Verlag: Jung u. Jung Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Alter, fremdes Land - Natascha Wodin

Ein Roman über die Schrecken des Alters und den Versuch, ihnen zu entkommen. Lea ist Schriftstellerin, sie lebt allein, in Berlin, sie ist 63. Ihr Alter hat sie nie gekümmert, es war eine Tatsache, jetzt ist es mehr als das: Es bestimmt ihr Leben, es zeigt ihr, was ihr noch bleibt, was sie erwarten kann und was sie versäumt hat. Nach und nach verschließt sich ihr die Welt, in der sie sich immer wie selbstverständlich bewegt hat, sie wird kleiner, ein fremdes Land plötzlich. Doch nicht weniger unvermittelt findet sie sich eines Tages im Internet wieder, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was sich darin auftut an Möglichkeiten und Gefahren der Täu schung und der Selbsttäuschung. Unver sehens landet sie in einem Erotikchat, sie führt ein Leben im Virtuellen. Aber auch in diesem Leben wird sie ihr Alter nicht los, es gewinnt nur eine andere Bedeutung. Natascha Wodin sucht das Unerhörte. Ihr neuer Roman ist voll radikaler Energie und doch klar und nüchtern. Sie beschönigt nichts, sie schont sich nicht, und doch ist sie nie ehrlich, ohne vor allem diskret zu sein.

Meinungen über das E-Book Alter, fremdes Land - Natascha Wodin

E-Book-Leseprobe Alter, fremdes Land - Natascha Wodin

Alter, fremdes Land

Die Autorin dankt dem Deutschen Literaturfonds e.V.für die Förderung dieser Arbeit.

© 2014 Jung und Jung, Salzburg und WienAlle Rechte vorbehaltenDruck: CPI Moravia Books, PohořeliceISBN 978-3-99027-057-8

NATASCHA WODIN

Alter, fremdes Land

ROMAN

Erotik, das ist das Verlangen der Sterblichen nachUnsterblichkeit.Sokrates

Es ist noch nicht Stille,aber schon Musik.Josiff Brodskij

Zuerst hatte sie geglaubt, die Schwäche, mit der sie eines Morgens aufgewacht war, sei eine der ganz gewöhnlichen kleinen Unpässlichkeiten, die kamen und genauso schnell wieder gingen. Mal hatte man einen guten Tag, mal einen schlechteren, das war normal. Aber auch am nächsten Morgen, sie hatte lange und tief geschlafen, fühlte Lea sich nicht besser, und eine Woche später immer noch nicht. Fast alles, was bisher beiläufig und fast wie von selbst gegangen war, forderte jetzt zwar keine große, aber doch fühlbare Kraftanstrengung, das Aufstehen vom Bett oder von einem Stuhl, das Ankleiden, selbst das Zähneputzen und das Kämmen. Bisher hatte sie ihre Wohnung immer an einem Tag geputzt, jetzt musste sie die Arbeit auf zwei Tage verteilen, weil sie es am Stück nicht mehr schaffte, nach spätestens zwei Stunden kraftlos aufs Sofa sank. Ging sie hinunter auf die Straße, um etwas zu erledigen, fühlte sie sich schon zwei Häuser weiter so erschöpft, dass sie am liebsten wieder umgekehrt wäre. Der Weg bis zu den kleinen Geschäften vor ihrer Haustür war weiter geworden, die Tasche mit den Einkäufen schwerer, die Treppe zu ihrer Wohnung höher. Es war, als müsse sie bei jedem Schritt irgendeinen unsichtbaren Widerstand überwinden, eine rätselhafte Kraft, die sich ihr ständig von außen entgegenstellte und sie an der Bewegung hindern wollte.

Lea war in ihrem Leben nie ernsthaft krank gewesen, aber seit jeher hatte sie eine labile Gesundheit. Ihr Körper war launisch, unberechenbar, mit unerschöpflicher, geradezu poetischer Fantasie brachte er Symptome hervor, für die es selten eine medizinische Erklärung gab. Vermutlich war auch die rätselhafte Schwäche, die sie befallen hatte, so eine Laune ihres Körpers, ein Symptom, das ein Phantom bleiben würde, wie immer bisher. Sie konnte sich nicht entschließen, einen Arzt aufzusuchen, zumal sie den Verdacht hegte, dass die Sache mit der Medizin ein Missverständnis war. Sie gab sich allmächtig, aber in Wirklichkeit beherrschte sie nur die Grundrechenarten ihrer Kunst. Über die komplexen Vorgänge im menschlichen Körper schien die Medizin noch weniger zu wissen, als uns die Mondlandung über das Universum offenbart hatte. Die Ärzte gaben ihre Ohnmacht nicht zu, und die Patienten waren froh darum. Es blieb ihnen die Erkenntnis erspart, dass wir allein waren mit unserem Körper, dass wir in einer dunklen, unbegreiflichen, wenig beeinflussbaren und zuletzt immer rettungslosen Materie wohnten.

