Als ich an Don Renzo schrieb - Günther Pfeifer - E-Book

Als ich an Don Renzo schrieb E-Book

Günther Pfeifer

0,0

Beschreibung

Für einen aufgeweckten Fünfjährigen und seinen Fantasiefreund kann sogar eine österreichische Kleinstadt in den Siebzigerjahren spannend sein. Noch spannender jedoch ist Italien, ein Land, in dem alle Menschen singen, Eis verkaufen und in Gondeln fahren. Ein tolles Land, da muss er hin! Äußert man als Fünfjähriger jedoch Reisewünsche, stößt man leicht auf taube Ohren. Die Großmutter, allmächtige Matriarchin, verweigert schlicht den Ausreiseantrag. Und dann sind da noch ganz andere Hindernisse, wie die Angst vorm Rawuzer, die nervenkrankte Mutter und eine Abneigung gegen Wasser, was das Schwimmenlernen nicht unbedingt vereinfacht. Schwimmen allerdings ist Pflicht in einem Land am Meer und einer Stadt, in der alle Straßen unter Wasser sind. Der kleine Rabauke fühlt sich hilflos, sein Fantasiefreund ist ratlos und die Lage aussichtslos. Als letzter Ausweg bleibt eigentlich nur noch ein Brief an Don Renzo, der im gelobten Land residiert und schon einmal ein kleines Familienwunder zuwege gebracht hat. Ein Roman wie die liebevolle Umarmung der Oma, nachdem man sich das Knie aufgeschlagen hat.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 214

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Günther Pfeifer

Inhalt

Italia, Italia

Die ehrenwerte Familie

Der Künstler

Liebesgeschichten und Heiratssachen

Die Exhibitionistenaffäre

Ein Freund, ein guter Freund

Die Rocker

Italo Connection

Der Graf

Der Baron und der Soldat

Bruder Lustig

Luciano? È morto!

Baby, you can’t drive my car

Konsumrausch

Der Theaterskandal

Presto presto Vai!

Fahrstunden

Der Rawuzer

Großvater

Die Schmid Susi

Das Freibad-Desaster

Das Rennen

Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande

Die Hochzeit

Essensfrage

Ausflug

Der Navigator

Reisevorbereitungen

Nicht alle Schienen führen nach Rom

Der Lokführer

Schwarzwaldmädel

Trübsal blasen

Indianer

Missa Solemnis

Im Zeichen des Fisches

Als ich an Don Renzo schrieb

Als mir Don Renzo schrieb

Zieleinlauf

Danksagung

Italia, Italia

Una terra promessa |Un mondo diverso

Dove crescere i nostri pensieri | Noi non ci fermeremo

Non ci stancheremo di cercare | Il nostro cammino

Aus „Una Terra Promessa“ von Eros Ramazzotti.

Ein gelobtes Land | Eine andere Welt

Wo wir unsere Gedanken wachsen lassen können

Wir werden nicht aufhören, | Wir werden nicht müde unseren Weg zu suchen.

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass Italien das schönste Land der Welt ist. Ich für meinen Teil erfuhr es sogar aus den zuverlässigsten Quellen, die man sich vorstellen kann – von meinen Tanten Hilde und Rosi. Die eine schilderte sachlich, auf Nachfrage auch ausführlich, die andere euphorisch – keine Frage, wo mein Kopfkino einhakte. Ich hatte also bald ein fixfertiges Bild des Landes vor mir.

Es gab ein Meer und alle Menschen waren den ganzen Tag lustig. Die meisten sangen, oft auch während sie in ihren Fischerbooten herumfuhren, oder in einer Gondel, oder in einem knallbunten dreirädrigen Gefährt, in dem sich riesige Mengen Eis befanden. Wenn sie nicht sangen, lachten die Italiener. Wenn sie nicht sangen oder lachten, redeten sie in einer Sprache, die manchmal klang, als würde man eine Schallplatte schneller abspielen, zum Beispiel, indem man mit dem Finger nachhalf (was streng verboten war). Außerdem hörte praktisch jedes Wort mit „o“ auf. Das hörte sich spaßig an und lud geradezu zur Nachahmung ein. Schon bald also konnte ich Italienisch.

