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Eben erst voller Hoffnungen nach London umgezogen, steht Anni plötzlich vor den Scherben ihrer einst perfekten Beziehung. Zum Glück gibt es ihre Freundin Emily, nie um einen guten Rat verlegen, und den ziemlich attraktiven und überaus charmanten Ben, die ihr wieder auf die Beine helfen. Und dann taucht auch noch Marc auf mit seiner verrückten Wette, dass sie beide sich innerhalb eines Jahres neu verlieben werden, und seinen skurrilen Nicht-Dates, auf denen sie potentielle neue Partner kennenlernen sollen. Plötzlich ist Anni nicht mehr bloß die nette, aber eher unscheinbare und ziemlich üppige junge Frau, sondern Mittelpunkt einer Geschichte, die ihre Welt komplett auf den Kopf stellt. Neue Freunde, neue Ansichten und die alles entscheidende Frage, ob auch eine Frau ohne Modelkörper der ganz großen Liebe begegnen kann. Der erste Teil der ›Alles nur ..?!‹ - Reihe um die Freemans und Millers erzählt Annis Geschichte. Jedes Buch ist in sich abgeschlossen und kann alleine gelesen werden. Die nachfolgenden Bücher bauen auf der Handlung auf, erzählen sie weiter, aber jeweils mit einer neuen Protagonistin. Ein Quereinstieg ist problemlos möglich.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch
Die Autorin
1. Kapitel
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3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8.Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
Danke!
Und so geht es weiter …
Alles nur Vertrauenssache ?!
Lust auf mehr?
Kann eine dumme, langweilige Grillparty nachhaltig dein Leben verändern? Leider ist die Antwort ja, zumindest in Annis Fall, denn sonst wäre sie vielleicht nie mit ihrem Freund nach London umgesiedelt. Sie hätte nie erfahren, dass Fred andere Vorstellungen von unverbindlichen Affären hat. Und sie hätte nie Emily, Ben und Marc kennengelernt. Sie hätte nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass solche Dinge ihr passieren könnten. So aber nimmt das Leben seinen Lauf, und das mit ziemlichem Anlauf.
Ein Jahr in London reicht aus, um Annis Welt komplett auf den Kopf zu stellen. Neue Freunde, neue Ansichten und die alles entscheidende Frage, ob auch eine Frau ohne Modelkörper der ganz großen Liebe begegnen kann.
Franziska Erhard schreibt seit 2015 Liebesromane und romantische Komödien. Ihre Geschichten bezauberten seither unzählige Leserinnen und stürmten immer wieder die Bestsellerlisten. Fesselnd, klug, mit Humor und Augenzwinkern, aber auch stets mit einem tieferen Hintergrund, entführt die BILD-Bestsellerautorin in Welten, die lange nachklingen. Nicht umsonst lautet ihr Motto: »Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Nur romantischer. Und schöner.«
Es war ein Grillfest, das mein Leben komplett veränderte. Eine Grillparty, auf die ich nicht einmal besonders Lust gehabt hatte. Ich war nur aus Höflichkeit hingegangen, und das hatte ich nun davon.
Ich hatte an diesem Tag weder einen schrecklichen Unfall noch meinen Freund betrogen oder einen geliebten Menschen verloren. Ich hatte gar nichts gemacht, ich war sozusagen nur Statistin. Die wichtigste Rolle des Abends hatte nämlich keinen Text. Ich tat also nichts, sagte nichts, und dennoch war hinterher alles anders und zog Entwicklungen nach sich, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.
Für alle anderen blieb diese Änderung erst mal unsichtbar. Ich war immer noch Anni Schumann, neunundzwanzig Jahre alt, gelernte Goldschmiedin, Produktmanagerin in einer Schmuckfirma und seit fast sieben Jahren mit Fred Holtmann zusammen. Ich ging weiterhin zur Arbeit und traf mich mit Freunden. Ich bemühte mich, alles zu vergessen und weiterzumachen wie bisher. Ich hoffte einfach, dass die vielzitierte Weisheit stimmte, dass mit der Zeit auch die Wunden heilten und die Erinnerungen verblassten.
Meine Mutter behauptet ja immer, dass die Erinnerung selektiv sei. Dass man im Laufe der Zeit schlimme Sachen vergisst oder dass sie zumindest im Rückblick nicht mehr so schlimm sind.
»Glaub mir, keine Frau hätte mehr als ein Kind, wenn sie nicht ganz schnell vergessen würde, wie die Geburt wirklich war. Aber schon in dem Moment, in dem du dein Kind im Arm hältst, fängt dein Gehirn an auszublenden, was gerade wirklich passiert ist.«
Ich war zwar ein Einzelkind, was gegen diese Theorie sprach, aber normalerweise waren die Ratschläge meiner Mutter ziemlich gut, und so entschied ich, darauf zu vertrauen, dass sie auch dieses Mal recht hatte. Ich bemühte mich, die Erinnerung tief in meinem Kopf zu verschließen, und machte Pläne für die Zukunft. Und da war ich nicht die Einzige.
Auch Fred machte Pläne. Leider andere als ich. Das Gute daran war, dass ich in diesen anderen Plänen vorkam. Das Schlechte, dass sie so ganz von allem abwichen, was ich immer gewollt hatte.
Alles begann damit, dass er sich in voller Größe vor dem Fernseher aufbaute, einen Umschlag in der Hand, gerade als DCI Barnaby im Gespräch mit seiner Frau Joyce den entscheidenden Hinweis auf den Mörder erhielt. Und Fred war ziemlich groß, er überragte mich um knappe zehn Zentimeter. Ich sah den mit einer roten Schleife verzierten Umschlag einigermaßen verwundert an. Ich hatte weder Geburtstag noch hatten wir heute Jahrestag oder etwas in der Richtung und eigentlich war mir Inspector Barnaby heilig. Nur etwas wirklich Wichtiges durfte mich stören, wenn er auf seine herrlich steife Art ermittelte.
»Was ist das?«
Fred war ganz aufgeregt. »Sieh nach.«
In dem Umschlag waren zwei Flugtickets nach London und eine Hotelbuchung.
»Ein Wochenende in London?«
»Ja. Für mich die tollste Stadt überhaupt. Es wird Zeit, dass ich sie dir einmal zeige.« Grinsend zeigte er auf den Fernseher. »Du stehst doch auf England. Übermorgen fliegen wir.«
Also flogen wir nach London. Fred sprudelte nur so vor Tatendrang, und seine Begeisterung riss mich mit. Und dann sagte er ihn, den ultimativen Satz, mit dem sich ein Mann in das Herz einer Frau katapultieren kann.
»Und jetzt gehen wir shoppen.«
Seit ich denken kann, gibt es nur eine Sache an mir, die mich wirklich stört, und das ist mein Gewicht. Ich würde jetzt gerne sagen, dass ich mich mein Leben lang mit fünf hartnäckigen Kilos herumschlage, die einfach nicht weichen wollen. Leider ist es aber nicht so. Wenn ich seufzend vor dem Spiegel stehe und sage, dass ich dringend abnehmen müsste, würde mir nicht mal der Papst widersprechen, und der sollte doch, was Äußerlichkeiten angeht, ziemlich neutral sein. Wenn ich jemals so masochistisch veranlagt wäre zu fragen: »Schatz, findest du meine Schenkel eigentlich zu dick?«, dann müsste die ehrliche Antwort immer ein »Ja« sein.
Also habe ich mir andere Fragen überlegt. Ich frage zum Beispiel: »Trägt das auf?« oder »Macht die Farbe mich älter?«. Damit gebe ich mir und Fred die Möglichkeit, ehrlich zu sein mit den Gegebenheiten, ohne Sätze sagen zu müssen wie: »Nein, darin siehst du nicht dicker aus als sonst, Schatz.«
Auch wenn ich mir natürlich wünschte, nicht ganz so üppig zu sein, war das bisher eigentlich kein allzu großes Problem gewesen. Ich hatte gelernt, gut damit zu leben. Ich wusste, wie ich meine Vorzüge am besten in Szene setzte und was ich besser bleiben ließ. Ich hatte schon immer genug Bestätigung bekommen, dass ich trotz meiner Kurven eine attraktive Frau war. Ich konnte über mich selbst lachen und auch darüber, dass Fred mich manchmal »Little Miss too much« nannte. Ich hatte eben von allem ein bisschen zu viel mitbekommen. Zu viele Worte, die rausmussten, ob ich wollte oder nicht, zu viel Lachen, zu viel Liebe, zu viel Fantasie - und leider auch zu viel Appetit.
Und nun wollte Fred shoppen gehen. In einer fremden Stadt. Mal unter uns: Shoppen zu gehen ist nicht so einfach, wenn dir nichts, was in all den kleinen Boutiquen hängt, passt. Oder wenn du in den größeren Kaufhäusern nach der Übergrößenabteilung suchen musst, nur um dann festzustellen, dass diese, falls es sie gibt, sich auf unförmige Säcke, gerne in grellen Farben und mit plakativen Mustern, spezialisiert hat. Welcher Designer ist denn um Himmels willen auf die Idee gekommen, dass sich Menschen jenseits der Normalmaße in schreiend bunten Zelten und großformatigen Drucken wohlfühlen könnten?