Schließlich, als die Schwäche nicht nachlassen wollte, vereinbarte Lea doch einen Termin bei ihrer Homöopathin. Zu ihr hatte sie sich schon vor langer Zeit vor der Apparatemedizin geflüchtet, wobei sie nie das Gefühl verließ, dass die Augen der Apparate etwas in ihr entdeckt hätten, was ihre Ärztin mit ihrer ganzen diagnostischen Kunst nicht entdecken konnte. In der Tat fand sie auch diesmal nichts, auch das große Blutbild zeigte keine verschlechterten Werte, es gab keine Anzeichen für eine ernste Erkrankung. Vorsorglich überwies die Ärztin Lea dennoch zu einem Kardiologen, aber der teilte ihr nach einer Sonografie mit, alles sei in bester Ordnung, sie habe das Herz eines jungen Mädchens. Lea zweifelte an der Verlässlichkeit der Maschine. In Wahrheit stimmte es nämlich längst nicht mehr, dass ihr Körper nur poetische Symptome hervorbrachte, die Zeit der Romantik war längst vorbei. Schon seit Jahren litt sie an der weit verbreiteten Trias aus essentieller Hypertonie, deutlich erhöhten Cholesterinwerten und einer chronischen Bronchitis. Lea zählte das nicht zu den wirklichen Krankheiten, es waren eher Vorstadien von Krankheiten, Zivilisationserscheinungen, die sie mit der halben Menschheit teilte, aber ihrer Drohung konnte sie sich trotzdem immer weniger entziehen. Manchmal stieg ihr Blutdruck in so schwindelerregende Höhen, dass es jeden Augenblick zu einer Explosion in ihrem Körper kommen konnte. Schwer vorstellbar, dass das Herz in einem solchen Körper noch dem eines jungen Mädchens glich. War die unerklärliche Schwäche, die sie befallen hatte, nicht dennoch ein von der Medizin unerkannter Vorbote einer schweren Krankheit?

Die Wochen verstrichen, an manchen Tagen ging es ihr besser, sie fühlte sich schon gerettet, aber immer wieder fiel ihr Körper in die Kraftlosigkeit zurück. Trotz ihrer ständigen Müdigkeit schlief sie nachts noch schlechter als bisher, sie fror und schwitzte und hatte Albträume. Sie erwachte noch zerschlagener, als sie vor dem Schlafengehen gewesen war, schleppte sich mühsam durch den Tag. Etwas in ihrem Körper sagte nein, hartnäckig und unerbittlich, und ihr begann zu dämmern, dass die Schwäche nie mehr vergehen würde, dass es sich um etwas handelte, wofür die Medizin nur peripher zuständig war, um eine Krankheit, die man nicht heilen konnte, eine ganz allgemeine, dem Leben immanente Krankheit, von der die gesamte Menschheit seit ihrem Bestehen befallen wurde, die Krankheit zum sicheren Tode namens Alter.

Lea erlebte gerade ihren dreiundsechzigsten Frühling und war nach heutigen Maßstäben noch nicht wirklich alt, von den prominenten Methusalems, die zum Personal jeder Talkshow über die neue Langlebigkeit gehörten, war sie noch weit entfernt. Aber auch heute noch gab es zahllose Menschen, die trotz Fitness, Wellness und High-Tech-Medizin nicht sehr viel älter wurden, als Lea jetzt war. Zählte man zehn Jahre hinzu, war das Massaker bereits in vollem Gange.

Vor kurzem hatte ein ehemaliger Mitschüler Lea nach Jahrzehnten ausfindig gemacht. Er lebte immer noch in der ländlichen Kleinstadt, aus der sie beide stammten, und wusste, dass von den vierundvierzig Sieben- bis Achtjährigen, die auf einem historischen Klassenfoto zu sehen waren, kleine Nachkriegsjungen und -mädchen mit Strickstrümpfen und hungrigen Gesichtern, inzwischen bereits acht oder neun tot waren. An die meisten von ihnen erinnerte Lea sich noch. An die knochige Adelheid mit den großen Zähnen, die als Einzige in der Klasse eine Brille trug und inzwischen an Unterleibskrebs gestorben war, an den schmächtigen Eberhard, den Klassenclown, der schon vor mehreren Jahren einen Asthmaanfall nicht überlebt hatte. Auch Josi war inzwischen tot, das kleinste und dünnste Mädchen der Klasse, das immer mit einer gebügelten Schürze in die Schule gekommen war und Lea manchmal zu sich nach Hause mitgenommen hatte. Je länger Lea in die Gesichter der Kinder sah, mit denen sie einst die verschrammten, von Tintenflecken verschmierten Schulbänke gedrückt hatte, desto mehr kamen die inzwischen Verstorbenen ihr vor wie tote Geschwister. In jedem von ihnen erkannte sie sich selbst.

Von den Freunden aus ihren Erwachsenenjahren war als Erster Dinesh gegangen. Sie erinnerte sich genau daran, wie sie ihn kennengelernt hatte. Es war auf einem Wohngemeinschaftsfest, und zwischen den lauten Gästen aus dem linken politischen Spektrum schwebte im Nebel des Zigarettenrauchs eine exotische, schneeweiß gekleidete männliche Gestalt mit bronzefarbener Haut und schwarzseidenem Haar, die aus einer damals noch sehr fernen, unbekannten Welt stammte, jenem Indien, das gerade erst von den westdeutschen Rucksacktouristen entdeckt wurde. Später hatte sie selbst mit Dinesh und seiner deutschen Freundin in einer Wohngemeinschaft zusammengewohnt. Er war Nichttrinker, Nichtraucher, Vegetarier, ein Mensch von asiatischer Gelassenheit, der innerhalb weniger Monate an einer aggressiven Autoimmunerkrankung gestorben war, die mit einem Pickel am Oberschenkel begonnen hatte. Er war nicht einmal sechzig Jahre alt geworden.

