Alles nur Vertrauenssache?! - Franziska Erhard - E-Book

Alles nur Vertrauenssache?! E-Book

Franziska Erhard

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Beschreibung

Was, wenn deine Welt plötzlich eine ganz andere ist und du nicht mehr weißt, wem du noch vertrauen kannst? Wenn dir Menschen, die du liebst, plötzlich fremd vorkommen? Was, wenn du dich über Nacht vor der schwierigsten Entscheidung deines Lebens wiederfindest: deine Träume, deine Karriere, ja sogar deine Freunde verraten oder dich selbst ausliefern, mit allen Konsequenzen? Als geborene Optimistin geht Jess das Leben gerne locker an. Die aufstrebende Modedesignerin ist ungebunden, unkonventionell und kleinen Abenteuern nicht abgeneigt. Nachdem sie sich einen Namen als Designerin erarbeitet hat, möchte sie sich nun mit einem eigenen Store den nächsten Traum erfüllen. Doch dann passiert etwas, womit sie nie gerechnet hätte, denn Jess gerät in den Fokus der Medien. Eine regelrechte Rufmordkampagne beginnt, die bald ihre gesamte Existenz bedroht. Und nicht nur ihre Existenz ist in Gefahr, sondern auch das Glück ihrer Freunde. Denn wer auch immer der Presse all die Details zuspielt, verfügt über Insiderwissen und könnte damit mehrere Leben zerstören. Über Nacht findet sich Jess in einer vollkommen anderen Welt wieder, die ihr alle Leichtigkeit nimmt und sie vor völlig neue Fragen stellt. Wie weit sollte dein Vertrauen gehen? Wo beginnt und endet Liebe? Und wie weit kann man gehen, wenn man etwas schützen will, das wirklich wichtig ist? Der dritte Teil der Alles nur-Reihe um die Freemans und Millers erzählt Jess' Geschichte. Jedes Buch ist in sich abgeschlossen und kann alleine gelesen werden. Die nachfolgenden Bücher bauen auf der Handlung der Vorgänger auf, erzählen sie weiter, aber jeweils mit einer neuen Protagonistin. Ein Quereinstieg ist problemlos möglich.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Alles nur Vetrauenssache

Franziska Erhard

Inhalt

Alles nur Vertrauenssache?!

Zum Buch

Die Autorin

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

Lust auf mehr?

Zum Buch

Was, wenn deine Welt plötzlich eine ganz andere ist? Wenn du nicht mehr weißt, wem du noch vertrauen kannst? Wenn die Menschen, die du liebst, plötzlich nicht mehr das zu sein scheinen, was sie immer waren? Was, wenn du dich plötzlich vor der schwierigsten Entscheidung deines Lebens wiederfindest: deinen Traum, deine Karriere, ja sogar deine Freunde verraten oder dich selbst ausliefern, mit allen Konsequenzen?

Jess Miller ist die geborene Optimistin und geht das Leben gerne locker an. Sie ist ungebunden, unkonventionell und kleinen Abenteuern nicht abgeneigt. In den vergangenen Jahren hat sie sich einen Namen als Designerin gemacht und mit einem eigenen Store soll sich nun der nächste Traum erfüllen.

Doch dann passiert etwas, womit sie nie gerechnet hätte, denn Jess gerät in den Fokus der Medien. Eine regelrechte Rufmordkampagne beginnt, die bald ihre gesamte Existenz bedroht. Und die Insiderinformationen deuten darauf hin, dass jemand aus ihrem nächsten Umfeld dahintersteckt. Über Nacht findet sie sich in einer vollkommen anderen Welt, die ihr alle Leichtigkeit nimmt und sie vor völlig neue Fragen stellt: Wie weit sollte dein Vertrauen gehen? Wo beginnt und endet Liebe? Und wie weit kann man gehen, wenn man etwas schützen will, das wirklich wichtig ist?

Die Autorin

Franziska Erhard schreibt seit 2015 Liebesromane und romantische Komödien. Ihre Geschichten bezauberten seither unzählige Leserinnen und stürmten immer wieder die Bestsellerlisten. Fesselnd, klug, mit Humor und Augenzwinkern, aber auch stets mit einem tieferen Hintergrund, entführt die BILD-Bestsellerautorin in Welten, die lange nachklingen. Nicht umsonst lautet ihr Motto: »Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Nur romantischer. Und schöner.«

Die nachfolgende Geschichte und ihre Protagonisten sind allesamt Produkte meiner Phantasie. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen und Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Inhaber.

Alle Rechte vorbehalten. Übersetzungen und Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

1. Kapitel

»Ehrlich, Jess, deine Lebensweise und deine Unvorsichtigkeit werden dich noch in echte Schwierigkeiten bringen. Wann willst du denn endlich mal ein wenig ruhiger werden?«

Mein Bruder Ben hob die Augenbrauen und sah mich an, als wäre er mein Vater. Eine Rolle, die er zugegebenermaßen eine Zeitlang auch beinahe innegehabt hatte.

Ich lachte übermütig.

»Ben! Du bist fünf Jahre älter als ich, aber manchmal könnte man meinen, es sind fünfzig. Himmel, ich genieße mein Leben. Etwas, was du recht spät gelernt hast. Und, schadet es mir? Oder sonst wem?« Ich zwinkerte Mia zu. »Ich hatte gehofft, dass er mit dir endlich ein wenig entspannter wird.«

»Ich bin entspannt. Ich will nur nicht, dass dir etwas passiert«, gab Ben ruhig zurück.

Damit hatte er mich. Ben und ich, wir waren gemeinsam durch schwere Zeiten gegangen. Er war mein bester Freund und meine ganze Familie, seitdem unsere Eltern bei einem Verkehrsunfall gestorben waren, als ich siebzehn und er einundzwanzig war. Unsere Großmutter hatte sich danach um uns gekümmert, war mir Halt und Trost. Doch uns beide hatte diese schreckliche Sache eng zusammengeschweißt. Ben tat damals alles, um mir Sicherheit und Zuversicht zu geben, und er unterstützte mich immer in meinem Traum, Designerin zu werden. Ohne seine Hilfe, auch finanziell, hätte ich es nicht geschafft, und dafür war ich ihm auf ewig dankbar. Aber Ben war einfach so korrekt, so zurückhaltend, so nachdenklich. Erst seitdem er Mia kannte, und besonders seit die beiden verheiratet waren und eine zauberhafte Tochter hatten, war er ein wenig lockerer. Allerdings nicht locker genug, um mich zu verstehen.

»Ich kann selbst auf mich aufpassen. Du darfst endlich aufhören, dir Sorgen zu machen. Ich kann alleine auf meinen Beinen stehen, und unter uns, ich stehe ganz gerne darauf. Alleine. Die meiste Zeit.«

Ben stöhnte. »Ich will es gar nicht so genau wissen. Ich würde mich einfach freuen, wenn du endlich zur Ruhe kommst. Es muss da draußen doch einen Mann für dich geben.«

»Den gibt es. Mehrere sogar.« Ich konnte es einfach nicht lassen. Ben aufzuziehen war so leicht. »Ach komm, ich mache Spaß. Und ich habe Spaß. Du bist manchmal wirklich schlimmer als Gran.«

Sein Gesicht verfinsterte sich und sofort bereute ich meine Worte. Unsere Großmutter, Gran, wie wir sie nannten, war vor sechs Jahren gestorben und wir vermissten sie beide.

