Aller-Wolf - Bettina Reimann - E-Book

Aller-Wolf E-Book

Bettina Reimann

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Beschreibung

»Wo bin ich hier gelandet? Malerische Dörfer und dazwischen nur Friede, Freude, Spargelbauern.« Die junge Bloggerin Flora Kamphusen hat das Aller-Leine-Tal unterschätzt: Kaum hat sie diesen Satz ausgesprochen, wird sie mit einem Geheimnis konfrontiert, das eng mit ihrer Familie zusammenhängt. Drei Frauen sind verschwunden. Etwa, weil Geschehnisse aus ihrer Schulzeit bei einem Klassentreffen ans Licht kamen? Mit ihrem Großvater Carsten, Kriminalhauptkommissar im Ruhestand, und ihrer Mutter Anna sucht Flora die Wahrheit und gerät in Gefahr, denn der »Aller-Wolf« hat seine Schande nie vergessen.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Bettina Reimann

Aller-Wolf

Kriminalroman

Zum Buch

Die Spur des Wolfes Im Jahr 2013 ist Vivian Harms beim Joggen verschwunden, ein Jahr später ist Corinna Stadler von einer Reise nicht zurückgekehrt. Helene Blume zog 2015, nach ihrer Scheidung, in den Süden – ohne Nachsendeadresse. Während ihrer Schulzeit waren Vivian, Corinna und Helene beste Freundinnen, doch der Kontakt brach ab. Jahre später fehlt von den drei Frauen noch immer jede Spur, aber niemand erkennt einen Zusammenhang, bis Katrin Harms einen letzten Versuch unternimmt, ihre Mutter zu finden. Sind die ehemaligen Freundinnen zusammen weggegangen? Hegt jemand einen Groll gegen sie? Die Antwort liegt in der Vergangenheit. Was geschah 1983 und welches Geheimnis birgt ein Klassentreffen, das dreißig Jahre später stattfand? Carsten Blume, Kriminalhauptkommissar im Ruhestand, seine Tochter Anna, Psychologin, und Enkelin Flora, Bloggerin mit Recherchetalent, ermitteln im Aller-Leine-Tal, wo die Dörfer malerisch sind und die Flüsse still mäandern. Doch inmitten der friedlichen Gegend verbergen sich menschliche Abgründe, denen die drei näher kommen, als ihnen lieb ist.

Bettina Reimann wurde 1964 in Hannover geboren. Hier studierte sie Wirtschaftswissenschaften, verließ diese Disziplin jedoch gleich nach dem Studium, um sich dem Regionaljournalismus zu widmen. Mit ihren Krimifestspielen „KriminaLa“ begab sie sich 2013 in der Stadt Langenhagen auf neues Terrain. Den Reportagen über Menschen, Geschichte und Natur in der Region Hannover blieb sie treu – aber nördlich davon entdeckte sie eine Landschaft, in der auf weiter Flur Schauplätze für Kriminalgeschichten lauern. Mit Mann und Hund lebt sie im niedersächsischen Flachland und stromert gern auf der Suche nach Geocaches durch die Felder.

Mehr zur Autorin unter: www.aller-lei-online.de

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Bettina Reimann und Andreas Röhr / Pixabay

ISBN 978-3-8392-7342-5

 

 

Prolog

»Hast du die Schlagzeile gelesen? Der Wolf ist zurück im Aller-Leine-Tal!«

Sie lehnte sich an seinen Wagen, wandte das Gesicht der Sonne zu und fuhr sich mit den Fingern durch die glänzenden Haare. Sie breitete die Arme aus und atmete tief ein.

»Ist das ruhig hier! Allein würde ich niemals so weit in den Wald fahren. Du würdest doch einen Wolf für mich töten, oder?«

Ihr Lachen erklang und übertönte das Singen der Waldvögel. Mit geöffneten Lippen sah sie ihn an.

»Ich bin gern mit dir unterwegs«, sagte sie. »Wir haben so viel Spaß zusammen.« Dann schloss sie die Augen und genoss die Sonnenstrahlen auf der Haut.

Wie schön sie war, wie wunderschön.

Schon immer. Schon damals.

Als sie über ihn gelacht hatte, nicht mit ihm. Es dröhnte in seinen Ohren, dieses Lachen. Jedes Lachen. Immer.

Er glitt ab, tief hinunter in die Wut, die seither in ihm lauerte. Rasch griff er in die Jackentasche. Der kühle glatte Draht war ein Anker, der ihn wieder auftauchen ließ in die Gegenwart eines warmen Frühlingstages. Wie lange war er versunken in der Vergangenheit? Das Dröhnen wurde leiser.

Er musterte ihren schlanken Hals.

Er umklammerte die Drahtschlinge in seiner Hand.

»Du hast recht«, murmelte er. »Der Wolf ist zurück. Ich bin wieder da.«

1.

Flora Kamphusen saß mit dem Laptop auf den Knien im Gras an der Aller. Die Sonne schien durch das rascheltrockene Blätterdach der alten Eiche am Ufer. Doch Flora fand keine Ruhe, den Spätsommernachmittag zu genießen.

Die Sache mit der Selbstständigkeit im Onlinejournalismus hatte sie sich leichter vorgestellt.

Ihr Newsblog www.aller-lei-online.de für das ländliche Aller-Leine-Tal bekam nicht genügend Zugriffe. Zahlende Werbekunden gab es nur drei, Joes Tankstelle, Fredy Levins Antiquariat und das Restaurant ihrer eigenen Eltern – die buchten mehr aus Gutmütigkeit, fürchtete sie.

Das entscheidende Problem war eines, zu dem Flora partout keine Lösung einfiel: In der weitläufigen Landschaft zwischen Schwarmstedt, Nienburg, Walsrode und den südlichen Ausläufern der Lüneburger Heide passierte nichts, das spektakulär genug war, den Blog überregional zu pushen.

Der Maileingang zeigte 20-fach gähnende Langeweile. Ein neues Löschfahrzeug für die Freiwillige Feuerwehr Rethem. Der Sozialverband Hodenhagen bat um Anmeldungen für das jährliche Grünkohlessen im November. Und im Dörfchen Büchten gab es die Einweihung neuer Ortseingangstafeln – wie in jedem Ort der Umgebung im letzten Jahr. Na klasse. Da war nichts dabei, um mehr Klicks zu generieren.

Seit drei Wochen mied Flora ihre Studenten-WG in Hannover-Linden. Sie hatte sich komplett auf den Gutshof zurückgezogen. Sören, mit dem es ein halbes Jahr so gut gelaufen war, dass Flora schon darüber nachdachte, wie es wäre, zusammen zu wohnen, nahm sich eine Auszeit und meldete sich nicht mehr. Sie sah online auf seinen Profilen, dass er feiern ging. Freunde von Flora trafen ihn in Klubs. Sie fragte ein paar Mal per Message, wie es ihm gehe, und erhielt keine Antwort. Dann sah sie ihn knutschend mit einer anderen auf dem Foto. Hier draußen auf dem Gutshof war sie weit weg davon. Wirkliche Ablenkung bot die geruhsame Landschaft nicht.

