Alles Fake oder was? - Klaus Robra - E-Book

Alles Fake oder was? E-Book

Klaus Robra

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Beschreibung

Dichtung und Wahrheit. Aber was ist Wahrheit, sprach Pilatus. Und wer hat recht? Goethe oder Pilatus? Oder ist das Leben ohnehin nur "ein Traum", wie es der spanische Dichter Calderón de la Barca einst ausdrückte, aber nicht wörtlich meinte? Und was ist Weisheit? Fragen über Fragen- und ein paar Wegmarken in 'Alles Fake oder was?'.

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Klaus Robra

Alles Fake oder was?

Das Spiel von Sinn und Unsinn - eine fiktionale Biografie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Einleitung

Abschied für immer?

Kindheit und Jugend in der Schreiner-Familie.

Franz geht studieren.

d i e f r a g e a l l e r f r a g e n

Rosenmontagsliebe

Umbrüche in Heidelberg

Das Missverständnis ergibt sich von selbst, während das Verstehen immer erst gesucht werden muss.

Man kann eine Person besser verstehen als sie sich selbst versteht.

Marx und Engels

Hegels Phänomenologie des Geistes

Eine Krise

Politisches Engagement und neue Liebe

Westfälischer Neubeginn

„Kasachische Reminiszenz.

Turiner und Mailänder Capriolen

Jazz

Vom Sinn

Raffas Rache

Franz oder die Liebe zur Philosophie

Hirn und Geist

Sprache, Denken und Erkenntnis

Person werden und sein

Emmanuel Mounier

mit Leib, Seele und Information

In-Form-Setzung, Einformung, Formentstehung, Formbildung

Zeit, Wert und Sinn – und eine neue Zeit-Hypothese

Die Zeit-Hypothese als Dreh- und Angelpunkt der Sinnfrage

Was sind Werte?

Weltliche Werte seit dem Mittelalter

René Descartes (1596-1650)

Werte der Klassik und der Aufklärung

Toleranz und Respekt

Immanuel Kant (1724-1804) und das Person-Sein

Klassisches Humanitätsideal und Deutscher Idealismus

Von der Theorie zur Praxis – Revolution und Menschenrechte

Die US-amerikanische Revolution

Die Französische Revolution, die Menschenrechte und die Grund-Werte der Demokratie

Romantik

Marxismus – und von Marx zur Gegenwart

Von Marx zu Ernst Bloch (1885-1977)

Neoliberalismus / Globalisierung / Umwelt-Katastrophe

Die Umwelt-Katastrophe

Die Antwort: Demokratischer Öko-Sozialismus

Ökosozialistische Erklärung von Belém.

Digitalisierung im Interesse der Werktätigen

Basis-Demokratie und Subsidiarität

Ökologie

Demokratie

Sozialismus

Die Frage nach dem Sinn

Nicht-Sinn („Absurdistan“)

Die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Streit wg. Nietzsche

Künstliche Inteligenz (KI): Fluch oder Segen der Menschheit?

Die Große Synthese

Mein Credo – erkenntnistheoretische Coda

Nah- und Fernzielen für Ökologie, Demokratie und Sozialismus

Impressum neobooks

Einleitung

Alles Fake oder was?

Das Spiel von Sinn und Unsinn -

eine fiktionale Biografie

Klaus Robra

Eigentlich wollte ich diese Niederschrift anders beginnen. Doch daraus wurde nichts, es wurde vereitelt, ich weiß nicht wie. Jedenfalls fehlte nach einem zweiwöchigen, vorzeitig beendeten, weil völlig verkorksten Ferienaufenthalt auf einer Kanaren-Insel, ja, was fehlte? Die erste Seite meines bis dato ca. 20 Seiten starken Manuskriptes! Wie und warum diese Seite verschwunden ist, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Hatte ich selbst die Seite verlegt, wusste nicht mehr, wo ich sie abgelegt hatte? Oder hatte jemand anders sie entfernt? War vielleicht jemand in unsere Wohnung eingedrungen, um mir just diese Seite zu entwenden? Kaum vorstellbar. Wie dem auch sei, mir blieb nichts anderes übrig, als die Seite neu zu schreiben, was nunmehr geschieht.

Abschied für immer?

Wie lautete doch seinerzeit mein erster Satz? Aha: „Ihm, dem Schreinermeister, standen Tränen in den Augen und die Haare zu Bergen.“ Was aber kein guter Beginn ist, wie mir inzwischen klar wurde. Vielmehr hätte ich nur schreiben sollen: Dem Schreinermeister standen Tränen in den Augen. Und warum? Weil Franz, sein jüngster Sohn, „zum Bund“ musste und sein Vater ahnte, dass Franz sich damit wohl für immer von seinem Elternhaus verabschieden würde. Das war nicht leicht zu verkraften, auch nicht für einen gestandenen Schreiner-meister. Doch nun kam es so, obwohl Franz – ohne Wissen des Vaters – mit etwas Geschick diese Wehrdienst-Verpflichtung hätte vermeiden können. Er hatte auch mit dem Gedanken gespielt, hielt es dann aber für vorteilhafter, nun gleich nach dem Abitur erst einmal von zu Hause wegkommen zu können, zumal er befürchtete, dass sein Vater sich weigern könnte, ihm ein Studium zu finanzieren. Er war jetzt fast 20 Jahre alt, damals, in den 1960er Jahren, noch nicht voll-jährig. Das würde sich ändern, sobald er den 18monatigen Wehrdienst hinter sich gebracht hätte. Dann würde er volljährig sein und selbst über sich bestimmen können. Dachte er jedenfalls und wählte also den Barras statt der vermeintlichen (?) Ungewissheit.

