des Morgens zurückblickte, war er in Gedanken in seiner Werkstatt, visualisierte sein Auto und strich sich über seinen frisch geschorenen Bart und fuhr sich auch mal durch sein Kopfhaar. Welches für sein Alter ungewöhnlich dicht war und voll und das er sich seit über 30 Jahren nur vom selben Friseur, in einem kleinen Laden, direkt unter seinem Appartement, von immer derselben schwerfälligen Frau schneiden ließ. Sozusagen eine richtige Kunden- und Dienstleisterehe.

»Ich glaube, du unterschätzt einen 80 £ teuren Herzfrequenz-Sensor-Brustgurt gewaltig, mein Dickerchen!« Jaxon Patel, der Modemagazin-Schönling mit dem sonnengebleichten braunen Haar und pickelfreier, gepflegter Haut, ohne viel dafür zu tun, gab diese freundschaftliche Antwort von seinem Beifahrersitz aus zurück.

»Vor zwei Wochen hast du mit diesem Mist angefangen, erst diese ›Uhr‹ für ... Wie teuer war sie noch gleich? 500 £?« Barrett sprach im schnellen Monolog, ohne auch nur einmal die Straße aus den Augen zu verlieren.

»499,95 £!«, antwortete Jaxon und drehte sich auf seinem Sitz zu Barrett. »Du verdrehst wieder nur die Fakten, um deinen Auftritt zu überdramatisieren. Lass mich doch meine geringe sportliche Motivation mit ein wenig Technik-Schnick-Schnack verstärken.«

Der Satz und die Unterhaltung schienen damit erstmal beendet zu sein. Barrett bremste das zweitürige Coupé und musste seinen geliebten V6-Motor wegen einer roten Ampel an der Elm Drive und Woods Avenue runterbremsen. Wenige Sekunden später setzte ein Regenschauer ein und Barrett schaltete die Scheibenwischer auf die erste Stufe. Im Fünf-Sekunden-Takt hörte man nun einen doppelten Scheibenwischerklang.

Die Bäume und die vielen Hecken, die hier in Hatfield standen, waren schmackhaft grün und sahen allesamt verdammt gut aus. Wie eine gut gefüllte, unverbrauchte Volljährige, die alleine an der Bar darauf wartete, von einer zufälligen männlichen potenten Person angegraben zu werden. Es wäre ihr einfach egal gewesen, Hauptsache, Es besaß die Koordination, um sie mit halbwegs rhythmischen Bewegungen durchzurammeln.

»Weißt du, warum wir in dieser alten, aber schönen Karre sitzen?«, fragte Barrett genüsslich mit Blickrichtung zur roten Ampel.

Jaxon seufzte. »Keine Ahnung.«

»Es war der 6. Juni 1987.« Er fixierte weiter die rote Ampel und presste seine Hände um das hölzerne Lenkrad. »Eine neue Folge A-Team lief. Blood, Sweat and Cheers. Es war eine Rennfahrer-Episode. Das übliche TV-Drama in unter einer Stunde. Ein Haufen Autos waren zu sehen, doch nur eines fiel mir so richtig ins Auge. Das Fernsehen von damals sah so schäbig aus, aber egal, nach gut einer halben Stunde tauchte dieser Rennfahrer mit einem bildschönen schwarzen 1975er Buick Skylark auf«, sagte Barrett mit ernster Miene und blickte nun zu Jaxon hinüber. »Mach einfach das, was dich und im besten Fall noch gleich jemand anderen mit glücklich macht. Und höre schon gar nicht auf einsame Fettsäcke wie mich.«

Jaxon wusste nicht, woher diese ernste Stimmung von Barrett kam.

»Ich habe mir mit diesem Auto einen Traum fürs Leben erfüllt, du bist noch weitaus jünger als ich. Träume bitte von etwas Größerem, ja?«

»Was ist denn heute mit dir los? Muss ich mir Sorgen machen?« Während Jaxon sprach, kramte er schon die Untersuchungsunterlagen von der geräumigen Lederrückbank. »Kennst du etwa unsere Zielperson? Russell Crusoe?«

»Nein. Ich kenne sie nicht, aber unsere Aufgabe macht mir ein bisschen Sorgen«, sagte Barrett.

Die Ampel strahlte grün und das Gaspedal konnte von Barretts Fuß hinuntergedrückt werden.

»›Bishop’s Hatfield Girls’ School‹, dort ging meine Mutter zur Schule«, sagte Jaxon vor sich her und zeigte auf das grau und rot gefärbte, neu-moderne Gebäude auf Barretts Straßenseite. »Entschuldige. Warum macht sie dir Sorgen?«, fragte Jaxon mit verdatterten Augen.

»Hmm ... Was?«, antwortete der in Gedanken versunkene, fettleibige Fahrer.

»Unsere Aufgabe, Russell Crusoe nochmal zu befragen. Warum bereitet sie dir Sorgen? Und kann es sein, dass du schon wieder Hunger hast? Halte doch da vorne bei dem Sandwichladen an und hol dir fix noch was zu essen.« Eine Eigenheit von Jaxon war es, immer alles zu hinterfragen, selbst wenn es für beide Gesprächspartner unangenehm werden könnte. Jaxon selber besaß in dieser Hinsicht keine Scham.

»Nein, danke!«, raunte Barrett zurück.

»Aber was bereitet dir jetzt Sorgen? Mann, Barrett! Sei nicht so mundfaul«, meckerte Jaxon erschöpft.

»Ich weiß nicht genau. Ein pensionierter ehemaliger Polizist, der jetzt immer noch auf eigene Faust ermittelt. Das klingt für mich nach einer Person, die entweder kurz vor dem Irrenhaus steht, zusammen mit all den anderen Verschwörungstheoretikern und Pädophilen, oder er hat einfach mal recht mit all dem, was er auch immer herausgefunden hat.« Barrett beendete seinen Monolog und gleichzeitig die 55-minütige Fahrt aus der Londoner Innenstadt zum Ziel.

28 Brain Cl in Hatfield.

»Der Chief Inspector hat, glaube ich, gerade Mühe, uns alle zu beschäftigen und hat einfach wahllos eine nicht abgeschlossene Akte angeklickt«, gab Jaxon zurück, während er aus dem Auto stieg.

Von den doch recht starken Regentropfen leicht überrascht, kramten beide ihre Regenschirme aus den Taschen und schoben die Teile in ihre einzig wahre nutzvolle Transformation. Jaxon kramte dann noch seine tiefschwarze Ledermappe von der Rückbank hervor. Er suchte in den sogar für ihn recht dick gefüllten Unterlagen über Russell Crusoe das Deckblatt mit seiner Personenbeschreibung. Sein schwerfälliger Partner stand in einem alten, hellbraunen, abgeranzten, knielangen Mantel neben ihm.

»Wirst du das dein Leben lang so machen?«, fragte Barrett.

»Was meinst du?«, gab Jaxon zurück. Er wusste ganz genau, was Barrett meinte und wollte ihn sich zum hundertsten Mal erklären lassen.

»Die Personenbeschreibung durchgehen.« Barrett nahm den Regenschirm von Jaxon in seine zweite Hand. »Körpergröße. Gewicht. Alter. Alles schön einprägen, um im unwahrscheinlichen, aber möglichen Fall eines körperlichen Konfliktes vorbereitet zu sein.«

»Ja, genau das möchte ich jetzt machen. Man weiß nie, was heute noch alles passieren kann. Vielleicht scheint ja heut sogar noch die Sonne.«

Jaxon war jung, dennoch hatte er sich, zum Leid seiner gesamten Kollegenschaft, angewöhnt, seinen Daumen und Zeigefinger anzulecken, um besser durch das schwindende analoge Medium aus Recyclingpapier zu kommen. Man könnte sagen, dass der Schönling, der nahezu perfekt war, bis auf dieses kleine Manko keine nervigen Angewohnheiten hatte.

Als Barrett ihn von der Seite beobachtete, wie er durch seine blauen Augen die Blätter scannte, erinnerte ihn ein dicker, goldener Ehering an seine Ehefrau Cayleigh, die Zuhause auf ihn wartete und jeden Tag besorgt um ihn war, wenn er ihre Wohnung verließ.

Sie hatten sich schon ein paarmal zu dritt getroffen. Sie hatte zwar die Hosen in der Beziehung an, es waren allerdings nur kurze Shorts, und so, wie es Barrett einschätzte, gab es auch Momente, in denen auch Jaxon mal die längeren Hosen anhatte.

»Männlich ...«

»Ach wirklich! Männlich, ja?«, warf Barrett ein und belächelte seinen ehrgeizigen Partner mit großen Augen. »Zwei Ohren hat er bestimmt auch, oder?« Jaxon erwiderte den Blick von Barrett mit eiskalter Miene.