»Und außerdem habe ich Pläne. Großartige, wunderbare Pläne für mein Geschäft. Ich werde also demnächst kaum noch Zeit für private Vergnügungen haben.«

Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Ich bin nicht so unbedarft, wie Ben mich gerne hinstellt. Auch nicht so leichtsinnig oder gutgläubig oder lebenshungrig, wie er immer behauptet. Wir beide waren nur von jeher unterschiedlich. Ben ist ruhig und handelt überlegt. Er ist einer von denen, die sich um andere sorgen und die immer versuchen, es richtig zu machen. Er ist unglaublich charmant und gutaussehend, aber trotzdem war er nie ein Typ, der wahllos Frauen abgeschleppt hat. Sein Problem ist meiner Meinung nach, dass er zu wenig vertraut.

Ich bin in meinem Wesen das komplette Gegenteil. Optisch allerdings sind Ben und ich uns sehr ähnlich. Wir sind beide recht groß und schlank. Meine Haare sind ein wenig heller als seine, weil ich mir goldene Highlights in die braunen Locken machen lasse. Und natürlich sind meine länger, obwohl auch Ben sie nie ganz kurz trägt. Die blauen Augen jedoch sind gleich, und beide haben wir Grübchen, wenn wir lachen. Wir hatten definitiv Glück, was unser Aussehen betraf. Auch wenn es Frauen gab, die noch besser aussahen oder noch dünner waren, längere Beine hatten oder eine noch zierlichere Nase, war ich mit meinem Körper stets zufrieden gewesen. Vielleicht lag es daran, dass Ben einfach unglaublich gut aussah und alle ständig sagten, ich würde ihm so sehr ähneln. Auf alle Fälle war ich sogar als Teenager mit mir im Reinen gewesen.

Dazu kommt, dass ich immer Menschen um mich hatte, auf die ich voll zählen konnte. Ich hatte das Glück, behütet und geliebt zu werden. Und ich vertraue den Menschen. Ich gehe davon aus, dass sie mich mögen und mir nichts Schlimmes wollen. Warum auch? Ich bin nett und harmlos und niemand hat einen Grund, mir Schaden zu wünschen. Und ich genieße es, mich mit Männern zu treffen. Mein Job ist ziemlich zeitintensiv und ich stecke gerne meine Energie hinein. Aber ab und zu braucht man einfach etwas anderes, und das bekomme ich auch. Ben findet das schrecklich und seitdem er Mia hat, wird er zu einer Art männlicher Kupplerin. Ihm behagt mein Lebensstil nicht, das ist mir klar. Natürlich sagte er nicht, was genau ihm nicht passt. Allerdings musste er das auch gar nicht. Die Art, wie er bei bestimmten Themen die Augen zusammenkniff, war Aussage genug. Und ein Grund mehr für mich, schnell das Thema zu wechseln, denn unter uns, wer hat schon Lust darauf, seine kleinen Abenteuer mit dem großen Bruder zu besprechen?

»Erzähl!« Mias Augen leuchteten. »Was hast du vor?«

»Großartige Dinge«, verkündete ich glücklich.

Vor fünf Jahren, direkt nach dem Studium, hatte ich es gewagt, mich als Designerin selbstständig zu machen. Ich war da reingerutscht, auch wieder dank Bens Hilfe, wenn ich es mir recht überlege, und es machte mir unglaublichen Spaß. Angefangen hatte ich mit exklusiven Maßanfertigungen. Erst im Alleingang, dann hatte ich nach und nach Näherinnen eingestellt, die mich unterstützten, und irgendwie war daraus ein echtes Unternehmen geworden. Das mit den Maßanfertigungen war noch immer mein Ding. Und doch träumte ich von mehr.

»Ich will endlich ein Geschäft eröffnen. Einen Laden mit bezahlbarer Mode. Alltagstauglich, cool, modern. Mein Traum ist es, dass sich viel mehr Frauen meine Sachen leisten können und dass man nicht immer diesen langen Weg gehen muss, den eine Maßanfertigung mit sich bringt. Ich will viel mehr Stücke haben, als meine Kollektionen bisher abdecken. Ich möchte auch mal ganz andere Sachen entwerfen. Du weißt, dass ich in diese Richtung schon ein wenig experimentiert habe, und jetzt werde ich es endlich richtig wagen und mir ein zweites Standbein schaffen. Ich habe schon eine Räumlichkeit im Blick, die einfach perfekt ist. Ich hatte erste Vorgespräche mit dem Besitzer und ich suche bereits nach einer Firma, die den Umbau macht. Ich werde weiterhin meine Maßanfertigungen anbieten, aber es wird eine ganz andere Erfahrung sein, regelmäßig Kollektionen zu entwerfen und sie direkt zu verkaufen. Ich habe sogar schon eine Näherei, die meinen Vorstellungen entspricht und die ich mir leisten kann. Im Atelier können wir das nicht schaffen, und unter uns, es wäre auch zu teuer, hier zu produzieren. Ich habe mich lange dagegen gesträubt, irgendwo nähen zu lassen, aber nun habe ich die perfekte Lösung. Die Vorbereitungen laufen schon eine ganze Weile. Bald werde ich der Modewelt endgültig zeigen, wer Jess Miller ist!«

Der Abend mit Mia und Ben hatte mich in beste Laune versetzt. Ich schlug mich schon länger mit den Gedanken herum, es jetzt endlich richtig zu wagen, und heute hatte ich zum ersten Mal darüber geredet. Es war mir bewusst, dass sich einiges ändern würde, und Ben erkannte das ebenfalls. Mit ihm darüber zu sprechen tat gut, denn niemand kannte mich besser als er. Und er war ehrlich. Er sagte immer, was er dachte, und nicht einfach das, was man hören wollte.

»Das ist ein großer Schritt. Ich weiß, dass du das kannst, und ich mache mir keine Sorgen, ob es laufen wird. Du wirst allerdings umdenken müssen. Bisher hast du alles selbst in der Hand. Aber wenn du diese Pläne umsetzen willst, wirst du Hilfe brauchen.«

Das war etwas, worüber ich selbst bereits nachgedacht hatte. In letzter Zeit nahmen die drögen organisatorischen Dinge immer mehr zu und ließen mir immer weniger Zeit für das, was ich eigentlich tun wollte. Ich konnte es gerade noch auffangen, indem ich einfach mehr arbeitete, aber auf Dauer war das keine Lösung und ich wollte bestimmt nicht wie Ben früher die halben Nächte und nahezu jedes Wochenende im Büro sitzen.

»Das weiß ich. Und deshalb habe ich eine Stelle für eine persönliche Assistenz ausgeschrieben.«

Ben nickte beeindruckt. »Du wirst tatsächlich erwachsen, was?«

Ich grinste breit. »Schraub die Erwartungen lieber nicht zu hoch.«

2. Kapitel

»Hm.«

Ich nickte unverbindlich. Übrigens schon seit ein paar Minuten. Allerdings lief mein Gehirn dabei auf Hochtouren.

