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Hannover 1994. Der zwanzigjährige Bill Fehsenberg ist für ein halbjähriges Praktikum beim Rundfunk in die Großstadt gezogen. Vor ihm liegt eine Zukunft, in der alles möglich scheint. Doch wie soll es nach dem Praktikum weitergehen? Wie ein Hintergrundrauschen schwebt diese Frage über Bills Leben, während er so viele Dinge zum ersten Mal erlebt: das Praktikum, den Aushilfsjob in einer Fabrik und das Verliebtsein in Katja. Auch Bills alten Freunden Kasche, Heiko und Sebastian ergeht es ähnlich. Als Heiko plötzlich verschwindet, machen sich Bill und Kasche auf, ihn zu suchen. Die Spur führt zu einer Klinik an der Ostsee, wo eine Überraschung auf sie wartet, die ihr Leben gehörig durcheinander bringt ...
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für Sanna
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Es war ein Freitagnachmittag im Mai. Vor den Straßencafés in der Fußgängerzone saßen vereinzelt Menschen und genossen das schöne Wetter. Bill Fehsenberg folgte einer Familie mit prall gefüllten Einkaufstüten, bis sie an einer U-Bahn-Station in den Untergrund verschwand. Eigentlich machte er immer einen großen Bogen um die Fußgängerzone, doch heute war er nach dem Praktikum noch beim Einwohnermeldeamt gewesen. Sein Vermieter hatte ihn letzte Woche darauf hingewiesen, dass er seine Anmeldebestätigung nachreichen müsse, schließlich war er noch in seinem Heimatdorf Knesebeck gemeldet.
Nun war er beglaubigter Bürger dieser Stadt und überlegte zufrieden, ob er gleich noch einen Kaffee trinken sollte. Doch die Vorstellung, sich in eines der Innenstadtcafés zu setzten, schreckte ihn ab. Es erinnerte ihn an die Stadtbesuche mit seinen Eltern. Anderthalb Stunden Autofahrt, rein in die Kaufhäuser, Sachen anprobieren, »Du bist aber groß geworden, Junge«. Anschließend waren sie jedes Mal zum Kaffeetrinken und Kuchenessen in einem der Innenstadtcafés gewesen. Bill beschloss, stattdessen in seinem Stadtteil einen Tee zu trinken, vielleicht in Verbindung mit einer türkischen Linsensuppe, das war gut und das hatte er sich verdient.
Er hatte den Hauptbahnhof fast erreicht, als er eine bekannte Stimme neben sich hörte.
»Hey, Bill, alter Gestalter. Hast du einen Moment Zeit für ’ne Umfrage?«
Bill drehte sich um. »Mensch, Richard, was machst du denn hier?«
»Ich betreibe Marktforschung«, tat Richard gespielt wichtig.
»Machst du das immer noch?«
»Jaja, läuft aber nicht so gut, bist erst der Dritte heute. Also, machste mit?«
Bill kannte Richard flüchtig von einer Party, bei der er mit Sebastian gewesen war. Er hatte Richard am Tresen kennengelernt und sie hatten sich über ein Mädchen lustig gemacht, das völlig betrunken mit einem Zwanziger wedelnd »Sekt für alle« gerufen hatte. Bill hatte »Ich nehme lieber ’n Bier!« gerufen und Richard hatte sich lauthals angeschlossen. So war eine Solidarität entstanden, die zumindest solchen Situationen standhielt.
Bill stimmte zu und sie gingen in ein Geschäftshaus, in dem sich ein kleines Büro des Instituts befand.