»Halt dein Maul, du Fettsack.«

»Du kannst ruhig etwas kreativer mit deinen Beleidigungen werden. Ich hab‘s ja auch nicht anders verdient.«

»Ne, das passt schon«, antwortete Jaxon. »Du Stück Scheiße hast es gar nicht verdient, dass man sich über dich so viele Gedanken macht.« Eine kurze Dialogpause brachte den Sound des Regens ganz weit nach vorn in die Tonmischung. Jeder einzelne Tropfen war in der Sackgasse der kleinen Wohnsiedlung zu hören. Barrett fing langsam und genüsslich an zu grinsen.

»Das war doch schon eine ganz gute Beleidigung, du kleiner Wichser, für einen Montagmorgen natürlich. Kurz und bündig, aber du hättest noch etwas Würze in deine gut umgedrehte zweite Hälfte packen können.« Jetzt fing auch Jaxon leicht an zu grinsen.

»Ja, ich weiß, aber mir fiel nichts ein. Mein Frühstück war winzig und das Wetter fuckt mich gerade echt ab.« Jaxon und Barrett hatten sich von Anhieb auf einer besonders eigenartigen Ebene verstanden. Sie waren beide heterosexuell, aber wäre einer von ihnen am nächsten Morgen als eine Frau aufgewacht, würden sie ein glückliches Paar bis zu ihrem Lebensende abgeben. Jetzt, nach über zwei Jahren gemeinsamer Arbeit bei der Londoner Metropolitan Police, standen sie kurz vor banalen Zeugenbefragungen, an die sie sich ihr Leben lang erinnern würden.

Jaxon atmete durch und fuhr seine kleine Streber-Routine fort.

»Russell Crusoe. Männlich. 74 Jahre alt. Schwarz. 5,6 Fuß groß und ganz sicher keine 160 Pfund mehr schwer, wie es in seiner alten Akte steht.« Jaxon kramte tiefer durch die Akte und war leicht genervt von seiner unhandlichen Ledermappe und dem immer lauter werdenden Regen.

»Warum glaubst du, dass das nicht mehr stimmt?«, fragte Barrett.

»Na ja ... nun ... er ist seit sechs Jahren im Ruhestand und wird sich eine wohlverdiente Plauze angefuttert haben«, antwortete Jaxon und musterte seinen Partner. »Du würdest, wenn du es lebend bis zu deinem Ruhestand schaffst, nach zwei Jahren einfach explodieren.«

Zur Überraschung von Jaxon ignorierte Barrett diesen schlechten Scherz von seinem Partner, denn es fiel ihm das Résumé von Russell Crusoe ins Auge und es machte ihn immer neugierig, was ältere Menschen schon hinter sich hatten.

»50 Jahre bei der Metropolitan Police«, staunte Barrett, ohne auch nur seine eigenen Jahre durchzuzählen, denn er war auch schon bei der Hälfte der Zeit angelangt. »Angefangen bei der SO3 ...«

»Was war das noch gleich?«, unterbrach ihn Jaxon.

»Das SO3 war die alte Gruppe für Tatort- und Forensische Dienste, heute gehört es zur ...«

»SCD4, das Specialist Crime Directorate«, unterbrach ihn wiederum Jaxon.

»Ja genau, so ist es«, antwortete Barrett.

Sein Blick wanderte über das mittlerweile leicht durchnässte Papier. Warum sind sie nicht kurz im Auto geblieben, fragte er sich.

»Nach 12 Jahren, als er dreißig wurde, wechselte er das Dezernat und kümmerte sich dann um das organisierte Verbrechen mit Cybercrime Hintergrund.« Jaxon klappte die Mappe zu und nahm seinen Regenschirm von Barrett zurück.

»Warum sind wir beide eigentlich hier?«, fragte Jaxon, während er in Richtung der Häuserblocks am Ende der Straße marschierte.

»Unser Chief Inspector Macmillian hat mich letzte Woche in sein Büro gebeten und mir diesen Auftrag gegeben und, sag mal, erinnerst du dich an ...« Barrett hatte alle Mühe, sich an Jaxons motiviertes Schritttempo zu halten. Er stolperte über einen ungraden Bürgersteig. »Scheiß Gegend hier.«

Sie standen jetzt beide am Ende der Sackgasse. Links stand ein drei Etagen großes Mehrfamilienhaus, rote Klinkersteine zierten jedes Haus in dieser Gegend. Kein Platz für Individualitäten, dachten sich beide auf ihre eigene Weise. Geradeaus, hinter einer massiven Roteiche mit einladender Parkbank unter der üppigen Baumkrone, lag das Zentrum dieser Gegend: Das flache Seniorenhaus, für all diejenigen, die noch halbwegs lebendig waren und ein atmendes Gegenüber für einen einseitigen Monolog suchten. Das Dutzend billiger Gartenstühle aus weißem Plastik, wovon die Hälfte schon von einem unabwaschbaren Dreckfilm übersät war, gab der kleinen Veranda die triste Stimmung, die man als Fast-Toter absolut gebrauchen konnte.

»Es steht keine Hausnummer in seinen Unterlagen«, sagte Jaxon, während er sie erneut überflog.

»Dann fangen wir einfach links bei dem Hochhaus an«, gab Barrett mit befehlendem Ton zu hören.

Er war und blieb der Dienstälteste. Ab und an schlug Barrett mit weitaus mehr Bass in der Stimme ein Machtwort in das kindlich wirkende Gesicht von Jaxon.

»... und gehen dann nach rechts, vorbei am Seniorenhaus, zu den gleichaussehenden Reihenhäusern, okay?«, befahl Barrett.

»Okay«, kam kurzangebunden von Jaxon zurück und er ging als Erster in Richtung des Etagenhauses. »Aber du warst noch nicht fertig, mein Lieber.«

»Ja, stimmt ...«, antwortete Barrett. Der Regen war mittlerweile so stark, dass sie sich nur über eine erhöhte Lautstärke verständigen konnten. »... genau. Du erinnerst dich doch bestimmt noch an die Bombenanschläge vor zwei Jahren in der Margaret Street, Great Castle Street und Regent Street.« Sie stapften hintereinander den schmalen, geteerten Weg entlang und bogen links in Richtung Häusereingang ab.

»Ja, natürlich. Wird sicher keiner so schnell vergessen. Gerade ich sowieso nicht.« Jaxon war schon an der ersten von drei Wohnungstüren angekommen und blickte über die Namensschilder. »Diese drei Bomben haben mir wahrscheinlich meinen Job bei der Metropolitan Police gebracht.«

»Ach«, stöhnte Barrett. »Wieso das denn?«

»Na ja, sagen wir es mal so. Die Stadt London hat sich damals in einem Ausnahmezustand befunden. Seit 2005 hatte es keine Anschläge in diesem Ausmaß gegeben.« Jaxon hielt kurz inne. »Hier wohnt er nicht«, unterbrach er sich selbst und ging mit schnellem Schritt und mit aufrechtem Gang von dannen und zum nächsten Hauseingang. Zwei Tauben, über ihnen, beobachteten aus dem Geäst, wie sich zwei schwarze Heptagons aufmachten, um zur nächsten Tür zu gelangen.

Barrett hasste es, wenn Jaxon, sein Will-to-please-Hündchen, ohne jegliche Kommandos von ihm oder der Zentrale im Alleingang um den Titel Polizist des Monats wetteiferte. In seinen Augen schmiss Jaxon täglich unnötig Kraft aus dem Fenster hinaus, die er doch lieber in seine junge Beziehung hätte investieren können. Nur darum beneidete er seinen Partner. Eine wunderschöne Frau, wie Cayleigh Patel es war, davon träumte er hin und wieder, während er einsam und allein in das mittlerweile kalt gewordene Badewannenwasser masturbierte.

»Eigentlich könnte ich heut Abend mal wieder richtig schön baden gehen. Mir ist jetzt schon bis zu den Knochen eiskalt und außerdem, meinte mein Urologe, muss ich auch mal an meine labbrige Prostata denken«, dachte Barrett.

Er war sich ziemlich sicher, dass Cayleigh Patel, die geliebte Ehefrau seines Arbeitskollegen, täglich Fantasien von Männern in der U-Bahn benetzte. Am Abend wurde sie dann in viele verschiedene Rollen gesteckt, um den verschiedenen Kerlen, Typen, Knaben und pubertierenden Jungs mit einem Dauersteifen als eine spritzige Fantasie zu dienen.

»Du hast meine Bewerbungsunterlagen und meinen Eignungstest gesehen, so wirklich gut waren die ja nicht, das musst du einfach zugeben«, sagte Jaxon im Laufschritt.

