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Tiefste österreichische Provinz. Eine junge Klimaaktivistin klebt sich auf einer Straße fest – und versperrt einem Bauern auf seinem Traktor den Weg. Dieser Zufall führt Nele und Konrad zusammen. Wenig später hat es das ungleiche Duo mit einer Leiche, der Polizei und einer Verschwörung zu tun, die so absurd ist, dass sie nur wahr sein kann. Die Klimakrise ist schlimm? In Wahrheit ist alles noch viel, viel schlimmer. Ein spannender, temporeicher Roman. Mit scharfem Blick und feinem Humor erzählt Christian Dürnberger, warum wir nichts unternehmen, während die Welt in Flammen aufgeht – und warum alles Glut wird.
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Christian Dürnberger
Alles wird GLUT
Christian Dürnberger
Roman
Die Handlung des vorliegenden Werkes ist frei erfunden und Ausdruck der künstlerischen Freiheit des Autors. Auch die Erwähnung real existierender Institutionen und Personen unterliegt der fiktionalen Gestaltung des Romans.
© Dittrich Verlag in der Velbrück GmbH Verlage, 2025
Meckenheimer Str. 47 · 53919 Weilerswist-Metternich
www.dittrich-verlag.de
Printed in Germany
ISBN 978-3-910732-48-3
eISBN 978-3-910732-85-8
Satz: Gaja Busch, Berlin
Covergestaltung: Katharina Jüssen, Metternich
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Teil I Festgeklebt
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Teil II Wien
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Teil III Schloss
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Nele klebte sich auf der Straße fest und wartete.
Sie hatte gewusst, dass in dieser Gegend nicht gleich ein Auto kommen würde, mit einer Viertelstunde aber hatte sie dann doch nicht gerechnet. Fünfzehn Minuten saß sie auf dem heißen Asphalt in der prallen Sonne. Fünfzehn Minuten, in denen nur das Muhen von Kühen und zirpende Grillen zu hören waren. Und einmal das ferne Läuten einer Kirchenglocke.
In der tiefsten österreichischen Provinz war also alles sterbenslangweilig: nicht nur die Sommerferien, auch der Klimaprotest.
Als endlich Motorenlärm anschwoll, klang er in Neles Ohren wie scheppernder Techno. Mit kaputter Soundanlage. Wenige Augenblicke darauf sah sie einen alten Traktor in der Ferne die Straße entlangkommen, dahinter einen roten Kombi.
Gleich wäre es also soweit. Gleich würde die Konfrontation beginnen.
Hier, wo sie sich festgeklebt hatte, war sie aus beiden Fahrtrichtungen von weitem zu sehen. Das Ganze sollte schließlich eine Klimaschutzaktion werden – und kein Selbstmordkommando. Das aber war nicht der einzige Grund gewesen, warum sie gerade diese Stelle gewählt hatte. Rechts von ihr stieg eine steile Böschung an, links ging es in einen Graben hinab. Mit anderen Worten: Wer diesen engen Abschnitt der Landstraße passieren wollte, musste erst sie aus dem Weg räumen: die lebendige Straßensperre. Und genau darum ging es.
Der Technosound wurde noch schleppender. Dann hielt der Traktor vor ihr an; nahe genug, dass Nele den Gummi seiner riesigen Reifen riechen konnte. Und seit heute wusste sie, wie erbärmlich dieser Gummi stank.
Der Mann in der Fahrerkabine sah aus, wie Nele sich einen Bauern vorstellte. Hagere Statur, unfreundliches Gesicht, schmutzige Arbeitskleidung, nicht mehr ganz jung. Wahrscheinlich so um die 50. Stirnrunzelnd sah er auf sie hinab. Erst nach langen Augenblicken verstummte der Motor.
Nele heftete ihren Blick zu Boden, während ihr Herzschlag ins Ungesunde beschleunigte. Ja, sie hatte Angst, natürlich hatte sie das – aber sie hatte auch einen festen Vorsatz: Sie würde ihre Angst nicht zeigen.
Es war ihr erstes Festkleben. Ihre Premiere. Zu Hause in Hamburg hatte sie immer bloß dabei zugesehen. Ohne Zweifel war es dumm, ja Wahnsinn, ausgerechnet hier und allein zum ersten Mal selbst aktiv zu werden – aber heute Morgen, nach dem Frühstück mit ihrer Oma, hatte es Nele schlicht und ergreifend gereicht. Ihr reichte der Speck auf dem Teller; ihr reichte der Satz ›Aber die Chinesen blasen doch noch viel mehr Dreck in die Luft!‹; ihr reichte das Wegschauen und das Lügen. Auch das angeblich so idyllische Leben auf dem Land fackelte freudig den Planeten ab. Dafür sorgten all die Einfamilienhäuser, Grillfeste, Kühe und Zweitautos. Warum also sollte man die Provinz vom Protest verschonen? Im Gegenteil: Gerade hier musste man das fossile Zeitalter anprangern!
»Geht’s dir nicht gut?«, fragte der Bauer, während er von seinem Gefährt herunterkletterte. Nele war sich unsicher, ob sie die seltsam tonlos ausgesprochenen Worte richtig verstanden hatte. Offensichtlich hielt der Mann sie für eine Einheimische, mit der man im ortsüblichen Dialekt sprechen konnte – dem aber war ganz und gar nicht so. Nele antwortete nicht, sondern starrte weiterhin bloß stumm zu Boden.
»Was ist hier los?«, fragte eine weibliche Stimme. Ohne Zweifel die Fahrerin des roten Kombis.