»Wenn doch wenigstens mal irgendwas Spannendes passieren würde in der Gegend«, murmelte Flora und klappte den Rechner zu. Sie kehrte durch den Hintereingang zurück in das alte Gutshofgebäude, in dem Blumes Rittersaal, das Restaurant ihrer Eltern, lag. Ihre Mutter Anna Blume-Kamp­husen nahm gerade ein Telefonat entgegen und winkte ihr zu. Flora schritt zielstrebig am Gastraum vorbei in den ersten Stock, wo sie zwei Zimmer bewohnte.

Der Blog würde jetzt erst einmal pausieren, bis ihr etwas einfiel, das mehr war als nur Vereinsmitteilungen und Baustellenankündigungen. Mit dem Studium und ihrer Arbeit als freie Mitarbeiterin der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung hatte sie genug um die Ohren. Sie donnerte den Rechner in die Ecke ihres Sofas. In was für eine Gegend war sie hier geraten? Malerische Dörfchen und dazwischen nur Friede, Freude, Spargelbauern.

*

»Guten Tag, könnte ich bitte Helene Blume sprechen?« Eine junge Stimme, kräftig und konsequent.

Anna Blume-Kamphusen bedauerte: »Nein, Helene Blume lebt nicht mehr hier. Tut mir leid.«

»Was heißt das – ist sie weggezogen? Können Sie mir ihre Telefonnummer geben?«

Anna hatte keine Lust, sich näher mit der Anruferin zu befassen. Die Stimme klang so jung wie die ihrer Tochter, die in diesem Moment winkend durch das Treppenhaus huschte. Das Restaurant war voll, die Gäste erwarteten eine persönliche Begrüßung. Ein paar freundliche Worte, eine Empfehlung des Hauses …

»Wir haben keine aktuelle Adresse. Meine Tante ist schon vor vielen Jahren weggezogen. Und ich habe zu tun. Ich kann Ihnen wirklich nicht helfen.«

»Warten Sie, was heißt das? Ist sie auch verschwunden?« Das Mädchen ließ sich nicht abwimmeln.

»Verschwunden? Nein, wie kommen Sie darauf? Mein Onkel hat uns berichtet, sie sei nach Marokko gezogen nach der Scheidung. Arbeitet da in einer Hotel-Boutique. Viel mehr weiß ich nicht. Aber warum erzähle ich Ihnen das überhaupt?«

Anna setzte an, das Gespräch mit einem knappen Gruß zu beenden, doch die Unbekannte hakte nach.

»Und dieser Onkel, Helenes Mann, kann ich mit dem sprechen?«

Anna atmete tief durch. Was immer diesem Mädchen so wichtig war: Sie hatte keine Zeit dafür.

»Nein, das können Sie nicht. Mein Onkel ist tot. Meine Tante ist fort. Und jetzt werde ich auflegen.«

Konsequent drückte Anna das Gespräch weg und wandte sich den Gästen zu.

»Nach Helene hat in den letzten drei Jahren noch nie jemand gefragt«, stellte sie fest, bevor das Abendgeschäft sie voll in Beschlag nahm.

An einem Tisch nahe dem Küchendurchgang saß ihr Vater Carsten Blume und stöberte in historischen Büchern. Nach dem Genuss von Schellfisch in Senfsoße mit Petersilienkartoffeln aus der Restaurantküche hatte er eine Verdauungsrunde durch den Gutspark gedreht. Jetzt vertiefte er sich angenehm gesättigt in seine »Fahndungs-Unterlagen« zur Ahnenforschung. Dabei vergaß er alles um sich herum.

»Anna, zweimal der Schweinebraten, einmal das Stroganoff.« Michael Kamphusen schob Teller und Beilagenschüsseln aus der Küche in die Durchreiche. Die neue Bedienung kam mit dem Servieren nicht nach, und Anna sprang ein, um das Essen heiß an die Tische zu bringen.

Flora schlenderte missmutig in die Gaststube und setzte sich zu ihrem Großvater. Sie griff zu ihrem Smartphone und scrollte durch Instagram.

Jeder hing seinen Gedanken nach. Ein normaler Abend im Gutshof Blume. Der letzte Abend dieser Art für lange Zeit. Helene Blume, die ehemalige Gutsherrin, die der Familie den Rücken gekehrt hatte, würde sie zum ersten Mal ernsthaft beschäftigen. Auf eine Art, mit der niemand gerechnet hatte.

Er – 1983

Seine Hände zitterten. Er fuhr mit den Fingern durch das störrische Haar, damit es besser lag. Er ging die letzten Schritte bis zum vereinbarten Treffpunkt, die feuchten Handflächen an der Hose abwischend.

Ob sie schon auf ihn wartete?

Er freute sich so. Helene, die Schöne. Das Mädchen, das von allen Jungen angestarrt wurde. Gleich würde er sie treffen.

Er nestelte an seinem neuen T-Shirt mit dem Breakdancer-Motiv, das er extra für diesen Tag gekauft hatte. Wie vor dem Flurspiegel eingeübt, steckte er eine Hand in die Hosentasche seiner Jeans. Vor dem Spiegel hatte das lässig ausgesehen. Die Begrüßungsworte, immer wieder geübt, fielen ihm nicht mehr ein. Dabei hatte er die Situation so oft durchgespielt.

Er stand am verabredeten Platz, auf die Minute pünktlich.

»Helene! Bist du hier irgendwo?« Es knackte im Gebüsch.

Er drehte sich um, lächelnd.

2.

Der erste Gast am Nachmittag war eine junge Frau. War sie überhaupt ein Gast? Sie sah in Hoodie, alten Turnschuhen und Löcherjeans nicht nach der üblichen Zielgruppe für einen Restaurantbesuch mit gehobener deutscher Küche aus.

Anna kam ihr zur Begrüßung entgegen und hörte schon bei den ersten Worten, wen sie vor sich hatte. Sie erkannte die Stimme: die Anruferin von gestern.

»Bitte, Sie müssen mich anhören. Ich suche nach Informationen über meine Mutter, und Helene könnte dabei helfen.«

Die kleine schlanke Frau mit dem sportlichen blonden Strubbelhaarschnitt sah nicht aus, als wäre sie leicht abzuwimmeln. Anna Blume-Kamphusen hatte fast 15 Jahre als Therapeutin gearbeitet, bevor sie ihr eigenes Hotel-Restaurant eröffnete. Diese Berufserfahrung erwies sich auch bei Restaurantgästen als nützlich. In diesem Fall spürte sie, dass es nicht nur um Helenes Telefonnummer ging. Annas Neugier war geweckt.

»Dann setzen Sie sich doch erst mal. Möchten Sie einen Kaffee? Oder ein Wasser?«

»Danke, eine Cola wär schön. Wenn’s nicht zu teuer ist. Das sieht hier nicht gerade billig aus.« Mit ihren großen grauen Augen musterte das Mädchen die historische Einrichtung des Gastraums.

»Die Cola spendiere ich Ihnen. Ich glaube kaum, dass ich Ihnen sonst irgendwie weiterhelfen kann.«

Anna setzte ihren Gast an den Tisch in einer Nische nahe dem Kücheneingang, den die Familie Blume-Kamphusen für den eigenen Bedarf nutzte. Hier war es zugig, und die Bedienungen rauschten laufend mit Tellern vorbei. Kein geeigneter Platz für entspannungssuchende Gäste, aber die Familie hatte sich daran gewöhnt. Alle anderen Tische waren für den Abend reserviert. In einer Stunde würde es voll sein, denn das Geschäft brummte. Blumes Rittersaal hatte sich in den letzten drei Jahren zu einer angesagten Adresse in der Region entwickelt.