Vor kurzem war Lea in einer Zeitschrift auf das Foto einer Kultautorin der damaligen Zeit gestoßen. Sie hatte sie einmal auf einem Friedenstribunal kennengelernt. Toll, dass du auch schreibst, hatte sie zu Lea gesagt, als sie in der Mittagspause einander an einem Tisch gegenübersaßen und Spargel aßen. Lea hatte gerade ihr erstes Buch veröffentlicht und war erglüht vor Glück, die Göttin der damaligen Literatur hatte sie in ihren Olymp geholt, und gleichzeitig hatte sie sich gefühlt wie im Blick einer Boa constrictor, während die berühmte Autorin sie über den Tisch hinweg mit ihren kristallblauen Augen anblitzte und sich die aufgespießten Spargelstangen eine nach der anderen in ihre kolossale Mundöffnung schob. Nach dem Tribunal war sie auf ihr Motorrad gestiegen und davongebraust, ein Feuervogel, eine Himmelsstürmerin in einer prall gefüllten schwarzen Lederkluft, mit einem wilden, rot flammenden Haarbusch. Etwa fünfundzwanzig Jahre später war sie tot, sie war nur achtundfünfzig Jahre alt geworden. Das Foto in der Zeitschrift zeigte eine Sterbende. Den Rest eines Menschen, eine gewichtlos gewordene, an einen Baumstamm gelehnte Gestalt, die Zuflucht, Rettung bei diesem Baum zu suchen, in ihn hineinkriechen zu wollen schien, ein Körper, der bereits ins Formlose überzugehen begann.

Das Leben ist so kurz … das Leben vergeht so schnell … wie formelhaft und nichtssagend hatten diese Klagen alter Menschen einst in Leas jungen Ohren geklungen. Nun verstand sie zum ersten Mal, was gemeint war. Sie war noch gar nicht dazu gekommen, sich zu orientieren, zu begreifen, wo sie überhaupt war, sie fühlte sich noch am Anfang, und schon hatte das Ende ihr einen ersten Gongschlag gesandt. Alles, ihr ganzes Leben erschien ihr unwirklich, aber nichts so unwirklich wie das Alter, vor dem sie jetzt stand. Es kam ihr vor wie ein Spuk, ein böser Traum, aus dem sie jeden Augenblick erwachen musste.

Der aus dem Dunkel der Vergangenheit aufgetauchte Mitschüler hatte ihr auch ein aktuelles Foto von sich geschickt. Lea erschrak, als sie es sah. War seit damals mit ihr dasselbe passiert wie mit diesem Mann? Im Vergleich mit dem schmächtigen, scheu lächelnden Jungen mit der Haarklemme in den brav zurechtgekämmten Locken, den das Klassenfoto zeigte, wirkte der Dreiundsechzigjährige monströs. Er war nicht dick, aber in seiner Gestalt, so schien es, hätten zehn Jungen von damals Platz gehabt. Wie viel Körper, wie viel Fleisch der Mensch doch anhäufte im Lauf seines Lebens! Neben dem einst so zarten Kindergesicht wirkte das des gealterten Mannes erschreckend plump und anmutlos, es war schlicht ein anderes, dem einstigen Jungen vollkommen unähnliches Gesicht. Als wäre die Person irgendwann im Lauf der Jahre heimlich ausgetauscht worden. Und auch sie selbst war eine Ausgetauschte, es gab keinerlei Ähnlichkeit zwischen ihr und dem Kind auf dem Klassenfoto, dem mageren Mädchen mit der viel zu hohen Stirn und den dünnen, weißblonden Zöpfen, das eine dunkle Trikotjacke trug und dessen sonniges Lächeln eine Lücke in den Vorderzähnen entblößte. So sonnig hatte Lea sich nicht in Erinnerung. War ihre Nachkriegskindheit nicht trüb, grausam und armselig gewesen? Hatte sie die Schule nicht gehasst und sich jeden Tag vor ihr gefürchtet? Wer war dieses frohgemute kleine Mädchen? Und was hätte dieses Mädchen in der Frau gesehen, die sie heute war? Zweifellos irgendeine fremde, steinalte, unbegreifliche Greisin.