Ich shoppte lieber in meiner Heimatstadt, da wusste ich, wo es was gab, oder noch besser in den fantastischen Weiten des Internets. Er wusste das natürlich. Deshalb überraschte mich sein Vorschlag umso mehr. Aber gut, vielleicht würde ich eine schöne Tasche finden, als Erinnerung an dieses Wochenende. Taschen sind für mich perfekt. Da ich leider nicht nur mit einer Kleidergröße jenseits der marktüblichen Norm ausgestattet bin, sondern auch noch mit Schuhgröße dreiundvierzig geschlagen wurde, fielen spontane Schuhkäufe für mich im Regelfall nämlich auch aus.
Wir machten uns auf den Weg. Fred schien genau zu wissen, wohin er wollte. Er befragte den Stadtplan, suchte U-Bahn-Linien heraus und Busverbindungen und war voller Vorfreude.
Und dann standen wir plötzlich vor einem Geschäft und Fred fragte: »Wollen wir?«
Ich sah erst den Laden, dann ihn erstaunt an. Woher um alles in der Welt kannte er sich plötzlich so gut aus? Wir gingen hinein und es war, als wäre ich plötzlich im Plus-Size-Shopping-Himmel gelandet. Kleider, richtig schöne Kleider. Keine bunten Zelte oder peinliche Sprüche auf den Shirts, sondern moderne, gut geschnittene Klamotten in tragbaren Farben. Und Schuhe, bis Größe vierundvierzig!
Die nächste Stunde war ich selig. Ich probierte unzählige Sachen an und verließ schließlich das Geschäft mit zwei großen Einkaufstüten und einem ziemlichen Loch in meinem monatlichen Kleiderbudget. In meinem Gesicht hatte sich ein seliges Grinsen festgesetzt und wenn ich Fred nicht schon all die Jahre geliebt hätte, spätestens jetzt wäre ich ihm verfallen.
Später, viel später an diesem Abend, lagen wir müde, aber glücklich in unserem breiten, bequemen Hotelbett. Dieses Wochenende hatte schon jetzt alle meine Erwartungen übertroffen.
Und dann begann Fred zu reden. »London gefällt dir, oder?«
»Hm. Tolle Stadt.«
»Und es gibt hier noch so viel mehr zu entdecken. Diese Stadt steckt so voller Leben, so voller Energie. Hier zu leben muss unheimlich aufregend sein.«
Ich überlegte. Ein Wochenende hier war sicher aufregend, aber ich war mir nicht sicher, ob ich in einer so großen Stadt leben wollte.
Fred schien aber noch nicht fertig zu sein.
»Stell dir das mal vor, du und ich, hier in dieser Stadt. Wir könnten ein Teil von allem sein. Jeden Tag in das Leben eintauchen, die Stadt erkunden, abends in einen Pub gehen, unseren Horizont erweitern.«
Jetzt wurde ich doch etwas unruhig. Was gab es denn bitteschön an unserem Horizont zu erweitern? Gut, wir hatten beide unsere Jobs, unseren Freundeskreis, unser mehr oder weniger beschauliches Leben in einer Kleinstadt, aber das gefiel uns so. Mir zumindest gefiel es. Wir lebten doch kein langweiliges Leben? Vorsichtshalber drehte ich mich zu ihm um. Und dann ließ er die Bombe platzen.
»Meine Bank hat mir ein Angebot gemacht. Ein gutes, ein richtig gutes Angebot. Sie suchen hier für unseren Londoner Sitz einen Manager und der Job hört sich toll an. Das wäre genau das, was ich machen wollte. Es wäre natürlich ein riesengroßer Karrieresprung. Und die Bezahlung ist auch wirklich gut.«
»Du willst nach London?« Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz um Jahre gealtert war, in nur einer Sekunde. Es schien einfach nicht mehr genug Blut durch meine Adern zu pumpen und jeder Schlag war eine Anstrengung.
»Nein. Ich will, dass wir nach London gehen.«
Nach London gehen. Das half meinem Rentnerherzen auch nicht weiter. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Wir waren keines dieser Paare, die immer Pläne geschmiedet hatten, einmal ins Ausland zu gehen. Natürlich musste man sich heute an einen Job anpassen, auch räumlich, aber nie hatte ich auch nur den geringsten Wunsch gehegt, mein Leben so komplett zu verändern.
»Anni, ich weiß, das kommt jetzt alles ein bisschen plötzlich.«
Ich lächelte schwach.
»Aber bitte, lass es uns doch zumindest mal durchspielen. Wir sind ungebunden. Wir können hin, wo wir wollen. Und wir sind jetzt im richtigen Alter, um durchzustarten. Wenn nicht jetzt, wann dann?«
Wann dann? War das neben mir tatsächlich mein Fred? Hatte er das schon immer gewollt, mir aber nichts davon gesagt? War er stillschweigend davon ausgegangen, dass ich ebenso dachte wie er? Das Wochenende, eben noch so strahlend, erschien mir nun in einem anderen Licht. Die Begeisterung, der gut geplante Shopping-Trip, all dies war nur dazu da gewesen, mich zu manipulieren?
»Und was soll ich hier machen?«
»Du wirst auch einen Job finden. Wenn wir erst mal hier sind, kannst du dich in Ruhe umsehen, Angebote checken.«
Angebote checken. Ich wollte keine Angebote in London checken.
»Fred, für dich ist das leicht. Im Gegensatz zu mir sprichst du fließend Englisch. Aber ich ...« Mein Schulenglisch war sicher nicht Job-tauglich.
»Wenn wir hier leben, geht das ganz schnell, du wirst sehen. Wenn du den ganzen Tag die Sprache hörst, geht das ruckzuck.«
Ich warf meinen vermeintlich größten Trumpf in den Raum.
»Aber ich habe einen guten Job, zu Hause. Einen, den ich mag und für den ich in den vergangenen Jahren so viel getan habe.« Zumindest hatte ich das bis vor Kurzem gedacht. Um ganz ehrlich zu sein, war ich mir da im Moment nicht mehr ganz so sicher.
»Ich hatte eher den Eindruck, dass dein Job dich in der letzten Zeit nicht mehr unbedingt glücklich gemacht hat«, sagte Fred vorsichtig. »Du musst das ja auch nicht gleich jetzt und hier entscheiden. Denk darüber nach.«
»Wie lange? Bis wann musst du dich entschieden haben?«
»Ende nächster Woche. Los ginge es im September. Der Vertrag ist für zwei Jahre, mit der Möglichkeit, danach entweder zu verlängern oder wieder in Deutschland einen vergleichbaren Job zu übernehmen.«
Zwei Jahre konnten schnell vergehen - oder aber entsetzlich lange dauern. Für Fred war das Gespräch beendet. Er platzierte seine Hand auf meinem Oberschenkel und schloss die Augen.
Wie konnte er nach einer solchen Ankündigung einfach so entspannt einschlafen? Meine Nachtruhe war dahin. Was sollte ich nun tun? Wie sollte ich ohne ihn leben? Konnte ich ihn tatsächlich vor die Wahl stellen zwischen mir und seinem Traumjob? Und wofür? Überhaupt, war es nicht das Beste, das mir passieren konnte? Fred bot mir hier eine erstklassige Fluchtmöglichkeit an, die ich mir nicht entgehen lassen sollte. Auch wenn ich es noch nicht zugab, war die Entscheidung in diesem Moment schon gefallen. Ich würde mit ihm gehen und mein Leben ändern. Mein Herz würde sich daran gewöhnen müssen.
Ich muss gestehen, dass es durchaus ein erhebendes Gefühl war, den Job zu kündigen, weil man nach London zieht. Fred übernahm die Planung mit grenzenloser Energie. Er kümmerte sich um ein Umzugsunternehmen und eine Wohnung hatte er mit Hilfe der Bank auch schon gefunden. Weil er spürte, dass ich mich mit dem Umzug nicht so leicht tat wie er, beteuerte er immer wieder, dass im Zeitalter von Internet und Skype Freunde und Familie trotzdem bestens erreichbar blieben. Und mit dem Flugzeug wäre man ruckzuck rübergejettet. Ich überlegte, ob ruckzuck nun zu einem festen Bestandteil unseres Lebens werden würde. Die Entscheidung, unser Leben komplett umzukrempeln, die Zelte hier abzubrechen, war auf alle Fälle ruckzuck gefallen. Zwischen dieser Entscheidung und der Umsetzung lagen gerade mal drei Monate. Keine lange Zeit, wenn man bedachte, dass ein solcher Schritt bis vor wenigen Tagen überhaupt nicht in meinem Lebensentwurf vorgekommen war.
Aber ich tat mein Bestes, packte Kisten, die dann eines Tages in einen Container verladen wurden, zusammen mit unseren Möbeln, und schneller als ich gedacht hatte, war es dann so weit. Wir verließen zum letzten Mal unsere Wohnung, übergaben den Schlüssel an den Makler und fuhren davon in Richtung Flughafen.