»Ja, kann schon sein, aber sei doch einfach froh, dass du jetzt bei der Polizei bist«, antwortete Barrett. »Darf ich jetzt wieder?«

»Oh, Entschuldigung.«

»Russell Crusoe, der pensionierte Polizist und Spezialist für Internetbanditen ... « Das Wort betonte Barrett, als wären es nur Kleinkinder, die sich hinter einem Monitor versteckten. »... Er war an diesem Tag, demselben Morgen von den drei Bombenanschlägen, in London und saß in einer von diesen Schlagzeilen fabrizierenden Talkshows, in einem Studio direkt in der Great Portland Street.«

»Und? Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«, fragte Jaxon, der sich mittlerweile die Namensschilder vom zweiten Hauseingang durchlas. »Hier wohnt er auch nicht.« Jaxon nickte stumm zum letzten Hauseingang und schritt wieder voran.

»Mann, echt jetzt? Du Volldepp! Die Great Portland Street kreuzt die Great Castle Street und die Margaret Street läuft parallel zur Great Portland Street«, schnaufte Barrett zu Jaxon. »Zwei von den drei Bomben waren in unmittelbarer Nähe des TV-Studios und die Explosionen der Autobomben trafen zwar nicht direkt die Studios, aber, und da bin ich mir ziemlich sicher, jeder einzelne Gast oder Angestellte hatte sehr wahrscheinlich eine starke Erschütterung in den Knien gespürt, wo sich einem die Nackenhaare, durch eine gehörige Portion Angst zu sterben, zurück in die Haut ziehen.«

Jaxon blieb wenige Meter vor dem letzten Hauseingang stehen und drehte sich auf der Stelle um. »Okay. Russell gehörte also bei diesem Anschlag zu dem Teil derer, die wie ein Vogel vom Baum geflogen sind, als die Gewehrkugel einen seinesgleichen neben sich getroffen hat, ist es nicht so?«, philosophierte Jaxon mit einer leicht sarkastischen Art vor sich her.

»Könnte man so sagen, ja. Er und alle Anwesenden des TV-Studios in der Great Portland Street kamen mit einem Schrecken davon. Einige liefen zwar unglücklicherweise beim Verlassen des Gebäudes an den ersten zerfetzten Opfern vorbei. Dumm gelaufen, wenn der Fluchtplan eines Gebäudes direkt zu einem lebenslangen Alptraum führt. Sie tragen lediglich einige Schäden visueller Natur mit sich herum, dennoch, keine schöne Sache«, schrie Barrett durch den prasselnden Regen rüber zu Jaxon.

»Aber das erklärt immer noch nicht ...«

»... weshalb wir hier sind, richtig«, unterbrach Barrett seinen Partner. »Genau. Dann lass mich einfach ausreden.« Dabei erwärmte sich seine Wut auf seinen Partner, der ihn schon immer gern unterbrochen hatte, auf leicht schmerzende 60° Wassertemperatur. Fehlte nicht viel mehr, und er kochte vor Wut.

»Russell, der es sich gerade schon in seinen ersten und letzten zehn Minuten im Rampenlicht der ganz großen Lichter gemütlich gemacht ...« Barrett unterstrich seine Worte mit einer Arm- und Handbewegung, die einen riesigen Ball zeigte, oder einen Berg. Auf jeden Fall etwas verdammt Großes. Er nickte auf die letzte Hauseingangstür und ging los, vorbei an Jaxon. »... und dabei fleißig Interna der Metropolitan Police ausgeplaudert hat.«

»Was? Wirklich?«, staunte Jaxon und folgte Barrett.

»Ja, er wäre, wenn es die Bombenanschläge nicht gegeben hätte, sehr wahrscheinlich in Handschellen aus diesem Gebäude gelaufen.«

»Okay.« Etwas rabiat, dachte Jaxon im ersten Moment. Er kaute gerade noch gedanklich etwas an der letzten Bemerkung von Barrett herum, während dieser die Klingelschilder des dritten und letzten Hauseinganges überprüfte.

»Hier wohnt er auch nicht«, sagte Barrett leicht genervt.

»Nicht unser beider Glückstag, hä?«, schmunzelte Jaxon vor sich her. »Zum Glück aber haben wir beide regenfeste Hosen angezogen. Dann lass uns nun die rechte Häuserreihe durchgehen, die mit dem direkten Zugang zum Seniorenhaus.«

»Ja, gut. Da muss er ja dann wohnen«, schnaufte Barrett und ging wieder voran. Der starke Regen folgte ihnen auf Schritt und Tritt, wenigstens spielte der nicht vorhandene Wind in ihre Karten.

»Okay. Also. Russell plauderte fleißig Interna der Metropolitan Police in einer Liveshow aus. Er war nicht der Typ für so was, aber er hat sich nur mit diesem Alleinstellungsmerkmal für diese Show beworben, sprich er wollte plaudern«, schrie Barrett über den Hof zurück zu seinem Partner.

»Aber wieso das?«, fragte Jaxon. »Er war doch kein korrupter Polizist. Über 50 Jahre lang war er ein absolutes Vorbild, und das für jedes Kindergartenkind, welches später Polizist werden möchte. Es gab ein paar Anhörungen wegen unethischen Fällen, wo er aber bloß als Zeuge geladen worden war. Er fiel nie negativ auf, könnte man sagen. Woher der plötzliche Sinneswandel?« Jaxon redete sich dabei in eine leichte Rage. Er wusste selber nicht, woher sie stammte, glaubte aber daran, dass sie nicht unangebracht war. Vielleicht erkannte er jetzt schon diese eigenartige Situation, die beiden bevorstand, oder aber, er nahm sich den letzten Krimi, den er gestreamt hatte, etwas zu sehr zu Herzen und spielte die Eröffnungsszene nach.

»Pass auf, was jetzt kommt.« Barrett drehte sich zu seinem Partner. Mittlerweile standen sie wieder da, wo sie aus dem Auto gestiegen waren, vor dem Seniorenhaus. »Der Moderator der Show, ich hab den beknackten Namen vergessen, irgendetwas mit bla ... bla ... Truth, soll er uns gleich beantworten.« Dabei zeigte Barrett auf die Häuser hinter ihm. »Der Moderator war gut, verdammt gut. Er hat alles aus Russell rausgezogen, aber genau das wollte Russell auch, dennoch, der Moderator hatte ein Tempo drauf, sodass sie ziemlich viel an die Öffentlichkeit rausschossen, was niemals hätte nach draußen getragen werden dürfen.«

Barrett umklammerte seinen Regenschirm mit dem rechten Arm, um beide Hände frei zu haben, und zeigte auf seinen Zeigefinger. »Punkt 1. Er erklärte, wie seine und andere Abteilungen potenzielle Verbrecher mittels heutiger Technologie verfolgen.« Er zählte weiter an seiner linken Hand. »Punkt 2. Und sagte, ab wann wir das genau dürfen.« Er starrte Jaxon mit hervortretenden Augen an.

Jaxon zuckte mit den Schultern. »Weiß doch längst jeder Idiot, dass ab dem Moment, an dem er sein neues Smartphone das erste Mal anschaltet, wir und alle anderen Behörden ihn sehen können«, antwortete Jaxon ganz entspannt.

»Ja, mag schon sein.« Barrett löste seine Haltung des theatralischen Faktenzählers und schnellte einen dicklichen Finger vor das Gesicht von Jaxon. »Aber nicht ein Behördenmitglied hat dies jemals in einer öffentlichen TV-Liveshow zugegeben.« Man spürte, wie sehr es Barrett aufregte, von den Taten eines ehemals vorbildlichen Polizisten zu reden.

Jaxon würde es nie von Barrett persönlich erfahren, aber Russell Crusoe war, vor vielen Jahren, ein großes Vorbild von Barrett gewesen.

»Punkt 3.« Barrett nahm wieder seine Zählhaltung ein und zeigte auf seinen mittleren Finger. »Er hat all seine ehemaligen erwähnenswerten Fälle preisgegeben, natürlich nur die, die noch nicht von der Presse seziert worden waren.«

»Gab es da denn so viele?«, fragte ein unwissender Jaxon mit zarter, unschuldiger Stimme.

»Oh, glaube mir!«, prustete Barrett. »Die Metropolitan Police wurde im 19. Jahrhundert gegründet, sie hat schon einige Krisen auf eine, sagen wir mal, absurde Art meistern müssen.«

Jaxon gefiel es nicht, dass sein Partner der Metropolitan Police ein Geschlecht gab. Wie sehr Jaxon auch gerade voll Glück und Freude in seinem Leben steckte und in ruhigen Minuten, in der Mittagspause, unweigerlich einen Ständer bekam. Jaxon fühlte sich mehr denn je wie ein Golden Retriever, gerade auf dem höchsten Podest sitzend, während der Siegerehrung einer Hundeausstellung. Und bald würde eine riesige Hand sein mit Bohnen in roter Tomatensauce beschmiertes Hemd mit einer goldenen, runden Eins durchstechen.

Brav saß er im Sitz, an der Seite seines Herrchens, und gerade, als eine riesige Hand mit einem Hundekuchen erschien, schnappte er mit unendlicher Dankbarkeit nach dem Leckerli.