Nele hatte sich vorgenommen, so wenig wie möglich zu reden. Ein Student, mit dem sie mehrmals auf Demos ins Gespräch gekommen war, hatte diese Strategie ›die Erhabenheit des Schweigens‹ genannt: Die Sachlage sei klar, hatte er doziert, die Moral wäre auf ihrer Seite, genauso wie die wissenschaftlichen Fakten, daher sollte man sich gar nicht erst auf eine Debatte einlassen. Die Zeit für Diskussionen wäre vorbei, im Grunde seit dem Umweltgipfel 1992 in Rio, mit Sicherheit aber seit der UN-Klimakonferenz in Paris 2015; nun sei das Zeitalter des politischen Handelns angebrochen, aber da eben dieses ausblieb, brauchte es Widerstand.
Brauchte es menschliche Straßensperren.
Nele kam diese Strategie durchaus gelegen. Zwar war sie keinesfalls eine dieser verschüchterten Teenagerinnen, die den Mund nicht aufbekamen und bei jedem Gespräch mit einer Autoritätsperson zu stottern begannen; hier und heute jedoch handelte es sich um eine Ausnahmesituation: Sie war in der Fremde. Sie war allein. Und sie wusste, dass derartige Situationen oft eskalierten. Daher war es ihr alles andere als unlieb, so wenig wie notwendig zu sprechen.
Ein paar Sätze brauchte es dann aber doch, ansonsten hätte ihr Protest keine Botschaft. Und ›die message‹, wie der Student ihr erklärt hatte, konnte man ›gar nicht oft genug in die Köpfe der Menschen hämmern.‹
Je früher sie mit diesem ›Hämmern‹ begann, desto besser, dachte Nele. Sie hob ihren Blick und spürte plötzlich, wie trocken ihr Mund war.
»Ich habe mich hier festgeklebt«, begann sie die Worte aufzusagen, die sie sich heute am frühen Nachmittag zurechtgelegt und dann auswendig gelernt hatte, »um für das Ende des fossilen Zeitalters zu demonstrieren.« Auch wenn ihre Stimme nicht zitterte, so klang sie doch brüchig und weniger forsch als erhofft. Sie schluckte; oder versuchte zu schlucken. Bei ihrer nächsten Protestaktion würde sie mehr trinken. Oder sich einen Platz im Schatten suchen.
»Was?«, entfuhr es dem Bauern. Präziser ließ er so etwas wie ›Woos?‹ hören.
»Festgeklebt?«, fragte die Frau verwirrt, als hätte sie dieses Wort noch nie gehört – nur einen Augenblick darauf breitete sich in ihrem Gesicht jedoch jene Zufriedenheit aus, wie sie mit jäher Erkenntnis einherging. »Aaah!«, stieß sie hervor. »Von denen lesen wir doch ständig in der Zeitung«, sagte sie zu dem Landwirt, während sie mit ihrem Finger auf Nele zeigte. »Das ist die Bagage, die sich überall festklebt, um gegen den Klimawandel zu protestieren, Konrad!« Damit war nicht nur klar, dass sich die Beiden kannten, wie man sich in einem kleinen Dorf in den österreichischen Voralpen eben kannte, sondern auch, wie die Frau über Neles Klimaaktivismus dachte: ›Bagage.‹
Wohlwollende Unterstützung klang anders.
»Ich dachte, das macht ihr nicht mehr, dieses Festkleben? Stürmt ihr nicht jetzt Theater und Flughäfen oder so? Wer bist du überhaupt?«, fragte sie nur eine Sekunde darauf in vorwurfsvollem Ton.
»Wir verwandeln die Erde in eine brennende Hölle«, sagte Nele, als wäre dies die Antwort auf die eben gestellte Frage. »Die Wissenschaft …«
»Aaah … jetzt weiß ich, wer das ist«, unterbrach sie die Frau. »Das ist die Enkeltochter von der Reitnerin«, erklärte sie dem Bauern. »Du weißt schon. Wo die Anna damals nach Deutschland gegangen ist. Deswegen redet die so piefkinesisch. Du lebst in Berlin, hab’ ich Recht?«, fragte sie Nele. Auch das klang wie ein Vorwurf. »Und du bist auf Urlaub bei deiner Oma?«
»Hamburg«, verbesserte Nele sie. Und von ›Urlaub‹ konnte weiß Gott keine Rede sein, vielmehr hatten sie ihre Eltern hierher, in die öde Provinz, einfach abgeschoben.
»Dann eben Hamburg«, sagte die Frau unwirsch. »Mir egal. Jetzt geh’ auf die Seite bevor ich deine Oma hol’. Ich muss Einkaufen fahren.«
Nele rührte sich keinen Zentimeter. Das war ja genau das Problem, dachte sie: ›Einkaufen fahren.‹ Überall fuhren diese Landmenschen mit ihren fetten Autos hin. Auf die Idee, einen Bus zu nehmen, waren sie in den vergangenen Jahrzehnten nie gekommen. Kein Wunder, dass es hier kaum Öffis gab.
In diesem Augenblick war ein weiteres Auto zu hören, dieses Mal von der anderen Seite. Nele fuhr herum. Zwar wäre es ihr lieber gewesen, auch hier eine gewisse ›Erhabenheit‹ zu zeigen, indem sie einfach weiter geradeaus starrte, als wäre sie von einer tiefen, meditativen Ruhe durchströmt, die Wahrheit war jedoch eine andere: Wenn du auf der Straße sitzt und hinter deinem Rücken brummt etwas, dann drehst du dich verdammt noch mal um.
Laut Logo war es der Firmenwagen eines Dachdeckers. Der Fahrer, ein junger Mann in kurzen Hosen, stieg aus, ohne den Motor seines Kleinbusses abzustellen – Benzin war also immer noch nicht teuer genug, dachte Nele. Der Neuankömmling – auch hier kannte man sich – wurde von der Frau in wenigen Worten über die Sachlage unterrichtet. Kaum hatte die Fahrerin des Kombis geendet, legte der Dachdecker auch schon los.