„Icho mago eino Butterbroto!“

„Wie heißt das?“

„Bitto!“

Italien hatte außerdem eine Stadt, in der das Wasser in den Straßen bis zu den Fenstern stand. Es gab keine Autos, man musste mit dem Boot fahren! Was die Fußgänger machten, wusste ich nicht so genau – vermutlich schwammen sie in die Arbeit oder zum Einkaufen.

Eine weitere Besonderheit an diesem Land war, dass dort keine langweiligen Äpfel oder Birnen auf den Bäumen wuchsen, wie in unserem Garten, sondern Orangen und Zitronen. Soll heißen, wenn man nach dem vielen Lachen, Singen und Bootfahren Durst hatte, spazierte man einfach zu einem Orangenbaum, pflückte sich eine, presste sie aus und labte sich an ihrem Saft. Das kam dem Schlaraffenland schon sehr nahe.

Aber das gelobte Land hatte noch mehr zu bieten: Maler, deren Bilder mir Rosi1 zeigte und dazu die Geschichte der Motive erzählte. Das waren ganz andere Maler als die heimischen. Mein Großvater zum Beispiel war sogar ein Malermeister – aber Bilder wie diese hatte ich noch keines von ihm gesehen. Und die Namen erst! Mein Großvater hieß Josef Pfeifer, seine Mitmaler hießen Ritschka Karl, Danich, Mühl, Sklenar Helmerl und Gubiani (letzterer klang wenigstens italienisch, deshalb mochte ich ihn auch am liebsten). Die Maler in Italien hießen Raffael, Leonardo und Michelangelo.Bei solchen Namen ist es kein Wunder, wenn einem die buntesten Bilder einfallen.

Italienische Namen übten überhaupt eine magische Anziehungskraft auf mich aus, es gab zum Beispiel ein Auto, das hieß Ferrari und war leuchtend rot, es gab einen Motorradweltmeister, der hieß Giacomo Agostini, wobei man den Vornamen äußerst fetzig aussprechen konnte: „Tschakkkkomo“. Zumindest hatte ich mir das von meinem Onkel Josef abgehört.

Ob Fußballer, Sänger oder Nudeln – alle hatten sie dort irgendwie schönere Namen. Es musste also jedermann klar sein, dass es für einen geborenen Ästheten wie mich nur ein Land geben konnte, in dem sich das Leben lohnte:

Italien.

  1Meine Tanten und Onkel wurden immer nur mit Vor- oder Kosenamen angeredet, der Zusatz „Tante“ oder „Onkel“ kam nur bei den um etliches älteren Geschwistern meiner Großeltern zur Anwendung.

Die ehrenwerte Familie

Questa è la storia – di uno di noi

Anche lui nato per caso in via Gluck

In una casa, fuori città | Gente tranquilla che lavorava

Aus „Il Ragazzo Della Via Gluck“ von Adriano Celentano.

Das ist die Geschichte von einem von uns

Auch er wurde in einem Haus in der Via Gluck geboren

Ein Haus, am Stadtrand | Ruhige, arbeitende Leute …

Es gab eine Ordnung, und diese Ordnung war so alt wie die Welt selbst. Natürlich hatte irgendjemand einmal diese Ordnung erschaffen, so wie irgendjemand auch die Welt erschaffen hatte. Es kann sein, dass das Gott war, nein, sicher war das Gott, das war ja klar, das hatten mir alle sicheren Quellen erzählt, aber ich vermutete, dass sie aus Noblesse nicht erwähnten, dass er dabei meine Großmutter öfters um Rat gefragt hat. Standesdünkel waren nie unsere Sache, aber dass wir enge Beziehungen zu Gott pflegten, wusste ich schon immer. Der Bruder meiner Großmutter, Onkel Karl, war Pfarrer im Schwarzwald, und sogar der Kaplan Forsthuber war schon bei uns zum Essen gewesen. Das hatte zwar schon vor meiner Zeit stattgefunden, aber war es deshalb weniger bedeutsam?

