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Ende der 80er Jahre reist der Autor nach Taiwan um sich einer traditionell-chinesischen medizinischen Behandlung zu unterziehen. Wenige Tage später findet er sich, nach einem mehrtägigen Wachkoma in einem taiwanesischen Krankenhaus wieder. Ein langsamer Weg zurück ins Leben beginnt.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
I. Eine Frage nach weißem Licht
II. Erste Begegnung mit einem Dauergast
III. Ein Bett für einen Riesen
IV. Tücken des rationalen Denkens
V. Neugeboren oder fast
VI. Eine Superkraft die vor allem nervt
Schlafes Bruder
VII. Todesfahrt auf der Überholspur
VIII. Alle guten Dinge sind drei
IX. Spirituell umgekrempelt
X. Freundschaft mit dem Fremdeln
XI. Die Leichtigkeit der Nähe
XII. Der vollendete Tanzpartner
Der Autor
Impressum
Eine Frage nach weißem Licht
Erste Begegnung mit einem Dauergast
Eine Bett für einen Riesen
Tücken des rationalen Denkens
Neugeboren oder fast
Eine Superkraft die vor allem nervt
Todesfahrt auf der Überholspur
Alle guten Dinge sind drei
Spirituell umgekrempelt
Freundschaft mit dem Fremdeln
Die Leichtigkeit der Nähe
Der vollendete Tanzpartner Der Autor
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht von einem hellen Stern ein weißes Licht Barthold Brocke „Kirschblüte bei der Nacht“
Allmählich wird es dunkel, Kartoffeln liegen im Feuer, Getränke warten angenehm gekühlt auf uns. Kleine Abschlussparty auf der Wiener Donauinsel nach einem gemeinsamen, internationalen Kulturprojekt mit Jugendlichen. Jeder plaudert aus seiner persönlichen Geschichte. Was hat dich hierhergetrieben? Warum bist du gerade jetzt hier? Weshalb warst du früher ganz woanders?
Es ist ein bisschen anders als gewohnt. Niemand versucht sich selbst in Szene zu setzen, sondern man hört einander interessiert zu. Woanders sein ist eine meiner Stärken, deshalb bleibt das Gespräch bald bei mir hängen. Du arbeitest in Taiwan? Wie es dazu gekommen ist, soll ich natürlich auch sofort beichten.
Normalerweise begnüge ich mich in solchen Fällen mit einer unverfänglichen Kurzfassung und schwafle etwas von Einladungen, Bekanntschaften und beruflichen Gelegenheiten. An diesem Abend mute ich meinen Zuhörern die etwas persönlichere und komplexere Version zu, die zu meinem aktuellen Pendlerleben zwischen Österreich und Ostasien geführt hat. Man hört interessiert zu, nach einiger Zeit fragt eine der Kolleginnen: „Und ganz am Ende? Hast Du auch das weiße Licht gesehen? Die Antwort fällt mir nicht leicht. Muss erst einmal in Gedanken ein einen großen Schritt zurück machen.
Es ist schwül warm, weit über dreißig Grad, ganz anders als auf der Wiener Donauinsel an diesem angenehmen Sommerabend. Ich liege auf einem Bett in einem kleinen Zimmer und schaue auf ein vergittertes Fenster. Vergitterte Fenster sind hier ganz normal. Der nächste Taifun kommt bestimmt und dann möchte niemand, dass des Nachbars Fahrrad durchs Schlafzimmerfenster fliegt. Gegen Einbrecher schützt so etwas natürlich auch. Die kommen so schwerer rein und ich dafür ganz sicher nicht raus.
Wie lange liege ich hier schon? Keine Ahnung, ist mir eigentlich auch egal! Es wundert mich immer noch, dass ich mich in keiner Weise gewehrt hatte. Bereitwillig hatte ich alles mit mir machen lassen, ohne jede Widerrede. Da liege ich jetzt.
