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Ein Nahtoderlebnis verleiht Polizistin Iris Artem eine eigenartige Superkraft. Lokalreporterin Vanessa Braun stolpert wiederholt über befremdliche Ereignisse. Plüsch Hansi entwickelt sich zum unkonventionellen Problemlöser. Morteza Akbarzai wird gegen seinen Willen in die Rolle des spirituellen Meisters gedrängt.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Ausgesperrt
Mittendrin
Kontrolle
Auf der Lauer
Gegenüber
Nachspiel
Anmerkungen zu Alooche:
Impressum
Ein Nahtoderlebnis verleiht Polizistin Iris Artem eine eigenartige Superkraft.
Lokalreporterin Vanessa Braun stolpert wiederholt über befremdliche Ereignisse.
Plüsch Hansi entwickelt sich zum unkonventionellen Problemlöser.
Morteza Akbarzai wird gegen seinen Willen in die Rolle des spirituellen Meisters gedrängt.
I.
War Iris Artem auf einer Empore, einer Galerie oder auf einem Balkon gestanden? Im Stadttheater hätte sie es genau gewusst, aber in der muffigen, heruntergekommenen Lagerhalle war ihr das nicht so klar. Vermutlich hatte sie sich durch diese dämliche Überlegung ablenken lassen, war einen kurzen Moment nicht konzentriert gewesen, war irgendwo angestoßen, kleines Geräusch verursacht. Mist!
Die Reaktion kam unverzüglich. Sie hatte naiv geglaubt von der Dunkelheit perfekt geschützt zu sein, doch Perfektion gibt es vor allem in solchen Situationen nicht. Plötzlich war die gesamte Lagerhalle hell erleuchtet und sie stand ungeschützt in grellem Licht! Anstatt spontan in Deckung zu gehen, war sie auch noch wie angewurzelt stehen geblieben. Total bescheuert! Die perfekte Zielscheibe! Dann war es auch schon passiert. Angeschossen und nach vorne gestolpert, gefallen, immer tiefer bis zum harten Beton am Ende des Abgrunds.
Es hatte nicht einmal richtig weh getan. Iris war auch nicht einmal überrascht gewesen, als es passierte. Es war als hätte sie schon längst gewusst, dass es genau so und nicht anders kommen würde. Einige Augenblicke zuvor noch stinkwütend, beobachtete sie jetzt die Situation zwar immer noch verwundert jedoch eigenartig emotionslos. Die beiden Kollegen, von denen einer ohne zu zögern auf sie geschossen hatte, beschuldigten die Ganoven an dem entstandenen Schlamassel schuld zu sein. Die wollten das nicht auf sich sitzen lassen und maulten zurück, wobei ihre zahlenmäßige Überlegenheit ganz offensichtlich ihr wichtigstes Argument war. Lächerlich sich über so etwas aufzuregen! Nur einer der kriminellen Zeitgenossen, ein unscheinbar wirkender Zeitgenosse aber offensichtlich ihr Anführer, behielt die Ruhe und machte klare Ansagen.
„Klappe! Ihr sagt einfach ihr seid in der Dunkelheit überrascht worden. Schlägerei, Schusswechsel und die dämliche Kollegin ist einfach nur rumgestanden und von einem Querschläger getroffen worden!“
„Es sieht hier aber überhaupt nicht nach Schlägerei und Schusswechsel aus...“ „Lässt sich ja ändern …..“
Wenig später sackte der eine, dem man ohne Vorwarnung eine Wodkaflasche über den Kopf gezogen hatte, bewusstlos zu Boden. Der andere jammerte wie ein Kleinkind, weil ihm der unscheinbare Anführer emotionslos einen Schuss ins Bein verpasst hatte. Das Mitleid hielt sich bei Iris in Grenzen.
„Jammer nicht so dämlich rum! Bist doch Profi oder was? Ist doch nur ein verdammter Steckschuss!Wir sind dann gleich weg! Gib uns einfach 5 Minuten, dann könnt ihr von mir aus dem Notarzt etwas vorjammern und Verstärkung rufen. “
Iris bewegte sich unbemerkt zwischen den Anwesenden, sah in ihre Gedanken, die ihr verblüffend stumpf gleichzeitig aber auch erstaunlich effizient schienen. Alle wussten offenbar genau was zu tun war. Nur der sonst immer so coole Kollege nervte mit seinem plakativ zur Schau getragenem Selbstmitleid. Dann waren da aber auch noch drei Mädchen. Sie waren widerstandslos aus dem Kleinlaster gezogen und auf die Rückbank eines Suv's gesetzt worden. Sahen aus als hätte man sie direkt vom Schulhof eingesammelt und wirkten auf den ersten Blick stumpf und teilnahmslos, während sie auf ihren Sitzen hockten. Vermutlich hatte man sie gehörig unter Drogen gesetzt, doch eine von ihnen schien hellwach zu sein und das Geschehen um sie herum diskret aus den Augenwinkeln zu beobachten.