»Nun fangen wir mal ganz von vorne an. Ich bin Anna Blume-Kamphusen. Und darf ich fragen, wer Sie sind?«

»Ach je, ich bin so in Gedanken. Ich wollte nicht unhöflich sein. Tut mir leid. Ich bin Katrin Harms, die Tochter von Vivian Harms.« Sie machte eine Pause und schaute bedeutungsvoll, als ob der Name Anna etwas sagen müsste. Doch so war es nicht.

»Meine Mutter ist verschwunden, schon vor sechs Jahren. Stand in allen Zeitungen. Haben Sie wohl nicht gelesen. Jetzt mache ich den letzten Versuch zu erfahren, was mit ihr passiert ist.«

»Das tut mir leid und ich wünschte, wir könnten Ihnen helfen. Wann und wie ist Ihre Mutter denn verschwunden?« Katrin Harms redete leiser und schaute ins Leere. Die Arme hielt sie fest vor dem Körper verschränkt. »Mama ist von einer Joggingrunde nicht zurückgekommen. Sie ist ihre übliche Strecke gelaufen, und an einer kleinen Straße, die sie sonst immer überquert hat, endeten die Fußspuren. Als ob sie sich auf der Straße in Luft aufgelöst hat.«

Eine Geschichte, wie man sie häufig in den Medien sah oder las. Jedes Mal stieg Wut in Anna hoch, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert nicht sicher waren, wenn sie ihr Recht wahrnahmen, in einsamen Wäldern Sport zu treiben oder die Natur zu genießen. Anna joggte häufig, als sie in Hannover wohnte. In der Eilenriede, dem großen Stadtwald, war sie dabei selten allein. Ganz anders in der weiten Landschaft nördlich der Großstadtregion. Hier lief sie eine Stunde lang geradeaus und begegnete niemandem, streifte nicht einmal eine Ortschaft. Anna joggte seltener, seit sie auf dem Gutshof lebte und den Rittersaal betrieb. Angst empfand sie nie, wenn sie doch mal wieder die Laufschuhe anzog und – direkt vom eigenen Grundstück aus – nach einer Minute im Grünen war.

Katrin Harms kramte in ihrem Rucksack. Die schlanken Finger nestelten nach etwas. Sie ließ Anna nicht aus den Augen. »Nur einen kleinen Moment, ich hab’s gleich.«

Der Computerausdruck eines Fotos landete auf dem Tisch. Ein schlichtes Blatt Kopierpapier, von Katrin Harms rasch auseinandergefaltet.

Drei Frauen waren darauf zu sehen. Links saß eine Frau mit schon ergrautem Haar, wachen großen Augen hinter einer modischen randlosen Brille und klassischer Perlenkette zur weißen Bluse. Sie saß aufrecht am Tisch und schaute skeptisch in die Kamera. In der Mitte eine zierliche Person mit kurzen Haaren, ihr Mund war weit geöffnet und die Augen strahlten. Mit der linken Hand hielt sie ein Weinglas in die Höhe, als wolle sie dem Fotografen zuprosten. Rechts davon posierte eine Frau mit wallendem langem Haar, kräftig geschminkt, den Kopf leicht geneigt mit geöffneten Lippen. Sie war die Einzige, die sich für das Bild in Pose gesetzt hatte. Das Foto war in einem Restaurant entstanden: Im Hintergrund sah man einen Mann beim Bierzapfen und einen anderen Gast, der, den Rücken zum Bild gewandt, am Tresen auf das Getränk wartete. Ein dicker Aktenkoffer stand neben ihm auf dem nächsten Barhocker. Anna erkannte das Restaurant. Sie hatte dort, in der Nachbargemeinde Schwarmstedt, selbst schon mehrfach gegessen.

Eine der Frauen auf dem Foto war Anna bekannt: Helene Blume, die ehemalige Gutsherrin, ihre geschiedene Tante.

»Smarty, Sporty und Beauty – die Ladies nach 30 Jahren wieder vereint!«, stand in schnörkeliger Computerschrift unter dem Bild. Die Frau in der Mitte der Fotografie war Vivian Harms, erläuterte deren Tochter. Die Ähnlichkeit war unverkennbar.

Das Bild war mit einem Datum versehen: 20. Juni 2013.

»Auf den Tag genau zwei Wochen später war Mama weg.«

Katrin Harms sah Anna wieder fest in die Augen. »Die Polizei hat uns damals gesagt, dass Mama ihr letztes Telefonat, bevor sie verschwand, mit Helene führte. Das war morgens bevor sie joggen ging.«

Die Beamten hielten das Gespräch nach einer Befragung von Helene Blume nicht für wichtig, erfuhr Anna. Doch Katrin fragte sich, um was es in den wenigen Minuten gegangen war, in denen die alten Freundinnen sich unterhielten.

»Vielleicht hat die Polizei etwas übersehen. Kann doch auch passieren. Ich hab jedenfalls Mamas Laptop aufgeladen und in den gespeicherten Mails dieses Bild gefunden. Die Mail kam morgens an, also an dem Tag …« Katrin verstummte.

Anna verstand, warum die junge Frau bei Helene Antworten suchte.

»Gibt es einen speziellen Grund für Sie, gerade jetzt wieder auf Spurensuche zu gehen?«

»Wir sind dabei, ihre Sachen auf den Dachboden zu räumen. Wird auch Zeit nach sechs Jahren.« Der letzte Satz war nur ein leises Murmeln, und einen Moment lang schaute Katrin wieder schweigend auf das Bild, das ihre Mutter so lebensfroh zeigte.

»Ich will mir in Hannover ein Zimmer nehmen, und die neue Freundin meines Vaters zieht bei uns in Nienburg ein«, fuhr sie fort. »Papa will meine Mutter für tot erklären lassen. Ich meine, keiner von uns glaubt wirklich, dass sie noch lebt. Das ist also okay, und mein Vater soll ja nicht allein bleiben. Die Neue ist in Ordnung. Aber je mehr ich in Mamas alten Sachen krame, umso mehr glaube ich, dass ich nochmal nach ihr suchen muss. Nur noch einmal und dann einen Schlussstrich ziehen.«

Anna schaute auf die Pendelstanduhr, die eines der historischen Dekorationsstücke des Gastraumes war: eine halbe Stunde bis zum Eintreffen der ersten angemeldeten Gäste. Zeit, die sie gern genutzt hätte, um den Tresen auf Hochglanz zu wienern, die Reservierungen durchzugehen und in Ruhe eine Rhabarberschorle zu trinken.

Katrin Harms machte keine Anstalten aufzubrechen. Sie hielt das Blatt Papier mit dem Foto fest in den Händen und betrachtete es stumm. Anna sah ein, dass sie zumindest die halbe Stunde opfern und weiter zuhören musste.

»Und wie haben Sie uns gefunden? Kennen Sie meine Tante von früher?«

»Nein, aber die Mail, an der das Dokument hing, hatte eine Signatur mit Namen und Adresse. Helene war ›Beauty‹. Diese albernen Spitznamen, die hatten sie in der Schulzeit. Kurz bevor sie verschwunden ist, war Mama auf einem Klassentreffen, 30 Jahre nach dem Realschulabschluss.«

Beauty als Spitzname für Helene, da war der Name Programm. Wenn sie sich an Treffen mit der jungen Tante erinnerte, dann fielen ihr elegante Kleider ein, glänzende Haare und Schönheitstipps, die Helene immer parat hatte, die an Anna jedoch abprallten.