So also begann es, dachte sie. Es kam nicht nach und nach, wie man sich das vorstellte, ein langsamer Prozess von Jahren, sondern ganz plötzlich, ein Ruck, ein Riss, nachts, während man schlief. Und wenn man aufwachte, war man alt geworden, ohne zu begreifen, was einem geschehen war. Sie musste an ihren Vater denken, der schon seit langem tot war. Die Zeit schien immer mehrere Jahre in seinem Körper stillgestanden zu haben, er sah jedes Mal gleich aus, wenn Lea ihn besuchte, einen Sommer lang, einen zweiten und auch einen dritten, aber dann machte die Zeit in ihm einen Sprung, und plötzlich, wenn Lea ihn nach ein paar Wochen wieder sah, war er um Jahre gealtert. Nun hatte die Zeit auch in ihr einen Sprung gemacht, nicht den ersten natürlich, das ganze Leben bestand aus solchen Sprüngen, aber dieser war ein qualitativ anderer als die bisherigen, er hatte in eine andere Dimension geführt, ähnlich vielleicht wie sonst nur in der Kindheit und Pubertät mit ihren jähen, einschneidenden Entwicklungssprüngen. Kreise begannen sich zu schließen. Hatte Lea sich bisher mit der lateinischen Bedeutung ihres Namens identifiziert, mit der Löwin, so war sie jetzt in seiner hebräischen Bedeutung angekommen, jetzt war sie Le’ah, die Ermüdete.

Zum ersten Mal war sie schon vor zwei oder drei Jahren mit dem Alter konfrontiert worden. Sie hatte während einer Fahrt durch Mecklenburg an einer Tankstelle gehalten, um sich ein defektes Rücklicht auswechseln zu lassen. Weil es draußen stürmte und regnete und die menschenleere Tankstelle auf offener Strecke lag, hatte sie sich vor dem Aussteigen ein Kopftuch umgebunden. Nachdem der alte, ausgedorrte Tankwart, der Lea an die Figur eines Grass’schen Kaschuben erinnerte, nach langem Kramen im Haifischmagen seiner Werkstatt das benötigte neue Rücklicht schließlich gefunden und mit unerwarteter Routine eingesetzt hatte, sagte er liebevoll: So, das hätten wir auch wieder, Muttchen. Lea hatte bezahlt und war weitergefahren, mehr belustigt als schockiert. Der alte Mann hatte es gut mit ihr gemeint, sie quasi in sein Dorf eingemeindet. Eine hübsche Anekdote, aber das »Muttchen« ließ sie trotzdem nicht mehr los. Sah sie wirklich schon aus wie eine alte Frau? Sahen auch die andern, was sie selbst schon seit einigen Jahren im Spiegel sah, aber immer für ein seltsames Trugbild hielt?

Bald darauf begleitete sie ihre russische Freundin Dina mit ihren zwei kleinen Söhnen, die eine Kombinationsimpfung bekommen sollten, zum Kinderarzt. Als die junge Sprechstundenhilfe sie erblickte, meinte sie fröhlich: Oh, das ist ja schön, heute mit der Oma da!

Hatte Lea das »Muttchen« des Tankwarts noch auf das Konto mecklenburgischer Volkssprache schreiben können, in der vielleicht alle Frauen mit Kopftuch Muttchen genannt wurden, so war die »Oma« der Berliner Arzthelferin eine eindeutige Botschaft, die sie höchstens auf die Wahrnehmung einer noch sehr jungen Frau schieben konnte, für die alle Menschen über vierzig Omas und Opas waren, wie einst, in jungen Jahren, auch für sie selbst. Schon eine Frau über vierzig war damals in ihren Augen ein abgeblühtes, geschlechtsloses Wesen, eine Dreiundsechzigjährige war schon so gut wie tot, sie gehörte gar nicht mehr zur Menschheit.

Bei Simone de Beauvoir las sie: »Ich bin vierzig Jahre alt. Als ich mich von diesem Staunen erholt hatte, war ich fünfzig. Die Betroffenheit, die mich damals befiel, hat sich nicht mehr gegeben … Eine nach der anderen werden die Bindungen brüchig werden, die mich auf der Erde zurückhalten, eine nach der anderen werden sie zerreißen … Die ganze Musik, die ganze Malerei, die ganze Kultur, so viele Bindungen: plötzlich bleibt nichts mehr …«

Lea erinnerte sich an die Wehmut, die sie einst, sie war etwa vierzig gewesen, plötzlich befallen hatte, als ihr bewusst wurde, dass sie zu den wenigen Menschen der Weltgeschichte gehörte, in deren Lebenszeit eine Jahrtausendwende fiel. Nur würde sie dann, falls überhaupt noch am Leben, bereits fünfundfünfzig Jahre alt sein, und selbst damals, als Vierzigjährige, hatte sie noch geglaubt, einem Menschen, der über fünfzig war, bedeute die Welt nichts mehr, er befände sich bereits in einem Reich grauer Teilnahmslosigkeit, im Vorzimmer des Todes. Inzwischen war die Schwelle längst überschritten, sie war längst in diesem Vorzimmer angekommen, aber es hatte sich nichts verändert an ihrer Lebendigkeit und Schmerzempfindlichkeit. Verändert hatte sich etwas ganz anderes.