»Also okay«, sagte Richard, nachdem sie sich gesetzt hatten. »Ich brauche dringend noch ein paar Erhebungen von Männern über sechzig!«
»Männer über sechzig? Was soll das denn?«
Richard tippte mit seinem Finger auf das Blatt Papier. »Sechzig Jahre und älter. Da hat bisher nur mein Opa mitgemacht.«
Bill grinste. »Meinetwegen. Um was geht’s?«
»Aftershave! Duft, Hautverträglichkeit, Werbewirksamkeit und so.«
»Aha«, Bill hob die Brauen. »Männer über sechzig nehmen Old Spice, die lassen sich nicht mehr verarschen.«
»Wahrscheinlich doch«, sagte Richard. »Pass auf, du musst nur ein paar Fragen beantworten und dann gebe ich dir noch ein paar Duftproben mit. Das war’s. Dafür gibt’s zehn Märker.«
Richard nahm die persönlichen Daten auf. »Wird nicht weitergeleitet, wird nach der Auswertung sofort gelöscht«, antwortete er auf Bills Frage, ob man denn so einfach beim Alter schummeln könne.
So richtig gut fühlte er sich dabei nicht. Er mochte es nicht, wenn irgendwelche Institute seine Daten besaßen, noch dazu gefälschte, aber er machte mit und beantwortete die Fragen mit den erstbesten Gedanken.
»Da werden deine Strategen aus der Werbeabteilung aber auf die falsche Fährte geschickt«, sagte Bill. »Wegen des Alters, mein ich.«
»Die wissen doch, wie das läuft. Und so wie ich das bisher sehe, würden deine Antworten auch nicht berücksichtigt werden, wenn du sie auf dem Bogen für Zwanzigjährige beantwortet hättest.«
»Wenn das so ist, könnte ich diese Umfrage ja auch sein lassen, quasi boykottieren. Strich durch und gut.«
»Nee, das lassen wir schön sein«, sagte Richard, »dieser ausgefüllte Bogen ist bares Geld für mich, krieg ich fünfzehn Mark für. Dann lieber auf die falsche Fährte schicken.«
Bei der nächsten Frage überlegte Bill, warum sie das denn nun wieder wissen wollten: Wenn Sie wählen könnten, wo Sie am liebsten wären, wo wäre das?
»Was soll das denn? Kriegt man da eine Reise geschenkt oder was?«
»Ist für die Werbeleute, sag schon was«, drängelte Richard ungeduldig.
»Das ist doch hypothetischer Scheiß«, sagte Bill. »Keine Ahnung.«
»Ist halt so, die interpretieren da dann irgendwas rein. Ist so was Assoziatives. Sag irgendwas!«
Aber Bill fiel noch nicht mal irgendwas ein. Plötzlich erinnerte er sich an das Bild eines deutschen Ruheständlers, der gefällig vor einem argentinischen Gutshaus saß. Er hatte letztens so etwas in einer Fernsehreportage gesehen. Der Rentner hatte mit einem Arm gestikulierend seinen weitläufigen Besitz gezeigt, mit dem anderen Arm hatte er eine junge Argentinierin an sich gepresst. Bill bezweifelte stark, dass dieses Bild stellvertretend für die besagte Generation stand, aber der erste Gedanke zählte. Also sagte er: »Argentinien vielleicht.«
Richard stutzte und tippte etwas in den Computer. »Ich mach das heute Abend fertig«, sagte er. »Ich war bis vier in der Vorlesung Identitätskonstruktionen in der Spätmoderne.« Er formte seine Hand zu einer Pistole und hielt sie mit dem Zeigefinger vorneweg gegen seine Schläfe. »Kommst du noch mit ins Klein Kröpcke?«
»Ja, können wir machen, hab eh nichts vor.«
Richard kramte in seiner Tasche. »Scheiße, ich hab keine Duftproben mehr. Ich komme morgen Abend noch mal kurz bei dir vorbei.«
»Mach das«, sagte Bill. Sie verließen das Büro und fuhren ein paar Stationen mit der U-Bahn in die Nordstadt. Wenig später saßen sie am Tresen der Kneipe.
»Was hast du am Schluss eigentlich geschrieben, ich meine, bei der letzten Frage?«, erkundigte sich Bill.