Jaxon, der brave Golden Retriever, saß, so wie es Jaxons Gedanken selbst verfasst hatten, angeleint neben seinem Vater, der ihm nun, voller Stolz, über den Kopf streichelte, während zwischen seinen Hinterbeinen eine riesige, rote Rakete an der Luft trocknete. Er war so ein gut erzogener Sohn.

Es war ihm bewusst, dass er von einem besessenen Vater erzogen worden war. Besessen von dem System, dem alles und jeden regierenden System, welches dafür sorgt, dass du es einfach nur geil findest, dich auf die nächsten acht dahingerotzten Episoden deiner Lieblingsshow zu freuen, und dass du darüber eine fundierte Bewertung in deinem sozialen Netzwerk deiner Wahl veröffentlichst. Jaxon wusste es ganz genau. Er war ein abgerichteter, sozial tauglicher braver Hund, der jetzt, mit seinen 27 Jahren, im Regen, geschützt von seinem 400 £ teuren Burberry-Regenschirm, engagiert und stets gewissenhaft seine Arbeit verrichtete.

»Und dann wird es wirklich interessant«, kündigte Barrett an. »Hey! Hörst du mir überhaupt noch zu?«

»Ja. Sorry, war kurz im Kopfkino zu Gast«, antwortete Jaxon schreckhaft, während Barrett vor seinem Gesicht herum schnipste.

»Also. Russell legte los, der Moderator wollte gerade die Sendung beenden, als Russell sich lautstark seine alleinige Stimme erkämpfte. Er sagte ›... eine Sache muss ich noch loswerden. Wie alle gerade erfahren haben, war ich fünfzig Jahre bei der Polizei. Menschen sind Gewohnheitstiere. Sie brauchen Arbeit. Deshalb habe ich mich aktiv gehalten und als nun mehr Nicht-Mitglied der Metropolitan Police mich selber um die verschiedenen Hackergruppen, Online-Schwarzmärkte und was es da sonst noch alles gibt, gekümmert. Doch in den letzten Jahren hat mich nur ein Fall beschäftigt ...‹, und die erste von insgesamt drei Bomben explodierte und beendete seinen Monolog. Es ist genau das, was unseren Chief Inspector so neugierig macht. Was weiß er noch? Was wollte er sagen? Das wollen wir heute von ihm erfahren.«

Jaxon musste sich eingestehen, dass er schon nicht abgeneigt war, vielleicht sogar ein wenig gespannt darauf zu wissen, was Russell in der TV-Show noch hatte sagen wollen. Was es auch immer sein sollte, er und sein Partner Barrett würden es bald erfahren, ob sie es nun wollten oder nicht.

»Warum hat ihn der Chief Inspector nicht einfach vorgeladen?«, fragte Jaxon, als sich Barrett umdrehte und zu den Reihenhäusern losmarschierte.

»Wir wollen, so schätze ich persönlich die Situation ein, Russell entgegenkommen und ihn nicht direkt als Schwerverbrecher stigmatisieren. Er soll uns einfach nur erzählen, was er weiß. Immerhin war er 50 Jahre einer unserer Besten. Unser Chief Inspector sowie unser Deputy Commissioner glauben beide fest daran, dass er etwas weiß, was er uns erzählen wollte.«

Sie gingen beide rechts am Seniorenhaus vorbei, blickten durch eine von runterlaufendem Regenwasser schimmernde Wintergartenscheibe und lächelten freundlich zu dem halben Dutzend am Karten spielenden und teilweise an Beatmungsgeräten hängenden, bald sterbenden alten Weibern und Säcken hinüber.

Ein fast von dickem, grünem Moos verschluckter Steinplattenpfad führte die beiden, die gerade viele bald sterbende Menschen gesehen hatten, nach rechts zu einem langen Pfad. Es müssten an die achtzehn Häuser gewesen sein, die hier, mit ihrem identischen Baukasten-Design, vor vielen Jahren auf diesem winzigen Feld errichtet worden waren. Ein paar findige Investoren hatten das Land gekauft und es ganz genau so gemacht, wie ihre großen reichen Vorbilder es ihnen vorgemacht hatten. Sie hatten Koloniehäuser gebaut. Zehn Räume auf durchschnittlich 1291,67 Quadratfuß, dazu kamen noch Bäder und Treppen, die dafür sorgten, dass die Häuser schlauchig und eng wie ein Horrorhaus wirkten. Für Jaxon, der nie ganz mit seinen britischen Wurzeln hatte warm werden können, war dieser Anblick stets entmutigend. Es saugte ihm die Kraft aus den Knochen.

»Noch irgendetwas, was ich wissen müsste?«, fragte Jaxon, während sie das erste Türschild lasen und erneut feststellten, dass sie hier auch nicht richtig waren.

»Na ja, er glaubt, die drei Bombenexplosionen galten nur ihm persönlich«, antwortete Barrett.

»Was? Nicht dein Ernst!« Ist Russell vielleicht doch ein kleiner alter Irrer?, fragte sich Jaxon.

»Ja, unfassbar, oder?«, belächelte Barrett die gewünschte Reaktion von Jaxon. »Obwohl nur wenige Minuten nach den drei Explosionen eine islamistische Terrormiliz sich zu den Anschlägen öffentlich bekannt hatte, ist Russell felsenfest der Meinung, der Angriff galt indirekt ihm.«

Das zweite, dritte und vierte Haus, identisch bis auf die Fenstervorhänge, gaben den beiden mehrere kühle Absagen, um weiter durch den Regen zu gehen.

»Warum das denn? Spinnt er? Warum hält er sich für so wichtig, dass er glaubt, drei Autobomben würden für ihn bestimmt gewesen sein?«, fragte Jaxon berechtigterweise.

Barrett holte tief Luft und begann seine Antwort aus der Brust heraus.

»Das, mein Lieber, ist der Punkt, weshalb ich vorhin im Auto angedeutet habe, dass er vielleicht einen leichten Knacks in der Birne hat, du erinnerst dich?«

»Ja. Ich erinnere mich.«

»In dem ersten Verhör, kurz nach den Explosionen, wo es nur um das Ausplaudern von Polizeigeheimnissen gegangen ist, hat er immer wieder angedeutet, dass er glaube, man wolle ihn mit diesen Bombenanschlägen um sein eigeninitiatives Handeln berauben.«

Beide liefen mit ihren Gedanken zum vorletzten Haus. Barrett sortierte all seine Informationen und Anhaltspunkte zu diesem Fall und Jaxon heftete fleißig jeden neuen Hinweis ab, ob relevant oder unnütz, das würde sich erst sehr viel später zeigen.

»Na endlich! Crusoe. Ich dachte schon, deine fetten Finger an deinem schmierigen Lenkrad hätten sich verfahren.«

»Pah. Du kleiner Scheißer! Ganz sicher nicht. Hatfield ist zwar nicht London, aber immer noch England.«

Jeder Polizist, weltweit, ob weiblich oder männlich, ob winzig, klein oder hässlich oder groß, ob Jahrzehnte schon im Dienst oder mit neuen riesigen sekundären Geschlechtsorganen, die das Selbstbewusstsein exorbitant vergrößerten, er oder sie würde jedes Mal, auch wenn es nur ganz klein in den Fingerspitzen spürbar war, eine Spur von Aufregung bemerken, sobald er oder sie den Polizeieinsatz mit dem Betätigen der Türklingel startete. Wer was anderes behauptete, log.

Noch war es aber nicht so weit; unser, mit großem Abstand in puncto Gewicht, sehr ungleiches Paar nahm sich noch einen Moment vor der Tür.

»Okay. Also ...« Jaxon überlegte mit einem halb zugekniffenen Auge gen Himmel. »Russell glaubt, jemand wollte die TV-Show, in der er gerade fleißig Polizeigeheimnisse ausgeplaudert hat, abrupt beenden. Richtig?«

»Scheint mir.« Barrett nahm sich mit einer Hand ein Mint-Dragée aus seiner Manteltasche und bot seinem Partner, nachdem dieser ihn auffällig gemustert hatte, auch einen Munderfrischer an.

»Ich habe es dir schon sehr oft gesagt. Danke und nein! Ich möchte keinen verfusselten, alten Kaubonbon von dir haben«, antwortete Jaxon scherzhaft, aber todernst. Und blitzartig kam ihm ein Gedanke in den Sinn. »Hey, Barrett!«

Ein einfaches »Jo« gab er kurz angebunden zurück. Er war nämlich schon beim vierten Mint-Dragée angelangt und kaute genüsslich mit voller Hingabe jeglichen Geschmack aus den einzelnen Zuckerkristallen, gewonnen von Speisefettsäuren aus den Verdickungsmitteln.

»Aktuell sind wir, die Metropolitan Police, auch ein Verdächtiger in diesem Fall. Wir hätten damals mehr als einen Grund gehabt, diese Liveshow zu beenden, nicht wahr?« Jaxon verpackte diesen Scherz mit wenig Hingabe, er wollte nur austesten, in welcher Stimmung sich sein Partner befand.