»Jetzt kommt dieser Blödsinn also auch zu uns«, fluchte er. »Die sollen lieber arbeiten gehen, statt sich irgendwo festzukleben! Anpacken statt anpicken!«
»Genauso ist es«, sagte die Frau, und ihre Zustimmung schien den Dachdecker, der ohnehin von 0 auf 100 in Fahrt gekommen war, noch weiter anzustacheln.
»Ich hab’ einen Bericht über dieses Pack gesehen«, wetterte er. »Im Fernsehen. Wisst ihr, wer das ist? Wer sich da festklebt? Die verzogenen Kinder der Reichen! Verwöhnte Gören, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben! Die kleben sich fest! Irgendwelche Kinder von Ärzten aus der Stadt wollen uns vorschreiben, wie wir zu leben haben! Soweit kommt’s noch!« Hatte er bislang mit der Frau und dem Bauern gesprochen, wirbelte er nun zu Nele herum. »Kleb’ dich in deiner verdammten Stadt fest!«, heischte er sie an. »Nicht hier, wo die Leute noch einer ehrlichen Arbeit nachgehen!« Trotz der Sprachbarriere konnte Nele ihm inhaltlich bestens folgen: Der Mann war wütend und klang, als hätte er nur darauf gewartet, endlich einmal seinen Frust über den Klimaschutzaktivismus in die Welt zu schreien. »Ich muss zur nächsten Baustelle! Im Unterschied zu dir müssen manche Menschen nämlich arbeiten!«
Schnaubend starrte er auf Nele hinab, während sie versuchte, nicht in Panik zu geraten. Im Grunde kam alles, wie erwartet, denn so waren die Menschen nun einmal: dumm, aggressiv und egoistisch. Sie aßen Schnitzel, buchten Kreuzfahrten, ließen den Motor ihres Firmenwagens laufen und wenn man sie auf die Konsequenzen ihres Handelns hinwies, begannen sie wie wild zu brüllen.
Nele blieb stumm.
›Die Erhabenheit des Schweigens‹ schien jedoch einen erheblichen Nachteil mit sich zu bringen: Sie machte das Gegenüber nur noch wütender, denn nun geriet der Dachdecker endgültig in Rage. Mit wutverzerrtem Gesicht machte er zwei Schritte auf Nele zu, sie glaubte schon, seine dicken Finger um ihre Arme spüren zu können – und da war sie es, die schrie.
»Die Welt wird unbewohnbar!« Furcht und Wut mischten sich in ihrer Stimme zu einem heiseren animalischen Klang, den sie nicht von sich kannte. »Warum hat denn niemand von euch Panik?« ›Die Erhabenheit des Schweigens‹ musste sie also noch üben, aber immerhin hatte ihr Aufschrei funktioniert: Der Dachdecker hatte innegehalten.
»Panik?«, fragte er und es klang wie das Bellen eines Hundes. »Ich kenn’ jemanden, der Panik haben sollte, und zwar du!«, giftete er sie an. Sie konnte seinen Atem riechen. Der Hauch irgendeines Fleischgerichts lag in der Luft. Kadaver-Aroma. »Ich sollte die Polizei rufen«, fuhr er fort. »So Gören wie du gehören ins Gefängnis.« Mit diesen Worten wurde sein Gesicht erneut zu einer zornigen Fratze. »Aber ich hab’ keine Zeit für solche Spompanadeln!«, schrie er und wieder fuhren seine Finger nach ihr aus.
Der rationale Teil von Neles Gehirn fragte sich, wofür der Mann keine Zeit hatte. ›Spompanadeln‹? Klang nach einem österreichischen Dessert. Ihr Stammhirn hatte derweil Wichtigeres zu tun: Es bereitete ihre vegetativen Körperfunktionen auf ›Kampf‹ oder ›Flucht‹ vor. Beides aussichtslos.
Nele wollte noch etwas über ihr ›Recht auf friedlichen Protest‹ sagen, auch das ein Zitat vom Studenten – sie kam aber nicht mehr dazu. Stattdessen zuckte im selben Moment, wie der Dachdecker sie packte, ein jäher Schmerz durch ihre festgeklebte Hand, die eben genau das nicht mehr war: festgeklebt.
Nele schrie auf. So laut, dass der Dachdecker sein ließ, was auch immer er vorgehabt hatte. Von einer Sekunde auf die andere war die Aggression, die gerade noch seine Arme gelenkt hatte, wie verpufft. Unschlüssig stand er neben ihr, ganz so, als wäre er gerade erst wie aus dem Nichts erschienen und selbst am meisten darüber erstaunt, dass neben ihm ein Mädchen schrie.
Nele zwang sich zu verstummen. Ihre Hand fühlte sich nach tausend Nadelstichen an.
»Sie blutet«, sagte der Bauer.
»Das seh’ ich auch«, murrte der Dachdecker. »Ich dachte, die tun nur so, als würden sie sich festkleben.« Der Satz klang nach einer mürrischen Erklärung, nicht nach einer Entschuldigung. Nele umfasste ihre schmerzende Hand und hoffte, dass niemand ihre Tränen sah. Aber das war natürlich Bullshit.
Jeder konnte sehen, dass sie weinte.
»Die Straße ist jetzt jedenfalls wieder frei«, sagte der Dachdecker trotzig.
»Na ja, sie sitzt ja immer noch da«, warf der Bauer ein.
»Aber nicht mehr festgeklebt«, erwiderte der Dachdecker, als müsste er einem Kind einen simplen Sachverhalt erklären. Einem äußerst dummen Kind. »Ich muss jetzt jedenfalls los«, fügte er genervt hinzu. Nele verstand nicht, warum ihre Hand so weh tat: Sie hatte doch extra darauf geachtet, keinen starken Klebstoff zu kaufen, das Ganze sollte doch bloß symbolischer Natur sein, nun aber hingen Hautfetzen von ihrer Handfläche herab.
»Du willst sie einfach so zurücklassen?«, fragte die Frau. Auch sie klang nun weniger schneidig als zuvor.