»Und hier.« Megan Birds fasste sich an ihre kleine Brust. »Hier muss natürlich ein großartiger Ausschnitt hin. Lang und spitz, dachte ich.« Sie kicherte albern, etwas, was so gar nicht zu ihr passte.

Ich rieb mir nachdenklich über das Kinn und fasste gedanklich schnell zusammen, was das Problem war.

Megan Birds war eine sehr einflussreiche Frau und zum ersten Mal bei mir. Ihr Mann war ein Schwergewicht in der Finanzwelt und sie genoss es, in seinem Ruhm zu baden. Ich hatte schon einiges über sie gehört, mich jedoch bemüht, es auszublenden. Sie galt als schwierig, starrköpfig und unbelehrbar, und langsam fürchtete ich, dass ihr diese Beschreibung nur allzu gerecht wurde. Sie war zudem eine durchaus attraktive Frau. Ein wenig zu glatt gezurrt im Gesicht für meinen Geschmack und ein wenig zu blond, aber solange es ihr gefiel, war das wohl in Ordnung. Sie hatte kaum Oberweite, dafür ein recht breites Becken. Und ziemlich kurze Beine. Ich will es mal so ausdrücken: das Verhältnis von Ober- zu Unterkörper war wirklich ungünstig. Das lässt sich vielleicht nicht mit einer kleinen Schönheitsoperation korrigieren, aber mit den richtigen Kleidern kann man da durchaus etwas machen.

Das sollte nun mein Stichwort sein, und tatsächlich hatte ich auch den einen oder anderen Vorschlag parat. Das Problem war nur, dass sie mich nicht zu Wort kommen ließ. Sie hatte ein Kleid im Kopf, das ich ihr schneidern sollte. Leider war es nicht das Kleid, das ich für sie anfertigen wollte, sondern eines, das sie in ähnlicher Form an einer langbeinigen Hollywood-Schönheit gesehen hatte und dem sie gedanklich ein paar Änderungen verpasst hatte.

»Und ich bin mir außerdem schon sicher, in welcher Farbe es sein wird.« Sie kramte in ihrer orangefarbenen Designertasche und ich hielt vorsichtshalber den Atem an. »Orange is the new black, was?« Triumphierend zog sie einen Stoffschnipsel aus der Tasche und legte ihn auf meinen Schreibtisch. Ich nickte immer noch, aber mit deutlich weniger Enthusiasmus. Ein Blick genügte, um zu sehen, was dieser Farbton mit ihrem Teint anstellen würde.

»Bei allen großen Designern ist gerade sehr viel orange zu sehen.« Sie strich über ihre Handtasche und lächelte geziert. »Dieses Schätzchen habe ich erst gestern bekommen. Ganz neue Kollektion. Noch nicht mal in den Stores. Nun ja, ich bin da natürlich eine gute Stammkundin, das hat manchmal Vorteile.«

»Mrs. Birds, zu welchem Anlass genau wollen Sie das Kleid denn tragen?« Ich brauchte noch ein wenig Zeit, um die richtigen Worte zu finden. Falls es die denn gab.

»Man wird meinem Mann einen Preis verleihen.« Sie platzte fast vor Stolz. »Die Verleihung wird große Beachtung in der Fachwelt erhalten und natürlich werden auch die Medien da sein. Und, nun ja«, wieder dieses alberne Kichern, »die Medien lieben uns und wer weiß, ob diesmal nicht sogar ein Titelbild drin ist.«

Das gab den Ausschlag. Ich meine, Megan Birds war mir nicht unbekannt und ich hatte sie tatsächlich schon in diversen Klatschblättchen gesehen. Und ehe jemand etwas sagt: ja, ich kaufe und lese diese Dinger. Ich bin gerne im Bild, was sich in den entsprechenden Kreisen tut, besonders, seit entsprechende Kreise sich immer häufiger für meine Entwürfe interessieren. Megan war eine von denen, die immerzu strahlten und sich in Pose warfen und die immer, immer erklärten, wer für ihr Kleid verantwortlich war. Und ich würde den Teufel tun, mir meine Reputation damit zu ruinieren, ihr das Kleid zu machen, das ihr vorschwebte. Manchmal war es eben notwendig, die Kundin sanft in eine andere Richtung zu dirigieren.

»Wenn ich Sie mir ansehe, Mrs. Birds ...«

»Megan!«

»Gut. Danke. Also, Megan, als Sie vorher zur Tür hereinkamen, da hatte ich eine Vision. Ich habe ein Kleid gesehen. Ihr Kleid. Etwas Einzigartiges.« Ich hoffte doch sehr, dass ich sie richtig eingeschätzt hatte und dass ihre Eitelkeit ein Punkt war, an dem ich sie packen konnte. Sie hatte mir von diesem Kleid erzählt, zusammengepuzzelt aus verschiedenen Roben, die sie gesehen hatte, und vermeintlichen Trends, die sie in diversen Schaufenstern entdeckt hatte. Wie zum Beispiel diese voluminösen Trompetenärmel, die sie einfach an ihr Traumkleid klatschen wollte und die sie, nur unter uns, ganz unvorteilhaft kleiden würden. Ihre Arme waren schlank und durchtrainiert, und die würden wir zeigen. Dafür würden wir ihr mageres Dekolleté ein wenig verbergen.

»Nun, ich habe ebenfalls eine Vision.« Ihre Stimme bekam einen schärferen Unterton. »Nämlich, es auf die Titelseite zu schaffen.«

»Und das werden wir.« Ich strahlte sie an. Aber nicht in dem Kleid, das du dir vorstellst. Und wenn, dann nicht mit meinem Namen darauf. »Ich weiß, Sie sind eine Frau, die alle Trends kennt. Immer am Puls der Zeit.«

Sie nickte geschmeichelt.

»Ich aber denke, Sie können mehr. Ich denke, es ist an der Zeit, selbst Trends zu setzen. Und genau das habe ich vor.«

Ich zog entschlossen den Skizzenblock zu mir und begann. Zeichnen fiel mir leicht, und ich wusste, dass eine meiner großen Stärken diese schnell dahingeworfenen Entwürfe waren. Ich kann mit ein paar Strichen meine Kundin skizzieren, und zwar so, dass sie sich erkennt. Und ich weiß, welcher Schnitt wem steht. Und das Orange, nun, das würde ich ihr auch noch irgendwie austreiben.

»Sie haben tolle Oberarme, Megan. Dafür würden eine Menge Frauen morden. Sie haben sicher einiges dafür getan, oder? Wir werden dafür sorgen, dass diese Arbeit nicht umsonst war. Und Ihre Idee mit den Rüschen, die ist gut. Wir werden sie aufgreifen, und zwar hier.« Ich zeichnete rasch die Brustpartie des Kleides. »Und das Ganze lassen wir sanft fließend genau hier enden.«

Ein paar weitere Striche, und ich wusste, dass es perfekt war. Dieses Kleid war ihres. Es würde sie größer machen, die Proportionen angleichen, ihre Vorzüge herausstreichen und verbergen, was nicht unbedingt betont werden musste. Ich hob kurz den Blick, um ihre Reaktion einzuschätzen, und machte dann schnell weiter. Megan zog ihre erstklassig geformte Nase kraus und schien nicht wirklich begeistert zu sein.

