19,99 €
Sand aus der Zukunft und Nachrichten aus der Vergangenheit – beides zusammen in der Gegenwart … Lilly und Tim betreten die andere Seite der Wirklichkeit. Roberta von Ongefähr – die sprechende Katze – führt sie hinein. Gemeinsam reisen die drei durch die Zeit und besuchen die Rückseite des Mondes. Dort begegnen sie Greta, der Mondkuh. Mit ihrer Hilfe entdecken sie die Quelle des Lebens. Gemeinsam tauchen sie tief in ihre Geheimnisse ein und erleben verblüffende Wahrheiten, worüber sie herrlich ins Staunen geraten. Dies alles dauerte eine lange Zeit, oder eine kurze. Letztendlich gibt es für derlei Erlebnisse auf Erden aber überhaupt keine Zeit – nur Ewigkeit … Eine Geschichte über das Vertrauen, Loslassen und Staunen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 91
Veröffentlichungsjahr: 2024
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2024 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-927-8
ISBN e-book: 978-3-99146-928-5
Lektorat: Petra Männel
Umschlagabbildungen: Lasse Kristensen | Dreamstime.com; Tanja Grandinetti
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Tanja Grandinetti
www.novumverlag.com
Widmung
Für Moana, Silvan – und Oma!
1 - Kennenlernen
Lilly ließ ihren Kopf auf die Schreibunterlage sinken und blickte zum Fenster. Ein Sonnenstrahl fiel ins Zimmer. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie, wie unzählige Staubteilchen durch den Lichtkanal schwebten. Sie blies hinein, um zu sehen, was passiert. Hektisch stoben die tänzelnden Teilchen auseinander. Kurze Zeit später war die Aufregung verflogen, und sie wogen genauso friedlich durch den Raum wie zuvor.
Als sich Lillys Augen an das helle Licht gewöhnt hatten, ließ sie ihren Blick ein wenig wandern. Nun schaute sie in die grüne Krone des Kastanienbaumes, der vor ihrem Fenster stand. Zwischen seinen Blättern schimmerte der wolkenlose Himmel hindurch. Ein Lüftchen wehte. Einige der kleinen flatternden Himmelsflecke verschwanden. Dafür öffneten sich an anderer Stelle neue leuchtende Fensterchen.
Auch das Fenster in Lillys Zimmer stand weit offen. Sie hörte, wie ihr kleiner Bruder auf der Terrasse Basketball spielte. „Bam, Bam!“, ertönte es immer wieder, wenn er den Ball auf den Boden knallen ließ. Tim trug das azurblaue Trikot der Golden State Warriors und warf ein paar Körbe. Er spielte jeden Tag Fußball oder Basketball. Meistens mit anderen Jungs aus der Nachbarschaft. Manchmal auch mit Papa. Weil er aber den ganzen Tag Lust hatte, Ball zu spielen, trainierte Tim auch dann, wenn niemand dabei war. Das machte ihm nichts aus. So konnte er an seiner «Cristiano Ronaldo»-Schusstechnik oder «James LeBron»-Wurftechnik arbeiten. Übung macht den Meister!
Plötzlich drang eine eigentümlich klingende Stimme an Lillys Ohr:
„Warum dauert das so lange?“, wollte die Stimme wissen.
Verwundert stand Lilly von ihren Hausaufgaben auf und ging zum Fenster, um nachzusehen, wer zu ihr hereingerufen hatte. Außer Tim war niemand zu sehen. Es war aber eindeutig nicht seine Stimme.
„Wenn das so weitergeht, wirst du nie fertig!“
Schon wieder! Lilly blickte sich um. Auf einem Ast hockte eine schwarze Katze. Sie ließ ihre linke Vorderpfote herabhängen. Die Pfote war so leuchtend weiß, als wäre sie versehentlich in ein Schälchen mit frischer Farbe getreten.
„Wenn du keine Lösung findest, musst du den Mond fragen“, sprach die Stimme erneut.
„Krass!“, hörte Lilly sich selbst sagen. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. Eigentlich fühlte sie sich schon zu alt, um an sprechende Katzen zu glauben, aber es war nicht zu bezweifeln, dass die Worte aus ihrem Maul kamen.