Die quasi seit Anbeginn der Zeit bestehende Ordnung besagte, dass zuerst der liebe Gott kam, der (nach Absprache mit meiner Oma) alles erschaffen hatte, der alles sah, alles hörte und alles konnte. Gleich danach, oder ungefähr zur gleichen Zeit, kam meine Großmutter, die ich, wie alle anderen im Haus, nur „Mutti“ nannte und die ebenfalls alles sah, alles hörte und beinahe alles konnte. Wie Gott selbst war auch ihr Wort Gesetz und die Pflichten ihr gegenüber waren ähnlich. Man musste ihr ebenso immer die Wahrheit sagen wie dem Allmächtigen, man musste brav sein, durfte nicht fluchen, musste Gutes tun und derlei Dinge mehr. Zusätzlich zu den Geboten, die Gott für die Menschen erlassen hatte, brachte sie allerdings noch eine Reihe Gesetzesnovellen durch, die mein Leben komplizierter machten. Sie war einfach ein wenig gründlicher als er. Man durfte keine Kraftausdrücke verwenden, musste immer aufessen, sollte nicht mit dem Essen spielen und es war verboten, das „schöne“ Geschirr aus dem Wohnzimmerschrank zu holen, um der Katze eine festliche Tafel aufzubauen.

Gott hatte mir gegenüber auch nie verfügt, dass vor dem Essen die Hände zu waschen seien, er störte sich nicht im Geringsten daran, wenn ich mit dem Pyjama in den Garten lief und dass man die Benco2-Dose nicht auslöffeln durfte, kam auch nicht von ihm. Ich hatte diesbezüglich etliche theologische Diskussionen mit meiner Großmutter, und es kostete sie viel Zeit und Kraft, mir einleuchtende Argumente zu liefern. Eine Zeit lang dachte ich, dass Gott vermutlich eher der ruhige Typ war, ähnlich meinem Großvater, der offiziell zwar Familienvorstand war, das Tagesgeschäft aber gerne seiner lebhaften und wortgewaltigen Frau überließ. Er trug zwar keinen weißen Vollbart, wie Gott ihn zweifellos hatte, aber ansonsten konnte ich mir gut vorstellen, dass die beiden, wenn schon nicht familiär verwandt, so doch zumindest seelenverwandt waren. Mein Großvater, den ich wie ebenfalls alle anderen im Haus „Vati“ nannte, stand ein bisschen außerhalb der Befehlsgewalt meiner Großmutter und das machte ihn für mich gottähnlich. Ansonsten war die Hierarchie wieder klar. Nach den Großeltern kamen meine Mutter, die Tanten, die Onkel und schließlich ich.

Freilich gab es im Mittelbau gewaltige Unterschiede, schon alleine wegen des Alters. Die Erzengel hießen Hedwig und Bernhard. Sie waren die ältesten Geschwister meiner Mutter und durften zur Rechten der Großmutter sitzen. Bernhard hatte ein Klavier im Zimmer. Das war interessant. Hedwig wurde Hedi genannt, studierte in Wien und war nicht immer da. Das war auch interessant. Bernhard war neben dem Großvater meine wichtigste männliche Bezugsperson, hatte eine Braut, einen Bauplatz im Nachbarort und war Lehrer, also eine Respektsperson. Wir waren eine Handwerkerfamilie, das heißt, die Großmutter stammte aus einer Bäckersfamilie, der Großvater aus einer Bauernfamilie und gemeinsam führten sie einen Maler- und Anstreicherbetrieb. Wenn einer der Gesellen „Herr Meister“ zum Großvater sagte, war mir das ein weiterer Beweis für seine nahe Verwandtschaft mit Gott. Aber wie bei vielen Handwerkern waren die „Studierten“ eine bewunderte Elite. Ärzte, höhere Beamte, Priester und Lehrer waren quasi die Oberschicht, zu der man bewundernd aufblickte.

Hedi war eine energische und geradlinige Frau, die an Schlagfertigkeit nicht zu überbieten war. Das flößte mir Respekt ein. Normalerweise war ich es, der „immer was wusste“. Egal, was meine Gesprächspartner an klugen Dingen sagten, ich entgegnete stets genauso kluge Dinge. Dadurch waren viele meiner Diskutanten gezwungen, sich in heiklen Situationen schnell abzuwenden, damit ich nicht sehen konnte, wie sie lachten (was ja bei vielen Themen pädagogisch ganz schlecht gewesen wäre – und auf Pädagogik wurde bei uns viel Wert gelegt). Ich gewann also viele Diskussionen, und wenn ich sie nicht richtig gewann, wurde ich zumindest Sieger der Herzen.