»Du Spinner!«, kam zwischen Kaubonbonmasse und der Zunge von Barrett hervor. »Was für ein absoluter Schwachsinn! Du glaubst doch nicht wirklich, dass unser Chief Inspector vor zwei Jahren, an seinem freien Tag, seinen Fernseher laufen und zufälligerweise Russells Auftritt mitbekommen hatte. Und einen Anruf und drei Weiterleitungen später waren dann ein Dreiundzwanzigjähriger, ein Vierundzwanzigjähriger und ein Dreißigjähriger mit islamistischem Hintergrund in drei mit Sprengstoff gefüllten Autos auf dem Weg in die Nähe des TV-Studios. Nein! Ganz sicher nicht!«

Aller Wahrscheinlichkeit war er an diesem Montagmorgen nicht für spaßige Hypothesen gemacht. Hätten sie doch nur bei dem Sandwichladen angehalten und ihm etwas mit Bacon und einen Kaffee geholt, dachte Jaxon.

»Wollen wir?«, fragte Barrett ungeduldig. Seine Kaubonbons schienen auch zur Neige zu gehen.

»Ja, okay. Klingelst du?«

»Äh. Nein!«

»Wieso?«, fragte Jaxon.

»Die Klingel ist auf deiner Seite.« Und da fiel auch schon der letzte Mint-Dragée in den, von Löchern und Keramikkronen übersäten, Gaumen von Barrett.

»Ah, Entschuldigung. Habe ich übersehen.«

Die Klingel ertönte und beide hörten den Westminsterschlag für die Dreiviertelstunden in E-Dur. Während die Melodie über einen quarkigen Plastiklautsprecher durch das Reihenhaus gespielt wurde, blickten Barrett und Jaxon einander an und beide rollten entnervt die Augen.

»So einer also«, sagte Barrett.

KAPITEL 1

Ein älterer, schwarzer Mann mit grauem Dreitagebart öffnete langsam die Tür. Sie öffnete sich nur einen winzigen Spalt. Ein einzelnes dunkelbraunes Auge trat an den Türschlitz heran.

»Was wollen Sie?«, sprachen Stimmbänder, die in den letzten Stunden gar nicht bis kaum einen Ton von sich gegeben hatten.

»Guten Tag, Sir«, musste Barrett durch den lauten Regen fast schreien. »Mein Name ist Barrett Gabditt, Inspector bei der Metropolitan Police, und neben mir steht Constable Jaxon Patel. Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen bezüglich Ihrer öffentlichen Plauderei in der Liveshow von vor zwei Jahren stellen. Wären Sie so freundlich, uns hereinzubitten?«

»Warum?«, fragte das vermummte Gesicht.

»Warum?!« Barrett hatte nicht mit solch einer unkreativen, non-aggressiven Gegenwehr gerechnet. Schon gar nicht von einem Polizisten mit einem halben Jahrhundert an Berufserfahrung. »Nun ja, da wäre zum einen eine halb geöffnete Tür zwischen uns. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich mag Türen. Besonders, wenn ich mal in Ruhe meinen Schließmuskel entspannen möchte, aber für Unterhaltungen bevorzuge ich doch eine räumliche Zusammenkunft aller Gesprächsteilnehmer, und das wären jetzt und hier drei männliche Personen, die sich sehr gerne hinter eben erwähnter Haustür aufhalten möchten. Dort, wo nämlich auch kein Regen fällt.«

Jaxon musste leicht lächeln, während er diesen kleinen Anranzer beobachtete. Er gab sich alle Mühe dabei, nicht von den Augen hinter der Tür erwischt zu werden. Stumm und respektvoll wollte er gegenüber der Person hinter der Tür auftreten.

»Und außerdem schüttet es aus Eimern. Wir würden es begrüßen, wenn wir es uns in Ihrem Haus gemütlich machen könnten.« Barrett hatte dabei diese ekelhaft nette Art auferlegt, bei der man ihm am liebsten das Gesicht zertreten möchte. Er zog mit dem Regenschirm in der Hand seinen Mantel vom Handgelenk zurück und präsentierte seine Uhr. »Außerdem ist es bald Zeit für unseren Tee, stimmt’s, Jaxon?«

»Du sagst es«, fügte Jaxon mit steifer Körpersprache hinzu.

»Dann versuchen Sie bitte, Ihre Schuhe draußen zu lassen, und ...« Russell riss die Tür auf und präsentierte seinen dunkelrot karierten Bademantel einer längst vergessenen Zeit, in der es noch wahre Gentlemen gab. » ... Ihre Regenschirme platzieren Sie beide bitte hier ums Eck.« Er zeigte auf einen kleinen Unterstand, den die beiden erst entdeckten, als sie um das Häusereck spähten. Ihren Multifunktionsschuhen am Hauseingang entledigt und den Regenschirmen von der Bitte eines Hausherrn beraubt, hatten sie endlich alle Voraussetzungen erfüllt, um dem Geheimnis näher zu kommen.

Draußen regierte der Duft von Regen und den ersten Frühlingsblüten sowie viel feuchtem Gras, hier drinnen, in dem Flur von Russell Crusoe, bemerkten nur die Neuankömmlinge eine alte, abgestandene dicke Luft. Sie war warm und im ersten Moment unangenehm für die Augen. Der schmale Flur, der nun von drei Personen besetzt wurde, bekam, bis auf die Deckenleuchte, nur Licht von den einzelnen Glaselementen der Haustür, die hinter ihnen war.

»Und nun bitte mir nach.« Selbstverständlich hatte Russell dabei einen eloquenten Ton auferlegt, der für einen Besitzer solch einer Bleibe völlig überzogen war. Er gab sich alle Mühe, sein mittelständiges Leben mit ausgeschmückten Stehrumchen auf den Schränken und hängenden Staubeinchen an den Wänden aufzuwerten.

Barrett und Jaxon folgten dem Gastgeber durch den schmalen Flur vorbei an der Treppe, die zu der ersten von drei Etagen führte, und vorbei an der Durchgangstür zu der Küche. Sie kamen, wie jeder andere Besucher, der jemals hier einen Fuß hineingesetzt hatte, nicht an den ausgedruckten Erinnerungen von Russells vergangenem Leben vorbei, die an der Wand hingen.

Es ist schon eine eigenartige Angewohnheit, sein eigenes Leben umgehend und ohne Nachfrage jedem Besucher im schönsten Licht präsentieren zu wollen. Es war nicht uninteressant für Jaxon und Barrett. So wussten beide, dass Russell verheiratet war, wohlgemerkt war. Es hing nur ein einziges Porträt an der Wand, welches mit nur einer Person gefüllt war. Auf dem Bild war eine ältere Frau zu sehen, die nur für Russell in die Kamera lächelte.

Russell schien ein geselliger Mensch zu sein. Jedes einzelne Bild war für ihn anscheinend nur erwähnenswert, wenn es gefüllt mit stabilen sozialen Kontakten war. Denn wer würde bitte schön ein Bild von Personen aufhängen, denen man den Tod wünschte.

»Sie wohnen hier alleine?«, fragte ein uns noch unbekannter strenger Jaxon Patel.

»Ja, aber nicht immer.« Die Stimme von Russell klang gelassen. Er setzte sich auf seinen dunkelbraunen Massivholzohrensessel und machte dabei einen Eindruck, als hätte er sein Schicksal akzeptiert, hier das Gespräch zu führen, wovor er damals in der Liveshow große Angst gehabt hatte. »Meine Frau ist vor fünf Jahren gestorben.« Vielleicht lag es daran, dass er zu lange Polizist gewesen war, aber er sagte es mit einer professionellen Art daher, sodass sogar Barrett, unser lebenslänglicher Junggeselle, ein wenig das Herz schmerzte.

»Und vor sechs Jahren sind Sie in den Ruhestand gegangen?«, fragte Jaxon mehr als Behauptung denn als Frage verpackt.

»Ja«, antwortete Russell und fing an zu schmunzeln. »Aber glauben Sie mir, da gibt es keinen Zusammenhang«, fügte er scherzend hinzu und zeigte ernst mit dem nackten Finger auf die beiden. »Nicht, dass Sie denken, meine Frau ging mir auf den Wecker.«

Etwas ungeduldig und alleingelassen suchten die beiden eine Sitzmöglichkeit in dem Wohnzimmer. Es folgten lange fragende Blicke zwischen den dreien.

»Wir nehmen uns die hier einfach.« Jaxon lehnte sich hinüber in die Küche und hob einen Küchenstuhl über die Durchreiche vom Wohnzimmer. Nicht ganz vorsichtig und im Nachhinein auch nicht unbeabsichtigt, stieß er bei dieser hitzigen Aktion eine Obstschale um. Die edle Glasschale konnte Jaxon noch in der Luft auffangen, das Obst fiel zu Boden und blieb mit einem rechtschaffenen Lächeln liegen.