Verabschiedete sich nun also auf dem Bahnsteig von seinem Papa und bestieg den Zug, der ihn nach Süddeutschland, genauer: nach Schlettingen im Breisgau, zur „Grundausbildung“ bringen sollte. Er, der Rheinländer, kannte Süddeutschland kaum. Ein einziges Mal war er mit seiner früh verstorbenen Mutter im Schwarzwald gewesen, nahe Freudenstadt, der Stadt mit den wunderschön restaurierten Arkaden, fast wie Bologna. Die Fahrt zog sich schier endlos hin, zunächst immer am Rhein entlang, dann, nach vielen langweiligen Stunden im Bahnabteil, ging’s allmählich seitwärts und aufwärts, nicht in die Büsche, nein, in das dunkle Gebirge, auch Schwarzwald genannt. Was aber tut man auf langen, langweiligen Bahnreisen? Man liest, redet vielleicht mit Mitreisenden, kuckt sich die vorbeisausende Gegend an, läuft im Zug herum, mal zum Klo und zurück, setzt sich wieder, döst, träumt vor sich hin und erinnert sich plötzlich an die

Kindheit und Jugend in der Schreiner-Familie.

Das war nicht immer eitel Freude und Zufriedenheit gewesen, nicht immer ein Zuckerschlecken. Oh nein! Schon früh hatte es mächtig gekracht: Bombenhagel auf die rheinische Kleinstadt, in der Franz aufgewachsen war, dreimal flog dem Elternhaus förmlich das Dach

um die Ohren, flog einfach davon, krachte minutenlang auf der nahe gelegenen Überlandstraße nieder. Die „verdammten Tommies“ mit ihren Luftminen, Terror gegen die Zivilbevölkerung, Kriegsverbre-chen? Oder einfach nur Rache für deutsche Terror-Angriffe auf Städte wie Coventry, das Hitler, des Wahnsinns fette Beute, bekanntlich „ausradieren“ wollte? Blühende Groß- und Kleinstädte fielen damals in Schutt und Asche, einfach so, weil Hitler und seine Bande, Mussolini und sein Verbrecher-Club, Faschisten wie Franco und andere glaubten, man könne die Politik übers Knie brechen und an die Stelle des Kopfes den Arsch setzen. Mit unsäglichen Folgen. Mehr als 54 Millionen mussten dran glauben, wurden im Namen der national-faschistischen „Vernunft“ ins Jenseits befördert.

Wie Franz vom Hörensagen erfuhr, waren seine ersten Worte: „Kutti, Auto, Bombe“ gewesen, wobei er mit Kutti den Vornamen seines um 10 Jahre älteren Bruders Kurt, mit Auto den Lieferwagen der Schreinerei und mit Bombe die gefürchteten alliierten Luftminen meinte. – Im Keller des großzügig angelegten Vaterhauses hatte man einen eigenen Luftschutzraum eingerichtet, in dem sich zuweilen die gesamte Nachbarschaft dicht gedrängt zusammenfand. Bis auf einen Nachbarn, der es besonders „gut“ mit seiner leider reichlich korpu-lenten Ehefrau meinte, die er bei Luftalarm stets bis zum Luftschutz- Keller der Schreinersfamilie begleitete, um sodann zu einer ca. 3 km entfernt liegenden Höhle zu rennen, wo er sich sicher fühlte. Der Clou: Kam er nach der Entwarnung zurück, fragte er regelmäßig zunächst: „Lebt meine Frau noch?“ Auch dies wusste Franz nur vom Hörensagen, während er selbst sich natürlich fast gar nicht mehr an die Kriegszeit erinnerte. Ausnahme: Es sah noch genau vor seinem geistigen Auge, wie sein Vater ihn eines Morgens mit strahlendem Gesicht aus dem Kinderbett hob. Später, so mit 4 bis 5 Jahren – und daran erinnerte Franz sich sehr genau – verabreichte ihm der ziemlich strenge Vater mehrmals eine Tracht Prügel auf das Hinterteil, und zwar mit seinem breiten Ledergürtel, den der Vater zuvor von seiner Arbeitshose gelöst hatte.