„Wer bist Du?“, fragte sich Iris und sah ihr dabei kurz in die Augen. Zu ihrer Verwunderung schienen sich ihre Blicke mit denen des Mädchens nicht nur zu kreuzen, sie schaute ihr direkt ins Gesicht. Antwortete ihr, aber nicht indem sie ihr ihren Namen verriet sondern mit einer Litanei von Gebeten in einer exotisch anmutenden Sprache. Hält sie mich für einen Engel, fragte sich Iris mit einem verstecktem Lächeln.
„Ich hole euch hier raus!“, flüsterte sie dem Mädchen zu und wunderte sich dabei. Anscheinend konnte sie nicht nur gesehen werden sondern sich auch mit anderen Menschen unterhalten! Seltsam!
Erst danach wunderte sich Iris über das Versprechen, das sie gerade gegeben hatte.
Wie soll ich denn diesen Mädchen helfen können, wenn ich leblos auf dem Boden liege?
Sie betrachtete nun den leblosen Körper der in der Dunkelheit auf dem Boden lag, unbeachtet in einer Ecke der Lagerhalle, zuerst von einer Kugel getroffen und danach mehrere Meter hinunter auf den kalten Betonboden gefallen. Da war wohl nicht mehr viel zu holen. War sie dieses leblose Etwas gewesen oder war sie es immer noch? Sie musste erst einmal tief einatmen. Das fand Iris sehr verwunderlich. Sie holte noch einmal Luft. Es roch um sie herum nach Motoröl, Gummiabrieb, Abgasen und Schweiß.
Warum kann ich so etwas riechen? Warum muss ich atmen? Am Ende doch noch nicht ganz tot?
II.
Hatte Iris wirklich von Anfang an gewusst wie der Einsatz enden wird? Während sie leblos auf dem Boden lag, war sie sich dessen total sicher. Von Anfang an glaubte sie genau gewusst zu haben wie diese bescheuerte Aktion enden würde, war davon hundert Prozent überzeugt. Dieses Gefühl hatte sich aber wenige Stunden zuvor noch sehr gekonnt versteckt.
Bei unerwarteter Mehrarbeit am Besten immer erst maulen! Iris war es schwer gefallen bei diesem unerwarteten Späteinsatz überzeugend genervt zu wirken. Endlich einmal etwas anderes als der tägliche, deprimierende Papierkram. Egal ob es um häusliche Gewalt oder Kindeswohlgefährdung ging, es war immer die selbe nervtötende Zeitverschwendung. Gutachten einholen, Protokolle schreiben und der ganze Kram der damit verbunden ist.
„Und hier bitte unterschreiben!“ „Ich weiß aber gar nicht ob ich das unterschreiben will!“ „Wollen Sie denn keine Anzeige erstatten?“ „Es war doch gar nicht so schlimm!“
„Das nächstes Mal sind es aber vielleicht nicht mehr nur ein blaues Auge und Prellungen!“ „Aber jetzt ist doch alles wieder super!“
„Na dann bis zum nächsten Mal!“
Der Einsatz an diesem Abend versprach zumindest etwas Abwechslung, vielleicht sogar eine ordentliche Portion Nervenkitzel. Ein anonymer Hinweis auf Menschenhandel! Minderjährige Mädchen aus Moldawien oder der Ukraine, Übergabe zehn Uhr Abends und eine Adresse. Mehr gab es wohl im Moment noch nicht oder man hatte ihr nichts davon sagen wollen. Den Einsatz sollten zwei erfahrene Kollegen leiten, offiziell sollte es Iris Aufgabe werden sich um die Mädchen zu kümmern. Ihr Eindruck war aber vielmehr, dass sie sicherstellen sollte, dass die beiden Kollegen die jungen Dinger nicht gleich als erste vernaschen. Sie kannte die zwei nun schon seit über 10 Jahren! Das war genug!
