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Bettina Reimann

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Beschreibung

Jemand tötet Menschen und versieht die Leichen mit einer makaberen Botschaft: Arnold Hager, ein Richter im Ruhestand, soll Selbstmord begehen, damit die Mordserie endet. An auffälligen Plätzen im Aller-Leine-Tal werden die Getöteten von Passanten entdeckt. Wer will sich an Hager rächen? Flora Kamphusen und ihr familiäres Ermittlungsteam finden sich im Kampf gegen die Zeit wieder, denn der Täter kündigt an, jede Woche einen Menschen umzubringen, so lange, bis Arnold Hager sich selbst richtet ... Sind die Opfer zufällig gewählt oder gibt es ein Muster, sodass die Gefährdeten geschützt werden können? Wieviele Leben werden blutig enden, bis der Täter enttarnt ist? Flora, Carsten, Anna und das Walsroder Kripoteam geben alles, um die Mordserie zu beenden.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bettina Reimann

Aller-Rache

Niedersachsenkrimi

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Friedhof Düshorn – 5. April 2022

Auf dem Gutshof der Familie Blume – 5. April

Paps

Auf dem Gutshof – 5. April, mittags

In Lindwedel – 5. April, nachmittags

Auf dem Gutshof – 5. April, abends

Paps

In Hodenhagen – 12. April

Auf dem Gutshof – 12. April

Unterwegs – 12. April

Auf dem Gutshof – 12. April, abends

Auf dem Gutshof – 13. April

Paps

Auf dem Gutshof – 13. April, morgens

Paps

Auf dem Gutshof – 14. April

Auf dem Gutshof – 15. April, morgens

In Lindwedel – 15. April

Auf dem Gutshof – 16. April

Auf dem Gutshof – 17. April, Ostersonntag

Auf dem Gutshof – 18. April, morgens

Auf dem Gutshof – 19. April

Unterwegs – 19. April, abends

Auf dem Gutshof – 20. April, morgens

Paps und Dana

Auf dem Gutshof – 21. April

In Beetenbrück – 21. April, mittags

Paps

Auf dem Gutshof – 21. April, nachmittags

Paps

Auf dem Gutshof – 21. April, abends

Paps und Dana – Frühling 2022

Auf dem Gutshof – 22. April, morgens

Auf dem Gutshof – 22. April, nachmittags

Paps und Dana - damals

Online – 22. April, nachmittags

Auf dem Gutshof – 22. April, abends

Auf dem Gutshof – 23. April

Paps und Dana – 2018

Auf dem Gutshof – 24. April, vormittags

Paps

Auf dem Gutshof – 24. April, abends

Paps und Dana – 2015

Auf dem Gutshof – 5. April, nachts

In Beetenbrück – 25. April, morgens

Unterwegs – 25. April, mittags

In Beetenbrück – 25. April, nachmittags

In Beetenbrück – 25. April, nachmittags

Paps

Im Kommissariat – 25. April, nachmittags

In Beetenbrück – 25. April, nachmittags

Im Kommissariat – zeitgleich

Auf dem Gutshof – 25. April, bald danach

Auf dem Gutshof – 26. April, morgens

In Lindwedel – 2. Mai

DANKE

Über die Autorin

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Impressum

Prolog

Jetzt konnte er nur noch warten. Warten, was passierte, wenn die Leute davon erfuhren. Warten, ob sie reagierten, wie er es erhoffte. Den Tod eines Menschen fordern, das sollten sie. Aus Angst, aus Wut oder aus Sensationslust. Die Beweggründe waren ihm egal.

Noch einmal drehte er sich um zu seinem Werk, das im fahlen Licht eines verschleierten Halbmondes friedlich aussah. Das weiße Schild: Es leuchtete und hob sich von der reglosen Silhouette des Mannes, der es um den Hals trug, deutlich ab. Leise verließ er den Ort, der ihm in diesem Moment gleichzeitig ein Kribbeln im Bauch und Ruhe im Kopf schenkte. Es hatte begonnen. Und es würde nicht eher enden, bis er sein Ziel erreicht hatte.

Jemand musste die Entscheidung treffen, von eigener Hand  zu sterben, damit andere leben durften.

Und damit sie, die ihn liebevoll »Paps« nannte, ihr Leben zurückbekam.

Friedhof Düshorn – 5. April 2022

Marita Schmölke gähnte herzhaft. Es war empfindlich kühl, ihre Füße in den leichten Schuhen waren nach wenigen Schritten eiskalt. Mit einem großen Blumenstrauß in der linken und einer Harke in der rechten Hand steuerte sie auf die Familiengrabstelle zu. Der Düshorner Kirchenfriedhof lag in fahlem Morgenlicht, die Sonne schaffte es nicht durch den Frühnebel. Egal. Gleich würde sie wieder in ihrem warmen Auto sitzen, um damit zur Arbeit nach Walsrode zu fahren. Nur rasch die Blumen in die Vase stecken zu Vaters Geburtstag und einmal harken, sie hatte es ihrer Mutter versprochen.

Sie hastete am Glockenturm vorbei, ersetzte fröstelnd die schlaff herunterhängenden Tulpen durch den frischen Strauß, ohne das Blumenwasser zu wechseln. Mit der Harke eliminierte sie ihre Trittspuren. Alles wieder ordentlich. Sie drehte sich um und sah, dass jemand auf den steinernen Stufen vor dem Turm saß.

War das Lothar Herrenfeld? Sie kannte den Steuerberater, der seit Jahren gegen den Krebs kämpfte und völlig ausgemergelt wirkte. Der arme Mann. Marita Schmölke ging näher heran.

Ja, das war Lothar Herrenfeld und er lehnte mit geschlossenen Augen an der Tür zum Glockenturm. Kreidebleich sah er aus.

»Herr Herrenfeld? Ist Ihnen nicht gut?« Hoffentlich war das kein Notfall. Dafür war die Zeit vor Dienstbeginn zu knapp.

Sie bekam keine Antwort und trat noch etwas näher. Ihr Blick fiel auf die Handgelenke des Mannes, der mit ausgestreckten Armen und den Handflächen nach oben in der Kälte saß. Die Jackettärmel waren fast bis zum Ellenbogen hochgeschoben. Sie sah die langen Schnitte an den Armen und, als sie die Augen hob, einen laminierten Zettel, der ihm mit einem Band um den Hals hing und zusätzlich an Herrenfelds Anzugjacke mit einer Sicherheitsnadel befestigt war. Und doch hatte der Wind den Zettel zur Seite geweht, sodass man nicht sehen konnte, was darauf stand.

Vorsichtig trat Marita Schmölke näher und fühlte routiniert nach einem Pulsschlag am eiskalten Hals des Mannes. Nur zur Sicherheit. Wie sie geahnt hatte: Nichts. Die Altenpflegerin begegnete dem Tod so oft, dass er für sie keinen Schrecken mehr bot. Lothar Herrenfeld war eindeutig tot, schon der dritte tote Mensch, den sie in diesem Monat sah. Unschlüssig und frierend stand sie vor dem hölzernen Glockenturm. Sie konnte sich davonstehlen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Jemand anderes würde den Friedhof besuchen und Herrenfeld entdecken. Helfen konnte man ihm ohnehin nicht mehr.

Sie betrachtete die offenen Schnitte an den Handgelenken, aus denen kein Blut auf die Kleidung des Toten getropft war. Vorsichtig drehte sie den Zettel an seinem Jackett um. »Dies ist erst der Anfang! Richten Sie sich selbst, Arnold Hager, sonst geht es weiter!«

Nein, sie durfte nicht leise abhauen und diese erschreckende Botschaft dem nächsten Friedhofsgast zur Entdeckung überlassen. Marita Schmölke griff zum Handy und wählte den Notruf. Dann fotografierte sie aus einiger Entfernung den toten Mann und stellte das Bild in die Personal-WhatsApp-Gruppe des Pflegeheimes, in dem sie zum Dienstbeginn erwartet wurde. »Vorsicht, Bild ist nichts für Zartbesaitete. Den habe ich gerade tot auf einem Friedhof gefunden. Warte hier auf die Polizei. Kann später werden. Und Lothar Herrenfeld könnt ihr als Kunden für die Ambulante streichen.« Sie ging zum Friedhofseingang zurück, um auf das Eintreffen der Beamten zu warten.