Das erzählte sie und schaute dabei auf ihre Finger mit den kurzen Nägeln, die seit vielen Jahren keinen Nagellack mehr gesehen hatten. Katrin Harms berichtete, warum ihre Mutter in der Jugend »Sporty« genannt wurde.

»Mama war Klassenbeste im Sport. Darum hat sie eine Ausbildung als Gymnastiklehrerin gemacht und bei uns im Sportverein und in der Volkshochschule unterrichtet.«

Vivian Harms schwärmte ihrer Familie 2013 von einem herrlichen Abend mit alten Schulfreundinnen vor, die sich nach diesem Treffen schworen, wieder regelmäßig Kontakt zu pflegen. Helene mailte zwei Wochen später das gemeinsame Bild in die Runde. Und dann verschwand Vivian.

»Ich hatte gehofft, Helene könnte mir was darüber erzählen, wie Mama damals war, also in der Schulzeit. Worüber sie beim Klassentreffen geredet haben und bei diesem letzten Telefonat. Es ist doch komisch. Sie kriegt morgens ein Foto von Helene, ruft an – und kurz danach verschwindet sie.«

War es nicht eher ein Zufall? Anna stellte sich vor, dass Vivian sich am Telefon rasch für das gemailte Bild bedankt hatte, bevor sie zur Joggingrunde aufbrach. Ein Zusammenhang mit Vivians Verschwinden war unwahrscheinlich, und so hatte es die Polizei ebenfalls eingeschätzt. Anna verstand Katrins Spurensuche. Aber sie war auf dem Gutshof in einer Sackgasse gelandet.

»Helene und mein Onkel Friedrich haben sich 2014 getrennt. Dann hat sie ein Jahr lang hier auf dem Hof in einem Nebengebäude gelebt, und schließlich ist sie weggezogen. Onkel Friedrich meinte, sie wäre wohl nach Marokko gegangen, um in einer Hotel-Boutique zu arbeiten.«

Anna überlegte und beschloss, nichts zu beschönigen.

»Mein Onkel war damals schon Alkoholiker, und als Helene fort war, hat er sich regelrecht zu Tode getrunken. Das war Anfang 2016. Helene und Friedrich hatten keine Kinder. Mein Vater war Erbe des Gutshofes seiner Familie, und wir haben ihn zum Hotel umgebaut. Das ist unsere Geschichte.«

Katrin Harms gab nicht so schnell auf.

»Haben Sie denn irgendeine Adresse oder Telefonnummer von Helene? Ich würde wenigstens gern mal mit ihr reden.«

Anna schüttelte den Kopf.

»Als Onkel Friedrich starb, haben wir ihr auf Facebook eine Nachricht zukommen lassen. Sie hat nur knapp geantwortet, dass es ihr leid täte und sie nicht zur Beerdigung käme. Ihre Sachen sollten wir einlagern, sie würde sich wieder melden. Naja, es gab dann auch keinen Grund, wieder Kontakt aufzunehmen.«

Wann hatte sie das letzte Mal ein Posting von Helene bei Facebook gesehen? Anna überlegte. Das war schon Jahre her.

»Ich sollte es also mal bei Facebook probieren?«, fragte Katrin, die erwähnte, dort gar keinen Account zu haben. »Facebook ist ja nur noch was für Alte.«

Anna wandte sich ihrem Vater zu, der mit einem Stapel Kopien aus dem Wohntrakt in das Restaurant kam, in einer Outdoorjacke, auf dem Weg nach draußen.

»Papa, komm doch mal. Wir haben Besuch von einer jungen Frau, die Helene sucht.« An Katrin gewandt fügte sie hinzu: »Mein Vater war Kriminalhauptkommissar in Hannover. Vielleicht hat er sogar vom Verschwinden Ihrer Mutter gehört.«

In Gedanken und nicht erfreut bei der Erwähnung seines ehemaligen Berufes, begrüßte Carsten Blume die junge Frau.

Nein, die Fallakte Vivian Harms hatte nicht auf seinem Schreibtisch gelegen. »Nienburg, sagen Sie? Bedaure, da war ich nie zuständig.«

Carsten Blume wollte sich schon abwenden, als sein Blick auf das Foto fiel.

»Haben Sie das mitgebracht?« Katrin nickte.

Er zog eine Brille aus der Brusttasche seiner Jacke, nahm den Ausdruck und betrachtete das Bild lange und nachdenklich. Dann setzte er sich.

»Ich glaube, ich möchte doch hören, was Sie uns zu erzählen haben.«

Anna stutzte. Was sah ihr Vater auf diesem Bild? Er starrte reglos darauf. Jetzt schüttelte er langsam den Kopf. Egal, die Arbeit rief. Sie nutzte die Chance, sich zu verabschieden. Die Gäste kamen, bestellten, hatten Sonderwünsche. Jemand fand, die Bratkartoffeln seien ein wenig zu kross geraten. Eine Ausnahme: Die meisten Gäste waren hochzufrieden mit den Gerichten aus Michaels Küche, orderten Desserts, Obstbrände zur Verdauung und sorgten dafür, dass Anna keine stille Minute bekam.

Als der Abend im Restaurant sich dem Ende zuneigte, der letzte Kaffee serviert, der letzte »Deckel« am Tresen abgerechnet war, sehnte sich Anna danach, die Beine hochzulegen. Die Gedanken an den Besuch von Katrin Harms kamen zurück. Lange hatte die junge Frau auf Carsten Blume eingeredet, der geduldig zuhörte und dabei Notizen in ein Büchlein schrieb. Irgendwann war sie offenbar gegangen. Anna hatte es, vertieft in ihre Arbeit, nicht bemerkt. Katrin Harms, deren Augen das Restaurant so erstaunt und fast ehrfürchtig musterten: Sie hatte eine Frage aufgeworfen. Wie Helene wohl heute lebte? Ob es sinnvoll war, ihr eine Nachricht zu schicken? Die Tante hatte so viel länger auf dem Gutshof gewohnt als Anna selbst. Füreinander interessiert hatten sie sich nie.

Sie lehnte sich auf dem Massagesessel zurück, der spätabends nach dem Dienst ihre Flucht aus dem Alltag war, und öffnete Facebook am Smartphone. Das Massageprogramm des Sessels schnurrte leise, und Anna genoss die Wärme im Rücken. Sie betrachtete Helenes Facebook-Profil: Keine neuen Bilder der Tante seit zwei Jahren. Ob sie das Profil überhaupt noch nutzte? 2017 war Helene auf Mittelmeerkreuzfahrt, von einer solchen Reise stammten die letzten Einträge. Anna rief den Messenger für persönliche Mitteilungen auf und las ihren privaten Chat von 2016 durch.