Der eine, knapp über 50 war Leiter des Kampfsportteams des Polizeipräsidiums. Iris war ein einziges Mal hingegangen. Zwei Stunden lang hatte er demonstriert wie unglaublich cool er drauf ist, hat die unerfahrenen Kollegen gnadenlos mit fiesen Tricks blamiert und versucht so bei den weiblichen Teilnehmerinnen zu punkten. Hatte bei Iris nicht funktioniert, obwohl sie ohnehin sicher nicht mehr in sein Beuteschema passte.
Der andere, 15 Jahre jünger als sein Partner, mimt unentwegt den übereifrigen Spitzenbeamten. Hat für alle Kollegen liebevolle Ratschläge, ist an der Kaffeemaschine bereit die Polizeiarbeit zu revolutionieren und schleimt sich kurz danach in Dienstbesprechungen hemmungslos bei allen Vorgesetzten ein.
Aber man kann sich seine Kollegen nicht aussuchen. Lex, der Ältere der beiden schaute kurz vor dem offiziellen Dienstschluss in Iris Büro vorbei.
„Wie haben heute gemeinsam Nachtdienst, Feierabend können wir uns wohl abschminken! Bisschen drüber quatschen? Soll ich dir einen Kaffee holen?“ „Nein Danke!“
Er setzte sich ungeniert auf ihren Schreibtisch. Das nervte, aber Iris hatte in ihrem winzigen Büro gar keine andere Sitzgelegenheit für Besucher.
„Wird vermutlich kein großes Ding heute Nacht, aber wir sollten trotzdem früh genug dort sein!“ „Das heißt?“ „Denke wenn wir gegen halb neun auf unserem Posten sind, sollte das reichen. Dann einfach schauen was auf uns zukommt. Wenn überhaupt etwas passiert ….“
„Ist denn der Hinweis etwas wert?“ „Kann man nie wissen! Meistens sind solche angeblichen Tipps nur Müll und wir sitzen dann ein paar Stunden rum und können Däumchen drehen. Haben wir aber Glück, kommt der Hinweis von einem Kunden der kalte Füße bekommen hat, weil er zum Liefertermin nicht das nötige Kleingeld zusammenkratzen konnte. Dann verpfeift er lieber die Kumpels als sich selbst zu blamieren.“
„Das kommt vor?“ „Hatten wir alles schon. Dann haben wir im besten Fall einen Fahrer, der den Unschuldsengel spielt und angeblich von nichts eine Ahnung hatte. Am nächsten Tag lassen wir ihn dann notgedrungen wieder laufen, zumindest meistens. Aber wenigstens können wir dabei entweder ein paar Mädels rausholen oder Stoff aus dem Verkehr ziehen.“
„Dann lohnt sich doch der Aufwand. Wohin soll es heute gehen?“ „In der Schlatt 20! Das ist die Adresse die angesagt wurde. Ist eine abgewrackte Lagerhalle neben einem Schrottplatz. Wir haben einen alten Bulli bekommen der dort nicht auffällt. Schlage vor du fährst und beobachtest die Lage von außen. Ich gehe mit Gregor rein und wir warten dort diskret ob sich etwas tut. Einverstanden?“
„Klingt gut!“ „Auf dem Weg können wir bei einem Discounter stehenbleiben und uns was zum Futtern besorgen. Überleg' dir auch wie du die Zeit durch bringen willst. Drei, vier Stunden herumsitzen und nichts tun kann einem ganz schön auf den Keks gehen.“
„Werde es überleben...“
Der Kollege ging und Iris blieb überrascht zurück. Das war zum ersten Mal ein Gespräch mit Lex gewesen, das ganz ohne die übliche Machosuperbullennummer abgelaufen war. Vielleicht war er doch nicht so schlimm wie Iris immer gemeint hatte...
Für vier Stunden Nachtdienst sollte sie sich eigentlich den kommenden Freitag freinehmen können. Vielleicht mal wieder Fahrrad fahren oder einfach nur vor der Glotze rumhängen? Während Iris über ihre Wochenendplanung sinnierte, bereitete sie sich halb mechanisch auf ihren bevorstehenden Einsatz vor. Dienstwaffe hatte sie ohnehin keine, Pfefferspray als Waffe der Hilflosen könnte nützlich werden, einen kleinen GPS-Sender mit eingebautem Mikro hatte sie immer an ihrem Schlüsselbund aber das wichtigste lag im Kühlschrank neben der Kaffeemaschine. Zwei Kiwi-Smoothies vom Vortag, noch einen Tag würden sie sicher nicht überstehen. Waren ein Sonderangebot aus der Aktionskiste im Supermarkt gewesen, die mussten unbedingt mit!