»Urlaub! Da gibt es nur drei große Kategorien, auf die Rücksicht genommen wird: Urlaub, Familie oder Eigenheim. Und Argentinien ist doch Urlaub, oder?«
»Was soll das denn? Ich könnte mir ja später auch ein Haus in Argentinien bauen oder so eine hübsche Argentinierin heiraten. Ich meine, ich hab die Frage doch beantwortet. Warum hast du einfach nur Urlaub daraus gemacht?«, fragte Bill, genervt von Richards Interpretation.
»Ist doch egal, ich dachte, du hättest Urlaub gemeint«, verteidigte sich Richard.
»Wenn es eh egal ist, dann kannst du die blöden Fragebögen ja auch selber beantworten. Ich meine, dann schreibst du da irgendwas rein und denkst dir irgendwelche Adressen aus.«
»Ab und zu rufen die bei den Leuten an, um noch mal nachzufragen. So stichprobenmäßig. Ist besser, du hast eine richtige Adresse«, sagte Richard.
»Aha, das heißt also, dass sich vielleicht so ’n blödes Umfrageinstitut bei mir meldet und wissen will, warum ich gerne in den Urlaub fahre. Und ich muss dann mit sonorer Stimme antworten, dass ich es mir verdient hätte und dass dieses Aftershave die große weite Welt bedeutet.«
Bill wusste nicht, ob er sauer oder amüsiert auf Richards Sorglosigkeit reagieren sollte.
»Also, wenn ich in vierzig Jahren noch leben sollte, dann findest du mich hier«, sagte Richard halb zu Bill und halb zu der weiblichen Bedienung, die gerade zwei Flaschenbiere auf die Deckel knallte.
»Aber mich ganz bestimmt nicht, macht sechs fuffzig.«
Richard fing an, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie überboten sich gegenseitig mit Vorschlägen, wo sie später am liebsten leben wollten und was sie dann so alles machen würden. Bill saß da und hatte das eigensinnige Gefühl, als würde das alles auf seinem Rücken ausgetragen. Er trank das Bier aus und verabschiedete sich.
Aufgewühlt lief er durch die engen Gassen der Nordstadt. Richard hatte ihn schon die ganze Zeit nicht ernst genommen. Den interessierte doch nur, dass er das Honorar für die ausgefüllten Fragebögen bekam. Egal wie. Und dann hatte er noch diese dämliche Bedienung auf seiner Seite gehabt, die den ganzen Quatsch sogar witzig gefunden hatte. Bill war so in Rage, dass er fast gegen einen Mülleimer gelaufen wäre. Insgeheim ärgerte er sich über sich selbst, dass er so mimosenhaft die Kneipe verlassen hatte. Das war auch nicht besser, aber zurück wollte er nun nicht mehr.
Wenn er ehrlich war, wusste er wirklich nicht, wo er jetzt am liebsten wäre. Er wusste nur, dass es gut gewesen war, aus Knesebeck wegzuziehen, obwohl das Großstadtleben und das Praktikum nicht so waren, wie er sich das vorgestellt hatte. Genau genommen hatte er sich gar nichts vorgestellt, er hatte einfach die erstbeste Gelegenheit genutzt, seinem Heimatdorf zu entfliehen.
Gedankenverloren ging er den E-Damm entlang, wo sich langsam die Kneipen füllten. Junge Leute kamen ihm gut gelaunt entgegen und freuten sich augenscheinlich auf den bevorstehenden Abend. Vorfreude ist die schönste Freude, kam es ihm mit einem Mal in den Sinn. Solche Sprichwörter beruhten auf Erfahrung, da musste also was dran sein. Seine Großmutter hatte immer gesagt, dass es zu Hause am schönsten sei. Aber nach Hause wollte er nicht. Seit Sebastian, sein einziger Freund in der Stadt, ein Auslandssemester in Norwegen machte, war nicht mehr viel los, vor allem die Wochenenden waren trostlos.