Der erste Polizist, der den Friedhof betrat, sah bleich aus und wirkte fahrig. Marita Schmölke wich einen Schritt zurück, als er auf sie zu kam. In den letzten Jahren hatte sie gelernt, sich von allem fernzuhalten, was nur im Geringsten nach Krankheitssymptomen aussah. Die Arbeit im Pflegeheim gebot äußerste Vorsicht.

»Ronald Beutlein, Kriminalkommissariat Walsrode. Sie haben den Toten gefunden?«

»Ja, folgen Sie mir. Er sitzt auf den Stufen des Glockenturms.« Sie schritt voran, der Polizist schloss zu ihr auf. Marita Schmölke wich auf den Grasstreifen aus, um Abstand zu halten.

»Der Mann heißt Lothar Herrenfeld und war seit Jahren krebskrank. Er dürfte seit mehr als sechs Stunden tot sein«, informierte sie den Kommissar. »Die Pulsadern sind geöffnet, aber es ist kein Blut da. Gestorben ist er hier also nicht.«

»Na, da hat wohl jemand bei Doktor Google studiert«, kommentierte der Polizist abfällig.

Marita Schmölke blieb stehen. Was bildete dieser unscheinbare bleiche Typ mit Halbglatze und dicken Tränensäcken sich ein?

»Ich bin ausgebildete Palliativpflegerin und der Tod ist unser ständiger Begleiter bei der Arbeit. Was meinen Sie, wer von uns beiden mehr Tote gesehen hat?«

Beutlein sah sie erstaunt an. »Tut mir leid, ich wollte Sie nicht beleidigen. Es passiert uns leider immer wieder, dass Leute meinen, sie wüssten mehr als wir.« Sein Blick zeigte Reue, Marita Schmölke war nicht nach Konfrontation zumute.

»Kann ich mir vorstellen. Naja, so eine bin ich nicht.«

Sie kamen am Glockenturm an, als ein zweiter Streifenwagen auf dem Parkplatz des Friedhofs vorfuhr. Ein junger Polizist in Uniform stieg auf der Fahrerseite aus, eine Frau im Mantel, mit langen blonden Haaren, schälte sich aus dem Beifahrersitz.

»Da kommt meine Chefin, Hauptkommissarin Heinecke.« Ronald Beutlein warf nur einen kurzen Blick auf den Toten, bevor er auf einen Rasenstreifen zurücktrat.

»Wir warten besser auf Frau Heinecke, sonst müssen Sie alles doppelt erzählen.«

Marita Schmölke erzählte der Leiterin des Kriminalkommissariates Walsrode von Lothar Herrenfeld, dessen Facebookgeschichte über den Verlauf seiner Krankheit vielen Menschen in Düshorn bekannt war. »Bis vor einem halben Jahr hat er noch als Steuerberater gearbeitet, dann konnte er das nicht mehr. Darmkrebs, mehrere Operationen, aber der Krebs hatte schon gestreut. Herr Herrenfeld ist ganz offen damit umgegangen.«

Der Kommissar mit der ungesunden Gesichtsfarbe notierte ihre Aussagen, während seine Chefin sich ein Bild von der Umgebung des Glockenturms machte. Der junge Streifenpolizist sperrte unterdessen den Zugang zum Friedhof mit Flatterband ab. Marita Schmölke verfolgte das Geschehen mit großem Interesse. Wenn der Tod in das Pflegeheim kam, wurde er still begleitet und die Kollegen versuchten, so wenig wie möglich an die anderen Heimbewohner durchdringen zu lassen. Hier war der Tod ein Spektakel und die ersten Schaulustigen hatten Wind davon bekommen. Zwei ältere Frauen standen vor der Friedhofshecke und redeten auf den Streifenpolizisten ein, der die Fragen kopfschüttelnd abwehrte. Eine der Schaulustigen trug nur Strickjacke und Pantoffeln, die andere hatte das Handy am Ohr. Rief sie weitere potenzielle Zaungäste an?

Die Altenpflegerin entfernte sich einige Schritte weit. Die Polizisten beachteten sie nicht mehr und sie konnte ungestört beobachten, wie ein Notarztwagen vorfuhr. Klar, jemand musste den Tod feststellen, selbst wenn es eindeutig war. Dann kam ein einzelner Mann mit einem Arbeitskoffer und als letzte trafen zwei Menschen ein, bekleidet mit den typischen weißen Overalls, die sie in Fernsehkrimis gesehen hatte. »Aha, die Spurensicherung«, erkannte sie. Gesprächsfetzen wehten zu Marita Schmölke herüber.

»Ja, der soll wohl vorgehabt haben sich umzubringen. War todkrank.« Hauptkommissarin Heinecke instruierte den Mann mit dem Koffer.

»Aber hier hat er es nicht gemacht. Den muss jemand extra gewaschen und frisch angezogen haben. Warum macht man sowas?« Ob der stämmige kleine Mann, der das sagte, Rechtsmediziner war?

»Die Schnitte sehen auf den ersten Blick aus, als wären sie post mortem erfolgt. Festlegen will ich mich da noch nicht«, erläuterte er. Marita Schmölke fühlte sich bestätigt, denn das war auch ihr erster Eindruck.

»Und was soll dieser Zettel? Hat den jemand von Ihnen angefasst?« Einer der Männer im weißen Overall stellte die Frage und Grit Heinecke schaute sich um.

»Hallo, Frau Schmölke!«

Sie erschrak, als sie aus der Beobachterposition gerissen wurde. Die Hauptkommissarin trat auf sie zu.

»Haben Sie diesen Zettel angefasst?«

»Ja, ich hab ihn umgedreht, der Wind hatte das Blatt zur Seite geweht.«

»Dann brauchen wir ihre Fingerabdrücke für einen Abgleich. Dazu müssten Sie ins Kommissariat nach Walsrode kommen. Sie wissen, wo das ist?«

Marita Schmölke nickte. »Kein Problem, das Pflegeheim, in dem ich arbeite, ist in Walsrode.«

»Haben Sie gelesen, was auf dem Zettel steht?«

Sah die Heinecke sie etwa kritisch an? Marita Schmölke antwortete trotzig. »Natürlich hab ich das. Da sitzt der Lothar tot am Glockenturm mit einem eingeschweißten Zettel am Revers. Würden Sie nicht wissen wollen, was darauf steht?«

»Das war keine Kritik, Frau Schmölke.« Die Hauptkommissarin schmunzelte. »Diese Neugier ist normal.«

Marita Schmölke entspannte sich.

»Ich möchte Sie bitten, dass Sie niemandem davon erzählen, was auf diesem Zettel steht. Kann ich mich darauf verlassen?«

Die Altenpflegerin nickte, das Handy in der Jackentasche umklammernd. Ach je, das Foto an die Mitarbeitergruppe. War der Zettel darauf zu lesen? Egal, es war nicht mehr zu ändern. Sie überlegte kurz, ihre spontane fotografische Tat zu gestehen, doch bevor sie sich dazu durchringen konnte, folgte eine weitere Frage.

»Sagt Ihnen der Name Arnold Hager etwas?« Die Hauptkommissarin riss Marita Schmölke aus ihren Gedanken.

»Nein, nie gehört.«

»Gut, Frau Schmölke, wir brauchen Sie hier nicht mehr. Ich begleite Sie eben zu Ihrem Auto. Sie parken vorne auf dem Platz am Wedden?«

Aha, die Polizei wollte sichergehen, dass sie den Schaulustigen am Friedhofstor nichts erzählte. Darum wurde sie zum Auto eskortiert. Marita Schmölke begriff. Der Streifenpolizist, der stoisch das Tor bewachte, hob das Flatterband an, damit sie und die Hauptkommissarin darunter hindurchgehen konnten.

»Ich musste gerade einen Typen verscheuchen, der behauptete, er wäre ein ‚Aller-Lei-Reporter‘. Der wollte im Ernst durch ein Loch in der Hecke auf den Friedhof und Fotos machen.« Der Polizist war sichtlich stolz, dass er einen aufdringlichen Mann mit Kamera verscheucht hatte.