Oft streng war er, der Vater, doch nur wenig Zeit erübrigte er für die Erziehung seiner Kinder, was er später mehrfach ausdrücklich bedauerte. Als Franz ca. 12 Jahre alt war, empfahl ihm sein Vater, sich fortan selbst zu erziehen, verriet aber nicht, wie er sich dieses vorstellte. Im Übrigen hieß des Vaters Maxime: „Ich habe hier meine Pflicht zu tun.“ Was ihm allerdings während einiger Jahre, in denen er gelegentlich zu sehr dem Alkohol frönte, weniger gut gelang. Außerdem stand seine Pflicht-Maxime in merkwürdigem Gegensatz zu seiner durchgängig stark gefühlsbetonten Gemütsverfassung. Er war ein musischer Mensch, mittelgroß, von kräftiger Statur, bären-

stark, dabei durchaus humorvoll, ein stimmgewaltiger Sänger vor dem Herrn, lange Zeit auch im Männergesangverein, den er den „Rhein-becker Blädderbund“ nannte. (‚Bläddern‘ bedeutet im Ruhrpott-Deutsch so viel wie ‚heulen, weinen‘. Franz‘ Vater stammte aus dem Kohlenpott.). Eines seiner weiteren Hobbies war das Portrait-Zeichnen: Häupter aller Art, in emsiger Kleinarbeit auf irgendwelchen Zetteln zu Papier gebracht.

Während der Kriegs- und Nachkriegsjahre litt die Familie, im Unterschied zu vielen anderen, nicht unter Ernährungsmangel. Vielmehr sorgten gut gefüllte eigene Schweine- und Hühnerställe dafür, dass alle stets satt wurden. Unvergesslich blieb Franz das laut-starke Grunzen und Röcheln der Schweine, als sie die Kellertreppe hinauf ins Freie stürmten, um sich auf der großen Hühnerwiese auszutoben. Unvergessen auch der Anblick, der sich ihm eines Tages in der Waschküche bot, als ein Metzgermeister ein Schwein per Bolzenschuss erledigte...

Auch Hunde und Katzen waren ständige Begleiter der Familie. Makaber allerdings: Übergroßen Katzen-Nachwuchs beseitigte Franz‘ Vater, indem er die Winzlinge eigenhändig gegen die Hauswand klatschte oder in einem hochgefüllten Wassereimer ertränkte. Makaber auch der manchmal total vollgekotete Hundezwinger, den Franz dann mit einem Gartenschlauch zu säubern hatte. Was den braven Schäferhund nicht daran hinderte, sich nachts aus seinem Zwinger herauszuzwängen, um sich in der nahe gelegenen Wald- und Wiesengegend zu verlustieren, was merkwürdigerweise nie dazu führte, dass das – weibliche – Hundetier mit dem schönen Namen Berta trächtig wurde.

In der Schreinerei musste Franz schon früh, d.h. schon im Kinder-garten-Alter, mithelfen. In den Kindergarten kam er erst mit 5 Jahren, fuhr immer ganz selbstständig mit dem Bus zu dem ca. 5 km entfernt liegenden Hort, nachdem ihn seine um 13 Jahre ältere Schwester Trine nur ganz am Anfang ein einziges Mal begleitet hatte. – In der Schreinerei oblag es ihm an freien Nachmittagen, größere Holzleisten und kleine Fensterrahmen fein säuberlich in Versand- und Liefer-kartons zu stapeln; später durfte er auch diverse Hobel- und Schleifmaschinen säubern und beim Parkett-Verlegen helfen, was er mit mehr oder weniger großer Begeisterung tat. Es störte ihn jedenfalls nicht; dies im Unterschied zu gewissen Hänseleien, die ihm einige Spiel- und Klassenkameraden zuteil werden ließen, z.B. mit Äußerungen wie: „Na, bist du Jesus? Der war doch auch Zimmer-mannssohn!“ Oder: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne, nä? Und wie viele davon durftest du heute zählen?“ Und: „Bedenke gut: Die Axt im Haus erspart den Zimmermann!“ Sprüche dieser Art waren noch

halbwegs erträglich, nicht jedoch wenn er, z.B. in der Fußball-mannschaft, der er schon mit sechs Jahren angehörte, Parolen vernehmen musste wie: „Na, Spanferkel, heute schon gehobelt?“ Oder: „Nimm endlich mal das Brett vom Kopf! Hier wird gebolzt, nicht geholzt!“ Das ging entschieden zu weit, da konnte Franz fuchsteufelswild und gelegentlich sogar handgreiflich und faustschnell werden. Bis ihn eines Tages ein Lehrer dieserhalb dringend ermahnte, mit solchen Tätlichkeiten aufzuhören, nachdem er einem Klassen-kameraden, wenn auch in Gegenwehr, ein Auge blau geschlagen hatte.