London empfing uns mit milden zwanzig Grad, blauem Himmel und sah fast noch schöner aus als bei unserem letzten Besuch im Frühjahr. Unsere neue Wohnung hingegen wartete mit reichlich Chaos auf. Die Umzugsfirma hatte alles in die Wohnung gestellt und nun türmten sich die Kisten, die Möbel standen in den Zimmern verteilt. Dennoch wusste ich sofort, dass Fred recht gehabt hatte. Selbst in diesem Durcheinander war nicht zu übersehen, dass diese Unterkunft toll war. Drei Zimmer, eine offene Küche, ein geräumiges Badezimmer mit Tageslicht und sogar ein kleiner Balkon. Sie war auf zwei Ebenen verteilt, unten Küche und Wohnbereich, oben das Schlafzimmer, unser Büro und das Bad. Insgesamt etwas kleiner als unsere alte Wohnung, aber für London wirklich ein Juwel, wie Fred mir versicherte. Die Lage, der Schnitt, die Ausstattung zu diesem Preis, das wäre ohne die Hilfe seiner Bank niemals zu finden gewesen.
Abends saßen wir dann zum ersten Mal als Neu-Londoner in einem Pub. Freds Augen leuchteten, als er davon sprach, was uns in nächster Zeit alles erwartete. Mir fiel unsere erste Begegnung ein. Auch damals hatten wir in einer Kneipe gesessen und seine Augen hatten gestrahlt, als er von einem Konzert erzählte, das er gerade besucht hatte. Diese Augen waren auch das Erste gewesen, was mir an ihm aufgefallen war. Strahlend grüne Augen, die mir zuzwinkerten. Alles an Fred war so lebendig gewesen. Seine Hände, die ständig durch seine dunklen Haare strichen oder in weit ausholenden Gesten seinen Worten Nachdruck verliehen. Seine Begeisterungsfähigkeit hatte mich mitgerissen und wir hatten damals viele neue Dinge ausprobiert, ehe wir nach und nach im Alltag versanken.
Anscheinend war ich damit besser klargekommen als er, hatte schneller als er vergessen, wie es einmal gewesen war. Er hatte recht. Wir waren jung, und was bedeuteten schon zwei Jahre. Später würden wir unseren Kindern erzählen, was für eine tolle Zeit wir hier hatten. Wir würden an den Wochenenden die Insel erkunden, interessante Leute kennenlernen, unseren Horizont erweitern, kosmopolitisch werden. Wir würden coole, hippe Menschen werden, die sich auf Neues stürzten, und wir würden unsere Beziehung auf eine neue, noch vertrautere Ebene bringen. Wir würden in Ausstellungen und Museen gehen. Eigentlich taten wir das nie, aber da wir jetzt ja so großstädtisch wurden, fand ich, das gehöre dazu. Wir könnten an den Wochenenden nach Cornwall fahren, raus aufs Land. Das gefiel mir, raus aufs Land zu fahren hörte sich doch schon sehr nach einem echten Londoner an.
Im Kopf begann ich bereits Listen zu schreiben, was wir hier alles tun könnten, und vor allem, was ich alles tun könnte. Ich bin eine begeisterte Listenschreiberin. Und war ein neuer Lebensabschnitt nicht ideal, um so manches zu ändern? Ich könnte ein ganz anderer Mensch werden. Ich könnte meine Garderobe überdenken, weg von den gedeckten Farben und eher unauffälligen Schnitten, und mir einen frischen Stil zulegen. Nicht, dass ich in Sack und Asche ging, natürlich auch nicht in grellen Zelten mit Sprüchen wie »DREAM OF ME«. Ich war der Meinung, dass der Durchschnittsmann, wenn er mir auf der Straße begegnete, nicht gerade spontan in eine verzehrende Leidenschaft nach mir entbrennen würde, und fand solche Botschaften deshalb eher verschreckend. Ich hatte alles in allem gut sitzende Kleider mit vorteilhaften Schnitten, neunzig Prozent davon in schwarz. Aber tatsächlich waren die Sachen hauptsächlich dazu gemacht, nicht aufzufallen. Ich meine, das war es im Wesentlichen, was ich damit bezweckte, und somit war alles in Ordnung, aber zum Glück hatte sich selbst in den Plus-Size-Kollektionen in den letzten Jahren so einiges geändert. Es gab inzwischen Teile, die wirklich toll waren und kleine Besonderheiten in Schnitt oder Material hatten, die zeigten, dass man auch jenseits der Normgrößen modisch und gut gekleidet sein konnte.
Das wäre also mein erster Punkt auf der Liste. Außerdem musste ich natürlich mein Englisch auf Vordermann bringen, Punkt zwei. Einen Job finden. Ich könnte unsere Wohnung toll einrichten, vielleicht da und dort Farbakzente an die Wände, schöne Gardinen und neue Bezüge für unsere Sofakissen auftreiben. Ich könnte natürlich auch anfangen, Sport zu machen. Und abnehmen. Nur noch gesundes Essen kochen, viel Gemüse und Salat. Ich könnte unsere Wohnung zur Chips-freien Zone erklären. Und ich könnte mir eine neue Frisur zulegen oder zumindest eine neue Farbe. Meine Haare sind dunkelbraun, leicht gelockt und reichen mir bis knapp über die Schulter. Genau die richtige Länge, um sie sowohl offen zu tragen als auch hochzustecken, und eigentlich mochte ich sie. Nein, mit dem Friseurbesuch würde ich lieber warten, bis ich sicher war, dass ich nicht etwas falsch verstand und am Ende mit einer experimentellen Kurzhaarfrisur dastand.
Und dann war der Montagmorgen da. Fred verließ früh unsere Wohnung, im schicken Anzug, voller Tatendrang und Arbeitseifer, und ich war allein. Ich machte mich an die Umzugskisten, suchte im Radio nach einem Sender mit Musik, die mir gefiel, und begann mit Punkt drei meiner Liste: Unsere Wohnung in ein gemütliches Nest zu verwandeln. Damit hatte ich zumindest in den ersten Tagen etwas zu tun.
Und dann? Ich muss gestehen, dass ich mich ein wenig schwertat in dieser riesigen Stadt. Mir fehlten sowohl der Kontakt, der echte Kontakt zu anderen Menschen, als auch eine echte Aufgabe. Ich wollte nicht länger Gast sein, sondern richtig dazugehören, fand aber irgendwie nicht den Anschluss.
Fred hingegen eroberte London im Sturm. Nach vier Wochen bewegte er sich mit einer unverschämten Selbstverständlichkeit. Er hatte seinen neuen Job, der genau dem entsprach, was er gewollt und erwartet hatte. Er hatte eine Menge Leute kennengelernt, ging mittags in verschiedene Bars zum Essen, kam abends gut gelaunt und bis zum Hals voller Erlebnisse zurück. Ich lauschte seinen Berichten und bemerkte dabei selbst, wie eintönig meine Tage dagegen waren. Ich hatte mit einem Luxusproblem zu kämpfen. Ich hatte einfach zu viel Zeit.
»Anni, du musst endlich mal raus. Leute kennenlernen, mehr sprechen, dann ist dir nicht mehr so langweilig. Und dann wird sich auch etwas für dich ergeben. Vielleicht suchen sie ja in der Bank bald jemanden, da ist immer irgendwer gerade im Mutterschutz oder so.«
Ich weiß ja nicht, was er sich dachte. Ich war bestimmt nicht die geeignete Person, um eine Vertretung in einem Geldinstitut zu übernehmen.
»Warum? Ist eure Putzfrau ebenfalls schwanger?«, fragte ich, nur halb im Spaß.
Er lachte. »Morgen Abend treffen wir uns erst mal mit ein paar Kollegen. Bruno und Sam. Sie sind wirklich nett, du wirst sie mögen. Bruno ist mit Cathy zusammen, Sams Freundin heißt Emily. Wir gehen was essen, da kannst du alle kennenlernen.«
Diese Ankündigung hob meine Stimmung erheblich. Vielleicht waren diese Kollegen ja der Grundstock unseres neuen Bekanntenkreises. Es fehlte mir, Besuch zu haben, mich einfach mal mit jemandem auf einen Kaffee zu treffen. Ich war zwar in London, aber ich lebte nicht hier, sondern saß unter einer Glasglocke fest, die mich vom echten Leben trennte. So kam es mir zumindest vor. Und davon würde ich mich jetzt befreien.
Bruno war ein großer, sportlicher Mann mit kurzen, fast schwarzen Haaren und einem markanten Gesicht. Er trug lässige Klamotten, die ihn jünger wirken ließen, als er war. Wenn er sprach, benutzte er dazu seinen ganzen Körper. Er schien mit sich im Reinen zu sein und diese Zufriedenheit verlieh ihm einen gewissen Glanz. Seine Freundin Cathy betete ihn an. Sie war eine kleine, nette, etwas schüchterne Person mit noch kleineren Füßen, dafür habe ich einen Blick. Ihre großen blauen Augen wurden umrahmt von langen, hellbraunen Haaren. Selbst ihre Stimme war nett. Aber auch als sie uns höflich fragte, wie es uns hier gefalle, und unsere Antworten mit einem Lächeln und Kopfnicken kommentierte, schien ihre Aufmerksamkeit immer Bruno zu gelten.