»Sorry«, rief Jaxon. »Geschieht dir recht, du unfreundlicher Wicht, hier ist die Polizei, wir waren mal auf derselben Seite. Also warum so feindselig?«, dachte Jaxon.

»Nun gut«, begann Barrett. »Jetzt, da wir alle sitzen, könnten wir einen Tee vertragen«, fügte Barrett überfreundlich hinzu und attackierte Russell mit einem nicht enden wollenden Blickkontakt. Wenn Menschen in ihrer Evolution doch mehr Tier geblieben wären, dann hätte hier schon mindestens eine Person eine blutige Narbe an seinem Halse. Russell mühte sich mehr als entnervt in Richtung Küche.

»Ich habe aber nur Mandelmilch«, vermerkte er auf eine hochnäsige Art, während er die beiden Enden seines Bindegürtels an seinem Bademantel festzog.

»Kein Problem. Oder?«, fragte Barrett seinen Partner Jaxon.

»Klar! Mandelmilch. Nehme ich gern, bin offen für etwas Neues.«

»Na, das ist doch schön zu hören, dass Sie so weltoffen sind«, antwortete Russell und rieb sich dabei die Hände. Er beschleunigte seine letzten Schritte und trat in die Küche hinein.

Zwei Beutel seines geliebten Yorkshire Schwarztees musste er für seinen Besuch opfern. Zwar hatte er noch mehr als üppige Vorräte in der Kammer, dennoch bekam es ihm nicht, für diese beiden Halunken auch noch Mandelmilch zu opfern. Unkonzentriert und nervös wirkte er, als er tief in seinem Kühlschrank nach dem 2 £ teuren Milchersatz suchte. Seine Frau war es gewesen, die kurz vor ihrem Ableben diesen ökologischen Gedanken in seinem Kopf platziert hatte.

»Kein Tier sollte nur wegen unseren Tee-Vorlieben zu einer lebenslangen Milchbank mutieren, die nach einem Defekt sofort geschlachtet wird«, waren damals die Worte seiner Frau gewesen. Sie fehlte ihm jeden Tag.

Fünf Minuten still und leise in der Küche und die gebrühten Teebeutel wanderten in den Müll. Nun folgte die Mandelmilch. Russell öffnete den Verschluss der Packung, goss eine für ihn passende Menge in beide Tassen. Das dunkelbraune Teewasser begann mit der kalten, weißen Flüssigkeit zu binden. Kleine weiße, wolkenartige Strömungen formten sich blitzschnell in den beiden Tassen und bedeckten nun den gesamten Inhalt des ehemals dunkelbraun gefärbten Tees.

Russells Blick ruhte einen Moment auf diesen beiden Tassen und er sah eine tiefere, für ihn aufmunternde Symbolik in diesem schmackhaften und ungleichen Gemisch. Verträumt schweifte er, mit den beiden Tassen in der Hand, Richtung Wohnzimmer.

Um den dezenten Gesprächen der beiden Polizisten zu lauschen, blieb er kurz im Flur stehen. Es war nur ein Ideenaustausch über die Vorlieben des heutigen Mittagessens. Während Russell die Speisen der letzten Tage von ihnen erfuhr, fiel seine Aufmerksamkeit auf ein Bild von ihm und seiner Frau.

Vor vielen Jahren, als Russell noch prägnante Wangenknochen besessen hatte, waren er und seine Frau ein viel reisendes Paar gewesen. Spanien, Italien oder auch ihre Nachbarinsel Irland waren dabei nie ihre Reiseziele gewesen. Sie wollten, und das hatten sie auch fast geschafft, ihre Heimat kennenlernen. Es sollte jede Grafschaft des Kartenindexes mit einer eigenen Erinnerung vor Ort verknüpft werden.

Russell stand im Flur, mit den zwei Tees in der Hand, und blickte auf das Bild, was ein netter, alter Wirt eines alten Pubs mit einigen Anlaufschwierigkeiten von ihnen beiden in Dover geschossen hatte.

»Nicht mehr lang«, flüsterte er vor sich her und trat mit frischer Kraft, aber immer noch der gleichen unangenehmen Persona zurück in sein Wohnzimmer hinein.

»Ah ...«, schnellte es aus Barrett hinaus, der sich seinen Tee selbst aus der Hand von Russell servierte. »Danke schön.«

Mit einem angewiderten Blick beobachtete Russell diesen gerade fetter wirkenden Tölpel, wie er ungeduldig versuchte, den heißen Tee in sich hinein zu schlürfen.

»Oh. Ne. Verdammt. Der ist noch ein wenig zu heiß«, bemerkte Barrett im Stakkato-Ton. »Warten Sie. Ich geb das mal rüber und Sie setzen sich bitte.« Barrett nahm die zweite Tasse und reichte sie einfach hinter sich ins Leere, in der Hoffnung, sein Partner würde ihm diese schon abnehmen. Russell beugte sich der Anweisung mit einer beleidigten Art und nahm auf seinem Ohrensessel Platz.

»Nun denn ...«, kündigte Barrett mit einem anschließenden tiefen Seufzer an. Er setzte sich schwerfällig auf seinen Küchenstuhl. Zwischen den Polizisten und Russell lagen mehrere Meter Entfernung. Das Wohnzimmer hatte einen viel zu großen Kristallleuchter an der Decke und an den Wänden hingen betagte, hellbraune Tapeten mit einem unruhigen Damastmuster.

»Möchten Sie uns nicht einfach alles von Ihrem großen Tag in der Liveshow erzählen?«, fragte Jaxon über seine dampfende Tasse Tee.

»Wirklich alles?«, fragte ein unschuldiger Russell. »Ich wusste an dem Morgen nicht genau, welches Frühstück ich mir zubereiten sollte. Am Tag davor hatte ich schon Bacon mit Ei. Diesmal brauche ich noch etwas Zucker, dachte ich, also nahm ich mir noch ein paar Cornflakes, nachdem ich ...«

»Danke! Okay. Ich habe es verstanden«, unterbrach Barrett den amüsierten Klassenclown. »Sie brauchen also direkte Anweisungen, sonst funktionieren Sie nicht, schon klar.« Er bemühte sich, fokussiert zu bleiben. Trank von seinem heißen, aber mittlerweile besser trinkbaren Schwarztee und atmete einmal tief durch.

Aber in Gedanken sprang Barrett auf, packte Russell am Bademantel, warf ihn an die Wohnzimmerwand und trat ihm, mit einem weit ausgeholten Schwung, direkt in sein Gesicht, sodass er diesem Schnösel das Jochbein brach und er sein Leben lang nie wieder einen kräftigen Druck beim Kauen ausüben könnte und jedes Mal beim Zerkauen eines Apfelstückes an sein ungezogenes Verhalten erinnert werden würde. Aber solch ein radikales Verhalten hatte die Menschheit im Verlauf ihrer konstruierten sozialisierenden Geschichte gedämmt.

»Erzählen Sie uns doch einfach, was passiert ist, ab dem Moment, an dem Sie im TV-Studio an der Great Portland Street angekommen sind.«

»Geht doch«, antwortete Russell und überschlug die Beine. »Das ist eine direkte Frage oder Bitte, mit der es sich arbeiten lässt, finden Sie nicht auch, Mr. Patel?«

Während Jaxon ihn fragend anstarrte, holte Barrett gerade zum zweiten Tritt aus. Frontal, sodass mindestens die obere Zahnreihe aus ihrem Zahnzement brach.

»Der Morgen wollte einfach nicht funktionieren«, erzählte Russell.

KAPITEL 2

Die sommerlichen Temperaturen brachten schon am frühen Morgen jedem sitzenden alten Sack am Brain Circle unfreiwillig eine feuchte Unterhose. Das schon seit Wochen vernachlässigte Moos in den umliegenden Vorgärten erinnerte in kleinem Detail an eine Wüstenlandschaft in Miniaturgröße. Es war der ungepflegte Bart des gesamten Viertels. Wie ein vollgedröhnter Junkie, der an der frischen Nadel hing, lagen alle Anwohner des Seniorenviertels in ihren Häusern und suhlten sich schweißgebadet auf ihrer Ledercouch. Halbwegs gekühlt von ihren automatisch eingestellten Klimaanlagen transpirierte die gesamte Nachbarschaft und sehnte sich nach den kühlen Abendstunden, an denen nur noch der berauschende Alkoholgehalt ihres Biers für wacklige Knie sorgte.

Russell hatte in der Nacht vor zwei Jahren nicht gut geschlafen. Warum? Er hatte vor dem nächsten Tag Angst. Seine Investigation, die er in den letzten Jahren in seinem Ruhestand heimlich fortführte, veränderte ihn mehr, als er sich jemals selber nur im Geringsten eingestehen würde. Sein Geheimnis glich einem Krebstumor in seinem Kehlkopf, den er schon seit Jahren der Familie verheimlichte.