Alles Mögliche hatte sie sich vorgestellt, wenn sie früher ans Alter dachte, aber das hatte sie nicht geahnt. Dass es ein Prozess zunehmender Selbstentfremdung war. Dass Körper und Seele anfingen, getrennte Wege zu gehen, dass äußere und innere Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassten. Innerlich war Lea noch ein Teenager, eine Lebensanfängerin, die sich noch gar nicht orientiert hatte in der Welt, die noch gar nicht begriffen hatte, wo sie sich eigentlich befand, aber aus dem Spiegel starrte sie eine fremde alte Frau an, eine Frau, deren Lebensfaden schon brüchig geworden war und deren Kopf der schwarze Gedanke auszufüllen begann, dass sie gehen musste, bevor sie angekommen war, bevor sie in ihre eigene Haut hineingefunden hatte. Fühlte nur sie das, oder ging es allen so? Starben alle Menschen zu früh, weil kein Leben reichte, um in ihm anzukommen, weil es kein fertiges, abgeschlossenes Leben gab, weil jedes Leben auf der Strecke endete?

Früher hatte Lea alte Menschen manchmal beneidet. Ihr schien, sie hätten ihr Soll an Jahren erfüllt, ihr Leben zu Ende gelebt, ohne unterwegs zu verunglücken. Auf wundersame Weise war es ihnen gelungen, nicht unterzugehen, das Leben zu überleben. Sie hatten in Leas Vorstellung die Lebensnorm erfüllt, ihre Pflicht getan und sich die Freiheit der Kür erworben. Sie mussten nicht mehr funktionieren, nichts mehr beweisen, sie waren entlassen aus dem Leistungsprinzip der Welt, in die Freiheit. Und vor allem, so hatte Lea geglaubt, waren sie entlassen aus der Todesangst. Sie hatte geglaubt, die Todesangst sei ein Schutzmechanismus des jungen Körpers, ein Überfluss an Energie, in der alternden Physis würde die Angst auf natürliche Art versiegen, ermüden wie die Physis selbst, zumindest würde sich ein gnädiger Nebel über das Grauen legen, bis sich schließlich ein stilles, friedliches Einverständnis mit dem Unabwendbaren einstellen würde.

Von diesem Einverständnis fühlte Lea sich jetzt weiter entfernt denn je. Dabei fürchtete sie, wie wahrscheinlich die meisten Menschen, gar nicht den Tod. »Ach, könnte ich tot sein, ohne sterben zu müssen«, hatte Milena Jesenská vor ihrem Tod im KZ Ravensbrück gesagt. Genau das traf den Kern. Der Tod war Lea im Grunde egal, ihn würde sie nicht erleben. Es ging um den Übergang, den Schnitt, den Riss, der ihr bei lebendigem Leib bevorstand. War es für einen Menschen schon eine Katastrophe, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, was bedeutete es dann, seinen gesamten Körper zu verlieren? Früher hatte sie die Alten beneidet, jetzt beneidete sie immer öfter die Toten, weil sie das Sterben schon hinter sich hatten.

Noch nie vorher hatte sie eine so animalische Furcht empfunden. Seit dem unheimlichen Verlust an Lebenskraft verstand sie nicht mehr, warum die Welt nicht voll war von alten Menschen, die schreiend vor Angst durch die Straßen rannten. Wie konnte man es aushalten in so unmittelbarer zeitlicher Nähe zu seinem Ende? Ihr war, als würde sie immerzu mit einem schwarzen Sack über dem Kopf zum Galgen geführt. Die Panik war ihr unentwegt auf den Fersen, überfiel sie auf der Straße, im Supermarkt, riss sie nachts aus dem Schlaf. Der Tod war nicht mehr ein Ereignis, das irgendwann in ferner, noch unsichtbarer Zeit eintreten würde, sie hatte angefangen, in Tagen zu rechnen, in Stunden, in Minuten. Erlebte sie einmal einen schönen Moment, fiel ihr sofort ein, dass auch dieser Moment eine Bewegung auf den Tod hin war. Wünschte sie sich, etwas schon hinter sich zu haben, zum Beispiel einen Zahnarzttermin, kam ihr sogleich in den Sinn, dass die Zeit, die sie dem Ende des kleinen Übels näher brachte, dieselbe war, die sie dem großen und letzten Übel entgegenstieß.

Der Tod ist der Tod des Todes, sagte man, aber sie fragte sich, ob das stimmte. Wenn jede Geburt einen neuen Tod hervorbrachte, musste es dann nicht zwangsläufig so sein, dass auch jeder Tod ein neues Leben hervorbrachte? Gingen wir in beiden Fällen, im Geborenwerden und im Sterben, durch dieselbe Tür, nur in jeweils umgekehrter Richtung? Wurden wir im Augenblick unseres Endes sofort in einen neuen Anfang gestoßen, in ein neues Leben und damit in eine neue Todesfalle, und das immer wieder? Das Leben als Todesfalle in Ewigkeit?

Er ist in die Ewigkeit eingegangen, hieß es von jemandem, der gestorben war. Aber das war ein falscher Gedanke. Der Verstorbene hatte bereits in der Ewigkeit gelebt. Wir werden in der Ewigkeit geboren und sterben in der Ewigkeit. Wir putzen unsere Zähne in der Ewigkeit, wir telefonieren in der Ewigkeit, die Autos auf den Straßen fahren durch die Ewigkeit, unsere Uhren ticken in der Ewigkeit.