Mit Hedi war es anders, sie blieb mir rhetorisch nichts schuldig, punktete außerdem mit Worten und Formulierungen, die ich nicht kannte und besserte mich gnadenlos aus, wenn ich etwas falsch aussprach. Außerdem hatte sie einen Plagiatsscanner eingebaut. Dieser durchforstete meine Erzählungen und schlug unweigerlich Alarm, wenn ich etwas besonders Kluges von mir gab, das ich zuvor bei einem Erwachsenen gehört hatte. Hedi verteidigte dann das Urheberrecht und reichte stellvertretend für den Autor eine Plagiatsklage ein. Da sie meistens (also eigentlich immer) den Nagel auf den Kopf traf, fühlte ich mich von ihr durchschaut. Konnte ich als Vierjähriger bei anderen Erwachsenen mit Sätzen wie „Die Frau Ulmer muss eine Schilddüsenüberfunktion3 haben, weil sie so schnell redet“, die höchsten Bewunderungspunkte abholen, blätterte mich Hedi unbeeindruckt auf und sagte mir auf den Kopf zu, dass meine Großmutter diesen Satz am Vortag zum Großvater gesagt habe. Das war natürlich peinlich und sollte mir nicht allzu oft passieren. Mein Ehrgeiz war geweckt, und ich überarbeitete meine Methode des Diebstahls geistigen Eigentums. Das Originalmaterial wurde filetiert und in kleinen Dosen vorsichtig mit den eigenen Ergüssen vermischt: „Gestern hab’ ich die Frau Ulmer getroffen4. Ihre Schilddüsenüberfunktion schaut schon viel besser aus. Sie hat ganz langsam geredet.“ Es konnte schon passieren, dass sich auch Hedi abwenden musste …

Wie alle meine Tanten und Onkel redete ich auch sie nur mit dem Vornamen an, zu meiner Mutter sagte ich „Mama“ und die Großeltern waren „Vati“ und „Mutti“. Ich hatte praktischerweise die Anreden der Großen, die ein bisschen wie ältere Geschwister für mich waren, übernommen.

Bernhard war auch nicht leicht hinters Licht zu führen, er verzichtete allerdings meist auf inquisitorische Fragen, vielmehr gab er mir gute Ratschläge, wie ich mich verhalten könnte, um alles richtig zu machen. Da er zu dieser Zeit der Einzige in der Familie war, der ein Auto besaß, was mir wahnsinnig imponierte, befolgte ich seine Vorschläge akribisch.

Außer den beiden Sonderstellungsverwandten Bernhard und Hedwig waren da noch Rosemarie, Heidi (meine Mutter), Hildegard, Arnold und Josef. Genannt wurden sie von mir Rosi, Mama, Hilde, Arnold und Billie (der von den anderen auch Sepperl oder Joschi geheißen wurde). Außerdem war da noch meine Tante Annemarie, die allerdings in Wien wohnte und seltener vorbeikam. Sie war schon verheiratet, und ihr Mann Karl hatte einen Fiat mit Autoradio, das beindruckte mich sehr. Außerdem war er immer sehr nett und lachte viel. Dazu kam eine unbestimmte Anzahl diverser Freunde der „Großen“, Verwandte, Bekannte und Arbeiter meines Opas, die alle bei uns ein und aus gingen und das Haus ständig mit Leben und durchaus interessanten Geschichten füllten. Ich wünschte mir manchmal dreimal so große Ohren, um nur ja nichts zu überhören.

Die kleine Maler- und Anstreicherwerkstatt war im Erdgeschoss unseres Wohnhauses untergebracht. Es war mir strengstens untersagt, die Arbeiter zu belästigen oder auch nur hinunterzugehen. Meist kamen diese ohnehin nur kurz vorbei, um sich Aufträge oder Material abzuholen, manchmal aber mussten Türen oder Fenster lackiert werden, das geschah dann in dieser Werkstatt. Da waren die Gesellen dann oft stundenlang da unten und meine Neugierde drohte unerträglich zu werden. Unter anderem auch, weil ich sie ja eigentlich gut kannte. Wenn mein Großvater abends mit meiner Großmutter über die Firma sprach, erzählte er natürlich auch von den Arbeitern und so kannte ich ihre Namen, ihre Eigenheiten und manche Geschichte, ohne sie je zu Gesicht bekommen zu haben. Weil ich ja nicht hinunterdurfte! Eigentlich. Es war wieder ein Gewissenkonflikt, den ich zunächst unter religiösen Aspekten betrachtete. Gott hatte nichts davon erwähnt, dass es eine Sünde war, in die Werkstatt zu gehen, aber meine Großmutter hatte es verboten. Wenn ich das Verbot nun übertrat, war das zwar schlimm – aber keine Sünde. Also aus moralischer Sicht irgendwie … erlaubt.