In der Fußballmannschaft und erst recht bei den Schneidergesellen, mit denen Franz sich stets solidarisch fühlte, kam er leider schon früh mit allerlei derben Witzen, Zoten und Anzüglichkeiten in Kontakt. Von der eher harmlosen Sorte waren dabei Sprüche wie: „Die Vögelein, die Vögelein vom Titicaca-See, die heben, wenn sie lustig sind, die Schwänzchen in die Höh‘. Ach, Mädelein, wenn ich dich so vor meinen Augen seh‘, dann geht’s mir wie den Vögelein vom Titicaca-See!“ Oder auch: „Banane, Zitrone, an der Ecke steht ein Mann. Banane, Zitrone, er lockt die Weiber an. Banane, Zitrone ...“ Erst sehr viel später, während seines Hochschulstudiums, wurde Franz klar, dass solche Sprüche sogar einen tieferen Sinn haben können. Der Renaissance-Dichter Pietro Aretino verfasste ‚Sonetti lussuriosi‘, aus-schweifende Sonette, in denen in fast jeder Zeile das F-Wort auftaucht, z.B. „fottiamci subito“ (‚lasst uns sofort ficken‘). Tieferer Sinn? Das Irrationale, Unwägbar-Bedrohliche am Sex durch Verbali-sierung bewältigen, besser damit fertig werden. Wobei man natürlich bezweifeln kann, dass dies immer und überall möglich ist. Jedenfalls ein hübsches Beispiel dafür, dass Fiktionales auch dem Ficktionalen dienen kann ... Andererseits erfuhr Franz recht bald auch, dass man solchen Neigungen zum Obszönen nicht einfach nachgeben darf, dass es eine Sprach-Ethik gibt, verbale Anzüglichkeit nur selten gesell-schaftsfähig ist. Was ja zu einem Dilemma führt: Kann Dichtung zur Bewältigung des Irrationalen beitragen, ohne in den Niederungen der „schmutzigen Phantasie“ zu versinken? Darüber nachzudenken, dürfte wohl der Mühe wert sein.

Die Grundschule hieß damals noch ‚Volksschule‘. In dieser Schule, überdies einer ‚evangelischen‘, machte Franz schnell gute Fortschritte. In einem seiner ersten Zeugnisse hieß es: „Franzens Leistungen liegen weit über dem Durchschnitt!“ Mit vorbereitet hatte diesen Schulerfolg seine große Schwester Trine, selbst Gymnasiastin, die sich stets rührend um ihn gekümmert und ihm sprachlich viel Sicherheit und Ausdrucksvermögen vermittelt hatte.– Es wäre eine rundum glück-liche Kindheit gewesen, wenn nicht das Unglück zugeschlagen hätte, als nämlich seine innig geliebte Mama früh, allzu früh an Krebs

erkrankte und verstarb, als sie kaum 50 und Franz noch keine 12 Jahre alt war. Das erschütterte den Kleinen zutiefst, und auch die Stief-mutter, die er wenige Jahre später bekam, vermochte nicht, ihm darüber hinwegzuhelfen. Im Gegenteil, zwischen ihr und Franz entwickelte sich keine harmonische Beziehung, und als er 16 Jahre alt war, nannte er sie nicht mehr ‚Mutter‘, sondern nur noch ‚Selma‘ oder ‚Tante Selma‘.

Franzens schulische Leistungen, auch auf dem Gymnasium, der „Penne“, wie man sie seinerzeit noch nannte, ließen erstaunlicher-weise kaum zu wünschen übrig. Das Gymnasium schloss er erfolg-reich und mit guten Abitur-Noten ab. Von seinem Elternhaus aber hatte er sich entfremdet – mit einigen schwerwiegenden Konsequen-zen. Mit 17 Jahren hatte er unter seinen Schulkameraden eine neue Freundes-Clique gefunden, mit ihnen eine Old-time-Jazzband gegrün-det und rauschende Wochenend-Parties (‚Feten‘) gefeiert – und dann auch seine große Jugendliebe Melanie kennengelernt. Ein lustiges, sehr gesprächiges dunkelhaariges Mädchen, immer adrett, immer gut gelaunt. Eine Beziehung, die sich schon zu Beginn sehr intensiv entwickelte, mit langen, ergiebigen Gesprächen, einmal von fast 8stündiger Dauer, und schließlich, d.h. nach ca. einem Jahr, mit allem, was zu einer echten Liebesbeziehung dazugehört, wenn auch oft unter widrigen Umständen, sie waren ja nicht verheiratet, hatten keine eigene Wohnung, so dass sie ihre Liebe zueinander zuweilen mit der Liebe zur freien Natur verbanden, wohl oder übel verbinden mussten.

Einmal hatte Franz sich allerdings dumm verschätzt, als er mit Melanie irgendwo in der Eifel fernab des Wanderwegs ein geeignetes Lagerplätzchen suchte. Ringsum gab es nur Gestrüpp und steinharten Boden, dazu trübes Wetter in der Dämmerung. „Was suchst du hier eigentlich?“, fragte Melanie, darauf Franz: „Gute Frage, weiß ich auch nicht, anscheinend haben wir hier gar nichts zu suchen.“ Machten kehrt und gingen durch das unwirtliche Gestrüpp zurück zum Weg.