»Und was mich ganz besonders beeindruckt, ist die Farbe Ihrer Augen. Dieses Grün ist absolut selten und ich denke, wir müssen das unbedingt unterstreichen. Mir schwebt eine Farbe vor, die, unter uns, in der nächsten Saison eine große Rolle spielen wird.« Ich zog einen entsprechenden Stift aus dem Behälter, der auf meinem Schreibtisch stand. »Ein wenig heller als das hier. Ein Hauch mehr Grau darin.« Ich schattierte flink ein paar Stellen, dann hob ich zufrieden den Blick. Oh ja. Dieses Kleid wäre es wert, auf die Titelseite zu kommen.

»Hmm.«

Megan warf nur einen kurzen Blick darauf, dann schnappte sie sich ohne Umschweife den Stift, den ich gerade weggelegt hatte.

»Hier!«

Mein Herz setzte fast aus, als sie mit einer resoluten Handbewegung einen dicken Strich mitten durch das Kleid zog.

»Hier ist es zu lang. Die Ärmel. Nun, da hatte ich mich ja klar ausgedrückt.«

Sie malte palmenähnliche Gebilde an die Arme. So die Art Palmen, wie sie kleine Kinder zeichnen, ein Dreieck über dem anderen.

»Und der Ausschnitt.« Sie sah jetzt ziemlich grimmig aus. »Wir hatten uns doch auf spitz und lang geeinigt.« Ein dickes V wurde auf die Vorderseite des Kleides gekritzelt. »Und, und natürlich die Farbe.« Sie stand auf, beugte sich über meine Stiftesammlung und zog einen schreiend orangefarbenen heraus. »Orange.«

Jetzt klang ihre Stimme ganz sanft, während sie in dicken, grobmotorischen Strichen die Farbe auftrug. Ich saß sprachlos daneben. Sie hatte in weniger als einer Minute meinen großartigen Entwurf ruiniert.

Sachte legte sie den Stift neben das Blatt.

»Was denken Sie, Jess? Wie lange wird es dauern, bis Sie das Kleid fertig haben?«

3. Kapitel

Ich muss gestehen, dass ich einen Moment sprachlos war. Ich zog das Blatt zu mir und starrte es an. Das Kleid? Dieses Kleid? Diese Schmiererei eines bockigen Kindes ein Kleid zu nennen tat mir weh, und ich dachte gar nicht daran, etwas auch nur ansatzweise Ähnliches für sie zu nähen.

»Megan.« Ich holte tief Luft. »Machen Sie das nie wieder.« Ich deutete auf die Zeichnung. »Es ist mir wirklich wichtig, dass meine Kundinnen sich in ihren Kleidern wohlfühlen. Dass sie zu ihnen passen und dass sie individuell sind. Aber.« Ich musste kurz die Augen schließen. »Aber genauso wichtig ist mir, dass ich als Designerin meine Erfahrung und mein Talent einbringen kann. Vertrauen Sie mir. Ich weiß, was ich tue. Sie hatten Erwartungen, und ich würde gerne etwas anders ausprobieren. Ich kann verstehen, dass Sie erst drüber nachdenken müssen, es auf sich wirken lassen wollen.«

Ich vermied es, noch einmal auf die Skizze zu schauen. Das musste ich mir nicht mehr ansehen. Ich zeigte einfach grob in die Richtung und sah ihr in die Augen.

»Bitte glauben Sie mir, dieses Kleid wird umwerfend sein. Sie werden umwerfend sein, wenn Sie es tragen. Wenn Sie mir vertrauen.«

Megan lächelte nicht.

»Jess, Sie sind natürlich die Fachfrau und Sie verstehen bestimmt ein wenig von Mode.«

Ich zuckte nur ganz kurz zusammen.

»Ich allerdings auch. Und ich bin eventuell ein wenig älter als Sie.« Sie versuchte offensichtlich, die Botox-gestraffte Stirn zu kräuseln und eine Augenbraue zu heben, als Zeichen, jetzt bloß nicht vorschnell zuzustimmen. »Nicht viel älter. Aber seitdem ich denken kann, ist das mein Steckenpferd. Es liegt mir im Blut, und im Übrigen war Xavier nur zu gerne bereit, meinen Rat und meine Inspiration anzunehmen.«

Xavier. Nun, das war eine Neuigkeit. Xavier Legrand war mir natürlich kein Unbekannter. Er mischte schon seit Jahren im Modezirkus mit. Sein echter Name war übrigens weit weniger wohlklingend als sein Künstlername, und Franzose war er auch nicht. Aber er hatte durchaus ein Talent für gefällige Kleider. Keine großen Überraschungsmomente, und die wenigen Versuche, mit denen er neue Trends setzen wollte, waren eher kläglich verlaufen, aber seine Karriere war stabil. Und er hatte einen treuen Kundenkreis, der dafür sorgte, dass sein Name stets im Gespräch blieb. Er hatte ein paar gute Kollektionen gehabt, allerdings war auch immer mal wieder ein Ausrutscher dazwischen, der mir den Schweiß auf die Stirn trieb. Jetzt wusste ich, warum das so war. Anscheinend war sich Xavier, im Gegensatz zu mir, nicht zu schade, sein Talent zu verraten, wenn es der Karriere diente. Ja, auch ich weiß, dass die Branche extrem hart ist. Und wenn das sein Weg war, dann wollte ich das nicht verurteilen. Ich war mir nur sicher, dass er für mich nicht infrage kam.

»Ich kann natürlich auch mit ihm zusammenarbeiten.« Megan erhob sich. »Für mich muss da eine gewisse Vertrauensbasis sein.«

»Das verstehe ich sehr gut. Für mich ist das ebenfalls wichtig. Und ich denke, dass wir dieses Vertrauen aufbauen werden, Megan. Ich verspreche Ihnen, das Kleid, das ich mir für Sie vorstelle, wird großartig. Etwas völlig Neues und Einzigartiges.«

Ich lächelte tapfer gegen ihre herabhängenden Mundwinkel an. Nun ja, soweit sie eben herabhängen konnten, doch sie schaffte es selbst mit ihrem straff gezogenen Gesicht, schlecht gelaunt auszusehen.

»Nun, ich bin mir da nicht sicher. Ich dachte mir, Megan, probiere es doch mal mit dieser Jess. Alle schwärmen immerzu von Ihren Kleidern. Aber ich muss da ganz ehrlich sein, Ihre Ideen sagen mir bisher nicht zu.«

Ich wäre jetzt auch gerne ganz ehrlich, aber ich hielt mich zurück. Es würde eh nichts bringen.

»Dann werden wir einen vollständig anderen Ansatz suchen. Ich bin sicher, wir finden genau das Richtige für Sie, Megan. Haben Sie schon einmal an einen Einteiler gedacht? Ich weiß, dass Sie darin großartig aussehen würden.«

Tatsächlich blitzte gerade ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Natürlich! Wieso hatte ich nicht gleich daran gedacht? Ein Jumpsuit, trägerlos und damit auch ärmellos. Wir würden ihre tollen Arme richtig in Szene setzen und mit weiten, überlangen Hosenbeinen, die nebenbei ihre Hüften kaschierten, ihre Beine optisch verlängern. Kombiniert mit den richtigen Schuhen würde das grandios aussehen. Ich zog ein neues Blatt heran und begann zu skizzieren.