Inzwischen hatte er den Bahnhofsvorplatz erreicht und ging in den Hauptbahnhof, das Nadelöhr zur Oststadt. Über die Lautsprecher wurde ein Interregio Richtung Fulda ausgerufen, der in zehn Minuten abfahren sollte. Kurz entschlossen kaufte Bill am Fahrkartenautomaten ein Guten-Abend-Ticket. Damit konnte er bis nachts um zwei mit der Bahn herumfahren und das war zumindest besser, als zu Hause herumzusitzen und Trübsal zu blasen.
Er ging auf den Bahnsteig, stieg in den eingefahrenen Zug und suchte sich ein leeres Abteil. Nach einer viertel Stunde hatte er die Stadt hinter sich gelassen.
Bill sah aus dem Fenster, an dem schemenhafte Umrisse vorbeiflogen, und freute sich, etwas zu unternehmen, auch wenn das hier eine ziemlich seltsame Aktion war. Er fragte sich, ob das jetzt noch die Vorfreude war oder schon die Freude, mittendrin zu sein. All so ein Zeug dachte er, während sich draußen der Abend in die Nacht verwandelte.
Bill schreckte auf. Der Interregio holperte unruhig durch ein Wohngebiet. Er schob das Fenster herunter und der Wind schlug ihm ins Gesicht. Wo zum Teufel war er? Wie lange hatte er geschlafen? Was hatte ihn bloß getrieben, sich in den nächstbesten Zug zu setzten?
Als der Zug in einen Bahnhof einfuhr, stieg Bill Hals über Kopf aus und sah dem abfahrenden Zug hinterher. Hünfeld stand auf dem verwitterten Schild am Bahnsteig und er fragte sich, wo in aller Welt das war. Es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Der Fahrkartenschalter in der Bahnhofshalle war mit Brettern vernagelt und der eingetretene Rollladen, hinter dem er einen Kiosk vermutete, hing schief herunter. Bill stellte fest, dass der nächste Zug zurück nach Hannover erst um halb sieben fuhr. Jetzt war es gerade mal viertel nach drei.
Er ging die Bahnhofstraße hinunter und gelangte zur Hauptstraße. Die Straßenlaternen waren ausgeschaltet, ein wenig Licht spendeten nur der Mond und die Beleuchtung eines Autohauses. Bill ließ das Dorf hinter sich und lief an der Bundesstraße entlang. Vereinzelt hörte er das Rauschen der vorbeifahrenden Autos und den Wind, der durch die Kronen der Bäume strich. In der Ferne erkannte er ein Licht, das sich nach einer viertel Stunde als Leuchtreklame einer Tankstelle herausstellte.
Dort angekommen, nahm Bill zwei Flaschenbiere aus der Kühltheke und rundete den Preis auf vier Mark auf. Irgendwie unangebracht, dachte er, Trinkgeld in der Tanke, aber es gibt hier Licht und es gibt hier Leben.
»Ach Scheiße, mach fünf draus«, sagte er übermütig, »und wechsle die Pferde.«
»Sehr witzig, was macht denn einer wie du hier?«, fragte die Kassiererin.
»Na ja, ich habe zwei Bier gekauft«, sagte er etwas überfordert.
»Und was sollte das mit den Pferden?«
»Das kannst du streichen.«
»Sehr witzig«, wiederholte sie. »Wenn du denkst, du kannst hier Sprüche machen, nur weil du eins sechzig Trinkgeld gegeben hast, vergiss es.«
Bill sah sie verdutzt an. Das Einzige, was ihm jetzt zu sagen einfiel, war, dass sie ihm das Trinkgeld ja wiedergeben könne, dann werde er seinen Mund halten. Die Rede würde er mit »dumme Schnepfe« abschließen. Aber er behielt den Satz für sich, er hätte alles nur noch lächerlicher gemacht.
»Wo geht’s denn da hin?«, fragte er stattdessen und zeigte in die entgegengesetzte Richtung, aus der er gekommen war.
»Nach Fulda.«
»Geht das zu Fuß?«, fragte er.
»Sind ungefähr acht Kilometer. Immer die Bundesstraße runter.«
Er bedankte sich, griff nach den beiden Flaschen und verließ die Tankstelle.