»Warum nicht?«, gab der Dachdecker zurück.
»Na, weil sie blutet. Und außerdem ist sie noch ein halbes Kind.«
»Wer alt genug ist, um zu demonstrieren, ist auch alt genug, um …« Dem Dachdecker fiel kein passendes Ende ein. ›Um zu bluten‹ war offensichtlich ein dämliches. Das schien sogar ihm klar zu sein. »Ist doch nur ein Kratzer«, sagte er stattdessen.
»Sieht aber nach einem schlimmen Kratzer aus«, erwiderte der Bauer.
»Konrad!« Der Dachdecker sprach den Namen aus, als würde er sich plötzlich voller Freude daran erinnern, dass der wortkarge Landwirt anwesend war. »Kannst du der Deutschen nicht ein Pflaster geben? Einen Verband, eine Salbe, was weiß ich!? Du wohnst doch eh gleich ums Eck. Danach bringst du sie zu ihrer Oma und alles ist gut.«
»Ja!«, stimmte die Frau freudig ein. »Nicht, dass die uns noch wegen unterlassener Hilfeleistung oder so verklagt.« Sie musste irgendwann schlechte Erfahrungen mit Rechtsanwälten gemacht haben, dachte Nele, während sie noch immer ihre Hand umschlungen hielt, als könnte sie sie trösten.
Der Bauer schien zu zögern. Zumindest hörte Nele keine Antwort. Als sie es schließlich wagte, trotz ihrer verheulten Augen aufzuschauen, sah sie, dass der Landwirt nickte.
»Stillhalten«, sagte Konrad. Das norddeutsche Mädchen saß am Rand der Kücheneckbank und hielt ihm stumm die verletzte Hand entgegen. Nun, da die Wunde ausgewaschen war, begutachtete er die Blessuren in Ruhe im grellen Licht des Fensters. Die Sache sah hässlich aus, war aber weniger schlimm als im ersten Moment befürchtet. Er griff zum Desinfektionsspray und bemerkte, wie sich Neles Körper anspannte.
»Tut nicht weh«, sagte er. Dennoch verzog sie ihr Gesicht, als der feine Nieselregen auf ihrer Haut niederging; wahrscheinlich eher in der Erwartung von Schmerz als vor echtem.
»Du hast gesagt, du lebst hier mit deiner Mutter«, sagte die Deutsche plötzlich. Die grün gefärbte Strähne in ihrem ansonsten dunklen, schulterlangen Haar hing ihr ins Gesicht. Konrad nickte. Ja, das hatte er ihr während der kurzen Traktorfahrt erzählt, weil sie danach gefragt hatte. »Aber sie ist nicht da«, sagte Nele. Der Satz klang wie ein Vorwurf.
»Sie wird irgendwo unterwegs sein«, antwortete Konrad. »Einkaufen. Am Friedhof. Bei der Nachbarin.« Er zuckte mit den Schultern. Woher sollte er wissen, wo sich seine Mama wieder herumtrieb.
»Wenn du so ein Perverser bist«, fauchte Nele, »der junge Frauen nach Hause verschleppt und sie im Keller einsperrt, dann trete ich dir in die Eier.«
Daher wehte der Wind also, dachte Konrad. Wäre seine Mutter zu Hause gewesen, hätte sich das Mädchen sicherer gefühlt.
»Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast«, erwiderte er, »aber ich mach das hier nicht freiwillig.« Er ließ die Worte nachhallen. »Der Spray muss kurz einwirken, danach sind wir bald fertig.« Wenn sie nicht wollte, würde er das junge Ding eben nicht heim bringen. Je früher er sie wieder los war, desto besser. Er hatte genug auf dem Hof zu tun, auch ohne, dass er für irgendeine Klimakleberin Sanitäter spielte. Nele antwortete nicht, sondern blieb stumm auf ihrem Platz sitzen.
Stille breitete sich in der Küche aus. Nur die Fliegen surrten über dem Herd – und ihr Surren war Konrad unangenehm. Leute aus der Stadt wussten nicht, wie schwierig es auf einem Bauernhof war, die Fliegen fernzuhalten, und zwar selbst dann, wenn man auf Sauberkeit achtete. Und bei ihnen war es weiß Gott sauber. Dafür sorgte seine Mutter.
»Gefällt’s dir bei uns am Land?«, fragte Konrad um die peinliche, surrende Stille zu überbrücken, während der Spray immer noch feucht auf Neles Handfläche schimmerte. Bei jedem Satz bemühte er sich, Hochdeutsch zu sprechen. Redete er normal, verstand sie ihn nicht, das hatte er bereits auf der Straße gelernt, als er sie nach ihrem Namen gefragt hatte. Gleich, nachdem Traudl und Matthias abgehauen waren. Die Deutsche ließ einen Laut hören, den Konrad nicht einordnen konnte. War es ein Seufzen? Ein spöttisches Schnauben? Oder ein nervöses Lachen? Eine Antwort erhielt er jedenfalls nicht.
Konrads Blick fiel auf das leere Glas am Küchentisch. Er stand auf und ging zum Kühlschrank, um einen zweiten Saft herzurichten. Den ersten hatte Nele gierig in wenigen Schlucken getrunken. Kein Wunder. Das Mädchen musste lange Zeit in der prallen Sonne gesessen sein. »Schon ganz anders hier als in Hamburg, oder?«, machte Konrad einen neuen Versuch, die Fliegen zu übertönen, während er einen Schuss Himbeersirup mit kaltem Mineralwasser mischte. Wenig Sirup, viel Wasser – so wie er es als Kind am liebsten getrunken hatte, wenngleich seine Oma vom Gegenteil überzeugt gewesen war.
Warum auch immer.
»Allerdings«, antwortete die Deutsche und obwohl Konrad mit dem Rücken zu ihr stand, konnte er hören, dass sie die Augen verdrehte.