Unbestrittenes Idol und geistige Leitfigur des Freundeskreises war Ruven, der Schöngeist, dem es ziemlich rasch gelang, eine muntere Schar weiblicher und männlicher Bewunderer um sich zu versam-meln, eine Clique mit betont nonkonformistischem, anti-bürgerlichem Anspruch. Das Wort „Bürger“ galt als Schimpfwort. – Von der äußeren Gestalt her wirkte Ruven eher unscheinbar, war von mittlerer Statur, schlank und rank, aber wenig sportlich. Auffällig sein langes dunkles Haar, das mit dem Aufkommen der Beatles-Mode noch länger wurde, dazu dunkle Augen, ein feines längliches Gesicht mit hellem Teint und leicht hebräischem Einschlag, auf den Ruven immer besonders stolz war. Sein Prestige beruhte nicht nur auf seinem

gewandten Auftreten und seiner Eloquenz, sondern vor allem auf der Tatsache, dass er sich schon im zarten Alter von 15 Jahren mit anspruchsvollen philosophischen und musiktheoretischen Texten beschäftigt hatte, darunter von Adorno, Horkheimer und Herbert Marcuse, so dass er imstande war, sowohl dem gesellschafts-kritischen Anspruch als auch der libidinösen Freizügigkeit der Clique die hochwillkommene theoretische Fundierung zu vermitteln. Kein Wunder, dass sich in der Clique schon bald eine echte Streitkultur entwickelte, die nicht selten auch auf den Feten zum Tragen kam. Die Diskussionen entzündeten sich an Themen wie repressiv-bürgerliche Moral, Klerikalismus, Gesellschafts- und Verhaltenstheorien usw. Eine der Diskussionen zwischen Ruven und seinen Freunden Franz, Armin, Dirk und Helge verlief folgendermaßen:

Armin: Hei, Jönkes, was haltet ihr davon ..., eh, was haltet ihr davon, wenn wir uns mal darüber unterhalten, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben?

Ruven: Eigentlich? Was heißt denn hier ‚eigentlich‘?

Armin: Nur so, nur so ‘ne Redensart, sagt man doch so, oder nit?

Ruven: Sagt man so, sagt man so, ja, aber trotzdem bitte Vorsicht mit der sogenannten Eigentlichkeit! Daran hat sich schon mancher den Mund verbrannt. Namen nenne ich nicht.

Franz: Bringt ja auch nichts. Armins Frage war aber gar nicht schlecht. Mein Vorschlag: Wir könnten uns auch fragen, in welcher Gesellschaft wir überhaupt leben wollen!

Helge: Oder auch: in welcher wir überhaupt leben können!

Ruven: Schön und gut. Aber wovon reden wir denn? Was ist das denn: die Gesellschaft? Gibt es das überhaupt?

Dirk: Und ob es das gibt! Der Mensch ist doch ein geselliges Wesen, wie man schon lange weiß. Gleich und gleich gesellt sich gern – und zack! Schon haben wir die Gesellschaft!

(Lautstarkes Gelächter der anderen, dann:)

Ruven: Ja, kolossaler Witz: „gleich und gleich“! Sind denn alle Menschen gleich? Doch bestimmt nicht! Und trotzdem redet man von der Gesellschaft. Woraus besteht sie denn, die Gesellschaft? Doch zweifellos aus einzelnen Individuen. Was aber ist das Individuum? Bei Marx das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn man also die Gesellschaft verstehen will, muss man erst mal die Verhältnisse beleuchten, die in ihr herrschen.

Helge: Beleuchten ist gut, bei so viel Armleuchtern!

Ruven: Ja o.k., aber so kommen wir doch nicht weiter. Witze machen, Possen reißen, das kann jeder. Aber nicht jeder hat den Durchblick, den z.B. Marx hatte oder heute Adorno und Marcuse haben. Nur: Das alles hier zu erzählen, würde bestimmt zu weit führen.

Franz: Und warum, lieber Ruven, gibst du hier mit den großen Namen an?

Ruven: Angeben? Hab‘ ich nich nötig! Aber wenn man keine Ahnung hat, kann man nich mitreden, nä? Frust, nä? Aber lassen wir das mal! Adorno sagt: Es gibt kein wahres Leben im falschen. Und dass wir hier im falschen Film sind, steht fest, solange ringsum die Ungleichheiten, die Ausbeutung und die Ungerechtigkeit fortbestehen und immer mehr zunehmen.

Dirk: Du sprichst ein großes Wort gelassen aus, Ruven.

Ruven: Mag sein. Klar ist jedenfalls: Der ganze bürgerliche Schlam- massel stinkt zum Himmel! Und solange wir alle nicht über eine kritische Theorie der Gesellschaft verfügen, kommen wir nicht ‘raus aus dem Schlammassel. Es gibt eben kein wahres Leben im falschen.

(Woraufhin die anderen nur noch mit dem Kopf nicken, bis Dirk vorschlägt, lieber mal das Thema zu wechseln.) –

Eines Tages kam man auf das Thema Nr. 1, die Liebe, zu sprechen. Anwesend waren die gleichen Teilnehmer wie bei dem zuvor aufgezeichneten Gespräch; hinzu kamen allerdings die jungen Damen Silke, Jennifer, Gertrud und Melanie. Den Anfang machte

Jennifer: So, liebe Leute, jetz wollen wir mal über das Thema Nr. 1 sprechen, ja?

Armin: Und was meinst du damit: Liebe oder Sex?

Jennifer: Weder noch, eh, bzw. sowohl als auch, aber nich nur. Liebe ist doch allumfassend; sie kann Agape, Caritas, Eros und Sexus sein.

Franz: Donnerwetter! Woher nimmst du denn plötzlich all die Fremd-wörter? Und was bedeuten sie?