Die Bundesstraße schlängelte sich durch Felder und Waldstücke und Bill folgte ihr auf dem Fußgängerweg. Er schätzte, dass er seit ungefähr einer Stunde unterwegs war, so langsam müsste er mal Lichter sehen, die auf Fulda hindeuteten. Mittlerweile trank er die zweite Flasche Bier, setzte unermüdlich einen Fuß vor den anderen und konzentrierte sich auf seine Schritte. Die übrigen Geräusche nahm er kaum mehr wahr. Der Wind, der immer mal wieder stärker aufkam, war eine willkommene Abwechslung. Er überquerte eine Autobahnbrücke und irgendwann durchbrach ein von hinten herannahendes Auto die vertrauten Geräusche. Es schien langsamer zu werden. Dann überholte ihn ein alter Ford und hielt auf dem Grünstreifen.
»Na, sind die Pferde durchgebrannt?« Das Beifahrerfenster war heruntergedreht. »Steig schon ein.«
Bill blickte verdutzt zur Seite und öffnete die Wagentür.
»Ich nehme nicht jeden mit und ich bin auch nicht immer so. Da war vorhin nur so ’n blöder Kunde, der mich angemacht hat. Ich hab gefragt, ob er getankt hat – muss ich fragen –, worauf er mir blöd kam und fragte, ob ich da denn ein Auto sehen würde und ob ich blind sei, na ja und so weiter halt.«
Bill sagte nichts und starrte durch die Windschutzscheibe in die ausklingende Nacht. In manchen Häusern, die vereinzelt am Straßenrand standen, brannte schon wieder Licht.
»Wie heißt du?«, fragte sie, ohne ihren Blick von der Fahrbahn zu wenden.
»Stefan«, sagte Bill. »Aber eigentlich sagen das nur meine Eltern. Die meisten nennen mich Bill.«
»Bill?«
»Ja, Bill. Weil mein zweiter Vorname Wilhelm ist. Mein Opa hieß so.« Bill zuckte mit den Schultern. »Weiß gar nicht mehr genau, wer mir den Spitznamen gegeben hat.«
»Wo soll ich dich denn rauslassen, Bill?«, schmunzelte sie, als sie das Ortsschild passierten.
»Am besten am Bahnhof.«
»Wo geht’s hin?«
»Nach Hannover.«
»Sechs Uhr einundzwanzig. Stündlich«, sagte sie.
Bill sah sie erstaunt an.
»Wenn du in Fulda wohnst, kennst du jeden Zug, der dich hier rausholt.« Sie lachte. »Hast du Lust auf ’n Kaffee?«
Er hatte gehofft, noch etwas Zeit mit ihr verbringen zu können. Eigentlich hätte er ihr am Bahnhof einen Automatenkaffee ausgeben wollen, doch dass sie die Initiative ergriff, schmeichelte ihm. Er sagte, dass er gerne mitkomme und fragte nach ihrem Namen.
Katja, so hieß sie, parkte ihren Wagen in einer Seitengasse. Als sie ausstiegen, war von irgendwo leise das Stampfen einer Bassdrum zu hören. Er folgte Katja durch einen Torbogen in einen Hinterhof, dann ins Untergeschoss und schließlich in den Vorraum einer Diskothek. Sie setzten sich auf Metallhocker an die Bar und bestellten zwei Kaffee.
Aus dem Raum, aus dem die Bassdrum wummerte, kamen ein paar Leute. Einer von ihnen, ein glatzköpfiger Typ in einem verschwitzten Anzug, trat kurz zu ihnen. »Hast du Spacy gesehen?«
»Nee, bin gerade erst gekommen«, erwiderte Katja und der Glatzkopf verschwand auf der Toilette.
»Öfter hier?«, fragte Bill.
»Kann man wohl sagen«, erwiderte Katja und sah ihn herausfordernd an. »Und du?«
»Ich nicht«, entgegnete er begriffsstutzig.