Ich verkündete also lauthals, eine besonders lange Expedition in den Garten unternehmen zu wollen und legte Wert auf die Feststellung, dass ich auf keinen Fall in die Werkstatt gehen würde. Meine Großmutter kannte als sechsfache Mutter und Pflegemutter zweier weiterer Kinder natürlich die Bedeutung solcher Ankündigungen, konnte zwischen den Zeilen lesen und hören und wäre im Normalfall sofort im Alarmmodus gewesen. Aber sie war eben nicht nur mehrfache Mutter, sie kümmerte sich auch um die Buchhaltung des Malerbetriebes, bekochte den ganzen Haufen, wusch Berge von Wäsche, nähte, flickte, erledigte Behördenwege und hatte noch eine Menge anderer Sorgen am Hals. Es war also durchaus verständlich, dass sie in einem Moment der Unaufmerksamkeit meine Ankündigung mit „Ja, ja“ quittierte und nicht weiter darüber nachdachte. Ich zog also breitspurig und singend in den Garten, um wenig später geduckt (wegen meiner imposanten Körpergröße wäre es unmöglich gewesen, aufrecht zu gehen) zur sogenannten „Kellertür“ zu schleichen und die Treppe in die Werkstatt hinunterzusteigen.

Dort betrieb ich ein wenig Socializing. Ich plauderte mit den Gesellen über ihre letzten Abenteuer, die politische Lage, ihre Arbeitsbedingungen, und machte da und dort ein paar Verbesserungsvorschläge. In den Augen der Männer sah ich echte Dankbarkeit. Bald darauf hatten sie unter meinem wohlwollenden, aber wachsamen Blick ihre Arbeit beendet und packten sich zusammen, um zu einer Baustelle zu fahren. Ich winkte zum Abschied und war dann alleine in der Werkstatt. Alleine mit vielen Pinseln, Musterwalzen, Farbtöpfen und mit bemerkenswert leeren weißen Wänden. Ich beschloss, dass es Zeit war, ein wenig Freude in das Leben der Arbeiter und der ganzen Familie zu bringen. Mir fiel die Erzählung von Rosi ein, dass „der Michelangelo“ irgendwo in Italien eine ganze Kapelle zu einem einzigen Gemälde verwandelt hatte. Eine Kapelle war eine sehr kleine Kirche, das wusste ich. So eine Hütte in ein Gemälde zu verwandeln, war eine Leistung, keine Frage. Aber wenn ich erst mit unsere Werkstätte fertig wäre, könnte „der Michelangelo“ einpacken. Ich ging sofort ans Werk. Höchste Zeit, dass jemand diesem Haus ein wenig Kunst angedeihen ließ. Vielleicht näherten wir uns ja dadurch dem künstlerischsten Land der Welt an: Italien.

  2Benco war in den 1970er Jahren ein bekannter Instant-Kakao. Durch die körnige Struktur eignete er sich hervorragend als Schokoladeersatz für Naschkatzen und -kater und lud geradezu ein, die Dose auszulöffeln.

  3Drüsen waren mir kein Begriff, Düsen allerdings schon. Das waren die Dinger, die Flugzeuge so schnell machten, warum dann nicht auch das Sprechtempo einer befallenen Person?

  4Wen man halt so trifft, wenn man mit Viereinhalb spazieren geht.

Der Künstler

Si può fare, si può fare | Si può prendere o lasciare

Si può fare, si può fare | Puoi correre, volare.

Puoi cantare, puoi gridare | Puoi vendere, comprare

Puoi rubare, regalare | Puoi piangere, ballare.

Aus „Si Può Fare“ von Angelo Branduardi.