»Wissen Sie, Frau Heinecke, die Flora Kamphusen nennt Leute, die ihr Bilder für den Newsblog schicken, Aller-Lei-Reporter. Wär ja nicht auszudenken, wenn Flora an Fotos des Toten käme. Dann hätten wir sicher wieder Herrn Blume bei den Ermittlungen.«

Die Hauptkommissarin blieb abrupt stehen, Marita Schmölke lief zu ihr auf und trat ihr in die Hacken. Grit Heinecke schien es nicht einmal zu merken.

»Ach je, Schlüter, beschreien Sie’s nicht. Ich möchte diesen Fall bitte gänzlich ohne die graue Kriminaleminenz vom Aller-Leine-Tal und seine familiäre Ermittlungstruppe lösen.«

Marita Schmölke drängte sich an der Kommissarin vorbei, die immer noch wie angewurzelt im Tordurchgang stand. Auf ihrem Weg zum Auto lauschte die Altenpflegerin weiter. »Aber der Herr Blume und die Flora haben’s schon drauf irgendwie.« Der Streifenpolizist, den die Kommissarin Schlüter nannte, klang bewundernd.

»Polizeiobermeister Schlüter, wir sind personell am Anschlag und ich brauche jeden. Aber wenn Sie noch einmal Carsten Blume erwähnen, schicke ich Sie in die Schwarmstedter Wache an den Schreibtisch zurück, verstanden?«

Die Hauptkommissarin machte kehrt, ohne sich von Marita Schmölke zu verabschieden, die jetzt an ihrem Wagen stand und die Szenerie beobachtete.

Wenigstens Kevin Schlüter rief ihr zu: »Wiedersehen, angenehmen Tag noch«.

Schön wär’s.

Auf sie wartete für den Rest des Tages ein Dienst mit FFP2-Maske. Noch immer. In Zimmer 3 lag ein Patient, der nicht mehr lange zu leben hatte. Seine Angehörigen lebten in Neuseeland. Er war allein. Ihre Menschlichkeit war hier gefordert. Obwohl nur ein paar Minuten dafür Zeit war. In Zimmer 2 hatte Frau Meyer vielleicht schon ihr nagelneues Tablet auf dem Schoß und wurde ungeduldig, weil Schwester Marita nicht da war, um die Verbindung zur Tochter via Zoom herzustellen. Und sicher hatte sich Herr Kolkmann wieder von oben bis unten mit Kaffee bekleckert, weil er die Tasse mit seinen zittrigen Händen nicht mehr unfallfrei zum Mund bewegen konnte. Marita Schmölke war bewusst, dass diese zwei Stunden auf dem Düshorner Friedhof wahrscheinlich die entspanntesten des Tages bleiben würden.

Sie wendete den Wagen und bog in die Kirchstraße ein. Ihr Handy vibrierte zum wiederholten Mal. Sie parkte kurz am Straßenrand, um eine Nachricht in die WhatsApp-Gruppe zu schicken. »Bin in einer Viertelstunde da.« Sie sandte den Text ab und sah, dass schon die halbe Belegschaft das Foto kommentiert hatte.

»Wenn das die Heinecke wüsste«, murmelte sie und trat auf das Gaspedal. Auf in den Alltag.

Auf dem Gutshof der Familie Blume – 5. April

Carsten Blumes Smartphone vibrierte in der hinteren Tasche seiner Cordhose. Keine Chance, den Anruf anzunehmen. Er hielt ein Spülbecken fest, bis sein Schwiegersohn Michael es mit dem Unterschrank verschraubt hatte.

Auf dem Gutshof Blume wurde an einer tragfähigen Zukunft des Hotel-Restaurants gearbeitet. Onlinemeeting statt Mitarbeiterseminar: Das hatte sich nach Corona zunehmend etabliert. Jetzt brauchten sie deutlich weniger Hotelzimmer, denn nur für die Touristensaison lohnte sich der gesamte Zimmerbestand nicht. Geschäftsreisen für Firmenveranstaltungen im ehrwürdigen Ambiente eines alten Gutshofes: Das war bisher eine sichere Einnahmequelle gewesen. Die letzten beiden Jahre hatten alles geändert. Und jetzt änderte die Familie Blume-Kamphusen eben ihr Geschäftsmodell, zumindest zum Teil.

Aus jeweils zwei Zimmern mit Bad im umgebauten Erdgeschoss einer alten Scheune wurde mit viel Eigenleistung ein kleines Appartement, das sich zur dauerhaften Vermietung oder als Ferienwohnung eignete. Anna Blume-Kamphusen hoffte auf Mieter, die für mehrere Wochen oder Monate eine unkomplizierte Unterkunft benötigten.

Die beiden neu entstandenen Wohnungen hatten nun zwei Bäder, aber keine Küche, es galt, aus jeweils einer Nasszelle eine kleine funktionale Kücheneinheit zu gestalten. Da das Erdgeschoss zwei Eingänge hatte, reichte es, im Korridor eine Zwischenwand einzuziehen und schon war jedes Appartement eine abgeschlossene Wohneinheit: Wohnzimmer, Schlafzimmer, Flur, Küche, Bad und hoffentlich dauerhafte Mieteinnahmen.

Erst seit fünf Jahren gab es den Hotelbetrieb. Und welch schwierige Zeiten hatte er in dieser kurzen Zeitspanne bereits überstanden! Wenn Carsten Blume zurückdachte, wie er sich das Dasein als Kriminalhauptkommissar im Ruhestand auf dem geerbten Hof seiner Familie vorgestellt hatte, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Lass los, ist alles fest.« Michael Kamphusen kam aus einer Ecke hervorgekrochen und schüttelte sich Staub aus den Haaren.

»Das hätten wir, Vater. Lass uns erstmal Mittagspause machen. Teller Erbsensuppe? Die hab ich vorhin schon warmgestellt.«

Carsten Blume freute sich darauf. Aus der Restaurantküche seines Schwiegersohnes war selbst ein schlichter Eintopf eine Delikatesse. Wenigstens etwas, denn aus dem gemütlichen Leben, in dem er sich nach Eintritt in das Pensionärsleben akribisch der Ahnenforschung widmen wollte, war nichts geworden. Zwei Kriminalfälle später rechnete er nicht mehr mit dem beschaulichen Alltag, der ihm vorgeschwebt hatte. Er nahm das Handy aus der Hosentasche und sah nach, wer ihn soeben erreichen wollte. Eine unbekannte Nummer, der Anrufer hatte eine Voicemail hinterlassen. Carsten überlegte, sie gleich abzuhören, doch er beschloss: Das konnte warten. Erst einmal die Erbsensuppe.

Aus der zweiten neu gestalteten Wohnung kamen Anna Blume-Kamphusen und ihre Tochter Flora, die Dekorationsfragen diskutierten.

»Mama, das sind jetzt keine Hotelzimmer mehr. Du willst längerfristig möbliert vermieten. Meinst du nicht, die Leute sollten selbst entscheiden, wie sie ihre Räume dekorieren?«

»Hast ja recht, Flora. Aber das Dekorieren macht so viel Spaß.« Sie hatte an taubenblaue Übertöpfe mit Grünpflanzen für die Kommode im Flur und das Wohnzimmerfenster gedacht. Schade. Anna sah ein, dass es die Entscheidung ihrer künftigen Mieter war, ob sie Lust hatten, Pflanzen zu gießen.

»Wir bräuchten mal wieder einen Fall, Mama«, witzelte Flora, als sie über den Hof zum Hintereingang des Hauptgebäudes gingen.

»Auf keinen Fall, mein Kind!« Anna lachte.

Mutter und Tochter betraten bester Laune das Restaurant, in dem Carsten Blume einen randvollen Teller Erbsensuppe an den Familientisch balancierte. Noch vor zwei Jahren hatte Flora die meiste Zeit in ihrem WG-Zimmer in Hannover gelebt und war auf dem besten Weg, sich komplett vegetarisch zu ernähren. Die hehren Vorsätze brachen zusammen, sobald sie Zeit mit der Familie verbrachte. »Blumes Rittersaal«, das Restaurant ihrer Eltern, idyllisch an einer Allerschleife zwischen Ahlden und Rethem gelegen, bot vegetarische Gerichte. Dafür hatte Flora selbst gesorgt und lange auf ihren Vater eingeredet, auch vegane Angebote zu probieren. Doch bei den Restaurantgästen kamen diese neuen Elemente auf der Speisekarte nicht an. Das Thema »vegane Küche« war seither tabu in Blumes Rittersaal. Selbst Floras vegetarische Ernährung blieb ein edler, auf dem Gutshof schwer umzusetzender Plan.