»Ja, das habe ich schon mitbekommen. Kommst du aus Hannover?«
»Ja.«
»Und was machst du hier?«
»Ich hab mir gestern ein Guten-Abend-Ticket gekauft und mich in den nächstbesten Zug gesetzt.«
»Machst du das öfter? Dich in den nächstbesten Zug setzen?«
»Nein, natürlich nicht«, sagte Bill genervt. »Ich bin einfach nur so ’n bisschen rumgefahren.«
»Wie, so ’n bisschen rumgefahren?« Katja runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.
Sie hat recht, dachte er. Das klingt wirklich idiotisch. So als hätte sie einen Geisteskranken eingefangen, der eigentlich auf die Geschlossene gehörte und auf die Frage, wo er denn gewesen sei, mit ›Nur so ’n bisschen draußen gewesen‹ antwortete. Blöderweise war es irgendwie so.
»Ich bin einfach mal weggefahren. Raus aus den vier Wänden. Kurzurlaub!«
Das klang genauso absurd, aber es schien als Antwort zu genügen.
»Warum bist du nicht gleich nach Fulda weitergefahren?«, hakte Katja nach.
»Weil ich in dem Kaff da gerade wach geworden bin und nicht wusste, wo ich war. Mein Ticket ist nur bis zwei Uhr nachts gültig.«
»Soso«, sagte Katja unschlüssig.
»Und du?«, fragte er, um aus der unangenehmen Situation herauszukommen.
»Ich bin Tankstellenkassiererin«, sagte Katja sachlich, als wollte sie damit ihre Unkompliziertheit betonen. »Ich hab während der Schulzeit in der Tankstelle gejobbt und bin dann da hängen geblieben.« Sie trank einen Schluck Kaffee. »Ich hatte mich für das Sommersemester in Offenbach für Fotodesign beworben. Vor ein paar Wochen kam dann die Absage. Meine Mappe ist abgelehnt worden. Zack, das war’s.« Sie schlug mit der Hand auf den Tresen.
»Und das hier ist also das Eastside«, stellte Bill fest, um die Unterhaltung nicht abbrechen zu lassen.
»Ja«, sagte Katja. »Gehört einem Bekannten. Ist der einzige Laden, wo du hier um diese Zeit hingehen kannst.«
Bill nickte und sah auf eine merkwürdige Metalluhr, die hinter dem Tresen hing. Katja folgte seinem Blick und trank ihren Kaffee aus.
»Ich muss langsam los«, sagte er. »Kannst du mich am Bahnhof rauslassen?«
»Wenn du erst mal schlafen willst, also nur wenn du magst, du kannst auch bei mir pennen. Ich habe eine Gästecouch«, schlug Katja vor, während sie bezahlte.
Erst jetzt, als er aus dem stickigen Vorraum an die frische Luft trat, merkte er, wie müde er war und wie schön es wäre, sich einfach in ein Bett zu legen und einzuschlafen. Er nahm Katjas Angebot dankbar an und so fuhren sie zu ihrer Wohnung, die sich ganz in der Nähe befand.
Er lag auf der Gästecouch im Wohnzimmer. Die Tür zu Katjas Schlafzimmer war angelehnt. »Wo würdest du mit sechzig am liebsten sein?«, fragte Bill gerade so laut, dass Katja es verstehen konnte.
»Warum willst du das wissen?«
»Ach, nur so«, antwortete er und fragte sich in wohliger Schlaftrunkenheit, warum er das eigentlich wissen wollte. Dann drehte er sich um, vergrub seinen Kopf im Kissen und schlief ein.
Es war 20.00 Uhr, als er aufwachte. Katja war schon weg. Auf dem Weg ins Bad entdeckte er an der Wohnungstür einen aufgeklebten Zettel: ›Auf alle Fälle nicht in einer Tanke mitten in der Pampa‹. Mit einem Lächeln las er Katjas Worte. Es gefiel ihm, dass sie seine dumme Frage nicht vergessen hatte, und immerhin wusste sie, wo sie auf keinen Fall sein wollte. Sie hatte nicht irgendeinen Blödsinn in diese dämliche Frage hineininterpretiert, wie es Richard und die Bedienung in der Studentenkneipe gemacht hatten.