Die Tante hatte alles Familiäre abgeblockt. Sie zeigte kein Interesse an Friedrichs Beerdigung, antwortete mit großen Pausen und in desinteressiert klingenden Worten. Nicht einmal persönliche Erinnerungsstücke an ihre Eltern wollte sie nachgesandt bekommen. Anna hatte mehrfach nach einer Adresse oder Telefonnummer gefragt – Helene war nicht darauf eingegangen. Die letzte Nachricht stammte vom 26. November 2016, 0.30 Uhr: »Anna, sorry. Bin wirklich dauernd unterwegs. Wenn ihr alles eingelagert habt, ist es doch gut. Viel Glück bei dem Umbau. Wenn ich etwas von meinen Sachen brauche, melde ich mich. Liebe Grüße von Helene.«

Anna hatte gleich morgens geantwortet: »Na, wenn du meinst, wenn dir alles so egal ist … Alles Gute weiterhin.«

Nach dem Lesen der schriftlichen Konversation war ihr die Lust vergangen, mal ein »Hallo, wie geht’s dir?« zu senden. Wenn sie jetzt die fast drei Jahre alten Nachrichten las, war Helenes Abwehrhaltung unverkennbar. Die Tante wünschte damals keinen Kontakt zu ihrer nur wenig jüngeren Nichte. Warum sollte sie heute bereit dazu sein oder sich über ein Lebenszeichen freuen? Anna erinnerte sich an ihren Ärger, als sie sich 2016 von Helene im Chat rüde abgewiesen fühlte. Sie schloss den Messenger. Schade für Katrin Harms – aber Helene Blume würde ihr sicher keine Hilfe sein.

Ein paar Zimmer weiter saß Carsten Blume an seinem Schreibtisch und haderte mit sich. Damals, als junge Kommissare, hatten sie gescherzt über die Kollegen in Pension, die nicht loslassen konnten von der Arbeit. Manchmal riefen die Pensionäre an, um ihre Meinung zu einem Fall kundzutun oder sogar »nur für einen Kaffee« in das Kommissariat zu kommen. Kollegen, die den Ausstieg verpassten aus diesem Beruf, der gleichzeitig belastend und fesselnd war: Sie wurden von den jüngeren Kommissaren belächelt.

Carsten Blume schwor sich, nicht zu diesen traurigen Gestalten zu gehören. Die ersten Wochen im Ruhestand waren schwer. Er entschied sich, den Lebensmittelpunkt auf das Gut zu verlegen, um weit fort zu sein von seinem alten Wirkungskreis. In der Jugend hatte er den einsam gelegenen Gutshof mit der über 400 Jahre währenden Familiengeschichte verlassen. »Nur raus aus der Einöde«, hatte er gesagt. Im Alter kam er zurück, weil er nach einem Leben in der trubeligen Stadt die Ruhe suchte. Er fand eine neue Passion, in die er alle Gedankenkraft steckte, die jahrzehntelang in die Lösung von Kriminalfällen geflossen war. Seine »Ermittlungen« drehten sich künftig um die eigenen Vorfahren. Die Ahnenforschung packte ihn und unterschied sich manchmal gar nicht so sehr von seiner Arbeit. Er wühlte in alten Akten, fuhr dorthin, wo vor Jahrhunderten Verwandte lebten, und suchte nach ihren Spuren in der Ortsgeschichte.

Es war eine anregende Beschäftigung, die ihn zeitlich ausfüllte, und darum vermisste er seine Berufsarbeit kaum. Das tiefe Loch, in das manche Kollegen im Ruhestand fielen, umging er. Auf dem Gutshof war er bei Gästen und Nachbarn »der Seniorchef« und »der Ahnenforscher«. Aus Hannover auf das Gut zu ziehen, war der richtige Schritt, denn in seiner alten Nachbarschaft in Hannover-Kirchrode nannten sie ihn nur »den Kommissar«.

Doch es war eine Erinnerung aus dieser hannoverschen Zeit, die ihn jetzt umtrieb.

2014 war er mit einem Fall betraut, der ihm rätselhaft schien und wochenlang keine Ruhe ließ. Ein vermeintlicher Suizid, ein Fall ohne Leiche. Die Akte wurde geschlossen, obwohl viele Fragen offen waren. Damals zweifelte er, ob es richtig war, die Ermittlungen einzustellen.

Seit heute zweifelte er umso mehr. Er hatte ein Gesicht gesehen, das er kannte. Persönlich, von vielen Einkäufen in ihrer Buchhandlung und als Fall aus den Akten. Ein merkwürdiger Zufall?

Er fuhr seinen Laptop hoch – ausnahmsweise nicht, um die Daten eines Vorfahren im Ahnenforschungsportal myheritage einzutragen. Stattdessen schloss er eine externe Archivfestplatte an und öffnete ein passwortgeschütztes Dokument mit einer Fülle gesammelter Stichworte und Vernehmungsprotokolle: Indizien zum Verschwinden von Corinna Stadler, der dritten Frau auf dem Bild von Katrin Harms. Der Frau, die sie in ihrer Jugend »Smarty« nannten.

Nicht nur die Mutter von Katrin Harms war von einem Tag auf den anderen verschwunden, auch von Corinna Stadler fehlte jede Spur – seit fünf Jahren.

Ihre Buchhandlung, in der er früher Stammkunde war, hatte er nicht mehr besucht, seit er im Aller-Leine-Tal lebte.

Er googelte rasch, ob es das Geschäft noch gab, und überlegte, es in den nächsten Tagen wieder einmal aufzusuchen. Der Gedanke allein ärgerte ihn. Er hatte Corinna Stadler auf einem Bild mit einer Frau gesehen, die ein Jahr vor der Buchhändlerin verschwunden war. Mehr nicht. Kein Grund, an weitergehende Ermittlungen zu denken.

Er klappte sein Notebook zu und öffnete das Fenster, um Frischluft in sein verrauchtes Arbeitszimmer zu lassen. Hier draußen auf dem Land war es spätabends totenstill. Kein Laut, der von den eigenen Gedanken ablenkte. Die Luft roch schon nach Herbst. Aus seinem Wohnzimmer sah er auf den Parkplatz des Restaurants und auf die hohen Bäume, die den Platz säumten. Carsten Blume atmete tief ein und versuchte, die Stille zu genießen. Es gab solche Zufälle. Die Mutter von Katrin Harms war vermutlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Corinna Stadler hatte sich umgebracht. Doch nach allem, was die Familie Blume wusste, war Helene, die auf dem alten Foto so verführerisch lächelte, weder tot noch verschwunden, sondern aus freiem Willen weggezogen. Ohne Nachsendeadresse.

Er setzte sich wieder an den Schreibtisch aus massiver Eiche, an dem schon sein Großvater gearbeitet hatte und der den Raum dominierte. Der Ruf eines Käuzchens im gutseigenen Park schenkte Carsten Blume normalerweise ein Lächeln. Doch Freude über die ländliche Ruhe, die nur vom Ruf eines Vogels unterbrochen wurde, stellte sich nicht ein. Stattdessen war das innere Kribbeln zurück – die Unruhe, wenn ein neuer Fall voller ungelöster Fragen vor ihm lag.

An diesem kühlen Septemberabend stieg Anna Blume-Kamp­husen mit schmerzenden Füßen und dem Gedanken ins Bett, dass sie eine weitere Bedienung für den Abendbetrieb bräuchte.

Das kann so nicht weitergehen, dachte sie und massierte sich mit der linken Hand die rechte Schulter. Aber ordentliches Personal war nicht leicht zu finden. Michael Kamphusen schnarchte ausdauernd. Anna stand wieder auf und nahm eine Schlaftablette. Besser so, als sich stundenlang hin und her zu wälzen. Wenig später siegte die Erschöpfung, und sie schlief tief und fest.