Das Erste, was Russell sah, als er seine schwitzigen Augen öffnete, waren die gesammelten Briefe und Unterlagen, mit denen er sich noch bis in die Nacht herumgeschlagen hatte. Der Verlust seiner ewig geliebten Frau bereitete ihm mal mehr und mal weniger Schmerzen. Vielleicht war der Schmerz aber immer gleich, nur sein eigenes Fell der Ertragbarkeit an einigen Tagen dünner als an anderen, so dachte er, während er sich langsam aus seinem Bett aufrichtete.

Er taxierte die Länge seines Bartwuchses in der Spiegelung des Bilderrahmens auf seinem Nachttisch. Ein glückliches, kinderloses, schwarzes Pärchen in voller Wanderausrüstung gekleidet. Sie waren in ihrem Freundeskreis stets die sogenannten Silver Surfer.

Jetzt, wo er dieses grinsende, schwarze Gesicht sah, traf es ihn mehr als sonst. Der Verlust seiner Frau hatte nicht nur seinen engsten und vertrautesten Lebenspartner genommen, sondern auch seinen eigenen Antrieb im Leben.

Russell nahm den ersten Brief von seinem Nachttisch. Drunter verbarg sich ein endlos wirkender Haufen aus Mahnungen, Trauerbriefen und Versicherungsunterlagen. Alles, was er eigentlich hätte an einem oder zwei Tagen erledigt haben können, wartete teils schon seit mehreren Monaten darauf, überhaupt geöffnet zu werden. Genug Geld war schon immer auf den Konten vorhanden gewesen.

Sein Hausarzt hatte ihn in eine tiefe Phase einer Verlust-Depression eingeordnet. Russell selber würde sagen, er wäre dem normalen Leben nicht mehr ausreichend motiviert genug gewesen. Der Brief in seiner Hand war eine clever gestaltete Anleitung über die Anfahrt zum TV-Studio, aber weitaus wichtiger als eine Anfahrtsbeschreibung war die Verzichtserklärung für seine Persönlichkeitsrechte. Der 23 Seiten lange Vertrag hatte nur eine Notiz auf dem Deckblatt, wo handschriftlich ›Bitte unterschreiben‹ draufstand.

Kurz nach sechs Uhr morgens. Um genau 10 Uhr sollte er in der Great Portland Street eintreffen, damit noch genügend Zeit vorhanden war, um ihn für seinen Auftritt in der Liveshow vorzubereiten.

Es hatte nicht viel Überzeugungskraft gebraucht, um seinen Platz in der Show zu ergattern. Die ambitionierte Junior-Redakteurin, mit der er vor zwei Wochen telefoniert hatte, hatte mit Sicherheit schon bei seinen Worten ehemaliger Metropolitan Polizist ihren Chef ganz aufgebracht zu sich an ihren Schreibtisch herangewunken, um ihm ihre Notizen zu zeigen. Ihr und auch ihrem Chef war es gleichermaßen gleichgültig, warum oder wieso ein Polizist, der mittlerweile im Ruhestand war, skandalöse Fakten preisgeben möchte. Es war ihnen nur wichtig, dass Russell sich nicht zu viele Nullen auf sein Preisschild schreiben würde. Hauptsache, es wäre eine Schlagzeile auf allen Newsseiten dieses Landes wert, betonte der skrupellose Creative Director der Show, der sich kurzerhand das Telefongespräch angeeignet hatte.

»Gerne doch. Seien Sie nicht so misstrauisch. Ich werde auspacken und ich muss es gezwungenermaßen jetzt endlich auch. Das bin ich mir schuldig«, hatte Russell damals geantwortet.

Danach folgte ein tiefergehendes, halbstündiges Gespräch über Russells skandalöse Inhalte, über die er sprechen würde. Eine Auswertung der Inhalte folgte noch am gleichen Tag in der Redaktionssitzung des Senders.

Die einberufene Redaktionssitzung klammerte alle Inhalte, die Russell angab, aus, über die es sich nicht lohnen würde, zu sprechen. Es durften nur die Skandale über Datenmissbrauch sein oder interne Arbeitsvorgänge von Behörden, von denen sich die Allgemeinheit angegriffen fühlen würde. Aus der Sicht eines TV-Senders gab es stets nur einen Kampf, um den es sich zu berichten lohnte.

Das Volk gegen die Regierung.

Die Medien waren Schiedsrichter und Veranstalter zugleich. Sie gaben das Tempo vor. Russell wusste über diese Schlagzeilen-Habgier Bescheid. Er wollte nur in die Show, um seine aktuellen Ermittlungen aufzudecken.

Niemand gab ihm in all den Jahren ein Ohr für diesen Fall. Ehemalige Kollegen, die er um Hilfe bat, wiesen ihn ab. Keiner wollte ihm bei der Überprüfung von Einreisedaten seiner zwei gesuchten Personen helfen. Selbst seine eigene Frau zeigte ihm direkt zu Beginn eine kalte Schulter und wollte nichts von diesem Fall wissen. Die wenigen übrig gebliebenen Familienmitglieder gaben Russell nur stummes Kopfschütteln und oft nur eine überdeckende Gegenfrage zu banalen Themen als Antwort.

Die meist viel wertvolleren Freunde gaben ihm wenigstens den Tipp, sich doch bitte in seinen wohlverdienten Ruhestand zu begeben. Den Kopf abschalten, die Gedanken ruhen lassen und zu sich selber ehrlich sein. Die Wahrheit war, dass eine andere Person seinen Schreibtisch schon längst mit seinen eigenen aufmunternden, persönlichen Erinnerungen, in Form von Bilderrahmen, geschmückt hatte, um diesen teils stark morbid gefärbten Beruf mit einem halbwegs gesunden Verstand zu überleben.

Russell konnte das akzeptieren, das glaubte er zumindest noch am ersten Tag seines Ruhestandes. Er war sich, und das zweifelte jeder, der es hörte, an, mit jeder Zelle seines Körpers sicher, dass der Fall nicht einfach ohne Grund zu ihm kam.

Bei seinen ersten Versuchen, sich eventuell existierende Polizeiakten über seinen Fall mit der technischen Infrastruktur der Metropolitan Police herunterzuladen, zitierte ihn sein ehemaliger Superintendent zu sich ins Büro und gab Russell, noch auf eine freundliche Weise, zu verstehen, dass er doch die Behörden nicht behindern solle.

Missverstanden und beleidigt fühlte er sich, als er durch das Großraumbüro nur als Zivilist nach Hause ging, der gerade versuchte, Polizist zu spielen. Beide Emotionen vermischten sich und wandelten sich in verbitternden Zorn. Dieser war gleich die Motivation, die ihn über die Jahre hinweg antrieb. Sein Benzin. Aus Zorn wurde Wut und aus Wut wurde Frustration, aus Frustration wurde Groll. Schließlich begann Russell täglich eine für ihn noch gesunde Dosis des beruhigenden Serotoninproteins für sein Zentralnervensystem zu entwickeln. Seine körpereigene Droge, um zu überleben. Es war der Botenstoff seiner Wut, die mit dem Ehrgeiz verschmolz.

Eine frische Rasur wäre jetzt mehr als nötig, beschloss er, als er seine ungepflegte Erscheinung im Badezimmerspiegel bewertete. Auf eine Dusche konnte er getrost verzichten. Der Tag heute würde ihm noch genug Schweiß aus seinem Körper treiben. Weitaus mehr, als er am Morgen dieses Sommertages für möglich gehalten hatte. Während er voller Konzentration und systematischer Hingabe versuchte, seine einmalig makellose Nassrasur aus längst vergessenen Tagen zu wiederholen, traten ihm die letzten schmerzhaften Jahre mit seiner Frau in Erinnerung.

Tage und Nächte verbrachte er vor insgesamt sechs Millionen rot-grün und blau leuchtenden Leuchtdioden. Sein Arbeitszimmer, gefüllt mit drei Monitoren, bot genug Ablenkungen von dem bösartigen Tumor seiner Frau, um ihn kurzzeitig aus seinen Erinnerungen zu verbannen.

Seit man ihn in den Ruhestand geschickt hatte, verbrachte Russell hier die meiste Zeit. Seine geliebte Frau gab ihm auch die Zeit. Zeit, in der sie selber etwas zu viel über sich und ihr baldiges eintreffendes Schicksal nachdachte. Sie selbst, eine Frau mit der angeborenen Fähigkeit zu gebären und dieser wiederum beraubt vom körperlichen Alter, war sich in den Tagen, wo Russell mehr Elan für etwas zeigte, wovon sie nichts verstand, unsicher in ihrer eigenen Rolle auf dem Spielbrett des Lebens. Gewürfelt. Sechs Augen. Nochmal gewürfelt. Zwölf Augen. Und wieder gewürfelt. Vierundzwanzig. Nochmal. Achtundvierzig.