»Du willst gar nicht hier bei uns sein, hab’ ich Recht?«, fragte er als er das Glas auf den Tisch stellte. Dieses Mal war es einfach, ihren Laut zu deuten: Nele schnaubte verächtlich.
»Meine Eltern brauchen Erholung von mir«, sagte sie. Konrad war sich nicht sicher, ob das ein Witz gewesen war, und wenn ja, auf wessen Kosten.
»Bist du so …?« Er suchte nach einem passenden Wort. »Anstrengend?«
»Ich bin ein rebellischer Geist«, war ihre prompte Antwort. Eine Wortwahl, die sie offensichtlich nicht zum ersten Mal verwendete. »Deswegen haben sie mich hierhergeschickt. Als Strafe.«
Konrad wollte dieses Thema nicht vertiefen. Zum einen ging es ihn nichts an, zum anderen hörte er es nicht gerne, dass jemand in seinen Heimatort ›strafversetzt‹ wurde. Wo waren wir denn hier? In Sibirien? Er nahm wieder auf dem Stuhl ihr gegenüber Platz und musterte erneut ihre Wunde.
»Der Matthias ist ein Trottel«, sagte er, als könnte er dies aus ihrer Hand ablesen. »Ich mein’ den Dachdecker, der dich von der Straße gerissen hat. Ein Grobian. Ganz wie sein Vater.« Er würde ihr eine Kompresse anlegen und dann wären sie fertig. »Aber in einem hatte er schon recht«, fuhr Konrad fort, während er sich die notwendigen Dinge zurechtlegte. »Warum klebst du dich ausgerechnet bei uns fest? Das macht doch keinen Sinn.«
Auf diese Frage schien Nele nur gewartet zu haben.
»Ihr seid doch auch schuld an der Klimakatastrophe!«, schmetterte sie ihm entgegen.
»Wer?«
»Na ihr! Hast du gewusst: Ein Haushalt am Land bläst zig Tonnen mehr CO2in die Luft als einer in der Stadt. Wenn man es pro Kopf berechnet.« Er konnte ihrer offensichtlich einstudierten Argumentation kaum folgen, so seltsam kam ihm immer noch ihr ›Du‹ vor. Er hatte gedacht, dass man sich in deutschen Großstädten siezte. Gerade bei diesem Altersunterschied. »Aber ihr müsst ja unbedingt überall diese gigantischen Einfamilienhäuser hinbauen, die …«
»Jetzt ist aber gut«, unterbrach Konrad ihren Redefluss unwirsch und tatsächlich verstummte Nele. »Schau dich um. Ist das hier ein Einfamilienhaus?« Er hatte die Frage so scharf gestellt, dass keine Antwort kam. Und das war auch gut so. Er beugte sich über ihre Wunde und begann damit, die Mullbinde um ihre Hand zu wickeln. »Unser Hof steht hier seit 1650«, fuhr er genervt, aber weniger harsch fort. »Seit fast vierhundert Jahren machen wir hier Milch.« Hatte er gedacht, sein beißender Ton hätte die Teenagerin eingeschüchtert und ihre Predigt zum Erliegen gebracht, so hatte er sich getäuscht. Und zwar gewaltig.
»Perfektes Beispiel«, sagte Nele und klang dabei seltsam froh. »Kennst du die Klimabilanz deiner Kühe? Weißt du eigentlich, wie viel Treibhausgase die Landwirtschaft verursacht?« Konrad erkannte eine rhetorische Frage, wenn er eine hörte. Gleich würde das Mädl mit irgendwelchen Zahlen nur so um sich werfen, aber genau das würde er verhindern.
»Hysterisches Tamtam«, unterbrach er sie und fragte sich im selben Moment, ob man dieses Wort in Deutschland überhaupt verstand. »Früher war das ›Waldsterben‹ jede Woche in der Zeitung. Dann das ›Ozonloch‹.«
»Aber …«
»Nichts aber«, unterbrach sie Konrad erneut. »In Wahrheit geht es doch nur ums Geld«, brachte er die Sache für sich auf den Punkt. »Die Medien bauschen das Ganze auf …«
»Und was ist mit der Wissenschaft?«, fragte Nele hitzig.
»Was soll mit der Wissenschaft sein?«, fragte Konrad zurück und begutachtete die fertig angelegte Kompresse. Von ihm aus konnten sie aufhören zu diskutieren. Er war sich sicher, dass er mehr von ›der Wissenschaft‹ verstand als das junge Ding – aber auch, dass Nele das nicht glauben würde.
»Na, es ist doch die Wissenschaft, die seit Jahrzehnten vor der Klimakatastrophe warnt! Weißt du eigentlich, was da auf uns zukommt?« Konrad wusste, was auf ihn zukam: die nächste einstudierte Predigt. »Hungersnöte, Überflutungen, Dürren, Wasserknappheit. Millionen werden sterben und über hundert Millionen werden sich auf den Weg machen. Schon heute …«
Weiter kam sie nicht, denn plötzlich war Motorenlärm zu hören. Hochtourig. Wie eine mechanische Gelse. Beide blickten sie zum offenen Fenster und sahen einen übergewichtigen Mann auf einem Moped auf den Hof zurasen. So schnell es das Moped eben erlaubte. Ohne Helm und in einem blauen Arbeitsoverall mit kurzen Ärmeln. Konrad erkannte das Gesicht erst spät – so überrascht war er vom Anblick.
»Wer ist das und was will er hier?«, fragte Nele. Sie war aufgestanden und sah plötzlich blass aus. Die Hitze der geführten Debatte war aus ihrem Gesicht gewichen. Offensichtlich war sie seit dem Zwischenfall auf der Straße verschreckt – zumindest, wenn sie nicht gerade mit Konrad diskutierte.