Mehr denn je kreisten Leas Gedanken um Fragen, auf die es keine Antwort gab, mehr denn je haderte sie mit dem, was man Gott nannte. Was war das für ein Leben, das schon im Augenblick seiner Entstehung den Tod hervorbrachte? Wenn es einen Schöpfer gab, wer war er dann? Warum hatte er eine sterbliche Kreatur erschaffen und ihr gleichzeitig die Todesangst eingepflanzt? Ein Lebewesen, das als Sterbewesen geboren wurde, das sein ganzes Leben in dem unauflöslichen Widerspruch zwischen Vergänglichkeit und Selbsterhaltungstrieb gefangen war. Männer und Frauen schliefen miteinander, zeugten Kinder, aber mit jedem neuen Menschen kam auch ein neuer Tod in die Welt, die Menschen zeugten unentwegt den Tod. Wäre es nicht besser gewesen, es würde so ein Leben gar nicht geben?

Die üblichen Argumente gegen ein ewiges Leben hatten Lea noch nie überzeugt. Warum war Gottes Idee von der Schöpfung so wie sie war? Warum hatte er den Menschen nicht als Wesen erschaffen, das keines Leids bedurfte, um Glück erfahren zu können, das nicht auf Endlichkeit angewiesen war, um keine Langeweile zu empfinden? Und wenn schon Endlichkeit, warum dann die Angst, diese naturgegebene Angst vor dem Tod? Oder waren das alles die falschen Fragen, weil gar keine Idee existierte, weil es keine bewusste Kraft war, die unser Leben bewegte, sondern ein blinder, gleichgültiger Mechanismus?

All diese bekannten, fruchtlosen Gedanken wälzten sich schon seit langer Zeit durch Leas Kopf, jetzt begannen sie, sie in den Wahnsinn zu treiben. Es war, als sei sie an einer Todespsychose erkrankt, an einer Tanataphobie. Manchmal schien ihr, als befände sie sich bereits hinter dem Leben, hinter sich selbst. Nein, sie war nicht die, welche noch gar nicht angekommen war, nicht die Ungeborene, im Gegenteil, sie hatte bereits alles gelebt, was sie zu leben gehabt hatte, sie hatte alles ausgeschöpft, ausgeliebt, ausgelitten, sie hatte sich selbst überlebt, ein Zombie, ein posthumes Wesen in einer posthumen Existenz. Sie sah sich auf der Bühne eines Theaters. Das Stück war zu Ende gespielt, das Publikum längst gegangen, aber aus irgendeinem Grund stand sie immer noch auf der Bühne, angestrahlt von einem gespenstischen, toten Licht. Auch sie selbst war bereits tot, sie wusste es nur nicht. Sie lag schon so lange reglos auf dem Sofa, dass sie ihren Körper nicht mehr fühlte, sie war bereits ausgetreten aus ihm, sie befand sich bereits im Stofflosen, vor dem Eingang ins Mysterium. Gleich, im nächsten Augenblick würde sie aus dem Hier ins Dort kippen. Gleich würde etwas aufreißen in ihrem Gehirn, zerplatzen, und in einem gigantischen epiphanischen Blitzlicht würde sich ihr das Rätsel von Leben und Tod erschließen.

In dem Bezirk, in dem Lea wohnte, gehörte sie in ihrem fortgeschrittenen Alter zu einer verschwindenden Minderheit. Als sie nach dem Mauerfall in die Stadt gekommen war, war der Ort noch ein völlig anderer gewesen. Damals hatte hier noch die Freiheit der Wildnis geherrscht. Sie war mit Viktor gekommen, die Stadt sollte sie anstecken mit ihrem Aufbruch, mit ihrem Neubeginn, mit ihren offenen Möglichkeiten, sie sollte retten, was nicht mehr zu retten war. Nichts mehr war zu retten gewesen. Nicht die Liebe und nicht die Stadt. Inzwischen lebte Lea längst allein, eine anachronistische, sich selbst fremde Gestalt in einer Welt junger Menschen. Die Gegend hatte sich im Lauf der Jahre in eine Art multikulturelles Disneyland verwandelt. Obwohl sich in den Straßen Sprachen aus allen Teilen der Welt mischten, entstand der Eindruck, dass alle, die sich hier tummelten, eine Einheitssprache sprachen, eine neue Weltsprache der Jugend, der Liberalität, der grenzenlosen Toleranz und guten Laune. Einmal hatte Lea sich mit einem jungen kirgisischen Journalisten unterhalten, der fünf Sprachen sprach, Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Kirgisisch, aber keine einzige ohne Akzent. Ein Mensch, der in keiner einzigen Sprache mehr zu Hause war, nicht einmal mehr in seiner Muttersprache.