Megans Gesicht zeigte zumindest Interesse. Sie sah mir zu, wie ich meine Vorstellung zu Papier brachte. Das musste sie überzeugen. Sie würde darin umwerfend aussehen. Ich atmete auf, weil ich gerade noch die Kurve bekommen hatte. Dachte ich zumindest.

»Und wo sind die Ärmel? Ich hatte mich doch klar ausgedrückt. Ich will diese Trompetenärmel, die man gerade überall sieht.«

»Nun, an diesen Entwurf würde ich keine Ärmel machen. Das Oberteil wird stattdessen durch diese Schleife zum absoluten Hingucker werden.« Ich zeichnete eine gewaltige Schleife, die schräg auf der Brust saß. Es sah großartig aus zu dem schlichten Teil und ganz nebenbei würde es ihre kaum vorhandenen Brüste gewaltig boosten. Und ich konnte, wenn sie das wollte, darunter gut ein paar Gelkissen im Oberteil verstecken, die noch zusätzlich für Volumen sorgen würden.

»Ihre Schultern und Oberarme, Megan, die müssen wir zeigen. Alle werden Sie darum beneiden.«

»Die Schultern, hm.« Megan hatte wieder Platz genommen und schien ernsthaft nachzudenken. »Gut, ja, die lassen wir frei. Mein Mann mag das. Er findet Schultern sehr erogen.« Sie kicherte albern. »Hat irgendwie einen Tick mit Schultern. Ja, das ist gut. Und auch ansonsten ist das recht nett. Wir brauchen nur eine klitzekleine Änderung.«

Sie griff sich wieder einen Stift, schneller, als ich reagieren konnte, und zog die Skizze zu sich.

»Megan, bitte ...«

Ich brach ab. Sie tat es schon wieder. Ehe ich eingreifen konnte, zerstörte sie auch diesen Entwurf. Entschlossen und mit fast kindlicher Freude malte sie ihre bescheuerten Trompetenärmel. Auf die Oberarme. Einfach so.

»Wenn das nicht genial ist.« Sie sah mich triumphierend an. »Wir müssen die Ärmel ja gar nicht am Anzug festmachen. Wir werden sie wie ein Accessoire einsetzen, wie früher diese langen Handschuhe. Gummiband rein und gut. Das wird fantastisch aussehen.«

Das wird absolut bescheuert aussehen, dachte ich. Wie ein Abba-Kostüm in schlecht. Oder ein billiger Fummel für eine Kostümparty. Sah diese Frau denn nicht, dass sie damit alles ruinierte? Dass diese mit einem Gummiband festgezurrten Riesen-Monster-Ärmel einfach nicht dazu passten und ganz nebenbei ihre Silhouette komplett stauchen würden?

»Megan, zum letzten Mal. Bitte vertrauen Sie mir. Sie werden sehen, der Jumpsuit ist perfekt. Ohne Ärmel.«

»Kindchen.«

An der Art, wie sie das Wort in die Länge zog, konnte ich bereits hören, dass ich in gewaltigen Schwierigkeiten steckte.

»Kindchen, ich will es jetzt mal ganz direkt sagen. Sie haben ein gewisses Talent und Sie können es weit bringen. Allerdings sollten Sie dringend lernen zu kooperieren und sich von anderen leiten zu lassen. Ich kann Ihnen helfen. Wenn ich eine Ihrer Kreationen trage, ist das eine große Auszeichnung für Sie. Aber ich werde das tragen, was ich will. Sie dürfen es für mich anfertigen. Ist das verständlich?« Sie hatte sich erhoben und sah mich herausfordernd an.

Ich stand ebenfalls auf.

»Ja, das ist es. Und ich weiß natürlich, dass es eine große Ehre wäre, wenn Sie an diesem überaus wichtigen Abend ein Stück von mir tragen würden.«

Ich lächelte tapfer, damit sie nicht sah, was mich dieser Satz kostete. Ich hatte eine recht beachtliche Liste an Kundinnen, die ihr in nichts nachstanden, und ich hatte seit ein paar Jahren eine überaus gute Reputation in der Upper Class. Ich würde jedoch, im Gegensatz zu ihr, nicht damit prahlen. Ich wusste, wer ich war und was ich war, und wenn sie das nicht wusste, dann würde sich unsere Zusammenarbeit eben nicht ergeben.

»Aber ich habe meine Grundsätze. Meine Entwürfe müssen stimmen, und ich muss mit meinem ganzen Herzen dahinterstehen. Und so leid es mir tut, hinter diesen Ärmeln kann ich nicht stehen.« Ich lächelte noch immer, um den Worten etwas die Schärfe zu nehmen. Leider vergebens.

»Dann verschwende ich hier meine Zeit.« Megans Stimme klang eisig und plötzlich sah sie genauso alt aus, wie sie war. »Das war Ihre Chance, Jess. Sie haben es vermasselt, und das wird Ihnen noch sehr leidtun.«

»Es tut mir jetzt schon leid, Megan.«

»Mrs. Birds!«

»Es tut mir jetzt schon leid, Mrs. Birds.« Ich meinte es wirklich ernst. Es tat mir leid, dass sie mir nicht vertrauen konnte. »Aber ich bin einfach fest davon überzeugt, dass mein Entwurf perfekt ist.«

»Es tut Ihnen noch nicht genug leid. Sie werden sich wünschen, dass Sie ein wenig von Ihrem hohen Ross heruntergekommen wären. Ende dieses Jahres werden Sie sich wünschen, dass Sie sich nie mit mir angelegt hätten.«

Sie hatte ihren Arm ausgestreckt, der Zeigefinger deutete auf mich und ihre Augen blitzten böse. Einen Moment hatte ich beinahe Angst. Sie sah aus wie eine Hexe in einem dieser Märchenfilme, die ich als Kind so geliebt hatte. Eine Hexe, die gerade im Begriff ist, die Prinzessin mit einem Fluch zu belegen. Dann erkannte ich endlich, wie absurd die Situation war, und ich ließ meine Vorsicht fahren. Ich wusste, dass es ein Fehler war, aber ich war nicht gewillt, mich hier wie ein Schulkind behandeln zu lassen.

»Mrs. Birds, ich denke, wir beide passen einfach nicht zusammen, und deshalb respektiere ich Ihre Entscheidung. Und ja, ich werde auch Ende des Jahres noch der Meinung sein, dass ich mir in Sachen Modedesign mehr vertraue als jemand anderem. Verzeihen Sie mir meine Offenheit, aber ich bin der Meinung, dass diese unsäglichen Ärmel einfach nichts für Sie sind. Sie sind zu mir gekommen, weil Sie wissen, dass ich gut bin. Ich kann das perfekte Kleid nähen, das aus jeder Frau das Beste herausholt, wenn sie mich das machen lässt. Wenn sie zulässt, dass ich entscheide, was sie kleiden wird und was nicht. Und welche Farbe am besten zum Teint passt.«

Ich merkte, dass ich mich in Rage geredet hatte. Jetzt war es zu spät für Diplomatie, also konnte ich den Rest auch noch sagen.