»Ich hab’ keine Ahnung, was er hier will«, antwortete Konrad ohne seinen Blick vom Fenster abzuwenden. »Aber du müsstest ihn kennen.« Die Teenagerin ließ ein verwirrtes »Hä?« hören. Es war offensichtlich, was sie dachte: Sie kannte hier in der Gegend doch so gut wie niemanden. »Das ist der Nachbarbauer deiner Oma«, erklärte Konrad. Der Mann hieß Veit und war im ganzen Ort dafür bekannt, fünf Töchter zu haben, die gemeinsam musizierten. Genre: Volkstümlicher Schlager. Größter Hit: ›Morgen ist auch noch Zeit‹. Er hatte im vergangenen Monat seinen 55. Geburtstag gefeiert und ungefähr genauso viele Kilo zu viel auf den Rippen.
»Oh«, sagte Nele leise.
»Oh?«, fragte Konrad zurück, während Veit vor dem Hof anhielt und aus ihrem Blickfeld in Richtung der Haustür verschwand. Und zwar in einem überraschend hohen Tempo für seine Gewichtsklasse.
»Dann weiß ich, was er hier will«, sagte Nele leise und setzte sich ohne ein weiteres Wort wieder auf die Eckbank. Konrad kam nicht mehr dazu, die naheliegende Rückfrage zu stellen, denn im selben Augenblick hörte man Veit bereits im Vorraum nach Konrad rufen und kaum später stand der Mann in der Küche. Mit hochrotem Kopf. Und offensichtlich wütend.
»Warum kommst du denn mit einem Moped?«, fragte Konrad. »Ich hab’ dich noch nie mit einem Moped gesehen.«
»Das kann ich dir sagen!«, schrie der Mann und zeigte auf Nele, die erstaunlicherweise seinem Blick standhielt. »Weil dieses Luder da einen Reifen meines Traktors aufgeschlitzt hat!« Veit hatte Mühe, die Worte hervorzubringen. Schon die wenigen raschen Schritte vom Hof bis in die Küche hatten ausgereicht, um ihn außer Atem zu bringen. Schweißtropfen rannen über seine Stirn.
»Woher weißt du das?«, fragte Konrad. »Und warum weißt du, dass sie bei mir ist?«
»Ich hab’ den Matthias getroffen«, erklärte Veit, noch immer keuchend. »Und dann hab’ ich eins und eins zusammengezählt. Als ich den kaputten Reifen gesehen hab’.«
Konrad blickte zuerst ihn, dann Nele skeptisch an.
»Mit den dünnen Armen?« fragte er. Veits Mimik zeigte, dass er verstand.
»Weiß auch nicht, wie sie es geschafft hat«, erwiderte er. »Aber das kann doch kein Zufall sein! Zuerst klebt sich diese Klimaverbrecherin auf dem Asphalt fest …«
»Klimaverbrecherin?« Nele klang als hätte sie sich verschluckt. »Wenn hier jemand ein Verbrecher ist, dann sicher nicht ich! Sondern du! Deswegen habe ich ja …« Sie brach ab, aber zu spät.
»Ha!«, rief Veit triumphierend. »Du gibst es also zu!«
»Was denn sonst!«, brach es aus Nele hervor. Ihre Stimme zitterte. »Und ich würde es wieder tun! Tiertransporte gehören verboten!«
»Was?«, schrie Veit fassungslos. »Du meinst … du hast …« Ungläubig schüttelte er seinen Kopf während er seinen Blick zwischen dem Mädchen und Konrad hin- und herwandern ließ. »Sie hat geglaubt«, sagte er zu Konrad, »mein Anhänger ist ein Tiertransporter?!« Er wandte sich wieder zu Nele und stierte sie an, als wolle er sie im nächsten Moment erwürgen. »Das, was du für einen Tiertransporter gehalten hast, ist ein gottverdammter Miststreuer!« Einen langen Augenblick herrschte Stille in der Küche. Wieder waren nur die verflixten Fliegen über dem Herd zu hören.
»Darum geht es nicht, und das weißt du«, sagte Nele irgendwann in das Schweigen hinein. Der dicke Bauer runzelte seine verschwitzte Stirn, setzte zu einer Antwort an, hielt aber plötzlich inne und holte stattdessen sein Telefon aus der Tasche.
»Ha! Du wirst dich noch anschauen«. Grinsend wählte er eine Nummer und drückte das Handy an sein Ohr. »Du wirst dich noch anschauen«, wiederholte er drohend. »Servas«, begann er dann ein Telefonat, in dem Worte wie ›Sachbeschädigung‹ und ›Terrorismus‹ fielen. Und dazwischen immer wieder ›eine junge Deutsche‹.
Konrad sah Nele fragend an. Sie aber zuckte bloß mit den Schultern, als hätte sie mit alldem nichts zu tun. Souverän und abgeklärt. Er hatte ihre zittrige Stimme jedoch noch im Ohr und wusste – oder glaubte zu wissen – dass sie nicht so selbstsicher war, wie sie tat. Oder wie sie gerne sein wollte. In Wahrheit musste sie panische Angst haben. Alles andere wäre für so ein junges Ding erstaunlich gewesen. Aber was wusste er schon von heutigen Teenagern.
»Die Polizei kommt gleich«, sagte Veit zufrieden nachdem er aufgelegt hatte. »Und dann kannst du dich warm anziehen«, fügte er hinzu, wieder mit seinem Zeigefinger auf Nele deutend. »Das wird teuer. Richtig teuer.«
Es war unmöglich, aus Neles Miene etwas abzulesen.
»Apropos warm«, sagte Konrad. »Magst ein kaltes Bier?« Er wollte die Situation entschärfen: Es war richtig und nachvollziehbar, dass Veit die Polizei angerufen hatte. Nun würde alles seinen geregelten Gang gehen – eine weitere Eskalation brauchte es jedoch nicht. Und schon gar nicht in seiner Küche.
Veit sah ihn kurz überrascht an, dann nickte er.