Jennifer: Ganz einfach: Agape, das ist die uneingeschränkte Nächsten-liebe, die sogar bereit ist, sich selbst zu verleugnen und aufzuopfern. Caritas ist Nächstenliebe, Zuwendung, Fürsorge. Eros dürfte bekannt sein, Sexus auch, ne wahr?

Dirk: Mehr oder weniger bekannt, nä? Und was soll das hier, im Zusammenhang mit unseren Beziehungen?

Gertrud: Je nun, das betrifft uns doch alle gleichermaßen. Sex ohne Eros bleibt rein körperlich. Sex und Eros ohne Caritas versagen, wenn Probleme kommen, Schwierigkeiten, Krankheit, Not, was weiß ich?

Helge: Und dann auch noch Agape, die bedingungslose Aufopferung?

Jennifer: Im Notfall geht es jedenfalls nicht ohne die Bereitschaft dazu, und zwar schon wegen der Tatsache, dass bei der Liebe natürlich auch immer Egoismus im Spiel ist.

Melanie: Egoismus? Wieso das denn?

Ruven: Is doch klar wie dicke Tinte, in uns kämpft doch immer das Lustprinzip mit dem Realitätsprinzip. Das Realitätsprinzip sagt Ich, Du und Wir, das Lustprinzip immer nur: Ich. Wenn sich der Sex, also die Lust verselbständigt, versinkt man total im Egoismus.

Jennifer: Das glaube ich nicht. Sex verbindet immer. Außerdem ist es für uns ja gar nicht so einfach, überhaupt Sex zu haben. Das gilt in der bürgerlichen Gesellschaft, ich meine: in der Welt der Verheirateten, als anstößig.

Ruven: Anstößig? Dass ich nich lache! (Prustet heftig los, dann:) Viel-leicht sogar mit zwei Bindestrichen, nä: an-stoß-ich, ha-ha-ha-ha-ha! In Wirklichkeit hat das Bürgertum auch dafür seine feingesponnene Ideologie. Sex ja, aber nur in der Freizeit! Ansonsten herrscht stets das Realitätsprinzip. Wer nicht spurt, kein Zaster!

Melanie: Sex nur in der Freizeit? Ja wann denn sonst? Soll denn etwa auch bei der Arbeit gevögelt werden? Und von wem ist das, was du da erzählst, von Freud oder von Marcuse?

Ruven: Oha! Bitte Vorsicht! Da liegt eben der Hase im Pfeffer, sozusagen der springende Unterschied. Freud will das Lustprinzip ganz und gar dem Realitätsprinzip unterwerfen. Er sagt sogar: „Wo Es war, soll Ich werden.“ Als ob man die Triebe einfach so kontrollieren und nach Belieben unterdrücken könnte!

Silke: Aha! Und was sagt der Mabuse, eh ... der Marcuse dazu?

Ruven: Nicht so leicht zu erklären. Wo das Lustprinzip massiv unterdrückt wird, besteht immer die Gefahr, dass die Chose in Gewalt, Mord und Totschlag und sogar in Massenmord umschlägt. Kann ich aber hier und jetzt nicht näher ausführen.

Gertrud: Is‘ ja furchtbar! Und wie kann man das verhindern?

Ruven: Nur, wenn man Lust, Phantasie, Eros und Kunst endlich auf-wertet. Durch die Automation können wir dem näherkommen. Schwerstarbeit und Plackerei werden bald nicht mehr nötig sein, die Entfremdung auch nicht. Dann kann das Reich der Freiheit, von dem schon Marx geträumt hat, allmählich anbrechen. Und wir können mit unserer Rebellion gegen das Bürgertum, gegen die Bürgerlichkeit, aktiv dazu beitragen.

Jennifer: Ja, alles wunderbar, ganz toll! Aber unsere Probleme sind doch viel simpler. Was passiert denn zum Beispiel, wenn wir un-gewollt schwanger werden? Dann können wir doch Schule, Studium und Karriere an den Nagel hängen!

Armin: Aber gibt es denn etwa keine Verhütung, Kondome und-soweiter?

Jennifer: Kondome sind auch nicht immer sicher, das andere auch nicht.

Gertrud: Ja, da bleibt ein Restrisiko, das müssen wir wohl auf uns nehmen.

Alle Damen zusammen: Ja, man muss das Risiko eingehen!

Leider erwies sich in späteren Jahren keine der scheinbar so glück-lichen Paar-Beziehungen der jungen Leute als haltbar. Alle brachen auseinander, teilweise unter tragischen Umständen und mit schlimmen Folgen.

Denkwürdig und somit erwähnenswert war auch ein Gespräch über Romantik, das während einer der zahlreichen Wochend-Feten statt-fand, und zwar auf Anregung von

Ruven: Liebe, Gesellschaft, gut und schön, aber nichts geht über die Romantik!

Franz: Romantik? Aha, die mondbeglänzte Zaubernacht!

Silke: Zauber? Ja natürlich! Waren das, eh ... die, waren die nicht alle die reinsten Zauberlehrlinge?

Ruven: Immer langsam! Du verwechselst da vielleicht was, nämlich Klassik und Romantik.