Wo waren die Jahre, in denen es sich noch gelohnt hätte, über eine Familie nachzudenken? Wo waren sie geblieben?

Russell bemerkte diese angefressene Stille bei seiner Frau. Jeden Abend schleppte sie sich ein wenig schwächer an seinem Arbeitszimmer vorbei und hinauf in ihr Schlafzimmer. War seine Ignoranz dafür verantwortlich, dass in der Bauchspeicheldrüse mit immer schneller wachsender Geschwindigkeit eine Sammlung von Pankreaskarzinomen in Größe einer Pflaume heranwuchs?

Zwei kleine Haarfollikel waren gerötet. Bei seinem dunklen Hautton fällt das keinem auf, dachte er sich, und dennoch nahm er einen großzügigen Schwung seines Rasierwassers zur Desinfektion. Alles an diesem Morgen fühlte sich neu an. Egal, wie lang ein Schrank schon im Hause Crusoe stand, heute, am Morgen des 27. Augusts, verbarg jedes Interieur und jede alte Wandfarbe ein neues Gefühl in sich.

Eine Außentemperatur von 84 Grad Fahrenheit brachte den Kompressor seines Kühlschranks auf Hochtouren und seinen Appetit auf ein ordentliches Frühstück mit einem eisgekühlten Eistee ganz nach oben in seine Prioritäten.

Kalziumkarbonat, in Form eines winzig kleinen Eierschalen-Splitters, traf auf eine gusseiserne Pfanne. Eiweiß trat aus der gebrochenen Schale hinein in das heiße Öl. Russell entdeckte erst viel zu spät sein kleines, abgesplittertes Stück Eierschale in der Mixtur aus Eiweiß, Wasser und Fett. Hätte er es woanders angeschlagen oder mit zwei Händen aufgebrochen oder einfach das kleinere Ei aus dem Karton genommen, dann wäre vielleicht kein Stück Kalziumkarbonat in der Pfanne gelandet.

Viele Jahre fragte er sich, was alles in längst schon vergangener Reihenfolge geschehen musste, damit er eines Abends bei seinen gelernten Routine-Checks seiner abgefangenen Textnachrichten auf diese eine verschlüsselte Nachricht traf, die sein letztes Kapitel von seinem Leben für immer verändern sollte.

Der ausdauernde Einsatz einer Messerspitze, und die Eierschale befand sich kurze Zeit später im Mülleimer. Wenige Sekunden später war das mit verbalen Kraftausdrücken unterstrichene Problem vergessen. Der Morgen war gerettet.

Die Vorfreude auf ein leckeres Frühstück loderte wieder auf. Russell hatte, gezwungen durch seine Arbeit in der Cybercrime-Abteilung bei der Metropolitan Police, eine makellose zweite Identität im Netz vorgetäuscht. Er hatte bei damaligen Ermittlungen monatelange Vorarbeit geleistet, die meist nur aus illegalen Aktivitäten bestanden hatte. Hätte er nicht ein judikatives Vorbild im Hinterkopf, wäre er vor einigen Jahren nicht mehr als ein kleiner, gelangweilter über 50-jähriger Mann gewesen, der für Kryptowährungen verschlüsselte SQL-Datenbanken mithilfe von gekaperten Cluster-Servern einen SHA-256-Hash-Algorithmus entschlüsselte, um hunderttausende Mailadressen auszulesen, um diese zu verkaufen.

Aufträge dieser Art wurden von der Metropolitan Police freigegeben. Russell musste seiner zweiten virtuellen Identität einen festen Untergrund geben. Er und seine Vorgesetzten wollten ihn in tiefere Schichten des unübersichtlichen Internets schicken. Unser Universum expandiert jede Sekunde mit Zeit und Raum auf drei unterschiedlichen Achsen. Das Internet expandiert jede Sekunde mit Informationen und Protokollen auf jeder einzelnen internetfähigen Küchenmaschine. Wozu also überhaupt das Universum erforschen, wir Menschen haben doch schon ein viel farbenfroheres namens World Wide Web.

Russell hatte dieses System in seinen ersten Jahren bei der SCD4, dem Specialist Crime Directorate, sehr schnell begriffen. Er wusste damit umzugehen. Er schwamm im gleichen Tempo der Bits, Bytes und Katzenvideos. Seine Kommentare waren in einigen Communitys hochangesehen und gut bewertet.

Dem Spiegelei fehlte noch etwas Salz. Zwei Vollkorntoasts. Eine Dose gebackene Bohnen in Tomatensauce. Braune Champignons. Ein Granny Smith-Apfel. 7:14 Uhr zeigte die Uhr über dem Küchentisch. Es ist die Kombination von Dingen, die wir niemals miteinander verknüpfen würden, dachte sich Russell und musste dabei schmunzeln.

»Oh, Entschuldigung«, sagte Jaxon, als er sein vibrierendes Smartphone aus der Hosentasche zückte. »Das ist, denke ich, nicht wichtig, aber ...« Er las die unbekannte Nummer auf seinem Display stumm vor sich her und bewegte dabei seine Lippen.

»Wer ist es?«, fragte Barrett.

»Keine Ahnung.«

Russell blickte von seinem Ohrensessel über sein Wohnzimmer hinweg in seinen Garten.

»Die Nummer sagt mir gar nichts. Ländervorwahl ist 0420«, sagte Jaxon.

»Tschechien.«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Barrett amüsiert an Russell gewandt.

»Ich weiß es einfach. Tun Sie mir einen Gefallen und schalten Ihr Smartphone aus?«

»Ich kann die Vibration ausschalten, wenn Sie möchten?«, antwortete Jaxon.

»Nein!«, kam es streng aus dem Ohrensessel zurück. »Schalten Sie Ihr Gerät ab. Sofort. Und Sie bitte auch, Mr. ...?«

»Gabditt«, antwortete Barrett. »Ein wenig Ruhe schadet niemandem, nicht wahr?«, betonte er mit einem anstachelnden Blick zu Jaxon hinüber. »Aber fahren Sie doch bitte fort, Mr. Crusoe.«

»Na gut«, antwortete ein reservierter Russell Crusoe.

Die Zeit war um und ein kleiner Bolzen ließ die gespannten Federn los und eine einzige Toastscheibe sprang braun und kross nach oben. Das Spiegelei war fertig und wurde von Russell mit einem erhöhten Speichelfluss im Mund auf den Teller gehoben. Nun die gebackenen Bohnen. Die letzten Wochen war Russell felsenfest davon überzeugt, dass diejenigen, die hinter all dem steckten, wonach er seit Monaten und Jahren suchte, ihm gezielt den ersten Hinweis gegeben hatten. Das Wieso und Warum bereiteten ihm teils unruhige Nächte.

Die Entdeckung geschah kurz vor seinem Ruhestand. Der getarnte Auftrag, den er ausführte, um den Käufer einiger sensibler Daten zu überführen, beinhaltete es, einen Mailserver aus einem gesicherten Tor-Netzwerk anzuzapfen, um die darüber geschriebenen Insiderabsprachen weiterzuverkaufen. Der Käufer, ein Mitbewerber derselben Industrie, wollte diese Daten um jeden Preis.

Russell erklärte sein Vorgehen seinem Sergeant und seinem Chief Inspector. Beide blickten mehr dem Minutenzeiger zum Wochenende entgegen als zu Russells Präsentation. Er war ein ehrenwerter Profi, zwar ein bisschen hochnäsig, aber ein rechtschaffener Computerspezialist. Meetings wie diese waren Vorschrift, wenn es darum ging, illegale Aktivitäten für eine Verurteilung auszuführen. Die oberen Abteilungen mussten darüber Bescheid wissen, wenn es darum ging, einen eventuell entstehenden Schaden mit der Erfolgsquote gegenzurechnen. Keiner der beiden ungeduldig wartenden, höherrangigen Polizisten hatte gegen Russells Vorgehen irgendwelche Einwände. Es sollte ein Kinderspiel werden. Eine simple Aufgabe. Sie wünschten ihm viel Erfolg für seinen Auftrag und verabschiedeten ihn in ein erfolgreiches Wochenende.

Für Russell war es eine leichte und amüsante Samstagabendbeschäftigung. In seinem Arbeitszimmer lief sein Fernseher auf einer angenehmen Lautstärke und die ersten vorher durchgeplanten Kommandozeilenbefehle in seinem Terminal, die für das Brechen der Schutzmaßnahmen des Servers notwendig waren, liefen ohne Probleme an.

Jeder unterbelichtete Kassierer aus dem Supermarkt oder auch die nach Aceton und Isopropanol süchtige Nagellackpflegerin legten gerade ihre angeschwollenen Füße auf ihren Wohnzimmertisch und öffneten die zweite Flasche eines alkoholhaltigen Getränks. Russell lag derweilen die Kontrolle eines illegal betriebenen Mailservers aus dem Darknet unter seinen Fingern. Ein bisschen cool fand er es schon, musste er zugeben.