»Ich will auch eins«, ließ Nele hören. Wo zuvor die Stimme gezittert hatte, war nun Trotz. »Aber zahlt sich das überhaupt noch aus, wenn gleich die Polizei kommt, um mich, die große Klimaverbrecherin, zu verhaften?« Ohne Zweifel versuchte sie Veit zu provozieren. Aber es funktionierte nicht.
»Der brauchst du nichts bringen«, erwiderte dieser gelassen und ließ sich ächzend auf die andere Seite der Eckbank nieder. »Die bekommt eh gleich Wasser.« Er grinste. »Im Gefängnis gibt’s nämlich nichts anderes, hab’ ich gehört.«
Konrad war versucht, der Deutschen aus der Großstadt zu erklären, was es bedeutete, wenn jemand am Land sagte, die Polizei würde ›gleich‹ kommen. Der nächste Posten war drei Gemeinden entfernt. Die Zeit, als es noch in jedem Ort eine Gendarmerie gab, wie es damals geheißen hatte, war lange vorbei. Selbst wenn die Polizisten gerade nichts Besseres zu tun hatten, würde es dauern; stattdessen aber fragte er:
»Wie alt bist du eigentlich?«
»Achtzehn«, war Neles unverzügliche Antwort.
»Gut«, ließ Veit nicht weniger prompt hören. »Dann ist der Richter nicht so zimperlich mit dir.« Konrad ging auf das Zwischenspiel seiner beiden Gäste nicht ein.
»Kriegst trotzdem kein Bier«, sagte er. »Wenn du Durst hast, trink deinen Saft aus.« Und an Veit gewandt fuhr er fort: »Ich hol’ uns zwei kalte Flaschen aus dem Keller. Diese Hitze ist ein Wahnsinn.« Der Bauer nickte und wie zur Zustimmung wischte er sich erneut den Schweiß von seiner Stirn. Selbst die alten Landwirte in der Gegend konnten sich an keinen heißeren Sommer als den heurigen erinnern. Die Böden der Wiesen waren ausgedorrt. Die Landschaft mehr braun als grün. Bei der Heuernte war es zu zwei Bränden im Bezirk gekommen. Solche Geschichten kannte man eigentlich nur aus der Zeitung. Und zwar aus Südeuropa.
Konrad war dankbar, als ihn die kalte Luft der Kellerstiege umfing. Hier unten war es nicht nur angenehm kühl, es roch auch noch genauso wie in den Tagen seiner Kindheit: nach Most, selbstgemachtem Essig und eingelagerten Äpfeln. Er stieg die steile Treppe hinab und war gerade unten bei der Kiste Bier angekommen, als er Veit schreien hörte.
Konrad holte Veit auf dem Vorplatz des Hofs ein.
Der dicke Bauer japste nach Luft und brachte kein einziges Wort hervor, Konrad aber verstand auch so, was gerade passierte, wenngleich er es nicht fassen konnte: Die Deutsche war dabei, sein Auto zu stehlen. Konrad flog an Veit vorbei und wie bei einer Staffelübergabe blieb dieser einfach stehen.
»Dieses Luder«, hörte Konrad Veit von hinten schimpfen. »Ist einfach losgerannt … wie der Teufel!« Und genau das war es auch, was Konrad tun musste, wollte er noch verhindern … aber im selben Augenblick begriff er, dass es dafür bereits zu spät war. Während er noch den Vorplatz überquerte, drehten die Hinterreifen des Wagens bereits am Schotter durch. Kieselsteine flogen gegen die Stallmauer. Nele trat ins Gaspedal, beschleunigte den Mitsubishi in Richtung des Silos und würde in wenigen Sekunden auf den Güterweg einbiegen. Und verschwunden sein.
Konrad konnte sie nicht mehr aufhalten. Das wusste er. Was er hingegen nicht wusste, war, warum er nicht einfach stehenblieb, sondern sich auf Veits Moped schwang, den Motor startete und den Gasgriff mit einem so heftigen Ruck drehte als wäre er wieder sechzehn.
Es war völlig aussichtslos, die Deutsche einzuholen. Sein Mitsubishi mochte alt sein, aber noch immer schneller als das klapprige Moped unter seinem Hintern. Und selbst wenn er die Deutsche einholte – wie sollte er sie zum Anhalten bringen? Das hier war das echte Leben und keine Folge einer schlechten Autobahnpolizeiserie im deutschen Fernsehen.
Und trotzdem gab Konrad Gas.
Als er beim Silo ankam, sah er, wie der Wagen – sein Wagen – in der nächstgelegenen Kurve der Straße hinab in Richtung des Ortes verschwand. Spätestens nun hätte er stehenbleiben sollen. Die Polizei kam ohnehin ›gleich‹ und dann würden sie eben zwei statt bloß einer Straftat anzeigen: Traktorreifen zerstechen und Diebstahl. Damit zahlte es sich für die Uniformierten wenigstens aus, extra den Berg raufgekommen zu sein. Konrad aber blieb nicht stehen. Nicht nur Wut trieb ihn an, es wäre ihm auch peinlich gewesen, vor Veits Augen wieder vom Moped abzusteigen. Was wäre das denn für eine Aktion gewesen? Wie ein Trottel zum Moped zu laufen und einen fulminanten Wheelie hinzulegen, nur um nach wenigen Metern schon wieder stehenzubleiben?
Die 2,4-Sekunden von Le Mans?
Wenn schon eine Trottelaktion, dann eine richtige, und so lenkte Konrad in den Güterweg ein ohne sich noch einmal nach Veit umzudrehen.
Wie konnte jemand so undankbar sein, fragte er sich im selben Moment. Er hatte Nele mit nach Hause genommen, versorgt, ja sogar zu trösten versucht, als sie auf der Straße geweint hatte, und das war der Dank dafür? Was bildete sich dieses junge Ding eigentlich ein? Dass sie hier tun und lassen konnte, was sie wollte? Nur weil sie aus der großen Stadt kam? Nur weil sie bei irgendeiner Klimasekte war? Matthias hatte Recht gehabt: So Gören gehörten ins Gefängnis.