Sam war nicht wirklich gutaussehend, hatte dafür aber ein sympathisches Lächeln und eine Herzlichkeit, die an einen gutmütigen Bären erinnerte. Ich mochte ihn sofort. Er war groß und ziemlich kräftig gebaut, sein dunkelblondes Haar war eine Spur zu lang. Seine Freundin Emily hingegen war perfekt. Groß, gut aussehend, langes blondes Haar und eine Figur zum Niederknien. Als sie kurz nach uns durch die Tür stürmte, wurde mir wirklich angst. Sie sah einfach zu gut aus. Umso mehr überraschte mich ihre dunkle, kehlige Stimme und als sie anfing zu lachen, verschluckte ich mich beinahe an meinem Bier. Wie konnte ein so elfengleiches Wesen solch eine Lache haben? Dreckig, herzlich und ganz und gar unelegant. Ich atmete auf. Ich hatte mit einer sanften, wohl akzentuierten Stimme gerechnet und war darauf vorbereitet, gleich ein sogenanntes »perlendes Lachen« zu hören. Am Ende des Abends wusste ich, dass Emily und ich uns sicher wiedersehen würden. Ich hatte zwar, um ehrlich zu sein, nur die Hälfte von dem verstanden, was an diesem Tisch gesprochen wurde, aber diese Hälfte hatte mir gereicht. Ich war bezaubert und glücklicher als je zuvor. Endlich fing das Leben an, mich wieder einzubeziehen.
Emily war begeistert davon, mich unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie rief an und lachte ihr dreckiges Lachen, wenn ich nur einen Bruchteil von dem verstand, was sie sagte. Sie zwang mich, meinen Radius zu vergrößern, indem sie sich mit mir in ihrer Mittagspause verabredete. Sie versuchte, langsam mit mir zu reden, kam dann aber immer irgendwann in Fahrt und vergaß, dass ich ihr kaum folgen konnte. Trotzdem hatten wir eine Menge Spaß zusammen und der Umgang mit ihr tat mir gut. Meine Englischkenntnisse wurden besser und ich lernte, mich sicherer in der Stadt zu bewegen. Emily liebte ausgiebige Shoppingtouren und ich gewöhnte mir an, sie zu begleiten. Langsam wurde ich heimisch in der Stadt.
Inzwischen war der Herbst vorbei und London hatte sein Weihnachtskleid angelegt. Überall leuchtete und blinkte es, die Luft war kalt und klar. Ich liebte diese Jahreszeit. Ich liebte den Lichterglanz und den Kitsch der Vorweihnachtszeit. Ich liebte es, unsere Wohnung zu dekorieren, ich liebte die herausgeputzten Geschäfte, die Weihnachtsbäume, ich liebte sogar den Song »Last Christmas«. Ich backte Unmengen Plätzchen und verwandelte unser Heim in ein gemütliches Nest voller Lämpchen und rot-weiß karierter Kissenbezüge. Ich mag es, Räumen durch Farbe eine neue Note zu geben, und Weihnachten ist für mich eindeutig rot. Auch wenn jedes Jahr eine andere Trendfarbe für den Weihnachtsbaum ausgerufen wird, wird meiner ein Leben lang rot sein. Und kitschig. Diese minimalistischen Baumbehänge, bestehend aus fünf wohldosierten Kugeln in Türkis oder Blau oder, ganz schlimm, Schwarz, sagten mir gar nichts. Mein Weihnachtsbaum sollte aussehen wie ein Abbild aus einem Märchenbuch, üppig und glänzend und, tja, rot. Das Problem war nur, dass ich dieses Jahr keinen Baum bekommen sollte.
»Anni, wir werden an Heiligabend nach Deutschland fliegen und erst nach den Feiertagen zurückkommen. Warum willst du einen Baum aufstellen, wenn wir gar nicht hier sind?«
Schweren Herzens gab ich nach. Natürlich wollte ich über Weihnachten nach Hause fliegen. Ich hatte Sehnsucht nach meinen alten Freunden, ich vermisste meine Familie, ich freute mich unbändig auf alle. Nun ja, dann dieses Jahr halt kein eigener Baum.
Fred bekam ich dieser Tage nicht allzu oft zu sehen. In der Bank war zum Jahresende viel zu tun, dazu kamen unzählige Einladungen von Kunden, und so war ich auch abends oft alleine.
Ich sah mir alle Weihnachtsfilme an, die wir auf DVD hatten, und einige, die im Fernsehen liefen. Ich bemerkte voller Stolz, dass ich, wenn ich mich darauf einließ, die Handlung ganz gut mitbekam, sogar bei Filmen, die ich nicht kannte. Auch wenn mein Englisch immer noch nicht perfekt war, so hatte ich in den letzten Wochen deutliche Fortschritte gemacht. Zeit, sich endlich um einen Job zu kümmern. Aus dem ursprünglich angepeilten Eingewöhnungsmonat waren inzwischen schon drei geworden, eine Tatsache, die ständig in meinem Hinterkopf rumorte.
Ich schritt motiviert zur Tat und las die Stellenanzeigen mit ganz neuem Eifer. Ich könnte natürlich klassisch als Goldschmiedin arbeiten, schließlich hatte ich das gelernt. Lieber jedoch hätte ich wieder einen ähnlichen Job gehabt wie meinen Letzten. Als Produktmanagerin in der Schmuckindustrie hatte ich Werbemailings erstellt, den Produktkatalog aktualisiert und Pressetexte verfasst. Es fiel mir leicht, Werbetexte zu schreiben und den wunderschönen Schmuck zu beschreiben. Ich hatte ein gutes Auge für die Präsentation und war gut gewesen in meinem Job. Aber ich musste es realistisch betrachten. Auch wenn ich täglich Fortschritte in der Sprache machte, war ich noch lange nicht gut genug, um Werbeartikel auf Englisch zu verfassen. Dennoch schrieb ich ein paar Bewerbungen. Schließlich war Advent, und in dieser Zeit durfte man doch auf ein kleines Wunder hoffen, oder?
Kurz darauf verkündete Fred, dass in der Bank eine Assistentin für die Postverwaltung und Kundenbetreuung gesucht würde. Im Klartext hieß das wohl, dass man die Briefe an die entsprechenden Schreibtische brachte und bei Kundengesprächen Kaffee servierte, nachdem man vorher den Konferenzraum vorbereitet hatte und danach das Geschirr abräumte. Ich dachte tatsächlich darüber nach, obwohl ich von Anfang an wusste, dass ich ihm und seinem Besuch nicht Kaffee servieren wollte.
»Du musst dich nicht gleich entscheiden. Janie, die das jetzt macht, ist noch bis Ende April da. Und es wäre ja auch nur übergangsweise, bis du was anderes gefunden hast.«
Ich befand mich in einem Dilemma. Einerseits wollte ich nicht als Aushilfskraft und Kaffee servierend Fred dabei zusehen, wie er seinen Traumjob lebte, andererseits spürte ich mittlerweile den Druck, endlich wieder einen geregelten Tagesablauf aufnehmen zu müssen. Den größten Druck machte ich mir übrigens selbst. Ich fühlte mich zunehmend nutzlos. Jede Absage war ein herber Schlag, raubte mir ein Stück meiner Selbstsicherheit. Ich war noch nie mit einem übermäßigen Selbstbewusstsein ausgestattet gewesen, hatte aber bisher immer klar meine Stärken und Schwächen gesehen. Ich war nicht schlank, aber deshalb war ich nicht unattraktiv. Ich musste es nur vermeiden, leicht bekleidet im Freibad zu liegen oder ärmellos im Büro zu erscheinen. Ich hatte mich hochgearbeitet, von der telefonischen Auftragsannahme zur Produktmanagerin. Nun fragte ich mich plötzlich, ob ich wirklich so gut gewesen war, wie ich dachte. Ich betrachtete mich im Spiegel und überlegte, was andere in mir sahen. Was war wichtiger, meine Persönlichkeit und Fähigkeiten oder dass ich nicht der gängigen Norm entsprach? Ich begann, die Absagen unter diesem Aspekt zu sehen - gar nicht gut. Ich starrte in den Spiegel und zum ersten Mal beschlich mich die Angst, dass ein Umzug nach London nicht ausgereicht hatte, um dieser blöden Gartenparty und ihren Folgen wirklich zu entkommen.
Weihnachten war wunderschön gewesen. Ich hatte den Besuch in der alten Heimat sehr genossen. Die Zeit hatte kaum gereicht, um unseren Familien und allen Freunden gerecht zu werden, und war viel zu kostbar gewesen, um sie mit so belastenden Themen wie meiner bisher vergeblichen Jobsuche zu füllen, wofür ich insgeheim dankbar war. Es genügte, ausreichend Optimismus zu versprühen und Fred erzählen zu lassen, wie gut es bei ihm lief, um alle von meinen Zukunftsängsten abzulenken. Alle bis auf mich.
Dann kam der Silvesterabend und ich nahm mir vor, meine Sorgen für ein paar Stunden zu vergessen. Wir wollten auf eine Party gehen, zusammen mit Sam und Emily sowie Bruno und Cathy. Diese Party fand in einem angesagten Club statt und sollte völlig anders werden als die eher beschaulichen Silvesterfeiern der vergangenen Jahre, versprach Fred. Und er sollte recht behalten.