Schellfisch in Dijon-Senfsoße, Steckrübeneintopf aus kräftiger Rinderbrühe mit Fleischstückchen: Ihr Vater kochte zu lecker, um sich täglich selbst eine Gemüsepfanne zu brutzeln.

Und Erbsensuppe ohne Würstchen? Flora füllte eine große Kelle mit ordentlich Fleischgehalt auf ihren Teller und gesellte sich zu ihrem Großvater. Die Suppe war noch zu heiß, es blieb Zeit, nachzuschauen, wer ihr WhatsApp-Nachrichten geschickt hatte.

»Hallo Flora, es gab heute eine Leiche auf dem Friedhof in Düshorn. Ist wohl ein Selbstmörder. Fotos konnte ich nicht machen. Bullen haben mich nicht durchgelassen. Trotzdem interessant?«

Der Absender war Steven, einer ihrer »Aller-Lei-Reporter«. Für ihren Newsblog www.aller-lei-online.de nutzte sie Informanten aus vielen Dörfern, die Spaß daran hatten, Bilder zu schicken oder Themen vorzuschlagen. Das Aller-Leine-Tal war zu groß, um das Gebiet allein im Blick zu behalten. Der Blog war kaum mehr als ein Hobby, die Zahl der Inserenten wuchs zu langsam und Flora verbrachte nur unregelmäßig Zeit mit diesem Projekt. Spektakuläre Themen boten sich in der friedlichen Gegend zwischen den Flüssen zu selten an und wenn Flora in Hannover an der Uni war, dümpelte das ehrgeizig begonnene Onlineportal vor sich hin. Steven hatte eine zweite Nachricht hinterhergeschoben.

»Toter ist Lothar Herrenfeld. Hast du seine Geschichte bei Facebook verfolgt? Der krebskranke Steuerberater. Gefunden hat ihn Marita Schmölke, da kann ich dir einen Kontakt machen.«

Die etablierten Medien berichteten über Suizide in der Regel sehr zurückhaltend und Flora schloss sich dieser Arbeitsweise an. Aber: Ein Selbstmord auf dem Friedhof? Das klang zu kurios, um das Thema sofort zu beerdigen.

Sie legte das Handy zunächst beiseite, um sich der Erbsensuppe zu widmen. Nach dem Mittagessen blieb genug Zeit für eine kurze Recherche. Eine Kracherstory würde sicher nicht dabei herauskommen. Schade, ein großer Wurf wäre dringend nötig, dachte sie. Mit Aufträgen der hannoverschen Tageszeitung, für die sie als freie Mitarbeiterin tätig war, sah es weiterhin mau aus. Die Flaute dauerte schon zu lange. Eine knackige Geschichte, die sie an die Redaktion des Niedersachsenteils verkaufen konnte, wäre eine willkommene Auffrischung des Kontostandes.

»Die erste Wohnung wäre also bezugsfertig«, sagte Michael Kamphusen, als er den leeren Teller beiseitegestellt hatte. »Wollen wir sie in der Walsroder inserieren? Wär ja schön, wenn bald jemand einzieht.«

Seine Frau nickte. »Klar, wird kaum jemand von allein in einem Hotel anrufen und fragen, ob wir eine längerfristig zu mietende Wohnung frei haben, solange wir es nicht bekanntmachen.«

Sie täuschte sich. Genau wie Flora sich täuschte, als sie den Leichenfund nicht für eine Kracherstory hielt. Wie sollten sie auch ahnen, dass der erste Mieter jemand sein würde, der einzog, weil Lothar Herrenfeld tot auf dem Düshorner Friedhof gefunden wurde. Jemand, der Angst um sein eigenes Leben hatte.

***

Die Leidensgeschichte des Steuerberaters aus Düshorn ließ Flora schaudern. Lothar Herrenfeld hatte auf seinem Facebook-Profil eine Art Krebstagebuch geführt. Über die vergangenen drei Jahre ließ er seine Leserschaft daran teilhaben, wie Therapien aussichtsreich begannen und später scheiterten.

Dann kam die Pandemie und Herrenfelds Träume von einer letzten großen Weltreise lösten sich in Luft auf. In diesem Jahr hatte er kaum mehr etwas geschrieben. Der vorletzte Eintrag lag zwei Wochen zurück: »Ich werde nicht dahinvegetieren, sondern selbst entscheiden, wann Schluss ist. Ein selbstbestimmtes Ende in Würde.«

Das war eine Selbstmordankündigung, eindeutig. Doch das letzte Posting, erst drei Tage alt, klang zuversichtlicher.

»Eine neue Medikamentenkombi schlägt an. Die Metastasen werden kleiner. Drückt mir die Daumen.«

Unter diesem letzten Lebenszeichen kommentierten jetzt Bekannte, die von seinem Tod gehört hatten. Im Dorf sprach es sich schnell herum, und der Polizeieinsatz auf dem Düshorner Friedhof bot Stoff für die örtliche Gerüchteküche.

»RIP Lothar. Danke, dass ich Dich kennen durfte.«

»Hat er es doch getan, dabei gab es zuletzt Hoffnung.«

»Wir kannten uns aus der Schulzeit. Lieber Lothar, ich erhebe mein Glas auf einen besonderen Menschen.«

23 Kommentare betrauerten schon den Tod des Mannes. Zwei Einträge fielen aus der Reihe: »Voll makaber, sich gleich auf dem Friedhof umzubringen. Meine Mutter hat beobachtet, wie sie ihn da abtransportiert haben«, schrieb »SweetElli2006«, das Profilfoto zeigte einen Teenager. Darunter hatte jemand gewitzelt: »Auch nicht so häufig, dass ein Sarg vom Friedhof weg transportiert wird.«

Scherzkekse gab es überall in den sozialen Medien. Für den makaberen Post hatte der Schreiber ausschließlich Wut-Smileys geerntet, keine positiven Reaktionen. Flora sah, dass ein weiterer Kommentar aufploppte: »Wer ist Arnold Hager?« Was sollte denn diese Bemerkung? Hatte der Kommentator, »ChemtrailHK«, den Thread verwechselt? Der nächste Beitrag lud langsam, offensichtlich ein Foto.

Das Bild eines DIN A 4-Blattes vor dem Hintergrund eines menschlichen Körpers wurde angezeigt. Es war grob verpixelt, aber lesbar. »Dies ist erst der Anfang! Richten Sie sich selbst, Arnold Hager, sonst geht es weiter!«

Der Bildausschnitt zeigte nur den Brustbereich des Körpers, der Zettel war mit rotem Filzstift beschrieben, die Handschrift wirkte kindlich. Die Nachricht kam erneut von »ChemtrailHK«. Was sollte das sein? Ein besonders schlechter Scherz? Der dritte Kommentar dieses Facebook-Profils erschien. »Warum hatte Lothar das Schild um den Hals?« Flora spürte ein Kribbeln im Nacken. Das schien kein so schlichter Suizid zu sein, wie sie angenommen hatte. Der Name Arnold Hager kam ihr zudem bekannt vor. Sie schnappte sich den geöffneten Laptop, um ihren Großvater aufzusuchen, und fand ihn mit dem Smartphone in der Hand an seinem Schreibtisch.

»Sagt dir der Name Arnold Hager was, Opa?

»Komisch, dass du fragst, Flora. Der hat mir gerade auf den Handy-AB gesprochen.«

Paps

Arnold Hager. Es war lange her, dass er den Namen zuerst gehört hatte. Lange hatten sie nicht mehr über ihn gesprochen. Drei Jahre lang. Bis der Tag kam, an dem dieser Mann erneut in ihr Leben trat.

Durch Zufall.

Mitten im Alltag.

Eine kurze Begegnung.

Flüchtig, zufällig.

Eine Begegnung, die schnell wieder hätte vergessen sein können.

Doch Hager sorgte dafür, dass sie nie vergessen wurde.

Er war schuld an allem, was folgte.

Daran, dass alles auseinanderbrach.