»Ich habe keine Lust, mir diesen Ruf zu ruinieren, nur um irgendwelche Ideen umzusetzen, von denen ich schon vorher weiß, dass sie nicht passen. Diese Ärmel«, ich verzweifelte mittlerweile beinahe an diesem Wort und holte einmal tief Luft, um wieder etwas runterzukommen. Ich wusste, ich sollte jetzt besser schweigen. Ihr Gesicht jedoch, dieser abfällige Ausdruck, ließ mich weiterreden, ließ mich sehenden Auges ins Unglück rennen.

»Diese Ärmel werden Ihren Oberkörper unvorteilhaft breit wirken lassen. Und da Sie leider nicht sehr groß sind, wird der Gesamteindruck dadurch recht kompakt werden. Mein Entwurf wird Sie größer und schmäler aussehen lassen. Es ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie diese Ärmel wollen, bin ich raus.«

Megan Birds war blass geworden, und wenn ihre Augen vorher schon kalt und boshaft gewesen waren, dann funkelte jetzt purer Hass darin.

»Das werden Sie bereuen, Jess. Sie haben keine Ahnung, wen Sie sich zum Feind gemacht haben.«

»Ich will mir niemanden zum Feind machen.« Plötzlich war ich sehr müde, und überraschenderweise auch sehr nervös. »Es geht nur um einen Entwurf. Und darum, dass ich ehrlich bin. Sie sollten nie jemandem trauen, der nicht ehrlich ist.«

»Und Sie sollten sich hier noch einmal genau umsehen. Wenn ich mit Ihnen fertig bin, wird nichts davon mehr hier sein.« Sie nahm die Skizze in die Hand, die mit dem Jumpsuit, und zerriss sie ganz langsam. »Ich werde dafür sorgen, dass Jess Miller bald ein Niemand ist.«

Ich sah zu, wie sie die Papierschnipsel zu Boden fallen ließ, ehe sie sich umdrehte und davon rauschte. Mein Kopf hämmerte und ich musste mich kurz auf dem Schreibtisch abstützen, als sie endlich zur Tür hinaus war. Ihre Drohungen klangen mir noch im Ohr und ich fühlte mich plötzlich wirklich wie eine Prinzessin, die gerade von der dreizehnten Fee mit einem tödlichen Fluch belegt worden war.

4. Kapitel

»Du hattest vollkommen recht, den Auftrag abzulehnen.« Lexie stemmte die Hände in die Hüften und sah mich mit hochgerecktem Kinn an. »Was denkt die denn, wer du bist? Du hast es nicht nötig, dir von ihr sagen zu lassen, was du tun sollst. Ha!«

»Ich weiß. Aber trotzdem … Ich hätte mich besser im Griff haben müssen.«

»Noch besser?« Lexie lachte. »Jeder andere hätte ihr gesagt, wohin sie sich ihre Ärmel schieben kann. Ehrlich, Jess, es hätte nur noch größere Probleme mit sich gebracht, den Auftrag anzunehmen. Sei froh, dass du davongekommen bist.«

Ich nickte, auch wenn ich nach wie vor dieses seltsame Gefühl hatte, dass ich eben nicht davongekommen war. Lexie hob die Papierschnipsel auf und warf sie in den Papierkorb. Ich sah ihr dabei zu und fühlte mich plötzlich besser. Diese Wirkung hatte Lexie immer auf mich. Sie war als Näherin bei mir angestellt und in den letzten Jahren eine Art Freundin geworden. Im Moment sprang sie überall ein, wo es gerade klemmte. Ich mochte ihr Auftreten, dieses Direkte, und ihr kämpferisches Naturell. Lexie konnte ziemlich aufbrausend sein, allerdings brauchte sie nie lange, um wieder ihre gute Laune zu finden. Und ihr Lachen war einfach ansteckend.

»Du hast recht. Was kann sie groß tun? Sie wird ihren Freundinnen erzählen, dass ich eine ganz schreckliche Person bin und sie nie eine meiner Kreationen tragen wird, aber das ist es dann auch. Und jetzt haken wir die Sache ab und machen weiter.«

»Genau.« Lexie deutete zum Computer. »Die ersten Bewerbungen für die Assistentenstelle sind übrigens da. Ich hab dir die Dateien weitergeleitet.«

Das war genau das, was ich jetzt brauchte, um mich abzulenken. Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch und begann die Bewerbungen zu sichten.

Nach einer halben Stunde hatte ich drei Bewerberinnen und Bewerber ausgewählt, die ich persönlich kennenlernen wollte. Daisy Firth, die ein paar Kurse in Modedesign und Werbung belegt hatte und mich mit ihrem frischen Stil in ihrer Präsentation überzeugt hatte. Dann Summer Davies, die zwar recht steif klang, dafür aber alles mitbrachte, was ich von einer Assistentin erwartete, und Dylan Hall, der einige sehr beeindruckende Referenzen vorweisen konnte und bereits als persönlicher Assistent gearbeitet hatte. Drei Kandidaten, da sollte mein Problem doch bald aus der Welt sein.

Es war spät, als ich mich an diesem Abend auf den Heimweg machte. Ich brauchte wirklich dringend Hilfe. Ich hatte einfach zu viel um die Ohren und deshalb erst spät damit begonnen, die Absagen für die aussortierten Bewerberinnen zu schreiben. Ich weiß, andere würden mir jetzt raten, das nicht gleich zu tun. Ich könnte schließlich erst mal abwarten, ob ich nicht doch auf eine zurückgreifen wollte. Aber ich war mir sicher, dass ich das nicht tun würde. Wenn es spontan nicht passt, dann ändert Abwarten auch nichts. Und der Stapel an unerledigten Aufgaben wuchs ohnehin jeden Tag, egal, wie lange ich an meinem Schreibtisch saß. Außerdem hatte ich bereits die drei aussichtsreichsten Bewerber kontaktiert und Termine ausgemacht. Je schneller ich Hilfe bekam, desto besser, denn bald würde der Umbau meines Ladenlokals beginnen. Dann wäre vermutlich gar kein Schlaf mehr drin, ganz davon abgesehen, auch mal wieder auszugehen oder Freunde zu treffen.

Deshalb war ich froh, dass alle Bewerber kurzfristig verfügbar waren. Schon am nächsten Tag würde ein Gespräch stattfinden und übermorgen die beiden anderen. Ich nahm es als gutes Zeichen, dass alles so schnell und unkompliziert klappte, und war mir ziemlich sicher, dass der Richtige bereits wartete.