Sowohl Emily als auch Cathy kannten einige der anderen Gäste. Wir verbrachten einen wilden Abend und amüsierten uns prächtig. Ich stellte fest, dass Alkohol meiner Sprachfähigkeit sehr entgegenkam. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ich mir nicht mehr so viele Gedanken machte, etwas Falsches zu sagen oder ein Wort fehlerhaft auszusprechen. Jedenfalls unterhielt ich mich blendend. Ich verstand auch ganz gut, was die anderen sagten, und zum ersten Mal fiel es mir leicht, in der mir ungewohnten Sprache spontan und witzig zu sein. Wie hatte ich das vermisst! Einfach mal wieder reden, ohne sich jeden Satz dreimal zu überlegen. Normalerweise mache ich das nämlich nicht. Was das angeht, bin ich der direkte Typ, ich rede gerne mal, ohne nachzudenken. Witz, echter Witz, braucht nun mal Spontanität. Wenn ich einen Satz erst dreimal umstellen muss, um alle Wörter zu finden, ist er nicht mehr spontan, dann lasse ich es lieber sein.
Heute Abend war mir das egal. Wir hatten genügend Drinks gehabt, um meine sprachliche Hemmschwelle so weit herabzusetzen, dass ich einfach sagte, was mir in den Sinn kam. Längst hatte ich dabei den Überblick verloren,
war. Am Anfang hatte ich mich noch bemüht, mir alle Namen zu merken und in welcher Beziehung sie zueinander standen, aber inzwischen reichte es mir, den Vornamen zu kennen, um draufloszureden.
Irgendwann stand ich an der Bar. Ich hatte eben vier neue Cocktails geordert und diese mühsam und umständlich so arrangiert, dass ich sie irgendwie zurücktragen konnte. Neben mir saß ein ziemlich attraktiver Mann, der meine Bemühungen interessiert verfolgte. Ich hatte das Gefühl, dass Emily mir früher am Abend etwas über ihn erzählt hatte, wusste aber nicht mehr, was es gewesen war. Ich lächelte ihn an und wollte eben mit meiner Last davon schwanken, als er mich ansprach.
»Moment.«
Ich drehte mich wieder zur Theke.
»Ja? Kennen wir uns?«
»Oh, sorry. Ich bin Ben. Hallo.«
»Hi, Ben Hallo«. Eindeutig zu viel Alkohol heute Abend.
Er grinste und zeigte dann auf die Theke.
»Du hast dein Portemonnaie liegen lassen.«
Ich sah auf die Börse, dann ratlos auf meine Hände. Die waren mit vier Gläsern schon mehr als beschäftigt und mein Kleid hatte keine Taschen.
»Vielleicht wärst du so nett, kurz darauf aufzupassen, Ben Hallo? Ich bring die nur schnell weg.« Ich wedelte vorsichtig mit den Gläsern. »Ich bin gleich wieder da.«
Ich sah, wie sich in seinen Wangen entzückende Grübchen bildeten, als er lächelte und zustimmend nickte. Dann konzentrierte ich mich auf die Gläser in meiner Hand und darauf, sie heil zu meinen Freunden zu verfrachten.
Als ich zurückkam, um meine Geldbörse zu holen, saß er dankenswerterweise tatsächlich noch an der Bar, zwei Drinks vor sich. Er nahm ein Glas und streckte es mir entgegen. Ich hob fragend eine Augenbraue.
»So ist das in England, hier bekommt man nichts umsonst. Ich habe deinem Portemonnaie zehn Minuten meiner Zeit gewidmet und nun musst du mir dafür zehn Minuten schenken.«
Ich war zugegeben etwas verwirrt, aber mal ehrlich, es gibt Schlimmeres, als mit einem gut aussehenden Fremden an der Bar zu sitzen. Zumal Fred und die anderen so beschäftigt gewesen waren, dass sie mich kaum zur Kenntnis genommen hatten. Deshalb nahm ich neben ihm Platz und erst einmal einen großen Schluck. Gut, das Zeug.
»Also, wie heißt du? Und was machst du in England?«
Klar, auch wenn ich mich heute Abend als Sprachwunderkind gefühlt hatte, war mein Akzent natürlich nicht verschwunden. Ben versicherte mir, dass der gar nicht so schlimm und die Tatsache, dass ich manche Wörter falsch benutzte, sogar ausgesprochen charmant sei. Die Gläser wurden nachgefüllt, ehe ich ablehnen konnte, und ich fühlte mich großartig. Dieser Mann war so nett, witzig und unterhaltsam. Und er schmeichelte mir, weil er meine Aussprache reizend fand und meinen Berichten mit Interesse lauschte. Ich vermied alles, was meine gute Stimmung getrübt hätte, ließ die schwierige Jobsuche und die Glasglocke aus, sprach nicht von einem erfolgreichen Mann, der mir mehr und mehr das Gefühl gab, in beruflicher Hinsicht versagt zu haben. Stattdessen redete ich munter über alles, was mir gerade in den Sinn kam. Und das war leider so einiges. Ich gab freimütig zu, dass ich die traditionellen und viel geliebten Fish and Chips grausam fand und Orangenmarmelade sowieso. Ich gestand, dass ich mithilfe von Inspector Barnaby versuchte, mein Englisch zu verbessern; nachdem ich mich an seine Originalstimme gewöhnt hatte, funktionierte es ganz gut. Ich erzählte von meiner ersten Taxifahrt. Ich hatte ausgerechnet einen indischen Taxifahrer erwischt, der zwar sehr nett war, aber ein so gruseliges Englisch sprach, dass ich ihn nicht verstand. Er mich im Gegenzug aber auch nicht. Alle Versuche, mein Ziel aufzuschreiben, ignorierte er geflissentlich und so diskutierten wir ewig aneinander vorbei, bis er irgendwann entschlossen losfuhr und mich irgendwohin brachte. Ich stieg dort wortlos aus, um mir ein anderes Taxi zu suchen. In dem Moment, als es passierte, war es einfach nur schrecklich gewesen, aber es eignete sich hervorragend, um später darüber zu lachen.
Inzwischen waren wir beim dritten Glas angekommen und ich spürte den Alkohol recht deutlich. Normalerweise trank ich nicht so viel. Ich behielt gerne die Kontrolle und wenn ich eines gelernt hatte, dann, dass Alkohol da eher nicht so gut ist. Aber heute war Silvester, und noch wichtiger, heute war ich endlich umgeben von Menschen, die meine Freunde waren oder wenigstens sein könnten. Ben erzählte gerade eine absurd komische Geschichte, in der es um seine Oma, deren Nachbarn und, wenn ich es richtig verstanden hatte, um ein Pferd ging. Ein Pferd? Ein Pferd mit blauen Schuhen?
Ich beschloss, das zu tun, was jede intelligente Frau in meiner Situation getan hätte: Ich stützte den Kopf auf die Hand, sah ihn interessiert an, nickte gelegentlich und ließ meine Gedanken schweifen. Himmel, sah der gut aus. Normalerweise empfand ich zu viel Attraktivität bei Zufallsbekanntschaften eher als kontraproduktiv. Wenn mein Gegenüber, egal ob Mann oder Frau, zu schön war, dann konnte ich einfach nicht locker sein. Ich fragte mich dann immer, wieso dieser Mensch sich gerade mich als interessanten Gesprächspartner aus all diesen erfolgreichen, schönen Leuten herausgepickt hatte. Ich unterstellte ihnen auch gerne mal, bekanntermaßen so langweilige oder arrogante Typen zu sein, dass alle anderen sich schlicht weigerten, sich mit ihnen abzugeben. Natürlich wusste ich, dass das kein besonders netter Zug war, aber ich konnte das nur ganz schlecht abstellen.
Dieses Exemplar hier schien aber weder das eine noch das andere zu sein. Er war weder arrogant noch langweilig und anscheinend auch wirklich nett. Gerade hatten sich total unauffällig zwei junge Frauen in ziemlich kurzen, glitzernden Kleidchen an seiner anderen Seite postiert und taten alles, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich musste grinsen, als eine ihr Haar zu schwungvoll in den Nacken warf und dabei mit weit fliegender Hand ihre Freundin erwischte. Mein Gegenüber bekam nichts davon mit. Er lachte, weil er gerade eine besonders komische Stelle in seiner Geschichte erreicht zu haben schien, und freute sich über mein Grinsen. Ich beschloss, die beiden ebenfalls nicht mehr zu beachten und mich wieder wesentlicheren Dingen zuzuwenden. Zum Beispiel seinem Haar. Es war hellbraun, etwas länger, nachlässig nach hinten gekämmt, leicht gelockt und hatte einen geradezu unverschämten Glanz. Ob ich ihn nach seinem Shampoo fragen sollte? Wahrscheinlich wusste er die Marke gar nicht. Das ist doch typisch. Männer greifen sich irgendein Shampoo, bevorzugt das, das sowieso gerade in der Dusche steht, und bekommen davon die tollsten Haare, während deine trotz diverser Kuren und Finish-Cremes einfach nicht so glänzen wollen wie versprochen.
Plötzlich fiel mir die verräterische Stille auf. Anscheinend hatte ich das Ende der Geschichte verpasst.
»Woran denkst du?«, fragte Ben und musterte mich.
»Shampoo. Ich habe gerade überlegt, welches Shampoo du wohl ...«
Ehe ich meinen Satz fertig hatte, brach er in schallendes Gelächter aus. So viel zum Thema Alkohol. Himmel, wenn ich doch nur mal damit aufhören könnte, erst zu reden und dann zu denken! Immer wieder brachte ich mich dadurch in peinliche Situationen.