Flora Kamphusen saß ahnungslos von dem, was in der Gaststube besprochen wurde, lange wach und grübelte, mit welcher Kracherstory sie ihrem Blog aller-lei-online.de zum dringend benötigten Durchbruch verhelfen könnte. Ihr fiel nichts ein. Sie scrollte ziellos durch Instagram und landete, obwohl sie sich geschworen hatte, nicht nachzuschauen, auf dem Profil von Sören. Neue Party-Fotos. Und wieder diese Langhaarige an seiner Seite, um deren Taille er lässig den Arm gelegt hatte. Flora klickte Instagram hastig weg. Verdammt, warum tat das immer noch so weh? Sie legte sich schlafen, ohne eine sinnvolle Idee entwickelt zu haben.

Katrin Harms fuhr mit dem Gefühl nach Hause, dass etwas in Bewegung kam. Ihre Mutter war verschwunden, deren Freundin Helene unbekannt verzogen, gab es da einen Zusammenhang? Ein anstrengender Tag lag hinter ihr, sie schlich im Haus leise über den Flur, um ihren Vater und seine Neue nicht zu wecken. Bald darauf schlief sie ein, ohne sich lange mit düsteren Gedanken herumzuwälzen.

Carsten Blume hingegen fand keinen Schlaf. Das Argument mit dem Zufall glaubte er doch selbst nicht. Er haderte mit seiner Neugier. Es gab keinen Fall, mit dem man ihn beauftragt hatte. Es gab nur dieses vage Gefühl, dass es an ihm war, etwas zu unternehmen und einem Geheimnis auf die Spur zu kommen, das sich heute unvorhergesehen in seine Gedanken geschlichen hatte.

Die Fragen stellten sich ein und ließen sich nicht verscheuchen: Was ist mit euch geschehen, Helene Blume, Vivian Harms und Corinna Stadler? Lebt ihr alle drei noch irgendwo da draußen? Und wenn ja: Wovor seid ihr weggelaufen?

Sie – 1983

»Lass uns damit aufhören. Ich finde das albern.« Corinna Stadler stand auf. »Ich fahr nach Haus.«

»Oh Mann, Smarty, wer hat sich das Ganze denn ausgedacht? Du! Und jetzt willst du kneifen!«

Vivian Dageförde hatte alles mitgebracht, was sie brauchten, und war zum Einsatz bereit.

»Wir sind echt gemein. Und es ist auch nicht schön, wenn sie uns alle aus dem Weg gehen.«

»Aber du hattest doch total recht! Keiner hat gepetzt, weil sie sich alle geschämt haben.« Helene Hafermann kicherte. »Ich finde, die letzten beiden kriegen wir jetzt auch noch dran. Dann ist die Schule vorbei, und wir sehen die eh nie wieder.«

Corinna schaute Helene in die großen blaugrünen Augen. Ihr war klar, warum sie Beauty nichts abschlagen konnte. Helene durfte es nie erfahren. Sie hätte so gern die glänzenden Haare ihrer Freundin berührt, die rotgolden schimmerten. Sie hoffte, dass sie ihre Gefühle gut genug verbarg, weil es viel zu peinlich war … dass sie sich in ein Mädchen verliebt hatte.

Vivian griff sich den Eimer und die Flaschen und marschierte los. »Nun kommt schon, ich hab da heute richtig Bock drauf.«

Helene lief hinterher. Corinna folgte bedrückt mit einigen Schritten Abstand. Was für eine Scheißaktion. Und es war tatsächlich ihre Idee gewesen.

3.

Der heiße Kaffee duftete, schnell goss sie ihre Tasse voll und nahm einen großen Schluck. Flora saß morgens schweigend am Tisch, bis das Koffein Wirkung zeigte. Ihrem Großvater ging es ebenso, weshalb die beiden gern gemeinsam frühstückten, jeder vor sich hinstarrend und manchmal herzhaft gähnend.

Anna brachte Reste vom Frühstücksbüfett an den Tisch und setzte sich dazu. Großvater und Enkeltochter hatten sich erst vor Kurzem aus dem Bett gequält, doch sie war schon mehr als zwei Stunden auf den Beinen und brauchte dringend eine Pause.

»Was sagst du zu der Geschichte gestern Abend?«, fragte Anna ihren Vater. Der antwortete nicht, schaute stattdessen auf ein halbes Kürbiskernbrötchen.

Er sieht müde aus, dachte Anna. Die sportliche Statur, die er mit Liegestützen und Yogaübungen im Gutspark stärkte, war ihm nach der Pension geblieben. Seine Haare waren früh ergraut, aber der Dreitagebart, verbunden mit der schlanken Figur, machte aus ihrem Vater einen Typen, den kaum jemand für Mitte 60 hielt. Doch an diesem Morgen sah er alt aus.

»Wer war eigentlich das Mädchen, mit dem ihr gestern im Rittersaal gesessen habt?«, fragte Flora und unterbrach die Stille. »Sah nett aus – die neue Bedienung?«

Anna guckte von ihrer Tochter zum Vater und dann zur Uhr. »Erzähl ich dir nachher. Ich mach mich mal ’ne Stunde lang, bevor ich zur Metro fahre. Und Papa, wenn du das Brötchen weiter anstarrst, zerbröckelt es vor lauter Aufmerksamkeit.«

Anna lachte und war schon auf dem Weg in ihre Privaträume. Ihr Vater rief ihr nach: »Besser, du setzt dich noch mal wieder. Es gibt da was. Hängt mit unserem gestrigen Besuch zusammen.«

Seine Tochter wandte sich erstaunt um und kam zum Tisch zurück. »Na, da bin ich ja mal gespannt.«

»Ich kannte die Frau, die sie damals Smarty genannt haben.«

»Und was ist mit ihr? Du sagst ›kannte‹, ist sie tot?« Anna setzte sich und griff zur Kaffeekanne.

»Smarty? Von wem redet ihr?« Flora runzelte ahnungslos die Stirn.

»Eines nach dem anderen. Ich weiß nicht, ob Corinna Stadler, so heißt die Frau, die sich Smarty nannte, tot ist. Ihr Fall lief über meinen Schreibtisch. Verschwunden ist sie jedenfalls. Ziemlich genau ein Jahr später als Katrin Harms Mutter übrigens.«

Nach einem weiteren großen Schluck Kaffee, Anna füllte ihrem Vater ungefragt erneut die Tasse, setzte er Flora über alles ins Bild.

»Nun weißt du Bescheid. Die junge Frau gestern war keine neue Bedienung.«

Flora, die zuvor müde mit der Gabel in einem Schälchen Obstsalat herumgestochert hatte, war jetzt hellwach. »Was für eine Story«, sagte sie beeindruckt. Und sie sah die Schlagzeile schon vor sich auf ihrem Blog. So eine Geschichte, das roch nach Recherchepotenzial. Und es war eine Exklusivstory! Eine Chance für den Durchbruch. Endlich.

*

Anna Blume-Kamphusen arbeitete den ganzen Tag unkonzentriert. War das alles nur Zufall mit der Buchhändlerin? Die Frage, ob und wie man Katrin Harms einbeziehen solle, ob es wichtig war, ihr von Corinna Stadler zu erzählen, beschäftigte Anna. Als Psychologin sah sie die Gefahr, Katrin zu triggern. Würde sich die junge Frau einen »Fall« konstruieren, obwohl ein unheimlicher Zufall die wahrscheinlichste Variante der kuriosen Geschichte war?