Helge: Eben, eben, wie sagte doch Goethe: „Alles Klassische ist gesund, alles Romantische ist krank!“

Armin: Als wenn das so einfach wäre! Schwarz-Weiß-Malerei hilft da bestimmt nicht weiter. Schließlich gibt es fließende Übergänge. Schon in der ‚Sturm-und-Drang‘-Zeit war jede Menge Romantik im Schwange. Hölderlin und Schiller waren Klassiker und Romantiker zugleich. Goethe hat seine Meinung in puncto Romantik mehrfach geändert.

Jennifer: Klassiker und Romantiker zugleich? Das versteh‘ ich nich! Wie soll das denn gehen?

Armin: Aber klar doch! Nur, um das zu verstehen, müsste man genau erklären, was Romantik ist und was Klassik.

Melanie: Sehr schlau, sozusagen geistreich! Aber wozu soll das gut sein? Sind wir hier in der Schule, bei Dr. Erdmann, oder wie? Oder wie oder was?

Ruven: Schule hin, Schule her, ganz egal, Fakt ist, ohne Romantik und Klassik kann man weder Kunst noch Religion noch Politik und Philo-sophie verstehen.

Helge (laut rülpsend, leicht benebelt): Sorry, sorry, sorry, eh ... das ist mir zu hoch! Geht’s auch ne Nummer kleiner?

Franz: Nummer is‘ gut, eih! Aber Thema Nr. 1 hatten wir eigentlich schon, ne wahr?

Gertrud: O.k., ja. Aber Liebe und Romantik gehören doch zusammen wie der Wind und das Meer, oder nich?

Melanie: Warum das denn nun schon wieder?

Armin: Ganz einfach beziehungsweise nicht ganz so einfach. In der Liebe geht’s ums Ganze, in der Romantik auch. Außerdem findet beides meistens nachts statt, nä?

(Allgemeines Gelächter.)

Ruven: Lustig, lustig! Es wird immer besser! Aber was heißt denn: „Es geht ums Ganze“?

Silke: Das Ganze, das Ganze! Wer will denn das noch überblicken? Das Wissen vermehrt sich mit rasender Geschwindigkeit, nicht linear, sondern exponentiell! Da blickt keiner mehr ganz durch, nicht durch das Ganze.

Ruven: Das außerdem noch mehr ist als die Summe seiner Teile!

Helge: So sprach Zarathustra, ich bin begeistert. Was Romantik ist, weiß ich aber immer noch nicht.

Franz: O.k., nich so schlimm. Die Romantiker glaubten jedenfalls noch an das Ganze, zum Beispiel mit ihrer Universalpoesie.

Helge: Un watt äss datt? Univer ..., eh, hopp: Univalpoesie?

Franz: Universal, Mensch, nich unival! Die Romantiker forderten, dass alle Poesie, die es überhaupt geben kann, romantisch sein muss. Dabei waren sie keineswegs kosmopolitisch eingestellt, nee ..., sie waren national gesonnen, echte Deutschtümler, kritisierten heftig Napoleon, den sie als Verkörperung des französischen Rationalismus empfanden, und feierten daher überschwänglich die deutsche Befrei-ung von Napoleon im frühen 19. Jahrhundet.

Dirk: Und was kam dabei heraus? Aufstieg Preußens, Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Hitler usw.

Gertrud: Wie, und so weiter?

Dirk: So wie Hitler natürlich nich, obwohl nach dem zweiten Weltkrieg viele alte Nazis wieder zu hohen Ämtern und Ehren kamen in der sogenannten BRD.

Silke: Und was soll das alles noch mit Romantik zu tun haben? War Hitler etwa ein Romantiker?

Armin: Wie man’s nimmt. So oder so. Immerhin hat ein ungarischer Philosoph – Lulatsch oder Lukas oder so ähnlich heißt der – der hat behauptet, die Romantik sei mit schuld an der Nazi-Katastrophe!

Franz: Hör‘ ich recht? Wie soll das denn angehen?

Armin: Ja, wie man’s eben angeht. Romantik: das ist die Verklärung des Irrationalen, der Unvernunft.

Ruven: Nun aber mal langsam, Leute. Es waren die Romantiker, die das Unbewusste, den Traum, die geheimnisvollen Seelenregungen erst für Kunst, Religion und Philosophie erschlossen haben, lange vor Sig-mund Freud. Auch Nietzsche ist zwar durch und durch Romantiker, aber nachweislich nicht für den Hitler verantwortlich zu machen.Melanie: Und wie steht’s mit der romantischen Innerlichkeit? Ist die etwa nationalsozialistisch?

Franz: Natürlich nicht. „Nach innen geht der geheimnisvolle Weg“, sagte Novalis und meinte damit was ganz anderes als die Nazis.

Dirk: Ja, gut! Aber bitte trotzdem mit Vorsicht zu genießen!

Jennifer: Und warum, wenn ich fragen darf?

Dirk: Nu pass‘ mal gut auf! Ins innere Geheimnis eindringen, das wollten schon viele, z.B. die mittelalterlichen Mystiker, dann Jakob Böhme und andere – das waren die besonderen Spezis der Romantiker – aber lange davor auch schon der Kirchenvater Augustinus. Der hat empfohlen, überhaupt nich mehr nach draußen zu gehen, weil angeblich nur im Inneren, im tiefsten eigenen Selbst, die Wahrheit wohnt.