Nele musste an Veit einfach vorbeigelaufen und sich den Autoschlüssel vom Schlüsselbrett neben der Küchentür geschnappt haben; wahrscheinlich hatte sie schon die ganze Zeit ein Auge darauf geworfen. Bis der dicke Veit auch nur von der Eckbank aufgekommen war, musste die Deutsche schon bei der Haustür gewesen sein.
Dumm war die Kleine jedenfalls nicht.
Aber dreist.
Mehr als das: kriminell.
Konrad hatte erwartet, den Mitsubishi nach der nächsten Kurve wieder nur kurz zu sehen, bevor dieser im Wald vom Hintergurgler verschwinden würde, wenn überhaupt, aber: Da war er! Und zwar gar nicht mal so weit vor ihm! Nele hatte noch nicht einmal die Bank passiert, auf der Wanderer gerne Rast machten, um auf die Wallfahrtskirche unten im Ort zu blicken. Konrad musste also aufgeholt haben, aber wie konnte das sein? Er mochte ein Talent für Zweiräder haben, zumindest hatte er sich das als Teenager immer eingeredet, ein Valentino Rossi aber war er dann doch nicht. Und ein Moped war eben bloß ein Moped. Eigentlich hätte er chancenlos sein müssen. Nur wenige Augenblicke nach dem Sichtkontakt verstand er jedoch den Grund für seine Aufholjagd – und er hatte rein gar nichts mit ihm zu tun: Nele fuhr schlicht und ergreifend unfassbar langsam.
Überlegte sie, aufzugeben, sprich auszusteigen und sich für ihre Tat zu entschuldigen? Oder war sie tatsächlich kaltschnäuzig genug, um mit ihm zu spielen? Ließ sie ihn absichtlich näherkommen, um ihn dann wieder abzuhängen? Weil sie Spaß daran hatte, andere zu quälen? Nein, der Grund war ein anderer, schoss es Konrad durch den Kopf.
Es lag an Hamburg.
Die Teenagerin mochte an Straßenbahnkreuzungen und sechsspurige Autobahnen gewohnt sein, nicht aber an enge Güterwege, neben denen es steil bergab ging. Wer hier in den Bergen die Straße verfehlte, wachte im Krankenhaus auf. Wenn er Glück hatte. Wo die Einheimischen locker den vierten Gang einlegten, gingen die Ausflügler aus den umliegenden Städten vorsichtig vom Gas. Wie musste es da erst einem jungen Ding aus dem flachen Hamburg ergehen? Wahrscheinlich hatte die Deutsche also schlicht Angst.
Auch im Schatten der Bäume des Hintergurgler Waldes wurde der Mitsubishi nicht schneller, im Gegenteil: Konrad schloss endgültig auf. Im selben Moment begann er zu schreien: Sie solle sofort stehen bleiben, die Polizei würde sie ohnehin kriegen, es sei völlig wahnsinnig, wie könne man nur so verrückt sein … Aber Nele tat, als würde sie ihn nicht hören, und vielleicht hörte sie ihn auch tatsächlich nicht, also gab Konrad das Schreien irgendwann wieder auf. Er war ohnehin beschäftigt: Während das Auto in quälender Langsamkeit weiter den Berg hinabkroch, musste er immer wieder bremsen, um nicht auf die Stoßstange aufzufahren.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen sie unten im Ort an. Links lag die im Sommer verwaiste Volksschule mit den großen, regenbogenfarbenen Buchstaben, rechts der Parkplatz des ehemaligen Fleischhauers, der vor langer Zeit geschlossen hatte. Hier, im Ortskern, war die Straße endlich breit genug für ein Überholmanöver, und Konrad ließ sich nicht lange bitten. Er scherte aus und wollte sich gerade an seinem Mitsubishi vorbei drängeln, als geschah, was zu befürchten gewesen war: Der Wagen wurde schneller. Hier unten trauten sich selbst die Stadtleute ein höheres Tempo zu.
Ohne stehenzubleiben missachtete Nele den Vorrang der Hauptstraße. Diese verdammte Idiotin würde sein Auto noch zu Schrott fahren, dachte Konrad fluchend. Auf dem Ortsplatz zwischen der Kirche und dem ›Steininger‹ machten zwei Kinder mit ihren Rädern enge Achter. Konrad war froh, dass Nele nicht in Richtung des Wirtshauses einbog, sondern weiter der zweispurigen Landstraße folgte – froh für die Kinder und deren Eltern. Denn mittlerweile bezweifelte er, dass die Deutsche auch nur irgendeine Ahnung davon hatte, wie ein Auto, geschweige denn der Straßenverkehr funktionierte. Jedes Mal, wenn Nele schaltete, heulte der Motor verzweifelt auf; auch schien ihr nicht klar zu sein, dass man nicht ständig schalten musste. Selbst für eine erste Fahrstunde wäre das eine peinliche Darbietung gewesen.
Die Verfolgungsjagd – wenn man sie denn eine ›Jagd‹ nennen konnte – führte die Friedhofsmauer entlang. Eine alte Frau goss die dürstenden Blumen eines Grabs und richtete sich auf, um zur Straße zu schauen, wie man am Land eben zur Straße schaute, wenn ein Auto vorbeikam. Vor allem, wenn es so ein lärmendes war.
Im selben Moment erkannte Konrad sie: Es war seine Mama. Und sie musste auch ihn erkennen, denn ihre Stirn legte sich in Falten. Saß da tatsächlich ihr Sohn auf einem Moped? Sie schien an ihrer Sehkraft zu zweifeln, und mit absoluter Sicherheit stellte sie sich noch eine zweite, dringendere Frage: Wieso zur Hölle trug er keinen Helm?