Sie hatte Katrin im Lauf des Gesprächs immer sympathischer gefunden. Das Mädchen war erfrischend offen und forsch – im Kontrast zu ihrem manchmal schüchternen Blick, der stets ein wenig erstaunt wirkte.

Sie waren am Abend auf Annas ursprünglichen Beruf als Familientherapeutin zu sprechen gekommen, und Anna schilderte, dass ein eigenes Hotel trotzdem immer ihr Wunsch war.

»Ach, das hier ist so ’n Selbstverwirklichungsding«, platzte es dabei aus Katrin heraus. Dann wurde sie rot, eine Entschuldigung murmelnd. Doch Anna beruhigte sie: »Recht haben Sie, genau das ist es.«

Sie schmunzelte bei der Erinnerung – der Rittersaal, ihr Selbstverwirklichungsding. Das war auf den Punkt formuliert.

Katrins nächster Plan war, den Namen der dritten Frau in Erfahrung zu bringen. Carsten hatte ihr verschwiegen, warum sie sein Interesse geweckt hatte, und dass er diese Frau kannte. Anna empfahl in ihren Therapiegruppen stets, mit offenen Karten zu spielen. Geheimnisse, besonders Familiengeheimnisse, waren niemals förderlich. Sie entschied sich für Offenheit, ohne das Einverständnis ihres Vaters einzuholen. Der würde sauer sein. Doch es war unfair, Katrin Harms nach etwas suchen zu lassen, das die Familie Blume-Kamphusen längst gefunden hatte. Die junge Frau würde bei einer solchen Nachricht schnell wieder im Gutshof auf der Matte stehen, ob man Zeit für sie hatte oder nicht. Egal, da mussten sie jetzt durch.

*

Katrins kräftige Stimme klang durch das Restaurant.

»Wir sollten leise reden, solang noch Gäste da sind«, raunte Carsten Blume ihr zu, der widerwillig zusammen mit Flora und Katrin Platz genommen und von Corinna Stadler erzählt hatte.

»Da stimmt doch was nicht. Halten Sie das echt für Zufall?« Mit roten Wangen und Fingern, die unablässig an der Kordel ihres Hoodies spielten, lauschte Katrin Harms und zog ihre eigenen Schlussfolgerungen. »Alle drei sind fort, jedes Jahr eine. Erst Mama, dann diese Corinna und noch ein Jahr später Helene. Klingt doch fast, als wären sie zusammen ausgerissen. Obwohl, warum sollte Mama vor uns weglaufen?«

Wenn Anna im laufenden Gästebetrieb kurz Zeit fand, sich mit an den Tisch zu setzen, sah sie Hoffnung in Katrins Augen. Es gefiel ihr gar nicht, welche Richtung die Gespräche im Lauf des Abends nahmen. Hoffnung zu wecken, die nur zu neuer Enttäuschung und Trauer führte: Das war grundfalsch.

Katrin und Flora verstanden sich auf Anhieb, und Anna amüsierte sich erneut über Katrins Art, geradeheraus ihre Meinung zu sagen.

Flora hatte sich nur mit ihrem Rufnamen vorgestellt, und Katrin kommentierte:

»Flora Blume, im Ernst?«

»Nein, Flora Kamphusen, ich heiße genau wie meine Mutter, nur mit anderen Bindestrichen und etwas Latein. Anna-Flora Kamphusen. Das bin ich. Anna Blume-Kamphusen, das ist Mama. Meine Eltern fanden das originell.«

Anna intervenierte: »Komm, das ist doch wirklich ein schöner Name, und so konnten wir auch den Schwitters-Bezug aus meinem Namen noch unterbringen.«

Katrin schaute fragend. »Schwitters-Bezug?«

Okay, mit Hannovers Dadaismus-Tradition waren die jungen Menschen dieser Tage nicht mehr vertraut. Den Künstler Kurt Schwitters kannten sie nicht, sein Gedicht an Anna Blume noch weniger. Ihrer heutigen Namensbase blieb nur ein lächelndes Abwinken: »Nicht wichtig.«

Das Geplänkel über die Namen lockerte die Stimmung, auf Außenstehende wirkte die Runde, als habe Flora eine Freundin mit zum Essen in das Restaurant gebracht.

Der Abend verging schnell.

Anna verabschiedete die Krauses, eine fünfköpfige Familie, Vater, Mutter und drei halbwüchsige Kinder, die regelmäßig kamen, meist nach einem Geocaching-Tag, bei dem sie irgendwelche Schätze gesucht hatten. Anna kannte sich damit nicht aus, aber die Krauses schienen Spaß daran zu haben und brachten von ihren Touren einen gesunden Appetit mit. Schließlich zahlte der Geschäftsmann Joachim Remmers, der zwei Gäste bewirtet hatte und einen Beleg für die Steuer benötigte.

Nur ein Tisch war noch besetzt – der Stammtisch. Die fünf Männer, die dort gemütlich beisammensaßen, bestellten eine letzte Runde.

»Das sind die einsamen Fremden, so nennen wir die Stammtischrunde«, erklärte Flora leise, »die haben alle keine Frauen, und bis auf Jörg, den in Feuerwehruniform, sind das Zugezogene.«

Katrin grinste: »Ein Stammtisch der einsamen Herzen – aber wenigstens haben sie genug Kohle, um sich euer Essen leisten zu können.«

»Ja, zwei davon sind sogar meine Werbekunden. Joe Gade, der ganz links mit dem Pferdeschwanz und dem Hipsterbart, hat die Tankstelle am Ortseingang von Rethem. Fredy Levin, der Dicke mit der Halbglatze, hat ein Antiquariat. Beide werben bei aller-lei-online.de«, verkündete Flora, nicht ohne Stolz.

»Und das sind alles eiserne Junggesellen? Oder sind die schwul?«

Carsten Blume signalisierte Katrin mit dem Zeigefinger an den Lippen erneut, etwas leiser zu reden.

»Nee, schwul sind die, glaub ich, nicht. Jörg Helberg, der ist Ortsbrandmeister in Ahlden und geschieden. Dem gehört der Hund, der mitten im Weg liegt.«

Helbergs mürrischer Weimaraner Isegrim hatte die Angewohnheit, quer vor dem Tisch im Gang den Abend zu verschlafen. Flora fuhrt tuschelnd fort, die Stammgäste zu beschreiben.

»Fredy ist Witwer. Und Markus Ernsting soll schon mal was mit einer Schülerin gehabt haben. Er ist Lehrer an der KGS Schwarmstedt und wohnt in dem Haus, das hinten an der Leine steht. War mal das Kutscherhaus meiner Vorfahren«, flüsterte Flora Katrin zu. »Der fünfte, der mit dem altmodischen Schnäuzer, ist Arnd Vogelsang. Der ist noch nicht lange dabei, ein Kollege vom Markus, also auch ein Lehrer. Von dem weiß ich kaum was. Also könnte der theoretisch schwul sein.«

Wie emsig Flora und Katrin tratschten, während seine Gedanken um die verschwundenen Frauen kreisten! Carsten Blume beneidete sie darum. Ein Privileg der Jugend, so rasch Thema und Stimmung wechseln zu können?