Wieder vergingen Jahre und der Name verschwand aus seinen täglichen Gedanken. Wurde zu einem dumpfen bitteren Groll, weit hinten im Gedächtnis.

Warum hatte dieser Mann sich erneut in sein Leben gedrängt? An einem Tag, der grau und dunkel war. Arnold Hager stand auf einmal vor ihm und nannte seinen Namen. Er redete voller Missgunst, ein selbstgefälliges Lächeln auf den Lippen.

Von diesem Moment an schwand die Erinnerung an den Mann, der ein glückliches Leben zerstörte, nicht wieder in den Tiefen seines Gedächtnisses. Sie flammte auf, Tag für Tag, und nährte sein Gefühl, dass es an ihm war, für Gerechtigkeit zu sorgen.

Der erste Schritt war getan. Arnold Hager würde keine ruhige Minute mehr haben.

Leiden sollte er.

Bis zu seinem Ende.

Bald.

Auf dem Gutshof – 5. April, mittags

»Den kennst du vom Sehen, Flora. Hager ist mit seiner Frau schon oft zum Essen bei uns gewesen. Das ist der alte Richter, mit dem ich so einige Fälle hinter mich gebracht habe. Wie kommst du gerade jetzt auf den Namen?«

Carsten Blume sah seine Enkelin erstaunt an. Die stellte ihren Laptop auf den Schreibtisch und klickte auf ein Bild.

»Da siehst du’s. Der Zettel hing am Jackett eines Selbstmörders, den sie heute auf dem Friedhof in Düshorn gefunden haben. Und warum hat dich Arnold Hager angerufen?«

»Anscheinend weiß er schon von dem Zettel. Die Voicemail war kurz. Hager hat nur gesagt, dass er bedroht wird und er meine Hilfe braucht. Ich sollte dann mal zurückrufen.« Carsten Blume betrachtete das Foto des beschriebenen Zettels. »Was ist das für eine komische Schrift, irgendwie kindlich.«

Die breiten kurzen Buchstaben waren nach links gebeugt und standen eng zusammen. Die erste Zeile glitt etwas nach oben, die weiteren zwei Zeilen strebten leicht nach unten.

»Anna könnte uns jetzt was über die Person sagen, die das geschrieben hat. Schriftanalyse kann sie«, stellte der Kriminalhauptkommissar im Ruhestand fest. Carstens Tochter, Floras Mutter, hatte eine Vergangenheit als Psychologin in der Familientherapie. Das Hotel-Restaurant war ein Lebenstraum, der möglich wurde, als ihr Vater den Gutshof seines Bruders geerbt hatte. Anna Blume-Kamphusen hatte oft das Gefühl, ihre psychologische Ausbildung würde im Umgang mit Hotelgästen genauso häufig benötigt wie in einer Therapiepraxis. Gestresste Geschäftsreisende sprachen sich gern bei ihr aus, wenn sie von anstrengenden Terminen kamen und keine Familie da war, um sie aufzubauen.

»Ok, ich zeig das Mama. Aber spannender als die Schrift ist doch der Inhalt. Was kann dieser Hager verbrochen haben, dass jemand ihn bedroht? Der Zettel klingt, als ob ihn jemand in den Selbstmord treiben will.« Floras gute Nase für spannende Recherchen witterte Potenzial.

»Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Hager war am Amtsgericht und hatte nur kleine Fische. Sachbeschädigung, Diebstahl, notorische Schwarzfahrer und sowas. Kleinere Betrugsdelikte waren auch dabei.«

Carsten Blume dachte nach. »Wir hatten damals einen Spitznamen für ihn, weil er auch bei kleinen Fällen lange Urteilsbegründungen verlas und den Tätern ins Gewissen redete.«

»Also war er kein besonders strenger Richter, an dem sich wer rächen will?« Floras Neugier reichte über das Schreiben eines Artikels hinaus. Hatten sie einen neuen Fall?

Ihr Großvater steckte sich einen Filterzigarillo an, der ihm, wie er stets betonte, das Gehirn frei pustete. Er zog genüsslich daran und lächelte.

»Ich hab’s. Wir haben ihn den ‚Prediger‘ genannt wegen seiner langen Urteilsbegründungen. Und zu deiner Frage: Nein, die Urteile waren zumeist milde, vor allem, wenn die Täter Reue zeigten. Das wussten die Anwälte und darum gab es viel Reue in Hagers Verhandlungen. Nur wenn jemand ärmere Leute beklaute oder betrog, wurde er garstig. Zu Recht.«

»Ok, ein menschlicher Richter, bei dem sich die Verbrecher einschleimen konnten. Ich erinnere mich jetzt an ihn, das ist doch dieser alte Mann, der einen Stock mit Silberknauf hat und immer ein Einstecktuch im Jackett, ne? Der muss doch schon steinalt sein.« Flora sah den feinen betagten Herrn vor sich, der im Restaurant die Servicekräfte nervte, weil er so lange die Weinkarte studierte. Flora hatte ihn bei einem Ostermenü selbst mal betreut, als sie im Service aushalf. »Das Trinkgeld war richtig gut«, fiel ihr ein.

»Nein, Hager war wirklich nicht gefürchtet. Der blieb immer freundlich, auch bei seinen langen Ermahnungen. Und in Pension ist er schon mehr als zehn Jahre. Seit ein paar Jahren wohnt er in Lindwedel. Seine Frau kommt aus unserer Gegend und wollte gern in ihre alte Heimat aufs Land ziehen. Hager ist einfach ein feiner alter Herr mit gutem Benehmen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, warum ihm jemand schaden will. Auf meiner Mailbox klang er gerade wirklich ängstlich. Ich sollte ihn besser gleich zurückrufen.«

Flora blieb im Sessel neben dem Schreibtisch ihres Großvaters sitzen und schaute erwartungsvoll. Carsten Blume räusperte sich.

»Ich rufe ihn an, meinte ich. Das war kein ‚wir rufen ihn an‘. Würdest du mich allein lassen?«

Flora runzelte empört die Augenbrauen. »Echt jetzt?«Genervt schälte sie sich aus dem Sessel. »Okay, dann chatte ich mal mit Steven, meinen Aller-Lei-Reporter, der dabei war, als sie den Selbstmörder gefunden haben.« Betont langsam verließ Flora den Raum.

In ihrem Wohnzimmer setzte sie sich an den Schreibtisch und sah zuerst nach, ob weitere Kommentare unter dem letzten Posting von Lothar Herrenfeld eingetroffen waren. Sie wurde fündig, eine aufgeregte Diskussion war im Gang.

»Was hat dieser Hager dem armen Herrenfeld getan, dass er mit einer solchen Mitteilung aus dem Leben geht?«

»Da muss was Schlimmes vorgefallen sein. Was bedeutet denn ‚sonst geht es weiter‘?«

»Hey, woher wisst ihr, dass dieses Bild kein Fake ist? Kennt einer hier diesen ChemtrailHK? Schon der Accountname zeigt doch, was das für einer ist. Verschwörungstheoretiker!«

Zweifel und Vermutungen wechselten sich ab. Der Zettel mit seiner linksgeneigten Kinderschrift war mehrfach geteilt worden, auch in eine lokale Gruppe für den Heidekreis. Flora folgte dieser Spur. Ein Facebooknutzer mit dem Namen Aaron Scholze verbreitete das Bild mit einem ätzenden Kommentar: »Stasi-Hager hat es nicht anders verdient. Hoffentlich macht er, was auf dem Bild steht.«

»Stasi-Hager«? Das klang, als ob zumindest dieser Aaron Scholze den Richter nicht als freundlichen älteren Herrn sah. Flora fertigte Screenshots von allen Einträgen, die sich um den Zettel drehten, und lud das Bild herunter. Ihr war klar, dass sie die Dynamik der Weiterverbreitung bei der Polizei melden musste. Dieser Fotoeintrag des Zettels führte schlimmstenfalls zu einer Hetzjagd auf den armen Hager. 

Sie wählte Grit Heineckes Handynummer, die sie aus dem Frühling 2020 gespeichert hatte – vom letzten Fall, der zu einem verblüffenden Ende gekommen war. Hauptsache, die Heinecke würde diesmal mit ihren Leuten selbst ermitteln. Den LKA-Typen Hartmut Ziegler, der in beiden Fällen der vorigen Jahre komplett auf dem Holzweg war, benötigten sie nicht erneut, meinte Flora.