Was Leas Umgebung vollkommen fehlte, war Vergangenheit. Im Gegensatz zu den gewachsenen westlichen Stadtteilen war hier alles neu. Die Menschen, die Häuser, die Kneipen, die Läden, sogar der Asphalt der Straßen, die ständig aufgerissen, zugemacht und wieder aufgerissen wurden. Nichts hielt sich hier lange, alles war kurzlebig, in ständigem Wechsel begriffen, immer in Bewegung, eine Welt der Flüchtigkeiten und Fluktuationen, der ständigen Untergänge und Neuanfänge, der rasant zunehmenden Gentrifizierung. Alles wurde immer schicker, immer teurer, die heißbegehrten Wohnungen konnten sich zumeist nur noch Leute der oberen Einkommensschichten leisten. Es gab noch ein paar billige alte Kneipen, in denen man für fünf Euro essen konnte, in den neuen Gourmetrestaurants kostete es das Zehnfache und mehr. An die DDR erinnerte nur noch ein letztes unsaniertes Haus, das rußgeschwärzt und wie verwüstet von steinfressenden Heuschreckenschwärmen in der Nachbarstraße stand und, obwohl nach wie vor bewohnt, ein Denkmal sozialistischen Bankrotts geworden war, zum genussvollen Grausen der Touristengruppen, denen die historische Wohnruine auf Stadtrundfahrten vorgeführt wurde.

Inzwischen war es Sommer geworden. Lea lebte immer noch, und zeitweise gewöhnte sie sich wieder an diese Tatsache. Der Schock war zunehmend einem Gefühl von Selbstentfremdung und Unwirklichkeit gewichen. Eines hatte sie endgültig verstanden: dass die Vorschüsse der Jugend verbraucht waren, dass es jetzt an die Substanz ging. Sie würde jetzt nicht mehr automatisch fit und gesund bleiben, sie musste etwas dafür tun. Den größten Teil ihres Lebens hatte sie in einem Zimmer gesessen, Bücher geschrieben und geraucht. Mit dem Rauchen hatte sie schon mit sechzehn angefangen und erst vor etwa fünf Jahren ihre letzte Zigarette ausgedrückt. Bis dahin, so hatte sie einmal nachgerechnet, hatte sie sich, in Zigarettenlängen gemessen, von ihrer Berliner Wohnung bis an die Alte Oder bei Wriezen geraucht, eine Strecke von etwa achtundfünfzig Kilometern auf der Landstraße. Erst als sie mit einer akuten Bronchitis am Bettrand saß und nach Luft japste wie ein verendender Fisch, den eine Welle an Land gespült und nicht wieder mitgenommen hatte, war sie von ihrer Sucht geheilt. Sie hatte ihrer Lunge geschworen, sie nie wieder mit Zigarettenrauch zu traktieren, wenn sie noch einmal mit dem Leben davonkam, es war höchste Zeit für diesen Schwur gewesen. Die für Raucher typische Bronchitis, die sogenannte COPD, befand sich bei ihr zwar noch in einem zarten Anfangsstadium, aber sie war nicht heilbar, man konnte das Fortschreiten der Krankheit bestenfalls verzögern, die statistische Lebenserwartung war um fünf bis sieben Jahre verkürzt. Manchmal, besonders im Liegen, begann ihre Lunge zu pfeifen, zu knarren, manchmal begann sie plötzlich zu singen, mit den hübschen, melodischen Tönen einer leise wimmernden chinesischen Ziehharmonika, eine seltsame, beunruhigende Sangeslust für eine Lunge.

Lea überwand ihre eingefleischte Abneigung gegen Sport, kaufte sich Walkingstöcke, ihre Ärztin hatte ihr dazu geraten, und machte so oft wie möglich Nordic Walking im nahen Thälmannpark, der eigentlich kein Park war, sondern eine Plattenbausiedlung mit größeren und kleineren Grünflächen. Es gab schönere Parks in der Stadt, aber dieser war der einzige, den sie zu Fuß erreichen konnte. Der Weg dorthin war von kleinen Läden und familiären Kneipen gesäumt. Tag und Nacht brodelte hier das Leben, ein Dorf, das nie schlief. Eine Gestalt kam Lea entgegen, die zum alltäglichen Straßenbild gehörte. Ein Wesen undefinierbaren Alters und vermutlich männlichen Geschlechts, halb Dandy, halb Stadtindianer, bei jedem Wetter in einen langen, wallenden Mantel gehüllt, in der Hand einen eleganten Spazierstock, die Füße in zierlichen Stiefeletten. Auf seinem Kopf schwebte ein Kunstwerk aus bunten Tüchern, ein ganzer Stoffladen, der Kopfschmuck einer ausgeflippten Diva oder eines geheimnisvollen Wüstenprinzen. Oft hörte man ihn etwas murmeln, kehlige, keltisch anmutende Laute ausstoßen, die nach Verwünschungen klangen und nicht unbedingt den Wunsch weckten, ihm im Mondschein zu begegnen. Man konnte beobachten, wie der Tücherberg auf seinem Kopf stetig zunahm, wie der Träger allmählich zu einem wandelnden Pilz mit wachsender Kappe und immer dünner werdendem Stiel mutierte. Je größer die Last auf seinem Kopf wurde, desto kleiner wurde er selbst. Er fügte, so schien es, der Welt in Form von Stoff immer genauso viel an Materie hinzu, wie er selbst an Substanz verlor, bis er schließlich ganz in seinen Kopfschmuck übergegangen sein würde, bis von ihm nichts mehr übrig sein würde als ein Haufen bunter, herrenloser Lumpen.