III.
Der klapprige Bulli stand unter einer Gruppe von Platanen und Holundersträuchern. Aber damit war es mit der malerischen Umgebung auch schon wieder vorbei. Direkt daneben: Müllcontainer die offenbar seit Monaten nicht mehr geleert worden waren, der Eingang zum verlotterten Schrottplatz nur wenige Meter entfernt, die heruntergekommene Lagerhalle in Sichtweite vor ihnen. Willkommen in der Banalität!
Die Kollegen schauten andauernd auf ihre Armbanduhren, es war bei ihrer Ankunft am Ende doch deutlich später als halb neun geworden, also höchste Zeit sich in Position zu bringen. Sie benahmen sich ganz anders als Iris es erwartet hatte. Keine idiotischen Witze, keine Machosprüche, immer total politisch korrekt. Gregor gab ihr andauernd Ratschläge was, wann, wie zu machen wäre. Dabei hatte sie sicher fünf Dienstjahre mehr als er auf dem Buckel, wurde trotzdem wie eine blutige Anfängerin behandelt. So etwas nervt! Besonders weil sich Iris eingestehen musste, dass sie für solche Einsätze tatsächlich eine blutige Anfängerin war.
Der Einsatz wirkte auf Iris, gerade wegen der demonstrativen Gelassenheit der Beiden etwas eigenartig.
„Was wenn eine bewaffnete Bande auftaucht?“ „Cool bleiben! Einfach aus dem Hintergrund beobachten und auf Verstärkung warten.“
Woher sollte aber diese Verstärkung kommen? Von der Direktion war keine besondere Bereitschaft angesagt worden und bei der aktuellen Personallage....
„Bleib locker! Wir werden uns sicher nur stundenlang den Arsch abfrieren!“
Bin ich wirklich nur eine naive Ahnungslose oder ist soviel besänftigende Routine doch etwas dick aufgetragen? Während sich Iris solche Fragen stellte, spielte sie mit ihrem Schlüsselbund. Öffnete das kleine Ledertäschchen, das an ihrem Autoschlüssel hing, schob ihren GPS-Sender mit dem Mikro hinein und steckte danach alles diskret in eine der Jackentasche des Kollegen Lex.
Eigentlich total bescheuert! Die Kollegen überwachen ist total daneben, obwohl es offiziell immer heißt, dass eigentlich genau das immer getan werden sollte. Egal! Nach dem Einsatz den eigenen Autoschlüssel suchen. „Hat vielleicht einer von euch aus Versehen meinen Autoschlüssel eingesteckt?“ Die werden sicher nichts merken....
Lex und Gregor stiegen aus. Sagten kein Wort mehr und verschwanden, mit entsicherten Waffen in der Dunkelheit. Iris schaltete ihr Handy ein und hörte so die Unterhaltung der beiden mit. Sie lächelte. Jetzt quatschten sie genau so wie sie es von ihnen erwartet hatte, aber was sie sagten erstaunte sie doch gewaltig. Weiter herumsitzen und Däumchen drehen? Iris musste nicht lange überlegen.
IV.
„Keine Ahnung welcher Idiot uns diese Sesselfurzerin aufgebrummt hat!“
„Reg dich ab! Wenn minderjährige Mädchen im Spiel sind, müssen sie immer eine Tussi
mitschicken! Geht gar nicht anders!“
„Hast ja Recht! Warum müssen diese Schwachköpfe auch alles gleichzeitig anschleppen, die
müssen doch wissen, dass es so nur unnötigen Ärger gibt!“
„Nachdenken war bei denen noch nie eine Stärke...“
Lex schob eine angelehnte Seitentüre der Lagerhalle auf. Alles sah wie erwartet aus. Die üblichen Verdächtigen warteten bereits. Ein Kleinlaster stand am gegenüber liegenden Ende der Halle. Motor lief noch, die Lichter waren aber ausgeschaltet.
Ein Motorrad stand in einer anderen Ecke, daneben ein sich bewegender, glühender Zigarettenstummel. Zu dem Zigarettenstummel gehörte ein 17jähriger Junge, der sich mit Kurierfahrten sein Taschengeld aufbesserte und sich bereits für einen coolen Superschurken hielt. Schade um ihn!