Dass Arnold Hager gleich am Morgen bei Carsten um Hilfe gebeten hatte, brauchte sie nicht zu erwähnen.

»Heinecke, Kriminalpolizei Walsrode. Frau Kamphusen, wieso wundere ich mich nicht, dass Sie anrufen?«

Aha, die Kommissarin hatte sie ebenfalls namentlich gespeichert. Flora empfand eine gewisse Genugtuung.

»Hallo Frau Oberkommissarin. Ich glaub schon, dass Sie sich gleich wundern. Ich möchte Ihnen einen Hinweis geben, dem Sie schnellstens nachgehen sollten.«

Ein kurzer Moment des Schweigens.

»Sie überraschen mich. Ich dachte natürlich, Sie wollten etwas von mir wissen. Und weil Ihr komischer Aller-Lei-Reporter heute morgen am Friedhofstor randaliert hat, geht es natürlich um den Selbstmordfall in Düshorn, nicht wahr? Übrigens bin ich seit Kurzem Hauptkommissarin, nur der Vollständigkeit halber.«

Steven war auffällig geworden. Na ja, nicht ihre Schuld, meinte Flora. Und die Heinecke war aufgestiegen, ach guck. Doch jetzt war erst einmal schnelles Handeln erforderlich.

»Glückwunsch zur Beförderung. Passen Sie auf: Bei Facebook kursiert das Bild eines Zettels, auf dem etwas über einen Arnold Hager steht, der sich selbst richten soll. Das Bild wird gerade richtig rumgereicht. Ich meine, das sollten Sie wissen. Sie haben doch sicher einen offiziellen Draht, damit der FB-Support das entfernt.«

Flora hörte leises Fluchen, als ob die Kriminalhauptkommissarin die Hand auf den Lautsprecher hielt, um in Ruhe »So eine verdammte Scheiße« zu rufen.

Dann war Grit Heinecke wieder am Handy. »Danke für den Hinweis. Schicken Sie mir sofort einen Link, bitte. Dafür haben Sie was gut bei mir.«

»Ok, die Info kommt gleich via WhatsApp. Kann ich Sie also etwas fragen?«

Die Hauptkommissarin antwortete hektisch. »Ja, können Sie. Aber später. Jetzt kümmere ich mich um die Facebooksache. Rufen Sie in einer Stunde nochmal an.«

Flora verabschiedete sich mit einem leisen Triumphgefühl. Der Heinecke hatte sie gleich einmal gezeigt, wie wichtig es war, mit ihr zu kooperieren. Eine WhatsApp kündigte sich mit Klingeln an.

»Danke. Aber kein Wort im Blog, ok? Bitte bestätigen.«

Das ewige Polizei-Mantra. Flora grinste. Sogar ihr Großvater kam ihr bei den vergangenen Fällen regelmäßig damit. Grit Heinecke war grundsätzlich in Ordnung und Flora wollte es nicht mit ihr verderben. »Bestätigt«, schrieb sie und ergänzte: »Das gilt für jetzt – nicht auf Dauer. Alles Weitere später.«

Sie wartete einen Moment, doch von der Kommissarin kam keine Antwort mehr. Schwungvoll öffnete Flora die Tür zum Wohnraum ihres Großvaters, um zu berichten. Die Bezeichnung »Stasi-Hager« in einem Posting passte nicht zu dem, was er über den alten Richter erzählt hatte. Carsten Blume war nicht an seinem Schreibtisch.

»Boah, Opa. Jetzt fängt das wieder an mit den Heimlichkeiten«, murmelte Flora unwirsch und kehrte in ihre Räume zurück.

In zwei Fällen in den beiden Jahren 2019 und 2020 hatte Flora ambitioniert recherchiert, Carsten mit sich gehadert, ob er sich einmischen solle, und Anna oftmals die besten Ansätze gefunden. Zwei Jahre, eine unglücklich verlaufene Beziehung und eine Pandemie später saß Flora an ihrer Masterarbeit. Und wie es danach weitergehen solle, war völlig unklar. Das Auslandsjahr, das sie 2021 einlegen wollte, war Corona zum Opfer gefallen. Außerdem war sie klamm bei Kasse, denn die Medien hatten in den beiden schwierigen Jahren an den freien Mitarbeitern gespart. Flora hatte ihr WG-Zimmer in Hannover gekündigt und wohnte – nur für die Zeit der Masterarbeit, sagte sie sich – fest auf dem Gutshof. Weit vom Schuss, aber praktisch und vor allem kostenlos. Sie schrieb emsig Bewerbungen auf Volontariatsstellen und die Wahrscheinlichkeit, dass sie für die Redakteurinnenausbildung in eine andere Stadt ziehen müsste, war groß. Sie genoss es, zuvor ein paar Monate im elterlichen Nest verwöhnt zu werden – und vielleicht einen neuen zu Fall lösen?

In Lindwedel – 5. April, nachmittags

Carsten Blume verließ das Haus auf leisen Sohlen, damit Flora nichts davon mitbekam. Arnold Hager bat um ein persönliches Treffen in seinem Lindwedeler Bungalow. Die Fragen der Polizeibeamten hatten ihn erschüttert. Er fühlte sich hilflos, denn er war allein zu Hause:

»Meine Frau ist bei unserer Tochter in Süddeutschland. Ich brauche jemanden zum Reden.«

Dass er die Nummer eines ehemaligen hannoverschen Kriminalhauptkommissars im Handy hatte, der ebenfalls im Aller-Leine-Tal wohnte, schien ihm wie eine Fügung.

»Na klar, Herr Hager. Ich verstehe das. Schieberweg 6 in Lindwedel. In Ordnung.« Carsten zog sich warm an, denn der April 2022 verwöhnte nicht mit milden Temperaturen. Treffen an frischer Luft waren Standard in den Coronajahren, in denen der Heidekreis zu den Gebieten mit den niedrigsten Inzidenzen in Deutschland gehört hatte. Das war kein Zufall, sagte sich Carsten. Vorsicht und Zurückhaltung lagen den Heidjern im Blut. Wie gut, dass man sich jetzt wieder drinnen treffen konnte. Er verwöhnte seinen Rücken mit der Sitzheizung seines Wagens. Der Ischias ließ ihn seit einem halben Jahr in Ruhe und das sollte so bleiben. Mit seinen 69 Jahren war Carsten Blume fit und freute sich, dass man ihn meist für jünger hielt aufgrund seiner sportlichen Figur. Einer der ambitionierten Nachwuchspolizisten in der Gegend, Kevin Schlüter, hatte ihn mal verglichen mit »Frank Schätzing in zehn Jahren«. Damit konnte er leben, obwohl es hauptsächlich bedeutete, dass sein Haar mal wieder einen Tick zu lang war.

Wenn man im warmen Auto saß und die Landschaft vorüberziehen ließ, sahen die Dörfer der Umgebung bereits nach Frühling aus. Überall blühten Stiefmütterchen in den Vorgärten, erstes Blattgrün an Büschen und Gehölzen schimmerte an den Straßenrändern.

Carsten Blume hörte NDR 2 und pfiff ein Lied der Scorpions mit. So ein »Wind of Change« wäre jetzt nötig. Der Krieg in der Ukraine war für ihn nach wie vor ein unvorstellbares Ereignis und die Scorpions konnten es leider nicht weg singen.

In Lindwedel fand Carsten rasch Hagers Adresse und stieg vor einem gepflegten Einfamilienhaus aus dem Auto. Am adretten Ambiente störte nur eine verschmierte knallgelbe Schrift, die an einem gemauerten Zaunpfeiler prangte. »Stasi« stand dort, in ungleichmäßigen Buchstaben aufgemalt. Ein weiteres Zeichen, dass der ehemalige Richter jemandem auf die Füße getreten war?

Carsten Blume klingelte. Arnold Hager führte ihn durch das Haus in ein gediegenes Esszimmer mit schweren Eichenmöbeln, wo eine Kaffeekanne, Tassen und eine Schale mit Keksen bereitstanden.