Bill war in einer Stimmung, die ihn nicht davon abhielt, noch einen weiteren Tag in Fulda zu verbringen. Er fühlte sich gut. Voller Tatendrang. Er duschte und machte sich zu einer Erkundung der Stadt auf. In einer Pizzeria aß er etwas und ließ sich weiter durch die Altstadt treiben.
Immer wieder erinnerte er sich an das Gespräch mit Katja an der Bar im Eastside. Als sie sich unterhalten hatten, war es ihm vorgekommen, als würden sie sich schon viel länger kennen. Da war ein merkwürdiges Gefühl der Vertrautheit gewesen, nach dem er sich gesehnt hatte.
Gegen Mitternacht beschloss er, die Diskothek von gestern aufzusuchen in der Hoffnung, Katja dort am frühen Morgen anzutreffen. Er fragte ein Pärchen nach dem Weg und erreichte nach einer viertel Stunde den Eingang zum Hinterhof. Auf der Treppe, die ins Untergeschoss führte, harrte er einen Moment aus, dann ging er hinunter und bezahlte den Eintritt.
Im Vorraum setzte er sich auf einen Metallhocker, bestellte ein Bier und starrte auf die Metalluhr, die ihm in der vergangenen Nacht schon aufgefallen war.
»Nicht schlecht, wie?«
Bill erschrak. Ein auffällig großer Typ seines Alters stand vor ihm.
»Was?«, erwiderte Bill, überrascht, dass er angesprochen wurde. Und dann noch von einem Typen, der aussah wie ein Fallensteller. Er trug eine hellbraune Lederweste und ein rotes Tuch um seinen Hals. Die Haare hatte er provisorisch zu einem Pferdeschwanz zusammengeknotet und seine Wangen glänzten durch einen fusseligen Bart.
»Na, die Uhr!«
Nach kurzem Überlegen stellte Bill fest, dass dies die erste Diskothek war, in der er eine Uhr sah. »Ist ganz dekorativ. Und warum hängt die hier?«
»Die ist von mir, hab ich Volker geschenkt. Zur Einweihung des Eastsides. Wollte nur wissen, was du davon hältst, weil du so lange drauf gestarrt hast.«
»Ich hab hier gestern wen kennengelernt. Da ist mir die auch schon aufgefallen.«
»Ich hab dich hier noch nie gesehen, du kommst nicht von hier, oder?«
»Nee, ich mache hier …Kurzurlaub.«
»Kurzurlaub? Hier?«
Bill erzählte dem Fremden von dem Treffen mit Richard und der Begegnung in der Tankstelle.
»… und wenn ich Pech habe und Katja hier nicht antreffe, könnte es auch sein, dass ich quasi ewig mittendrin bleibe.«
»Katja Hagedorn, so ’ne Blonde?«,
»Hagedorn, ja«, erwiderte Bill, der ihren Namen auf dem Klingelschild gelesen hatte.
»Die kommt oft hierher, gehört irgendwie zur Eastside-Clique.«
»Was um Himmelswillen ist denn die Eastside-Clique?«, fragte Bill.