Daisy Firth war die Erste, die kam. Sie war eine ziemlich bunte, extrovertierte Erscheinung mit langem hellblonden Haar, das in den Spitzen in ein verwaschenes Rosa überging. Sie sah aus, als hätte sie sich heute noch nicht gekämmt, sondern wäre eben aus dem Bett geklettert, wo sie sich gerade ziemlich vergnügt hatte. Die geröteten Wangen und die vollen Lippen unterstrichen diesen Eindruck zusätzlich. Sie trug enge Jeans, die ziemlich destroyed waren, und ein knappes weißes Shirt dazu. Ich mochte sie sofort. Ich fand es toll, dass sie so entspannt war, sich offensichtlich nicht für mich verkleidet oder irgendwie zurechtgemacht hatte, und dass sie überhaupt nicht nervös war. Sie saß entspannt neben mir, wünschte sich einen Zitronengras-Ingwer-Chai-Latte, und lachte herzlich, als ich gestand, dass ich nur normalen Darjeeling, Kaffee oder Wasser anbieten konnte.

»Na, dann wird es ja Zeit, dass ich hier anfange. In dem Fall ein Wasser, bitte. Ich nehme an, es gibt nicht zufällig eine Limettenscheibe oder ein winziges Eckchen Ingwer, das ich einfach hineinstecken könnte?«

Daisy lachte sehr viel und war überraschend ehrlich. Sie hatte zwei Studiengänge abgebrochen, Design und Marketing, weil sie es unmöglich fand, wie viel Theorie dort verlangt wurde. Sie gab zu, dass ihr auswendig lernen nicht lag und sie eher die Frau für das Praktische war. Ich war von ihr verzaubert.

»Und nachdem ich nun erkannt habe, dass ich einfach nicht der Mensch bin, um mich durch ein jahrelanges Studium zu quälen, habe ich beschlossen, die Branche von einer anderen Seite kennenzulernen. Ich habe durchaus einige Grundlagen erworben, aber ich möchte doch eher den praktischen Weg gehen. Und ich denke, dass ich bei Ihnen eine ganze Menge lernen kann.«

Ich versprach, mich zu melden, und sah ihr mit einem Lächeln nach, als sie ging.

Als Nächsten lernte ich Dylan Hall kennen. Er war wie seine Vita: überzeugend, engagiert und kompetent. Sein Anzug saß perfekt, seine Haltung drückte Selbstbewusstsein aus, und sein Auftreten war souverän. Ich mochte sein Gesicht, das nicht ganz symmetrisch war. Bei vielen Menschen wirkt das störend, aber er sah dadurch interessanter aus. Man sah automatisch zweimal hin, um festzustellen, was nicht in Ordnung war, nur um dann zu erkennen, dass er einen wunderschönen Mund hatte. Doch irgendetwas an ihm störte mich. Seine Worte klangen richtig, und alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß. Sein Ton jedoch störte mich. Ein leichter, kaum wahrzunehmender Spott schien darin zu liegen. Es war, als mache er sich darüber lustig, dass ich bisher alles selbst in der Hand gehabt hatte. Als traue er es mir nicht zu, alles selbst zu machen. Ich tat das, was ich in solchen Situationen immer mache, ich hörte auf mein Bauchgefühl. Und das sagte mir, dass er zwar theoretisch der perfekte Bewerber war, ich aber praktisch nicht mit ihm zusammenarbeiten wollte.

Auch Summer Anthony erwies sich als ungeeignet. Sie war unscheinbar, aber das war es nicht, was sie aus dem Rennen warf. Ich wollte kein Model, sondern jemanden, der zum Job passte. Eigentlich hätte ich sie gerne eingestellt, gerade weil sie optisch betrachtet nicht perfekt war. Ich fand dieses ganze Theater nämlich ziemlich bescheuert. Warum sollte jemand, der ein langweiliges Gesicht oder ein paar Pfund zu viel hatte, nicht in der Modewelt arbeiten dürfen? Nur weil deine Gene nicht mitspielen, heißt das ja noch lange nicht, dass man keinen Sinn für schöne Dinge haben konnte. Summer hatte bereits ein paar Jahre als persönliche Assistentin gearbeitet und ich bemühte mich wirklich, ihre Vorteile zu sehen. Leider war sie entsetzlich langweilig. Sie überlegte sich ganz offensichtlich jeden Satz dreimal, ehe sie ihn aussprach. Sie lachte nicht einmal, sondern lächelte nur bemüht, wenn ich einen Scherz machte, und ich hatte einige Male das Gefühl, dass sie den Witz gar nicht verstand. Dafür betonte sie immer wieder, wie viele Anschläge sie pro Minute schaffte.

»Summer, ich brauche nicht nur eine Sekretärin. Ich brauche eine Assistentin, die auch mal mit den Lieferanten verhandelt, die sich um Kunden kümmern kann und die überhaupt sehr flexibel ist. Wir sind ein kleines Team. Um ehrlich zu sein, nur Sie und ich.«

»Ich wäre die Einzige?«

»Ist das ein Problem?«

»Nun, Mr. Haggert hatte drei persönliche Assistentinnen. Maude ist die Dienstälteste und gleichzeitig so eine Art Vorsteherin. Wir haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Ich war zuständig für die Korrespondenz, die Terminplanung und Reiseorganisation. Ich bin sehr gut darin, ich schaffe vierhundertdrei Anschläge in der Minute.«

Ich seufzte. »Das ist großartig, Summer.«

Ich hatte keine Ahnung, ob es wirklich derart toll war, aber so, wie sie es sagte, musste es eine überragende Leistung sein.

»Nur wird es hier nicht so viel Schreibarbeit geben. Dieser Job ist ein wenig abwechslungsreicher, fürchte ich.«

Summer nickte tapfer, ihre Augen allerdings hatten den Glanz verloren.

»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dafür die Richtige bin.«

Ich nickte ebenfalls und beinahe hätte mich dieser Satz wieder dazu gebracht, sie in der Auswahl zu lassen. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass sie nicht glücklich werden würde.

Als sie ging, wünschte ich ihr von Herzen Glück. Sie war eine nette Person, aber sie brauchte wohl immer eine Maude, die ihr sagte, was sie tun und lassen sollte. Dann griff ich nach dem Telefon, um Daisy Firth anzurufen und ihr zu sagen, dass sie den Job hatte, wenn sie noch wollte.

5. Kapitel

»Du hast Megan Birds vor den Kopf geschlagen?« Bens Stirn runzelte sich leicht, während die anderen in lautes Lachen ausgebrochen waren.

»Ich sie? Na, eher sie mich.« Ich kicherte ebenfalls. Inzwischen konnte ich darüber lachen, was da in meinem Büro passiert war, und ich zwinkerte Anni zu, die sich die Lachtränen aus den Augen wischte.

»Ehrlich, Jess, ich glaube, ich wäre nicht so beherrscht geblieben. Ich hätte ihr schon viel früher gesagt, was genau sie mit ihren bescheuerten Ärmeln anstellen kann.« Anni japste nach Luft.

Heute Abend hatten wir endlich mal wieder Zeit gefunden, uns zu treffen. Es war schwer, alle zusammenzubekommen, aber es war uns wichtig genug, es dennoch regelmäßig zu probieren. Ben und Mia hatten eine zauberhafte Tochter, mein Patenkind Jenna, die vor Kurzem ihren ersten Geburtstag gefeiert hatte und die sie nur ungern in der Obhut eines Babysitters ließen. Anni plagte, seitdem sie wieder arbeitete, ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Kinder auch noch abends von einem Babysitter betreuen ließ. Marc hatte das Problem elegant gelöst, indem er seine Mutter einspannte. Die Kinder liebten Lisset und Archie, und Anni nahm das Angebot dankbar an, sie ab und an bei ihren Großeltern übernachten zu lassen. Ich war froh, denn mit ihr war alles ein wenig bunter. In den sechs Jahren, die ich sie nun kannte, war sie zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden.