Daneben noch ein dicker SUV. Innenlicht war eingeschaltet, Gregor und Lex konnten Madame beobachten, die dabei war ihr Make-up zu überprüfen um beim bevorstehenden Treffen auch im Halbdunklen makellos wie immer dastehen zu können. Bei ihr saßen zwei ihrer üblichen Handlanger im Wagen. Alle warteten brav und geduldig auf die Polizei, denn angeblich kann sonst niemand so professionell und gewissenhaft eine Warenübergabe abwickeln.
Die Besatzung des Kleinlasters stieg als erstes aus. Die beiden Fahrer waren harmlos, mehr oder weniger. Lex und Gregor waren sie schon öfters begegnet. Zwei Idioten die sich mit illegalen Fahrten schwarz etwas dazu verdienten, im Ernstfall aber auch mal kräftig zulangen konnten. Aus dem Laderaum kam dagegen ein weitaus unangenehmerer Zeitgenosse.
„Name nicht wichtig, Geschäft wichtig!“ Das war seine Standartantwort bei Vorstellungen. Sie hatten es aber geschafft ihn einmal unbemerkt mit dem Handy zu fotografieren und danach durch den Polizeicomputer zu jagen. Heraus kamen fünf verschieden Namen und vier unterschiedliche Nationalitäten. Widerlicher Kerl aber trotzdem nur ein mittelgroßer Fisch. Vermutlich gerade deshalb so widerlich. Auf den ersten Blick ein unauffälliger Durchschnittstyp, der aber schnell ungemütlich werden konnte. Kalt, berechnend, brutal und vor allem betont unsportlich. „Vor dem Geschäft Wodka!“
„Wodka heute ohne uns! Es gibt Ärger!“ Gekonnt hatte sich Lex vor dieser Herausforderung gedrückt. Er wusste aus leidvoller Erfahrung wie solche Verbrüderungen enden würden. „Aber wir haben alles unter Kontrolle!“ beschwichtigte Gregor den bereits bedrohlich finster stierenden Name-nicht-wichtig!“ „Wir haben draußen eine Kollegin im Auto sitzen. Hat von nichts eine Ahnung. Wir wickeln alles sauber ab, danach wartet ihr brav und heimlich bis wir wieder weg sind. Sie darf nicht merken dass außer uns noch jemand hier ist. Wir sollten darum noch eine gute Stunde hier abhängen, bevor wir unseren Einsatz abblasen. Dienst ist Dienst! Berufsrisiko... Wodka holen wir später nach.“
Name-nicht-wichtig hatte keine Zeit mehr die beiden wegen der veränderten Lage anzuschnauzen, denn von da an lief alles schief. Verdächtiges Geräusch gehört, Licht eingeschaltet, Zeugin ausgepustet. Der Geschäftsablauf wurde dadurch deutlich beschleunigt. Lex und Gregor standen nicht mehr im Weg, der Junge packte eilig Tüten und Päckchen in seine Satteltaschen und brauste davon. Die Mädchen wurden unsanft aus dem Lieferwagen gezogen und zum SUV bugsiert, waren wenig später auch weg. Schwere Kisten wurden zuletzt abgeladen. Da Lex zu sehr mit sich selbst und seinen Leiden beschäftigt war um den Inhalte zu kontrollieren, erklärte Name-nicht-wichtig lautstark: „Alles da! Ihr habt die Liste!“ Danach wurden die Kisten, in denen alle erdenklichen Waffen und Mordwerkzeuge gelagert waren, in einem gemeinsamen Kraftakt in den „Saferoom“ geschleppt. Hinter dem coolen Namen verbarg sich das frühere Büro der Lagerhalle, der einzige Ort der mit einem Sicherheitsschloss versehen war.
Lex zählte gequält die Sekunden bis sich alle verzogen hatten. Erst danach konnte er den erlösenden Anruf tätigen.
„Wir sind in eine Schießerei geraten! In der Schlatt 20! Ich habe eine Schusswunde im Bein, Gregor ist bewusstlos und sicher auch schwer verletzt,....“
Beinahe hätte er die Kollegin Artem vergessen, die den Sturz von der Galerie vermutlich nicht überlebt hatte. Angeschossen mit einer Kugel aus seiner Dienstwaffe. Scheiße!
V.