Vor der Tür eines afrikanischen Shops, der nicht viel größer war als der Innenraum eines Schranks, vollgestopft mit Masken, Matten, geschnitzten Kleinmöbeln, hockten zwei junge Schwarze mit staubigen Rastalocken und rauchten selbstgedrehte Zigaretten, vor ihnen auf dem Trottoir eine kleine Trommel, die sie als Tisch für zwei Kaffeetassen und eine Tüte Zucker benutzten. So saßen sie immer hier, im Schatten eines Ahornbaums, rauchend, schweigend, schauend, wie in einem Dorf im Busch. Eine Lea in europäischen Breitengraden ganz und gar unbekannte Sanftmut ging von ihnen aus, ein scheinbar unerschütterliches, zutiefst körperliches Ruhen in sich selbst.

Am Eingang zum Park stand das Zeiss-Planetarium, eine riesige, in der Sonne gleißende Silberkugel, die in ihrer Geschlossenheit an eine indische Dagoba erinnerte oder an einen Atommeiler. Einmal, vor langer Zeit, war Lea in diesem Planetarium gewesen, in einer dunklen, eiskalten Dezembernacht kurz nach dem Mauerfall. Das Programm des Abends, das »Sternenwelten« oder ähnlich hieß, stammte noch aus DDR-Produktion. Die Vorstellung begann mit dem Sonnenuntergang über dem stillen, vom westlichen Kommerz noch unberührten Alexanderplatz, nach und nach leuchteten in der gigantischen schwarzen Planetariumskuppel die ersten Sterne aus dem Sternfeldprojektor auf. Zu feierlichen Klängen von Johann Sebastian Bach wurden die Besucher auf eine Weltreise über den Sternenhimmel mitgenommen, vom kleinen Wagen über der Lausitz ging es durch riesige Sternenhaufen, galaktische Nebel und Feuerschweife stürzender Kometen bis zum Kreuz des Südens über dem nächtlichen Papua-Neuguinea. Auch das sowjetische Raumschiff fehlte nicht, das plötzlich irgendwo zwischen Andromeda und Pegasus wie eine absurde Wunderkerze durchs Universum schoss, begleitet von einem pathetischen Kommentar über den technischen Fortschritt und den sozialistischen Menschen als Eroberer des Alls. Als das Licht in der Kuppel wieder anging, stellte sich heraus, dass die Veranstaltung noch nicht zu Ende war. Ein unscheinbarer grauhaariger Mann trat vor das kleine, in wenigen Sitzreihen zusammengedrängte Publikum und begann eine Art Unterricht in Sternenkunde abzuhalten. Offenbar hatte es in der DDR das Vergnügen nicht umsonst gegeben, es musste mit dem Lehrreichen und Bildenden verbunden werden. Die Besucher, in denen unschwer Ostdeutsche zu erkennen waren, hörten brav und interessiert zu. Lea hatte keine Lust auf nachgetragene Theorie, sie wollte aufstehen und gehen, aber plötzlich war sie wie gelähmt von dem Gefühl, es nicht zu dürfen. Sie befand sich in der Zeit vor dem Mauerfall in Ostberlin, sie war gefangen auf einer Parteischulung, die zu verlassen eine politische Provokation, ein staatsfeindlicher Akt mit schwerwiegenden Folgen für sie gewesen wäre. Unter dem Bann dieser gespenstischen Vorstellung konnte sie sich nicht von ihrem Sitz lösen, wider besseres Wissen blieb sie sitzen und harrte mit den anderen aus bis zum Schluss.

Seit diesem Tag verfolgte Lea die Frage, wer sie im anderen Deutschland, in einer Diktatur gewesen wäre. Wäre sie, wenn es nötig gewesen wäre, aufgestanden und gegangen, oder hätte sie sich genauso verhalten wie damals im Planetarium? Beruhten ihre Rebellionen nur darauf, dass sie ihr erlaubt waren, dass sie in einem Staat lebte, in dem der Protest zum System gehörte? Hätte sie sich sofort angepasst, wenn es darauf angekommen wäre, und hatte sie einfach nur Glück gehabt, dass es in ihrem Leben nie darauf angekommen war?

Sie erinnerte sich an die kaum beleuchtete, in Blitzeis erstarrte Nacht, die sie damals nach dem Verlassen des Planetariums draußen empfangen hatte. Jetzt lagen hinter dem Gebäude junge Leute auf der Wiese und sonnten sich, andere spielten Frisbee, ein drolliger junger Hund jagte unermüdlich Stöckchen hinterher, die ihm ein Mädchen mit staksigen Beinen warf. Ein paar Spatzen, die mit ihren kleinen Schnäbeln am Rest einer Pizza rissen, erinnerten Lea an das, was Dina ihr einmal erzählt hatte. Als Schülerin in der Sowjetunion hatte sie gelernt, dass Zugvögel schlechte Vögel waren, Vaterlandsverräter, die jeden Winter ins feindliche Ausland flogen, zum Klassenfeind. Echte russische Vögel waren die einfachen, bodenständigen Spatzen, vorbildliche Patrioten, die ihre Heimat auch in Notzeiten nie verließen. Die deutschen Spatzen flogen zwar auch nicht ins Ausland, aber sie waren keine Patrioten. Sie fraßen Pizza, Döner und weiß der Himmel was aus aller Herren Länder, die deutschen Spatzen waren vaterlandslose Gesellen, gesinnungslose, dekadente Weltbürger.