Es ist möglich, es ist möglich | Man kann’s tun oder auch lassen

Es ist möglich, es ist möglich | Du kannst laufen oder fliegen

Du kannst singen oder schreien. | Kannst verkaufen oder

kaufen | Du kannst stehlen, du kannst schenken

Du kannst weinen oder tanzen.

Wären wir in Amerika, hätte es Jahre nach meiner Performance einen Prozess um eine Millionenentschädigung gegeben. Wegen unseres ansonsten recht guten Verhältnisses hätte ich zwar nicht meine Großmutter wegen unterlassener Hilfeleistung, Im-Stich-lassen einer hilflosen Person und vorübergehender Freiheitsberaubung verklagt, hätte mich aber mit Sicherheit an der Firma Seidler und Franzl schadlos gehalten.

Ein Künstler, der sich daran macht, eine Werkstatt auszumalen „wie der Michelangelo“, weiß natürlich, dass dazu eine umfassende Vorbereitung notwendig ist. Er überlegt sich die Sache, macht Entwürfe, Detailskizzen, nimmt Farbproben und so weiter. Erst wenn alles gut durchdacht ist, alle Materialien beschafft sind und alle Werkzeuge bereit liegen, geht er ans Werk.

Aber das gilt nur für herkömmliche Künstler.

Sicher, für Anfänger, Amateure und Menschen voller Selbstzweifel ist das vielleicht ein gangbarer Weg, das kann schon sein. Möglicherweise brauchen sie das auch als Ritual, um sich auf den bevorstehenden schöpferischen Akt vorzubereiten.

Ich nicht.

Nachdem ich ein paar Striche in den allerbuntesten Farben an die Wand gepinselt hatte, ging ich zu den Walzen und wählte eine besonders schön gemusterte aus. Das dauerte relativ lange, weil ich zuerst versuchte, alle im Gestell hängenden Walzen gleichzeitig in Drehung zu versetzen. Aber bald mahnte ich mich zur Ordnung. Ich war nicht zum Spielen da, es ging um Arbeit. Bevor es modern wurde, Wände zu tapezieren, machte man die regelmäßigen Muster an den Wänden mit sogenannten Malerwalzen. An einem Griff wurden eine Schwammwalze und eine Gummiwalze so hintereinander befestigt, dass sie ineinandergriffen und die zuvor mit Farbe gesättigte Schwammwalze diese gleichmäßig auf die Erhöhungen der Gummiwalze übertrug, welche dann ihrerseits damit die Wand färbte.

Mit ruhiger Hand und idealerweise in einem Zug rollten die Malergesellen die meist floralen Ornamente auf den weißen Untergrund.

Mir gelang es nicht ganz, die Schwammwalze in den Griff zu spannen, also trug ich das roteste Rot, das ich finden konnte (wie sich später herausstellen sollte, war es keine Wandfarbe, sondern Holzlack), auf das Gummimuster auf und rollte ein paar ganz eindrucksvolle Muster auf die Wand und, damit er sich nicht benachteiligt fühlte und weil das noch nie jemand zuvor gemacht hatte, ich es aber eine superinnovative Idee fand, auch auf den Boden. Der meiste Lack landete naturgemäß auf meiner Kleidung und meinen Händen, aber ich war noch nie einer von denen gewesen, die sich davor scheuten, bei ehrlicher Arbeit schmutzig zu werden.

Dann fiel mein Blick auf die Decke. Sie war bemerkenswert fade in eintönigem Weiß gehalten. Aber gerade die Decke der Kapelle von diesem Michelangelo war laut Rosi sehr üppig bemalt, und ich dachte nicht daran, mir hier vor dem italienischen Kollegen irgendwelche Blöße zu geben. Weil aber weit und breit keine Leiter in Sicht war (die wurden in der Garage gelagert), wählte ich eine andere Aufstiegshilfe. Im Grund genommen war es sehr einfach. Die Decke war nicht sehr hoch, in der Ecke der Werkstatt stapelten sich verschlossene Farbeimer der Firma Seidler und Franzl, die mir auf Grund der lässigen Namen, die ich oft von den Arbeitern und meinem Großvater gehört hatte, sehr gefiel. Sie bildeten fast eine Treppe, die ich jetzt erklomm. Dann endlich kam der Moment, in dem ich die erste rote Verzierung über Kopf anbrachte. Sehr schön. Ich beugte mich ein wenig nach links, machte noch einen Abdruck, streckte mich noch ein bisschen weiter und …

Der oberste Kübel kippte, ich stieß einen Schrei aus und fiel, strampelte in der Luft und landete zum Glück mit den Füßen voran geradewegs in einem Fass Farbe.