Ich stand auf. »Ich muss zu meinen Freunden zurück.«
»Nein, bleib noch. Bitte.«
Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir schon hier saßen, aber die Möglichkeit war eher groß, dass es bereits eine ganze Weile war und man mich inzwischen vielleicht doch vermisste.
»Das war die interessanteste, netteste und charmanteste Begegnung, die ich dieses Jahr hatte. Trinken wir noch einen.« Ben winkte nach dem Barmann.
»Was für ein reizendes Kompliment. Und dabei ist dieses Jahr schon ganze«, ich sah auf meine Uhr, »vier Stunden alt.«
Er lächelte wieder sein Grübchenlächeln und ich befand, dass nun wirklich Zeit war zu gehen.
»Danke für die Drinks. Es war sehr nett, dich kennenzulernen.« Ich drehte mich um und sah Emily die Bar ansteuern.
»Anni, wir haben uns schon gefragt ...« Ihr Blick fiel auf Ben, der ebenfalls aufgestanden war. »Oh, hi.«
»Emily, das ist Ben Hallo. Wir hatten ein nettes Gespräch, aber anscheinend kennt ihr euch bereits.« Der Alkohol hatte jetzt eindeutig mein Sprachzentrum erreicht. Ich redete auf die typische Art eines angetrunkenen Menschen, betonte jedes Wort extra, um mich nicht zu verhaspeln. »Ich fürchte, mir reicht es. Danke noch mal für die Drinks, Ben.«
Ich hob die Hand, um mich zu verabschieden und gleichzeitig anzuzeigen, dass ich mich nicht umstimmen lassen würde, schnappte mir mein Portemonnaie und konzentrierte mich darauf, einigermaßen gerade an unseren Tisch zurück zu wanken.
Fred empfing mich mit jovialer Geste. »Anni, wir haben dich vermisst. Und wir haben deinen Drink ausgetrunken.«
Wildes Lachen brach aus. Ich war also nicht die Einzige, die heute Abend mehr als genug getrunken hatte.
»Soll ich dir einen Neuen holen?«
Ich schüttelte versuchsweise den Kopf. Nicht so gut, also ließ ich es lieber bleiben.
»Danke. Besser nicht.«
Neben mir tauchte Emily auf.
»Gehen wir. Es reicht wohl allen für heute.«
Ich nickte zustimmend. Man sollte immer gehen, wenn es am schönsten war. Und ich war noch nicht betrunken genug, um nicht zu wissen, dass das nächste Glas uns von der seligen Feierlaune in einen Zustand gebracht hätte, der nur peinlich enden konnte.
Fred und Sam boten ritterlich an, unsere Mäntel aus der Garderobe zu holen.
Emily sah mich nachdenklich an, während wir warteten.
»Und du hast die ganze Zeit mit Ben an der Bar gesessen?«
»Ja. Gesessen und getrunken. Und geredet. Weißt du, was er so macht?«
Emily sah mich überrascht an.
»Hat er das nicht erzählt? Er hat eine Agentur, eine kleine, aber feine Firma. Werbung, Internetauftritte von Firmen, solche Sachen. Ich dachte, du weißt das. Ich habe ihn dir vorher doch gezeigt. Ben ist mein Chef.« Sie sah mich misstrauisch an.
»Keine Sorge, ich habe dich nicht blamiert. Wir haben nur ganz zivilisiert geredet. Über seine Oma und ihr Pferd.« Ich stolperte ein wenig an dem Wort zivilisiert herum, was den Eindruck nicht gerade verbesserte. Emily zumindest schien kein bisschen beruhigt. Fred kam mit unseren Mänteln und ich küsste Emily schnell auf beide Wangen.
»Mach’s gut. Danke für den tollen Abend.«
Im Taxi lehnte ich mich zufrieden an Fred und schloss die Augen. Was für ein Abend! Ich hatte schon lange nicht mehr solchen Spaß gehabt. Gott, es musste Jahre her sein, seit ich zum letzten Mal auf einer Party gewesen war, auf der ich, abgesehen von meiner Begleitung, keinen Menschen gekannt hatte. Wann hatten wir aufgehört, das zu tun? Wir waren in den letzten Jahren anscheinend unbemerkt erwachsen geworden, hatten uns eingelebt und einen Bekanntenkreis um uns aufgebaut und wir waren immer irgendwo hingegangen, wo wir mindestens die Hälfte der Leute kannten. Ich fand das nicht schlimm, im Gegenteil, es war beruhigend und normal gewesen. Erst heute Abend hatte ich wieder entdeckt, dass das Unbekannte zwar ungewisser, aber auch spannender war. Ich gähnte.
»Hallo, Anni, nicht einschlafen.« Fred stupste mich an. »Wir sind gleich da. Wach bleiben. Der Abend ist noch nicht zu Ende.«
Er ließ langsam seine Finger auf Wanderschaft gehen. Ich öffnete die Augen. Freds Blick konnte ich auch im dunklen Taxi deuten. Er hatte ganz offensichtlich noch einiges vor.
Das Taxi hielt und wir stiegen aus. Herrje, ich war ziemlich angeschlagen. Ich war in einem Zustand, in dem ich nicht nur merkte, dass ich mich nicht mehr unter Kontrolle hatte, sondern mir das auch noch ziemlich egal war.
Fred war aufgekratzt und kaum waren wir in der Wohnung, küsste er mich auf eine Art, die auch noch den letzten Rest Verstand aus meinem Kopf verjagte. Nach fast sieben Jahren Beziehung waren solche Momente eher selten. Es ist einfach eine Tatsache, dass sich im Laufe der Zeit etwas verändert. In diesem Augenblick jedoch war es wie ganz am Anfang. Wir konnten gar nicht schnell genug aus unseren Klamotten kommen. Wir fielen übereinander her wie frisch verliebte Teenager und ich dachte, genau so muss der heutige Abend enden. Dann dachte ich lange Zeit gar nichts mehr. Bis ich zufrieden und glücklich eben wegdämmern wollte und Fred zu sprechen begann.
»Anni, ich habe mir da was überlegt. Ich meine, wir sind hier, du hast keinen Job, aber wie wäre es, wenn wir die Zeit anders nutzen? Also, da gibt es immer noch das Angebot in der Bank, aber wir könnten stattdessen doch auch einfach ein Kind bekommen?«
Schlagartig war ich wieder wach.
»Ein Kind? Ein Kind bekommen als Beschäftigungstherapie?« Hatte ich jetzt schon Schwierigkeiten, meine Muttersprache zu verstehen?
»Nein. Aber du willst doch sowieso ein Kind, früher oder später. Wieso nicht früher? Es würde jetzt passen. Du hättest etwas zu tun und wenn wir in zwei Jahren nach Deutschland zurückgehen, könntest du wieder arbeiten. Perfektes Timing.«
Er strahlte, ich nicht. Okay, ja. Ich hätte gerne ein Kind. Aber doch nicht aus diesen Gründen. Irgendwie fühlte sich das nicht richtig an.
»Denk drüber nach. Und wenn es sein muss, können wir vorher auch noch schnell heiraten.«
Schnell heiraten? Ich wollte nicht schnell heiraten, weil ich ein Beschäftigungs-Kind bekam. Hier lief plötzlich alles falsch. Fred schien meine Sprachlosigkeit richtig zu deuten. Mit leiser, sanfter Stimme sprach er weiter.
»Anni, ich liebe dich. Ich bin halt nicht so gut in solchen Dingen.« Ein kleines Zögern, dann räusperte er sich und umfasste meine Hände. »Anni, willst du mich heiraten?«
Die Welt rückte zurück an ihren Platz.
»Ja.«
Er atmete durch, küsste mich und zog mich in seine Arme. »Gut. Einen Moment hast du mir wirklich Angst gemacht.«
Am nächsten Morgen waren wir ziemlich verkatert. Verkatert und verlobt. So schnell kann es gehen. Am Abend zuvor hatte ich mich noch reichlich ziellos gefühlt und nun gab es eine neue, interessante Perspektive. Ich hätte mir nicht träumen lassen, wie sich an einem Abend alles ändern würde. Die Party hatte mir Selbstvertrauen und ein gutes Gefühl gegeben und Freds Heiratsantrag war der krönende Höhepunkt gewesen. Natürlich gab es romantischere als diesen, aber was war falsch daran, im Bett und nach wildem Sex gefragt zu werden, ob man heiraten wolle? Ich jedenfalls war im siebten Himmel. Daran änderte auch Freds Vorschlag nichts, dass wir eventuell mit der richtigen Hochzeit bis nach unserem Auslandsaufenthalt warten sollten. Es wäre schließlich eine ziemliche Herausforderung für alle, wenn wir in London vor den Altar treten wollten. Er überlegte stattdessen, dass wir hier im kleinen Kreis bereits das standesamtliche Prozedere absolvieren könnten, um dann später in Deutschland die kirchliche Zeremonie nachzuschieben. Ich wollte darüber nachdenken. Er hatte ja recht mit allem, was er sagte, aber zwei Jahre Abstand fand ich ehrlich gesagt etwas affig. Vielleicht sollten wir einfach ganz warten. In manchen Kreisen war es ja schick, solange verlobt zu sein. Dennoch fühlte ich mich anders. Unsere Beziehung hatte eine neue Ebene erreicht, auch wenn sie dort erst mal einen Zwischenstopp einlegen würde, ehe es endlich in das nächste Level ging.