„Warum kannst du sprechen?“, stammelte Lilly mit fassungslosem Ausdruck im Gesicht: „Sprechende Katzen gibt es doch nur im Märchen.“
Daraufhin richtete die Katze sich auf, streckte sich gründlich und gähnte. Es war ein langes und ausgedehntes Gähnen. Ein Gähnen und Strecken, das ungefähr so lange dauerte, wie man braucht, um an einer Fußgängerampel auf Grün zu warten. In der Zwischenzeit versuchte Lilly, ihre Gedanken zu ordnen:
„Also gut“, sagte sie, um Fassung bemüht, „abgesehen davon, dass Katzen eigentlich nicht sprechen können – ist es ziemlich seltsam, was du behauptest. Wie sollte mir der Mond bei Mathe helfen?“
Die Katze strich sich mit ihrer weißen Pfote durch den Schnurrbart und begann erneut zu sprechen: „Soso“, sagte sie, „du unterhältst dich mit einer Katze und behauptest, dass Katzen in Wahrheit nicht sprechen können. Das solltest du seltsam finden. Und was den Mond betrifft – der kennt auf alle Fragen die Antwort. So einfach ist das.“
„Na ja“, bemerkte Lilly, „In einer Sache muss ich dir Recht geben: Ich unterhalte mich mit dir, und du bist eine Katze. Also gibt es mindestens eine Katze, die sprechen kann. Aber mir ist noch nie eine sprechende Katze begegnet. Und es hat mir auch noch nie jemand gesagt, dass es sprechende Katzen gibt. Verstehst du nicht, dass es mir schwerfällt, das zu glauben?“
„Hmm – wer es immer nur mit schweigenden Katzen zu tun hat“, räumte die Katze ein, „gewöhnt sich wohl daran.“
„Danke fürs Verständnis“, entgegnete Lilly, „aber du hast mir noch immer nicht verraten, warum du sprechen kannst.“
„Warum?“ Die Katze überlegte. „Du willst wissen, warum?“ Schließlich sagte sie: „Ich gehöre nicht zu denen, die man nach ihrem Warum fragen sollte, denn ich bin eine Dichterin – und wir Dichter lügen zu viel. Wenn du also behaupten würdest, wir lügen zu viel – dann hättest du Recht damit. Wir lügen zu viel!“
„Oje“, meinte Lilly, verwundert über so viel Aufrichtigkeit, was das eigene Lügen betrifft: „Jetzt würde ich dich am liebsten fragen, warum ihr zu viel lügt?“
„Wir lügen zu viel“, entgegnete die Katze unverblümt, „weil wir zu wenig wissen und schlecht im Erinnern sind – also müssen wir lügen. Das ist der Grund, warum wir auf Teufel komm raus wahre Lügengeschichten erzählen.“
„Wahre Lügengeschichten?“, wiederholte Lilly verwirrt.
„So ist es“, bestätigte die Katze. „Denn in den wahren Lügengeschichten gibt es einen geheimen Zugang zu einem verborgenen Wissen, das sich vor denen verbirgt, die zu viel wissen. Dichter und Katzen wissen aber etwas von den verborgenen Dingen, die zwischen Himmel und Erde liegen, gerade weil sie nicht zu viel wissen, sondern die Ohren spitzen!“
Auch Lilly spitzte die Ohren, denn derlei hatte sie noch nie gehört.
„Jetzt habe ich Lust auf ein Käsesandwich“, sagte die Katze übergangslos.
„Käsesandwich?!“, wiederholte Lilly verwundert.
„Ja bitte. Am liebsten mit Gurken, Tomaten und einem knackigen Salatblatt. Das wäre überaus freundlich von dir.“
In der Zwischenzeit war Tim aufgefallen, dass Lilly aus dem Fenster schaute und sich mit jemandem zu unterhalten schien. Für ihn sah es aus, als würde seine Schwester mit dem Baum sprechen. Weil er neugierig wurde, klemmte er sich den Basketball unter den Arm und trat näher, um zu sehen, was vor sich ging.
„Du redest ja gar nicht mit dem Baum“, rief er verdutzt zu Lilly hinauf, „sondern mit der Katze!“
„Natürlich redet sie mit mir“, schnurrte die Katze vom Ast herunter, „oder hast du schon einmal einen Baum gesehen, der am Mittwoch mit Menschen spricht?“
„Soll das ein Witz sein?“, konterte Tim, „so etwas Komisches habe ich noch nie gehört. Bäume können überhaupt nicht sprechen. Weißt du das denn nicht?!“
„Was bist du doch für ein vorlauter kleiner Junge“, entgegnete die Katze. „Zur Strafe schreibst du fünfundzwanzig Mal: Frau Professor Doktor Roberta von Ongefähr redet kein komisches Zeug, sondern hat einen Nobelpreis im Rechnen mit Katzenzahlen und ist darüber hinaus eine angesehene Künstlerin. Und dann schreibst du noch weitere fünfundzwanzig Mal: Bäume reden nur mit Menschen, die den Mond schon einmal von hinten gesehen haben, außer am Mittwoch, da ist Ruhetag.“
„Echt jetzt?!“, entfuhr es Tim. „Das kannst du nicht machen! Das ist viel zu viel. Ich kann noch nicht gut schreiben. Außerdem weiß ich nicht, was ein Nodellpreis ist.“
„N-o-b-e-l-p-r-e-i-s“, korrigierte Roberta von Ongefähr langsam und mit erhobener Tatze.
„N-o-b-e-l-p-r-e-i-s“, wiederholte Tim und knallte den Ball auf den Boden, um es sich besser einprägen zu können. Dann klemmte er ihn sich wieder unter den Arm.