Die im Fass gelagerte Leimfarbe war noch unverdünnt und ich versank wie in einem Sumpf, bis ich bis zum Gürtel feststeckte. Es könnte sein, dass ich im ersten Schreck ein paar Laute ausstieß, die sich für nicht geschulte Ohren wie das Weinen eines Kindes anhörten, aber das war natürlich Unsinn – ich weinte praktisch nie.

„Hilfe!“

Meine Großmutter pflegte sich mittags für ein Stündchen schlafen zu legen, und es dauerte eine ganze Weile, bis meine Rufe sie aufweckten und sie den Weg in die Werkstatt gefunden hatte. Mein Anblick im Fass ließ ihre Besorgnis einem befreienden Lachen weichen. Dann geschah das Unfassbare: Sie hieß mich noch ein bisschen auszuharren und stieg wieder die steilen Stufen aus der Werkstatt ins Haus hinauf, um ihre Rolleicord5 zu holen.

Wie alle professionellen Fotomodelle wartete ich geduldig und schnitt sogar einige Grimassen, bis alle Bilder im Kasten waren. Erst danach wurde ich befreit, gewaschen, geschrubbt und trockengelegt.

Beim Abendessen wurde die Aktion ausführlich besprochen und belacht. Ich war ein bisschen enttäuscht. Niemand hatte mein Kunstwerk gewürdigt, niemand redete über Formensprache, Farbkomposition und Blickachsen. Es war, als wäre ich ein ganz gewöhnliches Kleinkind, das in ein Farbfass gefallen war. Einmal mehr wurde mir klar, wahre Kunst schätzte man nur in Italien.

  5Die berühmten Doppelaugenspiegelkameras, die man vor der Brust hielt und statt durch einen Sucher von oben auf eine Mattscheibe blickte.

Liebesgeschichten und Heiratssachen

Che non ha freddo nel cuore e nel letto

Comando io!

Aus „Ti Amo“ von Umberto Tozzi.

Wer in seinem Herz und in seinem Bett nicht kalt ist

Für den bin ich zuständig!

Am besten wäre natürlich, ich könnte sie beide heiraten. Aber das ging angeblich nicht. Angeblich! Aber ich war nicht gewillt, diese Angabe ungeprüft zu akzeptieren – es musste doch einen Weg geben, denn entscheiden konnte ich mich einfach nicht.

In den frühen Siebzigerjahren war es undenkbar, nicht zu heiraten. Alleine lebende Männer galten als Sonderlinge, alleine lebende Frauen als bedauernswerte Übriggebliebene oder Sitzengelassene – es kam niemandem in den Sinn, dass eine Frau freiwillig Single sein könnte. Also drehte sich auch bei uns zu Hause alles ums Heiraten. Wer aus der Bekanntschaft würde wohl wen heiraten? Wer zuerst und wer später? Wer aus der Familie wen und wann?

Als erstes war natürlich mein Onkel Bernhard dran, er war der Älteste und hatte bereits eine Verlobte. Die fand ich überaus interessant, denn es war die Tochter vom Nikolaus. Zumindest hatte das mein Großvater erzählt und somit musste es wahr sein. Interessant dabei fand ich, dass der Nikolaus einen Nachnamen hatte: Miketta. Das hatten die anderen im Kindergarten nicht gewusst und Tante Wilma und Tante Edith ebenso nicht. Ich musste also wieder einmal Aufklärungsarbeit leisten. Eine undankbare Pionierleistung, da die Tanten äußerst simpel gestrickt waren und den neuesten Erkenntnissen der Forschung oft völlig überfordert gegenüberstanden. Diese Überforderung brachte sie dazu, ihre Unwissenheit oft mit der komplett überzogenen Schutzbehauptung zu kompensieren, ich würde flunkern. Das kränkte mich, denn wenn auch nicht jede meiner Geschichten einer streng wissenschaftlichen Prüfung standhalten konnte – ein wahrer Kern steckte doch in fast jeder. Miketta zum Beispiel war tatsächlich der Nachname vom Nikolaus, genauso wie es der Nachname von Frau Miketta, von Monika Miketta (Bernhards Verlobter) und von Siegfried Miketta war. Frau Miketta hieß mit Vornamen übrigens Maria. Siegfried Miketta hieß mit Vornamen Sigi, war ein Freund von Bernhard und ging bei uns daheim ein und aus.