Hager sank schwerfällig auf einen Stuhl. »Schenken Sie sich bitte selbst ein, ich bin ein wenig zitterig heute«, sagte er. »Haben Sie übrigens Ihr altes Laster noch? Ich rauche seit vielen Jahren nicht mehr, aber heute wäre ich dankbar für einen Ihrer Zigarillos.«

Carsten reichte ihm das Zigarettenetui und als beide blauen Dunst in die Wohnzimmerluft bliesen, begann Hager zu erzählen.

»Der Anruf heute, das war komisch. Zuerst fragt mich eine junge Frau vom Kommissariat Walsrode, ob ich einen Lothar Herrenfeld kenne. Flüchtig, hab ich ihr gesagt. Dieser Mann war mal unser Steuerberater, allerdings nur bis zum letzten Jahr. Dann offenbarte sie mir, dass dieser Mann tot sei und an der Leiche ein Zettel hing, auf dem ich aufgefordert werde, mich selbst zu richten. Stellen Sie sich vor, Herr Kommissar, eine Selbstmordaufforderung!«

»Kommissar bin ich nicht mehr. Ich bin wie Sie im Ruhestand«, stellte Carsten klar. »Ich kann mich also nicht in Ermittlungen einklinken, aber ich stehe Ihnen natürlich gerne persönlich bei. Das ist Ehrensache, da ich Sie als Richter immer sehr geschätzt habe.«

»Ich danke Ihnen. Das beruhigt mich sehr.« Arnold Hager zog am Zigarillo und pustete eine kleine Wolke aus. »Aber so ganz außer Dienst sind Sie doch nicht, werter Herr Blume. Man liest ja immer wieder von Ihnen und die Polizei ist sicher froh, einen so erfahrenen Pensionär in der Gegend zu wissen, der ihr unterstützend beispringen kann.«

Seine gestelzte Sprache pflegte der Richter nach wie vor. Carsten schmunzelte bei der Erinnerung an die geschwollen formulierten Urteilsverkündungen des »Predigers«.

»Die jungen Kolleginnen und Kollegen machen hier einen guten Job, die brauchen mich nicht«, wehrte er ab. »Es ist mir gar nicht recht, dass meine Familie durch Zufall in zwei Fälle hineingezogen wurde und die Medien das aufgebauscht haben.«

»Und jetzt rufe ich Sie, um sie erneut in etwas hineinzuziehen. Das tut mir leid.« Arnold Hager sah geknickt aus. Carsten kam wieder auf die Drohung zurück, die seinem Gastgeber galt.

»Soweit ich das verstanden habe, handelt es sich bei dem toten Steuerberater um einen Suizidfall.«

Er sagte nicht, dass er ein Abbild des Zettels mit der Drohung schon bei Facebook gesehen hatte. Warum sollte er Hager mehr verängstigen, als nötig? Und womöglich kannte er das soziale Netzwerk gar nicht.

»Der Suizid ist noch nicht eindeutig bewiesen. Die Kommissarin erzählte, der Tote habe einen Selbstmord angekündigt, die Auffindesituation lasse jedoch auch andere Szenarien zu. Der Rechtsmediziner hat wohl Zweifel, die Ergebnisse kommen aber erst morgen.« Arnold Hager erzählte routiniert, Details zu Kriminalfällen waren 40 Jahre lang sein Metier. »Was das alles mit mir zu tun hat, ist mir unbegreiflich. Der Mann hat zweimal unsere Steuererklärung gemacht und wir haben ihn pünktlich bezahlt.«

»Die Frage ist doch, ob sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt hat, ob jemand Sie einfach erschrecken möchte oder ob die Drohung ernst gemeint ist. Können Sie sich vorstellen, wer dahinter steckt? Haben Sie jemanden verärgert? Ich habe die Schmiererei an Ihrem Zaunpfeiler gesehen … .« Gespannt beäugte Carsten Blume den alten Richter. Der seufzte resigniert und sah starr in seinen Garten, stumm die Lippen bewegend, als ob er nach den richtigen Worten suche.

»Ach wissen Sie, Herr Blume, es gibt so viele Menschen, die sich nicht an Recht und Ordnung halten. Seit meine liebe Frau und ich hier in Lindwedel wohnen, habe ich mich darum gekümmert, dass die Menschen Regeln einhalten. Das gefällt nicht jedem.« Es dauerte einen Moment, bis Carsten Blume dämmerte, was Arnold Hager meinte:

»Sie haben Leute angezeigt?«

»Aber natürlich. Ich wundere mich, dass die Bevölkerung so viele offensichtliche Verstöße so gleichmütig hinnimmt. Ich denke, ich habe das Leben in meiner Umgebung für viele besser gemacht. Hier mäht niemand mehr Rasen außerhalb der erlaubten Zeiten. Und im Winter sorgt jeder pünktlich dafür, dass der jeweilige Gehwegabschnitt geräumt wird, wenn es glatt ist.« Hager lächelte milde. »Dankbarkeit kann ich dafür anscheinend nicht erwarten.«

Carsten Blume war verblüfft. Der freundliche Richter als Blockwart mit mildem Lächeln und wohlformulierten Sätzen? Und vermutlich predigte er wie früher im Gericht, wenn er jemanden verurteilte. Das erklärte den Begriff »Stasi« vor seinem Haus.

»Und Sie haben sicher eine Idee, wen Sie so sehr verärgert haben, dass er Sie bedroht? Jemand, der in Zusammenhang mit Lothar Herrenfeld steht?«

»Es fallen mir zwei Parteien ein. Zum einen meine Nachbarn von schräg gegenüber, bei denen ich im vergangenen Jahr einen schwerwiegenden Coronaverstoß zur Anzeige gebracht habe. Zum Anderen, und das ist hier relevant, einen Mann aus Düshorn, den ich dabei ertappt habe, Grüngut im Wald zu entsorgen. Da Herrenfeld ebenfalls in Düshorn wohnte, könnte der Angezeigte natürlich mit ihm zu tun gehabt haben. Darauf habe ich der Kommissarin einen Hinweis gegeben und dem gehen die Beamten jetzt nach.«

»Dann wird sich die Drohung wohl bald aufklären und Sie müssen sich keine Sorgen machen. Wie kann ich Ihnen noch helfen?« Carsten Blume zählte die üblichen Sicherheitsmaßnahmen auf, die Hager ohnehin befolgte. Tür verriegeln, eine Überwachungskamera installieren, im Dunkeln nicht ohne Begleitung aus dem Haus gehen …

»Wann kommt Ihre Frau denn zurück? Es wäre angenehmer für Sie, nicht ganz allein zu sein.«

»Ich weiß es nicht. Sie ist bei meiner Tochter, die sich in der Nähe der Schweizer Grenze sehr gut verheiratet hat. Wir haben ein Urenkelkind bekommen und meine Karolin hilft unserer Enkelin. So schnell erwarte ich sie nicht zurück.« »Und wenn Sie selbst hinfahren? Vielleicht ist es gut, wenn Sie sich diese Luftveränderung gönnen. Dann sind Sie auch fern jeder Bedrohung.« Carsten Blume hatte beobachtet, dass Arnold Hager wehmütig schaute, wenn er von seiner Familie sprach.

»Das ist nicht so einfach. Wir haben …« Hager stockt»e. »Es gab da …« Er zog zu tief am Zigarillo, hustete und fing sich wieder. »Lassen Sie es mich so formulieren: Ein Besuch bei meiner Tochter wäre gerade schwierig.«

Carsten beließ es dabei. Polizeiobermeister Schlüter fiel ihm ein – wohnte der nicht ebenfalls in Lindwedel? Der junge Mann plante, sich in der Hierarchie zu verbessern, und suchte gelegentlich Rat bei Carsten.

»Sie kennen sicher den Polizisten Schlüter von der Schwarmstedter Wache. Soll ich ihn bitten, ein wenig auf Sie achtzugeben? Er könnte bei Ihnen reinschauen, um sich zu vergewissern, dass es Ihnen gut geht.« Das würde Schlüter gern übernehmen, um Carsten zu gefallen.