Silke: So, so, nich mehr rausgehen, starkes Stück! Ich lach‘ mich tot!

Dirk: Ist aber nicht zum Totlachen, sondern ne sehr wichtige Schote. Verbinde nur mal Augustinus und die Mystiker mit Novalis. Was er-gibt sich dann?

Silke: Watt weiß ich!

Dirk: Dann ergibt sich klipp und klar, dass Novalis mit dem geheim-nisvollen Weg nach innen nichts anderes meinte als den Katholizis-mus, den er restaurieren wollte, um Europa zu vereinigen. Das Geheimnis, von dem er spricht, ist nichts anderes als das sogenannte „Geheimnis der Wandlung“, auf das sich die Katholiken bei ihrer Auf-fassung vom Abendmahl so viel zugute halten.

Armin: Oh je! Nur gut, dass Novalis damit keinen Erfolg hatte. Wo wären wir denn ohne die Reformation? Weiterhin, immer noch in der geistigen Unmündigkeit. Wenn ich wie Novalis aufs Ich zurückgehe, muss ich mit Kant dem Ich zugestehen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und der Unmündigkeit zu entfliehen.

Franz: Das schlägt dem Fass den Boden ins Gesicht! Novalis, den großartigen Sprachkünstler, den Seelen-Erforscher, den Autor wunderbarer Dichtungen wie Hymnen an die Nacht und Heinrich von Ofterdingen, einfach zu einem Pfaffenbüttel herabzuwürdigen, nee, nee, dat geht gar nich! Ich lass‘ mir jedenfalls meinen Novalis nicht nehmen.

Melanie: Und auch nicht die zahllosen anderen Romantiker! Schließlich gab es Romantik auch in Frankreich, England, Skandinavien, Russland und anderswo!Ruven: Ja Leute, wenn das so ist, dann wünsche ich noch viel Spaß bei der Suche nach der Blauen Blume, nach dem Geheimnis des Univer-sums, des Seins und alledem. Wie soll man sonst dahinter kommen, wenn nicht durch Dichtung, Philosophie und Religion, die allesamt aufs Ganze gehen, auch wenn man das Ganze nicht mehr überschauen kann. Also lassen wir’s mal gut sein, ja? Okay, dann also bis zum nächsten Verzell, unserm nächsten Wunschkonzert, ne wahr?

Zu solchen „Wunschkonzerten“ gehörte auch das Album Jazz und Lyrik, darin insbesondere Gottfried Benns Gedicht: Fürst Kraft, rezi-tiert von Gerd Westphal, musikalisch unterlegt mit Motiven aus Old Man River:

„Fürst Kraft ist – liest man – gestorben / Latifundien weit / ererbte, hat er erworben, / eine Nachrufpersönlichkeit / »übte unerschrocken Kon-trolle, / ob jeder rechtens tat, / Aktiengesellschaft Wolle / Aufsichts-rat.«

So starb er in den Sielen. Doch wandt‘ er in Stunden der Ruh / höchsten sportlichen Zielen / sein Interesse zu; / immer wird man ihn nennen, / den delikaten Greis, / Schöpfer des Stutenrennen: / Kisca-zonypreis. /

Und niemals müde zu reisen! / Genug ist nicht genug! / Oft hörte man ihn preisen / den Rast-ich-so-rost-ich-Zug, / er stieg mit festen Schritten / in seinen sleeping-car / und schon war er inmitten / von Rom und Sansibar.

So schuf er für das Ganze / und hat noch hochbetagt / im Bergrevier der Tatra / die flinke Gemse gejagt! / Drum ruft ihm über die Bahre, neben der Industrie / alles Schöne, Gute, Wahre / ein letztes Halali!“

Nun wird es ernst. Franz beim Militär.

Das waren noch Zeiten, dachte Franz, der Rekrut, bei sich, während sein Zug sich allmählich dem Zielort im Breisgau näherte. So viele Er-innerungen! Und was für welche! Wie sollte er das alles je verarbeiten können? Fragte er sich wehmütig in einer Anwandlung von Nostalgie, die durch die schmerzliche, wenn auch vorübergehende Trennung von seiner geliebten Melanie noch verstärkt wurde. – Kaum in Schlettin-gen angekommen, machte er sich schon auf den Weg zu der Kaserne, die nur wenige 100 Meter vom Bahnhof entfernt lag. In der Kaserne nahm man ihn sehr freundlich auf und unterrichtete ihn über alles Notwendige und einiges Wissenswertes: Verhalten im Gebäude und auf dem Kasernengelände, Vorgesetzte, Stubenkameraden, Tages-ablauf, Appelle, Ausgang usw. Ziemlich viel auf einmal. Aber Franz gelang es trotzdem, sich rasch zurechtzufinden, auch wenn, wie sich bald herausstellte, in der sogenannten Grundausbildung nicht alles Gold war, was zu glänzen schien.

Besonders auf die Nerven gingen ihm penible Stuben-Feldwebel, die sich abends einen Spaß daraus machten, die Rekruten zu schurigeln,