Abends rief Emily an. Sie hörte sich recht fit an.
»Wie geht es dir?«
»Geht so. Etwas fertig, ich vertrage den Alkohol nicht mehr so gut, fürchte ich. Aber ...«
Ich brannte darauf, meine Neuigkeiten loszuwerden, doch sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
»Du warst gut drauf gestern.«
Ich dachte schnell nach. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Wesentliches vom gestrigen Abend vergessen zu haben. Oder hatte ich mich irgendwo schrecklich blamiert?
»Wie gut?«, fragte ich vorsichtig.
»Gut gut, keine Angst. Du warst so entspannt und locker, wie ich dich noch nie erlebt habe. Du warst der strahlende Mittelpunkt unserer kleinen Gemeinde.«
Ich lachte. »Schon klar. Wie geht es dir?«
»Gut. Ich hatte nicht ganz so viele Drinks wie du und deutlich weniger interessante Begegnungen. Erzähl schon, wie hast du denn die Sache mit Ben eingefädelt?«
Den hatte ich über den weiteren Ereignissen des Abends ja schon fast vergessen.
»Gar nicht. Er hat mich angesprochen, er hat uns Drinks bestellt, wir haben geredet, das war's. Warum interessiert dich das denn so brennend?«
Emily schnaubte. »Weil er der heißeste Single der Party war. Ich meine, du hast ihn doch gesehen. Er sieht umwerfend aus. Er ist erfolgreich. Er ist charmant und dazu auch noch nett. Als Chef verlangt er einwandfreie Arbeit, aber er ist fair. Das halbe Büro ist hinter ihm her.«
»Du aber nicht, oder? Du bist doch mit Sam ...«
Sie schnitt mir das Wort ab.
»Klar bin ich glücklich mit Sam. Ich will nichts von Ben, nicht ernsthaft. Aber man sieht halt gerne hin und interessiert sich. Und man bekommt doch ganz gerne auch mal Bestätigung von außen, oder? Also, was habt ihr geredet?«
Es war klar, dass Emily erst dann bereit wäre, meine Verlobungsstory entsprechend zu würdigen, wenn ich ihre Neugier befriedigt hatte.
»Über Orangenmarmelade, überhaupt Essen, über Taxis und seine Oma«, fasste ich zusammen.
»Was hast du denn immer mit seiner Oma?«
»Er hat mir eine Geschichte von seiner Oma erzählt, ich kann nichts dafür. Ich habe nicht alles verstanden. Aber soweit ich es mitbekommen habe, war sie sehr witzig. Ich sage es doch, im Grunde war alles total uninteressant.«
Sie schnaubte schon wieder.
»Er hat mit dir geflirtet.«
Ich dachte nur ganz kurz nach.
»Ganz sicher nicht. Ehrlich, Emily, wir haben uns nur unterhalten. Er war nett, ich war nett, das war alles.«
Ich wollte endlich von später erzählen. Sie aber schien das Thema weiter verfolgen zu wollen.
»Emily, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich habe nicht alles verstanden. Ich wusste nicht, dass ich hinterher detailliert Bericht erstatten muss. Außerdem habe ich noch andere Neuigkeiten. Echt interessante Neuigkeiten«, lockte ich sie.
»Interessantere Neuigkeiten als die, dass du mit dem meist gejagten Mann des Abends an der Bar warst und ...«
»Fred hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten will«, platze ich heraus.
Jetzt war es still am anderen Ende.
»Er hat dir einen Antrag gemacht?«
»Ja. Genauer gesagt hat er gefragt, ob wir ein Baby bekommen wollen und ob ich ihn heiraten will.«
»In dieser Reihenfolge?«
»Ist das denn wichtig?«
Wieder Schweigen.
»Nein. Toll, herzlichen Glückwunsch.«
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass meine Nachricht nicht so gut angekommen war, wie ich erhofft hatte.
»Emily, was ist los?«
»Nichts. Ich bin nur überrascht. Ich wusste nicht, dass ihr über Familienplanung und Hochzeit nachdenkt.«
»Hatten wir auch nicht. Na ja, nur dass wir irgendwann einmal eine Familie gründen wollen und so, aber nichts Konkretes. Und gestern hat er mich gefragt. Warum auch nicht, wir sind seit fast sieben Jahren zusammen und ich liebe ihn.«
»Na, dann noch einmal herzlichen Glückwunsch, Anni.«
Ehrlich gesagt hatte ich mir die Verkündung meiner großen Neuigkeiten etwas spektakulärer vorgestellt. Emily schien nicht so begeistert zu sein, wie ich erwartet hatte. Ob es daran lag, dass sie selbst gerne heiraten würde? Eigentlich wirkte sie nicht wie der neidische Typ. Vielleicht war Emily einfach kein Hochzeitsfan? Diesen Typ Frau gab es ja auch.
Ich beschloss, Jule anzurufen. Jule ist seit Kindertagen meine beste Freundin und auch wenn wir räumlich auseinandergerückt waren, so waren wir immer noch Vertraute. Wir hatten so viel zusammen erlebt, erste Lieben und Liebeskummer, den ersten Urlaub ohne Eltern, die erste heimliche Zigarette. Die Basis unserer Freundschaft war solider als Stein. Obwohl wir in letzter Zeit nicht mehr allzu oft telefonierten und uns noch weniger sahen, war die alte Verbundenheit sofort da, wenn wir mal wieder miteinander redeten.
Jule reagierte auch wie erhofft. Sie freute sich mit mir. Im Gegensatz zu mir fand sie es nicht schlimm, erst mal nur verlobt zu sein und ein Kind zu bekommen. Auch Jule war keine Frau, die unbedingt heiraten wollte, aber sie kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich seit Jahren davon geträumt hatte und es für mich deshalb wichtig war. Wir telefonierten lange und als wir schließlich Schluss machten, war Fred vor dem Fernseher eingeschlafen.
Am nächsten Tag war sein Weihnachtsurlaub zu Ende und das neue Jahr schien nahtlos an das alte anzuknüpfen. Fred arbeitete mit Begeisterung, ich machte mich wieder an die Stellenanzeigen. Ich fühlte, dass die Zeit nun reif war für meinen beruflichen Neuanfang. Ich schrieb also Bewerbungen und wartete, was kommen würde. Bis auf einen Job hatte mir London bisher schließlich nur Gutes beschert. Mit Fred lief es super und ich hatte Emily an meiner Seite. Sie hatte die Fähigkeit, jeden aufzuheitern. Ich hörte mir ihre Geschichten an und sie schaffte es immer, mich zum Lachen zu bringen. Sie war zudem, genau wie Jule, der festen Ansicht, dass ich bald etwas finden würde.
Fred hatte nach wie vor abends oft etwas vor, sodass ich immer noch mindestens ein Mal pro Woche alleine war. Er erzählte mir, dass er an diesen Abenden mit Bruno unterwegs war. Anscheinend hatte Cathy ihm die Pistole auf die Brust gesetzt, weil sie nach vier Jahren Beziehung nun endlich heiraten und Kinder bekommen wolle. Der gute Bruno sei ganz und gar nicht begeistert. Auch wenn er Cathy liebte, so liebte er seine Freiheit noch mehr.
Ich wusste, dass Fred Bruno sehr mochte. Er war von Anfang an sein Vertrauter gewesen. Er gab zu, dass Bruno ihm in den ersten Wochen tatkräftig geholfen und ihn zudem das eine oder andere Mal vor einem Fettnäpfchen bewahrt hatte. Seinen reibungslosen Start verdankte er mit ihm und deshalb wäre es nun an ihm, Bruno zu helfen. Denn eigentlich, so hatte er mit ganz ungewohnter Sensibilität festgestellt, wollte Bruno Cathy heiraten, aber er wollte nicht das Gefühl haben, dass sie die treibende Kraft war.
»Er wollte jagen, nicht gefangen werden«, sagte er philosophisch und erklärte, dass Bruno jetzt einen Freund brauchte, um sich auszusprechen. Dann werde er erkennen, dass es letztlich doch egal war, wer davon angefangen hatte. Ich war erstaunt. Fred hatte nie den Eindruck gemacht, der geborene Beziehungsratgeber zu sein. Aber ich sagte natürlich nur, wie toll ich es fand, dass er seinem Freund helfen wollte. Denn wenn eines klar war, dann, dass die beiden füreinander geschaffen waren. Ich war zwar etwas überrascht, dass Cathy Bruno tatsächlich so unter Druck gesetzt hatte, aber natürlich wusste man nie, was andere Menschen am Ende des Tages dachten.
Fred hatte mir das Versprechen abgenommen, nicht mit Emily über diese Sache zu reden. Bruno wolle nicht, dass es die Runde machte, welche Schwierigkeiten er mit dem Gedanken an eine Hochzeit hatte. Ich konnte das nachvollziehen. Ich hätte auch nicht gewollt, dass mein ganzer Freundeskreis mitbekommen würde, dass ich Fred heiraten wollte und dass ihn das derart aus der Bahn warf. Außerdem dachte ich, dass sich das alles sowieso in ein paar Wochen geregelt hätte, und so lange konnte ich schweigen. Und ein paar Wochen einen Abend pro Woche allein zu sein, schien mir ein bezahlbarer Preis für das Glück unserer Freunde.