»Nein, nein!« Arnold Hager wehrte ab. »Bitte nicht! Diesem ruppigen Jungspund traue ich nichts zu. Als ich neulich in seine Wache kam, hat er mich tatsächlich mit den Worten ’Sie schon wieder’ begrüßt! Dabei sollte er dankbar sein, dass ich seine Arbeit mache! Ist doch noch grün hinter den Ohren, der Bengel.«

Carsten Blume verabschiedete sich mit dem Versprechen, dass Hager sich immer bei ihm melden könne. Hoffentlich würde das nicht zu häufig passieren. Carsten schwante, warum »Stasi« am Torpfeiler des Hauses stand. Arnold Hager als »alter Mann mit Hut«, der seine Nachbarn anzeigte, die Kollegen auf der Wache mit seinen regelmäßigen Anzeigen nervte und offensichtlich Probleme in der Familie hatte.

Wie konnte es so weit kommen? Auf den ersten Blick schien der Richter im Ruhestand der feine freundliche Mann zu sein, an den sich Carsten erinnerte. War ihm die Untätigkeit im Rentenalter nicht bekommen?

Auf dem Gutshof – 5. April, abends

Anna und Flora saßen in der leeren Gaststube vor frischem Butterkuchen, als Carsten Blume zurückkehrte. Montags bis mittwochs war das Restaurant bis Ostern geschlossen, denn der Betrieb lohnte sich Anfang der Woche nur in der Jahreszeit, zu der Ausflügler ins Aller-Leine-Tal kamen oder wenn Firmengruppen im Hotel waren.

»Nanu, ist nicht schon Abendbrotzeit?« Er nahm sich einen Streifen Kuchen und genoss den ersten Bissen.

»Gibt nur noch einen Rest Erbsensuppe. Aber drei Stück Kuchen sind auch ne Mahlzeit.« Flora vertilgte genüsslich das luftige Gebäck, das verführerisch duftete.

»Wir sitzen hier auf heißen Kohlen und warten, wo du warst. Flora hat mir von diesem Hager und der Drohung erzählt. Da geht online wohl Einiges ab. Warst du etwa bei ihm?« Vor Anna Blume-Kamphusen lag ein Ausdruck mit dem Foto des handgeschriebenen Droh-Zettels. »Ich hab in der Zwischenzeit mal die Schrift unter die Lupe genommen. Die Linksneigung deutet auf Unzufriedenheit oder Rebellion hin, heißt es in der Graphologie.«

Anna deutete auf die Drift der Buchstaben. »Die erste Zeile geht hoch, die anderen beiden Zeilen herunter. Die Person konnte selbst die wenigen Worte nicht ganz gerade schreiben. Das wird als Unausgeglichenheit gedeutet.«

»Für mich sieht die Schrift irgendwie kindlich aus, kann das sein?« Anna bestätigte die Vermutung ihres Vaters.

»Das kann man natürlich nicht eindeutig sagen, aber ich neige auch dazu, es als Kinderschrift zu sehen. Aber wer lässt sein Kind solche Sätze schreiben? Nun bist du dran, Vater. Erzähl uns von deinem alten Freund, dem Richter.«

»Ich hab ja vorhin noch gesagt, dass ich den Hager als freundlichen milden Richter in Erinnerung habe. Und dass er schon lange in Pension ist.«

»Ja, hast du gesagt, Opa. Aber ich hab mittlerweile ganz andere Hinweise im Social Media gefunden.«

Flora öffnete Screenshots auf ihrem MacBook und drehte den Rechner Carsten zu. »Guck dir das mal an. Ein Aaron Scholze schreibt auf seinem Profil, Hager soll in der Hölle schmoren, weil er ein Nachbar-Stasimann sei. Der scheint Leute angezeigt zu haben, die in den letzten beiden Jahren gegen irgendwelche Regeln verstoßen haben.«

Carsten Blume berichtete, was Hager selbst über sich erzählt hatte. »Er ist anscheinend wirklich unbeliebt. Auch bei einem Mann aus Düshorn, den er beim Entsorgen von Grünabfällen im Wald erwischt hat.«

»Also wird das wohl ein Fall von Selbstmord sein und jemand hat dem Toten den Zettel umgehängt, um den Richter zu schocken. Oder was denkst Du? Komische Geschichte, aber nichts, woraus ich eine Story machen könnte.« Flora war ein wenig enttäuscht. »Die Postings mit dem Zettel-Foto sind allesamt wieder von Facebook verschwunden. Dazu habe ich übrigens beigetragen. Ich hab Frau Heinecke Bescheid gesagt, dass eine Hetzjagd aufkeimt. Als ich dem Aaron Scholze 'ne Message mit einer Frage stellte, hat er nur geantwortet, dass die Bullen ihn schon deswegen belästigt hätten und er nix mehr sagen würde.«

»Ist das ganze also ein Sturm im Wasserglas?« Anna Blume-Kamphusen gab zu, dass sie die Geschichte gern entschlüsselt hätte. »Ein wenig ermittlerischer Denksport täte mir gut.«

»Die Heinecke hatte auch keine Neuigkeiten für mich, außer dass sie wegen der Drohung eine konkrete Spur verfolgen. Das wird wohl der Typ mit den Gartenabfällen sein, wenn er aus Düshorn stammt. Aber wer dreht denn so ab wegen einer Anzeige, die höchstens 'ne kleine Geldstrafe bedeutet?«

Flora verabschiedete sich vom Familientisch, um die erste fertige Wohnung zu fotografieren. »Gute Bilder sind die halbe Vermietung. Und da wir noch nicht wissen, ob wir einen neuen Fall haben, kümmere ich mich mal um die Zukunft der Familienfinanzen. Nächste Woche muss ich endlich wieder konzentriert an die Masterarbeit ran. Da muss die Website aktualisiert sein.«

»Ich hoffe, wir erfahren, wie die Sache ausgeht. Dein Freund Hager wird uns sicher informieren, oder?« Anna stellte Teller und Tassen zusammen, um sie in die Küche zu bringen.

»Davon gehe ich aus. Und jetzt bewege ich die müden Knochen und den vollen Magen noch ein wenig an der frischen Luft.« Carsten Blume strebte zur Ausgangstür und drehte sich noch einmal um, bevor er ging.

»Ich bin genauso neugierig wie du, Anna. Aber es widerstrebt mir, daraus eine Sache zu machen, die uns irgendwas angeht. Ich möchte endlich tatsächlich den Ruhestand genießen.«

Paps

Seine Erwartungen wurden erfüllt: Schon die erste Botschaft fand ihren Weg in die Öffentlichkeit.

Mit einem Kribbeln im Bauch hatte er verfolgt, dass ein Abbild seiner Nachricht für kurze Zeit bei Facebook zu sehen war. Menschen erzählten sich von den Anzeigen, mit denen Arnold Hager sie terrorisierte. Ob der Alte bereits Angst hatte? Gern stellte er sich vor, wie dieser hochfahrende selbstgerechte Mann zitternd um den Schlaf gebracht wurde.

Es war Zeit für die nächste Botschaft. Und er musste dafür sorgen, dass viele Menschen die Aufforderung lasen.

Er hoffte, dass Lothar Herrenfeld seinen Frieden bei Gott gefunden hatte. Sein Tod war schmerzlos und gnädig. Herrenfeld war das Grübeln darüber abgenommen, wann der richtige Moment kam, um freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Er hatte ihm diese schwierige Entscheidung erspart. Auch für Dorothea Kolbmeier würde der Tod eine Gnade sein. Er hatte nicht vor, jemandem ein lebenswertes Leben zu rauben.

Es schmerzte nicht, wenn er sie betäubte. Sie waren in tiefem Schlaf, schon auf dem Weg in die nächste Welt, wenn er sie schnell erstickte. Und sie litten längst keine Schmerzen mehr, wenn er sie für ihre Botschaften vorbereitete.

Ein wenig schwerfälliges Blut war aus den Armen des gerade verstorbenen Lothar Herrenfeld ausgetreten. Er hatte es sofort aufgefangen, sodass die Kleidung keinen Schaden nahm.

Bei Dorothea Kolbmeier würde er noch vorsichtiger sein. Ob jemand die Hinweise entschlüsselte, die mit den Leichnamen verbunden waren? Bei ihr war es der Fundort, den er mit Symbolcharakter ausgewählt hatte.

Würdevoll sollte sie aussehen, wenn man sie entdeckte. Sie wurde zu einem Mahnmal, mit dem er seine Nachrichten an Arnold Hager transportierte.

---ENDE DER LESEPROBE---