Es war für Doktor Weingartner schon wieder einer dieser Tage geworden, die sich verheißungsvoll angekündigt hatten und dann doch, wie fast immer im totalen Stress endeten. Nur zwei belanglose kleine operative Eingriffe, für die er eigentlich als Chefarzt überqualifiziert war, standen an diesem Tag auf dem Programm. Es waren eben Privatpatienten. Danach ein bisschen Papierkram, den Patienten auf der Visite kurz „Hallo“ sagen und dem Gelabere der Assistenzärzte zuhören. Hätte ein gemütlicher Tag werden sollen, mit Zeit für ein ordentliches Mittagessen weit weg von der Krankenhauskantine und einem frühen Feierabend. Daraus war wieder einmal, wie so oft nichts geworden.
Die Routineoperationen entwickelten sich am Ende zu heiklen Drahtseilakten. Die Kollegen hätten die zu erwartenden Komplikationen eigentlich bei den Voruntersuchungen feststellen können, aber wer macht so etwas heute noch gewissenhaft! Als er sich am späten Nachmittag endlich verdrücken und auf sein Fahrrad schwingen wollte, fing der Ärger erst richtig an.
Panik im Aufwachraum, halb benebelter Patient brüllt herum und pinkelt massenhaft Blut. Zurück in den OP-Saal und noch einmal aufgemacht. Fehler erkannt, hätte eigentlich nicht passieren dürfen! Alles musste noch einmal gemacht werden, nur war es jetzt viel komplizierter. Als er endlich fertig war, musste er sich noch eine plausible Strategie zurecht legen. Was dem Patienten erzählen? Wie im Bericht die zweifache Operation erklären ohne sich damit selbst zu blamieren? Die Antwort auf diese Fragen verschob er auf den nächsten Tag, erst einmal abschalten und den ganzen Mist vergessen. Durchatmen, runterkommen, eine Kleinigkeit trinken und dann ab nach Hause. Die Kleinigkeit in seinem Glas war dann doch nicht so klein wie ursprünglich geplant, aber das war ihm zu dieser Zeit auch schon egal. Seit einigen Monaten fuhr er ohnehin immer mit dem Fahrrad in die Klinik, galt deshalb bereits bei allen Mitarbeitern und Kollegen als bekennender Ökofreak und Gesundheitsfanatiker, zumindest hoffte er das. Er war sich sicher, dass niemand den wahren Grund für sein vernachlässigtes Auto kannte. Er ärgerte sich jetzt noch über die Idioten bei der Verkehrskontrolle. Zum Fahren eines Kraftfahrzeugs wäre er ungeeignet gewesen, eine Operation am offen Herzen hatte er kurz davor perfekt hinlegt und niemand war auf die Idee gekommen seine Fähigkeiten dabei in Frage zu stellen.
Dann läutete auch noch das Telefon!
„Wir bekommen gerade drei Schwerverletzte in die Notaufnahme! Eine Frau ist in extrem kritischen Zustand. Die Bereitschaftsärzte haben wir schon verständigt, aber im Moment sind sie der einzige Chirurg im Haus!“ So endete ein Tag der sich verheißungsvoll angekündigt hatte. Noch ein kleiner Schluck und Dr. Weingartner war einmal mehr in seiner legendären, chefärztlichen Höchstform.
VI.
Alle waren so unglaublich besorgt, liebevoll bemüht und dabei total hektisch. Iris Artem fand das als außenstehende Beobachterin irgendwie süß, gleichzeitig auch total übertrieben. Sie rasten mit Affenzahn und Blaulicht durch die Stadt. Wozu sich so beeilen? Es wird doch ohnehin alles genau so kommen wie es kommen muss. Am Ende werden sie noch nichtsahnende Passanten überfahren, wenn sie weiter über jede rote Ampel rasen. Sie kamen in der Notaufnahme an, wurden bereits erwartet und in Windeseile an allen ungeduldigen und gehörig genervten Patienten vorbei geschoben. Total ungerecht! Die hatten sicher schon stundenlang gewartet und jetzt kümmerten sich plötzlich alle nur noch um sie.
Wenige Minuten später lag sie bereits im Operationssaal. Man entkleidete sie, setzte ihr eine Beatmungsmaske auf, schloss sie an alle möglichen Maschinen an. Ein Narkosearzt kam dazu, wusste was zu tun ist, gab klare Anweisungen. „Wer übernimmt die Operation?“ fragte er in die Runde. „Bereitschaftsdienst hat Lebert aber wir haben auch Tanner angerufen, er ist schon auf dem Weg!