Auch hier könnte ich eigentlich immer noch rebellieren, zumindest theoretisch. Das Wollen-können ist das Handicap der Rebellion! Müsste doch eigentlich nur aufstehen, das Fenster aufschieben und durch die Vergitterung um Hilfe rufen. Wäre theoretisch möglich, zumindest wäre es einmal möglich gewesen, früher, irgendwann. Aber diese Zeit scheint jetzt weit weg. Vor dem Fenster höre ich lebhaftes Markttreiben, viele Leute scheinen am Feilschen und Plaudern zu sein. Könnte es doch wenigstens versuchen! Vielleicht würde mich sogar jemand verstehen, wenn ich „Help!“ oder „Ju-bi-lai!“ rufen würde. Viel früher hätte ich mich wehren müssen, jetzt scheint es zu spät zu sein.
Mit kritischem Denken und überhöhter Skepsis verfüge ich normalerweise über Charakterzüge mit denen ich meine Mitmenschen zu nerven gewohnt bin. Hier wo es um mein eigenes Leben geht, habe ich aber beides ganz offensichtlich ganz weit weg verbannt. War mit allem einverstanden gewesen, ohne irgendetwas zu hinterfragen oder mich um ein Sicherheitsnetz zu kümmern. Hätte früh die Notbremse ziehen können oder einfach mein Gehirn einschalten müssen! Für einen letzten Versuch ist aber die Gelegenheit jetzt wohl endgültig verpasst. Wundere mich aber weiter, dass ich es nicht einmal versuchen will. Würde sehr wahrscheinlich aber auch nichts mehr bringen.
Kann ich eigentlich noch laut um Hilfe rufen? Habe ich noch genug Energie, um ein Fenster aufzuschieben? Würde ich es überhaupt noch schaffen aus dem Bett herauszukommen, um die zwei Schritte bis dorthin zu gehen? Ich könnte es natürlich versuchen, aber wozu? Es würde ohnehin keine Menschenmeute ins Haus stürmen, um mich zu befreien, stattdessen würde im besten Fall die Zimmertüre aufgehen, man würde mich zurück ins Bett bugsieren und das Fenster wieder schließen. Vielleicht würde man auch noch einmal versuchen mir eine Tasse mysteriösen Kräutertees einzuflößen. Nein Danke! Ein solches Vorhaben ist zum Scheitern verurteilt! Aber warum nicht wenigstens versuchen? Zu Verlieren gibt es ohnehin schon lange nichts mehr.
Ich bin in Tainan, historische Großstadt im Süden Taiwans. Keine Ahnung wie lange ich in diesem kleinen Zimmer über der Praxis und Wohnung einer Ärztin liege, angeblich hoch respektierte Fachfrau für traditionelle, chinesische Medizin. Einen Tag? Zwei Tage? Eine ganze Woche? Gelegentlich geht die Türe auf und jemand schaut herein, aber von einer konkreten medizinischen Behandlung ist nichts zu erkennen. Warten. Eine Gewissheit hat sich in kurioser Weise in meinem Bewusstsein eingebrannt, obwohl sich mein Verstand von ihrer Wahrheit mittlerweile nicht mehr so ganz überzeugen lassen will:
„Alles wird gut – Es ist noch nicht vorbei!“
Der Verdacht beschleicht mich, dass es sich dabei um ein vorprogrammiertes Sicherheitsgefühl handeln könnte, das einem das Sterben mit einer Wahnvorstellung erleichtern soll. Eine junge Frau steht plötzlich im Zimmer und erklärt mir auf Englisch, man habe sich entschlossen nun doch einen westlichen Arzt zu rufen. Er soll in wenigen Minuten eintreffen. Wird also doch noch alles gut? Hatte ich ganz wider Erwarten mit meiner Ahnung Recht gehabt? Tatsächlich betritt kurz danach ein junger Arzt, gemeinsam mit der mir vertrauten, chinesischen Ärztin den Raum. Er versucht mit mir Englisch zu sprechen, sein Englisch ist ausgezeichnet, ich stelle aber verwundert fest, dass ich mich offenbar nicht mehr verständlich machen kann. Oder will er mich gar nicht verstehen? Meine Gastgeberin drückt ihm eine halbleere Medikamentenampulle in die Hand, er betrachtet sie aufmerksam und ich erkenne mein Insulin, dass ich seit dem Beginn meiner Behandlung nicht mehr genommen habe. Offenbar lag es seitdem, fern von jedem Kühlschrank, bei Temperaturen nahe der 40° Marke irgendwo bei meinen persönlichen Sachen herum. Versuche zu erklären, dass dieses Medikament vermutlich kaum noch irgendeine Wirkung besitzt, dass ich noch andere Ampullen besitze. Die liegen in meinem früheren Zimmer, wohl verwahrt in einem Kühlschrank. Wo sich dieses Zimmer befindet, hätte ich aber nicht mehr sagen können, interessiert aber offensichtlich auch niemanden. Meine Verständigungsversuche erzielen jedenfalls keinerlei Wirkung. Man verpasst mir eine kleine Injektion, minimale Dosis eines wirkungslos gewordenen Medikaments, und verabschiedet sich eilig. Letzte Hoffnung verpufft! Das war es wohl mit dem „Alles-wird-gut Gefühl“! Wieder allein in dem kleinen Zimmer fällt es mir immer schwerer bei Bewusstsein zu bleiben. Aber wenn ich jetzt loslasse, gibt es wohl kein Zurück mehr.