»Weiß ich auch nicht so genau. So bestimmte Leute aus der Schule, die hier immer rumhängen.«
»Und du«, entgegnete Bill, »gehörst du auch dazu?«
Der Fremde zuckte mit den Schultern. »Ich kenne einige von denen aus der Schule und häng hier rum. Ich würde sagen: ja.«
»Und was meinst du? Wie ist das so mit der Vorfreude?«
»Wie, mit der Vorfreude?«
»Na ja, wann man sich mehr freut, bei Freude oder Vorfreude?«
»Kommt drauf an«, sagte der Fremde, »weiß man erst hinterher. Ich meine Weihnachten früher, man war schon gespannt, als die Tür zum Wohnzimmer abgeschlossen war. Bekommt man die Eisenbahn oder nicht. Wenn man sie bekommt, freut man sich und die Vorfreude ist vergessen. Und wenn man ’nen neuen Schulranzen bekommt, ist die Freude ganz schnell verflogen.«
»Also Risiko«, sagte Bill, »Tür auf und durch. Andererseits könnte man ja auch sagen ›Lass die Tür zu, will ich gar nicht wissen‹.«
»Das ist die Variante der Feiglinge.«
»Das sind die Mittendrinbleiber«, bestätigte Bill in bester Laune. »Wie heißt du eigentlich?«
»Theo.«
»Ich heiße Stefan«, sagte Bill. »Aber die meisten nennen mich Bill. Sag einfach Bill.«
»Mich nennt man Spacy.«
»Du bist Spacy?!«
»Warum so erschrocken?«
»Ach, vergiss es«, erwiderte Bill, der sich Spacy komplett anders vorgestellt hatte, eher so mit Silberanzug und Plateauschuhen. Er holte zwei Bier und sie schauten den Menschen beim Tanzen zu.
Bill lehnte an einem Betonpfeiler und wartete auf Katja, ohne zu wissen, ob es sich lohnte. Er hoffte, sie würde nach der Nachtschicht kommen, und entschied, erst mal auf Kaffee umzusteigen, um einen halbwegs klaren Kopf zu bewahren.
Theo starrte auf seine Tasse. Es war mittlerweile die dritte. Daneben stand ein Turm von Keksen.
»Überflüssige Scheiße«, hatte er nach dem ersten Kaffee gesagt, »mitten in der Nacht Kekse zum Kaffee, was soll das? Bauen wir ’n Turm draus, das Spritzgebäck zu Babel.«
Theo hatte weitere Kekse verlangt. Seitdem stapelten sie die verschiedensten Kekse übereinander.
»Man soll das Schicksal nicht heraufbeschwören«, sagte Bill, »der kippelt schon ganz schön.«
Er stapelte trotzdem noch einen Keks mit Himbeerfüllung auf den Turm und atmete erst aus, als er genügend Abstand zum Tisch hatte. Theo griff einen Schokokeks, als eine Hand nach dem obersten Keks des Turmes griff und der Spritzgebäckbau zusammenbrach. Katja stand am Tisch und biss ein Stück von dem Keks ab, wie eine Göttin, die zwei verrückt gewordene Spritzgebäckarchitekten in die Schranken weist. Sie hatte wieder das graue T-Shirt mit dem Tankstellenaufdruck an.
In Bills Erinnerung hatte sich ihr Gesicht verändert, doch nun wusste er wieder genau, wie sie aussah. Sie hatte einen blassen Teint, schulterlanges mittelblondes Haar, hinten zusammengebunden. Trotzdem hingen einige Strähnen einfach so vorm Gesicht. Unter dem Tankstellen-T-Shirt trug sie ein schwarzes Hemd mit Rüschenärmeln.
»Hallo, Spacy. Bill, was machst du denn hier? Ich meine, schön, dass du da bist, aber was macht ihr beide zusammen hier?«
»Hi, Katja«, erwiderte Theo. »Feierabend?«
»Hallo«, sagte Bill, »wie geht’s denn so?«
»Setz dich doch«, schlug Theo vor. »Ich habe Bill hier vorhin kennengelernt.«
»Ja, wir haben uns hier getroffen. Dachte, ich guck noch mal rein. War ja ganz nett gestern.«
Sie sah zauberhaft aus in dem Tankstellen-T-Shirt. Als sei sie sich zu schade, den Gästen des Eastsides gefallen zu wollen. Theo begann eine Unterhaltung und Bill warf hin und wieder einen Kommentar ein. Eine komfortable Situation für ihn, die jedoch nicht lange anhielt, denn bald sagte Theo, dass er losmüsse, und zwinkerte ihm zu. Er klopfte Katja kumpelhaft auf die Schulter und verließ sie.