Kennengelernt hatte ich sie durch Ben. Sie arbeitet für ihn und anlässlich einer Firmenfeier hatte ich ein Kleid für sie entworfen. Damals war Ben in sie verliebt gewesen und eine Zeitlang dachte ich, ich müsse sie hassen, weil sie sich für Marc entschied und Ben geschlagen und unglücklich zurückließ. Doch erstens hatte sie ihm nie absichtlich wehgetan, zweitens sah jeder, dass Marc und sie einfach zueinander gehörten, und drittens war Anni viel zu wundervoll, um sie zu hassen. Marc ebenfalls, ganz nebenbei bemerkt. Er ist seit der Uni mit Ben befreundet und optisch ein ziemliches Sahneschnittchen. Er hat etwas, das ihn mit jedem Blick attraktiver machte. Seine Stimme ist der Hammer, unglaublich melodiös und wohltuend. Und er ist sagenhaft schräg, auf eine gute Art und Weise. Ich hatte sogar mal darüber nachgedacht, ihn meinerseits ein wenig besser kennenzulernen, natürlich ehe Anni auf der Bildfläche erschien, diese Idee jedoch mit Rücksicht auf Bens Nerven wieder verworfen. Inzwischen wäre das natürlich auch ohne Anni indiskutabel, denn nun waren wir Freunde. Und Freunde, selbst wenn sie ungebunden sind, sind für kleine Abenteuer tabu, jedenfalls bei mir. Aber ich mochte ihn und seine leicht durchgeknallte Familie wirklich gerne und hatte auch keine Lust, auf ihn sauer zu sein, weil er sich Anni schnappte. Das hätte mich, um ehrlich zu sein, sowieso nur in Schwierigkeiten gebracht, denn ich bin kein Mensch, der hasst oder so. Und spätestens als Mia auftauchte, Marcs Cousine, war klar, dass sie die Richtige ist für meinen Bruder. Und so habe ich nicht nur den besten Bruder der Welt, sondern durch ihn auch noch die besten Freunde, die man sich vorstellen kann.

Anni kicherte immer noch.

»Was soll sie Jess schon antun? Und sie hat sich selbst um die Chance gebracht, ein richtig tolles Kleid zu bekommen. Wir sollten eigentlich sie bedauern.«

Ich nickte zustimmend.

»Genauso sehe ich das auch.« Ich winkte der Kellnerin, um eine neue Runde zu bestellen. »Und ich wäre sicher um drei Jahre gealtert, hätte ich den Auftrag angenommen. Also, trinken wir darauf, dass ich entkommen bin.«

Acht Wochen später war ich noch glücklicher darüber, entkommen zu sein. Auf dem Titelbild eines meiner geliebten People-Magazine prangte nämlich tatsächlich Megan Birds. In einem orangefarbenen Albtraum. Mit Volant-Ärmeln, die meine schlimmsten Befürchtungen übertrafen. Ich blätterte rasch zum Bericht und las wenig überrascht, dass die Ehefrau des strahlenden Wirtschaftsmagnaten, der stolz einen Preis in die Kamera hielt, eine Kreation von Xavier Legrand trug. Megan hatte es sogar geschafft, einen mehrseitigen Bericht zu bekommen. Natürlich hatte sie sich nicht lange bitten lassen und dafür ihren Kleiderschrank geöffnet, um einige ihrer wundervollen Kleider zu präsentieren. Bei nahezu jedem juckte es mich in den Fingern, ein paar Veränderungen vorzunehmen. Die Klamotten an sich waren toll, aber sie passten halt nicht zu ihr. Ich war mir nach wie vor sicher, dass ich ihr kleidsamere Schnitte empfehlen konnte. Und dann, ganz am Schluss, gab es ein weiteres großformatiges Bild. Es zeigte Megan einmal mehr mit ihrem Mann, bei irgendeinem Charity-Dinner. Und sie trug den Jumpsuit, den ich beinahe für sie entworfen hätte. Sie hatte die Skizze zerrissen, hier in meinem Büro, aber sie hatte die Zeichnung wohl lange genug angesehen, um sich alles einzuprägen. Und dann war sie zu Xavier gegangen und der hatte ihn nach ihren Vorgaben genäht. Ich hatte recht gehabt, er sah toll aus an ihr, sogar in diesem schrecklichen Farbton, einer ganz neuen Variante ihres geliebten Oranges, mit eindeutigem Einschlag in Richtung Sanddorn. Wenn man von den Abba-Ärmeln absah, die absolut sinnbefreit wie ein paar zu hoch gezogene Stulpen an ihren schönen Oberarmen befestigt waren.

Ich warf die Zeitschrift in den Papierkorb und dachte nach. Natürlich hatte sie Xavier nicht gesagt, dass die Idee von mir war. Sonst hätte er es nicht gemacht, oder? Dann fischte ich die Zeitung wieder heraus und las den Bericht. Megan Birds, eine erfolgreiche, starke Frau an der Seite eines noch erfolgreicheren, noch stärkeren Mannes. Ich überflog die erste Seite. Das übliche Blabla. Dann schwenkte der Artikel um und Megan selbst kam zu Wort. Sie berichtete, was sie alles leistete, an welchen Projekten ihr Herz hing, und schließlich kam das Wort auf die Mode. Sie beschrieb sich tatsächlich als Vorreiterin in Sachen Mode und lobte Xavier in den höchsten Tönen. Seinen Stil, seine Visionen und seine Kreativität, alles war vollkommen. Xavier war nichts weniger als ein Gott, der immer auf die Wünsche seiner Kundinnen einging und sich nicht zu schade war, deren Vorstellungen mit einzubeziehen. Ich las schneller. Und dann war er da, der Satz, den ich insgeheim schon die ganze Zeit befürchtet hatte.

Und ich muss mich bei Xavier entschuldigen. Ich war drauf und dran, fremdzugehen. Ich dachte doch wirklich darüber nach, mich von einer anderen Designerin einkleiden zu lassen. Ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist. Ich fürchte, ich habe mich von diesem übertriebenen Hype um eine gewisse Jess Miller verwirren lassen. Nun, ich kann nur sagen, mich hat sie nicht überzeugt, und ich werde Xavier treu bleiben. Aber manche Erfahrungen muss man eben machen, so furchtbar sie sind, um zu erkennen, was wirklich gut ist im Leben.‹

Ich ließ das Heft sinken und überlegte, ob ich lachen oder den Kopf gegen die Wand donnern sollte. Dieses Miststück.

Daisy kam herein, ehe ich mich für eine Reaktion entschieden hatte. Sie war gut gelaunt wie immer und farbenfroh wie immer. Mittlerweile hatte sie das Rosa in ihren Haaren mit ein wenig Lila aufgepeppt. Sie sah unfassbar schräg aus in ihrem braun-weiß karierten Tweed-Kostüm, das sie auf dem Speicher ihrer Oma gefunden hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---