Heilung von Typ I Diabetes mit traditioneller chinesischer Medizin, warum hatte ich mich eigentlich auf ein derartig irrsinniges Abenteuer eingelassen? Ich habe Kinder, bin seit kurzem zum zweiten Mal frisch verheiratet, kann doch hier nicht so einfach abtreten und alle zurückzulassen. Während es mich immer stärker aus meinem schlaffen Körper hinauszieht, mache ich eine letzte überraschende Entdeckung. Mit dem beginnenden Loslösen hört auch jede Trennung von anderen Menschen auf.
Ich lasse in Wirklichkeit gar niemanden zurück. Im Gegenteil! Auf einmal sind sie alle da, die hier Lebenden genauso wie die, die wir als tot bezeichnen. Alle sind da! Mein verstorbener Vater, auch meine ebenfalls verstorbenen Geschwister genauso wie die vielen anderen mir nahen Menschen, die noch leben. Raum und Zeit verschmelzen und hören auf uns voneinander zu trennen. Nicht der Tod, sondern das Leben bedeutet Isolation und Einsamkeit. Während meinem ganzen sogenannten Leben bin ich Illusionen und Sehnsüchten von menschlicher Nähe nachgelaufen, aber jetzt ist das endlich vorbei und es enden alle Trennungen, sowohl im Raum wie in der Zeit. Ein fantastischer Gewinn auf ganzer Linie! Es ist kein Abschied, wie ich ihn erwartet hatte, sondern eine Ankunft!
Was kommt jetzt noch? Sollte nun nicht der Moment kommen bei dem man von einem weißen Licht angezogen, umströmt oder sonst etwas wird? Kommt das jetzt endlich, damit auch ich verstehe, dass es definitiv vorbei ist? Es passiert aber etwas ganz anderes. So wie sich die Grenzen von Raum und Zeit bereits aufgelöst haben, verschwindet auch die Polarität von Licht und Finsternis. Kein finstererer Tod in dem ich versinke, aber auch kein Licht, das mich zu sich holen möchte. Es gibt keinen Lichtschalter der brutal ausgeknipst wird, keinen Scheinwerfer, der mir den Weg in eine neue Realität zeigt. Stattdessen hören sowohl Licht als auch Dunkelheit auf zu existieren. Eine unfassbare Erfahrung. Entspannt lasse ich los und bin dann mal weg. Heute, sobald ich mich an diesen Moment zurückversetze, drängt sich mir eine ganz andere widersprüchliche Erinnerung auf, die dem soeben Geschilderten zu widersprechen scheint. Während sich das Überschreiten der Grenzen von Raum und Zeit ohne Schwierigkeiten zurückrufen lässt, schaffe ich es nicht das Überwinden von Licht und Finsternis noch einmal nachzuerleben.
Sich dorthin zurückziehen, wo sich die Trennungen durch Raum und Zeit auflösen, steht mir jederzeit frei und ist zu einem Ruhe spendenden Zufluchtsort geworden. Er ist auf Wunsch abrufbar und begleitet mich ständig. Ganz anders ist es aber mit dem Überwinden der Gegensätze von Licht und Dunkelheit. Hier bleibt meine Erinnerung weitgehend abstrakt. Ich weiß zwar, dass es an diesem Punkt angekommen weder Licht noch Finsternis mehr gibt, aber zurückrufen lässt sich diese sinnliche Empfindung nicht.