„Na gut“, sagte die Katze, „dann bring mir wenigstens eine gute Schale Milch. Nicht zu warm, nicht zu kalt, laktosefrei und fettarm. Das wird nicht zu viel verlangt sein.“
„Gott sei Dank!“, stöhnte Tim und schoss seinen Basketball über den Rasen, „immer noch besser als eine Strafarbeit mit viel zu komplizierten Wörtern.“
2 - Ausflug nach Schloss Ongefähr
Ein paar Tage später kam Roberta von Ongefähr erneut zu Besuch. Sie saß auf der Gartenmauer und leckte sich die weiße Tatze sauber. Ein paar Meter neben ihr versuchte Tim, einen Fußball zu jonglieren. Er ließ ihn auf seinem rechten Fuß auf und ab hüpfen. Gelegentlich schielte Roberta zu ihm herüber. Manchmal hüpfte er zwei Mal, manchmal drei Mal, einmal sogar vier Mal hintereinander auf seinem Fuß auf und ab.
„Nicht schlecht“, kommentierte Roberta sein Balltraining.
„Wo wohnst du eigentlich?“, fragte Tim, klemmte sich den Fußball unters Shirt und setzte sich neben Roberta aufs Mäuerchen.
„Auf Schloss Ongefähr.“
„Du wohnst in einem echten Schloss?“, staunte Tim ungläubig.
„So ist es, mein Guter. Ich wohne weder in einer Hundehütte noch in einem Vogelhaus, sondern in einem Schloss. In einem prachtvollen Katzenschloss. Es ist das schönste Katzenschloss in nordöstlich-südwestlicher Richtung, und es gehört mir ganz alleine.“
„Ein Vogelhaus wäre aber auch nicht schlecht“, erwiderte Tim, dem die Idee gefiel in einem Haus auf einem Baum zu wohnen. „Nur schade, dass du keine Flügel hast.“
„Au contraire!“, protestierte Roberta. „Ich habe Flügel. Angeschraubt an meine neueste Erfindung, den 1-A-Flugapparat.“
„Kannst du damit fliegen?“
„Noch nicht“, gestand Roberta ein und kratzte sich am Kinn, „aber ich arbeite daran.“
„Ohhhh“, entfuhr es Tim enttäuscht, „aber dafür hast du ja ein Schloss“, fügte er mit tröstender Stimme hinzu. „Ist es nicht langweilig, ganz alleine in einem Schloss?“
„Aber nein“, entgegnete Roberta: „Ich und Mich sind beste Freunde. Wir unterhalten uns prächtig, und ich lerne viel dabei.“
Tim fand das auf Anhieb einleuchtend. Schließlich übte er auch gerne mit sich alleine Fußball oder Basketball und lernte viel dabei.
„Dürfen wir dich mal besuchen?“
„Könnte schwierig werden“, gab Roberta zu bedenken: „Ich habe keinen Empfangssaal.“
„Egal“, meinte Tim: „Wir haben doch auch keinen Empfangssaal und du kommst uns besuchen.“
„Da ist was dran“, musste Roberta zugeben, „aber Schloss Ongefähr liegt nicht um die Ecke, sondern befindet sich ein gutes Stück von hier. Und wenn man nur zwei Beinchen hat, dann zieht sich’s.“
„Macht nichts“, meinte Tim und schnalzte mit der Zunge. „Ich hab ’n Rad.“ Dann sprang er auf und rannte zu Lilly unters Fenster. Der Ball klemmte noch immer unter seinem Shirt. Nach ein paar Schritten rutschte er jedoch unten raus, und Tim musste höllisch aufpassen, dass es ihn nicht hinlegte.
„Ein guter Stolperer stürzt selten!“, lobte ihn Roberta trotzdem, da er mit viel Geschick eine ungeschickte Situation meisterte.
„Alles Technik!“, freute sich Tim und strahlte übers ganze Gesicht.
Unbeschadet unter Lillys Fenster angekommen, rief er hinauf:
„Wir dürfen Roberta in ihrem Schloss besuchen!“
„Wo?“, schallte es aus Lillys Zimmer zurück. Sie war gerade damit beschäftigt, neue Hip-Hop-Moves einzustudieren. Eigentlich keine wirklich neuen Moves. Vielmehr versuchte sie, einige, die sie schon drauf hatte, abzuändern und mit anderen zu kombinieren. So übte und übte sie, bis es flutschte.
„Wir gehen zu Roberta nach Hause! Sie wohnt in einem Schloss!“
Lilly streckte den Kopf aus dem Fenster: „Wo ist das?“
„Ein Stückchen von hier. Und wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich’s.“
„Aber denkt daran!“, miaute Roberta dazwischen, „dass wir mindestens drei Käsesandwiches und einen dreiviertel Liter Milch als Proviant mitnehmen müssen. Außerdem ist Schloss Ongefähr nur am Sonntag für Besucher geöffnet!“
„Morgen ist Sonntag“, erwiderte Lilly prompt.
„Dann morgen“, freute sich Tim.
„Na gut“, antwortete Roberta. Und nach drei weiteren Male Pfote lecken sagte sie: „Um zwanzig nach fünf vor zehn hole ich euch ab.“