Es war mir nicht ganz klar, was er eigentlich für eine Rolle spielte, wen von uns er heiraten wollte. Wie alles andere im Leben würde ich es sicherlich bald herausfinden, wenn ich mich lange genug mit der Sache befasste, doch zunächst galt es, meine eigenen Angelegenheiten zu ordnen.

Rosi war natürlich die große Favoritin, mit ihr konnte ich meine Geheimnisse teilen, sie bewegte sich wie selbstverständlich in meiner Welt, nahm als neugierige Passagierin an meinen Expeditionen und Fantasie-Reisen teil und las mir aus „Pippi Langstrumpf“ vor. Sie nahm mich zu Radtouren mit, kuschelte mit mir und machte mir den ungeliebten Sonntagsanzug schmackhaft, indem sie mir versicherte, mit diesem sähe ich haargenau aus wie Hans Moser.

Dazu muss man wissen, dass Hans Moser in unserem Haus praktisch allgegenwärtig war. Wir hatten zwar keinen Fernsehapparat, aber wenn Filme mit ihm im Kino liefen, zog die ganze Familie los und nachher übten sich alle im Nachspielen bestimmter Szenen. Bernhard imitierte ihn am besten und feierte damit in der Verwandtschaft große Erfolge.

Ich imitierte ihn, wie ein Vierjähriger eben imitiert und feierte damit bei Mutti und Rosi große Erfolge. Die anderen sahen meine Versuche eher kritisch, ich denke, es ging nicht um mich persönlich, es war ein theaterwissenschaftlicher oder ideologischer Streit: Stanislawski gegen Brecht, oder sowas in der Art.

Seitdem ich also von Rosi als Doppelgänger Hans Mosers legitimiert worden war, wehrte ich mich nicht mehr gegen den Sonntagsanzug, obwohl er drückte und kratzte und wohl auch zu eng war. Ich hasste ihn, aber ich trug ihn mit Todesverachtung, er war Teil meines Hans Moser-Lookalike-Jobs, ein Kostüm sozusagen, und auch der alte Moser würde ja wohl das eine oder andere Kostüm gehasst haben, so war das eben, und Künstler wie er und ich hatten für ihr Profession zu leiden.

Die Favoritin war also Rosi, aber Hilde etablierte sich mehr und mehr als zunehmende Konkurrenz. Einer ihrer Vorteile war, dass sie zu Hause wohnte, also ständig verfügbar war, während Rosi in Wien arbeitete und nur an den Wochenenden zu Besuch kam. Das hatte natürlich einen gewissen exotischen Reiz, aber eine Frau sollte eigentlich immer an der Seite ihres Mannes sein, wie ich dachte. Hilde war bei den Pfadfindern und leitete dort eine sogenannte „Wichtel-Gruppe“, also die Einsteigerinnen ins Pfadfindergeschäft. Das imponierte mir, besonders wenn sie ihre schmucke Uniform trug. Darüber hinaus studierte Hilde mit mir das Monumentalwerk „Ich bin der kleine Hase“. In der direkten Konkurrenz zu „Pippi Langstrumpf“ bot diese Lektüre eine Reihe bunter Bilder und eignete sich durch etwas weniger Text dazu, der Familie einzureden, ich könne bereits lesen, obwohl ich die Geschichte einfach auswendig wusste. Das war keine besondere Leistung, denn im Bestreben, allen im Haus vernünftige Literatur näherzubringen, hatte ich tagelang eine familieninterne Lesereise abgehalten, soll heißen, ich verhaftete wen auch immer ich kriegen konnte, und ließ diejenige oder denjenigen erst dann frei, wenn „Ich bin der kleine Hase“ drei bis vier Mal durch war. Aber am geduldigsten war Hilde, die als meine Pressesprecherin der Familie schließlich eröffnete, dass ich lesen konnte, weil ich den Text schon vor der Lesenden sprach. Ich spoilerte also.