»Den Tankstellenmann kenn ich«, sagte Katrin, die Joe Gade zuwinkte, der zu ihnen herüberschaute. »Bei dem hab ich gestern Abend getankt. Der hat mir auch gezeigt, wo ich zu euch abbiegen muss.«

Carsten Blume räusperte sich und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Machen Sie den besser nicht auf uns aufmerksam. Joe ist einer, der immer alles genau wissen will. Und ich glaube nicht, dass wir noch jemanden mithören lassen sollten. Die Tankstelle ist so was wie früher der Tante-Emma-Laden. Es gibt morgens frische Brötchen und die neuesten Gerüchte aus den Dörfern.«

»Aber Joe kennt doch jeden hier, vielleicht können wir ihn bei der Recherche noch gut gebrauchen?«, wandte Flora ein.

»Recherche? Was meinst du damit?«

»Guck nicht so entgeistert, Opa. Ich hab mir überlegt, dass diese Geschichte ideal ist, um meinen Blog voranzubringen. Und vielleicht meldet sich sogar jemand, der uns was zu den drei Frauen sagen kann.«

Katrin nickte: »Ich hatte sofort ein gutes Gefühl, als ich zum ersten Mal bei euch anrief. Und die Blogstory ist sogar genial! Das kann doch alles kein Zufall sein.«

Der Hauptkommissar formulierte schon eine Ablehnung. »Beim derzeitigen Stand der Ermittlungen können wir Ihnen keine weiteren Informationen zu diesem Fall mitteilen.« So ähnlich hatte er sie immer abgewehrt, die lästigen Journalisten. Doch er war außer Dienst, sah Carsten Blume ein, und es lag keine neue Fallakte auf seinem Schreibtisch in Hannover. Die verschwundenen Frauen – nur eine irritierende Koinzidenz. Er konnte seiner erwachsenen Enkelin schwerlich verbieten zu recherchieren. Es war ja ihr Beruf.

Er überlegte, bevor er einen Vorschlag unterbreitete: »Gut, dann leg los mit deinen Recherchen. Aber versuch vorher noch einmal, Helene zu erreichen. Wenn du Kontakt mit ihr bekommst, klärt sich vielleicht schon auf, dass ihr Umzug und das Verschwinden der anderen Frauen nichts miteinander zu tun haben. Und zeigst du mir bitte den Bericht, bevor er online geht? Ich weiß, du musst das nicht. Ich will mich nicht in deinen Beruf einmischen, aber es wäre mir wichtig.«

Begeisterung sah anders aus. »Bist du jetzt mein Chefredakteur, der den Artikel absegnet?«

Das Störrische hatte Flora von ihm geerbt, Carsten Blume erkannte sich darin wieder. »Dann schreib erst mal, und wir reden weiter, wenn der Artikel steht, okay?«, lenkte er ein.

Die Männer am Stammtisch erhoben sich. Jörg Helberg kam an den Tisch.

»Ihr guckt den ganzen Abend so verschwörerisch, als würdet ihr was aushecken«, sagte der Ortsbrandmeister breit grinsend – und leicht angetrunken.

»Dann wollen wir euch mal damit allein lassen. Komm, Isegrim.«

Der Hund erhob sich, gähnte und zuckelte hinter Herrchen zum Tresen.

Carsten Blume wünschte den letzten Gästen eine sichere Heimfahrt. Katrin lächelte nur, und Anna stand auf, um mit Jörg Helberg den Deckel abzurechnen, auf dem zahlreiche Striche vom Bierdurst der Männer zeugten.

Flora aber klappte den Laptop auf und loggte sich mit dem Facebook-Profil ihrer Mutter ein, die widerstrebend ihr Passwort preisgegeben hatte. Sie selbst war mit Helene bei Facebook nicht befreundet und sah nur, dass 2017 das Profilfoto zuletzt geändert worden war. Mit Annas Account waren deutlich mehr Postings sichtbar. Helene postete Bilder von sonnigen Landschaften an Meeresküsten. Manchmal strahlte sie selbst von den Fotos, an einer Reling lehnend, die Haare im Wind flatternd oder mit der Hand an der Sonnenbrille, über die sie neckisch hinwegschaute. Alles alte Beiträge, der letzte von 2017, wie das Profilfoto.

Ob sie überhaupt antworten würde, wenn Flora ihr jetzt schrieb? Es sah aus, als habe sie vor zwei Jahren das Interesse an Facebook verloren. Das war nicht ungewöhnlich. In allen sozialen Netzwerken fand man massenhaft solcher toten Profile. War sie mittlerweile bei Instagram aktiv, unter einem anderen Nickname? Helenes Art, sich selbst auf ihren Fotos in Szene zu setzen, passte besser zu Instagram, stellte Flora fest. Mit gekonnten Selbstdarstellungsbildern war es immer möglich, eine Menge Follower zu generieren, selbst in Helenes Alter. Sie dort zu suchen, war wie die Nadel im Heuhaufen. Also Facebook – eine andere Kontaktmöglichkeit gab es nicht.

»Hallo, Helene! Hier schreibt dir Flora – erinnerst du dich an mich? Ich hoffe, es geht dir gut. Bitte melde dich doch mal bei uns, es ist etwas dringend. Ich soll dich von Katrin Harms grüßen. Du hast ihre Mutter Vivian gekannt.«

Flora schrieb ihre Mobilnummer dazu und sandte die Nachricht ab. Das Warten auf Antwort begann.

Er – 2019

Die Schöne hatte wieder Besuch. Er schaute nicht mehr täglich, ob jemand zu ihr gegangen war. Die Gäste wurden weniger. Jeder kam nur einmal.

Bald würde er selbst wieder zu ihr gehen, um nach dem Rechten zu sehen. Wenn die Besucher nur wüssten, wie schön sie damals war. Und wie grausam.

In Gedanken bei ihr summte er automatisch dieses Lied. Ihr Lieblingslied: Hallelujah von Leonard Cohen. Ein Lied über eine verwirrende Liebe: Ein Text wie sein eigenes Leben.

4.

Flora war nicht sicher, ob sie hoffte, dass Helene sich melden würde. Insgeheim spann sie schon an der Story der drei verschwundenen Frauen.

Mit Katrin stand sie über WhatsApp in Kontakt und besaß mittlerweile ein paar alte Bilder, auf denen Helene, Vivian und Corinna zu sehen waren. Ein Gruppenfoto vom Schulabschluss war darunter, mit allen Klassenkameraden.

Wie die Leute damals aussahen, diese Frisuren – Dauerwellen, als wäre der Föhn explodiert. Und die Klamotten – wie aus Videos der Neue-Deutsche-Welle-Songs entsprungen, die Flora nur von Youtube kannte.

Seit sie über das Leben von Helene, Vivian und Corinna recherchierte, lebte sie auf. Sie versuchte, sich in das Jahr 1983 hineinzudenken, in dem sich die Wege der drei Freundinnen nach dem Schulabschluss trennten. Bilder des untreuen Sören, die zwischendurch in ihrem Kopf aufblitzten und ein flaues Gefühl hinterließen, verdarben ihr nicht mehr den ganzen Nachmittag. Flora vertiefte sich in ihre Story, und die trüben Gedanken verschwanden.

Seit über einer Woche hatte Helene die Nachricht im Postfach nicht gelesen. Flora war sicher, dass keine Rückmeldung mehr kam. Und »no news« von Helene hieß: »good news« für sie und den Blog. Wenn sich die Geschichte jetzt in Luft auflöste, hätte sie eine Menge Zeit umsonst investiert.