Und dann bekam mein langweiliges Leben plötzlich eine ganz neue Wendung. In der zweiten Januarwoche rief Emily an und fragte, ob wir uns in ihrer Mittagspause treffen könnten. Ich hatte natürlich nichts Besseres vor, also sagte ich zu.
Wir trafen uns in einem Café in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Wir waren bereits ein paar Mal dort gewesen und ich liebte es. Es war genau so, wie ein kleines englisches Café meiner Meinung nach sein sollte. Emily war schon da, als ich kam. Das war ungewöhnlich, normalerweise kam sie immer ein paar Minuten zu spät hereingestürmt. Wir begrüßten uns und ich bestellte mir einen Milchkaffee. Emily sah mich mit einem unergründlichen Ausdruck im Gesicht an.
»Em, ist irgendetwas passiert?«, fragte ich vorsichtig. Wir hatten erst gestern telefoniert und alles war wie immer gewesen.
Ihr Gesicht hellte sich auf.
»Anni, ich habe einen Job für dich,«, verkündete sie theatralisch. Dieser Satz bereitete ihr sichtliches Vergnügen.
»Wie bitte?« Ich glaubte, mich verhört zu haben.
»Ich habe einen Job für dich. Nun ja, nicht wirklich ich. Ich bin nur der Bote, wie man so schön sagt.«
»Du verarschst mich.«
»Keineswegs. Ich bin der Bote des wunderbaren, gut aussehenden, charmanten und fantastischen Ben Miller. Er hat einen Job für dich, wenn du ihn willst.«
Jetzt war ich tatsächlich sprachlos. Ben wollte mir einen Job anbieten? Das war unmöglich. Ich hatte ihm nicht erzählt, dass ich auf Jobsuche war. Ich hatte auf seine Frage, was ich in England trieb, nur vage geantwortet, dass mein Freund hier ein Jobangebot bekommen hatte und ich auch demnächst nach einem Job suchen wollte, aber mir erstmal eine kleine Auszeit gönnen würde. Ich fand damals, dass das glaubwürdig und lässig klang.
»Wie kommt er darauf, mir einen Job anzubieten? Und welche Art Job überhaupt?«
Emily trank einen Schluck.
»Also, pass auf. Eigentlich hat Ben mit einer reinen Werbeagentur angefangen, aber mittlerweile ist es deutlich mehr. Werbung, Websites erstellen und pflegen ... Ben bietet seinen Kunden ein Komplettpaket. Die Agentur läuft, wir haben uns inzwischen einen großen Kundenstamm aufgebaut. Wir alle haben mehr als genug Arbeit und eine zusätzliche Kraft wäre wirklich nicht schlecht. Du weißt, dass ich als Assistentin den verschiedenen Mitarbeitern zuarbeite, Daten sammle, Infomappen zusammenstelle, Webseiten pflege, lauter solche Sachen. Das macht Spaß, es ist abwechslungsreich und interessant. Aber es wird immer mehr und ich könnte tatsächlich Hilfe brauchen. Wir haben immer mehr Firmenauftritte zu betreuen. Und viele dieser Seiten sind auf Deutsch. Und je mehr es werden, desto unrentabler ist es für ihn, diese Seiten von einem externen Dolmetscher übersetzen zu lassen. Er hätte gern jemanden im Haus, der die Sprache perfekt beherrscht und gleichzeitig in der Lage ist, nicht nur zu übersetzen, sondern im Bedarfsfall Formulierungen zu finden, die sinngemäß passen, ohne einfach nur wörtlich in eine andere Sprache übertragen zu werden. Er ist der Meinung, dass man nur dann erfolgreich ist, wenn man die richtigen Worte findet und das Land und die Menschen kennt. Er will also jemanden, der sich darum kümmert, und er hat mich gefragt, ob du schon arbeitest oder dir vorstellen könntest, so etwas zu tun.«
Sie nahm wieder einen Schluck Kaffee. Ich spürte, wie sich in mir Aufregung breitmachte. Ob ich mir das vorstellen konnte? Das hörte sich besser an als alles, was ich bisher gesehen hatte. Nur wusste ich nicht, wieso ausgerechnet ich dafür in Betracht kommen sollte.
»Aber wie kommt er denn auf mich?«
Emily lachte.
»Ich habe doch schon die ganze Zeit gesagt, dass du ihn nachhaltig beeindruckt hast. Er war schwer angetan von dir. Und ich habe natürlich mal so nebenbei erwähnt, dass du dich mit dem Business auskennst. Er denkt, dass du die Richtige wärst, und unter uns, was die Auswahl seiner Mitarbeiter angeht, hatte er bisher fast immer ein gutes Händchen. Er scheint es voll drauf zu haben, Menschen dahingehend zu beurteilen, was sie können und was nicht.«
Ich dachte nach. Das wäre wirklich ein wahnsinniges Glück. Besonders, weil ich dann mit Emily zusammenarbeiten könnte. Eine Freundin an meiner Seite zu haben, die mir in den ersten Wochen beistehen würde, wäre ein unvorstellbarer Vorteil. Und die Arbeit in einer Werbeagentur - das wäre genau das, was ich mir gewünscht hätte, hätte ich mich getraut. Ich ließ mir den Satz auf der Zunge zergehen. Ich arbeite in London in einer Werbeagentur. Das klang doch richtig gut. Dann atmete ich tief ein. Nicht zu schnell. Noch hatte ich den Job nicht. Irgendetwas konnte noch ganz schnell schiefgehen.
Emily sah auf die Uhr.
»Ich muss los. Also sag ich Ben, dass du prinzipiell nicht abgeneigt bist?«
Ich lachte nervös.
»Nicht abgeneigt? Ich würde so ziemlich alles tun für solch einen Job.«
»Das solltest du lieber nicht so laut sagen, sonst musst du am Ende tatsächlich so ziemlich alles tun. Nein, im Ernst, bleib bei deiner lässigen Art, das kann nicht schaden. Sei interessiert, ohne verzweifelt zu sein. Hör dir sein Angebot an und verhandle ein bisschen. Aber nicht zu sehr, denn ich fände es toll, dich im Team zu haben.«
Sie stand auf, küsste mich auf die Wangen, ging und ließ mich in heller Aufregung zurück. Obwohl ich bereits zitterte, bestellte ich mir noch einen Kaffee. Ich konnte mich einfach nicht mit Tee anfreunden, schon gar nicht mit einem beruhigenden Kräutertee, auch wenn dies genau der richtige Moment für einen solchen gewesen wäre.
Ich trank also noch einen Schluck Kaffee und atmete tief ein, langsam und mit geschlossenen Augen. Ich sollte mich nicht zu sehr auf dieses überraschende Angebot versteifen. Und dennoch begann ich in Gedanken bereits, meine Garderobe durchzugehen. Eine Werbeagentur in London. Natürlich wären alle Mitarbeiter hip und gut aussehend und so modisch gekleidet wie Emily. Ich fragte mich, wie ich da ins Bild passen würde. Meine Begeisterung flaute etwas ab. Wie wäre es wohl, jeden Tag umgeben von lauter schönen, erfolgreichen Menschen zu arbeiten? Entspann dich, ermahnte ich mich selbst, eines nach dem anderen. Erst mal abwarten.
Nach einer Stunde verließ ich das Café und spazierte langsam in Richtung U-Bahn. Mir ging so vieles im Kopf herum, dass ich beinahe das Klingeln meines Handys überhört hätte. Mein Mobiltelefon klingelte ohnehin eher selten. Außer Fred und Emily rief mich kaum jemand an. Ich war noch nie ein eifriger Handy-Nutzer gewesen, und ich musste nicht immer erreichbar sein. Ich telefonierte lieber in Ruhe zu Hause als auf der Straße auf dem Weg von A nach B. Nun jedoch klingelte es und ich sah auf das Display. Unbekannte Nummer. Vielleicht Fred von einem Firmenanschluss?
»Hallo?«
»Hallo, hier spricht Ben Miller. Anni?«
Vor Schreck setzte mein Herz einen Schlag aus. Das ging ja schnell.
»Ja. Hallo.«
»Anni, schön, dass ich dich gleich erreiche. Emily hat gerade erzählt, dass sie mit dir gesprochen hat. Du hast also noch keine andere Verpflichtung und könntest dir vorstellen, für mich zu arbeiten?«
Wie er das so sagte, klang das ganz gut, fand ich. Es klang tatsächlich so, als hätte ich die Wahl, und es wäre an ihm, mich für sich zu begeistern. Es klang so, als ob er es nicht in Frage stellte, dass ich mir aussuchen konnte, was ich tun wollte und was nicht. Unwillkürlich richtete ich mich etwas auf.
»Ja, es hört sich interessant an. Natürlich weiß ich noch nicht allzu viel ...«
»Schön, das ist schön. Und ich würde dir gerne ausführlicher darlegen, worum es genau geht. Hättest du morgen vielleicht Zeit? Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, aber es wäre uns wirklich eine große Hilfe, wenn wir schnell eine zusätzliche Kraft finden würden. Darum dachte ich, wenn du morgen so gegen elf Uhr Zeit hättest, hier vorbeizukommen ...?«
